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Full text of "Germania"

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GEKMANIA. 


VIERTELJAHRSSCHRIFT 


FÜR 


DEUTSCHE  ALTERTHUMSKUNDE. 

BEGRÜNDET  VON  FRANZ   PFEIFFER. 
FORTGESETZT  VON  KARL  BARTSCH. 

JETZT  HERAUSGEGEBEN 
VON 

OTTO  BEHAGHEL. 


DREIUNDDREISSIGSTER  JAHRGANG. 
NEUE^REIHE  EINUNDZWANZIGSTER  JAHRGANG. 


WIEN. 

VERLAG  VON  CARL  GEROLDS  SOHN. 

1888. 


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INHALT. 


Seite 

Zur  mythologischen  Methodik,    Von  L.  Beer 1 

Der  nordische  Tristanroman   und  die  ästhetische  Würdigung  Gottfrieds  von  Straß- 
burg.   Von  G.  Glöde 17  !^ 

Eine  deutsche  Übersetzung  von  Ciceros  Cato  aus  der  Humanistenzeit.  Von  K.  Hart- 

felder .  27 

Zu  Keinolt  von  Montelban.    Von  F.  Pf  äff 31 

Die  Handschriften  des  Eeinolt  von  Montelban.  II.    Von  Demselben 34 

Zu  Germania  XXXII,  97.    Von  G.  Ehrismann 45 

Pfaffe  Amis  1—72.    Von  E.  Einert 46 

Beiträge  zur  Geschichte  der  Minnesinger.  III.    Von  F.  Grimme 47 

1.  Brunwart  von  Augheim - 47 

2.  Bruno  von  Hornberg 48 

3.  Walter  von  Breisach 50 

4.  Der  schuolmeister  von  Enzelingen 61 

5.  Goldener 52 

6.  Pfeffel 53 

7.  Der  von  Sachsendorf 53 

8.  Hardegger 55 

9.  Meister  Heinrich  Teschler 56 

Rätsel.    Von  K.  Bartsch       57 

Zu  Iwein  v.  553  ff.    Von  F.  Grimme 58  *— ^ 

Erinnerungen  an  Karl  Bartsch.    Von  K.  J.  Schröer 59 

Karl  Bartsch  f  19.  Februar  1888.    Von  R.  Bechstein 65 

Verzeichniß  der  selbständig  erschienenen  germanistischen  Schriften  Karl  Bartschs. 

Von  G.  Ehrismann 94 

Karl  Bartsch  als  Romanist.    Von  Fr.  Neumann 98 

Johann  von  Soest,  'Dy  gemein  Bicht'.    Von  K.  v.  Bah  der 129 

Zu  Steinmar.    Von  Beruh.  Wyss 158 

Handschrift  1590  der  Leipziger  Univeristätsbibliothek.    Von  K.  Eulin g     .    .    .    .  159 

Die  Nachbildung  der  Manesse'schen  Handschrift  in  Heidelberg 173 

Narrengesellschaften.    Von  Felix  Liebrecht 175 

Seewasser  in  Tempeln.    Von  Demselben 177 

Ein  Volksvers.    Von  Demselben 179 

Zur  Alexiuslegende.    Von  Max  Friedr.  Blau 181 

Zu  Reinke  de  Vos.    Von  R.  Sprenger 220 

Märchen  aus  Lothringen.    Von  F.  Peters 224 

1.  Drei  Sprüche 224 

2.  „Der  Weihnachtsbub" .  226 

Bericht  über  die  Verbandlungen  der  deutsch-romanischen  Section    auf  der  XXXIX. 

Versammlung  deutscher  Philologen  und  Schulmänner  zu  Zürich 231 

Einundzwanzig  Fabeln,  Schwanke  und  Erzählungen    des  XV.  Jahrhunderts.    Von 

J.  Baechtold 257 

1.  Fuchs,  Wolf  und  Eimer.  S.  258.  —  2.  Falke  und  Eule.  S.  269.  —  3.  Schüler 
und  Bauer,  S.  260.  —  4.  Ein  böses  Weib  scheidet  eine  Ehe.  S.  261.  — 
5.  Respice  finem.  S.  262.  —  6.  Von  Buhlschaft  und  treuer  Liebe.  —  7.  Von 
einem  Sohn,  der  dem  Vater  die  Nase  abbeißt.  S.  264.  —  8.  Der  Wolf  als 
Fischer,  S.  265.  —  9.  Die  listige  Frau.  S.  267,  —  10,  Die  Katze  als  Nonne, 
S.  269.  —  11.  St.  Petrus  und  der  Holzhacker.  S.  270.  —  12.  Der  Pfaff 
im  Käskorb.  S.  271.  —  13.  Von  Frauenlist.  S.  273.  —  14.  Von  zwei 
Bettlern.  S.  274.  —  15.  Wolf  und  Geige.  S.  275.  —  16.  Der  dankbare 
Lindwurm.  S.  276.  —  17.  Der  beichtende  Schüler.  S.  279.  —  18.  Die  ge- 
stohlene Monstranz.  S.  280.  —  19.  Von  einem  häßlichen  Pfaffen,  S.  281. 
—  20.  Von  einer  Büßerin.  S.  281.  —  21,  Göttliche  Strafe,  S.  282. 


Seite 

Ein  Tagelied.    Von  J.  J.  Baebler 283 

Altdeutsche  Glossen  aus  Innsbruck.    Von  Adalbert  Jeitteles 287 

Zur  Legende  der  heil.  Kumernus  oder  Wilgefortis.    Von  J.  H.  Gall6e 311 

Der  Scheich  im  Nibelungenliede.    Von  Karl  Haas 312 

Mich  wundert,  daß  ich  fröhlich  bin.    Von  Reinhold  Köhler 313 

Märchen  aus  Lothringen.     Von  F.  Peters -  333 

2.  Der  Soldat  und  das  Kind 333 

3.  Das  Gelübde > 337 

Der  verstellte  Narr.    Von  Heinrich  v.  Wlislocki 342 

Die  Reimbrechung   in  Gottfrieds  von  Straßburg  Tristan    und   den  Werken   seiner 

hervorragendsten  Schüler.    Von  O.  Gl  öde 357 

Zum  Seifrid  Helbling.    Von  Gustav  Ehrismann 370 

Zu  Reinke  de  Vos.    Von  Ed.  Damköhler 379 

Der  Minnesänger  Albrecht  von  Johansdorf.    Von  J.  Horuoff,  (Schluß  folgt.).    .  385 

Ä.  Person  des  Dichters 385 

B.  Lieder 392 

I.  Überlieferung 392 

II.  Echtheit 396 

III.  Rhythmik  und  Metrik 398 

IV.  Sprache 428 

Die  Bezeichnungen   her   und  meister  in  der  Pariser  Handschrift    der  Minnesinger. 

Von  Fritz  Grimme 437 

Die  Wielaiidsage  und  die  Wanderung  der  fränkischen  Heldensage.  Von  W.  Golther  449 

ader  =  aber.    Von  Ed.  Damköhler 480 

Mittheilungen  aus  der  kön.  Universitätsbibliothek  Tübingen.    Von  K.  Steiff  .    .  481 

Zu  Gerhard  von  Minden.     Von  Ed.  Damköhler 497 

Ein  Brief  an  Albrecht  von  Eyb.    Von  M.  Herrmann    .    . 499 

Erwiderung.     Von  R.  Bechstein 506 

LTTTERATUR. 

Recensioneu     Von  K.  Bartsch 108 

Litteratur-Notizen.    Von  Demselben 116 

Anzeigen.    Von  Demselben 118.  234 

Anzeigen.    Von  A.  Nagele ...  125 

Aus  Zeitschriften.    Von  K.  Bartsch 238 

MISCELLEN. 

Einige  Beiträge  zur  Geschichte  der  Frauen.  (Schluß.)    Von  Felix  Liebrecht      .  243 

Aus  alten  Handachriftenkatalogen 255 

Mittheilungen 256.  384.  508 

Berichtigung 384 

Ein  Scherz  Simrocks  mit  Adalbert  von  Chamisso 508 

Nihelungenfehde 508 


ZUR  MYTHOLOGISCHEN  METHODIK. 


Ich  habe  Band  XIII,  S.  1  fF.  der  „Beiträge  zur  Geschichte  der 
deutschen  Sprache  und  Litteratur"  eine  Untersuchung  der  Orendel- 
sage  augestellt,  welche  sich  zu  der  Behandlung  einer  größeren  Gruppe 
zusammengehöriger  Überlieferungen  gleichen  mythischen  Gehaltes 
gestaltete  und  in  der  Feststellung  eines  pangermanischen,  vielleicht 
sogar  indogermanischen  Jahreszeitenmythus  gipfelte.  Es  sei  gestattet, 
einige  principielle  Bemerkungen  über  diese  und  ähnliche  Unter- 
suchungen nachzutragen. 

Die  Mythologie  als  Wissenschaft  ist  in  unseren  Tagen  in  Miß- 
credit  gerathen,  derart,  daß  ernste  Wissenschaftler  ihr  mit  Verachtung 
den  Rücken  kehren  und  auf  Bestrebungen  in  ihrer  Richtung  den 
spröden  Bescheid  ertheilen:  ich  glaube  überhaupt,  daß  die  meisten 
unserer  Sagen  sehr  späten  Ursprungs  sind!  ein  Bescheid  von  merk- 
würdiger Wissenschaftlichkeit,  da  es  1.  wohl  der  Mühe  verlohnte, 
für  einen  derartigen  Glauben  den  Beweis  anzutreten,  2.  die  wissen- 
schaftliche Bedeutsamkeit  einer  Überlieferung  durchaus  nicht  lediglich 
von  ihrem  Alter  abhängt. 

Im  Übrigen  ist  die  Discreditirung  der  mythologischen  Forschung 
eine  nothwendig  erzeugte.  Als  Jakob  Grimm,  der  Begründer  unserer 
germanistisch  historischen  Wissenschaften,  das  deutsche  Volk  mit 
einer  deutschen  Mythologie  beschenkte,  sah  er  sich  veranlaßt,  in 
Ermangelung  einer  geschlossenen  Qaellenüberlieferung,  wie  sie  die 
Edden  für  den  nordischen  Glauben  zu  bieten  schienen,  eine  Analogien- 
sammluug  aus  allen  erfindlichen  Niederschriften  anzustellen  nach  den 
nämlichen  Principien,  denen  wir  seine  Analogiensammlungen  zur 
Begründung  einer  deutschen  Grammatik  und  einer  deutschen  Rechts- 
alterthumswissenschaft  verdanken.  Dabei  widerfuhren  ihm  vornehmlich 
zwei  Irrthümer:  1.  schwebten  ihm  als  ein  Ideal  religionsgeschichtlicher 
Überlieferung  die  Edden  vor,  die  er,  wie  noch  in  unserer  Zeit  man- 
cher vorzügliche  Forscher,  für  eine  Quelle  erster  Hand  hielt,  und  er 
suchte  ihre  Sagen  und  Göttergestalten  auf  westgermanischem  Boden 
wiederzufinden;  2.  stand  er,  wie  alle  Begründer  der  deutschen  Philo- 
logie, unter  dem  Banne  der  classischen  Alterthumswissenschaften,  faßte 

GEKMANIA.    Neue  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  1 


2  L.  BEER 

also  den  Begriff  Mythologie  in  der  ganzen  Beschränktheit  der  mit 
festgefahrenen  Terminis  hausenden  classischen  Forschung  und  freute 
sich  andererseits,  classische  Vorbilder  auf  germanischem  Boden  wieder 
zu  entdecken.  Damit  begründete  er  die  gefährlichste  Krankheit  dieser 
Wissenschaft:  die  Analogienwirthschaft,  die  frischweg  deutsche  Über- 
lieferungen einerseits  auf  eddische  Muster  ausdeutete  und  andererseits 
mit  ähnlichen  griechischen  und,  später,  vedischen  Traditionen  verglich 
und  nach  ihnen  beurtheilte. 

Aber  mit  diesen  Analogiensammlungen,  welche  in  der  Analogien- 
wirthschaft nur  ins  Kraut  geschossen  sind,  wies  Grimm  den  Weg  zu 
einer  ganz  neuen  Methode,  welche  weit  über  die  von  der  classischen 
Philologie  ausgebildete  hinausging.  Indem  er  einerseits  zum  ersten 
Male  eine  wohlgeordnete  Sammlung  mythischer  Einzelüberlieferungen 
elementarer  Gestalt  bot  unter  Hinweisungen  auf  überraschende  Paral- 
lelen fremder  Mythik,  bahnte  er  den  Weg  zu  der  Begründung  einer 
vergleichenden  Mythenforschung,  welche  Kuhn  zuerst^)  zum  Princip 
erhob.  Indem  er  andererseits  seine  Belege  aus  der  Volksüberlieferung 
schöpfte,  wies  er  den  Weg  zu  der  reinsten  Quelle  mythischer  Beleh- 
rung, zu  dem  Volksleben,  und  wurde  der  eigentliche  Begründer  des 
berühmten  Schwartzischen  Princips,  daß  die  Volksnatur,  die  Mutter 
der  Mythik,  mutatis  mutandis  noch  heute  unter  gleichen  Anlagen, 
Trieben,  Gesetzen  die  Mythenbildung  fortsetzt,  daß  ihr  allein  die 
Gesetze  der  Mythenbildung  abzulauschen,  und  somit  eine  concreto 
Kritik  und  Ausnutzung  der  mythischen  Überlieferungen  aller  Zeiten 
abzugewinnen  ist.  Der  Weg  zu  dieser  Erkenntniß  der  principiellen 
Seite  einer  wissenschaftlichen  Mythologie  ist  nach  diesem  Gelehrten 
die  Analogiensammlung  zunächst  auf  deutschem  Boden,  aber  unter 
Heranziehung  außerdeutscher  Analoga.  Für  letztere  freilich  mangelte 
ihm  die  philologische  Genauigkeit,  und  er  steuerte  mit  vollen  Segeln 
in  die  Analogienwirthschaft  hinein. 

Die  beiden  neuen  Richtungen  combinirte  Mannhardt  in  seinen 
berühmten  germanischen  Mythen,  welche  den,  wenn  auch  mit  noch 
so  vielen  Irrthtimern  versetzten,  so  doch  zum  ersten  Male  umfassen- 
den Beweis  führten,  daß  die  germanische  Mythik  die  Abzweigung 
eines  indogermanischen  Mythenstammes  darstellt.  Aber  wenn  Schwartz 
durch  philologische  Mängel  das  Zutrauen  der  exacten  Gelehrteuwelt 
verscherzte,    so    war   Mannhardt    ein    schwacher   Historiker    und  ein 


*)  Ich   sehe    von  Max  Müller  ab,    der,    abseits  der  deutschen  Forschua;,',    aus 
eigener  Kraft  zu  bedeutsamen  Resultaten  gelaugte. 


ZUR  MYTHOLOGISCHEN  METHODIK.  3 

noch  schwächerer  Psycholog.  Von  jeher  hat  er  ohne  scharfen  histo- 
rischen BHck  unter  jede  Rubrik  alle  möglichen  Überlieferungen  durch- 
einander geworfen  und  nicht  beachtet,  daß  zwischen  dem  Alf  Loki 
und  dem  drückenden  Alb  oder  den  unterirdisch  schmiedenden  Krüp- 
peln eine  große  Spanne  Entvvickelung  lag.  Das  Princip  der  Entwicke- 
lung  fehlte  ihm  nicht,  aber  er  hat  nicht  verstanden  es  anzuwenden. 
Auch  als  ihn  die  Strahlen  kritischer  Erleuchtung  trafen,  die  von 
Lachmanns  Grenie  über  alle  philologische  Forschung  ausstrahlten,  ist  er, 
unselbständig  seinen  Mustern  nachstrebend ,  immer  auf  halbem  Wege 
geblieben;  er  hat  angefangen,  die  griechischen  Überlieferungen  mit 
kritischer  Sichtung  zu  behandeln;  aber  er  ist  nicht  dazu  gekommen, 
von  der  philologischen  Quellkritik  zu  der  psychologischen  Analyse 
der  Überlieferung  überzugehen.  Immer  geneigt,  eine  Überlieferung  als 
Ganzes  hinzunehmen  oder  als  Ganzes  zu  verwerfen,  wußte  er  aber- 
mals dem  Gedanken  der  Entwickelung  nicht  zu  seinem  wissenschaft- 
lichen Rechte  zu  verhelfen.  Begeisterung  und  treuliche  Arbeit  war 
sein  bestes  Eigenthum ;  aber  ein  bahnbrechender  Geist  wie  Schwartz 
war  er  nicht,  und  das  ist  heute  um  so  nöthiger  hervorzuheben,  als 
man  anfängt  über  Schwartz'  Einseitigkeit  und  kritischen  Verirrungen 
zu  vergessen,  wieviel  man  ihm  verdankt,  und  daß  er  der  epoche- 
machendere Wissenschaftler  von  beiden,  daß  Mannhardt  sein  an  Genauig- 
keit (späterhin)  weit  überlegener,  an  intuitiver  Erkenntniß  (der  ersten 
Bedingung  wissenschaftlicher  Großthat)  weit  ärmerer  Schüler  war. 

Drei  methodische  Sätze  sind  es,  in  denen  Schwartz'  For- 
schungen gipfeln:  1.  Ein  Mythus  ist  nur  zu  deuten,  indem  man  alle 
seine  Belege  sammelt  und  vergleicht,  bis  man  zu  einem  erleuchtenden 
Punkte  gelangt');  2.  die  philologische  Quellkritik  darf  nicht  so  weit 
gehen,  Nachrichten  einer  zeitlich  späteren  Quelle  unmittelbar  als  die 
inhaltlich  minder  zuverlässigen  anzusehen,  da  der  spätere  Bericht- 
erstatter vielleicht  den  genaueren  Bericht  aus  dem  Volksmund  erhielt 
oder  aber  getreuer  aufzeichnete;  über  die  ürsprünglichkeit  des  Be- 
leges kann  nur  der  Aualogienvergleich  entscheiden;  3.  jede  Ceremonie 
ist  eine  Pantomime:  Apolls  Dracheukampf  ward  durch  eine  irdische 
Wiederholung  gefeiert.  Vornehmlich  auf  dem  ersten  Satze  fußend, 
gelangte  Mannhardt  dazu,  die  deutschen  Volksgebräuche,  für  welche 
Grimm  bei'eits  zahlreiche  Belege  gesammelt  hatte,  umfassend  zusammen- 
zustellen.  Dieselben  waren  vornehmlich  ländlicher  Natur,  denn  unser 


')  Die    eiserne  Berta,    ein  Sturmdämon,    wird    erst    verständlich,    wenn    der 
Nachtrabe,  ebenfalls  ein  Sturmdämon,  mit  eiserner  Schwinge  eine  Hürde  zerschlägt. 

1* 


L.  BEER 


Mythen  wahrendes  Volk  ist  vornehmlich  ländlich.  Mannhardt  wurde 
aufmerksam,  verfolgte  den  Volksglauben  weiterhin  uud  fand  ihn  allent- 
halben besonders  lebendig  in  Haus,  Feld  und  Wald.  Er  verfolgte  die. 
griechischen  und  römischen  Volksbräuche:  das  gleiche  Ergebniß. 
Und  so  kam  er  dazu,  aus  dem  übereinstimmend  ländlichen  Charak- 
ter spätdeutscher,  späthellenischer  und  spätrömischer  Volksbräuche 
und  Anschauungen  zu  schließen,  daß  auch  die  indogermanische 
Dämonie  eine  wesentlich  vegetative  gewesen  sei,  denn  die  Gottheit, 
welche  die  Vegetation  gab,  mußte  ursprünglich  selbst  die  Vegetation 
gewesen  sein. 

Das  Register  hatte  aber  ein  Loch.  Sämmtliche  Gottheiten,  die 
nach  germanischer  Überlieferung  die  Vegetation  verliehen,  waren 
atmosphärischer  Natur:  Odinn  ein  Windgott,  Thor  ein  Gewittergott, 
Freyr  als  Vane  wieder  ein  Windgott.  Noch  mehr:  ein  deutscher  Vege- 
tationsgott war  gar  nicht  aufzutreiben;  denn  Njördr  war  Vane,  also 
wieder  Windgott. .Nicht  besser  stand  es  indisch:  Indra,  Agni,  Vishnu, 
Varuna  —  lauter  atmosphärische^)  Gottheiten.  Ja,  Welcker  hatte 
sogar  mit  guten  Gründen  behauptet,  daß  die  Hauptgötter  fast  aller 
Völker  atmosphärischen  Charakter  wiesen.  Endlich  hat  man  sogar 
einen  pangermanischen  Hauptgott  Tyr-Ziu  feststellen  wollen ,  einen 
Himmelsgott,  einen  deutschen  Zeus:  allerdings  ein  arges  Beispiel  von 
Analogienwirthschaft.  Man  betrachte  folgende  Tabellen  (auf  Grund 
von  Fick  I,  108): 
A.     tli  scheinen,  blinken. 

daiva : 

skr.  deva,  göttlicli,  ni.  Gott 

lat.  divus  deus 

griech. 

westgerm. 

nord.  tivar 

lith.  d^vas 

slav.  deiwaa 

kelt.  deivos 


div: 
Dyaush  Name,  div  Himmel.  Tag 
Joupiter 
Zeus 
Tiv 
Tyr 


diva : 
skr,        diva  Himmel.  Tag 
lat.  biduum 

griech.  hÖLOs'')  kvöiog^) 


divia : 

divya  himmlisch,  am  Tag 

sub  dio  unter  freiem  H. 

dlog  himmlisch,  göttlich 


*)  Unter  atmosphärischen  Wesen  begreife  ich  Wesen  der  in  der  Atmosphäre 
sich  vollziehenden  Erscheinungen:  also  auch  Sonnenschein,  Regenbogen,  wie  anderer- 
seits Nebelbildung,  Lichtreflexe. 

*)  Unter  freiem  Himmel. 

*;  Mittägig. 


ZUR  MYTHOLOGISCHEN  METHODIK. 


B.    di 

a   daiva,     b  div 

/?'   diva,     §'^  divia 


I. 

göttlich 

Gott 

I. 

II. 

III. 

IV. 

II. 

Göttername 

skr.  a 

h 

bß'ß^ 

bß'ß 

III. 

Himmel 

griech.       ß^ 

b 

ß'ß' 

ß' 

IV. 

Tag 

lat.  a 
westgerm, 
nord.  a 
lith.  a 
slav.  a 
kelt.  a 

b 
b 
b 

ß' 

/?' 

Aus  diesen  Tabellen  ergibt  sich,  1.  daß  die  indogermanischen 
Götternamen  von  der  Wurzel  di  sämmtlich  dem  Thema  div  abgebildet 
sind;  2.  daß  diesem  Thema  nur  im  Skr.  die  Bedeutungen  Himmel, 
Tag  beiwohnten,  griech.  und  latein.  Weiterbildungen  des  Thema  div; 
germ.,  lith.,  slav.,  kelt.  überhaupt  der  Wurzel  di  Worte  dieser  Be- 
deutungen nicht  abgebildet  wurden;  daß  folglich  von  einem  deutsehen 
Himmelsgott  7Vü  keine  Rede  sein  kann;  3.  daß  von  der  Wurzel  di 
alle^)  indogermanischen  Sprachen  2)  ein  Appellativ 'göttlich'  abgebildet 
haben,  welches  somit  der  Bedeutung  'leuchtend,  glänzend"*  entsprang; 
4.  daß  mithin  die  Namen  Dyaush,  Joupiter,  Zeus,  Tiv  nichts  bedeuten 
als  der  Leuchtende';  eine  Bedeutung,  welche  sie  mit  anderen  Götter- 
namen theilen,  und  die  wohl  auf  ein  großes  Alter,  keineswegs  aber 
auf  eine  ehemalige  Omnipotenz  des  germanischen  Tiv  zurückschließen 
läßt;  5.  daß  auf  indogermanischer  Stufe  den  Göttern  die 
Eigenschaft  des  Leuchtens,  Glänzens  als  wesentlich  zu- 
geschrieben wurde,  mithin  ihre  atmosphärische  Natur 
dominirte. 

Dieses  Ergebniß  hat  nichts  Erstaunliches.  Der  primitive  Mythus 
ist  eine  naive  Naturanschauung,  eine  Auffassung  des  Unbegreiflichen 
nach  Analogie  des  Begriffenen.  Diese  Auffassung  konnte  nur  statt- 
finden, wenn  ein  tiefer  Eindruck  das  Gemüth  aufregte;  nicht  der 
ErkenntniÜwerth:  d  er  Gefühlswerth  bestimmt  die  Mythen  — 
wie  jede  Begriffsbildung.  Die  fürchterlichen  Erscheinungen  des 
atmosphärischen  Übels  und  die  wiederkehrende  Wohlthat  der  Himmels- 
heiterkeit mußten  die  unmittelbar  wirksamsten  Factoren  der  Mythen- 
bildung werden. 

Die  Vegetation  als  solche  trat  erst  in  den  Gesichtskreis  des 
Menschen,  als  er  aus  einem  vornehmlich  von  Fleisch  lebenden  ein 
auch  Pflanzen   verzehrendes  Wesen   wurde.    Zu  jenem   erzog   ihn  zu- 


')  Dem  Westgerman.  ist  das  Appellativ  wohl  nur  verloren  gegangen, 
')  Das  Griechische  erst  mittelbar. 


6  L.  BEER 

nächst  der  Kampf  um  das  Dasein:  die  Nachbarschaft  der  wilden 
Thiere  gebot  die  Jagd.  Erst  mit  dem  Beginne  des  regen  Ackerbaues, 
der,  wie  nunmehr  nachgewiesen,  der  indogermanischen  Epoche  noch 
nicht  angehörte,  erst  in  jener  Periode  der  Seßhaftigkeit  in  cuhivirten, 
relativ  entwildeten  Geländen,  denen  man  mit  steigender  Intensität 
die  Frucht  des  Bodens  abgewann,  mußten  sich,  bei  der  Abhängigkeit 
des  Menschenwohls  von  Saat  und  Ernte,  die  Korngeister  entwickeln; 
aber  auch  sie  waren,  wie  E.  H.  Meyer  bereits  andeutete  und  hoffent- 
lich bald  eingehend  beweisen  wird,  der  atmosphärischen  Dämonie 
entwachsen;  ist  doch  der  Wind  je  nach  dem  der  Förderer  oder  Ver- 
eiteier der  Befruchtung.  Daß  die  Waldesvegetationsdaraonie  einen 
wichtigen  Bestandtheil  ebenfalls  von  der  Sturmdämonie  empfing,  die 
am  erhabensten  im  Walde  sich  kundgibt,  hat  wieder  Meyer  angedeutet; 
sie  hat  außerdem  noch  eine  Reihe  verschiedenartigster  Mythenelemente 
aufzuweisen,  die  leider  Mannhardt  alle  in  Bausch  und  Bogen  ver- 
arbeitete. Alles,  was  mit  der  Zeit  an  den  Wald  sich  knüpfte,  hat  er 
wie  dem  Baum  entwachsen  aufgefaßt;  und  bezeichnend  ist,  daß  er 
seine  Construction  des  deutschen  Baumcultus  an  den  Parallelismus 
von  Mensch  und  Baum  knüpfte.  Der  Mensch  soll  einmal  v.'ie  ein 
Baum  der  Erde  entwachsen  sein:  warum?  etwa  weil  man  das  Baum- 
leben nach  Analogie  des  Menschenlebens  erklärte?  umgekehrt:  weil 
man  das  Räthsel  der  Menschenexistenz  aus  der  Baumexistenz  zu 
begreifen  suchte!  In  dem  einzigen  Punkt,  in  welchem  einmal  Menscli 
und  Baum  gleichgesetzt  wurden,  ist  der  Mensch  dem  Baume,  nicht 
der  Baum  dem  Menschen  angeglichen  worden. 

Von  E.  H.  Meyer  steht  ein  Handbuch  der  Mythologie  in  Aus- 
sicht; es  ist  zu  hoffen,  daß  mit  ihm  die  Theorie  einer  ursprünglichen 
Vegetationsdämonie  dahinfällt.  Außer  mit  dieser  Theorie  gilt  es,  sich 
mit  zwei  weiteren  auseinanderzusetzen.  Die  eine  stammt  von  dem 
ehrwürdigen  Nestor  der  mythologischen  Forschung;  von  Max  Müller. 
Sprachwissenschaftler  von  ganzer  Seele,  hat  er  mit  den  Augen  des 
Sprachforschers  die  Mythik  betrachtet.  Sie  war  ihm  eine  Phase  der 
Sprachbildung,  oder  richtiger:  die  Degeneration  einer  solchen  Phase. 
Ein  Gegenstand  hatte  z.  B.  ursprünglich  nach  verschiedenen  Eigen- 
schaften mehrere  Benennungen,  von  denen  nur  ein  einziges  Synonym 
mit  der  Zeit  überdauerte;  die  übrigen  hielten  sich  idiomatisch,  in 
Sprüchwörtern,  im  Dichterwort  etc.;  man  verstand  ihre  Beziehung 
nicht  mehr,  nahm  sie  als  Wesenheiten  für  sich:  und  der  Mythus  war 
fertig.  Z.  B.  die  in  die  Fluthen  tauchende  Sonne  sei  als  Frosch 
bezeichnet   worden:    nach  Verlust   der  Anschauung   habe  sich  daraus 


ZUR  MYTHOLOGISCHEN  METHODIK.  7 

der  Froschjüngling  ergeben,  der,  wenn  er  das  Wasser  sab,  in  Frosch- 
gestalt in  dasselbe  habe  untertauchen  müssen.  Ein  anderer  Mythen 
bildender  Factor  ist  ihm  die  Homonymie:  der  Umstand,  daß  in  Folge 
einer  gemeinsamen  Eigenschaft  verschiedene  Dinge  eine  gemeinsame 
Benennung  erhalten*).  Auch  hier  entstehe  der  Mythus,  indem  gleich- 
sam die  Sprache  in  den  Zustand  des  Selbstvergessens  verfalle:  die 
alte  Bedeutsamkeit  nicht  mehr  verstanden  werde.  Müller  unterliegt 
bei  dieser  Theorie  einem  psychologischen  Irrthum,  den  die  Wissen- 
schaft noch  nicht  allzulange  aufgeklärt  hat:  Der  Mensch  denkt  keines- 
wegs in  Worten,  zumeist  in  Vorstellungen.  Selbst  wir,  die  wir  in 
unserer  redegewohnten  Zeit  die  langsamen  Gedankenprocesse  vielfach 
in  Worten  durchlaufen,  vollziehen  unsere  schnellsten  Denkprocesse 
(man  denke  nur  an  ein  schnelles  Überlegen,  blitzartiges  Überschlagen 
aller  Eventualitäten)  nur  durch  Vorstellungsverlauf.  Angenommen 
also,  die  Sonne  wurde  einmal  als  Frosch  angesehen,  so  war  das  eine 
Vorstellung,  keine  Benennung;  die  Benennung  setzte  nur  die  Vor- 
stellung in  Umlauf.  Die  Sprache  ist  dem  Verkehr  entsprungen,  die 
Vorstellung  dem  individuellen  Seelenleben.  In  dem  Umlauf  allerdings 
brauchen  sich  die  Worte  ab,  verändern  sich  die  Bedeutungen;  das 
Wortspiel,  der  Wortwitz,  die  Volksetymologie  treten  hinzu;  und  inner- 
halb der  Grenzen,  in  welchen  Laistner  (Nebels.),  allerdings  etwas  zu 
ausgiebig,  von  der  Homonymientheorie  Gebrauch  macht,  sind  Homo- 
nymien und  Synonymien  als  mythenfortbildende,  umbildende  Ele- 
mente anzuerkennen;  nur  bleibe  man  sich  klar,  daß  der  Mythus  als 
solcher  Anschauung,  das  Wort  Mittheilung  dieser  Anschauung  ist, 
und  daß  alle  Zeiten  ununterbrochen  mythenbildend  thätig  sind:  nicht 
indem  sie  vergessen,  sondern  indem  sie  wahrnehmen. 

Die  zweite  Theorie,  die  MüUenhoffs,  ist  eine  litterarhistorische. 
Die  Mythologie  interessirte  ihn  nur  von  dem  Standpunkt  des  Erforschers 
der  deutschen  Heldensage,  und  diese  ist  ein  Capitel  der  Litteratur- 
geschichte.  Die  Sagengeschichte  ist  ein  Capitel  menschlichen  Dichtens; 
und  indem  er  die  Sagen  zurückverfolgte  bis  in  ihre  ersten  Anfänge, 
fand  er  nichts  als  Dichtung:  bei  den  Dichtern  in  gebundener,  bei 
den  Nichtdichtern  in  gemeiner  Rede.  Müllenhoff  hatte  ganz  Recht : 
etwas  Gemeinsames  ist  zwischen  Dichten  und  Naturanschauung.  Aber 
er  vergaß  den  Unterschied  zwischen  activer  und  passiver  Phantasie. 
Jede  Vorstellungsauslösung  entspringt  der  Phantasie,  ohne  Gedicht 
zu   sein.    Wenn    man    am  Gründonnerstag  Grünkohl  essen  soll    oder 


')  Z.  B.  Erde  wie  Wolke  als  Kuh. 


8  L.  BEER 

das  Rothkehlchen  ob  seiner  Farbe  den  Blitz  herabzieht,  so  ist  das 
ebenso  concrete  Phantasiethätigkeit,  wie  wenn  Thor  einen  rothen  Bart 
hat  oder  man  in  der  Wolke  einen  Wasser  gießenden  Brunnen  findet.  Aber 
die  Phantasie  verhält  sich  passiv  bei  dieser  Thätigkeit;  ohne  Willens- 
irapuls  erweckt  eine  Vorstellung  die  andere,  ergänzt  sich  das  Un- 
bekannte vermittelst  eines  associativen  Momentes  aus  der  Masse  des 
Bekannten.  Das  Dunkel  der  Nacht  und  des  Unwetters,  das  Rollen 
des  Donners,  des  Bergsturzes,  der  Kegelkugeln,  der  Kellerfässer 
ordneten  sich  naturnothwendig  zusammen,  und  wäre  die  Mythenneu- 
bildung heute  noch  von  genügender  Lebhaftigkeit,  so  würde  das  Volk 
naturnothwendig  im  Gewitterlärm  das  himmlische  Geschützfeuer  ver- 
nehmen. Ahnlich  verhält  es  sich  zunächst  mit  der  Sagenbildung,  welche 
sich  um  historische  Persönlichkeiten  oder  Ereignisse  krystallisirt. 
An  die  deutsche  Kaisersage  sind  eine  ganze  Reihe  atmosphärischer 
Mythenelemente  durch  passiv  associative  Auslösung  angewachsen; 
der  Todtenkampf  über  den  katalaunischen  Gefilden  ist  ein  weit  ver- 
folgbarer atmosphärischer  Mythus.  Um  ein  Ereigniß  von  starkem 
Gefühlswerth,  sei  es  aus  dem  Natur-  oder  Menschenleben,  als  Kry- 
stallisationscentrum  schießen  die  phantastischen  Mythisirungselemente 
reichlich  zusammen,  noch  ehe  ein  Erzähler  von  Initiative  mit  schöpfe- 
rischer Willkür  an  die  Ausgestaltung  der  Überlieferung  herangetreten 
ist.  Festzuhalten  ist  also:  der  Mythus  entspringt  passiven  Vorgängen 
der  durch  Ereignisse  von  Gefühlswerth  aufgeregten  Phantasie:  er  ist 
die  ohne  Willensimpuls  erfolgende  associative  Angleichung  des  Un- 
bekannten an  das  Bekannte. 

Die  Sprachforschung')  lehrt,  daß  das  indogermanische  Urvolk 
sich  über  eine  weite  Fläche  ausdehnte,  weit  genug,  daß  verschiedenen- 
orts  verschiedene  dialektische  Differenzirungen  eintraten  und  ver- 
schiedenenorts  aufkommende  neue  CulturbegrifFe  in  relativ  kleinen 
Bezirken  herrschend  wurden.  Solche  Bezirke  aber  berührten  und 
kreuzten  sich  mannigfach,  und  so  ergab  sich  das  complicirte  Verwandt- 
schaftsverhältniß  der  späterhin  getrennten  Einzel  Völker.  Ähnlich  ist  das 
mythische  Urverhältniß  zu  denken.  In  indogermanischer  Zeit  haben 
(vornehmlich)  atmosphärische  Vorgänge  mythenbildend  gewirkt;  man 
verstand  sie  gemäß  Vorgängen  des  täglichen  Lebens:  die  Wolken  als 
Heerden,  die  Wetter  als  Kämpfe,  die  Wasser  als  Milch  der  Wolken- 
kühe etc.  Verschiedenenorts  verstand  man  sie  verschieden;  solche  Auf- 
fassungen wanderten  und  wurden  Gemeingut  gewisser  Districte.  Indem 


')  Vgl.  Öchiader,  Sprachvergleichung'lSö. 


ZUR  MYTHOLOGISCHEN  METHODIK.  9 

sich  solche  Gebiete  theilweise  deckten,  vermischten  sich  die  disparat 
entstandenen  Anschauungen  und  wurden  mit  einander  in  Einklang,  in 
Compromiß  gesetzt;  sie  verwuchsen  und  verglichen  sich.  Diesen  Vor- 
gang kann  man  jederzeit  verfolgen.  Bei  den  Einen  ist  heute  der  Sturm 
ein  rollender  Fuhrmann,  bei  den  Anderen  der  jagende  Hackelberg, 
bei  Dritten  der  eiserne  Nachtrabe.  In  Folge  dessen  wird  auch  be- 
richtet, daß  Hackelberg  ein  Fuhrmann  gewesen;  Anderen  fliegt  der 
Rabe  dem  Jäger  oder  Fuhrmann  voraus,  Dritten  ist  er  gar  ein  ver- 
n  uns  ebener  Fuhrmann. 

Die  atmosphärischen  Erscheinungen  tragen  stets  den  Charakter 
einer  Vielheit.  Es  sind  viele  Wolken,  viele  Blitze,  viele  Gestirne, 
vielstimmige  Winde.  Darum  steht  zu  Anfang  jeder  Religion  eine  Poly- 
daimonie.  Es  sind  aber  auch  Einheitsmomente  vorhanden,  wie  das 
Alles  verklärende  Sonnenlicht.  So  mag  es  gekommen  sein,  daß  aus 
der  Polydaimonie  sich  local  eine  oder  einzelne  Gottheiten  herrschend 
erhoben.  Dieselben  erwiesen  sich  furchtbar  oder  segensreich;  man  war 
von  ihnen  abhängig.   Hier  setzt  der  Cult  ein  und  mit  ihm  die  Religion. 

Dem  Cult  ist  eigen  die  Ceremonie.  Der  naive  Mensch  spricht 
eindringlich  durch  Geberden.  Noch  bis  auf  unsere  Zeit  flehte  der 
Ackerbürger  um  Regen,  indem  er  Idol  oder  Symbol  begoß  oder  in 
Wasser  tauchte;  um  Fruchtbarkeit,  indem  er  sich  neben  ein  Weib 
auf  das  Ackerfeld  mit  der  Geberde  der  Zeugung  legte  '). 

An  die  Ceremonie  hat  sich  dann  naturnothwendig  das  begleitende 
Wort  geschlossen,  und  zwar,  da  der  gehobenen  Handlung  der  Rhyth- 
mus eigen,  die  rhythmische  Rede,  deren  so  vielleicht  der  Mensch 
überhaupt  mächtig  wurde.  Natürlich  handelte  das  begleitende  Wort 
von  dem  Inhalt  der  Ceremonie:  von  der  Götterthat,  dem  Weltereigniß. 
Es  ist  bekannt,  daß   hier   Epos  und  Drama  ihren  Ursprung  haben. 

Die  naive  Naturanschauung,  der  primitive  Mythus ,  mußte  nach 
anderer  Richtung  eine  Ausgestaltung  erfahren.  Sobald  sie  nach  Maß- 
gabe menschlicher  Verhältnisse  sich  gestaltete  (beispielsweise  das 
Gewitter  als  ein  —  wiederkehrender  —  Kampf),  verfiel  sie  der  moti- 
virenden  Phantasie:  aus  der  Anschauung  wurde  ein  begründetes 
(aber  nicht  vor  Zeiten  geschehenes,  sondern  wiederkehrendes)  Ereig- 
niß2):    eine    Fabel.    Diese  Fabel    pflanzte    sich   von  Mund    zu  Mund, 


^)  Daß  es  sich  hierbei  nur  um  einen  Fruehtbarkeitszauber  handelte,  nicht  die 
Nachahmung  eines  himmlischen  Vorganges,  zeigt  der  analoge  Gebrauch,  das  Baum- 
pfropfen  von  einem  nackten  Mädchen  vollziehen  zu  lassen,  dem  ein  Mann  unnatürlich 
beiwohnte. 

')  Z.  B.  der  Gewitterkampf  begründet  durch  den  Frauenraub. 


10  L.  BEER 

gestaltete  sieb  weiter  aus,  wurde  immer  menschlicher  und  .schließlich 
ein  einmaliges,  vormaliges  Ereigniß:  eine  Sage^).  Auf  dem  Wege 
beständiger  Fortbildung  entwickelte  sich  so  die  schlichte  Fabel  zum 
complicirten  Roman,  aus  dem  der  Redegewandte,  der  Poet,  künst- 
lerische Gebilde  schuf:  jener  Kunst  folgend,  die  er  dem  Cult  ab- 
gelernt. 

Die  Ausgestaltung  eines  Mythus  war  zu  allen  Zeiten  vornehm- 
lich^) eine  folgerichtige  Ausmalung  der  Consequenzen  gegebener  Ver- 
hältnisse. Prämisse:  eine  gespenstische  Kuh  geht  um.  Folgerung: 
wehe,  wem  sie  begegnet.  Zweite  Folgerung:  Der  Nachtwächter  muß 
ihr  zwar  begegnen,  aber  ihm  schadet  sie  nicht.  Der  Blick  des  Basi- 
lisken tödtet;  um  ihn  zu  tödten,  hält  mau  ihm  also  einen  Spiegel  vor: 
die  verbreitete  Sage  vom  Spiegeldrachen.  Weit  verbreitet  ist  die  Sage 
von  Fluthen  entstiegenen  Stieren  (eine  nachweislich  atmosphärische 
Anschauung) :  natürlich  vermischen  sie  sich  auch  mit  irdischen  Rindern. 
Natürlich  sind  die  erzielten  Kälber  von  besonderer  Schönheit.  Im 
Walde  weilen  Waldfrauen.  Natürlich  vermischen  sie  sich  auch  mit 
Menschen:  das  Weib  unterliegt  dem  Gesetz  der  Zeugung^).  Weit 
i'crbreitet  tanzen  Wasserfräulein  über  Quellen  und  Seen  (Nebelmythen). 
Natürlich  kommen  sie  auch  in  das  Dorf  zum  Tanze.  Wenn  sich  das 
Wasser  blutroth  färbt  (Luftspiegelung?),  hat  der  grausame  Nick  in 
der  Tiefe  eine  Blutthat  vollbracht*).  Die  Wasserjungfern  verspäten 
sich  einmal  beim  Dorftanze,  und  wie  sie  untergetaucht  sind,  steigt 
ein  Blutstrahl  auf:  sie  büßen  mit  dem  Leben. 

Gleichen  Fortbildungen  ist  jeder  lebendige  Brauch  unterworfen: 
der  Maibaum  wird  als  Fetisch  wider  Übel  aller  Art  auf  Haus  oder 
Stall  gepflanzt,  aber  auch  vor  Liebchens  Kämmerlein  oder  die  Schwelle 
eines  hochwohlweisen  Magistrats  zu  gebührenden  Ehren.  Wehe  dem 
Mägdlein,  dessen  Leben  nicht  unbescholten;  statt  des  blühenden  Baumes 
erhält  es  einen  dürren  Besen. 

Eine  ganz  bestimmte  Art  der  Fortbildung  ist  die  zum  Popanz. 
Die  Kinder    sollen    nicht  die  Halme  niedertreten:    man  warnt  sie  vor 


')  Die  Worte  Mythus  und  Sage  siud  im  Grunde  gleichbedeutend;  aber  es  ist 
der  Weg  der  Sprachfortbildung,  daß  ursprünglich  gleichbedeutende  Ausdrücke  der 
Verdeutlichung  verschiedener  Nuancirungen  dienlich  werden. 

')  Ein  weiteres  Moment  ist  die  Auwanderung  fremder  Bestandtheile  und  die 
Verschiebung  der  Motive. 

')  Sollte  man  glauben,  daß  ein  bedeutender  Forscher  in  dieser  einfachen  Fort- 
bildung den  unwiderstehlichen  Eindruck  der  Waldnatur  erblickte? 

*)  Eine  von  den  tanzenden  Jungfrauen  ganz  unabhängig  auftretende  Auffassung. 


ZUR  MYTHOLOGISCHEN  METHODIK.  U 

der  Kornmutter ^) ,  die  im  Getreide  sitzt,  Kinder  fangend  und  tödtend. 
Zu  Fi-au  Holle  im  Berg  kommen  die  unartigen  Kinder '■'),  Eine 
andere  Fortbildung  ist  der  Spuk,  das  Gespenst.  Frau  Holle  als  Nebel- 
gestalt wird  zum  Trunkenbolde  äffenden  Spuk.  In  nordischer  Über- 
lieferung wird  Kari  zum  Windspuk,  der  in  der  Julnacbt  mit  den 
Fenstern  klappend  die  einsamen  Mädchen  zu  Tode  ängstigt.  Das 
Alles,  wie  der  Fetischismus,  sind  späte  Fortbildungen,  als  solche  von 
einer  concreten  mythologischen  Forschung  bei  Seite  zu  setzen. 

Mit  atmosphärischen  Mythen  hat  die  Mythik  begonnen;  und  vor- 
nehmlich atmosphärische  (Nebel  —  Wolken  — Wetter  —  Irrlicht  —  etc.) 
Mythen  sind  es,  mit  denen  sie  fort  und  fort  bereichert  wird.  Mit  der 
Zeit  wandelten  sich  des  Volkes  Wohnsitze,  Lebensgewohnheiten, 
Anschauungen.  In  der  Folge  auch  seine  Mythik.  Wie  aber  nach 
Schraders  (180)  richtiger  Bemerkung  neue  Begriffe,  sofern  sie  nicht, 
mit  neuen  Culturgegenständen  übernommen,  ihre  Namen  mitbrachten, 
aus  dem  eigenen  Sprachreichthum  heiaus  'sich  ergänzend  benannt 
werden,  so  gilt  für  die  Mythik,  daß  neue  Eindrücke  der  Natur  mit 
Hilfe  alterworbener  Anschauungen  erfaßt  werden:  wie  jede  Mythik 
das  UnbegriflFene  nach  Analogie  des  Bekannten  auffaßt,  so  werden 
neu  zu  Bewußtsein  gelangende  Erscheinungen  nach  Analogie  der 
vorhandenen  Naturauffassung  versinnlicht.  Ohne  Noth  schafft  kein 
Volk  neue  Worte;  so  lange  das  vorhandene  Material  reicht,  wird  es 
verwandt:  gewandelt,  nicht  vermehrt.  Dem  entsprechend  durchwandelt 
das  Korn  in  der  That  der  alte  Windwolf,  der  Grauhund  der  Wolke^), 
und,  wie  er  zum  Korndäraon  verschoben,  erscheinen  Eber  und  Roß: 
alte  Windwolkengestalten,  Dämonen  oder  Trabanten  befruchtender 
atmosphärischer  Gottheiten.  Jedes  spätere  Zei'talter  wirth- 
schaftet  fort  mit  überkommenem  Capital. 

Innerhalb  all  dieser  verschiedenen  Phasen  der  Mythenfortbildung 
zu  einfachen  und  complicirten  Fabeln  und  Romanen  einerseits,  zu 
Religion  und  Ceremoniell  andererseits  greift  ein  bedeutsames  Moment 
ein:  die  Wanderung*).  Anschauungen  und  Gebräuche,  Volkserzählungen 
und  Gedichte    wandern  von    Mund    zu  Mund.    Getrennt  Entstandenes 


*)  Über  deren  ursprünglich  atmosphärische  Natur  Laistner  willkommene  Anhalts- 
punkte gewährt  hat.    (Nebels.) 

^)  Ursprünglich  alle  Kinderseelen. 

')  Wenn  der  Wind  das  Korn  bewegt,  sagt  man:  der  Wolf  geht  durch  (über) 
das   Korn. 

*)  Ein  Momeni,  das  Müllenhofi"  bei  seiner  berechtigten  Forderung,  die  Über- 
lieferung an  Ort  und  Stelle  festzuhalten,  zu  wenig  beachtet. 


12  L-  BEER 

wird  vereinigt;  eine  schlichte  Überlieferung  macht  vevschiedenenorts 
divergirende  DifFerenzirungen  durch,  diese  begegnen  sich  von  Neuem, 
werden  vom  Erzählermimd  combinirt  oder  mischen  sich  unwillkürlich 
in  des  Berichterstatters  Gedächtniß,  mit  einander  verwachsend.  Fast 
jede  auf  uns  gekommene  Überlieferung  ist  ein  complicirtes  Resultat 
von  Fortbildung,  Anwanderung,  Compromiß,  Corabination,  Verwachsen. 
Einzelne  Züge  werden  beliebt  und  wandern  von  Sage  zu  Sage.  Ein- 
zelne, ehedem  bedeutungsvolle  Züge  werden  leeres  Wanderrequisit: 
Wunderschwerter,  undurchdringliche  Gewänder.  Wenn  Freyr  zu  Hai- 
ders Leichenfeier  auf  dem  Eber  reitet,  so  wird  ihm  dieser  lediglich 
als  typisches  Requisit  beigegeben. 

Diese  Wanderverhältnisse,  Avelche  Gustav  Meyer  in  so  ver- 
blüffender Weise  für  die  Märchenkunde  erwiesen  hat,  sind  auch  für 
die  Erscheinungen  des  Polytheismvis  in  Betracht  zu  ziehen.  Die 
meisten  Göttergestalten  wie  der  Griechen  so  der  Germanen  stehen 
einander  ganz  nahe  in  ihrer  Bedeutung;  Odinn  der  Sturmgott  ist  auch 
Dämonenbekämpfer ')  und  Fruchtbarkeitsgott,  herrscht  in  den  Wolken 
wie  im  Meer,  sein  Speer  scheint  den  Blitz  zu  bedeuten;  alle  diese 
Eigenschaften  treffen  für  Thor  zu,  der  größte  Theil  für  Freyr,  ein 
Theil  für  Tyr,  der  mit  Odin  und  Freyr  auch  die  Sonnengottschaft  und 
mit  allen  genannten  die  jahreszeitliche  Bedeutung  gemein  hat"). 
Folglich  können  alle  diese  Götter  nicht  gleichen  Ortes  gleichzeitig 
entstanden  sein;  sie  müsseu  sich  durch  Wanderung  zusammengefunden 
haben.  Max  Müller  hat  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  die  Veden 
kein  System  kennen:  der  Vater  ihnen  bald  der  Sohn,  der  Bruder  der 
Gemahl  ist.  Ahnlich  verhält  es  sich  bei  den  Germanen:  nur  für  den 
Norden  ist  ein  (schwankendes)  Göttersystera  festzustellen,  sonst  tiberall 
lediglich  ein  -beschränkter  Polytheismus  zu  erweisen.  Nicht 
viel  anders  in  Griechenland,  wo  das  ausgebildete  System  nur  für 
die  unter  natürlichem  Zwang  ihrer  Kunst  systematisirenden 
Dichter  zu  existiren  scheint.  So  ergibt  sich  mit  Nothwendigkeit: 
jedes  System  ist  ein  Compromiß  zusammengewanderter  Gottheiten, 
die  alle,  hieratisch  in  den  Cult  übernommen,  mit  einander  in  Aus- 
gleich gebracht  und  nach  Analogie  menschlicher  Verhältnisse  genea- 
logisch verknüpft  wurden.  Das  System  hat  nur  die  Bedeutung  einer 
Phase;  einer  Phase  aber  zu  ihrem  historischen  Rechte  zu  verhelfen, 
das  vermag  nur  eine  principiell  gefestete  Geschichtswissenschaft. 

')  Das  Alles  soll  andrenorts  verfolgt  werden. 

')  Daß  Balder  die  meisten  der  erwähnten  Züge  ursprünglich  zukamen,  haben 
Grimms  und  MüUenbofifs  Untersuchungen  wahrscheinlich  gemacht. 


ZUR  MYTHOLOGISCHEN  METHODIK.  13 

Der  Zusammenfassung  dei*  Götterwelt  zu  Systemen  entspricht 
die  Zusammenfassung  der  Sagenwelt  zu  Cyklen:  Beides  Werke  der 
Tendenz  des  menschlichen  Bewußtseins  auf  einheitliche  Auffas- 
sung. Um  eine  heroische  Gestalt  oder  That  kry stallisiren  sich 
alle  möglichen  Überlieferungen.  Die  hellenische  Ilias,  die  nordische 
Lokimanie  haben  cyclische  Sagenansamralungen  und  Sagenuuibil- 
dunsren  veranlaßt.  Der  zürnende  Held,  der  bettelhaft  zurückkehrend 
die  Buhler  seines  Weibes  erschlägt,  wächst  au  die  Troersage:  er  ist 
einer  der  von  Troja  heimkehrenden  Helden,  unterwegs  gescheitert; 
und  in  den  Rahmen  zwischen  Ilias  und  Nostos  krystallisirt  sich  eine 
Welt  von  Schiffermärcheu.  Im  Norden  hat  eine  Zeit  hindurch  der 
Weltuntergangsmythus  vorgeherrscht  und  alle  erreichbaren  Sagen 
augeglichen.  Dichter  haben  kosmogonische  Phantasien  verfaßt  und 
alles  geeignete  Material  eingeordnet.  Um  die  Gestalt  des  Siegfrid  und 
seine  speciiische  Heldenthat  krystallisirte  sich  eine  Anzahl  Abenteuer; 
um  dieses  Centrum  erwuchs  ein  Geschlechtsroman ,  und  das  Ganze 
wurde  local  in  einen  künstlerischen  Rahmen  ethischen  Inhalts  ein- 
geordnet: enthaltend  den  Fluch  des  (geraubten)  Goldes,  der  erst  er- 
lischt mit  seinem  Heimfall. 

Mythus,  Fabel,  Roman,  Cyklus  sind  streng  zu  scheiden.  Dem 
ersten  ist  es  zu  thuu  um  die  Auffassung,  der  zweiten  um  die  Moti- 
virung,  dem  dritten  um  die  Ausgestaltung,  dem  vierten  um  die  Zu- 
sammenfassung. Man  wird  zugeben,  daß  unter  solchen  Verhältnissen 
die  strengste  Analyse  erforderlich  ist:  nicht  allein  für  die  Gedichte, 
für  jede  Sagenüberlieferung, 

Fassen  wir  diese  gesammten  Erörterungen  in  einen  Satz  zu- 
sammen, so  lautet  er  dahin,  daß  disparat  entstandene,  gewanderte 
und  verglichene  oder  verwachsene  Naturanschauungen  auf  allen  diesen 
Stadien  sich  zu  Glauben,  Bräuchen,  Sagen  fortentwickelten,  und  daß 
alle  diese  Gebilde  auf  allen  Stadien  ihrer  Entwickelung  wanderten, 
sich  mischten,  verglichen,  verwuchsen.  Hiermit  sind  wir  angelangt  bei 
der  methodischen  Fragestellung:  1.  Wie  gruppirt  sich  das  überkom- 
mene Material  (bezgl.  wie  ist  es  gruppirt  worden)?  2.  Wie  ist  es 
wissenschaftlich  zu  bewältigen? 

Die  Uberlieferuugsmasse  enthält:  1.  Volksglauben  sehr  verschie- 
dener Art:  d)  Glauben,  der  sich  direct  anschließt  an  Götter  und 
Dämonen,  an  deren  Walten  und  Persönlichkeit;  freilich  aus  sehr 
verschiedenen  Zeiten  und  auf  verschiedensten  Entwicklungsstufen; 
6)  Glauben  unangesehen  Götter  uud  Dämonen:  die  Menschen  als 
Bäume  gewachsen;  c)  Glauben  auf  der  Stufe  von  Spuk  uud  Popanzen- 


14  L.  BEER 

thum  (Schamanismas).  2.  Volksgebräuche:  entweder  rituell-ceremo- 
nieüer  Natur  oder  abgeleitetes  Amuletenthum,  Fetischismus;  die  ersteren 
theils  entsprungen  dem  Volksglauben  betreffs  Götter  und  Dämonen : 
pantomimische  Bitten,  Demüthigungen,  Lobes-  und  Dankeserhebungen  — 
theils  irgend  einer  Ideenassociation  entsprungen,  wie  das  Verbot,  bei 
Mond  wachs  thum  Bäume  zu  fällen;  die  letzteren  theils  degradirte 
Cereraonien,  ihres  rituellen  Charakters  entkleidet,  oft  unverstanden  und 
mißdeutet  oder  falsch  angewandt,  nur  im  Gerüche  der  Heiligkeit 
stehend  und  für  das  Wohlergehen  unerläßlich,  bezüglich  zu  allerlei 
Erwünschtem  verhelfend  —  theils  Amulet  gewordene  Symbole  oder 
Attribute  der  Gottheit  —  theils  aber  auch  unangesehen  irgendwelchen 
rituellen  Ursprungs  auf  natürliche  Analogieübertragung  zurückgehend; 
so  das  Durchkriechen  wachsthurasschwacher  Kinder  durch  die  Wur- 
zeln sprossender  Stämme:  es  soll  etwas  von  der  Triebkraft  übertragen 
werden.  Volksglauben  und  Volksbräuche,  soweit  sie  nichts  mit  Göttern 
und  Dämonen  zu  thun  haben,  faßte  man  zusammen  unter  dem  Namen 
Volkskunde.  3.  Prosaische  Volksüberlieferungen  einmaliger  Erleb- 
nisse, vielfach  Volkssagen  genannt:  fabulirende  Auswüchse  wirk- 
licher Begebenheiten  von  Gefühlswerth,  sei  es  einmaliger  historischer 
oder  wiederkehrender  Naturereignisse.  4.  Prosaische  Volksüberliefe- 
rungen unmöglicher,  von  Niemandem  erlebter  Wunderdinge:  die  Mär- 
chen; theils  eingewandert,  wobei  wiederum  die  angewanderten  heimi- 
schen Elemente,  die  nationalen  Anwüchse  abzuscheiden  und  für  sich 
zu  betrachten  sind  —  theils  local  erwachsen  als  Ausartung  hieratischer 
Wunder  zu  unmöglichen  Phantasmen.  Denn  dem  Märchen  als  solchen 
ist  das  unbegreiflich  Wunderbare,  das  ungezügelt  Fabulirende  wesens- 
eigenthümlich  und  Selbstzweck;  was  bei  den  Buddhisten  moralisirende 
Legende  war,  wurde  abendländisch  staunenerregende  Phantastik;  und 
ganz  dem  nämlichen  Entwicklungszustand  streben  im  Volksmund  die 
alten  Mythen  von  der  Jungfrau  auf  dem  Glasberg  und  dem  Jung- 
frauen raubenden  Drachen  zu.  5.  Poetische  Überlieferungen  von  ein- 
maligen Ereignissen  der  Götter-  und  Heldenwelt.  Sie  tragen  einen 
durchaus  individuell  dichterischen  Charakter,  werden  aber  gleichwohl 
mit  den  Volkssagen  unter  die  'Sagenkunde'  begriffen,  während  wie- 
derum die  Märchenkunde  mit  der  Volkskunde  verquickt  wird.  Hiera- 
tischer Volksglauben  und  Volksbrauch,  der  an  Götter  und  Dämonen 
anknüpft,  Volkssagen  und  poetische  Überlieferungen  hieratischen  In- 
halts werden  unter  dem  Namen  'Mythologie'  zusammengefaßt.  Also 
eine  auf  ungenügender  Kenutniß  des  Materials  beruhende  unpraktische 
Namengebung.    Denn  es  ist  klar,    daß  die  hieratischen  und  die  nicht 


ZUR  MYTHOLOGISCHEN  METHODIK.  15 

hieratischen  ISaturauscbauuiigen  für  eine  Naturgeschichte  des  mensch- 
lichen Geistes,  als  welche  jede  Geisteswissenschaft  zu  fassen  ist,  nicht 
trennbar  sind,  die  Volksbräuche  verschiedenster  Art  den  nämlichen 
psychologischen  Gesetzen  entspringen  und  alle  Arten  der  Volkssage 
den  nämlichen  Gesetzen  ihren  Eutwicklungsverlauf  verdanken.  Man 
muß  sich  bewußt  bleiben,  daß  jeder  Volksbrauch  auf  einen  Volks- 
glauben, ein  Theil  der  Volkssagen  auf  Volksglauben  und  Volksbrauch, 
die  einheimischen  Märchen  bezüglich  Märchenelemente  auf  Volks- 
glauben, -Brauch  und  -Sage  zurückgehen,  das  Sagengedicht  aber  eine 
freie  dichterische  Schöpfung  auf  Grund  eines  vorhandenen  Materials 
von  Volksglauben,  -Brauch,  -Sage  und  -Märchen  ist.  Der  Mutterboden 
dieser  Entwickelungsreihe  ist  also  der  Volksglauben,  d.  i.  eine  Summe 
von  Naturanschauungen,  welche  die  unbekannten  Naturvorgänge  nach 
Analogie  der  bekannten  auffassen:  die  Wolkenheerde  als  Lämmer- 
heerde,  den  Donner  als  Bergsturz  oder  flammerwurf,  den  Regen  als 
Brunnenwasser  oder  nährende  Kuhmilch,  den  Menschen  als  losgelösten 
Baum.  Um  ihn  zu  gewinnen,  muß  man  studiren:  1.  Die  litterarische 
Eigenthümlichkeit  jedes  Sagengedichtes:  wer  hat  es  verfaßt,  zu  wel- 
cher Zeit,  für  welches  Publikum,  auf  was  abzweckend,  aus  welchem 
Anschauungskreis,  von  wem  beeinflußt,  unter  Verwendung  welcher 
Elemente?  2.  Die  genetische  Eigenthümlichkeit  jedes  Märchens:  was 
ist  einheimisch,  was  zugewandert,  unter  Ersterem  was  typisches  Re- 
quisit, was  nach  Clustern,  was  Grundstock,  was  zusammengewandert, 
aus  was  die  überlieferten  Bestandtheile  verschoben?  3.  Die  genetische 
Eigenthümlichkeit  jeder  Volkssage,  hieratischer  wie  nicht  hieratischer: 
wie,  wo  und  wann  entwickelte  sie  sich,  unter  Mitwirkung  welcher 
psychischen,  physischen  und  historischen  Bedingungen,  unmittelbar 
anknüpfend  an  eine  Naturanschauung?  unter  Anwachsen  von  Wander- 
elementen? unter  logischen  Folgerungen  aus  gegebenen  Prämissen, 
Compromiß,  Combiuation  und  sonstigen  Fortbildungen?  mithin  eine 
Herausschälung  des  Sageukernes  unter  Feststellung  a)  der  fortbilden- 
den Elemente,  ß)  der  Gesetze  der  Fortbildung,  y)  der  Gesetze  der 
Wanderung,  d)  des  Inhaltes  der  isolirten  Grund-  und  Nebenbestand- 
theile.  4.  Das  Verhältniß  des  Volksbrauches  zum  Volksglauben  und 
das  historische  Verhältniß  der  verschiedenen  Arten  der  Volksbräuche 
zu  einander:  eine  Studie  der  pantomimischen  Ceremonic  einerseits, 
des  abergläubischen  Fetischismus  andererseits.  5.  Die  Feststellung 
und  historische  Kritik  des  überlieferten  Volksglaubens  jeder  Art,  um 
zu  gewinnen:  a)  das  Verhältniß  des  primitiven  Mythus  zu  dem  Natur- 
ereigniß;  h)  die  Gesetze  seiner  Fortbildung  zu  Fabel,  Roman,  Gyklus 


16  L.  HEER,  ZUR  MYTHOLOGISCHEN  METHODIK- 

(System,  Genealogie)  einerseits,  zu  Religion,  Cultus,  Ceremouie  anderer- 
seits. Auf  diese  Weise  wird  man  eruiren :  I.  eine  Summe  verschiedenen- 
orts  und  verschiedenzeitig  entstandener  Naturanschauungen ,  II.  die 
Gesetze,  nach  welchen  dieselben  entstehen,  und  III.  nach  welchen 
sie  sich  fortbilden.  Es  ist  dann  schon  eine  wissenschaftliche  That, 
eine  einzige  Sage  zu  isoliren  und  nach  ihrer  Natur,  Verbreitung, 
Wandelung  und  Wanderung  zu  ergründen,  einerlei,  ob  sie  älter  oder 
jünger,  hieratisch  oder  profan,  urdeutsch  oder  eingewandert,  dem 
einen  oder  dem  anderen  Gotte  zugeschrieben  sei.  Dann  sind  die  Auf- 
gaben der  Mythologie  als  der  Wissenschaft  von  den  Naturanschauungen 
hieratischer  Bedeutung  (und  ihren  Fortbildungen  in  Sage  und  Dich- 
tung) nur  lösbar  als  Theil  einer  Geisteswissenschaft,  welche  anstrebt, 
den  Gesainmtbestaud  der  überlieferten  Sagengedichte,  Sagenprosen  und 
Märchen;  Ceremonien  und  Qacksalbereien  wie  Fetischismen;  Götter- 
himmel und  Dämonenreiche  wie  Schamanismen  und  Popanzen ;  Natur- 
anschauungen hieratischen  wie  profanen  Inhalts  zu  untersuchen  auf 
die  Gesetze  ihres  Werdethums  und  ihrer  Entwickelung.  So  schwer 
für  eine  derartige  Wissenschaft  eine  umfassende  Benennung  zu  finden 
wäre,  so  bestimmt  steht  ihr  Programm  da:  wie  die  Sprachwissenschaft 
die  Sprache  als  ein  spätes  und  complicirtes  Product  einer  unabsehbar 
langen  Entwickelung  auffaßt  und  deren  Entwickelungsgesetze,  Ur- 
elemente,  spätere  Bereicherungen  zu  ergründen  sucht,  so  hat  eine 
Wissenschaft  von  Volksglauben,  -Brauch  und  -Überlieferung  das  über- 
kommene Material  (zunächst  national)  als  Entwickelungsproduct  aufzu- 
fassen und  diese  Entwickelung:  ihre  Gesetze,  die  Urelemente,  die  An- 
wüchse oder  Verschiebungen,  festzustellen;  wie  die  Sprachgeschichte 
darthut,  daß  alle  Sprachen  unserer  Völkerfamilie  einem  gemeinsamen 
Mutterboden  entwachsen  sind,  so  sind  die  nationalen  Überlieferungen 
an  Glauben,  Brauch  und  Sage  zurückzuführen  auf  einen  indoger- 
manischen gemeinsamen  Bestand  von  Urelementen;  wie  unter  den 
sprachlichen  Urelementen  verschiedene  Wurzeln  die  gleiche  Bedeutung 
aufweisen,  also  verschiedenenorts  zur  Befriedigung  eines  identischen 
Bedürfnisses  entstanden,  durch  Wanderung  Gemeingut  und  im  Com- 
promiß  verglichen  wurden,  so  haben  sich  auf  dem  Gebiete  der  Natur- 
anschauungen indogermanischer  Zeit  für  den  nämlichen  Vorgang  ver- 
schiedenenorts die  verschiedensten  Auffassungen  gebildet,  durch  Wande- 
rung vermischt,  in  Compromissen  geschlichtet  oder  innige  Verbindungen 
eingegangen;  und  so  sind  ferner  aus  der  Polydämonie  verschiedenenorts 
verschiedene  Gottheiten  von  nahezu  identischem  Gehalt  erwachsen,  die 
durch  Wanderung  von  Mund  zu  Mund  sich  zusammenfanden  und  im 
Compromiß  genealogisch  und  systematisch  vereinbart  wurden. 


O.  GLÖDE,  DER  NORDISCHE  TRISTANROMAN  etc.  17 

Eine  historisch-kritische  Zurrtckführung  der  gegebenen  hierati- 
schen wie  nicht  hieratischen  Überlieferungsmasse  an  Sage  und  Brauch, 
Glauben  und  Aberglauben  auf  ihre  Urelemente  und  Entwickelungs- 
gesetze,  ein  indogermanischer  Bestand  gemeinsamer  Urelemente,  eine 
principielle  Entwickelungsgeschichte  dieser  Elemente  zu  ihren  späteren 
Gebilden  in  Religion  und  Sagenthum:  das  ist  das  Prognostikon,  das 
dieser  Geisteswissenschaft  zu  stellen  ist. 

BERLIN,  21.  Mai  1887.  L.  BEER. 


DER  NORDISCHE  TRISTANROMAN  UND  DIE 
ÄSTHETISCHE  WÜRDIGUNG  GOTTFRIEDS  VON 

STRASSBURG. 

Bis  zum  Jahre  1878,  wo  Kölbing  den  nordischen  Tristanroman 
edirte^),  wußte  man,  daß  Gottfrieds  Tristan,  die  Bruchstücke  des  Thomas 
(bei  Fr.  Michel),  das  englische  Gedicht  und  die  nordische  Sage  im 
Allgemeinen  derselben  Tradition  folgten.  Vollständig  bekannt  gemacht 
wurde  der  nordische  Prosaroman  zuerst  von  Kölbing  und  konnte 
daher  auch  erst  von  diesem  Zeitpunkte  ab  in  Bezug  auf  seinen  Werth 
für  die  Beurtheilung  des  deutschen  Tristandichters  geprüft  werden. 
Kölbing  hat  dies  in  der  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  gethan  und  ist 
zu  einem  'Resultat  gekommen ,  welches  die  frühere  Auffassung  von 
Gottfrieds  Werk  gänzlich  verwirft.  Wegen  der  Wichtigkeit  dieses 
Urtheils  für  meine  ganze  Untersuchung  will  ich  hier  Kölbings  Worte 
vorausschicken;  er  sagt  Einleitung  p.  CXLVII  ff.:  y,Am  resultat- 
reichsten erscheint  mir  die  auf  dem  vorigen  Bogen  gebotene  Unter- 
suchung für  Gottfried  von  Straßburg  zu  sein.  Wir  wissen  jetzt  ziem- 
lich sicher,  daß  er  nach  dem  Gedichte  des  Thomas  gearbeitet  hat. 
Als  Repräsentant  für  dessen  verlorene  Abschnitte  gilt  uns  die  Saga.  — 
Jetzt  erst  sind  wir  wenigstens  annähernd  in  der  Lage,  uns  über  das 
Verhältniß  dieses  Dichters  zu  seiner  Quelle  ein  Urtheil  zu  bilden. 
Wir  können  dasselbe  dahin  zusammenfassen,  daß  Gottfried  sich  in 
Allem,  was  den  sachlichen  Inhalt  seiner  Vorlage  angeht,  peinlich 
genau  an  dieselbe  gehalten,  ja  lange  Stellen  fast  Wort  für  Wort  über- 


')  Die  nordische  und  die  englische  Version  der  Tristansage,  herausgegeben  ron 
E.  Kölbing.  I.  Theil:  Tristrams  Saga  ok  Isondor,  herausgeg.  von  E.  Kölbing.  Heil- 
bronn 1878. 

GERMANIA.    Nene  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  2 


18  O.  GLÖDE 

tragen  hat.  Modificationen  oder  Weglassungen  hat  er  sich  nur  dann 
erlaubt,  wenn  sein  für  das  wirklich  Poetische  fein  angelegter  Ge- 
schmack sich  gegen  ein  Thema  oder  einen  Ausdruck  ablehnend  ver- 
hielt, aber  selbst  dann  weist  er  uns  —  wenigstens  an  einer  Stelle  — 
selbst  darauf  hin.  Gottfried  ist,  ebenso  wie  Hartmann,  ein  feinsinniger 
Übersetzer,  nur  daß  er  freilich  die  Befähigung  hierzu  in  noch  wesent- 
lich höherem  Grade  besitzt  als  jener;  als  einen  Dichter,  welcher  in 
selbständiger  Gestaltungskraft  über  seinem  Stoffe  steht,  der  Uneben- 
heiten des  Originals  bessert  oder  ausgleicht,  die  Darstellung  modernen 
Verhältnissen  näher  bringt,  sich  volksthümlicher  zeigt,  aus  bewußter 
Welt-  und  Menschenkenntniß  ändert,  Charaktere  veredelt  im  Ver- 
hältniß  zu  seiner  Quelle,  mit  einem  Worte,  als  einen  so  idealen  und 
großen  Geist,  als  welchen  ihn  Heinzel  ^)  hinstellen  möchte,  werden  wir 
ihn  von  jetzt  ab  nicht  mehr  zu  betrachten  haben.  Diese  herbe  Ent- 
täuschung wird  nun  vielleicht  dazu  dienen,  einer  in  neuerer  Zeit  viel- 
fach vertretenen  Richtung,  als  deren  geistreichsten  und  scharfsinnigsten, 
aber  zugleich  doch  auch  wohl  am  wenigsten  maßhaltenden  Vertreter 
sich  Heinzel  in  seiner  Abhandlung  über  Gottfried  gezeigt  hat,  der 
Neigung,  denjenigen  unserer  mhd.  Dichter,  welche  nach  französischen 
Quellen  gearbeitet  haben,  diesen  gegenüber  eine  übergroße  Fülle  von 
Subjectivität  und  selbständigem  Urtheil  zu  vindiciren,  ein-  für  allemal 
ein  Ende  zu  machen.  Gerade  hier  ist  eine  pessimistische  Anschauungs- 
weise nur  allzu  gerechtfertigt.  Es  wird  sich  vielmehr  in  Zukunft  das 
Augenmerk  in  wesentlich  höherem  Grade,  als  dies  bisher  geschehen, 
auf  die  stylistischen  Unterschiede  zwischen  den  altfranz.  Quellen  und 
ihren  mhd.  Übertragungen  richten  müssen,  und  gerade  dabei  werden 
die  Vorzüge  wie  die  Schwächen  der  letzteren  in  ein  neues  und  helleres 
Licht  treten. 

„Daß  mancher  einzelne  Punkt  in  meiner  Abhandlung  strittig 
bleiben,  vielleicht  auch  manche  Einzelauffassung  als  unrichtig  nach- 
gewiesen werden  wird,  daran  zweifle  ich  keineswegs.  Die  hier  am 
Schlüsse  aufgeführten  Gesammtresultate  aber  werden  hoffentlich  un- 
anfechtbar sein." 

Kölbing  nennt  sein  Resultat  eine  herbe  Enttäuschung,  und  eine 
solche  ist  es  ohne  Zweifel,  wenn  man  betrachtet,  wie  hervorragende 
Männer  unserer  Wissenschaft  über  Gottfried  und  sein  Werk  geurtheilt 
haben. 

Der    alte  Docen    in    seinem    für    die  Werthschätzung  Gottfrieds 


')  Über  Heinzela  Arbeiten  werde  ich  später  sprechen. 


DER  NORDISCHE  TRISTANORMAN  etc.  19 

epochemachenden  Aufsatze  (Museum  für  altdeutsche  Literatur  und 
Kunst,  herausgeg.  von  v.  d.  Hagen,  Docen  u.  Büsching,  Berlin  1809) 
sagt  von  den  mhd.  Dichtern  insgesammt:  „Sie  arbeiteten  und  schufen 
mit  jenem  lebendigen  Gefühl  eigenen  Bildens,  ohne  welche  die  Poesie 
nur  ein  mühsames  Nachzeichnen,  keine  neue  Belebung  des  gegebenen 
Stoffes  gewesen  wäre.  Mit  diesem  Gefühl  wurde  von  den  griechischen 
Tragikern  und  den  Malern  Italiens  immer  derselbe  Gegenstand  er- 
neuert dargestellt,  ohne  daß  Jemand  hier  nach  dem  Verdienst  der 
ersten  Erfindung   gegeizt  hätte." 

Auch  J.  Grimm  nennt  den  Tristan  „das  anmuthigste  Gedicht  der 
Welt",  und  Maßmann  (Dichtungen  d.  d.  Mittelalters,  Bd.  II,  Einl.  p.  9, 
Leipzig  1843)  sagt  von  dem  Tristandichter:  „Er  ist  ein  Dichter  im 
ganzen  Sinne  des  Wortes,  der  seinen  Stoff  mit  vollster  Freiheit  be- 
herrschte und  gestaltete,  daß  sein  Tristan  als  durchaus  neu  und  sein 
Eigen  erschien,  ein  Werk  vorher  nicht  dagewesener  Schilderungsgabe, 
voll  lieblicher  Anmuth,  seltener  Seelenkunde  und  reichster  Gedankenr 
fülle,  ein  Werk  wahrhaft  künstlerischer  Formvollendung." 

Dann  ist  es  vor  allen  Dingen  R.  Bechstein,  der  Herausgeber 
von  Gottfrieds  und  Heinrichs  von  Freiberg  Tristan,  der  Gottfried  das 
höchste  Lob  spendet.  Schon  sein  auf  die  Herausgabe  der  Werke  des 
Meisters  und  seines  bedeutendsten  Schülers  verwandter  Fleiß  gibt  ein 
ZeugniÜ  von  seiner  Verehrung;  ausgesprochen  hat  er  dieselbe  an 
verschiedenen  Stellen  seiner  Werke.  Er  sagt  [Ausgabe  d.  Tristan,  1869, 
Einl.  p.  IV] :  „Die  Literaturgeschichte  hat  ihr  Urtheil  dahin  festgestellt, 
daß  Gottfried  von  Straßburg  als  einer  der  hervorragendsten  Dichter, 
den  Deutschland  je  geboren,  in  Ehren  zu  halten  ist,  als  ein  wirk- 
licher Classiker  unseres  Alterthums":  p.  XXXVII:  „So  spricht  und 
dichtet  niemals  ein  Übersetzer,  sondern  nur  ein  freier  Künstler." 
Bechstein  schließt  die  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  mit  den  Worten: 
„Zum  Schlüsse  sei  mir  vergönnt  den  Wunsch  auszusprechen,  daß 
meine  Bemühungen  für  dieses  goldene  Gedicht  dazu  beitragen  möchten, 
seine  Freunde  ihm  noch  näher  zu  verbinden  und  neue  Bewunderer 
ihm  zu  gewinnen." 

Ebenso  weiß  R.  Heinzel  in  seinen  beiden  ausgezeichneten  Auf- 
sätzen *)  Gottfrieds  ungemeine  Empfänglichkeit  für  die  Welt  der  Schön- 
heit,   des  Genusses   und   vor  allen  Dingen  der  Liebe,    seine  bewußte 


»)  1.  Über  Gottfried  V.  Straßburg,  Ztschr.  f.d.  österr.  Gymn.  1868,  p.  533—563. 
2,  Gottfrieds  v.  Straßburg  Tristan  und  seine  Quelle,  Ztschr.  f.  d.  Alt.  XIV  (II),  1869, 
p.  272—446. 

2* 


20  O.  GLÖDE 

Welt-  und  Menschenkenntniß,  sein  Geschick  in  der  Composition  u.  a.  m. 
nicht  genug  zu  rühmen. 

Schon  1876  sagt  R.  Bechstein  [Tristan  und  Isolt  in  deutschen 
Dichtungen  der  Neuzeit,  Anm.  3]:  „Quellenforschungen  sind  jetzt  an 
der  Tagesordnung.  Aus  ihnen  wird  später  auch  die  ästhetische  Beur- 
theilung  Gewinn  ziehen.  Es  wird  sich  immer  mehr  herausstellen,  wie 
unsere  alten  Dichter  gearbeitet  haben,  inwieweit  sie  der  Quelle  unter- 
than  und  inwieweit  sie  in  der  Benutzung  des  Stoffes  selbständig  sind. 
Manches,  was  ich  als  bezeichnend  für  die  Dichtung  der  Vorzeit  auf- 
gestellt, mag  künftighin  modificirt  werden." 

Zwei  Jahre  später  erschien  Kölbings  Buch,  und  die  Beurtheilung 
von  Gottfrieds  Werk  wurde  dadurch  nicht  in  einigen  Punkten  modi- 
ficirt, sondern  fast  umgestoßen  und  durch  eine  andere  ersetzt,  wie 
Kölbings  Worte  oben  selbst  gezeigt  haben.  In  demselben  Jahre,  wo 
Kölbing  den  nordischen  Prosaroman  edirt,  sagt  E.  Lobedanz  [Das 
französische  Element  in  Gottfrieds  von  Straüburg  Tristan,  Rost.  Diss. 
1878,  p.  7j,  der  sehr  wahrscheinlich  Kölbings  Buch  noch  nicht  kannte, 
über  das  Verhältniß  unserer  mhd.  Epen  zu  ihren  Vorbildern:  „Es 
waren  dies  keineswegs  Nachdichtungen  im  modernen  Sinne.  Diese 
haben  gleiche  oder  ähnliche  Grundlagen  wie  ihre  Vorbilder,  aber  sie 
tragen  doch  den  Stempel  einer  neuen  geistigen  Individualität.  Im 
Mittelalter  beschränkte  der  Nachahmer  sich  wesentlich  auf  eine  freie 
Übersetzung  des  Originals,  die  er  durch  eigene  Betrachtungen  sitt- 
lichen oder  psychologischen  Inhalts  glossirte." 

Gegen  diese  Ansicht  von  Lobedanz  hat  sich  schon  K.  Lüth 
[Der  Ausdruck  dichterischer  Individualität  in  Gottfrieds  Tristan,  Par- 
chim  1881,  Programm]  ausgelassen ;,  aber  Kölbings  Ansicht  erwähnt 
er  mit  keinem  Worte.  Seine  Arbeit  enthält  ein  ausgezeichnetes  Material 
zur  Widerlegung  von  Kölbing,  denn  nachdem  dieser  sich  in  so  ab- 
sprechender Weise  über  Gottfried  geäußert  hatte,  durfte  kein  späterer 
mehr  wagen,  über  den  Ausdruck  dichterischer  Individualität  in  Gott- 
frieds Tristan  zu  schreiben,  ohne  gegen  Kölbing  in  der  heftigsten 
Weise  zu  polemisiren.  Der  Einzige,  der  Kölbing  widersprochen  hat, 
ist  R.  Bechstein.  Im  „höfischen  Epos"  [Stuttgart  1881]  nennt  er  die 
von  ihm  abgedruckte  Stelle  aus  dem  Tristan  [p.  10807 — 11370]  un- 
beirrt durch  Kölbings  Resultate  eine,  die  zu  großem  Theile  in  Com- 
position und  Ausführung  das  volle  Eigenthum  des  Dichters  ist,  die 
Gottfrieds  feine  und  mit  Humor  durchwürzte  Darstellungskunst  in 
schönstem  Lichte  zeigt.''  [Einl.  p.  V].  Einleitung  p.  XXIV  spricht 
der  Verfasser  von  Kölbings  Edition  des  Prosaromans  und  seiner  Beur- 


DER  NORDISCHE  TRISTANROMAN  etc.  21 

theilung  des  Tristan  und  sagt:  „Ich  begnüge  mich  dieses  in  meinen 
Augen  durchaus  falsche  und  ungerechtfertigte  Urtheil  hier  einfach 
anzuführen.  Zur  Polemik  und  Widerlegung  ist  hier  nicht  der  Ort." 
Bewiesen  hat  Bechstein  diese  Behauptung  nirgends.  Ich  will  nun  in 
der  folgenden  Untersuchung  Kölbings  Einleitung  genau  durchprüfen 
und  sehen,  ob  seine  Resultate  als  endgiltig  entscheidende  anzusehen 
sind.  Er  gibt  ja  selbst  zu,  „daß  mancher  Punkt  strittig  bleiben,  manche 
Einzelauffassung  als  unrichtig  nachgewiesen  werden  kann",  aber  wie 
steht  es  dann  mit  dem  unanfechtbaren  Gesammtresultat?  Wenn  es 
gelingen  sollte,  mehrere  Auffassungen,  die  sich  auf  die  ästhetische 
Würdigung  von  Gottfrieds  Werk  beziehen,  als  unrichtig  nachzuweisen, 
würde  der  alte  Sänger  von  Straßburg  dann  nicht  in  ganz  anderem 
Licht  erscheinen,  wäre  dann  die  „pessimistische  Anschauungsweise" 
noch  gerechtfertigt?  Quellenuntersuchungen  wie  die  Kölbings  haben 
schon  oft  umgestaltend  auf  die  Auffassung  einzelner  Autoren  gewirkt, 
sei  es  in  Bezug  auf  die  Größe  derselben  vernichtend  oder  ihren  Ruhm 
steigernd,  immer  aber  müssen  sie  sorgfältig  geprüft  werden.  So  ist 
es  auch  in  unserem  Fall;  Kölbings  Urtheil,  das  er  sich  durch  gründ- 
liches philologisches  Studium  erworben  hat,  ist  da,  es  muß  von  allen 
Seiten  angesehen  werden  und  ist  zu  acceptiren,  wenn  es  nicht  widerlegt 
werden  kann,  unbekümmert  um  persönliche  Vorliebe  für  Gottfried  und 
sein  Werk. 

Zunächst  werden  wir  auf  einen  Unterschied  in  der  Behandlung 
des  Stoffes  geführt,  bei  Gottfried  Poesie,  im  nordischen  Prosaroman 
Prosa.  Gottfrieds  melodische  Sprache,  sein  bilderreicher  Stil  ist  öfters 
Gegenstand  der  Untersuchung  geworden.  Ist  nicht  auch  die  äußere 
Form  maßgebend  bei  der  ästhetischen  Beurtheilung  seines  Gedichtes? 
Koberstein  sagt  einmal:  „In  der  mhd.  Poesie  wird  in  der  besten 
Zeit  Alles  individuell  beseelt,  mannigfaltig  in  Ausdruck  und  Wen- 
dung, die  Perioden  sind  kunstreich  und  geschmackvoll  gebaut  und 
der  Stil  der  Natur  des  Stoffes  angepaßt  trägt  dabei  das  Gepräge 
der  besonderen  Persönlichkeit  des  Dichters."  Also  auch  nach  dieser 
Seite  hin  erkennen  wir  die  charakteristische  Richtung  der  mittelalter- 
lichen Dichtweise.  Es  soll  darum  hier  eine  Darlegung  folgen ,  inwie- 
weit auch  die  Form",  in  der  uns  Gottfried  sein  Gedicht  hinterlassen 
hat,  sein  individuelles  Gepräge  trägt,  und  in  dieser  Beziehung  bringt 
die  Arbeit  von  Lüth  ein  schätzenswerthes  Material.  Gottfried  nimmt, 
was  seine  Sprache  ihm  bietet,  und  in  besonderer  Herrschaft  und 
Überlegenheit  bedient  er  sich  derselben.  Zierlich  und  leicht  gleitet 
seine    Rede    dahin,     sich    dem    Gange    der    Erzählung    anschmiegend; 


22  O.  GLÖDE 

WO  er  betrachtend  und  reflectirend  den  Stoff  ausdehnt,  da  geht 
auch  sein  Redestrom  breitere  ^Bahnen.  Sein  Ausdruck  ist  scharf 
und  treffend,  die  Fülle  und  der  Reichthum  an  Worten  bewunderungs- 
würdig. Die  Verbindung  allitterirender  Worte,  die  Anapher,  der 
Chiasmus,  das  Asyndeton,  Gottfrieds  weit  ausgedehnte  Synonymik,  die 
Wortzusammensetzungen,  Alles  wird  bei  Lüth  eingehend  besprochen, 
und  Gottfrieds  meisterhafte  Anwendung  aller  dieser  Mittel  hervor- 
gehoben. Eine  solche  Sprache,  ein  solcher  Stil  reift  nur  durch  jahre- 
lange Übung  heran  (Bechstein,  Einl.).  Wie  sein  Stil,  wie  seine  Worte, 
so  tragen  auch  die  Verse,  zu  denen  er  sie  vereinigt,  das  individuelle 
Gepräge  des  Meisters.  Er  hat  es  verstanden ,  sie  zu  schönen,  reinen, 
leicht  dahingleitenden  Paaren  zu  verbinden,  mehr  als  einer  der  Kunst- 
genossen. Die  Reinheit  der  Reime,  die  bei  Gottfried  geradezu  bewun- 
dernswürdig ist,  die  zahlreichen  rührenden  Reime  verrathen  auf  Schritt 
und  Tritt  den  Künstler.  Besonders  ist  es  auch  die  Reimbrechung,  die 
Gottfrieds  Versen  jene  Lebendigkeit  verleiht,  die  jeden  Leser  stets 
wieder  mit  neuem  Vergnügen  erfüllt').  Dies  Alles  erwähnt  Kölbing 
mit  keiner  Silbe,  als  ob  jeder  beliebige  Mensch  der  mhd.  Periode 
dies  auch  hätte  ausführen  können.  Ein  Übersetzer  war  sicherlich  nicht 
im  Stande,  ein  solches  Werk  zu  ^schaffen.  Kölbings  Buch  ist  eine 
peinliche,  streng  wissenschaftliche  Vergleichung  der  nordischen,  eng- 
lischen und  deutschen  Version  der  Tristansage,  und  als  solche  ist  sie 
von  der  höchsten  Bedeutung,  aber  bei  einer  ästhetischen  Beurtheilung 
von  Gottfrieds  Tristan  müssen  alle  von  mir  bisher  erwähnten  Momente 
in  Betracht  gezogen  werden.  Wir  werden  am  Schlüsse  dieser  Unter- 
suchung sehen,  ob  und  wie  sie  das  Gesammtresultat  verändern. 

Vor  allen  Dingen  war  es  Gottfrieds  Sache^  seinen  Stoff  aus  der 
großen  Menge  der  vorhandenen  Sagenkreise  auszuwählen.  Wenn  er 
auch  nicht  mit  dem  Namen  „Dichter"  zu  bezeichnen  wäre,  so  liegt 
doch  immerhin  ein  kleines  Verdienst  darin,  daß  er  als  feinsinniger 
Übersetzer  sich  einen  Stoff  wählte,  der  von  so  allgemeinem  Interesse 
war,  dali  seine  poetische  Reproduction  der  Vorlage  auf  Tlieilnahme 
beim  Publikum  rechnen  durfte.  Dies  ist  ihm  nun  im  vollsten  Um- 
fange gelungen,  seine  Zeitgenossen  hielten  ihn  für  einen  großen 
Dichter,  ja  sie  lasen  sein  Werk  auch,  was  die  vielen  Handschriften 
bis  ins  15.  Jahrh.  reichend  beweisen.  Er  fand  im  Mittelalter  zwei  Fort- 


')   Über    dieses    ästhetisch    schöne    Princip    der   Reimbrechung    werde    ich    im 
Znsammenhang  iu  dieser  Zeitschrift  sprechen. 


DER  NORDISCHE  TRISTANROMAN  etc.  23 

Setzer,    und    in    der  Neuzeit    haben  Männer    wie  Immermann,    Kurz, 
R.  Wagner  u.  A.  den  Stoff  nicht  verschmäht. 

Eine  andere  Frage,  die  mir  am  wichtigsten  erscheint,  ist  die, 
ob  der  nordische  Prosaroman,  der  sicher  Gottfrieds  Tradition  vertritt, 
überhaupt  in  vollem  Sinne  als  competent  anzusehen  ist,  um  von  ihm 
Rückschlüsse  auf  den  deutschen  Tristan  zu  machen.  Es  ist  zu  be- 
denken, daß  er  selbst  nur  das  Spiegelbild  des  Originals  ist;  wir  ver- 
gleichen also  nur  zwei  Überarbeitungen  eines  nicht  vorhandenen  Ori- 
ginals  mit  einander    und    schließen    daraus  auf  den  Werth  der  einen. 

Der  nordische  Prosaroman  ist  1226  aus  dem  Französischen  über- 
tragen, uns  nur  in  wenigen  Bruchstücken  in  einer  Membrane  des 
15.  Jhd.  erhalten,  während  die  Sage  vollständig  nur  in  einer  Papier- 
handschrift des  17.  Jhd.  aufbewahrt  ist.  Diese  Thatsache  hat  Kölbing 
nicht  berücksichtigt,  aber  bei  der  Wichtigkeit  der  Frage  —  ein  bisher 
als  gottbegnadet  bezeichneter  deutscher  Dichter  wird  zum  „geistreichen 
Übersetzer"  degradirt  —  darf  man  sie  nicht  aus  den  Augen  lassen, 
um  gerecht  zu  urtheilen.  Bei  allen  Schlüssen  ist  zu  beachten,  daß  das 
französische  Original  allein  unanfechtbare  Folgerungen  gestattet.  Aber 
vielleicht  ist  dasselbe  auf  ewig  verloren,  und  Kölbings  Edition  bleibt 
immerhin  eine  verdienstvolle  Leistung.  Sie  zeigt  uns,  |daß  Gottfrieds 
Gedicht  sich  in  allen  wichtigen  Punkten  an  das  französische  Original 
anschloß,  und  dies  wußten  wir  allerdings  auch  vorher.  Gottfried 
selbst  sollte  neue  Züge  erfunden  haben?  Dann  wäre  er  allerdings  kein 
mhd.  Dichter,  er  stände  da  wie  ein  einsamer  Fels  im  Meer,  einzig 
in  seiner  Zeit.  Man  muß  doch  bei  der  Beurtheilung  eines  Dichters 
an  erster  Stelle  die  Zeitverhältnisse  betrachten ,  unter  denen  er  lebt. 
Was  einem  ganzen  Zeitalter  widerspricht,  ist  von  vornherein  mit 
Vorsicht  aufzunehmen  und  hat  sich  noch  in  den  meisten  Fällen  als 
unhaltbar  erwiesen.  Gottfried  wie  alle  mhd.  Dichter  thut  sich  im 
Gegentheil  viel  darauf  zu  Gute,  daß  er  seiner  Quelle  so  genau  folgt, 
besonders  anderen  Traditionen  gegenüber,  die  er  als  minder  schön 
erkannt  hat. 

Also  der  Werth  des  nordischen  Prosaromans  scheint  mir  von 
vornherein  für  eine  Werthschätzung  von  Gottfrieds  Tristan  sehr  gering 
zu  sein.  Im  Folgenden  will  ich  die  Vergleichung  der  Prosabearbei- 
tung mit  dem  Gedicht  Gottfrieds  vornehmen  und  die  Schlüsse  Kölbings 
prüfen,  die  dieser  aus  der  Vergleichung  gezogen  hat. 

Der  Prosaroman  sagt  in  der  Einleitung,  daß  die  Geschichte  von 
Tristram  und  der  Königin  Isond  im  Jahre  1226  p.  Chr.  auf  Befehl 
des  Königs  Hakon    vom  Bruder  Robert    aufgezeichnet   sei    und  zwar 


24  O.  GLÖDE 

in  norwegischer  Sprache.  Gottfrieds  Einleitung  umfaßt  die  Verse 
1 — 242,  und  in  diesen  wenigen  Eingangsstrophen  liegt  eine  ungeheuere 
Menge  von  Lebenserfahrung  und  dichterischem  Genie.  Eine  Quelle, 
woraus  Gottfried  hätte  schöpfen  können,  lag  hier  sicherlich  nicht 
vor,  diese  Strophen  sind  sein  unantastbares  Eigen thura,  hier  ist  er 
sicher  kein  „geistreicher  Übersetzer" ;  und  an  solchen  Stellen  können 
wir  ja  gerade  sein  Dichtertalent  erkennen,  wo  er  frei  mit  seiner  Sprache 
schaltet  ohne  Rücksicht  auf  die  franz.  Vorlage.  Er  wendet  sich  au 
die  Guten  und  Edelgesinnten,  daÜ  sie  die  Kunst  fördern  helfen  und 
das  Verdienst  anerkennen,  denn  nur  durch  Anerkennung  entwickelt 
es  sich. 

V.    17:     Tiur  unde  wert  ist  mir   der  man 
der  guot  und  übel  betrahten  kan, 
der  mich  und  iegelichen   man 
nach   sinem  werde   erkennen   kan. 

Darauf  tadelt  Gottfried  solche,  die  durch  Verkleinerungssucht  alles 
Verständniß  und  jede  Fähigkeit  der  Beurtheilung  auslöschen;  er  selbst 
dichtet  für  die  edle  W^elt 

A,    59:     diu  sament  in   einem   herzen   treit 
ir  süeze  sür,   ir  liebez  leit, 
ir  herzeliep,   ir  senede  not, 
ir  liebez  leben,  ir  leiden  tot, 
ir  lieben  tot,   ir  leidez  leben. 

Er  schreibt  uns  sein  Gedicht  zur  Kurzweil  und  Freude;  das  ist  schöne 
und  edle  Freude,  sich  betrachtend  und  mitfühlend  hingeben  dem 
Schicksale  derer,  die  einst  waren. 

Dann  kommt  der  Dichter  auf  sein  Thema,  die  Geschichte  der 
beiden  Senedaere,  „die  reine  sene  wol  täten  schin,  ein  senedaere,  ein 
senedaerin." 

Wer  immer  diese  Einleitung  zu  Gottfrieds  Tristan  mit  jenem 
Verständniß  liest,  das  er  selbst  für  gute  Bücher  verlangt,  kann  dem 
deutschen  Sänger  weder  Originalität,  noch  Anmuth  in  der  Rede,  noch 
einen  tief  sittlichen  Charakter  absprechen.  Jedenfalls  wird  er  nach  der 
Leetüre  dieser  wenigen  Verse  es  für  seine  heiligste  Pflicht  halten,  allen 
Anschauungen,  welche  Gottfried  zu  einem  Übersetzer  machen  wollen, 
nicht  eher  zu  glauben,  als  bis  er  sich  durch  den  Vergleich  über- 
zeugt hat. 

Kölbing  sagt  p.  XVII  über  diese  Einleitung  zum  Tristan:  „Diese 
ergibt  für  unseren  Zweck  nichts",  was  ganz  richtig  ist,  da  er  ja  nur 
nach  Übereinstimmungen  zwischen  dem  englischen  Tristan,  Gottfrieds 


DER  NORDISCHE  TRISTANROMAN  etc.  25 

Werk  und  der  nordischen  Sage  sucht;  aber  für  das  letzte  Urtheil 
über  den  Werth  des  deutschen  Dichters  hätte  gerade  diese  Einleitung 
nebst  den  übrigen  von  mir  schon  erwähnten  Punkten  berücksichtigt 
werden  müssen.  Ich  bin  überzeugt,  daß  die  gerechte  Würdigung  dieser 
Einleitung  allein  schon  das  Endurtheil  zu  Gunsten  Gottfrieds  ver- 
ändert hätte,  wenigstens  Achtung  erweckt  hätte  für*  den  Mann,  der 
sich  in  der  folgenden  Erzählung  nur  als  „geistreicher  Übersetzer" 
präsentirte. 

Schreiten  wir  nun  zur  Vergleichung  einzelner  Partien  aus  dem 
Tristan  und  der  nordischen  Sage.  Gottfried  beginnt  v.  243  die  Ge- 
schichte Riwalins  und  Blancheflürs. 

Ein   hörre  in  Parmenie  was,  S  *). 

Der  järe   ein  kint,   als   ich   ez   las:  A  Bretlandi  var  eitt  ungmenni, 

der  wag,    als  uns   diu  wärheit  hinn     fridasti     madr    ä    likamans 

an   siner  äventiure   seit,  fegrd,     hinn    vildasti  rikra  gjafa, 

wol   an  gebürte  künege  genoz,  oflugr    ok    audugr    rikra    kastala 

an   lande  forsten   ebengröz,  ok     borga,     koenn     til     mangrar 

des   libes   schoene  und  wunneclich,  kunnattu,     hinn    roskvasti  at  rid- 

getriuwe,  küene,   milte,   rieh;  daraskap ,   hinn  »ruggasti    at  all- 

und   den   er  fröude   solte   tragen,  skonar  drengskap     etc. 

den  was  der  herre  in  sinen  tagen 
ein  fröude  berndiu  sunne. 
er  was   der  werlde   ein  wunne, 
der  ritterschefte   ein   lere, 
siner  rnäge   ein  ere, 
sines    landes  zuoversiht. 

Gerade  an  dieser  Stelle,  wo  es  sich  um  die  Beschreibung  von 
allen  möglichen  Eigenschaften  eines  mächtigen  Fürsten  handelt,  kann 
man  die  Unterschiede  deutlich  darlegen.  Der  Prosaroman  beginnt 
mit  der  Hervorhebung  der  äußeren  Schönheit,  die  ja  auch  Gottfried 
als  mhd.  Dichter  durchaus  nicht  zu  erwähnen  vergißt  (v.  249:  „des 
llbes  schöne  und  wunneclich").  In  plastischer  Weise  erklärt  er  das 
„h§rre"  durch  „an  gebürte  künege  genoz,  an  lande  fürsten  ebengröz." 
Das  „künec"  geht  an  dieser  Stelle  auf  die  Geburt,  das  „fürste"  auf 
die  Herrschaft,  und  die  Wirkung  liegt  darin,  daß  die  Vergleichung 
im  zweiten  Glied  gesteigert  wird.  Der  Prosaroman  schildert  die  Vor- 
züge des  Riwalin  in  concreten  Ausdrücken:  „reich  an  Kastellen  und 
Städten,   bewandert  in  manchen  Kenntnissen    u.  s.  w."     So  etwas  er 


*)  Ich  gebe  den  Text  hier  ganz  genau  nach  Kölbings  Ausgabe;  einzelne  Be- 
merkungen über  Stellen,  wo  meiner  Ansicht  nach  anders  zu  lesen  ist,  werde  ich  am 
anderen  Orte  bringen. 


26  0.  GLÖDE,  DER  NORDISCHE  TRISTANROMAN  etn. 

zählt  Gottfried  nicht,  aber  die  weitreichende  Macht  und  die  Vorzüge 
des  Kanelengres  werden  uns  ebenso  klar  —  nur  in  schönerer  Form  — 
vorgeführt. 

Es  ist  nicht  meine  Absicht,  den  ganzen  Tristan  und  den  nor- 
dischen Roman  in  dieser  Weise  zu  vergleichen;  daß  Gottfrieds 
feinfühlige  Art  der  Darstellung,  sein  hoher  poetischer  Sinn  überall 
die  Sage  übertreffen ,  wird  wohl  keiner  ernstlich  leugnen.  Ich  will 
nur  noch  kurz  auf  diejenigen  Stellen  hinweisen,  die  sein  volles  Eigen- 
thum  sind,  wo  an  „Übersetzung"  schon  deshalb  nicht  zu  denken  ist, 
weil  das  Original  [und  dessen  schlechter  Abklatsch,  der  Prosaroman] 
den  Dichter  im  Stich  ließen.  So  ist  die  Schwertleite  voll  poetischen 
Schwungs.  Da  sich  hier  natürlich  keine  Vergleichungspunkte  finden, 
so  wird  bei  Kölbing  die  ganze  Stelle  übergangen,  bei  der  Würdigung 
eines  Dichtwerkes  sind  aber  gerade  dies  die  besten  Stellen,  wo  der 
Verfasser  aus  eigener  Kraft  schafft.  Gottfried  geht  hier  seinen  eigenen, 
ganz  originellen  Weg.  Ebenso  sagt  Kölbing  nichts  über  die  „Jagd" 
(v.  2757 — 3376).  Auch  hier  sehen  wir,  was  Gottfried  aus  seiner 
Vorlage  zu  machen  verstand,  wenn  überall  der  Prosaroman  dieselbe 
einigermaßen  wiedergibt,  was  ich  für  durchaus  unmöglich  halte. 
Die  Worte  der  nordischen  Sage  klingen  so  trivial  als  möglich ,  das 
Gespräch  des  Jägermeisters  mit  Tristan  fehlt,  und  doch  ist  nichts 
natürlicher,  als  daß  —  wie  bei  Gottfried  —  sie  den  Fremdling  nach 
seiner  Heimat  fragten,  worauf  Tristan  dann  antwortet: 

V.   3094:      „jensit  Britauje  lit  ein  laut, 
deist  Parmenie  genant: 
da  ist  min  vater  ein  koufman." 

Ich  könnte  noch  manche  Stellen  anführen,  wo  Kölbing  selbst  die 
Überlegenheit  Gottfrieds  zugibt,  die  Beschreibung  der  „Minne- 
grotte" ist  ein  wahres  Meisterstück.  Auch  nach  Kölbing  hat  der  Saga- 
schreiber oftmals  die  Feinheit  des  Ausdrucks  zerstört,  Heinzel  hat 
oft  recht,  wenn  er  Änderungen  Gottfrieds  auf  dessen  individuelles 
Gefühl  zurückführt. 

Die  Vergleichung  jeder  Stelle  von  Gottfrieds  Tristan  mit  der 
entsprechenden  des  Prosaromans  wird  den  Werth  des  deutschen  Epos 
nur  noch  heben;  auf  jeden  Fall  werden  dadurch  Kölbings  Ansichten 
an  vielen  Stollen  raodificirt  und  umgestoßen,  und  wie  steht  es  dann 
mit  dem  Endurtheil  über  den  Tristan  Gottfrieds?  Es  ist  seinem  Haupt- 
inhalt nach  unhaltbar  und  falsch.  Gottfried  behält  die  Stellung  inner- 
halb der  mhd.  Glanzperiode,  die  ich  im  Eingange  dieser  Untersuchung 
charakterisirt    habe,    denn    der    nordische  Roman    ist   durchaus    kein 


K.  HARTFELDEE,  DEUTSCHE  ÜBERSETZUNG  V.  CICEROS  CATO  etc.  27 

Repräsentant  der  französischen  Vorlage ;  wäre  er  dies,  so  würde  Gott- 
fried in  ein  noch  höheres  Licht  treten;  dann  dürften  wir  ihn  nicht 
mehr  einfach  einen  großen  Dichter  nennen ,  sondern  einen  gott- 
begnadeten Sänger  unserer  deutschen  Vorzeit,  und  sein  Werk  würde 
das  beste,  was  das  Mittelalter  hervorgebracht  hat,  übertreffen.  Bevor 
die  französische  Vorlage  vollständig  vorliegt,  sind  aber  auch  solche 
Lobpreisungen  unberechtigt,  mehr  aber  noch  die  absprechenden  Ur- 
theile  jener  Kritiker,  auf  die  ich  Gottfrieds  Worte  anwenden  möchte 
(Trist.  29-32): 

„Ir  ist  so   vil,    die   des  uu  pflegent, 

daz   si   daz   guote   z'  übele   wegent, 

daz  übel   wider  ze   guote   wegent: 

die   pflegent  niht,   si  widerpflegent." 
WISMAR  i.  M.  O.  GLÖDE. 


EINE  DEUTSCHE  ÜBERSETZUNG  VON  CICEROS 
CATO  AUS  DER  HUMANISTENZEIT. 


Die  Heidelberger  Universitätsbibliothek  besitzt  eine  Papierhand- 
schrift (cod.  Pal.  Germ.  469),  welche  auf  den  97  ersten  Blättern  eine 
deutsche  Übersetzung  von  Ciceros  Cato  enthält.  Die  Handschrift 
selbst  gibt  keinen  Namen  für  den  Übersetzer  an,  sondern  auf  das 
erste  gänzlich  leere  Blatt  folgt  sofort  der  Anfang  der  Übersetzung 
selbst. 

Bis  jetzt  galt  die  Übersetzung  als  wahrscheinlich  von  Jakob 
Wimpfeling,  dem  bekannten  Schlettstadter  Humanisten,  herrührend. 
So  sagt  schon  Friedrich  Wilken:  „Cicero  vom  Alter,  wahrscheinlich 
von  Jakob  Wimpfeling  von  Sclilettstadt  übersetzt,"  *)  Von  Wilken  ging 
diese  Ansicht  in  Goedekes  Grundriß  über'^),  und  ich  selbst  schloß 
mich  dieser  Meinung  an  in  meiner  Arbeit:  Deutsche  Übersetzungen 
classischer  Schriftsteller  aus  dem  Heidelberger  Humauistenkreis  (Heidel- 
berg. Progr.  1884),  S.  10  u.  34,  wobei  ich  jedoch  das  „wahrscheinlich« 
immer  betonte. 

Der  einzige  Grund,  weshalb  man  Jakob  Wimpfeling  als  den 
muthmaßlichen  Übersetzer  annahm,  war  der  Umstand,  daß  sich  unmittel- 


')  Geschichte  der  Bildung,  Beraubung  und  Vernichtung  der  alten  Heidelbergi- 
schen Büchersammlungen  (Heidelberg  1817),  S.  484. 

')  Grundriß  der  deutschen  Dichtung  IP,  S.  412,  Nr.  59. 


28  K.  HARTFELDER 

bar  an  die  Übersetzung  des  ciceronischen  Cato  eine  deutsche  Epistel 
Wimpfelin^s  an  Friedrich  von  Dalberg  anschloß  '),  die  eine  Dedication 
zu  einer  Übersetzung  des  Beroaldus  De  tribus  fratribus  sein  sollte, 
von  welcher  Schrift  aber  nur  das  Argument  aufgenommen  ist,  während 
die  Schrift  selbst  fehlt.  Man  glaubte,  daß  auch  der  ciceronische  Cato 
von  Winapfeling  übersetzt  sein  müsse,  weil  die  unmittelbar  folgende, 
Schrift  seinen  Namen   nannte. 

Nun  ist  aber  klar,  daß  dieser  Schluß  keine  zwingende  Kraft  hat. 
Weil  die  zweite  Übersetzung  auf  Wimpfeling  zurückgeht,  braucht  die 
erste  deshalb  nicht  auch  von  ihm  zu  sein.  Wollte  man  dagegen  an- 
führen, daß  die  ganze  Handschrift  von  derselben  Hand  geschrieben, 
so  ist  dies  allerdings  richtig.  Aber  die  Hand  ist  nicht  die  Wimpfelings. 
Der  Schreiber  der  Handschrift  und  Wimpfeling  sind  sicher  verschieden. 
Zwar  ist  das  Alter  des  Codex  nicht  sicher  zu  constatiren.  Er  gehörte 
ehemals  zur  Bibliothek  des  Kurfürsten  Ottheinrich  von  der  Pfalz 
(1556 — 1559),  wie  das  in  Gold  gepreßte  Bild  des  Kurfürsten  und  die 
Jahreszahl  1558  auf  dem  vorderen  Deckel  zeigt.  Auch  die  Züge  der 
Schrift  weisen  in  das  16.  Jahrhundert.  Aber  eine  genauere  Datirung 
ist  aus  Mangel  an  Anhaltspunkten  nicht  möglich. 

Daß  aber  Wimpfeling  die  fragliche  Schrift  Ciceros  übersetzt 
hätte,  dafür  existirt  keine  sonstige  zuverlässige  Angabe.  Nun  aber 
braucht  der  Übersetzer  des  Cato  gelegentlich  das  Zeitwort  „sein"  zum 
Zwecke  einer  Umschreibung  der  flectirten  Formen  des  Verbums;  er  sagt 
also:  sie  sin  (=  sind)  sich  gesellen  =  sie  gesellen  sich  etc.  Gegen 
diesen  Mißbrauch  der  Copula  eifert  aber  Wimpfeling  in  einem  Briefe 
an  Jakob  Boll  als  gegen  eine  schwäbische  Unart,  welche  die  Rhein- 
länder nicht  hätten,  folgendermaßen:  Sic  etenim  dicunt  illi  illepidi 
concionatores  (er  meint  die  Schwaben).  Dixit  Jesus,  ibat,  ambulabat, 
sanabat,  docebat,  respondebat.  Der  herre  was  sprechen,  er  was  gon, 
er  was  wandelen,  er  was  gesunt  machen,  er  was  leren,  was  antwurten, 
sicque  de  innumerabilibus:  Ubi  simplex  verbum  Germanicum  sufficeret : 
Der  her  sprach,  Er  gieng,  Er  wandelt,  Er  macht  gesunt,  Er  leret,  Er 
antwurt  etetc'').  Schwerlich  wird  Wimpfeling  in  einen  Fehler,  den  er 
selbst  so  hart  tadelt,  verfallen" sein.  Daher  scheint  mir  die  fragliche 
Übersetzung  trotz  Wilken  und  Goedeke  im  Index  der  Wimpfeling'schen 
Schriften  zu  streichen. 


')  Dieselbe  ist  ganz  mitgetheüt  in  meiner  erwäFinten  Arbeit,  S.  32. 

')  Der  Briet",  welcher  in  Wimpfelings  Schrift  „De  inepta  superflua  verborum 
resolucione  etc."  steht,  wurde  durch  Crecelius  wieder  abgedruckt  in  Biriingers  Ale- 
mannia XII  (1884),  8.  45. 


EINE  DEUTSCHE  ÜBERSETZUNG  VON  CICEROS  CATO  etc.  29 

Von  wem  aber  soll  nun  die.  Übersetzung  herrühren?  Ich  glaube 
eine  neue  Spur  gefunden  zu  haben.  Der  Friedrich  von  Daiberg,  für 
welchen  Wimpfeling  die  Schrift  des  Beroaldus  tibersetzte,  welche 
ursprünglich  nach  unserer  Cato-Übersetzung  gestanden  hat,  ist  der 
jüngere  Bruder  von  Johann  von  Daiberg,  genannt  Camerarius,  dem 
Bischof  von  Worms  und  Kanzler  der  Pfalz,  dem  humanistisch  ge- 
bildeten Mäcen  der  rheinischen  Humanisten.  Nun  weist  Karl  Morne- 
weg  in  seiner  Monographie  über  Johann  von  Daiberg  ')  nach,  daß 
für  Friedrich  von  Daiberg  der  Oppenheimer  Stiftspfarrer  Johann  Gott- 
fried von  Odernheim,  der  eine  Pfründe  bei  St.  Katharina  zu  Oppen- 
heim hatte,  17  Übersetzungen  classischer  und  humanistischer  Schrift- 
steller ins  Deutsche  angefertigt  hat.  Unter  dieser  erscheint  neben 
anderen  Schriften  Ciceros,  wie  De  fato  (nicht  De  divinatione,  wie 
Morneweg  meint)  und  Paradoxa,  auch  eine  Übersetzung  von 
Ciceros  Cato  von  1491.  Die  Übersetzungen  Johann  Gottfrieds 
standen  in  einer  Handschrift,  welche  ehemals  zur  Bibliothek  des  Dr. 
Kloß  von  Frankfurt  a.  M.  gehörte,  dann  1835  in  London  versteigert 
wurde  und  seither  verschwunden  ist,  die  aber  möglicherweise  noch  in 
einer  nicht  beachteten  englischen  Bibliothek  steckt. 

Die  Vermuthung  liegt  nahe,  daß  wir  in  der  Heidel- 
berger Handschrift  eine  Abschrift  der  Gottfriedschen 
Übersetzung  besitzen. 

Daß  in  der  That  eine  Beziehung  unserer  Handschrift  zu  den 
Gottfriedschen  Übersetzungen  vorhanden  ist,  macht  noch  eine  andere 
Thatsache  wahrscheilich.  Die  deutsche  Handschrift  451  der  Heidel- 
berger Universitätsbibliothek,  welche  ebenfalls  Übersetzungen  latei- 
nischer Autoren  ins  Deutsche  enthält,  ist  von  derselben  Hand  geschrieben 
wie  Cod.  Pal.  Germ.  469  und  gehörte  auch  einst  in  die  Bibliothek 
Ottheinrichs ").  Der  ganze  Inhalt  dieser  zweiten  Heidelberger  Hand- 
schrift deckt  sich  aber  mit  einzelnen  Nummern  der  zur  Zeit  verlorenen 
Kloßschen  Handschrift  mit  den  Gottfriedschen  Übersetzungen:  Cod. 
Pal.  Germ.  469.  f.  1 — 29  =  Kloß  nr.  17  (Isokrates  TCQog  ^rj^övLxov)^ 
CPG.  f.  30—73  =  Kloß  nr.  1  (Cicero  de  fato),  CPG.  f.  74—88  = 
Kloß  nr.  8  (Aristoteles  von  den  häuslichen  Dingen),  CPG.  f.  89 — 132 
=  Kloß  nr.  14  (Lukian  Charon),  CPG.  f.  182-231  =  Kloß  nr.  9 
(Aristoteles  von  den  Sitten).  Es  wird  niemand  glauben,  daß  eine  so 
auffallende  Übereinstimmung  reiner  Zufall  ist. 

')  Johann  von  Daiberg,  ein  deutscher  Humanist  und  Bischof  (Heidelberg  1887), 
S.   20. 

')  Das  Genauere  darüber  in  meinem  Programm  S.  11  H. 


30  K.  HÄRTFELDER,  DEUTSCHE  ÜBERSETZUNG  V.  CICEROS  CATO  etc. 

Wenn  es  nun  höchst  wahrscheinlich  ist,  daß  unsere  Übersetzung 
von  Ciceros  Cato  identisch  ist  mit  der  einstweilen  verlorenen  Über- 
setzung Gottfrieds  in  der  Kloß  sehen  Handschrift,  so  hätten  wir  in 
dieser  1491  entstandenen  Übersetzung  zugleich  die  älteste  deutsche 
Übersetzung  von  Ciceros  Cato.  Denn  nach  Degen  ^)  ist  die  älteste 
gedruckte  Übersetzung  von  Cato  die  von  Kaplan  Johann  Neuber  zu 
Schwartzenberg  1522  in  Augsburg  erschienene. 

Für  den  Fall,  daß  die  erwähnte  Handschrift  noch  irgendwo  vor- 
handen ist,  dürfte  es  aber  von  Wert  sein^  die  etwaige  Identität  mit 
der  Heidelberger  zu  constatieren,  und  zu  diesem  Zwecke  möge  es 
gestattet  sein,  das  Ende  der  Heidelberger  handschriftlichen  Über- 
setzung hierher  zu  setzen  ^) : 

[Fol.  94.'']  Darzu  so  ruwet  mich  auch  nit,  das  ich  etwan  han 
gelebt;  dann  ich* acht  mich  also  gelebt  han,  das  ich  nit  vmb  sunst 
oder  vnnutzlichen  sy  geborn  gewesen,  vnnd  bin  vss  disem  leben  als 
vss  einer  herbergen  vnd  nit  als  vss  einem  huss  abgeschaiden,  wan 
die  natur  halt  uns  gegeben  ein  offenn  huss  zu  rasten,  mit  stettiglich 
zu  wonen.  O  den  erlichen  tag,  so  ich  werde  komen  inn  dise  gotliche 
geselschafft  der  geist  vnnd  von  diser  vnruwigen  vnnd  vnreynigen 
befleckung  abscheyden;  wan  ich  werde  komen  zu  den  erlichen  männer, 
von  den  ich  wenig  hiefur  han  gesagt,  sonder  auch  zu  meynem  kathoni, 
dem  da  in  den  dogenden^)  grosser  vnnd  in  gutigkeit  vbertrefFlicher 
keiner  nye  ist  funden  worden,  des  dotter  lib  von  mir  ist  verbrant 
eelichen  das  sich  vil  mehn  het  gezemet  von  im  myneu  leib  verbrant 
worden  sin.  Aber  sein  geist  hait  mich  nit  verlassen,  sonnder  stettiglich 
anschauwen,  ist  furwar  komen  zu  den  stetten,  da  hin  er  mich  hait 
gesehen  bald  komen  werden,  vnnd  ich  bin  geachtet  worden  disen 
mynen  fall  grossmuttiglichen  getragen  vnd  mich  selbs  getrost  haben, 
schetzende,  nit  gross  oder  wyth  abscheydung  sin  zwuschen  vnns.  Von 
disen  solichen  dingen  hast  du,  o  Scipio,  gesagt  dich  mit  lelio'*)  gross- 
lichen  pflegen  zuuerwondern,  das  alter  ist  licht  vnd  nit  allein  nit  ver- 
drosslich,  sonder  lusslich.  So  ich  aber  irre  in  dem,  das  ich  glaub, 
die  geist  der  menschen  sin  vndotlich,  bin  ich  gern  vnnd  begirlichen 
irren  vnnd  will  auch,  dwyl  ich  lebe,  soliche  irrung,  die  mich  gross- 
lich^)  ist,  erlustigen  nit  von  mir  genomen  werden.    So    ich   aber  dot, 

')  Versuch  einer  vollständigen  Litteratur  der  deutschen  Übersetzungen  der 
Römer  I,  89.    Nachtrag  S.  56. 

')  Der  Anfang  steht  schon  in  meinem  Programm  S.  34  abgedruckt. 

')  Tugenden. 

*)  Laelius,  der  Freund  Scipios. 

')  errorem,  quo  delector.  Sollte  da  nicht  „trostlich"  zu  verbessern  sein? 


F.  PFAFF,  ZU  REINOLT  VON  MONTELBAN.  31 

als  etliche  klein  philosophi  sagen,  nichts  solicher  ding  werde  entpfin- 
den,  forcht  ich  nit,  das  disse  myn  irthum  die  dotten  philosophi  ver- 
spoten  werden,  vnnd  so  wir  auch  zukunfftiglichen  nit  weren  vndotlich, 
so  ist  doch  dem  menschen  begirlich  siner  zyt  zurstoret  werden.  Wann 
die  natur  zw  gleicher  wyse,  als  alle  andere  ding,  hat  auch  die  mass 
des  lebens,  das  alter  aber  ist  ein  vollenbringung  der  zitt  des  lebens, 
des  muttigkeit  vnnd  belessige  beschwernus  vil  nah  als  einer  fabeln, 
wir  vlyssiglichen  meyden  sollen,  allermeynst,  so  inie  settygung  vnd 
verdrossen  sin  zugefugt  vnnd  angehangen.  —  Diss  hab  ich  wellen 
sagen  von  dem  erlichen  alter,  zu  dem  ich  wünsche  ir  etwan  werden 
komen,  vff  das  ein  solichs,  das  ir  vss  mir  gehört  haben  in  der  war- 
heit  der  werck  vnd  der  that  befindende  bewerden  mögen. 

Das  buch  Catho  (?)  von  dem  alter  endet  sich  seliglichen  etc. '). 

KARL  HARTFELDER. 


ZU  REINOLT  VON  MONTELBAN. 


I.    Ludwigs  Krönung  1153 — 1238. 

Die  ziemlich  genau,  freilich  nicht  ohne  Mißverständniß  be- 
schriebene Scene  ist  culturgeschichtlich  beachtenswerth.  Mir  fielen 
bei  erneuter  Lesung  wieder  besonders  die  Verse  1223 — 28  auf: 

Da  ime  stunt  die  krön  uff  sinem  heupt 

und  die  kröne  ime  spen  zu  der  stedt, 

da  spen  man  ime  einen  sack  dar  zu. 

Das  hetudet  uns  also: 

die  kröne  und.  der  sack 

hedutet  freude  und  ungemach. 
Daß  der  sack  ein  Kleidungsstück  ist,  bedarf  keiner  Erinnerung; 
welcher  Art  aber  dasselbe  war,  das  ist  nicht  so  leicht  ersichtlich. 
Bekanntlich  versteht  man  darunter  auch  heute  noch  einen  kurzen 
Männerrock  ohne  Taille.  Die  Sackform  des  Ganzen  mit  geradem 
Laufe  der  Nähte  ist  hier  Ursache  der  Bezeichnung.  Dies  wird  noch 
deutlicher  durch  die  scherzhafte  Rede:  „Er  hat  eine  Taille  wie  ein 
Maltersack."  Im  mhd.  Wörterbuch  und  bei  Lexer  finden  wir  die 
Erklärung:  „Kleidungsstück,  Mantel  aus  grobem  Sacktuch,  wie  sie 
gemeine  Leute  und  Knechte  trugen",    auch  „Frauenkleid  der  Juden". 


•)  Die   Handschrift    ist,    ohne  Veränderung    der  Orthographie,    wiedergegeben. 
Nur  die  Interpunction  ist  meine  Zugabe. 


32  t'-  PFAFF 

Hier  also  kommt  nicht  die  Gestalt,  sondern  der  Stoff  des  Kleidungs- 
stückes in  Betracht.  Auch  im  Mnl.  kommt  der  Begriff  vor;  Oudemans 
(Bijdrage  VI,   14)   erklärt:   „Zeke,  kleed,  krijgsrock,  wapenrock." 

Der  Saccus,  adxxog ,  erscheint  im  lateinischen  und  griechischen 
Sprachschatze  als  Kleidungsstück.  Bei  Forcellini  (totius  latinitatis 
lexicon  V  [1871],  285)  finden  wir  folgende  Erklärung:  iSa^-cws  dicitur 
vestis  crassiore  filo  contexta,  qua  praeciptie  uteba,ntur  in  Äegypto  monachi 
in  poenitentiae  signum,  sine  manicis  {Ärmel) ,  et  presse  corpore  adhßerens: 
iinmo  et  orientales  plerique  populi  antiquitus  tempore  liictns.  Danach 
und  nach  dem  bei  den  Juden  uralten  Brauche  in  „Sack  und  Asche" 
zu  trauern,  scheint  dies  grobe  ärmellose  Gewand  aus  dem  Orifent  zu 
stammen.  Dazu  stimmt  es,  wenn  wir  den  Sack  als  Kleidungsstück  der 
Patriarchen  genannt  finden.  Stephanus,  thesaurus  graecae  linguae 
VII  (1845 — 54),  29..  Codinus  de  officiis  magnae  ecclesiae,  et  aulae 
Constantinopolitanae.  Cura  et  opera  Jacobi  Goar.  (Parisiis  1648)  S.  88. 
232.  Als  Gewand  der  Patriarchen  und  Metropoliten  war  der  Saccus 
e  villoso  serico  gemacht. 

Bei  dem  großen  Einflüsse,  den  orientalische  Sitten  auf  Byzanz 
hatten,  kann  es  uns  nicht  Wunder  nehmen,  den  öccKxog  auch  im 
Ornate  der  griechischen  Kaiser  genannt  zu  finden.  Codinus  XXXV, 
88.  99.  Stephanus  29. 

Der  deutsche  Kaiserornat  nun  war  zunächst  eine  Aneignung 
der  weströmischen  Tracht  (Patriziat) ,  .  später  aber  zum  Theile  auch 
Nachahmung  des  griechischen  Kaiserornats.  Der  Sack  wird  hier  nicht 
ausdrücklich  genannt,  scheint  aber  der  Alba  zu  entsprechen,  einem 
Rocke,  der  über  dem  Untergewande ,  der  Dalnaatica,  Tunica  talaris, 
und  unter  dem  Rückenmantel,  dem  Pluviale,  getragen  ward.  Ein 
sicheres  Zeugniß  führt  Du  Gange  an  (GIoss.  med.  et  inf.  latinitatis 
VI  [1846],  8*):  Saccus  inter  vestes  regias  recensetur  in  Ordine  ad  con- 
secrandum  Regem  Franciae^). 

Im  Reinolt  scheint  kein  kostbares  Seidengewand,  sondern  ein 
Rock  aus  grobem  Stoffe  gemeint  zu  sein,  eigentlich  ein  Frauen- 
gewand, dem  bei  der  Krönung  eine  symbolische  Bedeutung  zukommt. 
Die  Krone  bedeutet  Freude,  die  Erhöhung  des  zu  Krönenden; 
dagegen  soll  der  Sack,  der  ja  Ungemach  bedeutet,  den  Fürsten 
am  Tage  seiner  Erhebung  an  seine  hinfällige  menschliche  Natur 
erinnern,  die  sich  in  nichts  von  der  eines  armen  Knechtes  unter- 
scheidet. 


')  Vgl.   auch  Kraus   in  dessen   Realencyklopädie  der  christlichen  Alterthümer 
II  (1886),  702\ 


zu  REINOLT  VON  MONTELBAN.  33 

Ich  habe  zu  dieser  Stelle  des  Reinolt  weder  in  der  altfranzösi- 
schen noch  in  der  altdeutschen  Dichtung  unmittelbare  Parallelen  finden 
können.  Vielleicht  kann  einer  der  Leser  etwas  darüber  mittheilen. 

II.    Kantet  und  lyniere. 
Reinolt  14004     und  stach  ime  mit  syme  spieß, 

das  er  sin  nit  kund  genießen, 

durch  den  schilt  und  durch  daz  k autele, 

das  da  inn  bleib  von  dem  sper  ein  teil 

und  er  es  als  zu  stucken  brach. 
14827     und  Emmerich,  der  jungherre, 

stach  ine  wider  mit  großer  gere 

uff  das  kauteil  in  die  lyniere, 

das  sie  beide  fielen  schyer. 
Für  kautele  und  kauteil,  wie  die  Hs.  schreibt,  ist  kantele,  kanteil  zu 
lesen.  Im  Altfranzösischen  ist  häufig  chantel,  cantel^  cantiel  in  der  Be- 
deutung „Theil,  Bruchstück,  Quartier  (des  Schildes)".  De,  en,  ä  chantel 
bedeutet  „zur  Seite".  Das  Wort  geht  vom  griechischen  xäv&og  aus 
und  ist  in  den  meisten  romanischen  Sprachen,  auch  als  Lehnwort  im 
Deutschen,  heimisch.  Eschanteler  l'escu  =  den  Schild  in  Stücke  hauen'). 
14006  durch  den  schilt  und  durch  daz  kantele  ist  demnach  tautologisch. 
Es  bleibt  nur  noch  die  lyniere  zu  erklären.  Am  nächsten  läge  wohl, 
das  Wort  von  lin  abzuleiten.  In  der  That  bedeutet  auch  das  alt- 
französische liniere  f.  „collet  de  lin".  Vgl.  Godefroy,  dict.  IV,  791". 
Es  könnte  demnach  ein  leinenes  kursit  oder  wäpenkleit  gemeint 
sein^);  indessen  wäre  dann  die  Ausdrucksweise  von  14829  etwas  son- 
derbar. Viel  wahrscheinlicher  ist  es,  an  das  Helmfenster,  mnd. 
lumenere,  lumenyre,  mnl.  limiere,  ein  von  lumen  abgeleitetes  Wort,  zu 
denken.  Vgl.  die  Stellen  bei  Schultz,  das  höfische  Leben  II,  54,  Anm. 
Demnach  wäre  zu  lesen: 

uf  daz  kanteil  in  die  lymiere. 


')  Vgl.    Diez,    etymol.   Wb."    85    ff,     Diefenbach,    orig.    europ.    278—80. 
Godefroy  dict.  II,  56. 

■')  Vgl.  Schultz,  das  höfische  Leben  II,  47. 


GERMANIA.     Neue  Reihe.  XXJ.  (XXXIIl.)  Jahrg. 


^4  F.  PF  ÄFF 

DIE  HANDSCHRIFTEN  DES  REINOLT  VON 
MONTELBAN '). 

IL 

Kein  Werk  unserer  altdeutschen  Übersetzungsliteratur  außer 
Malegys  und  Ogier  zeugt  so  sehr  von  dem  gänzlichen  Mangel  aller 
Begabung  und  alles  Kunstfleißes  bei  dem  Bearbeiter  wie  der  Reinolt 
von  Montelban.  Vor  die  Aufgabe  gestellt  dies  wunderliche,  aber  doch 
in  mancher  Hinsicht  beachtenswerte  Machwerk  herauszugeben,  kann 
man  über  den  einzuschlagenden  Weg  kaum  zweifelhaft  sein.  Nachdem 
ich  aus  der  äußern  und  Innern  Beschaffenheit  der  Hs.  A  den  Schluß 
gewonnen,  daß  diese  als  das  Original  der  deutschen  Übersetzung  anzu- 
sehen ist,  konnte  ich  kaum  mehr  thun ,  als  einen  getreuen  Abdruck 
von  A  geben.  B  weicht  fast  gar  nicht  ab.  Herzustellen  war  an  dem 
Texte  eigentlich  nichts.  Es  handelte  sich  nicht  darum  einen  nach- 
weislich älteren  Text  aus  dem  durch  spätere  Schreiber  herbeigeführten 
Verderb  zu  retten.  Wären  auch  keine  Gründe  gewesen,  die  für  die 
Originalität  von  A  sprachen,  das  stand  doch  fest,  daß  das  deutsche 
Gedicht  dem  15.  Jahrhundert  angehörte,  also  unter  allen  Bedingungen 
der  Abfassungszeit  von  A  nahestehen  mußte.  Als  Zweck  einer  wissen- 
schaftlichen Ausgabe  muss  doch  wohl  betrachtet  werden,  daß  der  Text 
so  hergestellt  werde,  wie  er  von  dem  Verfasser  selbst  beabsichtigt 
war.  Kennt  man  Schreibebrauch  der  Zeit  und  Eigenthümlichkeiten 
des  Verfassers  genau,  so  ist  man  darüber  hinaus  eigentlich  nur  berech- 
tigt, die  heutige  Interpunktion  einzuführen.  Will  man  also  ein  Gedicht 
des  15.  Jahrhunderts  in  wissenschaftlicher,  d.  h.  historischer  Weise 
herausgeben,  so  hat  man  keine  Wahl  als  die  „wüsten  Auswüchse  der 
Schreiberorthographie  des  15.  Jahrhunderts  in  ihrer  Urwüchsigkeif  zu 
belassen.  ^)  Mögen  andere  anders  darüber  denken ;  ich  halte  sehr 
wenig  von  der  sogenannten  „normalisirten"  Schreibung  unserer  land- 
läufigen Ausgaben  und  bleibe  bei  meiner,  Reinolt  S.  497.  498  ausge- 
sprochenen, „besonnenen  Ausstellungen",  mag  auch  ein  Kochendörffer 
sie  als  „naive  Bemäkelungen"   brandmarken. 

Wie  ich  Germ.  XXXH,  56  sagte,  ist  es  sehr  schwer  von  einer 
Hb.,  die  ohne  unmittelbare  Anhaltspunkte    ist,    zu  beweisen,    daß    sie 


»)  Vgl.  Kochendörffer,  Anz.  f.  d.  Alt.  XII,  253-56;  Pfaff,  Germ.  XXXII,  49—65; 
Kochendörffer,  Anz.  XIII,  397—410. 
')  Anz.  XIII,  408. 


DIE  HANDSCHRIFTEN  DES  REINOLT  VON  MONTELBAN,  35 

den  Verfasser  des  in  ihr  enthaltenen  Textes  zum  Schreiber  hatte.  Die 
Möglichkeiten,  die  für  irgend  eine  Lesart  in  Betracht  kommen  können, 
sind  mannigfaltig.  Schon  sehr  oft  haben  scheinbar  sichere  Gründe  für 
die  Beurtheilung  solcher  Fälle  sich  durch  einen  plötzlichen  Fund  als 
nichtig  erwiesen.  Der  Zufall  hat  ein  viel  weiteres  Recht  als  man 
gewöhnlich  annimmt.  Warum  herrschen  über  die  Handschriftenver- 
hältnisse so  vieler  Texte  so  verschiedene  Meinungen?  Doch  nur,  weil 
es  sehr  schwer  und  oft  unmöglich  ist  durchaus  unumstößliche  Gründe 
beizubringen,  und  weil  eine  Berechnung  des  Zufalls  unmöglich  ist. 

Mit  Gründen,  wie  ich  sie  zunächst  vorbrachte,  d.  h.  solchen,  die 
aus  dem  graphischen  Zustande  der  Hs.  geschöpft  waren,  ließ  sich 
nichts  beweisen,  sondern  nur  eine  Möglichkeit  zur  Wahrscheinlichkeit 
erheben.  Für  mich  war  das  Graphische  einzelner  Stelleu  im  Verse 
nicht  zwingend;  wohl  aber  habe  ich  die  Überzeugung,  daß  A  vom  Ver- 
fasser von  P  geschrieben  ist,  daraus  gewonnen,  daß  A,  für  sich 
betrachtet,  keine  Lücken  hat.  Die  durch  Überspringung  von 
gleichen  zu  gleichen  Worten  entstandenen  Lücken  sind  nach  meiner 
Ansicht  der  einzige  schlagende  Beweis  dafür,  daß  irgend  eine  Hs. 
Abschrift  ist. 

Doch  auch  hier  bleibt  ein  Bedenken,  wenn  nämlich  der  Text 
Übersetzung  und  namentlich  schlechte  Übersetzung  ist.  Auch  einem 
Übersetzer  kann  ein  solcher  Überspringfehler  begegnen.  In  lang- 
athmigen  Epen  raittelmässiger  Dichter  ist  nicht  jeder  Satz  für  den 
ganzen  Zusammenhang  nöthig.  Oft  beginnen  verschiedene  Sätze  und 
Verse  mit  denselben  Worten.  Besonders  leicht  kann  es  da  zu  Aus- 
lassungen kommen,  wo  keine  Reimbrechung  herrscht.  Aber  auch  bei 
Reimbrechung  können  gleiche  Reimworte  auf  derselben  Seite  der  Hs. 
Auslassungen  hervorrufen.  Alles  das  kann  einem  Übersetzer,  der 
nach  dem  Auge  arbeitet,  begegnen.  Wie  viel  mehr  noch  begegnet  es 
einem  Abschreiber !  Da  ist  nun  wirklich  wunderbar,  wie  verschieden 
sich  in  dieser  Beziehung  die  beiden  Hss.  des  Reinolt  verhalten.  In  B 
sind  solche  Auslassungen  ganzer  Stücke  sehr  häufig^), 
während  sie  in  A  fehlen.  Die  Paar  Kleinigkeiten  in  A,  die  etwa 
als  Auslassungen  angesprochen  werden  können  ^) ,  können  nichts  er- 
weisen; sie  verschwinden  gegen  die  wirklich  erheblichen  und  unzweifel- 
haften Lücken  von  B. 

Sind  A  und  B,  wie  Kochendörffer  will,  selbständige  Abschriften 
aus  einem  verlorenen  Originale  X,  so  sollten  doch  wohl  gemein  same 


1)  Germ.  XXXH,  53. 
^)  Ebenda  5.5. 


36  F.  PF  AFP 

Lücken  nachweisbar  sein.  Ein  einziger  solcher  Fall  (nach  9801) 
kann  vielleicht  wahrscheinlich  gemacht  werden,  wie  ich  Germ.  59  und 
Reinolt  644  bemerkt  habe;  doch  damit  ist  nicht  zu  rechnen. 

Diesen  Lücken  in  B  zur  Seite  stehen  die  Wie d  erhol  unge  n '). 
Es  ist  dabei  hervorzuheben,  daß  diese  meist  mit  dem  Beginne  einer 
neuen  Seite  eintreten,  also  in  der  äußerlichsten  Weise  graphischer 
Art  und  unbestreitbare  Zeugnisse  für  Bs  Eigenschaft  als  Abschrift 
sind.  Wo  sind  solche  Wiederholungen  in  A?  Da  höre  ich  Kochen- 
dörffer  sagen :  „Das  gerade  sind  die  Fälle,  die  Reinolt  471.  472, 
Anz.  404  mitgetheilt  werden.  Das  sind  evidente  Absch reibe i'- 
versehen."  Darauf  antworte  ich:  Solche  Fälle  kön  nen  Abschreiber- 
versehen sein,  sie  sind  es  aber  nicht  nothwendig.  So  lange  nicht 
noch  ganz  andere  Gründe  hinzutreten,  ist  der  Beweis  windig.  Wem, 
der  beim  Schreiben  sich  selbst  beobachtet,  ist  nicht  schon  der  Fall 
begegnet,  in  dem  man  ein  Wort  des  schon  fest  im  Sinne  stehenden 
Satzes  vorausgreifend  niederschreibt,  noch  ehe  es  dem  Zusammen- 
hange nach  kommen  sollte.  Das  begegnet  beim  freien  Schaffen  ohne 
Anlehnung  an  einen  abzuschreibenden  oder  zu  übersetzenden  Text, 
wie  viel  leichter  kann  es  geschehen,  wenn  man  aus  einer  ganz  nahe 
verwandten  Sprache  Wort  für  Wort  nur  einfach  dem  Laute  nach 
tibersetzt,  wie  der  Bearbeiter  des  Renout  es  so  vielfach  that.  Es  sind 
also  Fehler  möglich,  die  eigentlichen  Abschreibfehlern  sehr  ähneln. 
Und  nun  war  der  Übersetzer  doch  ein  so  leichtfertiger  Patron,  wie 
kaum  erhört  ist.  Wer  „Übersetzungen"  geben  konnte,  wie  ich  sie 
Reinolt  487 — 89  mittheile,  der  war  doch  wohl  Alles  fähig.  So  schreibt 
der  Edle  601.  602: 

yiSprechent  zu  uns  durch  uwer  ere 
umb  wol  tun  ummermer!^^ 

Vgl.  Rt  93.  94    Spreict  iegen  ons,  Haymijn  here, 
Dat  u  God  geve  ere! 
Zuerst    sehen    wir  da  das  Bestreben   zu  kürzen    bei    dem  Bearbeiter, 
dann  die  Reimnoth'^)  und  dadurch  die  unsinnige  Flickerei. 

2118    Herre  got  han  sie  verbrochen  alle  gader. 
Das    soll    ursprünglich    heißen:    „Ihr  Gut    haben    sie    allesammt  ver- 
wirkt",   wie    die  Volksbücher    ausweisen.     Offenbar    liegt    ein    grobes 
Mißverständniß  des  Verfassers  von  P  zu  Grunde. 

2512    das  er  begunde  Ja  verbluden 

Vgl.  Rt  209    Dat  men  there  sach  verblöden. 


')  Vgl.  Germ.  53  unten. 

')  Die  Kochendörflfer  (405)  nicht  zugeben  will. 


DIE  HANDSCHRIFTEN  DES  REINOLT  VON  MONTELBAN.  37 

Soll  heißen:  „Daß  man  das  Heer  (der  Verfolger)  sah  verzagen  " 
Auch  hier  grobes  Mißverständniß  in  P  und  daher  unsinnige  Text- 
gcstaltung. 

2705    Da  sprach  von  Galsongen^  das  loere  der  synn  myn, 
Reymar,  ein  ritter  hone  und  fin. 

Vgl.  Rt  482    Doe  sprac  van   Gascoengen  Renier 
.  1 .  coene  ridder  ende    .  i .  fier. 
Hier  entschieden  Reimnoth  wegen  des  ungeläufigen  fier,  vielleicht  auch 
wegen  der  Verlesung  des  Namens  Renier  in  P;    in  Folge  dessen  Ein- 
flickung eines  ganz  unsinnigen  Zwischensatzes. 

2845    Nu  wil  ich  ein  huß  tun  machen. 

Vgl.  Rt  651     Oi  heren,  hedi  wille  hi 

.1.   huus  maken  also  vast. 
Es  ist  gänzlich  widersinnig,    dem  König  Yve  die  Absicht  zuzutrauen 
daß  er  für  Reinolt  eine  Burg  bauen  wolle,  wie  hier  P  thut. 

3405 — 9.  Reynolt  schneidet  nach  P  seinem  Vater  Hand  Nase 
und  Mund  ab.  Dies  kann  nur  ein  grobes  Versehen  von  P  sein,  denn 
in  Wirklichkeit  wird  Hejme  nur  gebunden  (vgl.  3437) ,  wohl  aber 
der  Bote  verstümmelt. 

An  der  Schreibung  det  3898  für  mit  sehen  wir,  daß  der  Schreiber 
A  bei  seiner  Arbeit  doch  etwas  dachte;  daß  er  die  Irrigkeit  seines 
Gedankengangs,  nachdem  er  wieder  in  die  Vorlage  gesehen,  merkte 
und  dann  gemäß  der  Vorlage  änderte.  Immerhin  viel  für  einen 
„Schreiber" ! 

10066      Do  sprach  die  fraioe  Claradys, 
und  die  trost  Malegys: 
„Frauwe,  laßt  uch  druiven.''^ 

Vgl.  Rt  1378    Vrouwe,  laet  staen  u  luenen  nu. 
Die  Vorlage    von  P  hatte    sicher  u  iruren.    Die  Textgestaltung    in  P 
läßt  als  sicher  annehmen,    daß  schon  P  den  Fehler  sprach  für  wende 
Rt  machte.  P  verstand  falsch:  „Laßt  euch  anvertrauen"   oder  „Habet 
gute  Zuversicht". 

Grobe  Mißverständnisse  und  in  Folge  dessen  unsinnige  Text- 
gestaltung finden  wir  ferner  12013.  14,  12092,  12343-46,  12433, 
14943  u.  0.1). 

Sind  einem  solchen  Übersetzer,  denn  diese  Stellen  gehören  doch 
wohl  selbst  für  Kochendörffer  diesem  an,  nicht  Fehler  zuzutrauen, 
wie  sie  K.  407  aufzählt? 


')  An  allen  diesen  Stellen  liest  B  getreulich  ebenso  wie  A. 


38  F.  PFAFF 

Aber  Herr  K.  ist  sehr  verstockt  und  „hartgesotteü",  wie  er  sich 
geschmackvoll  ausdrückt,  er  rückt  mir  da  ein  Beispiel  vor,  von  dem 
er  sagt:  „liegt  nicht  auch  hier  die  Abschrift  zu  Tage?" 
Wir  wollen  das  ansehen. 

10026  muß  heißen  din  fuß  hat  sie  empfangen  har;  aber  A  liest 
in  huß ,  B  ir  büß.  Das  ist  ja  recht  merkwürdig,  daß  beide  Hss.  da 
so  genau  bis  auf  einen  Buchstaben  im  Fehler  zusammenstimmen. 
Nach  K.  soll  das  ein  Abschreibfehler  in  A  sein,  denn  auf  B  läßt 
sich  K.  hier  gar  nicht  ein.  Also  B  macht  denselben  Abschreib- 
fehler wie  A,  und  einen  ganz  merkwürdigen.  Nun  frage  ich:  welcher 
Philologe  wird  glauben,  daß  diese  beiden  Hss.,  die  nach  Kochendörffer 
nicht  unmittelbar,  sondern  durch  eine  gemeinsame  Vorlage  X  verwandt 
sein  sollen'),  diesen  „Schreibfehler"  unabhängig  von  einander  ge- 
macht haben?  „Wer  die  Sprache  dieser  Versehen  nicht  versteht,  der 
sollte  aufhören  sich  für  einen  Philologen  zu  halten",  sagt  Kochen- 
dörffer, und  er  thäte  nach  solchen  Leistungen  sehr  wohl,  diesen  Satz 
zu  bedenken.  Ganz  ähnlicher  Art  sind  die  Fehler,  die  ich  Germ.  52 
zusammengestellt  habe,  um  den  unmittelbaren  Zusammenhang  von 
A  und  B  zu  beweisen").  Ein  grundsätzlicher  Unterschied  ist  durch- 
aus nicht  nachweisbar.  Beides  sind  Übereinstimmungen  in  groben 
Fehlern,  auf  welche  der  Zufall  kaum  führen  könnte.  Alle  jene  Stellen 
sollen  nach  Kochendörffer'scher  Methode  nur  erhärten  können,  daß 
A  und  B  derselben  „Gruppe"  angehören:  „Schreibfehler  können  doch 
zwei  Schreiber  unabhängig  von  einander  aus  einer  Hs.  herübernehmen, 
die  schon  diese  Schreibfehler  hatte"  (400).  Also  müssen  diese  Fehler 
schon  in  Kochendörffers  gespenstischem  „X"  gestanden  haben!  Nun, 
wer  hat  denn  dies  „X"  gemacht?  Doch  wohl  der  Verfasser  von  P. 
Und  doch  soll  in  dem  Falle  11026  in  Bezug  auf  A  gerade  ^die  Ab- 
schrift zu  Tage  liegen"'.  Jene  gemeinsamen  Fehler  sollen  eine 
gemeinsame  Vorlage  X  für  A  und  B  erweisen,  die  also  jene  Fehler 
schon  gehabt  haben  soll;  der  Fehler  11026  dagegen  soll  nur  be- 
zeugen, daß  A  Abschrift  ist.  Aber  B  hat  mit  einer  unbedeutenden 
Variation  denselben  Fehler:  folglich  stand  nach  Kochendörffers  Auf- 
fassung der  Fehler  schon  in  X,  denn  an  einen  Zufall  wird  hier  Nie- 
mand glauben.  Und  doch  soll  dies  X  i,die  verlorene  erste  Nieder- 
schrift der  Übersetzung^''  sein  (406)!  Die  Folgerung  wird  bedenk- 
lich. Ich  wiederhole:  A  ist,  schuld  jener  Fehler,  Abschrift;  aber  durch 

*)  Anz.  400. 

^)  2445  slahen]  sahen  k^,  2705  Oascongen]  Oalsongen  AB,  11373  laßen]  kaßcn 
AB,  14950  wol]  loor  AB. 


DIE  HANDSCHRIFTEN  DES  REINOLT  VON  MONTELBAN,  39 

diesen  Fehler  aus  der  gleichen  Kategorie  in  A  und  B  wird  erwiesen, 
daß  auch  X,  das  Original,  solche  Fehler  haben  konnte.  Was  be- 
weisen nun  unter  solchen  Umständen  jene  Fehler  für  A?? 

Allerdings,  die  Abschrift  liegt  zu  Tage,  die  Abschrift  B 
aus  A.  Aber  Kochendörffer  wird  sich  zu  helfen  wissen,  er  wird  wahr- 
scheinlich nun  sagen:  das  X  war  schon  Abschrift  aus  einem  Y,  und 
dem  Schreiber  X  passirte  das  Schreibunglück  in  büß  für  din  fuß. 
Nun  dies  Vergnügen  ist  dem  Herrn  zu  gönnen.  Mag  er  alle  mög- 
lichen XYZ  erschließen! 

Was  die  Stelle  11026  angeht,  so  denke  ich  nicht  daran,  schon 
der  Rths.  ein  boet  für  voet  zuzutrauen,  sondern  ich  halte  sie  einfach 
für  einen  Beweis  der  ungeheuerlichen  Gedankenlosigkeit  des  Ver- 
fassers von  P.  Er  wird  wohl  wirklich  an  Buße  gedacht  haben,  denn 
11025  in  sutide  begunde  si  sere  clageti  lenkt  auf  solche  Gedankenver- 
bindung; aber  es  fiel  ihm  nicht  ein,  sich  mit  dem  Sinne  des  Satzes 
zu  plagen.  Solcher  Gestalt  war  die  „Gedankenarbeit"  des  Dichters 
von  P. 

Nachdem  die  einfache  Thatsache  einmal  erkannt  war,  daß  der 
Verfasser  von  P  seine  Vorlage  zum  Theile  mit  sclavischer  Treue,  zum 
Theile  mit  unbekümmerter  größter  Nachlässigkeit  behandelte,  mußte 
man  auch  in  der  Beurtheilung  der  Schreibfehler  der  Hss.  äußerst 
vorsichtig  sein.  Fehler,  eigentlichen  Abschreibfehlern  ähnlich,  und 
selbst  Lücken  konnten  vorausgesetzt  werden.  Für  Lücken  hat  sich 
kein  entschiedener  Beweis  führen  lassen.  Einer  oder  der  andere  Fall 
konnte  auch  nicht  genügen,  um  so  mehr,  als  die  einzige  Hs.  des  Kt, 
wie  ich  im  Reinolt  gezeigt  habe,  überarbeitet  ist.  Nur  eine  Reihe  ganz 
sicherer  Lücken  hätte  etwas  gegen  die  Originalität  von  A  beweisen 
können.  Bei  B  traf  dies  zu,  nicht  bei  A.  Da  nun  B  in  einer  Reihe 
von  Fehlern  zu  A  stimmt  und  keine  andere  unmittelbare  Vorlage 
voraussetzen  läßt,  so  ist  nichts  wahrscheinlicher,  als  daß  A  die  erste 
Niederschrift  von  P  ist.  Dies  ist  der  Hauptgrund,  auf  den  ich 
baute,  nachdem  der  unmittelbare  Eindruck  der  Hs.  A  einmal  diese 
Vermuthung  in  mir  erweckt  hatte.  Diesen  unmittelbaren  Eindruck 
konnte  ich  natürlich  Niemand  geben.  Alle  Beschreibungen  nützen  da 
nichts  ^).  Man  muß  da  auf  etwas  Glauben  hoffen.  Es  ist  freilich  in 
unserer  Zeit  Brauch    geworden  Alles  anzuzweifeln,    was  anzweifelbar 

')  Doch  sei  hier  darauf  hingewiesen ,  daß  A  viel  mehr  Correctureu  hat  als  B. 
Das  Gewöhnliche  ist  doch  das  Stehenbleiben  von  Schreibfehlern.  Daß  der  Schreiber 
A  solche  Sorgfalt  an  sehr  vielen  Stellen  beweist,  erhebt  ihn  wieder  etwas  über  ge- 
wöhnliche Abschreiber. 


40  *'.  PFAFF 

ist.  Jenen  Hauptgrund  konnten  gelegentliehe  andere  Beobachtungen 
nur  sttitzen,  ohne  für  sieh  allein  entschiedene  Beweiskraft  zu  haben. 
Dahin  gehören  jene  Stellen  Germ.  56.  57,  gehört  die  Thatsache,  daß 
A  viel  mehr  niederländische  Worte  und  Schreibungen  hat  als  B,  also 
dem  Originale  entschieden  näher  steht. 

Ich  hielt  also  nach  allen  Erwägungen  A  für  das  Original  von  P 
und  gab  demnach  einen  Abdruck  von  A.  Dafür  hatten  sich  schon,  ehe 
ich  an  die  Arbeit  herantrat,  mehrere  bewährte  Gelehrte  entschieden. 
Da  nun  der  Verfasser  von  P  so  elend  gearbeitet  hatte,  stellte  es  sich 
in  vielen  Fällen  als  sehr  schwer,  ja  überhaupt  nicht  unterscheidbar 
heraus,  was  bloß  Schreibfehler  und  was  von  dem  Dichter  verschul- 
deter Unsinn  war.  Es  wäre  ja  ein  billiger  Ruhm  gewesen,  die  meisten 
dieser  Stellen  zu  bessern;  aber  ich  beschränkte  mich  in,  wie  ich  meine, 
philologischer  Vorsicht  darauf,  Besserungen  in  den  Anmerkungen  mitzu- 
theilen.  Hier  und  da  bot  B  eine  bessere  Lesart,  doch  stets  nur  in 
Fällen,  die  kaum  einen  Zweifel  zuließen;  dann  folgte  ich  B. 

Diese  zerstreuten  besseren  Lesarten  von  B  sind  es,  mit  denen 
Kochendörflfer  seine  Behauptung  über  die  Selbständigkeit  von  B  gegen- 
über A  im  Wesentlichen  stützt  (Anz.  400).  B  schrieb  schön  und  sorg- 
fältig: daher  die  nur  ganz  geringen  Abweichungen  von  A.  Fehler 
macht  jeder  Abschreiber:  daher  die  Lücken  und  Wiederholungen  in  B. 
Diese  Besserungen,  oft  auch  wirkliche  Schlimmbesserungen,  in  B 
können  alle  von  einem  Schreiber  herrühren.  So  die  Besserungen 
einzelner  Worte,  so  die  größerer  Stellen.  Ich  verweise  auf  meine 
Erörterungen  Germ.  55.  56.  Die  Stelle  9308.  9  ist  schon  durch  den  drei- 
fachen Reim  der  Fassung  B  bedenklich.  Daß  2658,  aus  welcher  Stelle 
mir  Kochendörffer  auch  einen  Vorwurf  schmiedet,  in  A  nicht  fehlt, 
habe  ich  Germ.  55  bereits  gesagt^).  „Die  unzweifelhaft  echten  Sätze 
und  Satztheile,  welche  in  A  fehlen,  sind  ganz  unerklärlich,  wenn  B 
Abschrift  von  A  ist",  meint  Kochendörffer.  Nun,  wo  sind  denn  diese 
so  pomphaft  benamsten  Sätze  und  Satztheile?  Diese  paar  Kleinig- 
keiten ganz  ohne  allen  Belang  sollen  unübersteigliche  Hindernisse  sein ! 

Ich  habe  allerdings  die  Ansicht  ausgesprochen,  B  habe  sich  aus 
der  mnl.  Vorlage  Raths  erholt.  Nichts  wäre  im  Stande  gewesen  mich 
zu  diesem  Ausspruche  zu  bringen,  hätte  nicht  in  meiner  Collation  der 
Vers  2658  in  A  gefehlt.  Da  schien  in  der  That  ein  unübersteigliches 
Hinderniß  zu  liegen.  Ich  hatte  beide  Hss.  vor  dem  Drucke  des  Reinolt 


*)  Ich  empfehle  Kochendörffer,  das  „Erinnerungsvermögen"  anderer  Leute  nicht 
zu  „beleuchten",  ehe  er  selbst  seiner  Sache  gewiß  ist. 


DIE  HANDSCHRIFTEN  DES  REINOLT  VON  MONTELBAN.  41 

nie  neben  einander  benutzen  können,  war  also  auf  mein  Versehen 
nicht  aufmerksam  geworden.  Als  mir  später  Herr  Dr.  Wille  in  Heidel- 
berg die  Nachricht  sandte,  der  Vers  fehle  in  A  nicht,  war  es  längst 
zu  spät. 

Ich  hatte  mir  Schriftproben  von  A  gemacht.  Als  ich  B  verglich, 
überraschte  mich  die  Ähnlichkeit  des  Ductus.  Ich  zweifelte  noch ,  ob 
ich  beide  Hss.  einer  Hand  zuschreiben  könne.  Eine  Nachricht  des 
Herrn  Dr.  Wille  hob  meine  Zweifel.  Als  ich  später  beide  Hss.  in 
Heidelberg  neben  einander  benutzte,  konnte  ich  jene  Annahme  nur 
bestätigt  finden.  „Wer  die  Identität  zweier  Hände  beweisen  will,  der 
muß  sich  mehr  Mühe  geben  als  Pfaff",  sagt  der  gestrenge  Richter 
(402).  Schön,  aber  wie  sollte  ich  das  ohne  Schriftproben,  die  mir  der 
litterarische  Verein  nicht  hätte  machen  lassen?  Alle  nöthigen  Ver- 
gleiche hatte  ich  ja  angestellt;  aber  würde  man  mir  das  aufs  Wort 
geglaubt  haben?  Herr  K.  glaubt  mir  ja  nicht  die  übei'raschende  Ähn- 
lichkeit beider  Hss.  Wir  sehen,  wie  Kochendörffer  aus  leeren  Dingen 
große  Vorwürfe  zimmert. 

A  ist  flüchtig  und  hastig  geschrieben,  daher  die  vielen  Correc- 
turen  und  die  Schreibfehler;  B  zeigt  eine  ruhigere,  steifere  Schrift. 
Ich  hatte  schon  Gelegenheit,  Brief-  und  Bücherschrift  von  urkundlich 
derselben  Hand  des  15.  Jahrh.  zu  vergleichen.  An  dies  Verhältniß 
wollte  mich  fast  die  Stellung  der  beiden  Hss.  zu  einander  gemahnen. 

„Ausschlaggebend"  sind  Kochendörffer  Gründe  (402)  gegen  mich 
nicht.  Die  Namen  beweisen  bei  einem  Arbeiter  wie  der  Verfasser 
von  P  einfach  nichts.  Sollte  denn  nicht  selbst  ein  Abschreiber  den  so 
häufigen  Namen  Reinolt  völlig  in  der  Gewalt  haben?  Aber  nein^ 
da  haben  wir  Reinolt,  Reynolt ;  Reinald,  Reinalt,  Reynalt;  Renolt, 
Rennolt.  Die  Reime  auf  -alt  und  olt  beweisen  doch  wohl  einen  nicht 
etwa  nur  in  einer  Abschrift,  sondern  in  P  selbst  bestehenden  Unter- 
schied. Wir  haben  Friczhart  Fryczhart,  Fritzart  und  Wryczhart^). 
Namentlich  dieser  letzte  Fall  beweist  etwas,  denn  er  ist  entschieden 
Eigenthuni  des  Verfassers  von  P,  der  hier  also  auch  einmal  völlig 
gedankenlos  aus  Rt  die  mnl.  Form  herübergenommen.  Der  Name  des 
Grafen  von  Chalons  kommt  in  folgenden  Formen  vor:  Tsalons,  Tsa- 
loyns,  Tsaloyn;  Thalons;  Salon ß ,  Saloyn,  Saloy.  Soll  die  große  Ver- 
schiedenheit der  Formen  mit  Tis-  und  mit /(?-  Schuld  des  „Abschreibers" 
A  sein?  Verschiedene  Formen  in  P  liegen  unzweifelhaft  vor  in  Mon- 
disdiet  :  nit    4930;      Monsdier  :  schier     10720,      Mondenstier  :  Berengier 


*)  ß  setzt  Friczhart,  steht  also  dem  nl.  Originale  ferner. 


42  F.  PF  ÄFF 

11512;  Bayeren  :  Mondisteyien  10770.  Rolants  Schwert  heißt  einmal 
\m  lle'imQ  Durendal  {:  loal)  11789,  ebenso  im  Versinnern  10195.  10350. 
10386.  11836.  11838;  aber  10192  und  10225  Durendart.  Also  doppelte 
Naraensform  sogar  über  nur  zwei  Verse  hinaus  (10192  :  10195).  Aus 
diesen  Fällen,  die  ich  leicht  verdoppeln  könnte,  geht  mit  Sicherheit 
hervor,  daß  wir  P  sehr  verschiedene  Namen  und  überhaupt  gewaltige 
Verlesungen  zutrauen  dürfen.  Der  Bearbeiter  arbeitete  zum  Theile 
einfach  als  Abschreiber. 

Vielleicht,  ja  sogar  wahrscheinlich,  hat  auch  der  Verfasser  des 
Rt  sich  solche  grobe  Felder  zu  schulden  kommen  lassen.  Es  handelt 
sich  um  die  Stelle  P  231—34: 

Ef)"  rif'ff'  Wilhelm  von  Oryngen 

und  bat  rat  zu  diesen  dingen, 

er  7'iejf  dem  greven  Gyllyn 

und  dem  lierren  van  Orynpin. 

In  der  Anmerkung  zu  der  Stelle  ist  bereits  darauf  aufmerksam  ge- 
macht, daß  die  hier  genannten  Personen  höchst  wahrscheinlich  eine 
Person  sind.  P  könnte  nur  Onjninn  für  Oryngen  zufallen.  Wilhelm  und 
Gyllyn  neben  einander  erklären  sich  aber  nur  aus  der  französischen 
Vorlage  des  Rt. 

Ich  glaube  voll  und  ganz,  daß  A  (P)  3257  sein  mante  wan  für 
Montelban  aus  einem  Mißverständniß  oder  besser  Nichtverstehen  der 
Stelle,  bewirkt  durch  das  etwas  ungewöhnliche  uiver  sone  von  M., 
geschöpft  hat.  Ebenso  glaube  ich,  daß  B  ganz  selbständig  dies  in 
Montelban  gebessert  hat.  Man  bemerke  immerhin,  daß  A  nur  einmal 
diesen  Fehler  begeht,  während  B  Montelban  sehr  häufig  verliest  oder 
verschreibt!  Wieder  ein  ganz  verschiedenes  Verhalten  beider  Hss. 

Sollte  nun  auch  mit  dem  Entgehen  des  Falls  2658  meine  An- 
sicht, daß  der  Schreiber  B  selbst  den  Rt  benutzt  habe,  sollte  meine 
Vermuthung,  der  Schreiber  A  und  B  sei  derselbe,  hinfällig  werden, 
so  ist  doch  unter  allen  Umständen  daran  festzuhalten,  daß  A  die 
erste  Niederschrift  des  Verfassers  von  P,  und  B  Abschrift 
aus  A  ist. 

Nun  noch  ein  paar  Einzelheiten.  Kochendörfi"er  meint,  ich  stelle 
mir  die  Herstellung  einer  Hs.  sonderbar  vor,  da  ich  glaube,  der 
Schreiber  beginne  auf  dem  Vorsetzblatte.  Unter  „Vorsetzblatt"  ver- 
steht man  doch  gewöhnlich  ein  vorgeheftetes  Blatt,  das  nicht  zur 
ersten  Lage  des  Buches  gehört.  Kochendörffer  möge  Reinolt  S.  468 
nachlesen,  dort  heißt  es  deutlich:   „Bl.  1  a,  b  steht  die  Jahrzahl  .1474. 


DIE  HANDSCHRIFTEN  DES  KEINOLT  VON  MONTELBAN.  43 

und  darunter  Attempto."  Oben  war  von  Bl.  1  a,  a  die  Rede.  Der  Herr 
übersieht,   daß  ich  nicht  1  a  und  Ib  sagte'). 

Ist  es  nicht  trotz  KochendörfFers  Anuaerkung  S.  398  „ungewöhn- 
lich, daß  ein  Buch  allein  durch  den  Wahlspruch  eines  Fürsten  als 
zu  dessen  Besitze  gehörig  .  .  .  gekennzeichnet  ward",  wie  ich  Germ.  51 
sagte?-) 

Kochendörffer  hat  wirklich  Recht  (401  Anm.) :  ich  habe  wirklich 
Reinolt  S.  472  gesagt,  daß  zwischen  beiden  Hss.  sechs  Jahre  lägen, 
und  es  ist  doch,  wie  ich  schon  Germ.  61  bemerkte,  etwas  weniger, 
vielleicht  aber  doch  auch  mehr! 

Also  der  „Titel"  des  Gedichtes  lautete  im  15.  Jahrh.  wohl  schon 
„Reinolt  von  Montelban"?  (403  oben.)   Schön,  daß   wir  das  wissen. 

Kochendörffer  will  (405)  nicht  gelten  lassen,  daß  der  Bearbeiter 
P  Reimnoth  gehabt  habe,  denn  er  habe  sich  ja  oft  genug  um  Reime 
gar  nicht  gekümmert.  Nun,  ich  meine,  der  Bearbeiter  hat  doch  reimen 
wollen,  sonst  hätte  er  überhaupt  Prosa  geschrieben.  Er  hat  sehr 
verschieden  gearbeitet,  war  einmal  nachlässiger  als  das  andere  Mal: 
also  konnte  er  einmal  Reimnoth  haben,  ein  anderes  Mal  die  Reime 
ruhig  weglassen^). 

Ob  meine  Untersuchungen  so  ganz  ohne  Verdienst  sind,  wie 
Kochendörffer  meint  (408) ,  lasse  ich  dahingestellt  sein.  Daß  ich  sie 
möglichst  vollständig  ausgestattet,  ist  nur  gut,  denn  es  hat  sich  ja 
gezeigt^  daß  einer  Behauptung  ohne  augenfällige  Beweisstücke  nicht 
geglaubt  wird. 

„So  wird  die  wichtige  Frage  nach  dem  Verfasser  einer  even- 
tuellen späteren  Untersuchung  vorbehalten  aus  dem  seichten  Grunde, 
weil  Pfaff  von  Heidelbei'g  fern  ist!"  meint  Kochendörffer  S.  408.  Ich 
hatte  Reinolt  S.  475  gesagt,  ich  könne  in  der  Frage,  ob  Johann  von 
Soest  als  Verfasser  von  P  anzusehen  sei,  aus  jenem  Grunde  nicht 
entscheiden.  Es  lag  doch  auf  der  Hand,  daß  zunächst  Johanns  Kinder 
von  Limburg  (25000  Verse)   und  der  Malegys  (über  20000  Verse),  auch 


')   Zeile   17  lies:  Bl.  2a. 

*)  Kochendörfler  sclieint  zu  meiuen,  Jeder,  der  mit  dem  litterar.  Vereine  zu 
thun  hatte,  müsse  auch  die  etwa  180  Publicationen  dieses  Vereins  gelesen  haben! 
Ich  bedauere  bisher  nicht  die  Zeit  dazu  gehabt  zu  haben,  so  gern  ichs  gethan  hätte. 
Wenn  der  jetzige  Präsident  des  Vereins  S.  250  der  Publ.  56  über  den  Punkt  „Attempto" 
des  Längeren  handelt,  so  wäre  es  doch  dieses  Herrn  Pfliclit  gewesen,  mich  auf  das 
Versehen  aufmerksam  zu  machen,  da  alle  Manuscriple  und  Correcturen  seiner  Auf- 
sicht unterliegen. 

3)  Vgl.  das  S.  36  über  601.  601  und  2705  Gesagte.  Hier  ist  dem  Reime,  der 
doch  auch  fehlen  konnte,  zu  Liebe  der  Sinn  geopfert. 


44       F.  PFAFF,  DIE  HANDSCHRIFTEN  DES  KEIXOLT  VON  MONTELBAN. 

der  Ogier,  welche  alle  ungedruckt  und  nur  in  Heidelberger  Hss. 
überliefert  sind,  eingehend  zu  prüfen  seien,  ehe  irgend  etwas  über 
den  Verfasser  von  P  festgestellt  werden  konnte.  Ich  war  nicht  in  der 
Lage  mir  diese  werthvollen  Hss,  alle  senden  zu  lassen  und  hatte 
auch  schlechterdings  keine  Zeit  sie  nur  zu  lesen,  denn  dies  [hätte 
doch  auf  der  Bibliothek  stattfinden  müssen.  Bei  täglichen  sechs  Amts- 
stunden rait  anstrengender  Thätigkeit,  bei  Krankheit  im  Hause  waren 
das  unmögliche  Dinge.  Aber  ich  war  doch  bei  einem  vorübergehenden 
Aufenthalte  in  Heidelberg  im  Stande,  das  Eine  festzustellen,  daß 
Johann  von  Soest  rait  Reinolt  und  Malegys  nichts  zu  thun  hat ')  Vgl. 
Reinolt  S.  678  unter  Nachträge.  Das  ist  der  „seichte  Grund"  des 
Herrn  Kochendörffer ! 

Daß  Kochendörffer  dem  gewöhnlichen  Sprachgebrauche  entgegen 
unter  „Besitz"  etwas  anderes  verstanden  haben  will  als  unter  „Eigen- 
thum",  ändert  an  der  Sachlage  schlechterdings  nichts. 

Kochendörffer  hat  sich  auf  seine  „Conjectur"  Karleti  für  Barleti 
im  Rückentitel  der  Hs.  B  sehr  viel  zu  Gute  gethan,  er  hält  sie  für 
einen  Beweis  von  „Intelligenz".  Daß  ich  diese  auf  der  Hand  liegende 
Besserung  verachtete,  scheint  dem  Herrn  „Dünkel"  !  Um  zu  denken, 
daß  der  Rückentitel  B  von  der  Hand  eines  römischen  Geistlichen 
herrühre,  bedurfte  es  keiner  sonderlich  „lebendigen  Phantasie",  wenn 
man  weiß,  daß  die  bei  den  Heidelberger  Hss.  häufigen  hellen  Per- 
gament- und  Pappbäude,  wie  der  von  B,  sehr  wahrscheinlich  aus  Rom 
stammen.  Insofern  wich  meine  nicht  öfi'entlich  ausgesprochene  Ansicht 
über  Barleti  allerdings  von  der  Kochendörffers  ab,  als  ich  nie  daran 
dachte,  daß  *  Karleti  eine  „Zusammenziehung"  aus  Karlmeineti 
oder  Verlesung  aus  ^rtr/<^mi  {=  magni)  sein  könne.  Auf  solche  wunder- 
liche Bahnen  kam  ich  gar  nicht.  Die  einzige  Möglichkeit  schien  mir 
die  Annahme  eines  Deminutiv s  *Karlefus;  da  mir  aber  diese  Form 
niemals  vorgekommen  war,  unterdrückte  ich  diesen  Einfall  gänzlich. 
Ich  hatte  versäumt,  Förstemanns  altd.  Namenbuch  zu  Rathe  zu  ziehen. 
Da  finden  wir  verzeichnet  die  Formen  Carlictus,  Carlittus  und  Caro- 
letus.  In  dem  von  Förstemann  angezogenen  Andreae  Bergomatis  Chro- 
nicon'')  finden  sich  die  Formen  Karolitus ^  Karoletus,  KarUtus.  Aller- 
dings fehlt  auch  hier  ein  "^Karletus^  aber  diese  Form  gewinnt  nun 
Wahrscheinlichkeit.  Also  keine  „Zusammenziehung",  kein  Karlmeinefus 


')  Über  Johann  von  Soest  vgl.  jetzt  meinen  Aufsatz  im  Jahrgänge  1887 
der  Allgem.  conserv.  Monatsschrift.  H.  Suchier  wird  eine  Ausgabe  von  Johanns 
Gedichten  bringen. 

')  Mon.   Germ.  V  (Script.  lU),  238. 


G.  EHRISMANN,  ZU  GERMANIA  XXXII,  97.  45 

und  Karlemagnus ,  sondern  D  e  ra  i  n  u  t  i  v  f  o  r  ra  !  Übrigens  bleibe  ich 
dabei,  daß  der  Schreiber  des  Rückentitels  an  jenen  Barletus  gedacht 
haben  kann,  zudem  lag  das  Wort  an  sich  einem  Italiener  nahe  '). 

Die  Sache  mit  dem  Präsidenten  des  litterarischen  Vereins  will 
ich  hier  nicht  erörtern,  da  sie  persönlicher  Natur  ist.  Ich  bin  nicht 
der  Einzige,  der  zu  klagen  hat.  Die  Zeichen  werden  sich  mehren. 

Es  hat  sich,  glaube  ich,  nicht  zu  Kochendörffers  Vortheil  gezeigt, 
wo  der  „Dünkel"  und  die  „Defecte  in  Wissen  und  Urtheil"  zu  suchen 
sind.  Die  neuen  Verdächtigungen  meiner  amtlichen  und  wissenschaft- 
lichen Thätigkeit ,  die  feine  Art,  mit  welcher  der  Herr  einen  Dritten 
heranzieht,  und  namentlich  der  mir  ohne  einen  Schatten  des  Beweises 
gemachte  Vorwurf  der  Unwahrheit  bezeugen  zur  Genüge,  weß  Geistes 
Kind  Kochendörffer  ist.  Ich  bin  mir  bewußt,  in  der  ganzen  Sache  mit 
Offenheit  und  Geradheit  gehandelt  zu  haben.  Daß  Kochendörffer  sich 
über  die  „nicht  gerade  höfliche"  Form  meines  Briefes  wundert,  ist 
etwas  naiv:  er  hatte  mich  mit  öffentlichem  Hohne  bedacht  und  er- 
wartet nun  noch  mit  Handschuhen  angefaßt  zu  werden.  Diese  Herren 
greifen  Jeden  an,  der  nicht  zu  ihnen  gehört;  wehrt  er  sich  dann,  so 
zeigen  sie  mit  Fingern  auf  ihn.  Ich  übergebe  nun  die  Sache  dem 
Urtheile  gerechter  und  parteiloser  Richter,  die  es  verstehen  Tadel  und 
Hohn  einander  fern  zu  halten,  und  sage  meinerseits:  Hiermit  genug! 

FREIBURG  i.  Br.  1887.  FRIDRICH  PFAFF. 


ZU  GERMANIA  XXXII,  97. 

Von  der  Paulinzeller  Rennerhandschrift  haben  die  Herren  Rector 
Schmid  und  Professor  Einert  in  Arnstadt  seither  wieder  ein  Blatt 
gefunden,  wovon  sie  mir  freundlichst  Abschrift  einsandten.  Es  enthält 
die  Verse  22959 — 23401 ;  zwischen  23072  u.  73  sind  eingeschaltet  die 
Verse  21843 — 56  und  19769.  70.  Die  Abstammung  von  z  bestätigt 
sich  durch  die  Beschaffenheit  der  Lücken  und  durch  mehrere  in  H 
und  Pz  gleiche  Fehler,  wovon  folgende  die  wichtigsten  sind:  V.  23040 
Stryt  vnd  torney  had  vorlegen  (had  fehlt  H).  23044  Daz  wir  vns 
seiden  uf  richten  wedir  (seiden  vns  H).  23396  Wer  sprichet  ich  habe 
dicke  geruret. 

PFORZHEIM.  GUSTAV  EHRISMANN. 

')  Mlat.  barletus,  ital.  barile,  harletto  =  Fäßchen. 


46 


E.  ETNERT,  PFAFFE  AMIS  1—72. 


PFAFFE  AMIS  1—72. 


Die  Handschrift    bildet    den 
Klingen.   Schw.  Sond. 

Hirvor  was  pris   und   ere 

Geminnet  also   sere 

Ett  hoviscli  man  to  hove   quam 

Dat  me   gerne   von   im   vornam 

Seidenspil  singin   oder  sayn 

Dat  mut  me   nu   sere   vorsayn 

Und   is  nu   leider  alliz   unwert 

Dat  is  nimant  engert 

Konde   en  man   one   mere 

Die   gut  den  lutea   were 

Vor  sorge  und   vor  armut 

Und   dünnet  nu   vil  sedden  gut 

Wat    ymant  mit  worden  kunsten  kan 

Wi  seiden    en   hovesch   man 

To   hove   ge  baren 

Deü   kan   ik  nich   bewaren 

Ik  kan   geruger  worde  vil, 

Dat  betuge   ik  wie   it  hören  wil 

Wor  men  der  hone   tucht  nicht  engert 

Dar  bin  ik   enes   doren   wert 

Also  wert  ik  des  gewert 

Nu  hört  was  hervor   geschach 

Do   sute  wort  die  sorgen  brach 

Und  man   ere  vor  sorge  untfing 

Und  wi  die  milde  vor  dem  kargen  ginc 

Vor  die   lughen   ginc  die  warheit 

Und   die   vromecheit  vor   die  bosheit 

Und   ginc   dat  recht  vor  unrecht 

Die   demut  was   des  vrides   knecht 

Dat  was   in   den   stundin 

E  trigen  worde  vundin 

Von   ienis   manis   munde. 


Nu   sait  uns   die   strickere 
Wer   die  erste   man   were 
Die   ligen  trigen   angeyienc 
Und  wa  sin  wille  vor  sich   ginc 


Einschlag    einer  Amtsrechnung    aus 

Dat  hie   widersate  ni   envanc 

Hie   hatte   hus   in   engelant 

In   euer   stat   Tranis 

Und   die  pape   het  amis 

Und  was   der  buk   en  wiser   man 

Und  vorgap   vil  wat  hie   gewan 

Beide   dor  ere  und   ok   dor  got 

Dat  hie   der  milden  gebot 

To   neuer   stunt  nie   overgie. 

Hie  let  die  geste  und    entfinc 

Me   den   die  jene  taten 

Die   oner  on   gebot  baten 

Sin   milde  wat  so   grot 

Dat  is   dem   biscop   vordrot 

Dem   hie   was   gehorsam 

Dat  so   vil  von   om   vornam 

Des   let  hie  nicht  ane  nit 

Und   quam   to   im  in   ener  tit 

To   im   sprak   der  biscop 

Here   gi  hebbet   grotern  hof 

To   allen    tiden   den   ik 

Dat  dunket  mi   ungelik 

Gi   hauet  over  rikes   gut 

Dat  gi  mit  honisheit  tut 

Sus  sul  gi  mi  en   del  geuen 

Dar   dozue  gi  nicht  wider  sheuen 

Des   wil  ik  nicht  enbern 

Wen   gi   mut  mi   gewern 

Dat  wil   ik   von   in   harde   gern. 

Do   sprak  die  pape  amis 
Min  mut   stet  to   sulker  wis 
Dat  ik  min   gut  wol  vortere 
Mit  rechten   ik   mi   des  irwere 
Dat  mi   nicht  oner  bliven   sol 
Were  is   mer  ie  bedorfte   is   wol. 

E.  EINERT. 


F.  GRIMME,  BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  DER  MINNESINGER.    III.  47 

BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  DER  MINNE- 
SINGER.  III. 


1.  Brunwart  von  Augheim. 
Der  Dichter  Brunwart  von  Ougheim ,  dessen  Heimat  der  Breis- 
gau ist,  gehört  dem  Ausgange  des  13.  Jhs.  an.  Das  Geschlecht,  dem 
er  entstammt,  scheint  nicht  bedeutend  gewesen  zu  sein,  da  uns  nur 
äußerst  spärlich  Mitglieder  desselben  begegnen.  Nach  v.  d.  Hagen  IV, 
417  ist  das  älteste  bekannte  Johannes  im  Jahre  1130.  Dann  haben 
wir  eine  Lücke  von  über  100  Jahren,  und  erst  im  Jahre  1236  treten 
uns  Heinrich  von  Augheim  und  sein  Bruder  Rudolf  milites  entgegen, 
welche  mit  ihren  Hausfrauen  und  Kindern  der  Abtei  Olsberg  das  Dorf 
gleichen  Namens  für  150  Mark  Silbers  verkaufen  unter  der  Bedingung, 
dass  die  Nonnen  dieses  Klosters  der  Kirche  zu  Zeiningen  eine  Rente 
von  jährlich  10  Solidi  Basler  Münze  auszahlen.  Unter  den  Zeugen 
dieser  Urkunde  findet  sich  noch  ein  namenloser  de  Ocheim  et  Hein- 
ricus  ülius  suus.  (Trouillat,  Monuments  de  l'histoire  de  Tancien  eveche 
de  Bäle  H,  |4)-  A^er  oben  genannte  Rudolf  ist  als  schultheisze  ze 
Nuwenburg  anwesend  bei  der  Ausgleichung  zwischen  dem  Markgrafen 
von  Hochberg  und  dem  Grrafen  und  den  Bürgern  von  Frei  bürg. 
8.  Oktober  1265  (Schreiber:  Urkundenbuch  der  Stadt  Freiburg  1,  -l^). 
Außer  den  erwähnten  ist  es  einzig  der  Minnesänger,  welcher  in  der 
Folgezeit  von  dem  Geschlechte  noch  genannt  wird,  und  zwar  ündet 
er  sich  vom  Jahre  1286 — 1303,  nicht,  wie  v.  d.  Hagen  angibt,  bis  zum 
Jahre  1296,  in  Urkunden.  Zu  den  bereits  von  letzterem  gebrachten 
Nachweisen  kann  ich  noch  drei  neue  hinzufügen.  Zuerst  ist  Brun- 
hardus  de  Oucheim  miles  Zeuge  zu  Neuenburg  im  Breisgau  am 
18.,Oktober  1289,  als  der  Neuenburger  Bürger  Johannes  von  Tusslingen 
dem  Ulrich  von  Langenberg  und  dem  Kollegium  zu  Beromünster  alle 
Güter  zu  Augheim  verkauft,  welche  er  von  den  Grafen  von  Froburg 
erworben  hatte.  (Neugart,  Episcopatus  Constantiensis  H.  369).  Die 
folgende  Urkunde  ist  ebenfalls  zu  Neuenburg  ausgestellt  im  Jahi'e  1295 
und  meldet  uns  über  den  Vertrag,  den  der  Leutpriester  Ulrich  zu  Aug- 
heim mit  dem  Kapitel  zu  Beromünster  über  die  Theilung  der  Früchte  im 
Jahre  1295  geschlossen  „nach  ehrbaren  luthen  rathe".  Unter  diesen  wird 
zum  Schluß  genannt:  und  Herr  Johannes  Brunwarth  von  Ougheim 
(ib.  557).  —  In  dem  Streite  des  Bischofs  und  der  Stadt  Basel  mit 
dem  Grafen  und  der  Stadt  Freiburg  i.  B.    bestimmt   der  Bischof  von 


48  F.  GRIMME 

Strasburg  als  Schiedsrichter,  dass  die  Parteien  sich  an  den  Spruch 
des  Gerichtes  zu  Cume  (Como?)  halten  sollen  ,  in  dem  das  Streitob- 
ject  schon  beigelegt  sei.  Borre,  12.  März  1296.  Unter  den  Zeugen: 
ratliute  von  Friburg,  herr  Brunward  von  Oughein  (Trouillat  II.  fl-y 
und  Schreiber:  Urkundenbuch  von  Freiburg  I.  '^rV )•  Diese  Urkunde 
ist  zwar  von  v.  d.  Hagen  schon  erwähnt,  der  Inhalt  jedoch  falsch  an- 
gegeben. —  Endlich  findet  sich  in  dem  Verzeichniß  der  Einkünfte 
und  Leistungen  der  Herzoge  von  Osterreich  und  Landgrafen  im  Elsaß 
aus  dem  Jahre  1303  noch  folgende  Stelle:  Daz  torf  ze  Brunkein  daz 
da  giltet  .  .  .  ze  sture  bi  dem  meisten  VI  ^,  zem  minsten  IUI  ii  ist 
wol  uf  XL  jar  gestanden  mit  allem  recht  ze  hinsture  hern  Brunwart 
von  Oughein  für  XXIIII  mark  silbers  (Trouillat  III.  %\). 

2.  Bruno  von  Hornberg. 
Im  13.  und  14.  Jh.  sind  mir  bis  jetzt  drei  Personen  aufgestoßen, 
welche  den  Namen  Bruno  von  Hornberg  tragen ;  von  diesen  können 
jedoch  für  den  Minnesinger  nur  zwei  in  Betracht  kommen,  da  der 
Brun  von  Hornberg,  welcher  zu  Rottweil  am  7.  Juni  1387  in  einem 
Vertrage  zwischen  Snevelin  zu  Weier  und  den  Herren  von  Hornberg 
wegen  des  Dorfes  Ebringen  und  des  Schlosses  Schneeberg  genannt 
wird,  entschieden  zu  jung  ist.  (Mone,  Zeitschrift  für  die  Geschichte 
des  Oberrheins  18.  465).  Bruno  I.  tritt  uns  zuerst  in  Verbindung  mit 
seinem  Bruder  Werner  am  16.  November  1219  als  Zeuge  entgegen, 
als  der  Dynast  Rudolf  von  Ysenberg  eine  Urkunde  ausstellt  über  die 
Verleihung  der  Güter  bei  Langenbogen,  welche  das  Kloster  Thennen- 
bach  von  Hans  von  Kenzingen  erworben  hat,  zu  einem  rechten  Erb- 
lehen an  das  genannte  Kloster  (Mone,  Zeitschrift  9.  231).  Es  folgt 
dann  die  schon  von  v.  d.  Hagen  angeführte  Urkunde  aus  dem  Jahre 
1234.  Wenn  nun  letzterer  meint,  der  im  Jahre  1276  mit  Walter  von 
KHngen  in  Basel  beim  König  Rudolf  sich  befindliche  Bruno  von  Horn- 
berg sei  identisch  mit  dem  vorgenannten,  so  wird  er  sich  doch  wohl 
in  einem  kleinen  Irrthum  befunden  haben.  Ich  glaube  vielmehr,  daß 
dieser  Bruno  der  zweite  des  Namens  ist^  welcher  vom  Jahre  1275  bis 
1306  in  Urkunden  erscheint.  Es  müßte  doch  merkwürdig  sein,  daß 
eine  adelige  Persönlichkeit  aus  einem  ziemlich  bedeutenden  Geschlechte 
42  Jahre  vollständig  aus  den  Urkunden  verschwinden  sollte;  außer- 
dem müßte  dieser  Bruno  ein  sehr  hohes  Alter  erreicht  haben,  da  er 
wie  gesagt,  bereits  im  Jahre  1210  als  Zeuge  vorkommt.  Seine  Geburt 
haben  wir  somit  spätestens  an  den  Ausgang  des  12.  Jhs.  zu  verlegen. 
Da  nun  der  andere  Bruno  im  Ganzen  in  sechs  Urkunden  auftritt,  die 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  DER  MINNESINGER.    III.  49 

in  nicht  allzugroßen  Zwischenräumen  sich  folgen,  so  ist  der  Schluß 
nicht  sehr  gewagt,  daß  diese  sämmtlichen  Urkunden  sich  auf  dieselbe 
Person  beziehen. 

Das  Geschlecht,  dem  der  Minnesänger  angehört,  darf  nicht  als 
zu  unbedeutend  aufgefaßt  werden,  wie  aus  den  folgenden  Urkunden 
hervorgeht;  treffen  wir  doch  sogar  Bruno  von  Hornberg  mit  Walter 
von  Klingen  in  Kaiserdiplomen  als  glaubwürdigen  Zeugen.  Es  ist 
dies  der  Fall  in  der  berühmten  Urkunde  des  Kaisers  Rudolf,  d.  d. 
Hagenau  8.  December  1275,  in  welcher  er  die  Stadt  Straßburg  in 
seinen  besonderen  Schutz  nimmt  und  ihr  alle  früher  bewilligten  Frei- 
heiten bestätigt  (Urkundenbuch  der  Stadt  Straßburg  IL  47).  Es  ist 
wohl  anzunehmen,  daß  diese  Urkunde  die  gleiche  ist,  welche  Kopp, 
Geschichte  der  eidgenössischen  Bünde  I.  57  anführt  mit  dem  Datum 
5.  December  1276.  Beide  haben  denselben  Gegenstand  und  die  gleichen 
Zeugen.  —  Als  Egeno  III.  Graf  von  Ftirstenberg,  nach  langer  heftiger 
Fehde  mit  den  Einwohnern  von  Villingen  endlich  zum  Vergleiche  sich 
herbeiläßt^  stellt  er  am  26.  Juli  1290  der  genannten  Stadt  einen  Sühne- 
brief aus.  In  diesem  verspricht  er,  die  Rechte  und  Privilegien  der 
Stadt  unangetastet  zu  lassen  und  stellt  dafür  neun  Bürgen,  u.  a.  sei- 
nen Bruder  Friedrich ;  darauf  folgen  sogleich  avunculi  Friedricus  et 
Bruno  de  Hornberg  (Neugart,  episc.  Constant.  IL  371  und  Fürsten- 
bergisches  Urkundenbuch  I.  607).  Während  der  Herausgeber  des  letz- 
teren den  Namen  avunculi  einfach  für  einen  Ausdruck  der  Courtoisie 
erklärt,  macht  Mone,  Avelcher  den  zweiten  Band  von  Neugart  bear- 
beitet hat,  zu  der  obigen  Urkunde  die  Bemerkung:  .,Wenn  das  Wort 
avunculus  in  seiner  eigentlichen  Bedeutung  genommen  wird,  so  kann 
es  nicht  zweifelhaft  sein,  daß  Agnes,  die  Mutter  Egenos,  die  Schwester 
jener  war."  Welche  Erklärung  die  richtige  ist,  wird  sich  schwer  er- 
weisen lassen.  Wie  dem  aber  auch  sei:  der  Beiname  avunculi,  sowie 
die  Stellung  der  beiden  Brüder  direet  hinter  dem  Grafen  Friedrich 
sind  wiederum  ein  Beweis  von  dem  Ansehen,  welches  das  Geschlecht 
derer  von  Hornberg  in  seiner  Heimat  genoß.  —  Die  folgende  Urkunde 
gibt  uns  einen  kleinen  Anhalt  über  die  Besitzungen  der  Familie.  Die 
Brüder  Friedrich  und  Bruno  von  Hornberg  verkaufen  nämlich  alle  ihre 
Besitzungen  zu  Emmendingen,  Mundingen  und  Aspen  um  20  Mark 
Silbers  an  das  Kloster  Thennenbach,  und  Graf  Egeno  und  Friedrich 
besiegeln  die  darüber  ausgestellte  Urkunde.  Freiburg  11.  Februar  1296 
(Mone,  Zeitschr.  10.  316).  An  derselben  ist  das  gemeinsame  Siegel 
der  Brüder  von  Hornberg  erhalten,  welches  Mone  beschreibt,  wie  folgt : 
„Es  ist  rund,    in    dreieckigem,    von  zwei    auf  einem  Berge  knienden 

(GERMANIA .    Nene  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  4 


50  F.  GRIMME 

jugendlichen  Gestalten  gehaltenen  Schilde  zwei  auf  drei  Bergen  mit 
ihren  Spitzen  aufstehende  Hörner;  hinter  dem  Knaben  rechts  Fried- 
rich, hinter  dem  links  Bruno,  Umschrift:  S.  Nobilium  de  Horenbergh." 
Er  fügt  noch  hinzu,  daß  die  Herren  von  Tryberg  mit  ihnen  verwandt 
sind  und  das  gleiche  Wappen  führen.  Dieses  stimmt  genau  mit  dem 
der  Pariser  Handschrift.  —  Zu  Freiburg  am  17.  Januar  1297  ver- 
pfändet Graf  Heinrich  von  Freiburg  seinem  Bruder  Egen  die  Silber- 
bergwerke im  Breisgau,  welche  sie  beide  gemeinsam  vom  Bisthum 
Basel  zu  Lehen  führen,  was  seine  Berechtigung  daran  betrifft,  für  die 
wegen  1000  Mark  Silbers  von  demselben  und  seinem  Sohne  Conrad 
für  ihn  ihrem  Vetter,  dem  Grafen  Egen  von  Fürstenberg  und  Friedrich 
und  Bruno  von  Hornberg  geleistete  Bürgschaft,  für  die  nächsten  fünf 
Jahre  (Mone,  Zeitschr.  19.  80).  Wieder  treffen  wir  die  beiden  Brüder 
in  Verbindung  mit  dem  Grafen  von  Fürstenberg,  und  wenn  sie  zu- 
sammen mit  jenem  eine  Summe  von  1000  Mark  Silbers  verleihen  können, 
so  ist  das  sicher  ein  Zeichen  von  der  Bedeutung,  Macht  und  dem 
Reichthume  des  Geschlechtes.  —  Als  Werner  von  Staufen  dem  Grafen 
Conrad  von  Freiburg  für  sich  und  alle  seine  Freunde  und  Helfer  Ur- 
fehde und  Sühnebrief  ausstellt  wegen  erlittener  Gefangenschaft  und 
aller  Beschädigung,  Freiburg  2.  December  1306,  besiegelt  die  Urkunde 
Bruno  von  Hornberg  (Mone,  Zeitschr.  11.  446).  Seit  diesem  Jahre  ist 
mir  Bruno  in  Urkunden  nicht  mehr  begegnet,  während  sein  Bruder 
Friedrich  sich  noch  am  18.  Februar  1311  und  am  24.  September  1314 
in  Freiburg  findet. 

Fragen  wir  nun,  in  welchem  der  beiden  letztgenannten  Brunos 
wir  den  Minnesinger  zu  erblicken  haben,  so  werden  wir  uns  wohl 
schwerlich  mit  v.  d.  Hagen  für  den  älteren  entscheiden.  Vielmehr 
spricht  alles ,  besonders  der  Charakter  der  uns  erhaltenen  Gedichte, 
dafür,  daß  der  zweite  Bruno  der  Dichter  sei,  wie  auch  schon  Mone 
(Zeitschr.  10.  316)  vermuthete.  Die  Heimat  des  Geschlechtes  ist 
Horenberg  auf  dem  Schwarzwalde  an  der  Gutach ,  wo  Althornberg, 
die  Stammburg  der  Edlen  von  Hornberg,  stand. 

3.  Walter  von  Breisach. 
Bauer  hat  in  der  Germania  1873  zu  erweisen  gesucht,  daß  der 
im  letzten  Viertel  des  13.  Jhs.  zu  Freiburg  im  Breisgau  sich  findende 
rector  puerorum  Waltherus  identisch  sei  mit  dem  Meister  Walter  von 
Breisach.  Bevor  ich  den  genannten  Aufsatz  gelesen,  war  mir  die 
gleiche  Vermuthung  aufgestoßen,  und  ich  schließe  mich  daher  den 
Ausführungen  Bauers  voll  und   ganz  an.     Zur  weiteren  Kenntniß  des 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  DER  MINNESINGER.    III.  51 

Lebens  dieses  bürgerlichen  gelehrten  Sängers  führe  ich  noch  Folgen- 
des an.  Der  Schultheiß  Hiltebrant  Spenlin  von  Breisach  entscheidet 
einen  Streit  zwischen  dem  Kloster  Thennenbach  und  denen  von  Kep- 
penbach  wegen  Nutzung  der  Weide  und  des  Wassers  in  der  Gemar- 
kung Keppenbach,  wo  beide  Theile  begütert  sind.  9.  Januar  1276. 
Unter  den  Zeugen:  Meister  Walther,  der  Schulmeister  ze  Vriburg 
(Mone,  Zeitschr.  9.  461).  —  Die  Kinder  des  verstorbenen  Reinhard 
von  Falkenstein  verkaufen  mit  Genehmigung  der  Grafen  von  Freiburg 
ihren  Hof  zu  Holzhausen,  der  von  ihren  Eltern  an  das  Frauenkloster 
Adelhausen  verpfändet  war,  um  diese  Schuld  tilgen  zu  können,  um 
7OV2  Mark  an  das  Kloster  Thennenbach,  Freiburg,  20.  August  1294, 
wobei  unter  den  Zeugen  Meister  Walther,  der  Schulmeister  ze  Friburg 
erscheint  (ib.  10.  250).  —  Der  Nachfolger  Walters  in  Breisach  kann 
magister  Cuno  de  Brisaco  gewesen  sein,  der  am  11.  Februar  1279  in 
einer  Urkunde  des  Bischofs  Rudolf  von  Constanz  als  Zeuge  auftritt 
(ib.  9.  471). 

4.  Der  schuolraeister  von  Ezzelingen. 

Über  den  magister  Henricus  rector  scholarum  seu  doctor  puero- 
rum  in  Ezzelingen,  welcher  der  Zeit  nach  und  nach  den  Anspielungen 
in  seinen  Gedichten  wohl  für  den  Minnesinger  gehalten  werden  muß, 
führt  Bartsch,  deutsche  Liederdichter  LXV  vier  Urkunden  aus  den 
Jahren  1279 — 1281  an.  Ich  kann  die  Nachweise  noch  um  zwei  weitere 
vermehren.  Am  27.  Februar  1280  verkaufen  Abt  und  Convent  von 
Bebenhausen  ein  Haus  in  Eßlingen  dem  Merckelin  von  Dürkheim, 
wobei  Heinricus  rector  puerorum  in  Ezzelingen  als  Zeuge  erscheint 
(Mone,  Zeitschr.  3.  346).  Vielleicht  ist  die  genannte  Urkunde  iden- 
tisch mit  der  von  Bartsch  angeführten  vom  27.  Februar  1279.  —  Der- 
selbe Heinricus  rector  puerorum  in  Ezzelingen  bezeugt  ferner  zu  Eß- 
lingen am  30.  Mai  1281  eine  Urkunde  des  Wolfram  von  Bernhausen^ 
in  welcher  dieser  mit  Zustimmung  seines  Lehnsherrn,  Grafen  Eber- 
hard von  Würtemberg,  um  800  <U  Pfennig  an  das  Kloster  Bebenkausen, 
die  Vogtei  zu  Ittingshausen  mit  allem  Zubehör  und  Rechten  verkauft 
(ib.  421).  Über  diese  Zeit  hinaus  ist  Heinrich  bis  jetzt  noch  nicht 
nachgewiesen.  Daß  er  nicht  all  zu  lange  mehr  gelebt  haben  kann, 
geht  daraus  hervor,  daß  wir  schon  im  Jahre  1293  einen  Conrad  als 
Schulmeister  in  Eßlingen  finden,  der  bis  zum  Jahre  1302  fünfmal  mir 
in  Urkunden  begegnet  ist. 

4* 


52  F.  GRIMME 

5.  Goldener. 

Da  Goldener  in  seinen  Gedichten  den  Markgrafen  Otto  IL,  den 
Langen,  von  Brandenburg  und  Fürst  Wizlav  von  Rügen  erwähnt  und 
lobend  hervorhebt,  so  muß  er  um  das  Ende  des  13.  Jhs.  gelebt  und 
gedichtet  haben.  Um  diese  Zeit  habe  ich  nun  drei  Personen  des 
Namens  Goldener  getroffen;  der  älteste  von  ihnen  ist  Conrad,  welcher 
am  5.  März  1261  zu  Messkirch  als  Zeuge  auftritt,  als  Bischof  Eber- 
hard IL  von  Constanz  den  zwischen  dem  Kloster  Salem  und  dem 
Kirchherrn  Bertold  in  Boll  vollzogenen  Tausch  eines  Gutes  bei  Mess- 
kirch gegen  ein  innerhalb  der  Gemarkung  des  Madachhofes  gelegenes 
Gut  bestätigt  (Mone,  Ztschr.  25,  399).  Er  nennt  sich  hier  Conradus 
dictus  Goldenaer.  —  Ob  dieser  Conrad  identisch  ist  mit  dem  Con- 
radus Goldner,  von  dem  das  Stiftungsbuch  des  Cisterzienser-Klosters 
Zwetl,  ed.  von  Joh.  v.  Fräst  S.  509  berichtet:  Item  Cunradus  Goldner 

de  una  XXXV  denarios Item  Goldner  XL  denarios  minus  uno; 

wage  ich  nicht  zu  behaupten,  da  die  Aufenthaltsörter  doch  etwas  zu 
weit  von  einander  entfernt  liegen.  —  Es  folgt  dann  der  Zeit  nach 
Perchtoldus  Golder,  der  zu  Guntramsdorf  am  1.  September  1289  zu- 
gegen ist,  als  Leopold  sen.  von  Sachsengang  bekannt  macht,  daß 
Abt  Ebro  und  Conveut  von  Zwetl  duas  urnas  vini  montani  iuris  et 
redditus  duorum  denariorum  von  Otto  Herler  um  15  solicli  gekauft 
haben  (ib.  571).  Endlich  ist  zu  erwähnen  Calhochus  de  Goldner, 
welcher  am  24.  August  1302  eine  Urkimde  des  Ortnid  von  Tanberch 
bezeugt,  worin  dieser  meldet,  daß  mit  seinem  Willen  Ulrich  und  Wern- 
hard  von  Berg  den  Brüdern  zu  Schlägel  einen  Mansus  zu  Widersöt 
behufs  der  Urbarmachung  versetzt  haben.  (Urkundenbuch  des  Landes 
ob  der  Enns  IV  l^-f).  —  Sämmtliche  Träger  des  Namens  Goldner 
sind  aus  dem  Süden  Deutschlands,  und  wenn  wir  in  einem  dieser 
den  Dichter  erblicken  wollen,  so  müßte  derselbe  zu  Zeiten  seine 
Heimat  verlassen  und  als  fahrender  Sänger  sich  in  Norddeutschland 
aufgehalten  haben.  Eine  sichere  Entscheidung  über  die  Persönlichkeit 
des  Dichters  läßt  sich  bis  jetzt  noch  nicht  fällen,  nur  so  viel  können 
wir  mit  Gewißheit  behaupten,  daß  der  Goldenaere,  welcher  im  Jahre 
1197  im  Urkundenbuche  des  Klosters  Indersdorf  erwähnt  wird,  viel 
zu  alt,  der  Goldiner  in  Affeltrangen  am  21.  Januar  1356  (Regesten 
von  Tobel,  86)  und  Claus  Guldiner  von  Hertten,  Reichenau,  22.  Fe- 
bruar 1400  (ib.  67)  entschieden  zu  jung  sind. 


BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  DER  MINNESINGER.    III.  53 

6.  Pfeffel. 
Den  Dichter  Pfeffel,  dessen  Lob^edicht  auf  den  Herzog  Friedrich 
V.  Osterreich,  den  letzten  aus  dem  Hause  Babenberg,  früher  als  das 
Jahr  1246  fallen  muß ,  der  somit  immer  noch  der  besseren  Zeit  des 
Minnegesangs  angehört,  kann  man  besonders  hinter  vier  Personen 
vermuthen.  Der  erste  ist  Henricus  Pheffel,  welcher  am  6.  Mai  1220 
zugegen  ist,  als  Euphemia  Gräfin  von  Chleberg  dem  deutschen  Orden 
die  Hälfte  der  Vogtei  über  die  Kirche  in  Morel  schenkt,  nachdem  der 
Orden  die  andere  Hälfte  durch  die  Schenkung  des  Königs  Friedrich 
schon  längere  Zeit  besessen  hatte  (Meiller,  Regesten  der  Babenberger 
Herzöge  yll)-  Von  diesem  verschieden  wird  wohl  Heinricus  pheffili 
miles  sein,  den  Herzog,  Germania  1884,  S.  35  aus  einer  Olsberger 
Urkunde  im  Jahre  1243  anführt,  imd  den  er  für  den  Minnesinger 
hält,  aber  nur  deshalb,  weil  er  der  einzige  ihm  bekannte  Pfeffel  vor 
dem  Jahre  1246  ist.  Ob  er  seine  Ansicht  jetzt  auch  noch  aufrecht 
halten  wird?  —  Über  einen  Pfeflfel  ohne  Vornamen  berichten  die 
Annales  Scheftlarienses  (Quellen  und  Erörterungen  zur  bairischen  und 
deutschen  Geschichte  I,  391):  Anno  1244  Phaphelinus  occiditur.  Hie 
fuit  auctor  captionis  castri  in  Wolfrathusen.  —  Der  vierte  ist  Walter 
Phephel,  der  im  Jahre  1256  Zeuge  war,  als  Smilo  von  Brunow  dem 
Prämonstratenserstifte  Geras  den  Hof  zu  Raystorf  zurückstellt  (Archiv 
für  Kunde  österreichischer  Gesqhichtsquellen  2,  33).  Außer  diesen 
finden  sich  bis  zum  Ende  des  13.  Jahrhs.  noch  Otto  Pfeflinus  zu 
Schaumburg    am    14.  Juni  1272    (Urkdb.    des   Landes    ob    der  Enns 

III,  T"ii)>  Conrad  Pfaffus  von  Schrowenstein,  Schloß  Tirol,  3.  Januar 
1273  (Ladurner,  Urkundliche  Beiträge  zur  Geschichte  des  deutschen 
Ordens  in  Tirol  37)  und  Heinrich  dictus  Pfeffelin  zu  Speier  am  14.  No- 
vember 1291  (Mone,  Ztschr.  25,  334).  Dem  12.  Jahrh.  gehört  an 
Eberhardus  Phaphilin  de  Nellenburc,  der  unter  Abt  Christian  von 
Reitenhaslach  (1175  —  91)  erwähnt  wird  (ib.  31.  70),  desgleichen  im 
Güterverzeichniß  des  Klosters  Salem  (ib.  1,  335). 

7.  Der  von  Sachsendorf. 
W.  Storck,    der   im  Jahre  1868  die  Gedichte  Sachsendorfs  her- 
ausgegeben, beschäftigt  sich  in  der  Einleitung  auch  mit  der  Persönlich- 
keit des  Dichters,  und  obgleich  er  sich  sehr  vorsichtig  ausdrückt,  schenkt 
er  der  Bemerkung  v.  d.  Hagens  doch  eine  gewisse  Beachtung,  der  MS. 

IV,  236  sagt,  daß  der  namenlose  von  Sachsendorf  wohl  der  höfische 
Ulrich  von  Sachsendorf  sein  könne,  welcher  im  Gefolge  des  Herzogs 
Friedrich    von    Österreich    den    Ulrich    von    Lichtenstein    auf   seinem 


54  F.  GRIMME 

abenteuerlichen  Zuge  als  König  Artus  ritterlich  begrüßte  bei  Neustadt 
a.  d.  Leitha.  Auch  Bartsch,  Deutsche  Liederdichter  L,  läßt  die  Frage 
nach  der  Persönlichkeit  des  Dichters  unentschieden.  —  Das  Geschlecht, 
dem  obiger  Sänger  angehört,  muß  sehr  unbedeutend  gewesen  sein, 
da  uns  Mitglieder  desselben  nur  äußerst  spärlich  begegnen.  Es  sind 
überhaupt  nur  zwei  Träger  des  Namens  Sachsendorf,  die  mir  bis  jetzt 
aufgestoßen;  zuerst  Alhard  von  Sachsendorf  als  Zeuge  in  der  Abfin- 
dung des  Abtes  Otto  von  Wilhering  mit  Otto  von  Buchberg  wegen 
seiner  Ansprüche  auf  das  Gut  Zemleub  (Urkdb.  des  Landes  ob  der 
Enns  II,  f^f).  Die  Urkunde  ist  nicht  datirt;  aus  inneren  Gründen 
muß  sie  jedoch  in  die  Jahre  1193 — 1200  fallen.  Dann  ist  es  noch 
der  obenerwähnte  Ulrich  von  Sachsendorf,  über  den  wir  zwei  urkund- 
liche Notizen  haben.  Das  Stiftungsbuch  der  Cisterzienserabtei  Zwetl 
meldet  auf  Seite  439:  [Hie  est  census,  quem  persolvere  debemus  de 
predio  nostro  in  Sitzendorf  Ulrico  de  Sahsendorf  de  vinea  una  VIII 
denarios,  de  agris  XII  den.  et  IV  caseos  vel  XVI  den.  Die  Notiz  fällt 
ungefähr  in  das  Jahr  1248.  Wichtig  ist  die  folgende  Urkunde,  welche 
bei  Frieß:  die  Herren  von  Kuenring,  Urkundenbuch  XXVII  abge- 
druckt ist.  Hadmar  von  Kuenring  verpfändet  nämlich  dem  Bischöfe 
Conrad  von  Freising  mehrere  Güter  zu  Urleigstorf  gegen  Silbergeräthe 
und  verpflichtet  sich,  wenn  er  zur  festgesetzten  Zeit  dieselben  nicht 
lösen  würde,  sammt  seinen  Mannen  Engelschalk  von  Königsbrunn, 
Ulrich  von  Sachsendorf  u.  s.  w.  nach  Passau  zu  kommen  und  daselbst 
nomine  obstagii  so  lange  zu  bleiben,  bis  dem  Bischöfe  Alles  ersetzt 
wäre.  30.  April  1249 .  —  Was  wir  aus  diesen  Urkunden  erfahren,  ist, 
um  es  noch  einmal  kurz  zusammenzufassen.  Folgendes:  Ulrich  von 
Sachsendorf  ist  ein  Ministeriale  der  Herren  von  Kuenring,  außerdem 
hat  er  von  der  Abtei  Zwetl  einige  Güter  in  Sitzendorf  zu  Lehen. 

Da  Alhard  und  Ulrich  die  einzigen  Träger  des  Namens  Sachsen- 
dorf sind,  von  denen  wir  bis  jetzt  Kunde  haben,  so  müssen  wir  vor- 
läufig in  einer  dieser  beiden  Personen  den  Minnesinger  erblicken. 
Alhard  ist  entschieden  zu  alt  dafür,  da  die  Gedichte  Sachsendorfs 
durchaus  nicht  das  Gepräge  des  12,  Jahrhs.  tragen,  und  so  haben 
wir  denn,  wenn  nicht  noch  andere  Mitglieder  der  Familie  aufgefunden 
werden,  Ulrich  für  den  Dichter  zu  halten. 

Es  bleibt  uns  noch  die  Frage:  Wo  war  die  Heimat  des  Ge- 
schlechtes, oder  wenigstens,  nach  welchem  Orte  hat  es  sich  genannt? 
V.  d.  Hagen  IV,  236,  A.  1  meldet,  daß  ihm  nur  Dörfer  des  Namens 
Sachsendorf  in  der  Mark,  Meißen  und  Henneberg  bekannt  seien,  da 
jedoch  der  Dichter  ein  Österreicher  ist,   so  können  diese  hier  für  uns 


BEITRÄGE  ZQR  GESCHICHTE  DEK  MINNESINGER.    III.  55 

nicht  in  Betracht  kommen.  Dagegen  gibt  uns  das  Urbar  des  Passaui- 
schen Domcapitels,  welches  ungefähr  um  das  Jahr  1230  verfaßt  ist, 
(Archiv  für  die  Kunde  österreichischer  Geschichtsquellen  53,  270) 
willkommenen  Aufschluß.  Dort  heißt  es  nämlich:  Anno,  quando  domi- 
nus Eberhardus  de  Jahenstorf  prefuit  officinae  cellerarii  (1220)  sie 
ordinavit  de  rebus  dominorum  et  aucgmentavit  ....  de  decima  in 
Cholensdorf  et  in  Sehssendorf  et  in  Hannedorf  dabuntur  II  metrete 
tritici  et  III  siliginis  et  V  ordei  et  una  avene  et  porcus  valens  XXX 
denarios  et  dimidium  talentum.  —  ib.  274  heißt  es  dann  nochmals: 
In  Sehssindorf  de  III  areis  XLV.  Dieses  Sachsendorf  ist  nun  ein 
Dorf  bei  Kollersdorf,  Gerichtsbezirk  Kirchberg  am  Wagram  in  Nieder- 
österreich, nicht  viel  nördlich  der  Donau.  Da  Sitzendorf,  wo  Ulrich 
von  Sachsendorf  Lehen  innehatte,  nur  wenige  Stunden  nördlich  von 
hier  liegt,  da  außerdem  die  Herren  von  Kuenring,  deren  Vasall  Ulrich 
war,  dem  niederösterreichischen  Adel  angehörten,  so  können  wir  mit 
völliger  Gewißheit  behaupten,  daß  von  dem  oben  genannten  Orte 
der  Minnesinger  sich  genannt  habe. 

8.  Hardegger. 
Der  St.  Gallensche  Dienstmann  Heinr.  von  Hardegge,  welcher 
höchst  wahrscheinlich  hinter  dem  namenlosen  Hardegger  sich  verbirgt, 
findet  sich  nach  v.  d.  Hagen  und  Bartsch  vom  Jahre  1227 — 1264  er- 
wähnt. Doch  nicht  nur  bis  zum  letztgenannten  Zeitpunkte  begegnen 
wir  ihm;  noch  im  Jahre  1275  tritt  er  mit  Walter  von  Klingen  in 
einer  Urkunde  auf.  Zur  weiteren  Kenntniß  seines  Lebens  führe  ich 
die  folgenden  Urkunden  an.  Abt  Berchtold  von  St.  Gallen  überträgt 
zwei  kleine  Güter  in  Dickbuch  und  Schotticon,  welche  Walter  von 
Elgg,  Dienstmann  des  Klosters  St.  Gallen,  zu  diesem  Zwecke  auf- 
gegeben hatte,  als  Zinslehen  dem  Frauenkloster  Töss.  St.  Gallen, 
21.  Februar  1252.  Zeuge:  dominus  Heinricus  de  Hardegge  (Wart- 
mann, Urkdb.  der  Abtei  St.  Gallen  III,  918).  —  Wilbrig,  Gattin  des 
Rudolf  von  Rorschach  Ritter,  verzichtet  sammt  ihren  drei  Söhnen  auf 
alle  Rechte  an  den  ihr  zum  Leibgeding  verschriebenen  Hof  Lankwatt 
....  prefata  domina  ad  peticionem  dicti  mariti  sui  cessit  et  renun- 
ciavit  omni  iuri,  quod  sibi  in  eodem  predio  competebat  ad  manus 
nobihs  viri  Waltheri  de  Klingin,  fratris  sui.  Constanz,  vor  der  Kapelle 
St.  Peter,  17.  Juli  1275.  Zeuge:  dominus  H.  de  Hardegge  (ib.  III, 
1001b).  Es  kann  kaum  auffallen,  daß  Heinrich  in  einem  Zeitraum 
von  elf  Jahren,  von  1264 — 75,  gar  nicht  in  Urkunden  uns  entgegen- 
tritt.   Zuerst  sind  uns  überhaupt  nur  fünf  Urkunden  erhalten  aus  der 


56  F.  GRIMME,  BEITRÄGE  ZUR  GESCHICHTE  DER  MINNESINGER.    III. 

Zeit  von  1227 — 85,  so  daß  wir  über  sein  Leben  nur  höchst  lücken- 
haft unterrichtet  sind,  sodann  bezeugt  die  Antwort  des  Meisters  Stolle 
auf  eine  seiner  Strophen,  daß  er  sehr  lange  gelebt  und  gedichtet  haben 
muß.  Wir  haben  daher  gar  keinen  Grund,  für  die  Urkunde  vom 
Jahre  1275  einen  zweiten  Heinrich  anzunehmen.  Dieser  begegnet  uns 
erst  zu  St.  Gallen  am  11.  October  1312  in  einer  Urkunde  des  Abtes 
Heinrich,  wo  unter  den  Zeugen  ein  Heinrich  der  Hardegger  aufgeführt 
wird.  (ib.  1204.)  —  In  den  Urkunden  zu  Joh.  Caspar  Zell  wegers  Ge- 
schichte des  appenzellischen  Volkes  I,  62,  ist  das  Verzeichniß  der 
Zinse  und  Einkünfte  der  Kirche  zu  Marbach  aus  dem  Jahre  1255  er- 
halten, in  dem  sich  folgende  Stelle  findet:  „....  dictus  Hardegger 
recipit  XI  caseos  de  domino  R.  de  Eschans  socero  suo,."  Zu  be- 
dauern ist  es,  daß  gerade  der  Vorname,  auf  den  hier  so  viel  ankäme, 
nicht  mit  überliefert  ist;  der  Zeit  nach  kann  sich  jedoch  diese  Notiz 
nur  auf  Heinrich  von  Hardegge  beziehen,  von  dem  wir  hierdurch  er- 
fahren, daß  er  eine  Tochter  des  R.  von  Eschans  zur  Frau  hatte. 
Daß  dieser  genannte  Hardegger  kein  Bürgerlicher  sein  kann^,  beweist 
schon  der  adelige  Schwiegervater,  und  somit  nehmen  wir  obige  Notiz 
als  einen  willkommenen  Beitrag  zur  Kunde  des  Minnesingers.  — 
Weitere  Personen  des  Namens  Hardegge  sind  Wezilo,  der  am  12.  Ja- 
nuar 1284  zu  Lindau  sich  findet  (Mone,  Zeitschrift  39,  16),  Rudolf 
von  1288 — 99  in  Ragatz,  und  ein  unbenannter  zu  Rapperswil  am 
7.  September  1290. 

9.  Meister  Heinrich  Teschler^). 
Meister  Heinrich  Teschier,  welcher  schon  am  9.  November  1252 
in  einer  Urkunde  des  Rüdiger  Manesse  zu  Zürich  nachgewiesen  ist, 
lebte  noch  im  letzten  Viertel  des  13.  Jahrhs.  Wir  treffen  ihn  nämlich 
am  7.  October  1284  zu  Oetenbaeh  als  Zeugen  in  einer  Urkunde  der 
Priorin  und  des  Convents  zu  Oetenbaeh,  wodurch  diese,  von  Gläu- 
bigern gedrängt,  ihren  zu  Böstein  gelegenen  Hof  saramt  Waldung  dem 
Amtmann  Berthold  von  St.  Blasien  zu  Klingnau  zu  Händen  des  letzt 
genannten  Klosters  verkaufen  um  34  Mark  Silber  in  baar  (Huber, 
Regesten  von  Klingnau  20).  —  Ob  aber  der  Dichter,  dem  die  Pariser 
Plandschrift  das  Prädicat  Meister  beilegt,  unbedingt  dem  bürgerlichen 
Stande  angehöre,  möchte  ich  noch  bezweifeln.  Wir  dürfen  doch  vor- 
aussetzen, daß  der  Schreiber  der  Handschrift  wenigstens  über  die 
Verhältnisse  und  Familien  seiner  engsten  Heimat  gut  unterrichtet  war. 


•)  Ich  bemerke,    daß   mir  bei  Abfassung   dieses  Artikels  die  Schweizer  Minne- 
sänger   von  Bartsch  noch  nicht  zufjänglich  waren. 


K.  BARTSCH,  RÄTSEL.  57 

Wenn  er  uns  nun  zu  den  Gedichten  des  Sängers  ein  Gemälde  zeichnet, 
wie  es  nur  für  einen  ritterlichen  Dichter  paßt,  wenn  er  uns  das  Wappen 
mittheilt  und,  worauf  ich  das  meiste  Gewicht  lege,  wenn  auf  der  Zeich- 
nung sogar  der  Ritterhelm  mit  Zimier  sich  findet,  so  glaube  ich  doch, 
daß  wir  Grund  genug  haben,  den  Meister  Heinrich  Teschler  unter  die 
ritterlichen  edlen  Sänger  einzureihen.  Dazu  kommt  noch,  daß  er  in  der  Ur- 
kunde vom  9.  November  1252  aufgeführt  wird  als  Her  Heinrich  Teschler. 
Auch  V.  d.  Hagen  berichtet  im  Anschluß  an  Bluntschli  u.  a.,  daß  in 
Zürich  ein  altes  vornehmes  Geschlecht  der  Täschler  bestanden  habe. 
Endlich  tragen  die  Gedichte  des  Sängers  ein  gewisses  vornehmes  Ge- 
präge, wie  man  es  bei  bürgerlichen  Dichtern,  die  doch  meistens  dem 
niedern  Stande  angehörten,  nicht  antrifft.  —  Was  das  Beiwort  Meister 
angeht,  so  kann  man  es,  wie  das  schon  mehrfach  geschehen,  erklären 
als  die  Bezeichnung  für  Jemanden,  der  etwas  Ausgezeichnetes,  mehr 
als  Andere,  leistet,  oder  aber,  was  ich  eher  glauben  möchte,  kenn- 
zeichnet der  Schreiber  der  Handschrift  mit  Meister  die  Bewohner  der 
Städte,  mögen  diese  nun  adelig  sein  oder  nicht,  im  Gegensatz  zu  den 
Rittern  auf  ihren  Burgen.  Daher  haben  wir  denn  einen  Meister  Gott- 
fried von  Straßburg,  Meister  Walter  von  Breisach,  Meister  Heinrich 
Teschler  von  Zürich  u.  A.  Die  weitere  Begründung  dieser  Ansicht 
behalte  ich  mir  vor  für  einen  späteren  Artikel.  Ich  glaube  somit,  daß 
wir  berechtigte  Gründe  haben,  den  Züricher  Heinrich  Teschler  in  der 
Folgezeit  für  einen  Sänger  aus  edlem  Blute  zu  halten. 

Im  14.  Jahrh.  begegnen  uns  noch  mehrere  Personen  des  Namens 
Teschler  in  verschiedenen  Städten,  so  ein  Nikolaus  Tescheler  in  Speier 
in  den  Jahren  1317  und  1320  (Hilgard,  Urkdb.  zur  Geschichte  der 
Stadt  Speier  m  und  Hf) ,  ferner  Jacob  Teschler  in  Neudorf  1330 
(Kopp,  Gesch.  der  eidgenössischen  Bünde  V^  233),  endlich  Francisgk 
Täschler  in  München  am  19.  November  1392  (Wittmann,  Monumenta 
Wittelsbacensia  II,  \-%\). 

MÜNSTER  i.  W.,  Öctober  1887.  FRITZ  GRIMME, 


RÄTSEL. 


Nach  Mittheilung  von  Alwin  Schultz  in  Prag  ist  das  Rätsel  in 
meinen  Beiträgen  zur  Quellenkunde  S.  178,  10  nicht  aufzulösen  in  viit, 
sondern  in  loip,  und  ohne  Zweifel  ist  diese  Auflösung  die  richtige. 

K.  BARTSCH. 


58  F.  GRIMME,  ZU  IWEIN  v.  553  flf. 


ZU  IWEIN  V.  553  ff. 


Verschiedentlich  ist  schon  im  Allgemeinen  darauf  hingewiesen 
worden,  daß  in  den  höfischen  Epen  des  Mittelalters  Orientalisches 
sich  finde,  was  auch  als  Folge  der  Kreuzzüge  und  bei  den  Bezie- 
hungen der  Araber  zu  Frankreich  nicht  auffallen  kann^,  aber  bis  jetzt 
ist  es  doch  nur  erst  in  wenigen  Fällen  gelungen,  die  Quelle  genau 
nachzuweisen.  Nachdem  nun  in  der  letzteren  Zeit  der  orientalischen 
Wissenschaft  eine  größere  Aufmerksamkeit  zugewandt  ist,  und  stets 
neue  Ausgaben  der  arabischen  und  persischen  Schriftsteller  erscheinen, 
wird  sich  auch  wohl  in  Bälde  der  Schleier  lüften,  der  noch  in  so 
mancher  Beziehung  die  höfischen  Epen  umschließt.  Als  einen  geringen 
Beitrag  hierzu  möge  man  die  folgende  Notiz  aufnehmen. 

Im  Iwein  v.  553  ff-  wird  uns  über  den  wunderbaren  Brunnen 
berichtet.  Etwas  ganz  ähnliches  findet  sich  in:  Mohammedi  Filii 
Chondschahi  vulgo  Mirchondi  Historia  Gasnevidarum  persice  ed. 
Fr.  Wilken,  Berlin  1832.  Der  Verfasser  lebte  zwar  in  späterer  Zeit 
als  Hartmann  von  Aue,  er  sagt  jedoch  selbst,  daß  er  aus  alten  Quellen 
geschöpft.    In  dem  Werke  heißt  es  nun  cap.  III: 

„In  der  Nähe  des  Ortes,  bei  welchem  die  Ungläubigen  ihr  Lager 
aufgeschlagen  hatten,  war  eine  Quelle  so  rein  und  klar  wie  die  Sonne. 
So  oft  aber  Schmutz  in  dieselbe  geworfen  wurde,  entstand  ein  schreck- 
liches Getöse,  laut  wie  Donner,  es  erhob  sich  ein  Sturm,  und  grausige 
Kälte  trat  ein.  Nasireddin  ließ  nun  Schmutz  in  diese  Quelle  werfen; 
in  Folge  dessen  entstand  eine  undurchdringliche  Finsterniß,  das  Tages- 
licht verlöschte,  und  es  trat  eine  so  große  Kälte  ein,  daß  das  Blut 
in  den  Adern  erstarrte.  Als  dieses  Erstaunliche  sich  ereignete,  wagten 
die  Inder  nicht  länger  zu  widerstehen,  da  sie  furchtsam  den  sicheren 
Tod  vor  Augen  sahen." 

Nach  Wilken  ibid.  p.  147  Anm.  findet  sich  die  Geschichte  des 
Zauberbrunnens  auch  in  dem  Werke  des  Ferischthah. 

MÜNSTER  i.  W.  F.  GRIMME. 


K.  J.  SCHRÖEK,  ERINNEKUNGEN  AN  K.  BARTSCH.  59 

ERINNERUNGEN  AN  KARL  BARTSCH. 


Nicht  unerwartet  kam  die  Nachricht  vom  Tode  des  lieben  Freundes! 
Weit  über  ein  Jahr  bangten  wir  fort  und  fort  für  sein  Leben  und 
wiederholt  war  er  auch  früher  schon  dem  Tode  nah.  Dennoch  ist 
es  ganz  was  anders,  wenn  so  eine  Befürchtung  wahr  wird.  Nun  erst 
fühlt  man  den  ganzen  Verlust,  ergreift  uns  der  Schmerz  mit  aller 
Macht  und  drängen  sich  die  Erinnerungen  heran!  Im  Innersten  er- 
schüttert, kann  ich  gar  nicht  beschreiben,  welche  Empfindung  mich 
ergriff,  als  vollends  an  demselben  Tage,  da  die  Todesnachricht  ein- 
traf —  es  war  den  21.  Februar  1.  J.  —  noch  ein  Päckchen  ankam 
von  ihm  an  mich,  eine  Sendung,  wie  ich  sie  so  oft  erhalten,  wenn 
ihn  die  unerbittliche  Krankheit  niederwarf  und  er  die  dringendsten 
Arbeiten  für  die  Germania  mir  übergeben  mußte.  Das  war  denn  nun 
die  letzte  Sendung,  ein  letzter  Grruß  und  Auftrag!  — 

Wir  wollen  aber  nicht  stehn  bleiben  bei  dem  traurigen  Anblicke 
des  Todten,  wollen  lieber  seiner  gedenken,  wie  er  war  in  lebendiger 
Gegenwart  und  wollen  uns  fortgesetzt  und  bleibend  seines  Wesens 
freun  und  es  so  im  Andenken  bewahren. 

Wenn  man  bei  einem  solchen  Anlasse  recht  lebhaft  das  Miß- 
verhältniß  empfindet,  in  dem  der  Lohn  der  Welt  steht  zu  den  Ver- 
diensten eines  solchen  Lebens  und  Strebens,  da  möchte  man  wol 
ausrufen:  o  versäumt  den  Augenblick  nicht,  der  nicht  wieder  kommt 
und  laßt  jetzt  die  Liebe  walten  und  jeden  sein  Scherflein  beitragen 
zu  seinem  Gedächtniß!  — 

Schon  haben  bewährte  Freunde  sich  die  Aufgabe  gestellt,  eine 
Übersicht  zu  geben  von  seinem  Leben  und  Wirken;  zuerst  Fr.  Meyer 
von  Waldeck  für  die  Münchener  Allgem.  Ztg.  ^),  dann  R.  Bechstein, 
Fr.  Neumann  und  G.  Ehrismann  für  die  Germania,  so  daß  dieses 
Heft,  dessen  Ausgabe  ich  deshalb  verzögerte,  besonders  durch  die 
letztgenannten  Beiträge  wol  ein  Bild  geben  dürfte  von  dem  Umfange 
der  Verdienste  des  Verblichenen. 

Mich,  der  ich  nahezu  drei  Jahrzehnte  lang  mit  ihm  befreundet 
war,  drängt  es,  das  Bild  des  lebendigen  Menschen,  wie  es  mir  vor  der 
Seele  steht,  hervorzurufen  und  der  Begegnungen  mit  ihm  zu  ge- 
denken,   deren  jede  für  mich  eine  angenehme  Erinnerung  zurückließ. 


')  Erschien  bereits  in  der  Beilage  1888,  Nr.  71.  75.  80.  8H. 


60  K.  J.  SCHEÖER 

Wir  waren  durchaus  nicht  immer  einerlei  Meinung,  aber  das 
trübte  uns  keine  Stunde.  Er  suchte  immer  entgegenstehende  Ansichten 
zu  würdigen,  behielt  davon  so  viel  ihm  taugte,  und  faßte  nichts  per- 
sönlich an. 

Es  war  1860,  als  wir  als  Mitglieder  des  Gelehrtenauschusses 
des  germanischen  Museums  zu  Nürnberg  bei  der  Jahresversammlung 
daselbst  uns  zum  ersten  Mal  begegneten  und  mit  Franz  Pfeiffer, 
Frommann,  Joachim  Meyer  unvergeßliche  Tage  verlebten! 

Bartsch  war  damals  eine  schlanke,  elastische  Jünglingsgestalt, 
mit  edlen,  markirten  Gesichtszügen.  Rasch  genug  nacheinander  waren 
seine  ersten  Ausgaben  altdeutscher  Dichtungen,  Karl  der  Große  vom 
Stricker,  die  Erlösung,  Berthold  von  Holle,  mitteldeutsche  Gedichte  etc. 
gefolgt.  Eine  ungewöhnliche  Begabung  und  Thatkraft  hatte  sich  damit 
schon  angekündigt.  Dabei  war  er  im  Umgang  heiter  und  von  der 
anspruchlosesten  Liebenswürdigkeit.  So  frei  von  allem  Pathos,  aller 
Pedanterie  und  Prätension,  daß  Pfeiffer  und  ich  unsere  Freude  an 
ihm  hatten  und  ihn  herzlich  lieb  gewannen. 

Näher  trat  er  mir  noch  nach  Pfeiffers  Tode,  1868,  als  er  nach 
Wien  kam  und  ich  mit  ihm  den  Nachlaß  Pfeiffers  ordnete.  Hier  lernte 
ich  die  Geistesgewandtheit  und  das  beispiellose  Geschick  Bartschs 
kennen,  mit  dem  er  in  der  Masse  der  aufgehäuften  Schriften,  Arbeiten, 
Abschriften  etc.  Pfeiffers  sich  auf  das  rascheste  zurechtfand.  —  Seine 
Freude  an  der  Arbeit,  belebt  durch  die  Leidenschaft  zu  entdecken, 
entdeckte  Schätze  des  Alterthums  der  Vergessenheit  zu  entreißen, 
liehen  ihm  unermüdliche  Schwungkraft.  Die  Arbeit  flog  ihm  von  der 
Hand. 

Nur  wer  ihn  bei  der  Arbeit  gesehn,  begreift  die  große  Anzahl 
seiner  Publicationen  auf  germanistischem  und  romanistischem  Gebiete, 
die  zum  Theil  auf  schwerwiegenden  Untersuchungen  beruhten. 

Von  dieser  Zeit  begann  ein  reger  Briefwechsel  zwischen  uns. 
Als  er  darauf  1870  in  Paris  mit  der  Abschrift  der  Troubadours  be- 
schäftigt war,  erschien  er  uns  in  ganz  besonderm  Lichte:  als  der 
Typus  des  deutschen  Gelehrten,  der,  hoch  über  nationaler  Befangen- 
heit stehend,  die  Schätze  Frankreichs  zu  retten  bestrebt  ist,  bevor 
sie  durch  die  drohende  Kriegsgefahr  gefährdet  sind!  Den  10.  Juli 
langte  er  in  Paris  an,  wenige  Tage  vor  der  Kriegserklärung.  Fünf 
Wochen  hielt  er  aus  und  konnte  „Dank  sei  es  meinen  Freunden,  un- 
gestört arbeiten.  Die  Troubadours  waren  in  dieser  stürmischen  Zeit 
mein  Trost,  und  ich  habe  reiche  Schätze  mitgebracht.  Aber  ich  ge- 
stehe, daß  ich  alle  meine  Energie  aufbieten  mußte,  um  die  zur  Arbeit 


ERINNERUNGEN  AN  K.  BARTSCH.  61 

nöthige  Ruhe  zu  behalten."    So  schrieb  er  mir  nach  seiner  Heimkehr 
aus  Rostock. 

Im  Mai  1872  trafen  wir  darauf  zusammen  bei  der  Philologen- 
versammlung in  Leipzig,  über  die  in  der  Germania  desselben  Jahres 
ausführlich  berichtet  wird.  Schon  vor  mir  in  Leipzig  angekommen, 
sorgte  er  für  eine  Wohnung  für  mich  und  war  mit  größter  Liebens- 
würdigkeit um  mich  besorgt,  da  ich  etwas  leidend  war.  Ich  hielt  einen 
Vortrag,  betheiligte  mich  auch  etwas  an  einer  Debatte.  Er  freute 
sich  darüber,  verhielt  sich  aber  selbst  ganz  still,  verkehrte  mit  allen 
Fachgenossen  freundschaftlich  heiter,  ohne  hervortretende  Parteinahme 
nach  einer  oder  der  andern  Seite  hin. 

Im  Sommer  1873  weilte  er  bei  mir  in  Wien ;  wir  sahen  die  Welt- 
ausstellung häufig  zusammen.  An  den  Abenden  arbeitete  er  damals 
an  der  neuen  Ausgabe  des  Koberstein. 

Wenn  bei  der  Gelegenheit  dagegen,  daß  er  so  viel  übernahm, 
Bedenken  ausgesprochen  wurden,  besonders  wenn  bei  seinen  andern 
gleichzeitigen  Arbeiten  die  Aufgabe,  die  er  sich  stellte,  nicht  zu  be- 
wältigen schien,  da  gab  er  alle  Einwendungen  als  berechtigt  zu,  und 
machte  nur  geltend  seine  Arbeitslust  und  die  Erfahrung,  daß  ihm 
dergleichen  doch  schon  so  oft  gelungen  sei.  Wir  müssen  gestehn, 
die  rasche,  zu  rasche  Arbeit  ist  in  diesem  Falle  wol  zu  erkennen,  aber 
wer  sonst  hätte  sie  übernommen  und  wäre  in  mäßiger  Frist  damit 
zu  Stande  gekommen?  Willkommen  war  die  neue  Auflage  doch! 

Durch  eine  von  der  seinen  abweichende  Anschauung  in  wissen- 
schaftlichen Dingen  war  er ,  wie  schon  bemerkt,  nie  zu  verstimmen. 
Dies  äußerte  er  mir  gegenüber  oft,  und  oft  konnte  ich  erfahren,  daß 
er  der  Wahrheit  unbefangen  ihr  Recht  gab,  wenn  er  sah,  daß  er  sich 
geirrt.  Aufs  Wärmste  dankbar  war  er  für  Berichtigungen  von  Versehn, 
die  durch  seinen  leidenden  Zustand,  oft  auch  durch  Entfernung  von 
seiner  Bibliothek  leicht  entstehn  konnten.  Dennoch  blieben  ihm 
bei  aller  Sachlichkeit,  wie  wir  wissen,  auch  unerfreuliche  Angriffe 
und  Fehden  nicht  aus.  —  Sei  es  einmal  gestattet,  des  geschichtlichen 
Gegensatzes  hier  zu  gedenken,  der  die  Germanisten  in  zwei  Heerlager 
spaltete,  Avodurch  die  sachliche  Beurtheilung  ihrer  Verdienste  so  sehr 
beeinträchtigt  ward!  Er  hinderte  Jahrzehnte  hindurch  beide  Theile 
gerecht  zu  sein.  —  Bekanntlich  hatte  sich  mit  Lachmanns  Tode  (1851) 
der  Nibelungenstreit  um  die  drei  Handschriften  erhoben,  der  zu  einem 
allseitig  befriedigenden  Ergebniß  nicht  geführt,  der  uns  aber  vortreff- 
liche Ausgaben  aller  drei  Handschriften  eingetragen  hat:  Lachmanns, 
Zarnckes  und  Bartschs.   —  Wir  wollen  nicht  vergessen,    daß  zu  den 


62  K.  J.  SCHRÖER 

aufgetauchten  Bedenken  gegen  Lachmanns  Nibelungen  der  erste 
Anstoß  von  Jacob  Grimm  ausgegangen  und  daß  sein  Einwurf,  seine 
ganze  Anschauung  dabei  tiefbegründet  in  seiner  Natur  lag.  —  Das  Große 
in  der  Gestalt  Jacob  Grimms  liegt  in  dem  Blick,  mit  dem  er  in  allen 
Erscheinungen  den  fruchtbaren  Punkt  findet,  „von  dem  sich  vieles 
ableiten  läßt,  oder  vielmehr,  der  vieles  freiwillig  aus  sich  hervor- 
bringt und  —  entgegenträgt!"  Ich  wähle  den  Ausdruck  Goethes  mit 
Bedacht.  So  wie  die  Philosophen  Fichte,  Schelling  und  Hegel  von 
Goethes  Geiste  befruchtet  sind  —  daß  sie  ihn  später  wieder  beein- 
flußten, darf  uns  nicht  beirren  —  so  waren  es  auch  die  Romantiker 
und  war  es  auch  J.  Grimm,  der  noch  völlig  in  den  Zeiten  des 
Idealismus  wurzelt.  Damals  galt  das  hohe  Wort:  „Was  fruchtbar 
ist  allein  ist  wahr."  Darin  liegt,  daß  man  in  J.  Grimm  dichterische 
Begabung  erkennen  wollte,  wie  Goethe  sie  in  Winckelmann  fand.  Einem 
solchen,  auf  Ideen  ausgehenden  Geiste  mußte  alles  Mechanisiren  der 
Methode  bei  Betrachtung  von  organisch  Gewordenem  widerstreben, 
und  so  denn  auch  die  Annahme  von  Heptaden  zur  Bestimmung  des 
Echten  und  Unechten  im  Nibelungenliede.  Es  mag  sich  nun  mit  den 
Heptaden  wie  immer  verhalten,  das  ist  klar,  daß  der  Geist  J.  Grimms 
auf  das  geistige  Band  der  Dinge  gerichtet  war,  die  andern  auf  die 
Theile  in  der  Hand.  Unendlich  fruchtbar  wirkte  Grimm  dadurch,  daß 
er  eine  Fülle  von  Ideen  enthüllte  und  weckte.  Reich  befruchtet  von 
ihm  ist  die  Forschung  noch  heute  und  nicht  nur  in  Deutschland. 
Wie  ein  einsamer  Riese  ragt  er  weit  über  seine  Zeit  hinaus,  wenn 
auch  eine  Menge  von  Einzelheiten  seiner  Forschungen,  die  man  nun 
besser  weiß,  nicht  mehr  gelten.  —  Es  soll  hier  nur  hervorgehoben 
werden,  daß  der  Gegensatz,  der  in  diesen  Fragen  hervorgetreten  ist,  in 
nichts  anderm  zu  suchen  ist,  als  in  dem  Gegensatz  der  classischen  Zeit 
des  Idealismus  zu  der  Folgezeit,  die  vieles  Gute  hervorgebracht,  nur 
für  Ideen  kein  Verständniß  hat.  Ich  behaupte  nicht,  daß  der  gewaltige 
tiefgehnde  Geist  Grimms  auf  der  einen  oder  auf  der  andern  Seite  einen 
Nachfolger  fand.  Mir  galt  es  hier  nur  es  auszusprechen,  daß  die 
Berechtigung,  sich  an  seine  Seite  zu  stellen,  eine  tief  begründete  war. 
Es  folgten  bekanntlich  die  Angriffe  Holtzmanns,  Zarnckes  gegen 
Lachmanns  Nibelungen;  die  Germania  Pfeiffers  erschien  seit  1856  mit 
Beiträgen  von  J.  Grimm,  L,  Uhland  und  stand  nun  gegenüber  der 
Zeitschrift  Haupts  für  deutsches  Alterthum,  die  auf  der  Seite  Lach- 
manns stand.  In  der  Germania  traten  Pfeiffer  und  Bartsch  mit  den 
bekannten  bedeutenden  Besprechungen  von  des  Minnesanges  Frühling 
auf;    Pfeiffers  Vortrag   über  den  Kürenberger  als  Verfasser  der  Nibe- 


ERINNERUNGEN  AN  K.  J.  BARTSCH.  63 

langen ,  Bartschs  Untersuchungen  über  das  Nibelungenlied  folgten, 
und  eine  Fülle  von  Geist  und  Gelehrsamkeit  offenbarte  sich  auf  bei- 
den Seiten.  —  Wenn  wir  was  wegwünschen  möchten,  so  ist  es  das 
persönliche  Moment,  das  diese  Fehden  oft  auf  das  Unerfreulichste 
verbitterte.  Bartsch  besaß  eine  Gelassenheit,  Sachlichkeit  und  Milde 
in  solchen  Fällen,  die  offenbar  den  Frieden  anstrebte.  Seine  Unter- 
suchungen über  das  Nibelungenlied,  seine  Ausgabe  von  der  Nibelunge 
not  mit  Lesarten  und  Wtb.  sind  von  dauerndem  Werth. 

Im  Jahre  1879  hatte  ich  mit  ihm  ein  Zusammentreflfen  in  Jen- 
bach in  Tirol  verabredet,  wo  wir  einen  glücklichen  Monat  zusammen 
verlebten.  Gemeinsame  Ausflüge  in  der  Umgegend,  wie  im  Zillerthal, 
ein  anrauthiges  Zusammentreffen  mit  Defregger  am  Achensee,  Besuche 
von  Aufführungen  tirolischer  Volksbühnen,  über  die  wir  in  Blättern 
berichteten  und  die  Veranstaltung  selbst  eines  Goethefestes  den  28.  Au- 
gust in  Jenbach,  waren  uns  Beiden  unvergeßliche  Erinnerungen. 
Ich  arbeitete  damals  an  meinem  Faustcommentar,  der  Bartsch  sehr 
interessirte.  Bezeichnend  für  seinen  bewährten  Formensinn  ist  eine 
Arbeit,  die  daraus  hervorging.  Die  Erscheinung  des  Alexandriners  in 
Goethes  Faust,  der  mit  Hans  Sachsischen  Versen  wechselt,  die  ich 
wiederholt  zur  Sprache  brachte,  veranlaßte  ihn  zu  dem  Aufsatze  im 
Goethejahrbuch  1   (1880):  Goethe  und  der  Alexandriner. 

1882  hatte  ich  noch  das  Glück  bei  ihm  in  Heidelberg,  in  seiner 
liebenswürdigen  Familie  glückliche  Tage  zu  verleben.  Seine  liebe 
Frau,  seine  trefflichen  Kinder  bildeten  einen  Kreis,  der  ihn  wol  be- 
glücken konnte ! 

Ich  habe  noch  nicht  seiner  Dichtungen  gedacht,  seiner  an- 
muthigen  lyrischen  Gedichte,  seiner  lebensvollen  Novellen,  verdienst- 
vollen Übersetzungen.  Sie  kamen  in  diesem  Kreise  zur  Sprache  und 
man  sah,  welches  Interesse  dafür  lebendig  war.  Gewiß  stand  auch 
seinen  textkritischen  Arbeiten  die  nachschaffende  Gabe  des  Dichters 
zur  Seite.  —  Was  mir  aber  hier  besonders  lebhaft  vor  Augen  trat, 
das  war  die  anspruchlose  Genügsamkeit  und  Schlichtheit  des  doch  so 
hoch  angesehnen  Mannes.  —  Heidelberg  ist  keine  große  Stadt,  sie  kennt 
aber  bei  dem  Andrang  von  Fremden,  allen  Luxus  großer  Städte. 
Bartsch  blieb  davon  unberührt:  in  der  Hinsicht  der  richtige  deutsche 
Gelehrte!  —  Bei  alledem  durchaus  nicht  pedantisch  und  regen  Antheil 
nehmend  an  Musik  und  Theater;  anregend,  geistesfrisch  in  Gesellschaft. 
Niemand  begriff,  wie  er  zu  allem  Zeit  fand!  —  Wie  freute  ich  mich 
der  Stunden  in  seiner  lieben  Familie,  seiner  Begleitung  nach  dem 
Schlosse  von  Heidelberg,  wo  wir  Goethes  und  des  Urbildes  der  Suleika 


64  K.  J.  SCHRÖER,  ERINNERUNGEN  AN  K.  BARTSCH. 

gedachten.  —  Mit  welcher  Freude  und  Rührung  muß  ich  nun  zurück- 
blicken auf  alle  die  persönlichen  Begegnungen,  aber  ebenso  auf  die 
große  Zahl  seiner  Briefe,  in  denen  er  mich  fortwährend  im  Laufenden 
erhielt  in  seiner  großen  vielseitigen  Thätigkeit  und  an  meinen  Arbeiten 
immer  regen  Antheil  zeigte.  —  Seit  jener  Zeit  hat  ihn  wiederholt 
die  Krankheit  überwältigt.  Die  zahlreichen  Briefe  blieben  aus;  Karten 
traten  an  die  Stelle,  besonders  in  der  letzten  Zeit.  Sein  letzter  Brief, 
dem  nur  mehr  Zettel  gefolgt  sind,  war  vom  5.  November  1887.  Da 
sehrieb  er:  er  wolle  sich  wieder  der  Germania  annehmen.  Und  am 
Schluß:  „Mit  mir  geht  es  langsam  vorwärts,  jeden  Tag  darf  ich  1  St. 
arbeiten.  Sei  herzl.  gegrüßt  von  Deinem  K.  B."  —  — 

Als  ich  jenes  letzte  Päckchen  aufmachte,  war  das  erste  Blatt, 
das  mir  in  die  Hände  fiel,  eine  Besprechung  der  6.  Auflage  von 
Zarnckes  Nibelungenausgabe:  „Mit  wahrer  Freude  begrüße  ich  diese 
Auflage."    So  beginnt  die  Besprechung. 

Er  findet,  hocherfreut,  eine  Annäherung  zwischen  Zarnckes  und 
seinen  Anschauungen  und  bespricht  die  noch  bestehnden  DifFerenz- 
punkte:  „Alle  sind  der  Art,  daß  sie  einen  principiellen  Gegensatz 
nicht  enthalten,  und  so  hofi'e  ich,  daß  wir  uns  allmälig  noch  etwas 
mehr  nähern  werden!"  —  — 

So,  mit  wissenschaftlichen  Fragen  beschäftigt  bis  zuletzt,  verließ 
er  uns,  hoffend,  hoffend!  —  Es  ist  ein  schöner  Lebensschluß  ein 
solches  Hoffen.  Ja,  lieber  Freund,  hoffen  wollen  wir,  daß  alle  Guten 
sich  noch  einmal  nähern  werden! 

Die  nächste  Pflicht,  die  ich  nun  vor  mir  sah,  war  die  Sorge  um 

die  Germania.    Daß    erstens  das  erste  Heft  dieses  Jahres,    das  unter 

Bartschs  Namen    das    letzte  sein  sollte,  durch  Beiträge  der  genannten 

Freunde  seinem  Andenken  gewidmet  und  zweitens  sogleich  auch  schon 

ein  neuer  Herausgeber    genannt  werden  könne.    Meiner  Überzeugung 

nach  mußte  eine  bewährte  und  zugleich  junge  Kraft  gefunden  werden 

und    ich   freue    mich,    daß  es  gelungen    ist,    eine  solche  an  Professor 

Dr.  0.  Behaghel   zu  gewinnen.    Wir  dürfen  überzeugt   sein,    daß  der 

Geschiedene  selbst,  wenn  er  gefragt  werden  könnte,  über  diese  Wahl 

hocherfreut  wäre! 

K.  J.   SCHKÖEK. 


R.  BECHSTEIN,  KARL  BARTSCH.  65 

KARL  BARTSCH 

t  19.  Februar  1888. 


Mit  trauerndem  Herzen  gedenken  wir  des  schmerzlichen  allzu- 
frühen Heimgangs  des  Herausgebers  dieser  Zeitschrift,  deren  Leitung 
er  nach  dem  Tode  des  Begründers  in  dem  Bewußtsein  einer  theuern 
und  unabweisbaren  Pflicht  übernommen  und  fast  zwanzig  Jahre  mit 
sicherer  Hand  durchgeführt  hat.  Noch  das  letzte  Heft  des  vorigen 
Jahrgangs  1887  brachte  einen  Beitrag  von  ihm,  dem  bereits  schwer 
Erkrankten.  Und  wie  wunderbar!  Es  waren  Bruchstücke  aus  Strickers 
Karl,  von  denen  er  Textproben  und  Lesarten  zu  seiner  eigenen  Aus- 
gabe darbot,  also  zu  seinem  ersten  größeren  Werke,  mit  welchem  er 
sich  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Philologie  so  glänzend  eingeführt 
hatte!    So  reichten  sich  Anfang  und  Ende  die  Hand. 

Wie  Franz  Pfeiffer,  der  unvergeßliche  Begründer  der  Ger- 
mania, so  ist  auch  Karl  Bartsch  in  bestem  Mannesalter  dahingerafft 
worden.  Pfeiffer  brachte  es  nur  etwas  über  53  Jahre,  Bartsch  starb 
kurz  vor  der  Vollendung  seines  56.  Jahres.  Auch  darin  glichen  sich 
die  beiden  Freunde,  daß  jeder  von  ihnen  aus  der  Bibliothekarlaufbahn 
zum  akademischen  Amt  berufen  wurde,  ohne  vorher  die  Staffeln  des 
Privatdocententhums  und  des  Extraordinariats  durchgemacht  zu  haben. 
Sonst  war  ihr  Lebensgang  verschieden.  Pfeiffer  entwickelte  sich  lang- 
sam, gelangte  erst  verhältnißmäßig  spät  zu  einer  gefesteten  Lebens- 
stellung und  zur  Gründung  eines  eigenen  Herdes;  Bartsch  dagegen 
ist  mit  17  Jahren  bereits  Student,  mit  20  Jahren  Doctor,  erhält  mit 
23  Jahren  eine  Stelle,  wenn  auch  keine  völlig  befriedigende,  wird  mit 
25  Jahren  ordentlicher  Professor.  Bald  nachher  tritt  er  in  den  Ehe- 
stand. Aber  in  einem  sind  sie  wieder  gleich:  in  ihrer  unermüdlichen 
Schaffenslust  und  bewunderungswürdigen  Fruchtbarkeit,  in  ihrem  an- 
regenden und  zum  Theil  bahnbrechenden  Wirken. 

Bartsch  widmete  dem  geschiedenen  älteren  Freunde  in  der  Ger- 
mania einen  kurzen  Nachruft) ,  keinen  eigentlichen  Nekrolog.  Er 
mochte  sich  wohl  ein  ausgeführteres  Lebensbild  im  Stillen  vorbehalten 
haben.  Ein  solches  schenkte  er  uns  auch  später  in  dem  nachgelas- 
senen, von  J.  M.  Wagner  herausgegebenen  Werke  Pfeiffers,  in  dem 
„Briefwechsel    zwischen  Joseph  Freiherrn   von  Laßberg    und  Ludwig 


»)  Germania  13  (1868),  S.  260  %. 

ORRMANIA.    Neue  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  .Tahrg. 


66  R-  BECHSTEIN 

Uhland"  (Wien  1870).  In  seinem  Nachrufe  richtet  Bartsch  die  Bitte 
an  alle  Freunde,  der  Germania,  die  Pfeiffer  wohl  wie  keine  andere 
seiner  Unternehmungen  beschäftigt  habe,  ihre  Unterstützung  zuwenden 
zu  wollen,  und  knüpft  daran  die  zuversichtliche  Hoffnung,  daß  die 
Germania  noch  Jahre  lang  fort  erscheinen  werde.  Diese  Hoffnung  ist 
zum  Glück  in  Erfüllung  gegangen.  Dürfen  wir  jetzt,  wo  der  that- 
kräftige  Leiter,  der  immer  auch  der  beste  und  fleißigste  Mitarbeiter 
war,  uns  genommen  ist,  gleiche  Zuversicht  hegen?  Mit  der  vermehrten 
Zahl  der  Theilnehmenden  ist  auch  die  Zahl  der  wissenschaftlichen 
Organe  gewachsen.  Sind  es  ihrer  aber  nicht  bereits  zu  viel?  Wird 
dadurch  der  einzelnen  Zeitschrift  nicht  Kraft  entzogen?  Zeigt  sich 
neuerdings  anstatt  des  frühern  Andrangs  und  Überflusses  nicht  schon 
eine  gewisse  Ermüdung  und  ein  Nachlassen  in  der  Bereitwilligkeit 
der  Mitarbeiterschaft?  Mitunter  will  es  mich  so  bedünken.  Betrachte 
ich  aber  die  allerdings  nicht  große  Zahl  der  noch  lebenden  älteren 
Gelehrten,  welche  der  Germania  treu  geblieben  sind')  und  dazu  die 
nicht  unansehnliche  Schaar  der  Jüngern  Mitarbeiter,  so  ist  mirs  nicht 
bange  um  die  Zukunft  der  Germania.  Was  uns  aber  besonders  mit 
Trost  und  Hoffnung  erfüllt,  ist  die  Gewißheit,  daß  der  hervorragendste 
Schüler  von  Bartsch  auf  dem  germanistischen  Gebiete,  sein  Lieblings- 
schüler Otto  Behaghel  sich  entschlossen  hat,  den  verlassenen  Platz 
am  Steuer  einzunehmen. 

Wie  Bartsch  dem  geschiedenen  Pfeiffer  in  der  Germania  einen 
Nachruf  widmete,  so  würde  Behaghel  jetzt  die  gleiche  Pflicht  zufallen, 
und  er  würde  ihr  genügen,  wenn  ich  nicht  im  Voraus  die  Absicht 
gehabt  hätte,  das  Andenken  des  entschlafenen  Freundes  zu  feiern. 
Wenn  ich  aber  dieses  Vorrecht  in  Anspruch  nehme,  so  geschieht  es 
nicht  allein,  weil  ich  der  ältere  bin  und  seit  bereits  dreißig  Jahren 
an  der  Germania  mitarbeite,  sondern  auch  weil  ich  das  Glück  gehabt 
habe,   von  Bartsch  zu  seinem  Nachfolger  in  Rostock  erkoren  worden 


*)  Von  den  Mitarbeitern  der  Germania  sind  nach  Pfeiffers  Tode  folgende  aus 
dem  Leben  geschieden:  Ferd.  Deycks,  Lorenz  Diefenbach,  Franz  Dietrich,  Anton 
Edzardi,  Ludwig  Ettmüller,  Joseph  Fasching,  Karl  Frommann,  Karl  Goedeke,  Benedict 
Greiff,  Joseph  Haupt,  Karl  Hildebrand,  Albert  Hoefer,  Heinrich  Hoffmanii  von  Fallers- 
leben,  Karl  Hopf,  Adelbert  von  Keller,  Arthur  Köhler,  G.  L.  Kriegk,  Hermann  Kurz, 
August  Lübben,  Adolph  Lütolf,  Hans  Ferd.  Maßmann,  Hermann  Palm,  Heinricii 
Rückert,  Theophil  Rupp,  Karl  Schiller,  Franz  Ötarck,  Joseph  Maria  Wagner,  Emil 
Weller,  August  Witzschel,  Adolph  Wolf.  Dazu  kommen  noch  diejenigen,  welche  vor 
dem  Eintritt  Bartschens  in  die  Leitung  der  Germania  sich  früher  als  Mitarbeiter  be- 
theiligt haben,  nämlich:  Theodor  Benfey,  Jacob  Grimm,  Adolph  Holtzmann,  Rudolf 
von  Räumer,  Franz  Roth,  Ludwig  Uhland,  Wilhelm  Wackernagel. 


KARL  BARTSCH  67 

zu  sein.  Zweimal  habe  ich  schon  über  Bartsch  und  seine  Wirksamkeit 
gehandelt,  was  freilich  den  Wenigsten  der  Fachgenossen  bekannt  ge- 
worden ist.  Beidemal  aus  erfreulichem  Anlaß ,  beidemal  in  der  Ro- 
stocker Zeitung.  Zuerst  bei  Gelegenheit  seines  fünfundzwanzigjährigen 
Doctorjubiläums  am  12.  März  1878  (Nr.  61,  64  vom  12.  und  17.  März 
mit  Nachtrag  über  die  Feier,  Nr.  80  vom  5.  April),  sodann  zum  Ge- 
dächtniß  seines  Amtsjubiläums  am  8.  Mai  1883  (Nr.  104),  mit  wel- 
chem sich  zugleich  die  Erinnerung  an  die  durch  ihn  angeregte  Grün- 
dung des  deutsch-philologischen  Seminars,  des  ersten  seiner  Art  in 
Deutschland  verband,  welche  bald  nach  seinem  Antritt  der  Professur, 
am  11.  Juni  1858  erfolgte.  In  beiden  Aufsätzen  hielt  ich  bei  der  Schil- 
derung von  Bartschens  Leben  und  Wirksamkeit  einen  chronologischen 
Gang  ein.  Ich  möchte  nun  nicht  in  gleicher  Weise  verfahren,  wenn 
ich  hier  in  der  Germania  zum  Gedächtniß  des  geschiedenen  Freundes 
das  Wort  ergreife.  Ein  eigentliches  Lebensbild  könnte  ich  auch  nicht 
geben,  weil  ich  dazu  erst  Material  hätte  sammeln  müssen,  ich  brauche 
es  aber  auch  nicht  zu  geben,  nachdem  der  Heidelberger  Freund  und 
Fachgenosse  Friedrich  Meyer  von  Waldeck  jetzt  in  der  Allgemeinen 
Zeitung  (Beilage  Nr.  71.  75.  80.  83  vom  IL,  15.,  20.  und  23.  März  d.  J.) 
einen  so  trefflichen,  ausführlichen,  liebevollen  und  warm  empfundenen 
Nekrolog  dargeboten  hat^),  den  gewiß  alle  Freunde  mit  wehmtithiger 
Freude  gelesen  haben  werden.  In  diesem  Nekrolog  ist  in  die  Schilde- 
rung eine  so  große  Menge  persönlicher  Züge  verwebt,  die  selbst  man- 
chem Nahestehenden  bisher  unbekannt  geblieben  sein  mögen,  daß  ich 
aus  dem  Leben  nur  das  zu  berühren  brauche,  was  zum  Verständniß 
der  Wirksamkeit  nöthig  scheint.  Mir  ist  es  vornehmlich  um  eine 
Charakteristik  des  Gelehrten  und  des  Schriftstellers  zu 
thun.  Meine  Quellen  sind  lediglich  seine  Werke.  Bartsch  war  aber 
auch  akademischer  Lehrer,  deshalb  wird  auch  auf  diese  Seite 
seines  Wirkens  wenigstens  einigermaßen  Bedacht  zu  nehmen  sein. 
Nicht  um  einen  Preis  seiner  Verdienste  soll  es  sich  handeln,  ich  will 
vielmehr  versuchen,  in  meiner  Charakteristik  die  Stellung  zu  zeichnen, 
welche  Bartsch  in  unserer  Wissenschaft  einnimmt,  und  veelche  Auf- 
gaben er  zu  weiterem  Ausbau  hinterließ.  Daß  ich  mich  hier  auf  die 
Arbeiten  beschränke,  die  Bartsch  auf  dem  deutschen  Gebiete  geliefert 
hat,  brauche  ich  nicht  zu  rechtfertigen,  zumal  Bartschens  anderer 
Lieblingsschüler,   Fritz  Neumann,    die   speciell  romanistischen  Werke 


*)  Auch  in  einem   besondern  Abdruck   erschienen ,    der  mir  kurz  vor  Abschluß 
dieser  Abhandlung  durch  Frau  Geheimrath  Bartsch  freundlichst  zugesandt  wurde. 

5* 


68  R.  BECHSTEIN 

ZU  behandeln  gedenkt.  Dagegen  muß  ich  diejenigen  Veröffentlichungen, 
welche  beiden  Wissensgebieten  gemeinsam  angehören,  in  den  Kreis 
meiner  Betrachtung  ziehen. 

Die  ungemeine  Fruchtbarkeit  Bartschens  habe  ich  schon 
kurz  angedeutet.  Diese  Fruchtbarkeit,  welche  auch  die  von  Pfeiffer 
weit  übertraf,  erscheint  wie  ein  psychologisches  Räthsel.  Wie  ist  es 
nur  möglich,  daß  ein  Mann,  der  sich  nicht  der  kräftigsten  Constitution 
erfreut,  der  sogar  öfters  gezwungen  ist,  wegen  seines  leidenden  Zu- 
standes  völlig  und  auf  längere  Zeit  auszuspannen ,  dessen  Amts- 
geschäfte auch  einen  Theil  der  Zeit  in  Anspruch  nehmen,  der  bei 
allem  Fleiße  doch  auch  der  Geselligkeit  sich  nicht  ganz  entzieht, 
es  dennoch  zu  Wege  bringt,  Jahr  um  Jahr  umfangreiche  Werke 
und  daneben  eine  beträchtliche  Reihe  kleinerer  Arbeiten  erscheinen 
zu  lassen?  Seine  selbständig,  unter  seinem  Namen  veröffentlichten 
Werke  würden  einen  Schrank  füllen,  seine  großen  und  kleinen  Auf- 
sätze würden  vereint  eine  ganze  Zahl  von  Bänden  ausmachen.  Diese 
überaus  reiche  Thätigkeit  erscheint  aber  um  so  wunderbarer,  als  die 
Schöpfungen  nicht  immer  in  fortlaufender  Rede  geschrieben  sind, 
sondern  eine  Fülle  von  Beispielen,  Citaten,  Zahlen,  Verweisungen 
u.  dgl.  enthalten,  die  alle  bekanntlich  höchst  mühselig  sind,  selbst 
wenn  sie  in  vorbereiteten  Aufzeichnungen  zur  Verfügung  stehen,  und 
diese  Aufzeichnungen  mußten  doch  auch  erst  gemacht  werden.  Dabei 
sind  Bartschens  Bücher  in  *  seltener  Weise  coi-rect,  Druckfehler  be- 
gegnen so  gut  wie  gar  nicht.  Diese  ungemeine  Rührigkeit  und 
Gewandtheit  ist  aber  nur  die  äußere  Hülle;  der  innere  Kern  von 
Bartschens  staunenswerther  Production  ist  doch  zu  finden  in  seiner 
ausgebreiteten  Belesenheit,  in  seinem  tiefen  und  sichern  Wissen,  in 
seinem  weitgehenden  Interesse,  in  seiner  innigen  Liebe  zu  seinem 
Fache.   Die  Arbeit  war  ihm  Bedürfniß,  war  ihm  Leben. 

Wie  seine  Fruchtbarkeit,  so  ist  auch  seine  Vielseitigkeit  bewun- 
derungswürdig. Zwar  hat  er  sich  im  Großen  und  Ganzen  vorzugsweise 
der  altern  Zeit  zugewandt,  aber  auch  die  neue  Periode  fesselte  ihn  zu 
öftern  Malen.  Literatur,  Sprache,  dichterische  Form,  Textkritik:  alle 
diese  Gattungen  der  Philologie  lagen  ihm  am  Herzen  und  daneben 
auch  die  philologischen  Hilfswissenschaften  der  Bücherkunde  und  der 
Paläographie.  Aber  auch  die  Alterthumskunde,  die  Culturgeschiclite 
nahmen  ihn  bisweilen  gefangen.  Dabei  war  er  auch  schaffender  Dichter 
und  Übersetzer.  Was  ihn  aber  besonders  auszeichnet,  wodurch  er  sich 
von  Andern  unterscheidet  und  eine  eigenartige  Stellung  in  der  Ge- 
schichte   der    philologischen  Wissenschaft    für    alle  Zeiten    behaupten 


KARL  BARTSCH.  69 

wird,  ist  die  seltene  und  immer  seltener  werdende  Vereinigung  der 
germanischen  und  romanischen  Philologie.  Bei  dieser  Er- 
scheinung muß  ich  etwas  verweilen. 

Sein  Universitätsstudium  begann  bekanntlich  mit  der  classischen 
Philologie.  Wir  wissen  auch,  daß  es  Weinhold  war,  der  ihn  in  Breslau 
für  die  Germanistik  erwärmte.  Aber  wir  haben  keinen  Anhalt,  wenn 
wir  fragen,  wer  ihn  wohl  in  Breslau  der  Romanistik  zugeführt  habe. 
In  Berlin  hörte  er  später  bei  Steinthal  Provenzalisch,  aber  er  hatte 
schon  vorher  sich  mit  Spanisch  und  Italienisch  beschäftigt.  Somit  hat 
er  wahrscheinlich  ohne  die  Anregung  eines  Lehrers  aus  eigenem  An- 
trieb ein  Gebiet  betreten,  auf  dem  er  später  eine  so  fruchtbare  und 
erfolgreiche  Thätigkeit  entfaltete.  Wenn  Bartsch  vielleicht  auf  deut- 
schem Gebiet  noch  mehr  als  auf  romanischem  geschaflPen  hat,  so  zählt 
er  doch  zu  den  ersten  Romanisten.  In  unserer  Zeit,  in  der  sich  die 
Disciplinen  immer  mehr  sondern  und  specialisiren,  ist  es  immer  etwas 
Großes,  wenn  ein  einzelner  Gelehrter  auf  verschiedenen  Wissens- 
gebieten heimisch  wird  und  heimisch  bleibt.  In  Zukunft  wird  solche 
Verbindung  wenigstens  im  akademischen  Lehramte  verschwinden. 
Wenn  Lachmann  und  Haupt  die  classische  Philologie  und  zugleich 
die  deutsche  vertraten,  so  suchen  wir  heute  vergeblich  eine  Uni- 
versität, die  ein  solches  Verhältniß  bewahrt  hätte.  Die  Verbindung 
zwischen  allgemeiner  Sprachwissenschaft  (mit  Einschluß  des  Sanskrit) 
und  der  Germanistik,  wie  wir  sie  z.  B.  bei  Schleicher  und  Holtzmann 
fanden,  besteht  vereinzelt  heute  noch  (Leo  Meyer,  Osthoff  u.  A.), 
auch  germanische  und  romanische  Philologie  haben  vor  und  neben 
Bartsch  auch  Andere  vereinigt,  wie  namentlich  Diez,  Uhland,  Adelbert 
V.  Keller,  Konrad  Hofmann,  Holland,  Martin,  Kölbing,  aber  diese  Ge- 
lehrten neigten  oder  neigen,  mit  Ausnahme  vielleicht  von  Konrad  Hof- 
mann, doch  immer  mehr  zu  dem  einen  oder  zu  dem  andern  Fache, 
sind  vorwiegend  Germanisten  oder  vorwiegend  Romanisten.  Bartsch 
dagegen  ist  das  eine  so  gut  wie  das  andere.  Wäre  er  nur  Heraus- 
geber gewesen,  so  würden  beide  von  ihm  vertretenen  Disciplinen 
vielleicht  getrennt  behandelt  worden  sein  und  hätten  ihre  Vereinigung 
nur  in  seiner  Person  gefunden.  Aber  so  ist  es  nicht.  Das  gerade  ist 
das  Bezeichnende  und  zugleich  das  Verdienstliche  seines  Wirkens, 
daß  er  die  Zusammengehörigkeit  der  germanischen  und  der 
romanischen  Philologie,  welche  in  dem  beiderseitigen  Einfluß 
der  Sprache  und  der  Literatur  wurzelt,  fort  und  fort  zum  Ausdruck 
brachte,  wie  es  vor  ihm  in  gleich  umfassender  und  eindringender 
Weise  nicht  geschehen  ist  und  wie  es  voraussichtlich  auch  schwerlich 


70  R.  BECHSTEIN 

mehr  geschehen  wird,  weil  die  jetzt  aufstrebende  Generation  eine 
Beherrschung  beider  Gebiete  nachgerade  nicht  mehr  erreichen  kann. 
Wenn  diese  Seite  von  Bartschens  Streben  durch  einige  Beispiele  er- 
läutert werden  soll,  so  möchte  ich  zunächst  auf  seine  erste  größere 
literarisch-kritische  Abhandlung,  auf  sein  Buch  „Über  Karlmeinet'' 
(1861)  hinweisen,  in  welchem  bei  Betrachtung  der  jüngeren  Bearbei- 
tungen des  altdeutschen  Rolandsliedes  auch  auf  die  altfranzösische 
Chanson  de  Roland  sowie  auf  die  jüngeren  Rolandslieder  Bedacht 
genommen  wird,  woran  sich  auch  ein  Aufsatz  in  der  Germania  schließt 
(6,  28).  In  seiner  Ausgabe  des  Rolandsliedes  (1874)  mußte  natur- 
gemäß in  der  Einleitung  das  Verhältniß  des  deutschen  Dichters  zu 
seinem  französischen  Vorbild  berührt  werden;  in  den  Anmerkungen 
gibt  der  Herausgeber  vielfach  Stellen  aus  dem  französischen  Gedichte 
zum  Verstäudniß  des  deutschen  Textes  oder  zur  Charakteristik  der 
Übereinstimmungen  oder  Abweichungen.  Ebenso  wird  die  ausgebildetere 
Kunstepik  der  Glanzperiode  mit  Beziehung  auf  die  aus  Frankreich 
stammenden  Anregungen  von  Bartsch  betrachtet.  So  weist  er  u.  A. 
nach,  daß  Hartmann  in  seinem  Erec  eine  etwas  andere  Version  als 
die  uns  bekannte  von  Christians  Gedicht  benutzt  haben  muß  (Germ. 
7,  141).  Auch  auf  den  Zusammenhang  zwischen  der  provenzalischen 
und  der  deutschen  Liederkunst  erstrecken  sich  seine  Studien,  wovon 
zwei  Jugendarbeiten,  die  Abhandlung  über  den  Grafen  Rudolf  von 
Neuenburg  (Haupts  Zeitschrift  11,  1859,  145,  aber  schon  in  Nürn- 
berg geschrieben)  und  ein  kürzerer  Aufsatz  über  die  Nachahmung 
provenzalischer  Poesie  im  Deutschen  (Germ.  1,  1856,  480)  die  ersten 
Zeugnisse  geben.  In  diesen  Kreis  fällt  auch  die  schöne  Abhandlung  über 
die  romanischen  und  deutschen  Tagelieder  (1864,  Ges.  Vortr.  u.  Aufs. 
250).  Mit  sichtlicher  Vorliebe  besprach  Bartsch  auch  solche  Werke, 
in  denen  dieser  Zusammenhang  zwischen  romanischer  und  deutscher 
Poesie  zu  Tage  trat  oder  zu  Tage  hätte  treten  sollen.  Hierfür  mag 
nur  auf  einige  Recensionen  in  der  Germania  aufmerksam  gemacht 
sein.  So  nenne  ich  die  Besprechung  der  Ausgabe  von  Wace's  Marien- 
leben und  Leben  des  heiligen  Georg  (Germ.  4,  501),  von  Gaston 
Paris'  histoire  poetique  de  Charlemagne  (11,  224),  von  Lippolds 
Dissertation  über  die  Quellen  des  Gregorius  Hartmanns  von  Aue 
(17,  106),  von  Birch-Hirschfelds  Sage  vom  Gral  (23,  247),  von  Gau- 
tiers Les  Epopees  fran9aises  (23,  365,  Nachtrag  zu  einer  Recension 
Liebrechts).  Auch  auf  das  sprachliche  Gebiet  dehnte  B.  seine  Ver- 
gleichungen  aus,  wie  sich  namentlich  in  seinem  auf  der  Rostocker 
Philologenversammlung  1875  gehaltenen  Vortrag  „Vom  deutschen  Geist 


KARL  BARTSCH.  71 

in  den  romanischen  Sprachen"  in  glänzender  Weise  bekundet.  —  Der 
Verbindung  der  beiden  Literaturen  verdanken  wir  auch  die  Gründung 
des  Literaturblattes  für  germanische  und  romanische 
Philologie,  welches  ohne  Zweifel  von  Bartsch  angeregt  und  unter 
seiner  Mitwirkung  von  seinen  Schülern  Behaghel  und  Neumann  ge- 
leitet wurde.  Dieses  neue  Organ  hat  sich  bald  einen  Platz  erobert, 
und  sein  Bestand  scheint  gesichert.  Den  Wunsch,  den  die  Heraus- 
geber in  ihrem  Vorworte  (Januar  1880)  aussprachen,  daß  ein  enger 
Zusammenhalt  zwischen  den  beiden  Disciplinen  bestehen  bleiben  möge, 
soll  hier  mit  unmittelbarer  Beziehung  auf  Bartschens  Wirksamkeit 
wiederholt  sein.  Wenn  bei  der  Ausdehnung  der  beiden  Gebiete  es 
den  Jüngern  Gelehrten  nicht  mehr  möglich  ist,  es  Bartsch  gleich  zu 
thun,  so  mögen  doch  besonders  die  Germanisten,  die  des  Romanischen 
mehr  bedürfen  als  umgekehrt  die  Romanisten  des  Deutschen,  sich 
immer  seines  Vorbildes  erinnern  und ,  so  viel  an  ihnen  ist,  auch  dem 
Romanischen  ihr  Studium  weihen  zu  Gunsten  der  wissenschaftlichen 
Erkenntniß   der  deutschen  Sprache  und  Literatur. 

Wenden  wir  uns  nun,  nachdem  wir  die  besonders  charakteri- 
stische Seite  in  Bartschens  Erscheinung  hervorgehoben  haben,  den 
einzelnen  Fächern  zu,  für  die  er  auf  deutschem  Gebiete  thätig  war, 
so  führt  uns  gleich  seine  allererste  Arbeit,  die  wir  freilich  nur  in 
ihrem  Titel  kennen,  zu  der  Metrik  hin,  für  welche  Bartsch  nicht 
allein  eine  besondere  Vorliebe  besaß,  sondern  welche  er  nach  Lach- 
mann wie  kein  Anderer  gefördert  hat.  Gegenwärtig  sind  metrische 
Studien  in  Blüthe,  aber  erst  in  allerjüngster  Zeit;  als  Bartsch  auf- 
trat, war  er  fast  der  einzige,  der  sich  für  Metrik  in  höherem  Maße 
interessirte,  sie  erforschte  und  bearbeitete.  Dann  fanden  sich  zwar 
auch  einige  andere  Gelehrte  neben  ihm  zu  gleichem  Streben  ein,  aber 
wie  wenige  waren  es  doch  im  Verhältniß  zu  der  schwierigen  und 
umfassenden  Aufgabe!  Wenn  wir  von  Bartsch  sagen  sollen,  was  er 
bei  seiner  ungemeinen  Vielseitigkeit  eigentlich  und  vorzugsweise  war, 
so  können  wir  nicht  umhin,  ihn  als  Metriker  zu  bezeichnen.  Er  war 
es  mehr  als  Andere,  er  gründete  auch  auf  die  Metrik  seine  Text- 
kritik, praktisch  und  theoretisch,  als  Herausgeber  und  als  Kritiker. 
Im  Anfang  war  er  den  Lehren  Lachmanns  durchaus  zugethan,  er 
wirkte  für  sie,  baute  sie  aus;  mit  der  Zeit  brachte  er  auch  eigene, 
von  Lachmann  unbeachtet  gebliebene  Wahrnehmungen  und  Regeln, 
später  stellte  er  auch  im  Gegensatz  und  Widerstreit  zu  Lacbmann 
neue  Gesetze  auf.  Dies  kann  hier  nur  angedeutet  werden,  eine  Aus- 
führung  würde  viel  zu  weit  führen;    nur  auf  Einzelnes  sei  besonders 


72  R-  BECHSTEIN 

hingewiesen.  —  Jene  erste  Arbeit  ist  die  Dissertation  De  Otfridi 
arte  metrica  vom  Jahre  1853,  mit  welcher  er  in  Halle  den  soge- 
nannten kleinen  Doctor  machte').  Es  ist  zu  bedauern,  daß  sie  nicht 
veröflfentlicht  wurde.  Sie  wird  wahrscheinlich  eine  Weiterführung  der 
Lehren  Lachmanns  dargeboten  haben.  Nach  dieser  Erstlingsarbeit 
fesselten  Bartsch  längere  Zeit  provenzalische  Studien,  aber  bereits  im 
Jahre  1856  tritt  er  wieder  mit  einer  metrischen  Abhandlung  hervor: 
es  ist  der  erste  Beitrag,  den  er  der  neu  gegründeten  Germania  spendete. 
Bartsch  betrachtete  die  metrischen  Regeln  des  Heinrich  Hesler  und 
des  Nicolaus  von  Jeroschin  (Germ.  1,  192)  und  suchte  sie  zu  deuten 
und  mit  den  uns  bekannten  Gesetzen  der  mittelhochdeutschen  Metrik 
in  Einklang  zu  setzen.  Das  folgende  Jahr  brachte  die  noch  wichtigere 
Abhandlung  über  den  Strophenbau  in  der  mhd.  Lyrik,  in  welcher 
er  auch  bisweilen  auf  die  provenzalische  Poesie  Rücksicht  nimmt. 
Hier  wird  auch  bereits  zwischen  jambischen  und  trochäischen  Versen 
unterschieden,  doch  ist  nicht  recht  ersichtlich,  wie  sich  Bartsch  die 
Entwickelung  des  Rhythmus  vorstellt.  Bedeutungsvoller  aber  ist  die 
gesetzmäßige  Bestimmung  des  Innern  Reims,  der  von  W.  Grimm 
in  seiner  Geschichte  des  Reims  nur  kurz  behandelt  wird.  Bartsch 
hat  sich  schon  damals  seine  Ansichten  über  diese  Reimgattung  ge- 
bildet und  bringt  dann  diese  auch  verschiedentlich  in  mehreren  Recen- 
sionen,  wie  namentlich  in  der  über  des  Minnesangs  Frühling,  zur  Gel- 
tung (Germ.  3,  1858,  481).  Es  hat  aber  eigentlich  lange  gedauert, 
ehe  er  den  innern  Reim  monographisch  behandelte,  es  geschah  erst 
im  12.  Jahrgang  (1867,  129)  der  Germania  mit  Anknüpfung  an  die 
bekannte  Äußerung  Lachmanns  in  den  Anmerkungen  zu  Walther 
(98,  40).  Er  selbst  hatte  schon  vorher  (1864)  seine  Theorien  in  der 
Sammlung  der  deutschen  Liederdichter  praktisch  verwerthet.  Was 
Bartsch  gegen  die  Herausgeber  von  des  Minnesangs  Frühling  in  dieser 
Hinsicht  vorbrachte,  ist  von  Haupt  in  dessen  Entgegnung  (Zeitschrift 
11,  563  f^.)  zumeist  gutgeheißen  worden,  freilich  mit,  ich  möchte 
sagen,    sauersüßer  Miene,    nicht  freudig  und  rückhaltlos  zustimmend. 


')  Am  11.,  beziehentlich  am  12.  März  1853,  wurde  Bartsch  unter  Eiselen's 
Rectorat  von  der  philosophischen  Facultät  in  Halle  durch  den  Decan  H.  C.  Meier 
promovirt.  Heinrich  Leo  war  Referent.  Er  nannte  die  Dissertation  „eine  Arbeit,  die 
nicht  bloß  von  wohlrecipirter,  sondern  von  selbständiger  Gelehrsamkeit  und  durch- 
gebildetem Urtheil  zeugt."  Ebenso  Hervorragendes  leistete  Bartsch  im  Examen,  In 
der  Matrikel  heißt  es:  ^^osir^Mam  commentationem  doctam  et  acutam  de  veteris  theo- 
discae  lingxiae  praesertim  Otfridi  arte  metrica  exhibnit  et  coram  in  ordinis  conceasu 
evamen  cum  omnino  cum  laude  tum  in  litteris  germanicis  summa  cum  laude  austinuit. 


KARL  BARTSCH.  73 

Inwieweit  andere  Herausgeber  lyrischer  Gedichte  sich  praktisch  an 
Bartschens  Lehre  angeschlossen  haben,  ist  von  mir  bis  jetzt  leider 
noch  nicht  beachtet  und  nachgeprüft  worden  ').  Eine  theoretische 
Kritik  dieser  Lehre  steht  auch  noch  aus,  und  der,  dem  eine  solche 
nahe  gelegen  hätte  und  der  dazu  verpflichtet  gewesen  wäre,  hat 
sie  nicht  unternommen '').  —  Verfolgen  wir  die  metrischen  Arbeiten 
Bartschens  im  Anschluß  an  den  Aufsatz  über  den  mhd.  Strophenbau 
chronologisch  weiter,  so  bietet  sich  uns  in  der  Einleitung  zur  Ausgabe 
des  Stricker'schen  Karl  (1857)  eine  sehr  ausführliche  Darstellung  der 
Metrik  dar.  Hier  werden  ganz  nach  Lachmann'scher  Weise  auch  die 
Versausgänge  verzeichnet,  und  es  werden  Regeln  aufgestellt,  was  er- 
laubt und  was  nicht  erlaubt  sei.  In  den  folgenden  Ausgaben  des  Ber- 
thold von  Holle  (1858),  der  Erlösung  (1858)  und  des  Albrecht  von 
Halberstadt  (1861)  wird  das  Metrische  in  den  Einleitungen  viel  kürzer 
behandelt,  dafür  sind  in  den  Anmerkungen  eine  ganze  Reihe  metri- 
scher Beobachtungen  niedergelegt.  Auch  in  der  Ausgabe  der  Meister- 
lieder der  Colmarer  Handschrift  (1862)  ist  dem  Metrischen  eine  be- 
sondere Sorgfalt  zugewandt  worden.  Und  so  enthalten  auch  die  fol- 
genden Ausgaben  mehr  oder  weniger  metrische  Bemerkungen.  —  Auch 
zwei  selbständig  erschienene  Monographien  hat  Bartsch  verfaßt:  in 
der  ersten  (1867)  behandelt  er  als  Beitrag  zur  vergleichenden  Metrik 
den  saturnischen  Vers  und  die  altdeutsche  Langzeile  und  findet  in 
beiden  im  Verein  mit  der  Grundform  des  griechischen  Verses  und 
der  indischen  Sloka  die  ursprüngliche  allgemeine  epische  Form  der 
indogermanischen  Poesie;  die  zweite  (1868)  beschäftigt  sich  mit 
einer  metrischen  Erscheinung  der  mittelalterlichen  Latinität,   mit  den 

')  Ich  selbst  konnte  nicht  iiiimei-  zustimmen  in  meiner  Herstellung  der  Lieder 
im  Frauendienst.  Es  scheint  mir  die  Annahme  und  Schaffung  eines  Binnenreims  be- 
denklich, sobald  dadurch  der  Endreim  verloren  geht  und  die  Reimzeile  zum  Waisen 
lierabgedrückt  wird.  Nur  unter  bestimmten  Bedingungen  kann  dies  nach  meiner  Auf- 
fassung geschehen.  Es  hätte  die  Anmerkungen  zu  breit  gemacht,  wenn  auchj  diese 
Verhältnisse  im  Einzelnen  besprochen  worden  wären.  Ich  behalte  mir  es  aber  vor. 

')  Richard  M.  Meyer  citirt  in  seiner  Schrift  „Grundlagen  des  mhd.  Strophen- 
baus" (Straßburg  1886,  Q.  u.  F,  58)  die  oben  angeführte  Bemerkung  Lachmanns  zu 
Walther  mit  dem  Zusatz ,  daß  dieser  Forderung  auch  heute  noch  kein  Genüge  ge- 
schehen sei.  Somit  hat  er  Bartschens  Aufsatz  im  12.  Jahrgang  gar  nicht  gekannt; 
er  berücksichtigt  nur  den  frühern  Aufsatz  im  2.  Jahrgang  und  die  Textherstellungeii 
in  den  Liederdichtern.  Was  Meyer  über  den  Binnenreim  sagt,  ist  nicht  viel,  ist  auch 
unbestimmt  und  subjectiv.  Warum  hat  er  denn  nicht  Lachmanns  Anregung  benutzt 
und  ihr  Genüge  gethan?  Wenn  er  einmal  über  den  Strophenbau  handeln  wollte, 
so  mußte  der  Binnenreim,  der  für  den  Bau  der  Strophe  so  wichtig  ist,  in  seinem 
Wesen  auch  bestimmt  und  in  seinen  einzelnen  Arten  vorgeführt  werden. 


74  R.  BECHSTEIN 

Sequenzen  in  musikalischer  und  rhythmischer  Beziehung.  Die  Sequenzen 
sind  bekanntlich  von  großem  Einfluß  auf  die  Entwickelung  der  deut- 
schen Leiche  und  der  romanischen  lyrischen  Lais  gewesen.  Auch  in 
dieser  Abhandlung  wird  vielfach  auf  den  Binnenreim  Bedacht  ge- 
nommen. Wie  hier  Bartsch  die  lateinischen  und  mittellateinischen 
Verse  und  Strophenformen  untersucht,  so  ist  auch  in  einer  Recension 
die  mittellateinische  Verskunst  von  ihm  gewürdigt  worden,  in  der 
scharfen  Recension  über  seines  Freundes  Barack  Ausgabe  der  Werke 
der  Hrotsvitha  (Germ.  3,  1858,  375),  die  eine  Menge  von  Barack  nicht 
berührter  Eigenthümlichkeiten,  namentlich  solche,  die  den  Reim  be- 
treffen, zusammenträgt.  —  In  gleicher  Weise  ist  die  Metrik  fast  in 
allen  gleichzeitigen  und  folgenden  Recensionen  der  Mittelpunkt  der 
Erörterung.  Die  Recension  über  des  Minnesangs  Frühling  ist  schon 
genannt.  Nur  auf  die  über  Hopfs  Hans  Sachs  (Germ.  3,  381)  mag 
noch  besonders  aufmerksam  gemacht  sein,  weil  sie  darthut,  daß  sich 
Bartsch  auch  über  die  Metrik  der  Jüngern  Periode  der  Silbenzählung 
schon  in  jungen  Jahren  genau  und  sicher  unterrichtet  hat.  —  Schon 
hier  will  ich  im  Voraus  andeuten,  daß  Bartschens  Hauptwerk,  seine 
Untersuchungen  über  das  Nibelungenlied,  im  Wesentlichen  auf  die 
Metrik  gegründet  ist.  Hier  sind  auch  verschiedene  wichtige  Einzel- 
heiten, namentlich  Gesetze  der  Betonung,  vorgebracht  und  festgestellt, 
die  theils  Zustimmung,  theils  Widerspruch  gefunden  haben. 

Ein  so  weitgehendes  Interesse  wie  für  die  Metrik  hat  Bartsch 
für  die  Grammatik  allerdings  nicht  gehegt,  und  doch  ist  er  auch  auf 
diesem  Gebiete  erfolgreich  thätig  gewesen.  Für  die  deutsche  Gram- 
matik rührt  zwar  von  ihm  keine  Aufstellung  eines  neuen  Gesetzes 
her,  wie  für  die  romanische  (s.  Germ.  8,  1863,  363),  aber  er  sam- 
melt Stoff,  baut  das,  was  Andere  vor  ihm  schufen,  weiter  aus  und 
versteht  es  höchst  geschickt  und  sinnig,  Metrik  und  Grammatik  in 
Wechselwirkung  zu  setzen.  Gerade  als  er  seine  Schwingen  regte,  war 
Franz  Pfeiffer  mit  seiner  Behauptung  des  mitteldeutschen  Dialektes 
siegreich  hervorgetreten.  Bartsch  schloß  sich  ihm  an,  nicht  allein  in 
der  speciellen  Billigung  des  mitteldeutschen  Lautsysteuis,  sondern 
überhaupt  in  der  Werthschätzuug  des  Mundartlichen.  In  seinem 
Stricker'schen  Karl  bot  sich  ihm  nicht  viel  Gelegenheit  zu  sprachlichen 
Auseinandersetzungen,  weil  der  Dichter  so  gut  wie  gar  keine  mund- 
artlichen Besonderheiten  aufweist,  dagegen  gibt  Bartsch  in  seinem  Bert- 
hold von  Holle  offenbar  nach  dem  Muster  von  Pfeiffers  grammatischen 
Erörterungen  eine  genaue  Darstellung  der  Laute  und  Flexionen  in 
Bertholds    Sprache.    Hier  fand   er  einerseits    mitteldeutschen  Dialekt, 


KARL  BARTSCH.  75 

andererseits  Anschluß  an  die  hochdeutsche  Dichtersprache.  Das  war  be- 
stimmend für  seine  Auffassung,  an  der  er  immer  festgehalten  hat,  daß 
das  Mittelalter  zwar  keine  Schriftsprache  in  modernem  Sinne,  sondern 
nur  Schriftdialekte  besessen  hat,  daß  aber  zugleich  auch  die  Dichter 
sich  öfters  gegen  ihre  heimische  Mundart  eines  Canons  der  allgemeinen 
und  tiberlieferten  Sprache  bedienen.  Unter  den  nicht  wenigen  Äuße- 
rungen, die  mittelbar  oder  unmittelbar  von  dieser  Auffassung  Zeugniß 
geben,  will  ich  nur  an  die  Bemerkung  erinnern,  die  Bartsch  an  das 
von  ihm  entdeckte  Akrostichon  in  Heinrichs  von  dem  Türlin  Krone 
anknüpfte  (Germ.  25,  1880,  96).  In  ihm  begegnet  nicht  österreichisch 
ei  und  az  für  i  und  ei;  „beides  bezeugt  das  Vorhandensein  einer  Lite- 
ratursprache, die  sich  nicht  auf  den  Boden  der  Mundart  stellt,  sondern 
tiber  dieser  steht."  —  Für  das  Mitteldeutsche  hat  Bartsch  gar  Manches 
gethan.  Zuerst  in  der  Einleitung  zu  seinem  Albrecht  von  Halberstadt, 
wo  auch  auf  Ernsts  von  Kirchberg  Sprache  zur  Ergänzung  und  zur 
Vergleichung  Rücksicht  genommen  ist,  ferner  in  der  Erlösung,  dann 
in  dem  Aufsatz  tiber  den  Dichter  der  Erlösung  (Germ.  7,  1882,  1), 
der  zugleich,  namentlich  auf  Grund  der  sprachlichen  Übereinstimmung 
als  Verfasser  des  Gedichtes  von  der  heiligen  Elisabeth  nachgewiesen 
wird,  was  Max  Rieger  in  seiner  Elisabeth- Ausgabe  (1868)  bestätigt; 
auch  nimmt  Bartsch  öfters  in  Recensionen  von  Ausgaben  Gelegenheit, 
seine  Meinung  tiber  den  mitteldeutschen  Dialekt  kundzugeben.  In  den 
Mitteldeutschen  Gedichten  (Lit.  Ver.  1860)  bringt  er  dagegen  keine 
Darstellung  des  Sprachlichen,  weil  sich  beweisende  Reime  in  Menge 
darbieten.  —  Wie  sich  Bartsch  zu  den  neuen  Anschauungen  der  so- 
genannten junggrammatischen  Schule  gestellt  hat,  ist  mir  nicht  aus 
seinen  Schriften  entgegengetreten.  Er  hatte  eben  keine  Gelegenheit,  sich 
dartiber  auszusprechen.  Diejenigen,  die  bei  ihm  Grammatik  gehört 
haben,  werden  darüber  Auskunft  geben  können.  Daß  er  als  akade- 
mischer Lehrer  auch  das  grammatische  Studium  und  insbesondere 
auch  das  der  Dialekte  zu  befördern  suchte,  ersehen  wir  aus  der  von 
ihm  in  Rostock  gestellten  Preisaufgabe,  die  Karl  Nerger  in  seiner 
Grammatik  des  meklenburgischen  Dialektes  älterer  und  neuerer  Zeit 
(1869)  so  glücklich  gelöst  hat. 

Grammatik  und  Metrik  sind  die  Grundlagen  für  die  Text- 
kritik, aber  sie  bedürfen  der  Stütze  noch  mannigfacher  Kenntnisse, 
Erfahrungen  und  Operationen,  ehe  sie  aus  der  Theorie  in  die  Praxis 
übertreten  können,  ganz  zu  geschweigen  der  natürlichen  Begabung, 
die  der  kritische  Herausgeber  für  seine  zum  Theil  künstlerische  Auf- 
gabe mitbringen  muß.  Bartsch  besaß  alle  Vorbedingungen  eines  Her- 


76  R-  BECHSTEIN 

ausgebers  in  glücklichster  Weise.  Besonders  kam  ilim  seine  classisch- 
philülogische  Schule  und  sein  eigenes  Dichlertalent  zu  Gute.  Eine 
Reihe  kleinerer  Fragmente  hat  er  ja  urkundlich  abdrucken  lassen, 
aber  fast  niemals  begnügte  er  sich  mit  solchem  Abdruck;  er  gab 
meist  Lesarten  dazu  oder  versuchte  Besserungen  des  Textes  in  den 
beigegebenen  Anmerkungen.  Weitaus  die  meisten  seiner  Texte  sind 
wirkliche  Ausgaben.  Es  ist  natürlich,  daß  diese  Texte  vorwiegend 
der  mittelhochdeutschen  Periode  angehören.  Es  ist  staunenswerth,  wie 
viel  er  edirt  hat!  Ich  brauche  nicht  die  einzelnen  Leistungen  namliaft 
zu  machen.  Rudolf  von  Raumer  nennt  nächst  Pfeiffer  in  seiner  Ge- 
schichte der  germanischen  Philologie  (1870,  S.  708)  Bartsch  als  einen 
der  gewandtesten  und  bestausgerüsteten  Herausgeber  mittelhoch- 
deutscher Werke.  Das  Urtheil  ist  gewiß  ganz  richtig  und  für  Bartsch 
ehrenvoll.  Wir  müssen  es  hier  aber  dahin  ergänzen,  daß  sich  Pfeiffer 
und  Bartsch  doch  auch  in  ihrer  Eigenthümlichkeit  als  Herausgeber  sehr 
wesentlich  unterscheiden.  Pfeiffer  verfuhr  der  handschriftlichen  Über- 
lieferung gegenüber  immer  conservativ,  er  regelte  der  Metrik  wegen 
nur  höchst  behutsam  und  überließ  es  lieber  dem  Leser,  sich  den 
Versbau  richtig  herzustellen,  als  daß  er  selbst  den  Text  glättete  und 
regelte.  Ganz  anders  Bartsch.  Er  erstrebte  nicht  nur  einen  richtigen, 
verständlichen  Text,  sondern  auch  einen  künstlerischen,  den  Text  des 
Dichters,  nicht  den  des  Schreibers.  In  dieser  Beziehung  ähnelte  er 
Lachmann  viel  mehr  als  seinem  Freunde  Pfeiffer.  Weil  er  sich  in 
vielen  Dingen  an  diesen  anschloß,  der  sich  von  den  Berlinern  getrennt 
hatte,  weil  er  eine  eigene  Nibelungen-Theorie  aufstellte,  hat  man  ihn 
von  mancher  Seite  als  einen  Gegner  Lachmanns  bezeichnet.  Welch 
ein  Irrthum,  welch  eine  Thorheit!  In  Einzelheiten  mag  er  von  Lach- 
mann abgewichen  sein,  aber  in  seinem  Wesen  als  Herausgeber,  im 
Princip  und  in  der  Technik  ist  er  Lachmanns  treuester  Schüler  und 
Nachfolger.  Ich  wüßte  nach  Haupt  Keinen  zu  nennen,  der  auf  den 
Namen  eines  Vollblut-Lachmannianers  mehr  Anspruch  hätte 
als  gerade  Bartsch.  Darin  ging  Bartsch  über  Lachmann  allerdings 
hinaus,  daß  er  dem  Dialektischen  einen  größeren  Einfluß  gestattete, 
sonst  aber  in  den  mannigfaltigen  kritischen  Maßnahmen,  auch  in  der 
Kühnheit  der  Ergänzungen,  im  Gebrauch  der  Conjecturen  hat  er  dem 
großen  Meister  nachgestrebt.  Wie  er  über  die  Aufgabe  des  Kritikers 
dachte,  ist  an  unzähligen  Stellen  zwischen  den  Zeilen  zu  lesen,  sein 
Glaubensbekenntniß  finden  wir  aber  genauer  ausgesprochen  in  einem 
gegen  Lichtenstein  gerichteten  Aufsatze  (Germ.  27,  1882,  359).  Wir 
sehen  auch    daraus,    daß   Bartsch    in    seiner    langen  Wirksamkeit  als 


KARL  BARTRCH.  77 

Herausgeber  nicht  etwa  WandluDgen  durchgemacht,  sich  zu  anderem 
System  bekehrt  hat,  sondern  daß  er  sicli  gleichgeblieben  ist  und  auch 
diejenige  Arbeit,  der  selbst  manche  Freunde  wegen  ihrer  allzugroßen 
Unsicherheit  der  Textherstellung  und  wegen  ihres  Charakters  als  eines 
kritischen  Exercitiums  und  Kunststückes  Bedenken  entgegensetzen 
mußten,  nämlich  seineu  Albrecht  von  Halberstadt  keineswegs  bereute 
oder  als  Jugendwagniß  verwarf.  Immer  hat  auch  Bartsch  auf  den 
kritischen  Apparat  großes  Gewicht  gelegt.  Solchen  Ausgaben,  die  ohne 
kritische  Anmerkungen  veröffentlicht  wurden,  wie  die  Kudrun  und  das 
Kolandslied  in  den  bekannten  Sammlungen,  ließ  er  nachträglich  den 
Apparat  folgen  (dagegeu  ist  zu  seinem  Wolfram  diese  Zugabe  noch 
nicht  geliefert  worden).  So  war  er  auch  besonders  dazu  geschickt,  einen 
ganzen  Band  Anmerkungen  zu  bieten,  die  Anmerkungen  zu  Konrads 
Trojanerkrieg  (Lit.  Ver.  133,  1877).  —  Die  Textkritik  übte  er  nun 
auch  in  seinen  Recensionen,  die  er  außer  in  der  Germania  in  sehr  vielen 
kritischen  und  literarischen  Orgauen  niederlegte.  Die  wenigen  von  mir 
genannten,  die  für  die  Metrik  wichtig  waren,  sind  ebenfalls  in  kriti- 
scher Hinsicht  von  Belang. 

Das  gilt  natürlich  von  allen  anderen  auch,  sobald  sie  Ausgaben 
betreffen.  Herausgehoben  sei  aus  seiner  Jugendzeit  die  ßecension  über 
Kückerts  Lohengrin  (Germ.  3,  1858,  ii44),  dann  die  spätere  über 
Zarnckes  Nibelungenlied  (Germ.  13,  1868,  210),  schließlich  die  über 
Lichtensteins  Eilhart  (Germ.  23,  1878,  242),  welcher  später  verschie- 
dene Aufsätze  polemisch-kritischer  Art  folgten. 

So  sind  wir  von  selbst  auf  die  kritische  Thätigkeit  ßartschens 
hingelenkt  worden.  Was  er  als  Recensent  geschaffen,  ist  nicht  allein 
in  seiner  Menge  überraschend  und  zugleich  stofflich  höchst  mannig- 
fach und  vielseitig,  sondern  auch  gediegen,  lehrreich  und  gewinn- 
bringend, und  dies  letzteie  in  höherem  Maße  in  seinen  längeren  und 
ausführlichen  Recensionen.  Wenn  man  einen  Gelehrten  wie  Bartsch 
recht  ex'kennen  und  würdigen  will,  darf  man  nicht  bloß  seine  größeren 
Werke  beachten.  Mancher  Aufsatz  ist  unter  Umständen  öfters  wich- 
tiger und  einflußreicher  als  ein  dickes  Buch,  aber  ebenso  enthalten 
auch  die  Recensionen  bedeutsame  Anregungen,  die  an  Tageserschei- 
nungen anknüpfend  ihre  unmittelbare  Wirkung  ausüben.  Bartsch  war 
in  seinem  ersten  Auftreten  ein  strenger  Kritiker,  der  selbst  die  Freunde 
nicht  schonte,  später  wurde  er  milder.  Immer  war  es  ihm  um  die 
Sache  zu  thun.  Er  zollte  bereitwillig  Anerkennung  und  tadelte  selten 
ohne  Begründung.  Seine  Polemik  war  maßvoll,  nur  manchmal  ver- 
mied er  nicht,  wenn  er  gereizt  war,  den  wuchtigen  und  scharfen  Aus- 
druck, aber  niemals  ließ  er  sich  zu  unedler  Rede  hinreißen. 


78  B.  BECHSTHIN 

In  einer  Beziehung  wich  Bartseh  in  seinen  Editionen  von  Lach- 
mann  ab.  Wie  schon  bemerkt,  gab  er  in  seinen  Einleitungen  im  Zu- 
sammenhang auch  metrische  und  grammatische  Belehrungen,  ganz  in 
Pfeiffers  Weise,  während  Lachmann  und  später  auch  Haupt  in  der 
liegel  nur  kritische  und  metrische  Bemerkungen  und  Parallelstellen 
am  Schluße  hinzufügten.  Ebenso  belehrte  er  ausführlich  über  die  lite- 
rarischen Verhältnisse.  Auch  in  anderer  Weise  sorgte  Bartsch  noch  für 
die  Benutzer;  er  gab  auch  einzelne  hermen  eutische  Erklärun- 
gen, ferner,  wenn  es  nöthig  schien,  Hinweise  auf  die  benutzten  Quellen, 
sorgte  für  Glossare  oder  mindestens  für  Wörterverzeichnisse,  nicht 
minder  auch  für  Namenverzeichnisse.  Er  suchte  eben  auch  seine  ge- 
lehrten Ausgaben  so  brauchbar  wie  nur  möglich  zu  machen.  Außer 
diesen  hat  er  nun  auch  mehrere  für  ein  größeres  Publicum  geliefert, 
und  in  ihnen  trat  er  auch  als  Erklärer  auf  Für  Pfeiffers  Sammlung 
gab  er  die  Kudrun,  das  Nibelungenlied  (eigentlich  die  Nibelungen- 
noth),  sowie  Wolframs  Parzival  und  Titurel  heraus.  Bartsch  spricht 
sich  über  dieses  Unternehmen  in  der  Biographie  Pfeiffers  aus. 
(S.  LXXVH).  Rückhaltlos  sagt  er:  „Die  Mängel  in  der  Ausführung 
des  Unternehmens  kann  man  zugeben,  und  ich  kenne  zumal  die  meiner 
eigenen  recht  wohl"  (damals  waren  aber  der  Parzival  und  Titurel 
noch  nicht  erschienen).  Eine  Erklärung  der  Werke  Wolframs  war  eine 
der  schwierigsten  Aufgaben,  die  es  geben  konnte.  Gewiß  sind  durch 
Bartsch,  was  er  sich  nach  seinen  Schlußworten  in  der  Einleitung  selbst 
nicht  verhehlte,  keineswegs  alle  Räthsel  gelöst,  alle  Pfade  geebnet, 
aber  es  liegt  uns  doch  in  diesem  unscheinbaren  Commentar,  der  wie 
spielend  die  gedankenschweren  Verse  Wolframs  dem  Verständnisse 
erschließt,  eine  Leistung  allerersten  Ranges  vor.  Ich  wüßte  Keinen 
unter  den  damaligen  und  den  jetzigen  Kennern  des  Mittelhochdeutschen, 
der  dieser  Aufgabe  auch  nur  annähernd  so  gewachsen  gewesen  wäre 
wie  gerade  Bartsch.  —  An  Pfeiffers  Classiker  des  deutschen  Mittel- 
alters schließt  sich  die  von  Bartsch  begründete  und  herausgegebene 
Sammlung  deutscher  Dichtungen,  die  der  Vorperiode  und  der  Epigo- 
nenzeit angeboren.  Sie  war  für  einen  kleineren  Kreis  berechnet,  und 
wenn  auch  im  Großen  und  Ganzen  die  frühere  Weise  eingehalten 
wurde,  so  suchte  Bartsch  doch  auch  deren  Mängel  dadurch  zu  ver- 
meiden, daß  er  die  Worterklärungen  möglichst  beschränken  und  dafür 
den  Wortregistern  mehr  die  Gestalt  eines  Glossars  geben  wollte,  aber 
dabei  vermied  er  es,  seinen  Mitarbeitern  schablonenhafte  Anweisungen 
zu  geben.  Er  selbst  lieferte  für  seine  Sammlung  die  Ausgabe  des 
Rolandsliedes.    Wer  Bartschens  Commentar,    auf  den  wir  schon  gele- 


KARL  BARTSCH.  79 

gentlich  hinzuweisen  hatten,  mit  denen  in  der  ersten  Sammlung  ver- 
gleicht, wird  sofort  gewahren,  daß  er  bei  aller  Popularität  eine  mehr 
gelehrte  Haltung  besitzt. 

Hier  mag  es  sich  schicken,  auch  seiner  Ausgaben  zu  gedenken, 
die  er  für  Unterrichts  zwecke  lieferte.  In  , demselben  Jahre,  in 
welchem  Pfeiffers  Sammlung  begonnen  wurde  (1860),  trat  er  mit  der 
Auswahl  deutscher  Liederdichter  des  12. — 14.  Jahrhunderts  hervor. 
Dieses  Buch,  welches  aber  ebenso  gut  den  Gelehrten  dienen  kann 
wie  den  Studirenden,  gehört  ohne  Zweifel  zu  Bartschens  besten 
Schöpfungen.  Es  ist  ebenso  wissenschaftlich  wie  praktisch.  Es  bietet 
eine  treffliche  Einleitung  über  die  alte  Liederkunst,  belehrt  über  die 
einzelnen  Dichter,  gibt  einen  gereinigten  Text  nebst  den  wichtigsten 
Lesarten  und  schließlich  ein  Glossar,  welches  allerdings  noch  etwas 
ausführlicher  sein  sollte.  Wie  brauchbar  und  willkommen  diese  Lieder- 
dichter waren,  beweist  die  nöthig  gewordene  zweite  Auflage  (1879), 
die  mannigfache  Verbesserungen  erhalten  hat.  Diese  Sammlung  ist 
zwar  nicht  auf  dem  Titel  als  Schulausgabe  bezeichnet,  aber  sie  sollte 
es  doch  sein  und  diente  auch  als  ^eine  solche  und  wird  sich  auch 
künftig  bewähren.  Seine  Ausgaben  des  Nibelungenliedes  und  der  Kudrun 
gestaltete  Bartsch  auch  zu  wirklichen  Schulausgaben  um,  indem 
er  den  Text  ohne  die  von  Pfeiffer  zu  metrischen  Zwecken  einge- 
führten Punkte  und  Apostrophe  gab  und  statt  der  erklärenden  An- 
merkungen kurzgefaßte  Wörterbücher  hinzufügte.  Ebenso  lieferte  er 
auch  eine  Schulausgabe  der  Gedichte  Walthers,  nachdem  er  sich  nach 
Pfeiffers  Tode  der  Bearbeitung  mehi'erer  neuer  Auflagen  von  dessen 
Ausgabe  unterzogen  hatte.  Auch  diese  Schulausgaben  sind  beifällig 
aufgenommen  worden. 

Jede  Ausgabe  eines  Literaturdenkmals  ist  ein  Beitrag  zur  Lite- 
raturgeschichte, und  sie  ist  es  umsomehr,  wenn  der  Heraus- 
geber, so  viel  an  ihm  liegt,  literarhistorische  Unterweisung  bietet. 
Dieser  Forderung  ist  Bartsch  in  seinen  großen  Editionen  immer,  in 
seinen  kleinen  zumeist  nachgekommen.  Die  Zeiten  sind  vorüber,  in 
denen  die  Literaturgeschichte  als  philologische  Hilfswissenschaft  galt-, 
daß  die  Literaturgeschichte  das  Ziel,  zum  Mindesten  eines  der  Ziele 
der  Philologie  ist,  dessen  war  sich  auch  Bartsch  vollbewußt.  Ohne 
Einleitung  oder  ohne  Nachwort  wollte  er  seine  Texte  nicht  lassen. 
Er  belehrte  über  den  Dichter  wie  über  den  von  ihm  behandelten 
Stoff.  Einige  seiner  für  die  Literaturgeschichte  wichtigen  Arbeiten 
mögen  hervorgehoben  werden.  Die  Einleitung  zum  Albrecht  von  Hal- 
berstadt erweiterte  sich  mit  Bevorzugung  des  stofflichen  Interesses  zu 


gO  R-  BECnSTEIN 

einer  literarisch-vergleichenden  Untersuchung  über  Ovid  im  Mittelalter. 
Sein  Herzog  Ernst  führte  ihn  zu  einer  Behandlung  der  Sage.  Sein 
Buch  über  Karlmeinet  ist  eine  literarisch-kritische  Arbeit,  in  der  zum 
ersten  Male  in  eindringender  Weise  die  modernisirenden  Bearbeitungen 
alter  Dichtungen  beleuchtet  wurden.  Der  von  mir  genannte  Aufsatz 
über  den  Dichter  der  Erlösung  bringt  eine  neue  literarhistorische 
Thatsache.  Ferner  schlagen  fast  alle  Arbeiten,  welche  die  Verbindung 
deutscher  und  romanischer  Philologie  kundgeben,  in  das  literar- 
geschichtliche  Gebiet  ein.  Die  meisten  dieser  Arbeiten  sind  literarisch- 
kritisch gehalten.  Aber  auch  zusammenhängende  Darstellungen  finden 
wir,  die  sich  sehr  gut  lesen.  Das  sind  namentlich  die  Vorträge,  die 
Bartsch  an  den  verschiedenen  Heimatorten  und  anderwärts  gehalten 
hat.  Dasselbe  gilt  von  den  zahlreichen  Aufsätzen  in  literarischen  Zeit- 
schriften, sowie  von  den  Einleitungen  zu  seinen  populären  Ausgaben. 
Auf  eine  Einleitung  möchte  ich  besonders  hinweisen,  weil  sie  mir  ein 
kleines  Kunstwerk  zu  sein  scheint,  auf  die  schon  erwähnte  Einleitung 
zu  den  deutschen  Liederdichtern.  Hier  ist  jeder  Satz,  fast  jeder  Aus- 
spruch durch  einen  Hinweis  auf  die  bereitliegende  Quelle  des  mit- 
getheilten  Textes  belegt,  und  sie  macht  in  solcher  Weise  einen  streng 
gelehrten  Eindruck.  Die  kleinen  Zahlen,  die  uns  fort  und  fort  be- 
gegnen, stören  etwas  die  fortlaufende  Leetüre;  denken  wir  sie  uns 
hinweg  oder  suchen  wir  sie  unbeachtet  zu  lassen,  dann  haben  wir 
eine  wohl  stilisirte,  äußerst  lehrreiche  und  anziehende  Abhandlung 
vor  uns.  —  Auch  für  mehrere  encyklopädische  Werke  (ßrockhaus, 
Allgemeine  Deutsche  Biographie  u.  a.)  hat  Bartsch  literarhistorische 
Artikel  geschrieben,  welche  Wissenschaftlichkeit  und  flüssige  Form 
verbinden. 

Allen  Gattungen  der  Literatur  und  deren  Vertretern  widmet 
Bartsch  sein  Interesse,  der  Volksdichtung  so  gut  wie  der  Kunst- 
dichtung, dem  Epos,  der  Lyrik,  dem  Drama,  der  Prosa.  Wenn  er 
auch  für  die  mittlere  Zeit  zumeist  thätig  ist,  so  führt  ihn  das  Studium 
doch  öfters  auch  zum  Althochdeutschen  und  Altsächsischen.  Einen 
besonderen  Reiz  aber  hatte  für  ihn  die  ältere  Übergangsperiode,  die 
Zeit  der  Assonanz ;  auch  die  Epigonenzeit  und  die  Reformationsepoche 
nehmen  ihn  zu  wiederholten  Malen  gefangen.  Daß  er  auch  der  latei- 
nischen Poesie  des  Mittelalters  Beachtung  schenkte,  wurde  schon  er- 
wähnt. Das  zeigt  u.  A.  ferner  die,  wenn  auch  kurze  Recension  von 
Voigts  Ecbasis  (Germ.  22,  97).  Auch  für  das  Niederdeutsche  hatte 
sich  Bartsch  erwärmt,  wie  seine  Mitarbeiterschaft  am  Jahrbuch  des 
Vereins   für  niederdeutsche  Sprachforschung   bekundet.    Zum  Betrieb 


KARL  BARTSCH.  gl 

der  neueren  Literatur  blieb  ihm  nicht  viel  Zeit.  Daß  er  aber  auch 
für  sie  ein  Herz  hatte,  beweisen  seine  Beiträge  zum  Goethe-Jahrbuch 
und  seine  Aufsätze  in  literarischen  und  belletristischen  Zeitschriften. 
Einem  so  belesenen  und  überall  orientirten  Kenner  der  Literatui', 
wie  es  Bartsch  war,  hätte  eigentlich  die  Aufgabe  nahe  gelegen ,  eine 
Darstellung  unserer  Literaturgeschichte  zu  geben.  Ich  zweifle  auch 
nicht,  daß  er  sich  später  auch  einmal  dazu  entschlossen  hätte,  wenn 
ihm  nicht  der  Auftrag  geworden  wäre,  sich  der  Werke  zweier  namhafter 
Literarhistoriker  anzunehmen  und  sie  den  Anforderungen  der  ge<ien- 
wärtigen  Wissenschaft  anzupassen,  sie  weiterzuführen  und  umzugestalten. 
Keiner  war  zu  diesen  Aufgaben  so  ausgerüstet  und  zugleich  so  geschickt 
wie  Bartsch.  Bereitwillig  gewährte  er  Gervinus  die  erbetene  Hilfe 
bei  der  fünften  Auflage  der  Geschichte  der  deutschen  Dichtung. 
Für  die  ersten  Bände  war  diese  Unterstützung  seitens  eines  jüngeren 
Fachmannes  besonders  erwünscht  und  nöthig.  Am  zweiten  Bande 
wurde  bereits  gedruckt,  als  ßartschens  Übersiedlung  nach  Heidelberg 
erfolgte.  Um  dieselbe  Zeit  schied  Gervinus  aus  dem  Leben  (18.  März 
1871).  Das  Werk  stand  damals  gerade  bei  dem  Abschnitt  über  das 
mittelalterliche  Drama.  Die  Hoffnung  auf  ein  gemeinsames  Arbeiten 
war  zerstört,  Bartsch  mußte  nun  die  Fortführung  des  Werkes  allein 
übernehmen.  Auf  den  Titeln  der  letzten  drei  Bände  (1872 — 74)  ist 
er  auch  als  Herausgeber  genannt,  was  beim  zweiten  schon  hätte  ge- 
schehen sollen.  Von  dieser  Bemühung  für  das  Werk  von  Gervinus 
hatte  Kob erste  in  vernommen,  der  ebenfalls  eine  Umarbeitung  seines 
literarhistorischen  Werkes  plante.  Koberstein  glaubie,  Bartsch  könne 
die  Einzelstudien  für  den  Grundriß  noch  besser  verwerthen  als  in  dem 
darstellenden  Werke  des  Historikers.  Ehe  jedoch  Koberstein  mit  Bartsch 
in  Unterhandlung  trat,  wurde  er  aus  diesem  Leben  abberufen  (8.  März 
1871).  Bartsch  übernahm  auf  Wunsch  des  ihm  schon  befreundeten 
Verlegers  und  der  Koberstein'schen  Erben  die  Neubearbeitung  des 
Grundrisses,  der  in  der  neuen,  ebenfalls  fünften  Auflage  zugleich  den 
Titel  einer  Geschichte  der  deutschen  Nationalliteratur  ei'hielt.  Ich 
habe  nicht  nöthig,  das  vielbenutzte  und  unentbehrliche  Buch  in  seiner 
Neugestaltung  zu  schildern.  Wenn  die  Benutzer  mancherlei  vermißten, 
so  muß  daran  erinnert  werden,  daß  Bartsch  sich  im  Ganzen  au  das 
von  Koberstein  Überkommene  halten  und  sich  in  seinen  Nachträgen 
beschränken  mußte,  wenn  er  nicht  den  Charakter  des  ursprünglichen 
Grundrisses  zerstören  wollte.  Mit  vollem  Rechte  konnte  Bartsch  auch 
den  Ausspruch  thun,  es  wäre  leichter  gewesen,  einen  neuen  Grundriß 
zu  entwerfen,  als  das  Werk  eines  Andern  dem  heutigen  Standpunkte 

GERMANIA.     Neue  Keihe.  XXI.  (XXXIIl.)  .lahig.  6 


82  R.  BECHSTEIN 

der  Forschung  gemäß  umzugestalten.  Wie  außerordentlich  brauchbar 
Bartschens  Neubearbeitung,  insbesondere  des  ersten  Bandes  befunden 
wurde,  ersehen  wir  aus  der  nöthig  gewordenen  sechsten  Auflage  (1884), 
welche,  nachdem  das  Buch  gewissermaßen  aus  Kobersteins  Besitz  in 
den  von  Bartsch  übergegangen  war,  keine  Beschränkung  in  der  Ver- 
werthung  und  Vertheilung  des  Stoffes  mehr  auferlegte.  In  einer  Hin- 
sicht muß  es  als  ein  ganz  besonderes  Glück  erachtet  werden,  daß 
Bartsch  zur  Neubearbeitung  gerade  des  Koberstein'schen  Grundrisses 
auserkoren  wurde.  Denn  keines  der  literarhistorischen  Werke  gleicher 
oder  ähnlicher  Art  ist  so  wie  dieses  auch  der  Geschichte  der 
Metrik  gerecht  geworden.  Da  war  für  die  Neigung  wie  für  die 
Kenntnisse  des  Bearbeiters  ein  ergiebiges  Feld  bereit.  Wenn  die  Par- 
tien des  Buches,  die  von  den  dichterischen  Formen  handeln^  für  sich 
zusammengestellt  und  besonders  gedruckt  würden,  so  wäre  uns  damit 
eine  Geschichte  der  deutschen  Metrik  gegeben,  wie  sie  sonst  nirgends 
vorhanden  ist. 

Gegenüber  dem  darstellenden  Werke  von  Gervinus  kann  das 
von  Koberstein  als  ein  bibliographisch-literarhistorisches  bezeichnet 
werden.  Ohne  Frage  hat  der  Grundriß  seinen  Schwerpunkt  in  den 
Anmerkungen.  Die  Neubearbeitung  mußte  somit  auch  vorzugsweise 
auf  die  Bibliographie  gerichtet  sein.  Auch  das  traf  sich  glücklich, 
daß  Bartsch  zu  solcher  Arbeit  besonders  geschult  war,  was  unter  den 
Germanisten  eigentlich  recht  Wenige  sind.  Diese  Schulung  hatte  er 
während  seines  Wirkens  am  germanischen  Museum  erworben.  Sie  kam 
ihm  für  sein  ganzes  Leben  zu  Gute.  Darum  konnte  es  auch  nur 
Bartsch  sein,  der  zum  ersten  Male  es  auf  sich  nahm,  eine  biblio- 
graphische Übersicht  der  neuen  Erscheinungen  auf  dem  Gebiete  der 
germanischen  Philologie  zu  geben.  Er  begann  mit  dem  Jahre  1862 
im  8.  Jahrgang  der  Germania  (1863).  Das  Unternehmen  fand  all- 
seitigen Beifall,  weil  es  einem  längst  empfundenen  Bedürfnisse  ent- 
gegenkam und  vortrefflich  ausgeführt  war.  Später  erfreute  sich  Bartsch 
für  die  ausländischen  Gebiete  der  germanischen  Philologie  der  Bei- 
hilfe hervorragender  Gelehrten.  Bis  zum  Jahre  1884  hat  Bartsch  die 
Bibliographie  fortgeführt,  die  für  1885  konnte  er,  durch  Krankheit 
verhindert,  nicht  mehr  zu  Stande  bringen;  er  gedachte  sie  mit  der 
für  1886  zugleich  nachzuliefern.  Aber  diese  Hoffnung  hat  die  fort- 
schreitende Krankheit  verhindert:  auch  der  letzte  von  Bartsch  heraus- 
gegebene Jahrgang  (1887)  ist  ohne  die  gewohnte  Bibliographie  ge- 
blieben. 

Jede   Bibliographie    erfüllt  zunächst    einen    praktischen   Zweck, 


KARL  BARTSCH.  83 

sie  bietet  der  Wissenschaft  eine  Hilfe.  Zugleich  aber  gibt  sie  ein  Bild 
ihres  jeweiligen  Standes  und  ist  insofern  ein  Beitrag  zu  ihrer  Ge- 
schichte. Für  die  Geschichte  der  deutschen  Philologie  hegte 
Bartsch  immer  ein  lebendiges  Interesse.  Von  ihm  rühren  auch  eine 
Menge  Nekrologe  verstorbener  Fachgenossen  her,  die  er  zumeist 
in  der  Germania  niederlegte.  Aber  auch  für  encyklopädische  Werke 
(Brockhaus,  AUgem.  Deutsche  Biographie  u.  a.)  lieferte  er  eine  Reihe 
Biographien  deutscher  Philologen.  Der  größeren  Biographie  Pfeiffers 
ist  schon  gedacht.  Für  eine  Prorectoratsrede  in  Heidelberg  (1881) 
wählte  er  auch  ein  Thema  aus  der  Geschichte  unserer  Wissenschaft; 
er  sprach  über  „Romantiker  und  germanistische  Studien  in  Heidelberg, 
1804—1808". 

Mit  der  Bücherkunde  ist  aufs  Engste  verbunden  die  Hand- 
schriftenkunde und  die  Paläographie.  Für  diese  Hilfswissen- 
schaft und  vorbereitende  Kunst  hatte  Bartsch  ebenfalls  am  germani- 
schen Museum  die  besten  Grundlagen  gewonnen,  nachdem  er  sich 
schon  vorher  in  London,  'Oxford  und  Paris  im  Lesen  und  Abschreiben 
romanischer  Handschriften  geübt  hatte.  Frühzeitiger,  als  es  den 
Meisten  vergönnt  ist,  hatte  er  sich  so  mit  dem  Handschriftenwesen 
vertraut  gemacht  und  hatte  schließlich  eine  Fertigkeit  im  Lesen  der 
alten  Schriften  erworben,  die  uns  in  Erstaunen  setzen  muß.  Hunderte 
von  Handschriften  und  Handschriftfragmenten  sind  durch  seine  Hände 
gegangen;  unzählige  hat  er  verzeichnet,  abgeschrieben  oder  coUa- 
tionirt.  In  der  Taxation  der  Zeit  konnte  er  sich  auf  sein  Auge  ver- 
lassen, seine  Kenntniß  der  Mundarten  verhalf  ihm  zur  Bestimmung 
der  Heimath,  seine  Belesenheit  verrieth  ihm  bei  den  meisten  Frag- 
menten ihre  Herkunft.  —  Seine  Hauptaufgabe  am  germanischen  Mu- 
seum bestand  im  Anlegen  eines  umfassenden  Zettelkatalogs  der  für 
die  altdeutsche  Literatur  wichtigen  Handschriften,  soweit  solche  be- 
kannt waren.  Und  die  letzte  Arbeit,  der  er  sich  hingab  und  deren 
Vollendung  er,  der  schon  schwer  Erkrankte,  noch  erleben  durfte,  war 
ebenfalls  ein  Handschriftenkatalog,  der  beste  seiner  Art,  den  wir 
besitzen.  Das  große  Unternehmen  eines  Katalogs  der  Handschriften 
der  Universität  Heidelberg  eröffnete  er  mit  einem  beschreibenden  Ver- 
zeichniß  der  altdeutschen  Handschriften  (Vorrede  vom  Juli  1886,  er- 
schienen 1887).  Wenn  Bartsch  auch  Vorarbeiten  vorfand  und  sich 
der  Unterstützung  jüngerer  Gelehrten  erfreuen  durfte,  die  er  wegen 
seiner  Erkrankung  in  Anspruch  nehmen  mußte,  so  bleibt  ihm  doch 
das  Hauptverdienst  an  diesem  wahrhaft  monumentalen  Werke. 

Nachdem    wir  Bartsch    auf  die    mannigfachen  Gebiete    begleitet 

6* 


84  R-  BECHSTEIN 

haben,  die  er  betrat,  bebaute  und  beherrschste,  wollen  wir  schließlich 
uns  noch  einem  einzelnen  insbesondere  zuwenden,  auf  welchem 
er  mit  Vorliebe  verweilte  und  mit  dem  größten  Erfolge  thätig  war. 
Keiner  unter  den  neueren  Germanisten  hat  so  viel  für  die  Nibelun- 
gen gewirkt  wie  er.  Daß  er  drei  Nibelungenausgaben ,  eine  streng- 
gelehrte,  eine  für  weitere  Kreise  und  eine  für  Schulen,  und  dazu  eine 
Nibelungenlied -Übersetzung  lieferte,  würde  schon  hinreichen,  seinem 
Namen  für  alle  Zeiten  einen  hervorragenden  Platz  in  der  Nibelungen- 
Literatur  zu  sichern.  Was  ihn  aber  unsterblich  macheu  wird,  selbst 
wenn  er  sonst  gar  nichts  geschaffen  hätte,  ist  seine  neue  Nibelungen- 
Theorie,  welche  nach  meiner  Überzeugung,  die  sich  immer  mehr 
gefestigt  hat,  die  Theorie  der  Zukunft  zu  werden  bestimmt  ist;  welche 
alle  andern  überdauern  wird,  weil  sie  allein  die  wahre  literarhisto- 
rische Wertschätzung  unseres  Nationalepos  ermöglicht.  Ich  habe  hier 
nicht  nöthig,  diese  Theorie  darzulegen.  Es  ist  bekannt,  daß  Bartsch 
bereits  auf  der  Philologenversammlung  zu  Augsburg  im  September 
1862  über  eine  neue  Ansicht  von  der  Entstehung  der  Nibelungen  einen 
kürzeren  Vortrag  hielt,  über  den  er  dann  auch  im  Jahrgang  1863  der 
Germania  Bericht  abstattete.  Eine  Ausführung  seiner  Gedanken  in 
einer  besonderen  Schrift  stellte  er  in  Aussicht.  Diese  durchaus  von 
den  bisherigen  Theorien  abweichenden  Anschauungen  überraschten 
und  interessirten  die  germanistischen  Kreise  in  höchstem  Maße.  Eine 
Debatte  schloß  sich  in  Augsburg  nicht  an  jenen  Vortrag  an;  er  soll 
aber,  wie  mir  persönlich  mitgetheilt  wurde,  Gegenstand  lebhaftester 
Privatgespräche  gewesen  sein.  Dasselbe  war  auch  ein  Jahr  darauf  in 
Meißen  bei  der  Philologenversammlung  der  Fall.  Ich  erinnere  mich 
noch  ganz  deutlich,  wie  während  einer  geselligen  Zusammenkunft 
Bartsch  seine  Ansichten  einem  befreundeten  Kreise  entwickelte  und 
sich  namentlich  gegen  die  Einwände  von  Professor  Gosche  zu  rüsten 
hatte.  Im  Jahre  1865  erschienen  die  mit  Spannung  erwarteten  „Unter- 
suchungen über  das  Nibelungenlied".  Es  ist  dies  zwar  nicht  das 
umfangreichste  seiner  Bücher,  wohl  aber  das  allerbedeutendste,  wich- 
tigste, einflußreichste.  Daß  Bartsch  sich  sofort  seines  Sieges  erfreute^, 
kann  durchaus  nicht  behauptet  werden.  Im  Gegentheil,  er  hatte  im 
Anfang  nur  Gegner  auf  den  Plan  gelockt.  Seine  neue  Theorie  war 
gewissermaßen  eine  vermittelnde,  indem  er  in  der  Annahme  eines  ein- 
heitlichen Gedichtes  sich  auf  Holtzmanns  und  Zarnckes  Seite  stellte, 
in  der  Annahme  des  Vorzugs  der  Nibelungennoth  auf  die  Lachmanns. 
Der  Vermittler  hat  immer,  namentlich  aber  in  wissenschaftlichen  Streit- 
fragen, einen  schlimmen  Stand:  er  stellt  sich  zwischen  zwei  Feuer  und 


KARL  BARTSCH.  85 

muß  sich  den  Geschossen  zweier  Seiten  aussetzen.  Aber  auch  an  Zu- 
stimmung fehlte  es  nicht,  und  der  Zustimmenden  sind  von  Jahr  zu 
Jahr  mehr  geworden.  Bartsch  hat  auch  dafür  gesorgt,  daß  er  auch 
von  Solchen  verstanden  wurde,  die  nicht  in  der  Lage  sind,  seine 
Untersuchungen  genau  durchzustudiren.  Die  Ergebnisse  sind  am 
Schlüsse  seines  Buches  in  lichtvollster  Weise  zusammengestellt.  Ebenso 
belehrt  er  über  die  Entstehung  des  Gedichtes  in  den  Einleitungen  zu 
seiner  populären  Ausgabe  und  kürzer  zu  seiner  Übersetzung.  Auch 
in  seiner  Bearbeitung  des  Koberstein'schen  Grundrisses  ist  die  neue 
Ansicht  dargelegt.  Vortrefflich  und  überzeugend  ist  auch  das,  was 
Bartsch  in  seiner  Recension  der  Nibelungenlied-Ausgabe  von  Zarncke 
(Germ.  13,  1868,  216)  beibringt.  Das  ist  selbstverständlich  nur  für 
die  Gelehrten,  aber  diese  scheinen  gerade  die  erwähnte  Recension 
nicht  recht  beachtet  zu  haben.  Auch  Rudolf  von  Raumer  widmete 
in  seiner  Geschichte  der  germanischen  Philologie  (1870,  S.  703)  der 
neuen  Theorie  eine  klare  Erörterung,  aber  er  verfährt  im  Geiste  des 
Historikers  durchaus  objectiv  und  nimmt  nicht  Partei.  Wenn  Raumer 
bemerkt,  Bartsch  untersuche,  „vorbereitet  durch  seine  Forschungen 
über  die  Umarbeitungen  der  deutschen  Dichtungen  aus  dem  kerlin- 
gischen  Sagenkreise",  ob  nicht  den  überlieferten  Texten  unserer  Nibe- 
lungen ein  älteres  Werk  zu  Grunde  liege,  so  möchte  ich  dem  Worte 
„vorbereitet"  hinzufügen:  „und  angeregt".  Selbst  wenn  Bartsch  es  nicht 
auf  der  ersten  Seite  seines  Vorwortes  sagte,  daß  ihm  gleich  seine 
erste  größere  Arbeit  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Philologie,  die 
Herausgabe  von  des  Strickers  Karl,  auf  das  durch  die  ganze  mittel- 
alterliche Literatur  hindurchgehende  Verhältniß  von  ursprünglichen 
und  überarbeiteten  Texten  geführt  habe  und  daß  für  ihn  die  Unter- 
suchung über  Karlmeinet  wegen  der  hier  vorliegenden  Vereinigung 
verschiedener  Werke  zu  einem  Ganzen  noch  förderlicher  gewesen  sei, 
so  müßten  wir  ganz  von  selbst  darauf  kommen,  sobald  wir  uns  nur 
ein  wenig  nach  dem  Lebens-  und  Studiengange  Bartschens  umseiien, 
daß  in  jenen  Bemühungen  seiner  Jugend  die  ersten  Keime  zu  seinem 
größten  Lebenswerke  ruhen.  Fort  und  fort  hat  er  diese  Erschei- 
nung, daß  alte  Dichtungen  modernisirt  werden,  verfolgen  können, 
namentlich  in  seinen  metrischen  Studien,  bis  ihm  zuletzt  die  Erleuch- 
tung kam,  daß  auch  die  verschiedenen  Bearbeitungen  des  Nibelungen- 
liedes jenem  durchgehenden  Zuge  ihre  Erstehung  verdanken  und  auf 
ein  älteres,  uns  leider  unbekanntes,  nur  ideal  vorgestelltes  Original- 
werk zurückgehen.  Darin,  daß  die  neue  Theorie  in  der  Literatur- 
geschichte ihren  Halt  findet,  beruht  ihre  Stärke  und  gewiß  auch  ihr 


36  R.  BECHSTEIN 

endlicber  Triumph.  Der  erste,  der  sieh  öffentlich  entschieden  und  in 
streng  wissenschaftlicher  Nachprüfung  für  die  neue  Lehre  bekannte, 
war  Hermann  Fischer  in  seiner  Preisschrift  über  die  Forschungen 
über  das  Nibelungenlied  seit  Karl  Lachmann  (1874)').  Was  von 
gegnerischer  Seite  vorgebracht  worden  ist,  betrifft  Einzelnheiten,  Klei- 
nigkeiten, Nebensachen  wie  die  Kürenberger-Frage ;  um  die  Hauptsache 
gehen  die  Zweifler,  wenn  ich  mich  rückhaltlos  in  einem  Bilde  aus- 
drücken darf,  wie  die  Katze  um  den  heißen  Brei  herum ;  diese  Gegner 
zweifeln,  weil  sie  sich  von  vorgefaßten  Meinungen  nicht  befreien 
können  und  sich  das  rechte  literarhistorische  und  überhaupt  das 
historische  Denken  nicht  völlig  zu  eigen  gemacht  haben. 

Kurz  nur  mag  erwähnt  sein,  daß  Bartsch  seine  Bemühungen  für 
die  Nibelungen  auch  auf  die  Klage  übertrug,  die  er  sich  in  gleicher 
Weise  entstanden  dachte  (1875). 

Wir  können  nun  nach  Betrachtung  der  Werke  von  Bartsch  nicht 
umhin,  auch  noch  ein  Wort  im  Zusammenhange  über  die  Schriften 
anderer  Autoren  zu  sagen,  deren  Herausgabe  oder  Neubearbei- 
tung er  übernahm.  Zumeist  sind  es  die  Verleger,  die  ihn  zu  dieser 
Mühewaltung  ausersehen  und  zu  bestimmen  suchen.  Es  ist  das  ein 
Zeichen  des  ungemeinen  Vertrauens,  dessen  sich  Bartsch  in  der 
Buchhändlerwelt  erfreute.  Man  wußte,  daß  er  nicht  allein  solche  Auf- 
träge vortrefflich  ausführte,  sondern  sie  auch  rasch  und  sicher  för- 
derte, wenn  er  sie  einmal  übernommen  hatte.  Der  Herausgabe  des 
Pfeiffer'schen  Walther  haben  wir  schon  gedacht;  der  beiden  Werke 
von  Gervinus  und  von  Koberstein  mußte  bei  Betrachtung  der  literar- 
historischen Arbeiten  Erwähnung  geschehen.  Hier  haben  wir  ergän- 
zend nachzutragen,  daß  Bartsch  auch  eine  von  dem  auf  dem  Gebiete 
des  deutschen  Volksliedes  so  thätigen  und  verdienten  Freiherrn  von 
Ditfurth  nachgelassene  Sammlung  historisch-politischer  Volkslieder  des 
dreißigjährigen  Krieges  zur  Veröffentlichung  brachte  (1882) ,  und 
schließh'ch  sei  auch  hingewiesen,  wenn  es  auch  Bücher  der  romani- 
schen Philologie  betrifft,  auf  die  Neuausgabe  der  beiden  berühmten 
Werke  von  Diez,  der  „Poesie  der  Troubadours"  und  von  „Leben  und 
Werke  der  Troubadours"  (1882.  1883). 

Ein  Werk,  welches  zwar  auch  nur  durch  Beihilfe  Anderer  zu  Stande 
gekommen   ist,    welches    aber    ohne  Bartsch    nicht  ermöglicht  worden 


')  Meine  Zustimmung    habe  ich  in  der  Be.sprechung   der  Schrift    von  Hermann 
Fischer  in  den  Blättern  für  literarische  Unterhaltung  (1876,  Nr.  26)  bekannt. 


KARL  BARTSCH.  87 

wäre,  ist  die  Sammlung  der  Sagen,  Märchen  und  Gebräuche 
aus  Meklenburg  (1879/80).  Zu  den  eigentlichen  Sagen-  und  Mythen- 
forschern können  wir  Bartsch  sicher  nicht  zählen,  aber  er  interessirte 
sich  doch  lebhaft  auch  für  dieses  Gebiet.  Wie  schon  angedeutet,  ver- 
folgte er  in  seinen  Ausgaben  auch  die  behandelten  Sagenstoffe;  er 
las  auch  Collegien  über  deutsche  Mythologie;  in  der  Germania  gab 
er  auch  einmal  (12,  1864,  220)  eine  anziehende  und  überraschende 
Mittheilung  vom  Fortleben  der  Kudrun-Sage  im  nördlichen  Deutsch- 
land, speciell  in  Meklenburg.  Was  er  da  in  Erfahrung  brachte,  gerade 
das  mochte  ihn  wohl  zu  einer  Sammlung  der  meklenburgischen  Sagen 
und  Volksüberlieferungen  angeregt  haben.  Jene  Mittheilung  ist  datirt 
vom  März  1866,  im  Februar  1867  erließ  er  bereits  in  Verbindung  mit 
seinem  Freunde  Lisch  in  Schwerin  zum  Besten  eines  solchen  Unter- 
nehmens einen  Aufruf,  der  in  allen  Kreisen  der  Bevölkerung  einer 
regen  Theilnahme  begegnete  und  zahlreiche  Beiträge  erwirkte.  Auf 
Beiträge  mußte  vornehmlich  das  Werk  gegründet  werden,  wenn  auch 
frühere  literarische  Quellen  nicht  unbenutzt  bleiben  durften.  Aber  ein 
solches  Unternehmen  reift  nur  langsam  heran.  Bartsch  verließ  Rostock, 
ohne  das  Werk  veröffentlicht  zu  haben,  und  es  währte  noch  geraume 
Zeit,  ehe  es  erscheinen  konnte.  Dieses  Meklenburgische  Sagenbuch, 
dem  verstorbenen  Großherzog  Friedrich  Franz,  welcher  Bartsch 
„immer  ein  gütiger  Herr  war",  in  Ehrfurcht  gewidmet,  kann  als  ein 
Geschenk  des  Sammlers  und  Herausgebers  an  seine  einstige  Heimat 
bezeichnet  werden.  Es  hat  auch  in  Meklenburg  viel  Freude  bereitet. 
Wissenschaftlich  betrachtet  reiht  es  sich  den  bekannten  trefflichen 
und  hervorragenden  Sagenbüchern  Norddeutschlands  ebenbürtig  an, 
zumal  es  Bartsch  nicht  an  Literaturverweisen  fehlen  ließ. 

Haben  wir  somit  auch  der  redactionellen  Thätigkeit  gedacht, 
die  Bartsch  auf  verschiedenen  Gebieten  entfaltete,  so  haben  wir  hier 
besonderen  Anlaß,  auch  seine  Wirksamkeit  und  sein  Verdienst  als 
Herausgeber  der  Germania  hervorzuheben.  Ja,  er  war  der  beste 
und  fleißigste  Mitarbeiter!  Ich  erinnere  mich  noch  ganz  deutlich  aus 
meiner  Nürnberger  Zeit^),  daß  Frommann  uns  Jüngeren  einmal  einen 
Brief  Pfeiffers  mittheilte,  in  welchem  dieser  sich  höchst  befriedigt  über 
die  Mitarbeiterschaft  Bartschens  an  der  Germania  aussprach  und  seine 
Beiträge   mit  als  die   besten  bezeichnete.    Als  er  selbst  nach  Pfeiffers 


*)  Hier  möchte  ich  zu  Meyers  von  Waldeck  Nekrolog  in  der  Allgemeinen  Zeitung  II, 
Nr.  75,  1106  [bes.  Abdr.  S.  11]  bemerken,  daß  ich  nicht  zugleich  mit  Bartsch  am 
germanischen  Museum   war;  ich  kam  gerade  dahin,  als  er  nach  Rostock  ging. 


88  R.  BECHSTEIN 

Hinscheiden  die  Zügel  in  die  Hand  genommen,  hörte  er  nicht  auf, 
seinen  Freunden  und  Mitarbeitern  ein  Vorbild  zu  sein.  Jahr  um  Jahr 
lieferte  er  neben  Aufsätzen,  Textmittheilungen,  Recensionen,  Nekro- 
logen die  Bibliographie.  Der  Verlust  eines  solchen  Mitarbeiters  wird 
aber  dadurch  bedeutend  erhöht,  daß  er  zugleich  der  Leiter  und  die 
Seele  des  Organes  war.  Durch  seine  ungemeine  Vielseitigkeit  verstand 
er  nicht  allein  die  einzelnen  Beiträge  zu  würdigen,  sondern  auch  für 
ihre  Correctheit  im  Drucke  zu  sorgen.  Er  beherrschte  auch  die  Ge- 
biete, auf  denen  er  nicht  selbsthätig  schuf,  wie  das  Nordische  und 
das  Angelsächsische,  die  er  ja  auch  in  seinen  Vorlesungen  behandelte. 
Wie  aufmerksam  er  die  Beiträge  nachprüfte,  bekunden  die  öfters  hin- 
zugefügten Bemerkungen,  die  Ergänzungen  brachten  oder  bisweilen 
auch  Zweifel  äußerten.  Aber  er  drängte  sich  nicht  mit  seiner  Kritik 
hervor,  er  ließ  vielmehr  den  Mitarbeitern  volle  Freiheit.  Wenn  in  der 
Polemik  ein  allzuherber  Ausdruck  gebraucht  wurde,  so  suchte  er  ihn 
zu  mildern,  doch  nicht  so,  daß  seine  Wirkung  völlig  verloren  ging. 

Nicht  bloß  den  Gelehrten,  auch  den  Schriftsteller  haben  wir  zu 
würdigen  gesucht.  Seine  streng  gelehrten  Werke  überwiegen  weitaus, 
aber  er  hielt  es  nicht  für  einen  Raub^  auch  für  weitere  Kreise  der 
Gebildeten  zu  schaffen.  Da  darf  auch  ein  Wort  nicht  fehlen  über 
seine  Schreibart,  seinen  Stil.  Bartsch  schreibt  immer,  auch  in  seinen 
gelehrten  Arbeiten,  in  höchstem  Maße  klar,  einfach  und  gewandt. 
Besondere  Eigenart  wohnt  seiner  Rede  nicht  inne,  er  sucht  aber  auch 
nicht,  sie  durch  rhetorische  Mittel  und  Mittelchen  aufzuputzen.  Auch 
seine  populären  Schriften,  insbesondere  seine  Vorträge  sind  auf  einen 
mittleren  Ton  gestimmt.  Die  beiden  Rectoratsreden  über  die  Treue 
in  deutscher  Sage  und  Poesie  und  über  das  Fürstenideal  des  Mittel- 
alters im  Spiegel  deutscher  Dichtung  gemahnen  etwas  au  Ludwig 
Uhlands  Weise.  Am  schwungvollsten  ist  mir  die  Festrede  erschienen, 
die  er  zum  Grimm-Jubiläum  in  Hanau  gehalten  hat.  Da  merkt  man, 
daß  auch  sein  Herz  mächtig  bewegt  war,  daß  auch  ein  Dichter  zu 
uns  spricht. 

Und  er  war  auch  ein  Dichter.  Es  ist  schon  bemerkt  worden, 
daß  ihm  sein  Dichtertalent  bei  der  Ausübung  der  Textkritik  zu  Hilfe 
kam.  Er  verwerthete  es  aber  auch  zu  eigenen  dichterischen  Schö- 
pfungen. Bartsch  hat  uns  in  seiner  biographischen  Skizze  „Aus  der 
Kinderzeit"  selbst  von  seinen  allerersten  poetischen  Versuchen  erzählt. 
Über  die  weiteren  seines  Jünglingsalters  berichtet  Meyer  von  Waldeck 
in  seinem  Nekrolog.    Aber  nur  eine  einzige  Sammlung  lyrischer  Go- 


KARL  BARTSCH.  89 

dichte  ist  von  ihm  veröffentlicht  worden  (1874).  Diese  Dichtungen 
zeichnen  sich  nicht  eigentlich  aus  durch  ihren  Gedankeninhalt,  durch 
dichterische  Größe;  sie  haben  etwas  Mildes,  in  der  Form  sind  sie 
correct  und  anmuthig.  Daß  Bartsch  es  auch  verstand,  in  mittelhoch- 
deutscher Sprache  zu  dichten,  hat  uns  ebenfalls  Meyer  in  einem  sehr 
hübschen  Beispiel  gezeigt.  Später  versuchte  sich  Bartsch  auch  auf 
dem  Gebiete  der  Novelle,  aber  nur  zwei  solcher  kleinerer  Erzählungen 
sind  bekannt  gegeben  in  den  Zeitschriften  Vom  Fels  zum  Meer  und 
Nord  und  Süd.  Auch  diese  Novellen  erheben  sich  nicht  über  die 
bessere  Erzählungsliteratur. 

Viel  bedeutender  zeigt  sich  Bartschens  Dichtertaient  in  seinen 
Übersetzungen,  in  der  Verdeutschung  der  Lieder  und  Balladen 
von  Robert  Burns  (1865),  in  der  Übertragung  des  Nibelungenliedes 
(1867),  in  den  Verdeutschungen  von  Dantes  göttlicher  Comödie  (1877) 
und  alter  französischer  Volkslieder  (1882).  Uns  muß  hier  die  Nibe- 
lungenlied-Übersetzung besonders  interessiren.  Sie  unterschied  sich 
von  allen  vorhergehenden  dadurch,  daß  in  ihr  im  Einklang  mit  dem 
Original  nur  stumpfe  Reime  gebraucht  sind.  Daß  durch  diese  Maß- 
nahme dem  Übersetzer  ganz  bedeutende  Schwierigkeiten  erwuchsen, 
liegt  auf  der  Hand.  Denn  er  mußte  allen  Reimen  aus  dem  Wege 
gehen,  die  im  Mittelhochdeutschen  sich  dem  Auge  als  zweisilbige  dar- 
stellen, metrisch  aber  nur  einsilbig  sind,  und  deshalb  die  ganze  Vers- 
zeile umgestalten. 

So  haben  wir  die  wissenschaftliche  und  schriftstellerische  Thätig- 
keit  Bartschens  in  ihren  außerordentlich  mannigfachen  Erscheinungen 
verfolgt,  aber  damit  ist  noch  nicht  der  ganze  Mann  gewürdigt.  Denn 
er  war  nicht  Privatgelehrter,  sondern  waltete  eines  akademischen 
Amtes,  und  waltete  seiner  getreulich.  Ab  und  zu  sind  wir  in  unserer 
Betrachtung  auch  auf  einzelne  Äußerungen  seiner  Lehrthätigkeit 
geleitet  worden.  Wenn  wir  sie  im  Zusammenhang  beleuchten  wollen, 
so  müssen  wir  uns  freilich  mit  Andeutungen  begnügen.  Denn  aus  dem 
bloßen  Material,  welches  ein  Professor  behandelt,  aus  den  angekün. 
digten  Vorlesungen  im  Lectionskatalog  kann  eben  auch  nur  eine  Seite 
seiner  Wirksamkeit  bekannt  werden.  Über  deren  eigentliches  Wesen 
vermag  nur  ein  gereifter  Zuhörer  zu  berichten  und  zu  urtheilen,  — 
Bartsch  verdankte  seinen  Ruf  nach  Rostock  wesentlich  der  Fürsprache 
Wilhelm  Wackernagels.  Die  Professur  trat  er  Ostern  1858  an.  Vom 
März  dieses  Jahres  ist  die  Dedicationszuschrift  datirt,  mit  welcher 
Bartsch    seinem  Gönner  Wackernagel    sein    neuestes  Werk    „Die  Er- 


90  R-  BECHSTEIN 

lösung  mit  einer  Auswahl  geistlicher  Dichtungen"  (1858)  widmete. 
Sehr  bezeichnend  ist  der  Anfang:  „Dies  Buch,  das  nicht  beziehungshjs 
„Die  Erlösung"  heißt,  mit  Ihrem  Namen  zu  schmücken,  hätte  ich  nie 
wohlgegründeteren  Anlaß  finden  können  als  gerade  jetzt,  wo  ich  aus 
beengenden  Verhältnissen  mich  in  einen  schönen  heiteren  Wirkungs- 
kreis versetzt  sehe.  Denn  Ihnen  verdanke  ich  ja  zumeist  diese  Wen- 
dung meines  Schicksals  ..."').  Dieses  Wort  hat  man  in  manchen 
Kreisen  Nürnbergs  einigermaßen  schmerzlich  empfunden,  weil  Bartsch 
sich  dort  sehr  wohl  zu  befinden  schien  und  sich  auch  viele  Sympathien 
erworben  hatte.  Allein  Bartsch  hatte  vollkommen  Recht  mit  seinem 
Bekenntnisse.  Seine  Stellung  am  Museum  war  doch  eine  beengende 
und  ungenügende.  Die  Berufung  an  eine  Universität  war  in  der  That 
eine  Erlösung  für  den  jungen  Gelehrten;  nur  in  der  akademischen 
Luft  konnte  er  wahrhaft  wirken  und  gedeihen.  Zwar  war  Rostock 
damals  keineswegs  ein  besonders  günstiger  Boden  für  einen  Professor 
der  deutschen  und  neueren  Literatur.  Dem  Schulfach  ergaben  sich 
nur  verschwindend  wenige  Meklenburger;  das  Land  bezog  seine  Lehr- 
kräfte fast  nur  aus  dem  Auslande,  namentlich  aus  Sachsen;  eine  Prü- 
fungscommission bestand  nicht  und  wurde  erst  dann  eingerichtet,  als 
Bartsch  nach  Heidelberg  ging.  So  war  der  Kreis  der  Zuhörer  an  der 
ohnehin  kleinen  Universität  nicht  groß,  vielfach  kamen  die  Collegien 
gar  nicht  zu  Stande.  Bartsch  kündigte  Vorlesungen  auf  dem  Gebiete 
der  germanischen  und  der  romanischen  Philologie  an.  Aus  dem  ersteren 
las  er  über  deutsche  Grammatik,  erklärte  er  Autoren,  verband  er  auch 
grammatische  Collegia  mit  Interpretationen,  trug  er  auch  Literatur- 
geschichte und  Mythologie  vor.  Auch  Goethes  Faust  wurde  manchmal 
von  ihm  gewählt.  Der  Schwerpunkt  seines  Wirkens  in  Rostock  lag 
aber  ohne  Zweifel  in  dem  durch  ihn  ins  Leben  gerufenen  deutsch- 
philologischen Seminar,  wie  bemerkt,  dem  ersten  in  Deutschland. 
Eis  war  keine  weit  ausgedehnte,  aber  eine  intensive  Wirksamkeit,  die 
er  da  entfaltete.  Vier  Stunden  wöchentlich  mußten  dem  Seminar  ge- 
widmet werden.  Was  er  trieb,  was  er  leistete,  welche  Theilnahme  er 


')  In  Meyei's  Nekrolog  II,  S.  1107  [bes.  Abdr,  S.  14]  ist  bemerkt:  „Die  Arbeit 
des  strebsamen  Forschers  an  diesem  Werke  (der  Ausgabe  der  Erlösung)  fiel  mit  seiner 
Berufung  nach  Rostock  zusammen ,  so  daß  die  Freunde  neckisch  behaupteten ,  diese 
„Erlösung"  sei  für  ihn  in  Wahrheit  eine  Erlösung  aus  den  beschränkten  Verhältnissen 
des  Germanischen  Museums  gewesen."  Danach  hätte  Bartsch  einen  Scherz  der  Freunde 
benutzt  in  ernstem  »Sinne  zu  seiner  Dedication.  Ich  glaube  dagegen,  daß  Bartsch 
von  selbst  auf  die  Beziehung  vom  Titel  des  Buches  zur  Wendung  seines  Lebens- 
schicksals gekommen  ist. 


KARL  BARTSCH.  91 

fand,  darüber  geben  die  Acten  genauen  Aufschluß,  Ich  brauche  hier 
nur  auf  die  Denkschrift  zu  verweisen ,  welche  ich  aus  Anlaß  des 
fünfundzwanzigjährigen  Jubiläums  des  Seminars  verfaßt  habe'). 

Nur  Einiges  mag  hier  bemerkt  sein.  Das  Seminar  war  nicht  etwa 
eine  dem  classisch-philologischen  Seminar  an  die  Seite  gesetzte  und 
nach  seinem  Vorbilde  eingerichtete  Neuschöpfung,  sondern  eine  Fort- 
setzung und  Umgestaltung  des  früheren  philosophisch-ästhetischen  Semi- 
nars, welches  der  Ästhetiker  Professor  Wilbrandt  (der  Vater  Adolf 
Wilbrandts)  geleilet  hatte.  Die  Mitglieder  waren  anfänglich  zumeist 
Theologen  und  Juristen,  später  änderte  sich  das,  da  wurden  es  der 
Glieder  aus  der  philosophischen  Facultät  mehr  und  mehr,  bis  diese 
überwogen  und  schließlich  die  ausschließlichen  wurden.  Bartsch  las  im 
Seminar  vorzugsweise  Mittelhochdeutsch.  Aus  diesem  Kreise  wurden 
auch  die  meisten  Themata  zu  schriftlichen  Arbeiten  genommen.  Im 
Anfang  behalf  sich  das  Seminar  ohne  eigene  Bücher,  Bartsch  bean- 
tragte die  Gründung  einer  Seminarbibliothek,  die  auch  bewilligt  wurde 
und  1864  ins  Leben  trat.  Bartschens  systematischer  Katalog  ist  nach 
den  besten  bibliothekarischen  Principien  eingerichtet.  Seine  Anordnung 
ist  aus  der  knappen  Beschreibung  der  Bibliothek  in  meiner  Denk- 
schrift zu  ersehen.  Von  den  von  Bartsch  als  Director  des  deutseh- 
philologischeu  Seminars  gestellten  Preisaufgaben  wurde  leider  nur  eine 
gelöst,  aus  welcher  die  schon  genannte  Schrift  über  die  meklen- 
burgische  Grammatik  von   Nerger  hervorging. 

Ostern  1871  ging  Bartsch  an  des  verstorbenen  Holtzmann  Stelle 
nach  Heidelberg.  Er  hatte  wie  dieser  die  germanische  Philologie 
zu  vertreten,  daneben  aber  nicht  die  allgemeine  Sprachwissenschaft 
und  das  Sanskrit,  sondern  das  Romanische.  Seine  Verpflichtung  war 
also  der  in  Rostock  gleich,  aber  ein  Seminar  fand  er  nicht  vor.  In 
den  ersten  Seraestern  begnügte  er  sich  mit  Übungen,  die  er  selbst 
veranstaltete,  bewirkte  aber  auch  die  Gründung  eines  Seminars,  wel- 
ches mit  dem  Sommersemester  1874  begonnen  wurde.  Während  in 
Rostock  das  Seminar  ein  deutsch-philologisches  war,  setzte  Bartsch 
im  Einklang  mit  seiner  akademischen  Doppelstellung  die  Gründung 
eines  Seminars  für  neuere  Sprachen  durch,  welches  später  den  Namen 
eines  germanisch-romanischen  erhielt.  An  ihm  wirkten  unter  Bartschens 
Leitung  auch  die  andern  Vertreter,  Professoren  und  Docenten,  der 
betreffenden   Fächer.    Für    wie    wichtig    er    die   Seminarthätigkeit    er- 

')  Denkschrift  zur  Feier  des  fünfundzwanzigjährigen  Bestehens  des  deutsch- 
philologischen Seminars  auf  der  Universität  zu  Rostock  am  11.  Juni  1883.  Rostock 
1883.  gr.  4«. 


92  R.  BECHSTEIN 

achtete  und  wie  verständnißvoll  und  praktisch  er  die  Übungen  einzu- 
richten verstand,  davon  gibt  der  Vortrag,  den  er  auf  der  Karlsruher 
Philologenversammlung  (1882)  über  die  Gründung  germanischer  und 
romanischer  Seminare  und  die  Methode  kritischer  Übungen  hielt,  glän- 
zendes Zeugniß.  In  seinem  Seminar  wirkte  er  höchst  anregend  und 
ersprießlich;  nicht  nur  gewannen  die,  welche  die  Lehrerlaufbahn  ein- 
zuschlagen beabsichtigten,  durch  ihn  eine  treffliche  Vorbildung,  sondern 
auch  Fachgelehrte  sind  aus  seineu  Händen  hervorgegangen.  Dennoch 
war  das  Seminar  nicht  in  solchem  Maße  wie  in  Rostock  der  Schwer- 
punkt seines  Wirkens.  An  der  viel  größeren  Universität  waren  auch 
seine  Vorlesungen  ungleich  mehr  besucht,  und  wegen  Mangels  an 
Theilnahme  brauchte  keine  auszufallen.  Wir  beschränken  uns  auf  die 
Angabe  seiner  deutschen  Collegia.  Er  las  über  Literaturgeschichte 
alter  und  neuer  Zeit,  Grammatik,  Metrik,  Mythologie,  erklärte  Ul- 
filas,  die  Edda,  die  Nibelungen,  den  Parzival,  Walthers  Lieder,  Minne- 
singer, Goethes  Faust.  Eine  Vorlesung  hebe  ich  besonders  hervor, 
weil  das  Thema,  so  viel  mir  bewußt,  vorher  in  Deutschland  niemals 
gewählt  worden  ist,  das  ist  die  Encyklopädie  der  germanischen  Philo- 
logie. Im  Seminar  wurden  in  der  deutschen  Abtheilung  besonders 
textkritische  Übungen  veranstaltet,  aber  auch  Otfried,  auch  Angel- 
sächsisch wurde  getrieben.  Rechnet  man  nun  die  verschiedenen  roma- 
nischen Collegien  historischer  und  exetischer  Gattung  sowie  die  dazu 
gehörigen  Übungen  hinzu,  so  kann  man  füglich  sagen,  daß  es  wenige 
Docenten  gegeben  haben  wird,  die  Bartsch  an  Fülle  und  Vielseitigkeit 
des  Lehrstoffes  gleichgekommen  sind.  So  ist  er  auch  als  akademischer 
Lehrer  eine  eigenartige  Erscheinung,  wie  sie  nicht  wiederkehren  wird. 
Ein  Ersatz,  ein  völliger  Ersatz  für  ihn  ist  ein  Ding  der  Unmöglichkeit. 
Ein  Docent,  der  wie  er  die  germanische  und  die  romanische  Philo- 
logie verbindet,  kann  nicht  mehr  gefunden  werden.  In  dieser  Er- 
kenntniß  ist  für  das  deutsche  Fach  bereits  ein  Nachfolger  berufen 
worden;  es  wird  sieh  nun  darum  handeln,  in  Heidelberg  auch  eine 
ordentliche  Professur  für  das  Romanische  zu  gründen.  Die  Vertreter 
dieser  beiden  Disciplinen  werden  sich  in  die  Leitung  des  von  Bartsch 
gegründeten  Seminars  zu  theilen  haben.  Mögen  sie  einmüthig  im  Sinne 
ihres  großen  Vorgängers  weiter  wirken!  — 

Kehren  wir  nun  zurück  zu  Bartschens  gelehrter  Thätigkeit  und 
werfen  wir  mit  Beziehung  auf  einzelne  seiner  Werke  auch  einen  Blick 
in  die  Zukunft!  Die  Germania  möge  vor  Allem  den  Freunden  und 
Anhängern  des  Geschiedenen  empfohlen  sein!  Es  wird  insbesondere 
der  Wunsch  geäußert  werden  dürfen,  daß  die  Bibliographie  der  letzten 


KARL  BARTSCH.  93 

Jahre  noch  nachgeliefert  werden  möge.  Eine  Lücke  würde  doch  allzu- 
sehr fühlbar  sein.  Eine  sehr  lohnende  Aufgabe  müßte  nach  meinem 
Bedünken  einem  jungem  Germanisten  erwachsen ,  wenn  er  im  Zu- 
sammenhange die  metrischen  Lehren  Bartschens  darstellen,  erläutern 
und  kritisiren  wollte.  Ob  der  kritische  Apparat  zu  Wolfram  mit  dem 
neuhinzuo-ekommenen  nicht  unbeträchtlichen  Material,  welches  Bartsch 
zu  seiner  Ausgabe  benutzte,  von  einem  Andern  gegeben  werden  kann, 
falls  sich  Vorarbeiten  im  Nachlasse  nicht  vorlinden,  erscheint  aller- 
dings fraglich.  Dagegen  wäre  die  Besprechung  einzelner  von  Lachmann 
abweichender  Stellen  wohl  möglich  und  in  hohem  Grade  erwünscht. 
Der  Katalog  der  Heidelberger  Handschriften  ist  durch  Bartschens 
Erkrankung  nicht  so  vollständig  ausgefallen,  wie  es  in  seinen  Wün- 
schen lag;  wie  uns  im  Vorworte  berichtet  wird,  sollen  Nachträge 
folgen.  Von  einem  großangelegten  Unternehmen  hat  uns  Bartsch  nur 
eine  Probe  gegeben,  nämlich  einen  kleinen  Anfang  (A— AL)  eines 
Verzeichnisses  altdeutscher  Gedichte  nach  den  Eingängen  in  seinen 
Beiträgen  zur  Quellenkunde  der  altdeutschen  Literatur  (Straßburg 
1886).  Dieses  Verzeichniß  verdient  unter  allen  Umständen  fortgesetzt 
und  vollendet  zu  werden.  Finden  sich  im  Nachlasse  nicht  noch  weitere 
Stücke?  Ein  solches  Verzeichniß  würde  ein  höchst  praktisches 
Repertorium  sein.  Aber  es  würde  auch  von  sehr  beträchtlichem  Um- 
fang werden.  Ist  es  einem  Einzelnen  möglich,  dieser  Aufgabe  völlig 
zu  genügen?  Müßte  da  nicht  Arbeitstheilung  eintreten?  Und  eine 
weitere  Frage:  würden  sich  nicht  auch  stoffliche  Theilungen  empfehlen? 
Liedanfänge  überwiegen  weitaus,  sollen  die  Epen  und  Dramen  mit 
eingereiht  werden  oder  stehen  sie  nicht  besser  besonders?  Das  wäre 
wohl  ein  Thema  zur  Besprechung  auf  einer  Philologenversammlung. 
Zunächst  aber  wäre  es  erwünscht,  wenn  einer  der  Freunde  eine  Mit- 
theilung darüber  machen  könnte,  wie  sich  Bartsch  das  ganze  Ver- 
zeichniß gedacht  hat. 

Das  letzte  Werk,  dessen  Titel  den  Namen  Karl  Bartsch 
enthält,  ist  meine  Ausgabe  des  Frauendienstes,  die  den  6.  und  7.  Band 
der  von  ihm  ^herausgegebenen  Deutschen  Dichtungen  des  Mittelalters 
bildet.  Die  Jahreszahl  1888  ist  sein  Todesjahr.  Ihm  war  es  leider 
nicht  mehr  möglich,  mein  Werk  mit  seiner  Fürsorge  zu  begleiten. 
Die  letzte  Zuschrift,  die  ich  von  ihm  empfing,  enthielt  einen  Glück- 
wunsch zur  Vollendung  meiner  Ausgabe  zugleich  mit  der  Nachricht, 
daß  er  ein  Exemplar  an  Reinhold  Becker  zur  Recension  für  die  Ger- 
mania gesandt  habe.  Dann  setzte  er  hinzu:  „Ich  lebe  ein  schweres 
Leben." 


94  G.  EHRISMANN 

Von  seiner  Bürde,  die  so  oft  sein  Leben  beschwerte  und  die 
ihn  zuletzt  so  schmerzlich  niederdrückte,  ist  er  nun  befreit  durch 
den  erlösenden  Tod.  Wie  sehr  wir  aber  auch  sein  schweres  Leben 
beklagen,  so  fühlen  wir  uns  doch  erhoben  in  dem  Bewußtsein,  daß 
wir  ihn,  dessen  Verlust  wir  so  tief  empfinden,  doch  besitzen  durften, 
und  daß  wir  ihm  so  unendlich  viel  verdanken.  Sein  ganzes  Leben 
war  nicht  schwer;  es  ist  trotz  vielen  Leides  nach  den  Worten  des 
Psalmisten  ein  köstliches  Leben  gewesen,  denn  es  ist  Mühe  und  Arbeit 
gewesen.    Sein  Andenken  bleibe  in  Segen! 

ROSTOCK,  Anfang  April  1888,  REIN  HOLD  BECKSTEIN, 


VERZEICHNISS  DER  SELBSTÄNDIG  ERSCHIE- 
NENEN GERMANISTISCHEN  SCHRIFTEN  KARL 

BARTSCHS^. 


Karl  der  Große  von  dem  Stricker  ligb.  von  Dr.  K.  Bartsch, 
Conservator  der  Bibliothek  am  Germanischen  Museum.  Bibliothek  der  ge- 
sammten  deutschen  National-Literatur.  Bd.  35.  Quedlinburg  u,  Leipzig,  Gottfr. 
Basse,   1857.  XCVI,   432   S.   8. 

Die  Erlösung  mit  einer  Auswahl  geistlicher  Dichtungen  hgb.  von 
K.  Bartsch.  Bibliothek  der  gesammten  deutschen  National-Literatur.  Bd,  37. 
Quedlinburg  u,  Leipzig,  Gottfr.   Basse,    1858,  LXX,   381    S.   8. 

Berthold  von  Holle,  hgb,  von  K.  Bartsch.  Nürnberg,  Bauer  und 
Raspe,   1858.  LXXVII,   250   S.   8. 

Mitteldeutsche  Gedichte,  hgb.  von  K.  Bartsch.  Bibliothek  des 
Litterarischen  Vereins  in  Stuttgart.  Bd.  LUX.   Stuttgart  1860.  XXXVI,  229  S.  8. 

Albrecht  von  Halbe rstadt  und  Ovid  im  Mittelalter,  von 
K.  Bartsch.  Bibliothek  der  gesammten  deutschen  National-Literatur,  Bd.  38. 
Quedlinburg  u.  Leipzig,   Gottfr.  Basse,    1861.  CCLX,   501    S.   8. 

Meleranz  von  dem  Pleier  hgb.  von  K.  Bartsch.  Bibliothek  des 
Litterarischen   Vereins  in  Stuttgart.   Bd,   LX.    Stuttgart   1861.    387    S,   8, 

Über  Karlmeinet,  Ein  Beitrag  zur  Karlssage  von  K.  Bartsch.  Nürn- 
berg,  Bauer  und  Raspe,   1861,   VIII,   391    S,   8, 

Meisterlieder  der  Kolmarer  Handschrift  hgb.  von  K.  Bartsch, 
Bibliothek  des  Litterarischen  V^ereius  in  Stuttgart.  Bd,  LXV^III,  Stuttgart 
1862.    734   S,   8. 


')  Dabei  konnte  ein  von  der  Verlagsbuchhandlung  Carl  Gerold's  Sohn  gütigst 
zur  Verfügung  gestelltes  Verzeichniß  von  31  Schriften  Bartschs  verglichen  werden. 
Ein  vollständiges  Verzeichniß  auch  der  in  Journalen  enthaltenen  Aufsätze  sowie  der 
romanistischen  Schriften  soll  später  folgen. 


VERZEICH NISS  DER  SCHRIFTEN  K.  BARTSCHS.  95 

Deutsche  Liederdichter  des  XII. — XIV.  Jahrhunderts.  Eine 
Auswahl  von  K.  Bartsch.  Leipzig,  G.  J.  Göschen,  1864.  LXVI ,  390  S.  8. 
2.  vermehrte  und  verbesserte  Auflage.  Stuttgart,  Göschen ^  1879.  LXXIV, 
407   S.   8. 

Kudrun.  Hgb.  von  K.  Bartsch.  Deutsche  Classiker  des  Mittelalters. 
Bd.  2.  Leipzig,  F.  A.  Brockhaus.  1.  Auflage  1865,  4.  Aufl.  1880.  (XXVIII, 
357    S.   8.) 

Untersuchungen  über  das  Nibelungenlied  von  K.  Bartsch. 
V^ien,  Wilhelm  Braumüller,   1865.  XII,   385   S.    8. 

Das  Nibelungenlied.  Hgb.  von  K.  Bartsch.  Deutsche  Classiker  des 
Mittelalters.  Bd.  3.  Leipzig,  F.  A.  Brockhaus.  1.  Auflage  1866.  5.  Auflage 
ib.   1879.  XXVI,   420   S.   8. 

Die  deutsche  Treue  in  Sage  und  Poesie.  Vortrag,  gehalten  am 
Geburtstage  Seiner  königlichen  Hoheit  des  Großherzogs  von  Mecklenburg- 
Schwerin  Friedrich  Franz  am  28.  Februar  1867  von  Dr.  K.  Bartsch,  ord. 
Professor  der  deutschen  und  romanischen  Philologie,  derzeitigem  Rector  der 
Universität  Rostock.   Leipzig,   C.  W.  Vogel,   1867.   28   S.   8. 

Der  Saturnische  Vers  und  die  altdeutsche  Langzeile.  Bei- 
trag zur  vergleichenden  Metrik  von  K.  Bartsch.  Leipzig,  B.  G.  Teubner, 
1867.   62   S.  8. 

Das  Nibelungenlied.  Übersetzt  von  K.  Bartsch.  Leipzig,  F.  A. 
Brockhaus.   1.  Auflage   1867,    2.  Aufl.   1880.  XXII,   858   S.  8. 

Das  Fürstenideal  des  Mittelalters  im  Spiegel  deutscher 
Dichtung.  Rectoratsrede  am  28.  Februar  1868  von  Dr.  K.  Bartsch,  ord. 
Professor  der  deutschen  und  romanischen  Philologie,  derzeitigem  Rector  der 
Universität  Rostock.  Leipzig,   C.  W.  Vogel,   1868.   36   S.   8. 

Die  lateinische  n  Sequenzen  des  Mittelalt  er  s  in  musikalischer 
und  rhythmischer  Beziehung  dargestellt  von  K.  Bartsch ,  ord.  Professor  der 
deutschen  und  romanischen  Philologie ,  derzeitigem  Rector  der  Universität 
Rostock.  Rostock,    Stiller'sche  Hofbuchhandlung,    1868.   VI,    245    S.   8. 

Germania.  Vierteljahresschrift  für  deutsche  Alterthumskunde.  Begründet 
von  Franz  Pfeifi"er  hgb.  von  K.  Bartsch.  Bd.  14-32.  Wien,  Carl  Gerold's 
Sohn,    1869  —  1887.   8. 

Herzog  Ernst  hgb.  von  K.  Bartsch.  Wien,  Wilhelm  Braumüller, 
1869.   CLXXII,   308   S.   8. 

Der  Nibelunge  Not  mit  den  Abweichungen  von  der  Nibelunge  Liet, 
den  Lesarten  sämmtlicher  Handschriften  und  einem  Wörterbuche ,  hgb.  von 
K.  Bartsch.  Leipzig,  F.  A.  Brockhaus.  2  Theile.  Theil  I  1870  (Text),  Theil  II, 
1.  Hälfte  (Lesarten),   1876,   2.  Hälfte  (Wörterbuch),    1880   S.   8. 

Briefwechsel  zwischen  Joseph  Freiherrn  von  Laßberg  und  Ludwig 
Uhland,  Hgb.  von  Franz  Pfeiffer.  Mit  einer  Biographie  Fr.  Pfeiffers,  von 
K.  Bartsch  und  den  Bildnissen  von  Pfeiffer,  v.  Laßberg  und  Uhland,  Wien, 
Wilhelm   Braumüller,    1870.   CVII,    342    S.   8. 


^6  G.  EHRISMANN 

Wolframs  von  Eschenbach  Par^^ival  und  Titurel.  Hgb.  von 
K.  Bartsch.  Deutsche  Classiker  des  Mittelalters.  Bd.  9 — 11.  Leipzig,  F.  A. 
Brockhaus  1870—1871.  2.  Auflage  1875  —  1877.  3  Bände  in  8.  XXXVI, 
362;    314;   318    S. 

G.  G.  Gervinus,  Geschichte  der  deutschen  Dichtung.  Fünfte 
völlig  umgearbeitete  Auflage.  Leipzig,  Wilhelm  Engelmann,  1871 — 1874. 
b   Bände  in  8.  VIII,   642;  X,   716;  VII,   678;   VIII,    670;   VI,   887   S. 

Reinfrid  von  Braunschweig  hgb.  von  K.  Bartsch.  Bibliothek  des 
Litterarischen  Vereins  in   Stuttgart.   Bd.   CIX.   Tübingen   1871.   831    S. 

Konrads  von  Würzburg  Partonopier  und  Meliur.  Turnei  von  Nant- 
heiz.  Sant  Nicolaua.  Lieder  und  Sprüche.  Aus  dem  Nachlasse  von  Franz 
Pfeiffer  und  Franz  Roth  hgb.  von  K.  Bartsch.  Wien ,  Wilhelm  Braumüller, 
1871.  XVI,   434   S.   8. 

Germanistische  Studien.  Supplement  zur  Germania  hgb.  von 
K.  Bartsch.   2  Bde.  Wien,   Carl  Gerold's  Sohn.   1872  u.  1875.   316;  316  S.   8. 

August  Kobersteins  Geschichte  der  deutschen  National- 
literatur bis  zum  Ende  des  16.  Jahrhunderts.  5.  umgearbeitete  Auflage 
von  K.  Bartsch.  Leipzig,  F.  C.  W.  Vogel,  1872  —  1873.  5  Bände  8.  (X, 
454;  332;  498;  XV,  955;  XX,  596  -|-  156  S.)  6.  Auflage,  Bd.  I,  ibid. 
1884   (XII,   480   S.). 

Wanderung  und  Heimkehr.  Gedichte  von  K.  Bartsch.  Leipzig, 
F.   A.  Brockhaus,   1874.  VIII,   266   S.  kl.   8. 

Das  Rolandslied.  Hgb.  von  K.  Bartsch.  Deutsche  Dichtungen  des 
Mittelalters.  Bd.   3.  Leipzig,  F.  A.   Brockhaus,   1874.  XXII,   382   S.   8. 

Das  Nibelungenlied.  Schulausgabe  mit  einem  Wörterbuch  von 
K.  Bartsch.    Leipzig,  F.  A.  Brockhaus,   1874,   2.  Auflage   1880.    299   S.   8. 

Kudrun.  Schulausgabe  mit  einem  Wörterbuch  von  K.  Bartsch.  Leipzig, 
F.   A.   Brockhaus,    1875.   8. 

Walther  von  der  Vogelweide.  Schulausgabc  mit  einem  Wörter- 
buche von  K.  Bartsch.  Leipzig,  F.  A.  Brockhaus.  1.  Auflage  1875,  VIII. 
156   S.  8.  2.  Aufl.   1885,  VIII,  156  S.  8. 

Diu  Klage  mit  den  Lesarten  sämmtlicher  Handschriften  hgb.  von 
K.  Bartsch.    Leipzig,  F.   A.  Brockhaus,   1875.  XXIII,   224   S.   8. 

Demantin  von  Berthold  von  Holle  hgb.  von  K.  Bartsch.  Biblio- 
thek des  Litterarischen  Vereins  in  Stuttgart.  Bd.  CXXIII.  Tübingen  1875. 
400   S.   8. 

Anmerkungen  zu  Konrads  Trojanerkrieg  von  K.  Bartsch. 
Bibliothek  des  Litterarischen  Vereins  in  Stuttgart.  Bd.  CXXXIII.  Tübingen, 
1877.  XXX,   489   S.   8. 

Hugo  von  Montfort  hgb.  von  K.  Bartsch.  Bibliothek  des  Littera- 
rischen Vereins  in  Stuttgart.  Bd.   CXLIII.   Tübingen    1879.   234   S.    8. 

Sagen,  Märchen  und  Gebräuche  aus  Mecklenburg.  Gesammelt 
und  herausgegeben  von  K.  Bartsch.  2  Bände.  Wien ,  Wilhelm  Braumüller 
1879   und   1880.   XXV,   524;   VI,   508   S.   8. 


G.  EHRISMANN,  VERZEICHNISS  DER  SCHRIFTEN  K.  BARTSCHS-       97 

Walther  von  der  Vogelweide.  Hgb.  von  Franz  Pfeiffer.  3.  bis 
6.  Auflage  hgb.  von  K.  Bartsch.  Deutsche  Classiker  des  Mittelalters.  Bd.  1. 
Leipzig,  F.  A.   Brockhaus.   3.  Auflage   1870  (LXIV,   344),   6.   Auflage   1880. 

Romantiker  und  germanistische  Studien  in  Heidelberg 
1804  — 1808.  Rede  zum  Geburtsfest  des  höchstseligen  Großherzogs  Karl 
Friedrich  von  Baden  und  zur  akademischen  Preisvertheilung  am  22.  No- 
vember 1881  von  Dr.  K.  Bartsch,  großherzogl.  Badischem  Geh.  Hofrath  etc.  etc. 
derzeit    Prorector.     Heidelberg,     Universitäts-Buchdruckerei     von    J.  Hörning, 

1881.  46   S.   4. 

Gesammelte  Vorträge  und  Aufsätze,  von  K.  Bartsch.  Freiburg 
i.   Br.  und  Tübingen,   Mohr,    1881.  V,    504   S.   8. 

Franz  Wilhelm  Freiherr  vonDitfurth:  Die  historisch-politischen 
Volkslieder  des  dreißigjährigen  Krieges.  Aus  fliegenden  Blättern,  sonstigen 
Druckwerken  und  handschriftlichen  Quellen  gesammelt  und  nebst  den  Sing- 
weisen zusammengestellt.  Herausgegeben  von  K.  Bartsch.  Heidelberg,  C.  Winter, 

1882.  XVI,   355   S.   8. 

Aus  der  Kinderzeit.  Bruchstück  einer  Biographie  von  K.  Bartsch. 
Tübingen  ohne  Jahr  (1882).   32   S.   8. 

Lied  von  eines  Studenten  Ankunft  in  Heidelberg,  von  Cle- 
mens Brentano.  Mit  Vorwort  und  Anmerkungen  herausgegeben  von  K.  Bartsch. 
(Neudrucke  aus  dem  Mohr'schen  Verlage,  Heft  1.)  Freiburg  i.  Br.  und  Tü- 
bingen, Mohr   1882.   24   S.   8. 

Die  Brüder  Grimm.  Festrede  gehalten  am  4.  Januar  1885  zu  Hanau. 
In  erweiterter  Gestalt  hgb.  von  K.  Bartsch.  Frankfurt  a.  M. ,  Rütten  und 
Loening,   1885.   31    S.   8. 

Die  Schweizer  Minnesänger.  Mit  Einleitung  und  Anmerkungen 
hgb.  von  K.  Bartsch.  Bibliothek  älterer  Schriftwerke  der  deutschen  Schweiz. 
Bd.   6.   Frauenfeld,  J.  Huber,    1886.   CCXX,   474   S.   8. 

Die  altdeutschen  Handschriften  der  Universitäts-Biblio- 
thek in  Heidelberg.  Verzeichnet  und  beschrieben  von  K.  Bartsch. 
Katalog  der  Handschriften  der  Univ.ersitäts- Bibliothek  in  Heidelberg. 
Bd.  1.  Die  altdeutschen  Handschriften.  Heidelberg,  Gustav  Köster,  1886. 
VI,  224.   4. 

GUSTAV  EHRISMANN. 


GERMANIA.     Neue  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jiihrg, 


98  FR.  NEUMANN 

KARL  BARTSCH  ALS  ROMANIST. 


Die  romanistische  Thätigkeit  Bartschens  zeigt  so  ziemlich  den- 
selben Charakter  wie  seine  germanistische:  dieselbe  Beschränkung, 
dieselben  Vorzüge,  dieselben  Fehler.  Bartschens  romanistische  For- 
schungen bewegen  sich  fast  durchweg  innerhalb  eines  fest  abge- 
schlossenen Kreises:  Textedition,  Textkritik,  Literaturgeschiciite  und 
Metrik.  Aus  diesem  Kreise  trat  Bartsch  nur  ganz  vereinzelte  Male 
heraus.  Wenn  ich  hier  gleich  von  vornherein  feststelle,  wie  Bartsch 
sich  in  seiner  Wirksamkeit  als  Romanist  beschränkte,  so  soll  damit 
in  keiner  Weise  ein  Tadel  ausgesprochen  sein.  Gerade  darin  zeigt 
sich  der  rechte  große  Gelehrte,  daß  er  sich  über  Art  und  Begrenzung 
seiner  Begabung  genau  Rechenschaft  gibt  und  danach  den  Kreis 
seiner  Thätigkeit  zieht.  Wenige  aber  gibt  es,  die  auf  dem  umzeichneten 
Gebiete  den  Kreis  wiederum  so  weit  gezogen  haben  wie  Bartsch, 
und  wie  er  das  Doppelgebiet  des  Germanischen  und  Romanischen  be- 
herrschen. Was  Bartsch  innerhalb  des  bewußt  umschriebenen  Kreises 
geleistet  hat,  das  zeigt  in  mehr  als  einer  Beziehung  die  hohe,  glän- 
zende Begabung,  welche  dem  Verstorbenen  eignete.  Besonders  tritt 
dieselbe  in  seinen  textkritischen  Arbeiten  zu  Tage:  außerordent- 
liche Belesenheit  in  altprovenzalischer  und  altfranzösischer  Literatur, 
und  in  Folge  davon  ausgedehnte  und  tiefe  Vertrautheit  mit 
Sprachschatz  und  Sprachgebrauch,  eine  seltene  Fähigkeit, 
sich  in  Charakter  und  Art  eines  Schriftstellers  hineinzuleben,  ein 
kritischer  Blick,  der  zuweilen  sogar  etwas  Divinatorisches  hatte 
—  all  das  sind  Eigenschaften ,  die  ihn  für  eine  fruchtbare  Thätigkeit 
in  der  angedeuteten  Richtung  ganz  hervorragend  veranlagten:  und  so 
sind  denn  auch  auf  romanischem  Gebiete  seine  textkritischen  Arbeiten 
als  die  bedeutendsten  hervorzuheben.  Daneben  bergen  seine  metrischen 
und  literarhistorischen  Untersuchungen  eine  Fülle  von  Gelehr- 
samkeit und  Anregung:  manches  seiner  Bücher,  wie  z.  B.  sein 
«Grundriß  zur  Geschichte  der  provenzalischen  Literatur«,  wird  noch 
geraume  Zeit  Ausgangspunkt  und  Unterlage  für  die  philologische 
Arbeit  auf  dem  betreffenden  Gebiete  bleiben.  Und  wie  groß  ist  die 
Zahl  dieser  Werke,  welche  wir  der  nie  ermüdenden  Arbeitskraft 
Bartschens  verdanken!  Er  gönnte  sich  niemals  Ruhe.  War  ein  Werk 
vollendet,  eine  Untersuchung  abgeschlossen  und  zum  Druck  gegeben,  so 
ging  es  an  die  Ausarbeitung   von  weiteren;    ja  nicht    selten    beschäf- 


KARL  BARTSCH  ALS  ROMANIST.  99 

tigten  Bartsch  mehrere  Arbeiten  zu  gleicher  Zeit.  Hier  stoßen  wir 
aber  auch  auf  die  Quelle  der  Mängel  in  Bartschens  wissenschaftlicher 
Thätigkeit.  Das  rastlose  Streben,  das  ihn  von  Publication  zu  Publi- 
cation  trieb,  diese  von  Hause  aus  gute  Eigenschaft,  mußte,  übertrieben, 
zu  einem  Fehler  umschlagen  Oft  fehlte  es  Bartsch  an  der  für  eine 
wirklich  fruchtbringende  wissenschaftliche  Bethätigung  nothwendigen 
Kühe  und  Sammlung.  Manches,  was  er  veröffentlichte,  war  nicht  ge- 
nügend ausgereift,  und  ließ  daher  an  Gründlichkeit  und  Sauberkeit 
zu  wünschen  übrig.  In  der  Hast,  mit  der  Bartsch  die  Früchte  seiner 
Arbeit  Andern  zugänglich  zu  machen  bemüht  war,  ging  ihm  schließlich 
pdie  Lust  zu  vollendender  Arbeit«  verloren,  wie  sich  Adolf  Tobler 
einmal  in  einer  Recension  über  Bartschens  «Alte  französische  Volks- 
lieder" ganz  treffend  ausdrückte. 

Dasjenige  Gebiet  der  romanischen  Philologie,  für  das  Bartsch 
eine  ganz  besondere  Vorliebe  hatte,  und  zu  dem  er  immer  wieder 
zurückkehrte,  war  die  provenzalische  Literatur,  speciell  die  Poesie 
der  Troubadours.  Wie  unser  Altmeister  Diez  seine  romanistische 
Thätigkeit  mit  jenen  zwei  epochemachenden  Arbeiten  über  die  nPoesie 
der  Troubadours«  und  7?Leben  und  Werke  der  Troubadours«  eröffnete, 
so  begann  auch  Bartsch,  angeregt  durch  die  genannten  Werke  von 
Diez  und  gefördert  durch  den  persönlichen  Verkehr  mit  Mahn  in 
Berlin  (1851 — 53),  mit  Publicationen,  welche  dem  Gebiete  des  Pro- 
venzalischen  angehören.  Ein  Plan,  der  Bartsch  von  seinem  ersten  wissen- 
schaftlichen Auftreten  an  bis  zu  seinem  Tode  beschäftigte,  und  zu 
dem  sich  alle  seine  provenzalischen  Veröffentlichungen  eigentlich  nur 
als  Parerga  verhalten,  war  die  Gesammtausgabe  aller  überlieferten 
provenzalischen  Troubadour-Biographien  und  Troubadour-Dichtungen. 
Besonders  in  den  letzten  Lebensjahren  Bartschens  stand  dieser  Plan 
im  Vordergrund  seiner  Arbeiten  und  nichts  wünschte  er  sehnsüch- 
tiger, als  diesen  Plan  noch  verwirklicht  zu  sehen.  Schon  waren  Unter- 
handlungen mit  dem  Verleger  gepflogen,  und  ich  weiß  mich  noch 
wohl  zu  erinnern,  wie  er  vor  einigen  Jahren  freudestrahlend  mir 
verkündete,  dass  er  einen  Band  ^Biographien«  in  Kürze  druckfertig 
zu  stellen  hoffe.  Mit  Bedauern  sahen  wir  Freunde  jedoch,  wie 
Bartsch  von  der  Ausführung  dieser  Arbeit,  zu  welcher  er  wie  kein 
zweiter  berufen  war,  und  von  der  wir  das  schönste  erwarten  durften, 
immer  und  immer  wieder  durch  andere  oft  mühsame  und  zeitraubende 
Arbeiten  abgezogen  wurde ;  Arbeiten  freilich,  denen  er  sich  zu  einem 
großen  Theile,  wie  wir  anerkennen  mußten,  nicht  gut  entziehen  konnte,, 
und  die  auf  sich  zu  nehmen,  er  gewisse  moralische  Verpflichtung  hatte: 

7* 


100  FR.  NEUMANN 

ich  erinnere  an  den  Katalog  der  Heidelberger  germanistischen  Hand- 
schriften, der  zum  fünfhundertjährigen  Jubiläum  der  Universität  Heidel- 
berg im  Jahre  1886  erschien.  So  kam  es,  daß  der  unerbittliche  Tod 
Bartsch  ereilte,  ehe  von  der  geplanten  Gesammtausgabe  der  Trou- 
badours etwas  zum  Druck  befördert  werden  konnte.  Für  diesen 
schmerzlichen  Verlust  müssen  uns  die  erwähnten  Parerga  entschä- 
digen, welche  Bartsch  während  der  dreissig  Jahre  seiner  Gelehrten- 
laufbahn in  großer  Zahl  zu  Tage  förderte.  Ich  hebe  aus  dieser  Zahl 
im  Folgenden  das  Wichtigste  heraus. 

Schon  gleich  die  erste  provenzalische  Publication  Bartschens 
muß  insofern  als  hochbedeutend  bezeichnet  werden,  als  sie,  wie  wenig 
andere  dazu  beigetragen  hat,  das  Interesse  an  provenzalischer  Sprache 
und  Literatur  in  Deutschland  zu  fördern.  Ich  meine  das  1855  er- 
schienene rProvenzalische  Lesebuch".  Bartsch  gibt  darin  einen  kurzen, 
grundrißartigen  Überblick  über  die  provenzalische  Literatur,  ferner 
eine  dem  Inhalte  nach  geordnete  Auswahl  von  Texten  mit  den  Les- 
arten dazu,  vieles  zum  ersten  Male,  nach  den  Handschriften,  nebst 
knappem  Wörterbuch.  In  einer  Zeit,  wo  romanische  Texte  noch  meist 
ziemlich  dilettantisch,  ohne  feste  kritische  Methode  edirt  wurden,  war 
das  Lesebuch  eine  hervorragende  wissenschaftliehe  That,  welche  den 
künftigen  Herausgebern  provenzalischer  und  altfranzösischer  Texte 
die  richtigen  Wege  wies.  In  noch  höherem  Maße  geschah  dies  durch 
Bartschens  Ausgabe  von  jiPeire  Vidals  Liedern«  (1857).  Hier  wurde 
zum  ersten  Male  auf  romanischem  Gebiete  unternommen,  den  Urtext 
der  sämmtlichen  Werke  eines  Dichters  auf  Grund  des  ganzen  Hand- 
schriftenmaterials  —  soweit  es  damals  zugänglich  —  herzustellen. 
Der  Dilettantismus  auf  diesem  Gebiete  war  gebrochen  und  ein  Muster 
strenger  textkritischer  Methode  auch  innerhalb  der  romanischen  Phi- 
lologie gegeben,  wie  es  Lachmann  zuvor  den  Germanisten  für  die 
Herausgabe  altdeutscher  Literaturwerke  gegeben  hatte.  —  Derselben 
Zeit  (1856)  gehört  noch  die  Sammlung  von  j^Denkmälern  der  proven- 
zalischen  Literatur«  an ,  die  Bartsch  als  39.  Band  der  Publicationen 
des  Stuttgarter  Literarischen  Vereins  erscheinen  ließ.  Der  Heraus- 
geber vereinigt  hier  eine  Anzahl  ungedruckter  provenzalischer  Literatur- 
denkmäler, die  er  selbst  auf  einer  wissenschaftlichen  Reise  in  Frank- 
reich und  England  in  den  Jahren  vorher  aus  den  Handschriften  copirt 
hatte;  wenn  auch  der  eine  oder  andere  der  hier  mitgetheilten  Texte 
dem  heutigen  Stande  unserer  provenzalischen  Kenntnisse  gemäß 
einer  neuen  Ausgabe  bedürftig  erscheinen  mag,  so  bewährte  doch 
Bartsch  auch  in  diesem  Werke  sein  kritisches  Talent  aufs  beste.    Im 


KARL  BARTSCH  ALS  ROMANIST.  101 

Zusammenhang  mit  den  genannten  provenzalischen  Veröffentlichungen 
steht  noch  ein  1857  erschienener  Aufsatz  über  die  nReirakunst  der 
Troubadours«  (Jahrbuch  für  roman.  und  engl.  Literatur,  I,  171),  mit 
dem  sich  Bartsch    als  romanischer  Metriker  gut  einführte. 

Als  Bartsch  in  der  Mitte  der  sechziger  Jahre  in  die  Lage  ver- 
setzt wurde,  von  seinem  provenzalischen  Lesebuche  eine  neue  Auf- 
lage zu  bearbeiten,  da  zog  er  es  vor,  die  Literaturübersicht  von  der 
Textsaramlung  nebst  Glossar  zu  trennen,  und  durch  eine  Erweiterung 
der  beiden  Bestandtheile  entstanden  zwei  ganz  neue  Werke:  seine 
«Chrestomathie  provenQale  accompagn^e  d'une  grammaire  et  d'un  glos- 
saire«  (1868)  und  sein  »Grundriß  zur  Geschichte  der  provenzalischen 
Literatur"  (1872).  Die  Chrestomathie  unterscheidet  sich  von  dem 
Lesebuche  zunächst  vortheilhaft  durch  größere  Zahl  und  reichere 
Mannigfaltigkeit  der  in  chronologischer  Folge  mitgetheilten  Texte:  alle 
Gattungen  der  provenzalischen  Literatur,  vom  ältesten  Denkmal,  dem 
Boethiusfragment,  an  bis  zum  15.  Jahrhundert,  sind  durch  charak- 
teristische Proben  vertreten,  darunter  auch  diesmal  wieder  manches 
bis  dahin  noch  unedirte.  Ein  willkommenes  Plus  gegenüber  dem  Lese- 
buche bildet  ferner  die  provenzalische  Grammatik  —  wie  der  Titel 
angibt  —  oder  besser  —  wie  vor  dem  betreffenden  Abschnitte  zu 
lesen  ist  —  das  Tableau  sommaire  des  flexions  proven9ales,  das 
Bartsch  außer  dem  Glossar  diesmal  den  Texten  noch  beifügte:  so 
wurde  alles  geboten,  was  zum  Verständnisse  der  Texte  dienen  konnte. 
Die  letzteren  sind  kritisch  hergestellt,  meist  unter  Benutzung  des 
ganzen  oder  doch  fast  ganzen  Lesartenapparates.  Daß  die  kritischen 
Bemühungen  des  Herausgebers  nicht  überall  von  gleichem  Erfolge 
begleitet  waren,  ist  bei  der  Schwierigkeit  der  Materie  verständlich: 
vieles  ist  zur  Besserung  und  Aufhellung  von  andern  bis  heute  bei- 
gesteuert worden,  manches  wird  noch  beizusteuern  bleiben.  Dabei 
darf  allerdings  nicht  verschwiegen  werden,  daß  manche  fragliche  Stelle 
schon  durch  Bartsch  mit  den  ihm  zu  Gebote  stehenden  Mitteln  hätte 
aufgeklärt  werden  können,  wenn  er  allen  Theilen  seines  freilich  zu 
verschiedenen  Zeiten  und  unter  verschiedenen  Stimmungen  entstandenen 
Werkes  die  gleiche  Sorgfalt  und  Vertiefung  hätte  angedeihen  lassen, 
rind  wie  ein  Theil  der  Texte,  so  trägt  vor  allem  das  Glossar  Spuren 
etwas  übereilter  Arbeit.  Bei  manchen  Wörtern  ist  eine  Bedeutung 
angegeben,  mit  der  man  sich  vergeblich  bemühen  wird,  einen  Sinn 
in  die  betreffende  Stelle  zu  bringen:  man  bekommt  den  Eindruck, 
daß  Bartsch  sich  an  verschiedeneu  Stellen  mit  einem  nur  ober- 
flächlichen Verständniß  zufrieden  gegeben  hat.  Die  Formenlehre  ver- 


102  FR-  NEUMANN 

zeichnet  im  wesentlichen  nur  die  in  der  Chrestomathie  vorkommenden 
Formen,  gewährt  aber  immerhin  einen  nützlichen  Überblick.  Leider 
sind  aber  auch  hier  Flüchtigkeitsfehler  nicht  selten;  die  Anordnung 
ist,  besonders  da,  wo  es  sich  um  verschiedene  Gestaltung  einer  und 
derselben  Form  handelt,  oft  eine  unglückliche  und  principlose,  welche 
die  historischen  und  genetischen  Verhältnisse  nicht  selten  auf  den  Kopf 
stellt.  Es  zeigt  sich  hier  wie  anderswo,  wie  wenig  linguistische  Forschung 
der  Eigenart  Bartschens  entsprach.  Bedauerlicherweise  sind  von  den 
angedeuteten  Mängeln  der  Chrestomathie  in  den  weiteren  Auflagen  nur 
wenige  beseitigt,  so  daß  dieselbe  dem  Stande  der  Forschung  von  heute 
in  vieler  Beziehung  nicht  mehr  entspricht.  Jene  im  Laufe  der  Zeit 
stets  gewachsene  Hast  und  Überstürzung,  mit  der  sich  Bartsch  —  wie 
oben  erwähnt  —  an  neue  und  immer  neue,  dazu  oft  schwierige  Auf- 
gaben machte,  entfremdete  ihm  zum  Theile  in  der  Folgezeit  seine 
älteren  Werke,  und  er  brachte  der  Bearbeitung  von  neuen  Auflagen 
nicht  immer  jene  Liebe  zur  Sache,  jene  Sammlung  und  ruhige  Über- 
legung entgegen,  wie  sie  für  die  Vervollkommnung,  Besserung  und 
Feilung  einer  Arbeit  nun  einmal  nöthig  sind.  Aber  trotz  alledem  darf 
man  der  provenzalischen  Chrestomathie  nachrühmen,  daß  sie  eins  der 
nützlichsten  Bücher  der  romanischen  Philologie  gewesen  ist.  —  Das 
gleiche  Prädicat  verdient  auch  der  aus  der  Einleitung  zum  proven- 
zalischen Lesebuche  entstandene  «Grrundriß  zur  Geschichte  der  pro- 
venzalischen Literatur«.  Derselbe  gibt  eine  gedrängte,  aber  annähernd 
vollständige  Inventarisirung  alles  dessen,  was  von  provenzalischer 
Literatur  bis  zum  Jahre  1872  bekannt  geworden  war.  In  drei  Perioden 
(10.  und  IL,  12.  und  13.,  14.  und  15.  Jahrhundert)  eingetheilt,  nach 
den  verschiedenen  Gattungen  geordnet,  wird  die  provenzalische  Lite- 
ratur vorgeführt,  mit  kurzen  Ausblicken  auf  die  Entwickelung  von 
Sprache  und  Vers,  auf  die  allgemeinen  geschichtliehen  Verhältnisse. 
Überall  wird  die  an  die  Denkmäler  sich  knüpfende  wissenschaftliche 
Literatur,  soweit  sie  irgend  Beachtung  verdient,  angegeben.  Als  An- 
hang ist  ein  alphabetisches  Verzeichniß  der  lyrischen  Dichter  des  12. 
und  13.  Jahrhunderts  beigefügt:  Bartsch  verzeichnet  darin  sämmtüche 
damals  bekannten  Troubadourgedichte  nach  ihren  Anfangsworten,  gibt 
an,  in  welchen  Handschriften  dieselben  enthalten  sind,  wo  sie  gedruckt 
zu  finden  sind  u.  s.  w.  Die  reiche  Fülle  von  meist  zuverlässigen  Nach- 
weisen, welche  hier  auf  dem  knappen  Räume  von  etwas  über  200  Seiten 
geboten  wird,  hat  zur  Folge  gehabt,  daß  der  Grundriß  noch  jetzt  — 
trotz  der  Ergänzungen  und  Berichtigungen,  welche  der  Fortschritt 
der  provenzalischen  Philologie  seit  1872    heute    für    das  Buch  nöthig 


KARL  BARTSCH  ALS  ROMANIST.  103 

machen  würde  —  eins  der  unentbehrlichsten  Hilfsmittel  des  Roma- 
nisten ist,  von  unschätzbarem  Werthe  vor  allem  für  den,  der  sich 
speciell  mit  provenzalischer  Literatur  philologisch  beschäftigen  will. 

Abgesehen  von  den  im  vorstehenden  etwas  eingehender  be- 
sprochenen wichtigeren  Arbeiten  auf  provenzalischem  Gebiete  ver- 
danken wir  Bartsch  noch  eine  Reihe  kleinerer  Beiträge  zur  proven- 
zalischen  Literaturforschung,  die  durchweg  zu  einer  Erweiterung  und 
Vertiefung  unserer  Kenntniß  des  Provenzalischen  beigetragen  haben. 
Es  kann  hier  nicht  meine  Aufgabe  sein,  auch  diese  Arbeiten  einzeln 
zu  besprechen  und  eine  Würdigung  des  Verdienstlichen  in  denselben 
zu  geben.  Um  jedoch  zu  zeigen,  wie  Bartsch  seinem  Lieblingsgegen- 
stande stets  treu  geblieben  ist,  und  wie  er  jenes  große  Ziel  einer  Ge- 
sammtausgabe  der  Troubadourdichtungen  nie  aus  den  Augen  verlor, 
mögen  hier  wenigstens  die  Titel  der  hauptsächlichsten  Arbeiten  stehen. 
In  erster  Linie  verdient  genannt  zu  werden  Bartschens  treffliche  Aus- 
gabe des  nach  so  vielen  Richtungen  hin  (auch  für  die  Geschichte  der 
Troubadourdichtung)  hochinteressanten  provenzalischen ,  geistlichen 
Schauspiels  von  der  rSancta  Agnes«  (1869).  Eine  große  Zahl  hier 
hergehöriger  Aufsätze  enthält  das  Jahrbuch  für  romanische  und 
englische  Sprache  und  Literatur,  als  dessen  eifriger  Mitarbeiter  in 
selbständigen  Aufsätzen  und  in  Besprechungen  Bartsch  sich  dauernd 
bethätigte.  Ich  nenne  die  zwei  Essays  über  n Garin  den  Braunen«  (Bd.  III) 
und  nGuillem  von  Berguedan«  (Bd.  VI,  auch  in  nGesammelte  Vorträge 
und  Aufsätze«),  ferner  «Beiträge  zu  den  romanischen  Literaturen« 
(Band  XI),  «Zur  provenzalischen  Literatur«  (Band  XII),  endlich  die 
Untersuchung  über  «Die  Quellen  von  Johannes  Nostradamus«  (Band 
XIII).  Erwähnt  seien  im  Anschlüsse  daran  auch  die  Mittheilungen 
über  den  catalanischen  ?5Can9oner  d'amor«  der  Pariser  Bibliothek 
(Band  II).  Nach  dem  Eingehen  des  Jahrbuchs  entfaltete  Bartsch  die 
gleiche  reiche  Thätigkeit  als  Mitarbeiter  der  von  Gröber  heraus- 
gegebenen Zeitschrift  für  romanische  Philologie.  Auch  hier  legt  eine 
große  Reihe  von  Recensionen  und  selbständigen  Artikeln  von  jener 
dauernd  der  provenzalischen  Literatur  durch  Bartsch  gewidmeten  Auf- 
merksamkeit und  Thätigkeit  Zeugniß  ab.  Ich  erwähne  »Zwei  proven- 
zalische  Lais«  (Band  I),  «Die  provenzalische  Liederhandschrift  Q« 
(Band  IV)  u.  s.  w.  Daß  Bartsch  nach  alledem  der  berufenste  Neu- 
herausgeber von  Diez'  ?:Poesie  der  Troubadours«  und  «Leben  und 
Werke  der  Troubadours«  (1882  und  1883)  war,  dürfte  wohl  außer 
jedem  Zweifel  stehen. 


104  FR.  NEUMANN 

Nicht  ganz  so  zahlreich  wie  auf  provenzalischem  Gebiete,  aber 
nicht  minder  fördernd  und  bedeutsam  waren  Bartschens  Arbeiten  auf 
französischem  Gebiete.  Seine  Thätigkeit  hier  zeigt  viel  Verwandt- 
schaft mit  derjenigen,  die  wir  soeben  kennen  gelernt  haben:  der  Kreis 
von  Aufgaben  und  Fragen,  denen  er  hier  sein  Interesse  zuwendet» 
ist  der  gleiche  wie  dort.  Neben  die  Provenzalische  Chrestomathie  stellt 
sich  hier  die  nChrestomathie  de  l'ancien  fran9ais  (VIII — XV*^  siecle) 
accompagnee  d'une  grammaire  et  d'un  glossaire«  (1866).  Die  Anlage 
ist,  wie  schon  aus  dem  Titel  erhellt,  dieselbe,  wie  bei  der  proven- 
zalischen  Chrestomathie.  Sogar  die  gleichen  Vorzüge  und  Mängel 
kehren  wieder,  hier  wie  dort.  Auch  hier  eine  geschmackvolle,  glück- 
liche Auswahl  von  Bruchstücken  aus  allen  Gattungen  altfranzösischer 
Literatur  mit  zumeist  guter  Textherstellung-,  auch  hier  ein  das  Ver- 
ständniß  der  Texte  förderndes  Verzeichniß  der  Flexionsformen  nebst 
Glossar.  Aber  auch  hier  vermißt  man  wieder  jene  »Lust  zu  vollen- 
dender Arbeit«,  die  bis  ins  kleinste  hinein  sorgsam  verfährt:  das  Glossar 
und  vor  allem  der  grammatische  Theil  weisen  bis  in  die  neuesten 
Auflagen  hinein  eine  Menge  von  unrichtigen  und  verwirrenden  An- 
gaben auf.  Überhaupt  kann,  was  von  den  späteren  Auflagen  der  pro- 
venzalischen  Chrestomathie  oben  gesagt  wurde,  hier  von  der  altfran- 
zösischen nur  wiederholt  werden.  Immerhin  sind  die  Vorzüge  der 
letzteren  doch  so  zahlreiche  und  so  große,  daß  das  Werk  berufen 
wurde,  eines  der  förderlichsten  Hilfsbücher  des  Romanisten  zu  werden  : 
wohl  für  die  größte  Mehrzahl  derjenigen,  die  in  den  letzten  20  Jahren 
romanische  Philologie  studirt  haben ,  ist  Bartschens  Chrestomathie 
eine  Zeit  lang  der  Führer  gewesen.  —  Neben  dieser  älteren,  1884  in 
fünfter  Auflage  erschienenen  altfranzösischen  Chrestomathie  ließ  Bartsch 
1887,  der  Aufforderung  eines  Pariser  Verlegers  nachgebend,  eine 
zweite  Sammlung  altfranzösischer  Texte  erscheinen:  ?5La  langue  et 
la  litt^rature  frangaises  depuis  le  IX^""^  siecle  jusqu'au  XI V^"^  siecle«. 
In  der  Anlage  unterscheidet  sich  das  neue  Werk  von  dem  früheren 
kaum:  auch  hier  Texte,  Grammatik  und  Glossar;  wohl  aber  in  der 
Ausführung.  Einmal  hat  Bartsch  den  grammatischen  Theil  nicht  selbst 
bearbeitet:  in  richtiger  und  von  ihm  selbst  eingestandener  Erkenntniß 
davon,  daß  eine  solche  grammatische  Darstellung  nicht  ganz  in  den 
Kreis  seiner  Neigungen  und  seiner  Begabung  fiel,  hat  er  dieselbe 
einer  berufeneren  Feder,  der  von  Adolf  Horning,  anvertraut.  Die  Text- 
sammlung bietet  Bruchstücke  altfranzösischer  Literatur  bis  zum  14. 
Jahrhundert,  während  die  ältere  Chrestomathie  noch  das  15.  Jahr- 
hundert   mit    hereinzieht.    Fand    somit  nach  einer  Richtung    hin  eine 


KARL  BARTSCH  ALS  ROMANIST.  105 

Beschränkung  statt,  so  konnte  dafür  nach  anderer  Richtung  eine  Er- 
weiterung und  Ausdehnung  des  Planes  Platz  greifen.  Die  Texte  sind 
zahlreicher  und  vor  allem  umfangreicher.  Während  die  oft  kleinen 
Bruchstücke  in  der  älteren  Chrestomathie  bisweilen  eine  nur  unvoll- 
kommene Vorstellung  von  dem  Inhalt  und  Charakter  des  betreffenden 
Literaturdenkmals  vermitteln  können,  führen  die  hier  gebotenen 
größeren  Abschnitte  aus  den  einzelnen  geschickt  gewählten  Denk- 
mälern weit  besser  und  tiefer  in  den  reichen  Inhalt  der  altfranzösi- 
schen Literatur  ein.  Texte  und  Glossar  sind  freilich  auch  diesmal 
nicht  frei  von  Fehlern:  allein  man  muß  sich  erinnern,  daß  Aus- 
führung und  Druck  des  Werkes  zum  Theile  schon  in  eine  Zeit  fällt, 
als  Bartsch  von  schwerer  Krankheit  bereits  heimgesucht  wurde. 

Wie  auf  provenzalischem,  so  ist  auf  nordfranzösischem  Gebiete 
es  wiederum  die  Lyrik,  die  Bartsch  besonders  anzieht:  die  engen 
Beziehungen,  welche  zwischen  altdeutscher,  altprovenzalischer  und  alt- 
französischer Lyrik  bestehen,  mußten  Bartsch  von  einem  Gebiete  zum 
andern  führen.  Dieser  Beschäftigung  mit  nordfranzösischer  Lyrik  ist 
vor  allem  die  Ausgabe  der  n Altfranzösischen  Romanzen  und  Pastou- 
rellen« (1870)  zu  danken.  Die  Kritik  fand  zwar  manches  an  dem 
Buche  auszusetzen,  einiges  mit  Recht,  anderes  mit  Unrecht  (vgl. 
Brakelmann  in  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie,  Ergänzungsband 
und  Bartscliens  Antikritik  im  .Jahrbuch ,  Bd.  XIV).  Wie  es  sich  aber 
auch  mit  den  Ausstellungen,  die  gemacht  wurden,  verhalten  mag,  so  läßt 
sich  jedenfalls  nicht  bestreiten,  daß  Bartschens  Ausgabe  das  Verdienst 
hatte,  jene  eigenartigste  Schöpfung  uordfranzösischer  Lyrik  zuerst 
allgemeiner  zugänglich  gemacht  zu  haben.  —  Einmal  hat  Bartsch 
übrigens  auch  zu  verschiedenen  strittigen  Fragen  aus  der  Geschichte 
des  altfranzösischen  Epos  Stellung  genommen.  Es  geschah  dies  in 
zwei  umfänglichen  Recensionen  über  Leon  Gautiers  Epopees  fran- 
caises  (Revue  critique  1866,  II,  und  1867,  II) ,  Recensionen,  welche 
als  wichtige  Beiträge  zur  Entwickelungsgeschichte  der  altfranzösischen 
Epik  bezeichnet  werden  dürfen. 

Die  Forschungen  Bartschens  über  altprovenzalische  und  altfran- 
zösische Lyrik  führten  ihn  zu  Untersuchungen  über  metrische 
Fragen.  Vieles  von  diesen  Untersuchungen  steckt  in  den  Einleitungen 
und  Anmerkungen  seiner  Ausgaben.  Daneben  veröffentlichte  er  jedoch 
auch  selbständige  Abhandlungen  zur  Metrik.  Besonders  reizte  ihn,  den 
Zusammenhängen  zwischen  den  metrischen  Formen  der  verschiedenen 
Literaturen  nachzuspüren.  Die  Einflüsse,  welche  französische  Sprache 
und  Literatur   von   Seiten    des  Keltischen  erfahren  haben,    legten  die 


106  FR.  NEUMANN,  KARL  BARTSCH  ALS  ROMANIST. 

Vermuthung  nahe,  daß  auch  auf  dem  Gebiete  der  metrischen  Formen 
derartige  Einflüsse  stattgefunden  hätten.  Bartsch  sucht  nun  in  der 
That  solche  Einwirkungen  nachzuweisen  in  zwei  Aufsätzen:  5?Ein 
keltisches  Versmaß  im  Provenzalischen  und  Altfranzösischen«  (Zeit- 
schrift für  romanische  Philologie,  Bd.  II)  und  «Keltische  und  romanische 
Metrik«  (Ebd.,  Bd.  III).  Allein  die  Resultate  dieser  Untersuchungen 
sind  in  keiner  Weise  als  gesichert  zu  betrachten  und  haben  auch  den 
lebhaften  Widerspruch  von  Männern  wie  Gaston  Paris  und  D'Arbois 
de  Jubainville  gefunden  (Romania  VIII,  IX).  —  In  einer  weiteren 
metrischen  Abhandlung  deckt  Bartsch  gewisse  Wechselbeziehungen 
zwischen  altdeutschen  und  romanischen  dichterischen  Formen  auf: 
»Romanische  und  deutsche  Tagelieder«  (1865,  Abhandlungen  des  liter. 
Vereins  in  Nürnberg,  auch  in  «Gesammelte  Vorträge  und  Aufsätze«, 
1883). 

Daß  sprachgeschichtliche  Forschung  nicht  in  den  Bereich  von 
Bartschens  spezieller  Veranlagung  fiel,  und  daß  er  dies  selbst  recht 
wohl  wußte  und  erkannte,  wurde  schon  vorhin  bemerkt.  Aus  diesem 
Umstände  erklärt  sich,  dass  die  oben  besprochenen  zwei  Abrisse  der 
provenzalischen  und  altfranzösischen  Formenlehre  zu  den  entschieden 
minderwerthigen  Arbeiten  von  Bartsch  gehören.  Und  ebenso  erklärt 
sich  dai'aus,  daß  er,  abgesehen  von  jenen  zwei  Arbeiten,  eigentlich  nur 
ein  einziges  Mal  noch  mit  einem  Beitrag  zur  romanischen  Grammatik 
hervorgetreten  ist.  Es  ist  das  sein  Vortrag  75 Vom  deutschen  Geist  in 
den  romanischen  Sprachen«,  den  er  auf  der  30.  deutschen  Philologen- 
versammlung 1875  gehalten  hat.  In  den  zwar  durchaus  anregenden 
Ausführungen  dieses  Vortrags  ist  jedoch  nur  weniges,  das  vor  einer 
strengeren  Prüfung  Bestand  haben  wird.  Obwohl  somit  Bartsch  Gram- 
matiker von  Beruf  niemals  war  und  sein  wollte,  so  ist  er  doch  der 
Mitentdecker  eines  bekannten  altfranzösischen  Lautgesetzes  gewesen : 
das  Gesetz,  wonach  betontes  freies  a  des  Lateinischen  unter  bestimmten 
Voraussetzungen  altfranzösisch  nicht  zu  e,  sondern  zu  ie  wird,  figurirt 
heutzutage  gewöhnlich  unter  dem  Namen  »Bartschens  Gesetz«  (man 
vergleiche  jedoch  über  den  Antheil,  welchen  Adolf  Mussafia  an  der 
Entdeckung  hat,  Germania,  VII,  178,  VIII,  51,  369,  und  Jahrbuch^ 
VII,  115). 

Schließlich  bleibt,  um  das  Bild  von  Bartschens  romanistischer 
Thätigkeit  zu  einem  vollständigen  zu  machen,  noch  zu  erwähnen,  wie 
der  Verstorbene  auch  auf  romanischem  Gebiete  bestrebt  war,  die  Re- 
sultate wissenschaftlicher  Forschung  weiteren  Kreisen  zu  vermitteln. 
Hierbei    kam    ihm  das  mit    seiner    sonstigen    dichterischen  Begabung 


KARL  BARTSCH  ALS  ROMANIST.  107 

zusammenhängende  treffliche  Übersetzertalent  sehr  zu  statten.  Zu 
nennen  ist  hier  in  erster  Linie  Bartsehens  Dante-Ubei Setzung  (1877). 
Unter  eingestandener  Benutzung  der  früheren  Versuche  gelang  es 
Bartsch,  eine  Übersetzung  zu  schaffen,  welche  durch  ihre  Formvoll- 
endung bei  größter  Treue  gegenüber  der  Vorlage  alle  anderen  hinter 
sich  läßt.  - —  In  seiner  Übertragung  nAlter  französischer  Volkslieder« 
(1882),  von  denen  er  die  Originale  zum  größten  Theile  selbst  einmal 
in  den  ??Romanzen  und  Pastourellen«,  dann  in  einer  Sammlung  fran- 
zösischer Volkslieder  des  16.  Jahrhunderts  (Zeitschrift,  Bd.  V)  ver- 
öffentlicht hat,  hat  Bartsch  nicht  so  durchweg,  wie  in  der  «Göttlichen 
Komödie«,  den  Ton  des  Originals  getroffen;  doch  liefert  auch  hier 
wieder  eine  Reihe  von  Liedern  den  Beweis  von  hervorragender  Über- 
setzungskunst. 

Ich  habe  mich  gewissenhaft  bemüht,  in  der  vorstehenden  kurzen 
Charakteristik  von  Bartschens  romanistischer  Wirksamkeit  Licht  und 
Schatten  gerecht  zu  vertheilen.  Des  Todten  Fehler  zu  verschweigen 
oder  auch  nur  zu  vertuschen,  Avie  es  wohl  hie  und  da  die  Art  von 
Nekrologschreibern  ist,  konnte  ich  mich  nicht  entschließen,  so  wohl 
es  mir  gethau  haben  Avürde,  wenn  ich  über  die  wissenschaftlichen 
Arbeiten  des  verstorbenen  Freundes  nur  gutes  zu  sagen  gehabt  hätte. 
Allein  unbedingt  Vollkommenes  leistet  Niemand,  und  Bartscliens 
Leistungen  auf  dem  Doppelgebiete  der  germanischen  und  romani- 
schen Philologie  sind  bei  alledem  derart,  daß  sie  ihm  für  alle  Zeit 
einen  Ehrenplatz  unter  den  ersten  Männern  seiner  Wissenschaft  sichern. 
Seine  Verdienste  sind  so  außerordentlich  große  und  dauernde,  daß 
man  seine  Fehler  nicht  zu  verschweigen  braucht.  Eine  Lüge  aber 
—  und  das  Verschweigen  der  Fehler  wäre  eine  Lüge  —  würde  das 
Andenken  des  theuren  Verstorbenen,  der  stets  nach  Wahrheit 
strebte,  nur  schänden. 

FREIBURG  i.  B  ,  den   19.  März  1888. 

FRITZ  NEUMANN. 


108  LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  RECENSIONEN. 


LITTERÄTÜR. 


Reeensionen, 

Von  K.  B. 

Das  Nibelungenlied,  herausgegeben  von  Friedrich  Zarncke.  6.  Auflage. 
12.  Abdruck  des  Textes.  Leipzig  1887.  Georg  Wigands  Verlag.  CXXXVII 
u.   445   S. 

Mit  aufrichtiger  Freude  begrüße  ich  diese  neueste  Auflage  von  Zarnckes 
Nibelungen,  in  der  ich  eine  wesentliche  Annäherung  an  meinen  Standpunkt 
erblicke.  Allerdings  eine  Anzahl  von  Differenzpunkten  besteht  noch  immer, 
die  ich   im  Folgenden  zur   Sprache  bringen  will. 

Was  die  Heimat  des  Liedes  betrifft,  so  halte  ich  auch  jetzt  an  Öster- 
reich fest.  Denn  es  bleibt  immer  der  geographische  Fehler  mit  den  Vogesen, 
der  erst  von  dem  kundigeren  Bearbeiter  C  gebessert  wurde.  Es  bleibt  auf- 
fallend, in  wie  wenig  Stationen  die  Fahrt  vom  Rhein  bis  nach  Passau  ab- 
gethan  wird,  während  von  hier  an  eine  genaue  Ortskenntniß  sich  verrät. 
Der  Fehler  Zeizenmnre  ist  allerdings  wol  erst  durch  die  Neidhartschen 
Lieder  zu  erklären  und  kann  sich  also  nicht  in  dem  B  und  C  gemeinsamen 
Originale  gefunden  haben.  Die  Handschriften  der  Klasse  B  gehen  über 
die  Neidhartsche  Zeit  nicht  zurück;  besäßen  wir  ältere,  wie  von  der  Klasse  C, 
so   würden  diese  den  Fehler  nicht    enthalten. 

In  Bezug  auf  die  Handschriftenfrage  erkennt  Z.  an,  daß  B  und  C  zwei 
verschiedene  Bearbeitungen  eines  verlorenen  Originaltextes  sind.  Was  aber 
kann  der  Grund  dieser  Umarbeitung  anders  sein  als  technische  Rücksichten, 
wie  Entfernung  unreiner  Reime?  Die  ganze  formale  Entwickelung  der  Poesie 
vom  12.  Jahrh.  zum  13.  zeigt  uns  dieses  Streben  nach  Umarbeitung  und 
Beseitigung  der  ungenauen,  erst  der  ungenauesten,  dann  überhaupt  aller 
ungenauen  Reime.  Mit  der  Genesis  beginnt  die  Reihe ;  im  letzten  Drittel  des 
12.  Jh.  wird  die  Zahl  der  assonirenden  Dichtungen  zahlreicher,  die  man 
theils  kurze  Zeit  nachher,  theils  später  umarbeitete.  Das  lehrreichste  Beispiel 
bietet  die  Kaiserchronik,  weil  hier  sowol  das  assonirende  Original  als  die 
beiden  Bearbeitungen  erhalten  sind.  Nun  ist  geltend  gemacht  worden  (von 
Paul),  daß  die  Assonanz  auch  im  13.  Jahrh.  fortgelebt  hat.  Gewiß,  das 
ganze  Mittelalter  hindurch  in  volksthünilicher  Poesie.  Aber  in  den  ritter- 
lichen und  auch  den  gelehrten  Kreisen  regte  sich  im  Fortschritt  der  Zeit 
das  Bedürfniß,  das  alte  formal  nicht  genügende  dem  neuen  Geschmack  mund- 
gerecht zu  machen.  Würde  man  sich  die  Mühe  des  Umreimeus  gegeben 
haben,  wenn  die  Gedichte  in  ihrer  alten  Form  noch  Beifall  gefunden  hätten  ? 
Also  die  ganze  Entwickelung  im  1  2.  Jh.  drängt  dazu  hin,  für  das  Nibelungenl. 
das  Gleiche  anzunehmen.  Wie  alt  die  gemeinsame  Vorlage  von  B  und  C  war, 
ist  freilich  schwer  festzusetzen.  Es  muß  doch  immer  von  den  erhaltenen 
Assonanzen  ausgegangen  und  müssen  dieselben  mit  gleichzeitigen  Gedichten 
verglichen  werden.  Danach  gelangen  wir  doch  zu  einer  frühern  Zeit  als  um 
1200,  wie  Z.  will.  Das  Vorkommen  von  6  ungenauen  Cäsurreimen  habe  ich 


LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  RECENSIONEN.  109 

allerdings  wol  zu  weit  ausgedehnt,  ich  glaube,  daß  man  nur  solche  gelten 
lassen  darf,  bei  denen  gleichem  Vocal  verschiedene  Consonanz  folgt.  Aber 
den  Vergleich  mit  Jüngern  Dichtungen,  in  denen  sich  ebenso  ungenaue 
Cäsurreime  finden,  kann  ich  nicht  gelten  lassen;  denn  ein  Dichter,  der  genaue 
Endreime  hat,  hat  keine  Empfindung  mehr  für  Assonanz  in  den  Cäsuren, 
wol  aber  einer,  bei  dem  die  Bearbeitungen  noch,  wenn  auch  nicht  zahl- 
reiche Assonanzen  im  Endreim  zeigen.  Die  zweifache  Umarbeitung  lasse  ich 
gern  fallen,  sie  hat  keine  principielle  Bedeutung,  aber  an  der  Umarbeitung, 
halte  ich,  und  zwar  aus  formalen  Gründen,  fest.  Und  auf  Grund  der  erhal- 
tenen Assonanzen  gelangen  wir  denn  doch  für  das  B  und  C  gemeinsame 
Original  zu  einer  etwas  frühem  Zeit  als  um  das  Ende  des  12.  Jhs. ,  wie 
Z.  will.  Es  ist  doch  auch  zu  erwägen,  daß  die  Klage  mit  ihrer  ebenfalls 
doppelten  Bearbeitung  eines  verlorenen ,  ebenfalls  theilweise  assonirenden 
Originals,   auch   untergebracht  sein  will. 

Einen  chronologischen  Anhaltspunkt  für  das  verlorne  Original  der 
beiden  erhaltenen  Bearbeitungen  gewährt  eine  Stelle  in  C.  Die  vordere 
Halbzeile  wes  iuch  der  künic  bittet,  in  B  wes  iuch  hitet  Günther,  bittet  in  der 
Cäsur  war  B  anstößig,  da  es  hitet  sprach.  Die  Stellung  in  der  Cäsur  ist 
gleich  der  im  Reime,  denn  die  Cäsur  darf  ja  gereimt  sein.  Nun  erscheint 
bitten  im  Reime  nur  in  Denkmälern,  von  denen  keines  jünger  ist  als  das 
letzte  Drittel  des  12.  Jhs.  Vgl.  Germania  13,  235,  zu  Zarnckes  Ausgabe 
84,  7"*  ').  Nur  im  partic.  bittende  erhält  sich  das  tt  bis  ans  Ende  des 
12.  Jabrhs. ;  noch  im  Anfang  des  13.  hat  Hartmann  a.  Heinr.  24  daz  er 
im  bittende  wese.  Nun  gewinnen  wir  auch  Raum:  um  1170  das  Original, 
bald  danach  die  Klage,  als  Fortsetzung,  auch  noch  in  ungenauen  Reimen 
gedichtet  (vgl.  meine  und  Edzardis  kritische  Ausgaben  der  Klage);  gegen 
Ende  des  Jahrhs.  werden  ziemlich  gleichzeitig  zwei  Umarbeitungen  der  in- 
zwischen in  Hss.  vereinigten  Nibelungen  und  Klage  unternommen,  weil  die 
alten  Gedichte  dem  vorgeschrittenen  Kunstbedürfniß  nicht  mehr  genügten. 
Auf  eine  der  beiden  Umarbeitungen  spielt  am  Anfang  des  13.  Jahrhs. 
Wolfram  an. 

Alle  hier  besprochenen  Punkte  sind  der  Art,  daß  sie  einen  principiellen 
Gegensatz  nicht  enthalten,  und  so  hoffe  ich,  daß  wir  uns  allmählich  noch 
etwas  mehr  nähern  werden.  Wir  beide  stehen  in  Gegensatz  zu  der  noch 
immer,  wenn  auch  nicht  mehr  in  öffentlicher  Polemik,  festgehaltenen  Lach- 
mannschen  Ansicht  mit  ihren  Heptaden. 


Leon  Gautier,   La  Chevalerie.    Paris   1885.   Victor  Palme,  Editeur.  XVI, 
783    S.   gr.   8. 

Es  ist  nicht  die  Zeit  des  späten  Ritterthums,  die  wir  aus  den  Schilde- 
rungen von  Froissart  kennen,  was  Gautier  in  seinem  Buche  darstellt,  sondern 
im  Wesentlichen  das  Zeitalter  der  Kreuzzüge,  das  ja  in  gewissem  Sinne  die 
Blüthe    des   Ritterthums  bezeichnet.     Vor  Allem    für    den    streng  katholischen 


')  Meine  dort  gegebene  Zusammenstellung  ist  von  Z.  als  eine  grammatisclie 
Belehrung  angesehen  worden.  Das  sollte  sie  durchaus  nicht  sein,  sondern  ich  hatte 
den  aus  jenen  Stellen  zu  folgernden  Beweis  im  Sinne. 


110  LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  RECENSIONEN. 

Verfasser,  dem  die  Kreuzzüge  als  der  Grlanzpunkt  des  mittelalterlichen  Katholi- 
cismus  erscheinen  müssen.  Sein  Buch  verfolgt  populäre  Zwecke,  wie  die 
mittelalterliche  Scenen  des  Ritterthums  darstellenden  Abbildungen  beweisen : 
aber  neben  dieser  Reihe  von  Abbildungen  geht  eine  zweite  her,  die  das 
Werk  für  den  Forscher  schätzbar  und  werthvoU  macht:  die  Nachbildungen 
von  mittelalterlichen  Originalien,  die  ein  anschauliches  Bild  von  Trachten, 
Waffen  u.  s.  w.  jener  Zeit  gewähren.  Schon  in  seinen  Ausgaben  des  Roland 
hatte  Gautier  diese  Seite  der  Alterthumskunde,  die  von  unsern  Philologen  leider 
zu  sehr  vernachlässigt  wird,  in  Anmerkungen  hervorgehoben.  Durch  beide 
Bücher  weht  die  Begeisterung  für  den  Katholicismus  ^  der  wissenschaftliche 
Kern  wird  davon  nicht  beeinträchtigt.  Ich  habe  auf  das  Werk  hier  aufmerksam 
gemacht,  weil  das  deutsche  Ritterthum  den  stärksten  Einfluß  von  dem  fran- 
zösischen  erfahren   hat. 


Beiträge    zur  Quellenkunde  der  altdeutschen  Literatur  von  K.  Bartsch. 

Straßburg   1886.   Trübner. 

Ein  Vorläufer  sollen  diese  Beiträge  sein  zu  einer  Quellenkunde  der 
altdeutschen  Poesie,  welche  ein  Verzeichniß  sämmtlicher  uns  erhaltener  poe- 
tischer Denkmäler  bis  1500  umfassen  soll.  An  der  Nützlichkeit  eines  solchen 
Werkes  kann  wohl  kein  Zweifel  sein.  Eine  Probe  vom  Anfang  ist  in  diesen 
Beiträgen  gegeben,  die  im  übrigen  Material  zur  Keiintniß  der  Quellen  ent- 
halten. Den  Anfang  machen  theils  neue,  theils  bisher  unvollkommen  ver- 
öffentlichte Bruchstücke  von  Wernhers  Maria.  Es  folgt  Flore  und  Blanscheflur, 
mit  Vergleichung  der  Heidelberger  Hs.  und  Vorschlägen  zur  Besserung  des 
Textes.  So  setzt  sich  die  Reihe  fort  durch  das  13. — ^15.  Jahrb.,  von  Prosa- 
denkraälern  ist  nur  Bruder  Berthold  behandelt.  Keine  neuen  Quellen  benutzt 
sind  beim  Engelhard,  daher  man  zweifeln  könnte,  ob  die  Besserungsvorschläge 
genau  genommen   in   den  Rahmen   der  Beiträge  gehören. 


Baechtold,  Jakob  —  Geschichte  der  deutschen  Literatur  in  der  Schweiz. 
1.— 2.  Lieferung.   168   u.   44   S.   Frauenfeld   1887.   Huber.  8. 

Genau  genommen  läßt  sich  die  Literaturgeschichte  eines  einzelnen 
Theiles  deutscher  Zunge  nicht  schreiben  ^  die  Schweiz  z.  B.  hängt  mit 
Schwaben  so  eng  in  ihrer  Entwickelung  zusammen,  daß  man  immer  von  dem 
einen  auf  das  andere  Gebiet  hingewiesen  wird.  Dennoch  ist  begreiflich,  daß 
bei  der  politischen  Stellung  der  Schweiz  hier  der  Gedanke  besonders  nahe 
lag,  und  die  Durchführung  ist  den  etwaigen  Schwierigkeiten  glücklich  aus 
dem  Wege  gegangen. 

Das  1.  Heft  umfaßt  die  ahd.  Zeit,  in  der  naturgemäß  die  Sanct-Galler 
Bestrebungen  den  Mittelpunkt  bilden.  In  den  Anmerkungen,  die  leider  nicht 
im  Texte  durch  Zahlen  angedeutet  sind ,  sondern  am  Schlüsse  unter  Hin- 
weis auf  die  Seite  des  Textes  folgen,  hat  der  Verf.  manche  schätzbare  For- 
schung und   Berichtigung  niedergelegt. 

Das  2.  Heft  umfaßt  die  höfische  Dichtung  des  12.  und  13.  Jahr- 
hunderts,   beginnend    mit    der  Epik.     Sehr  zu  loben    sind    die  beigegebenen 


LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  RECENSIONEN.  lU 

Inhaltsanzeigen  der  Gedichte,  und  namentlich  bei  den  ungedruckten  sehr  er- 
wünscht. Nach  B.  ist  der  Lanzelot  von  Einfluß  auf  Hartmanns  Erec  gewesen; 
die  Beantwortung  der  Frage  hängt  von  der  Untersuchung  über  die  Ab- 
fassung des  letzteren  ab.  Konrad  Fleck  wird  als  Schweizer  nachgewiesen, 
auf  Grund  des  Ruprecht  von  Orbent,  dessen  Familie  in  der  Schweiz  vor- 
kommt. Ja  den  Dichter  selbst  glaubt  B.  gefunden  zo  haben  in  einem  1212 
bis  1233  vorkommenden  Cuonradus  Basiliensis  ecclesiae  thesaurarius.  — 
Die  Heimat  Rudolfs  von  Ems  findet  B.  nicht  in  Vorarlberg,  sondern  in 
Churrätien ;  ein  Rudolf  von  Ems  kommt  hier  1170  vor.  Die  Quellen  des 
Alexander  werden  sorgfältig  angegeben^  ein  gedrängtes  Inhaltsverzeichniß 
des  ungedruckten  Gedichtes  ist  beigefügt.  Daß  der  Alexander  vor  dem  Wil- 
helm verfaßt  sein  soll,  wird  S.  107  zwar  behauptet,  aber  nicht  bewiesen: 
denn  der  Verweis  in  den  Anmerkungen  auf  Schmidt  ist  durch  meine  Wider- 
legung Germania  24,  1  ff.  hinfällig.  Der  Johann  von  Ravensburg,  durch 
welchen  Rudolf  die  Quelle  seines  Wilhelm  erhielt,  wird  ebenfalls  auf  schweize- 
rischem Boden  1246  —  50  bezeugt.  Wenn  hier  dieselbe  aufzufinden  nicht 
gelungen,  so  werden  bei  der  Weltchronik  um  so  eingehender  die  Quellen 
nachgewiesen.  Der  alte  Irrthum,  daß  Rudolf  eine  Bearbeitung  des  trojanischen 
Krieges  verfaßt,  wird  auf  seinen  Ursprung  zurückgeführt.  Sehr  eingehend 
wird  Konrad  von  Würzburg  behandelt,  der  von  B.,  wenn  auch  als  kein  ge- 
borener Schweizer,  so  doch  am  längsten  dort  lebend  für  die  Schweiz  in 
Anspruch  genommen  wird.  S.  121  wird  irrthümlich  die  Erzählung  von  dem 
Troubadour  Guillem  von  Cabestanh,  die  sich  inhaltlich  mit  dem  Herzmähre 
deckt,  auf  Boccaccio  zurückgeführt.  Bei  der  Welt  Lohn  wird  auf  die  Dar- 
stellung der  Frau  Welt  am  Basler  Münster  verwiesen  (S.  123)  5  es  hätte  die 
am  Wormser  hinzugefügt  werden  können.  Von  einem  Verzeichniß  der  Hss. 
des  Alexius  (Anm.  zu  S.  124)  kann  nicht  die  Rede  sein*  Maßmann  ver- 
zeichnet a.  a.  0.  sämmtliche  deutsche  Bearbeitungen  der  Alexiuslegende. 
Den  Namen  Manessische  Handschrift  sucht  B.  zu  vertheidigen  und  nicht 
ohne  Glück.  Allerdings  spricht  Hadloub,  der  hier  der  einzige  Gewährsmann 
ist,  von  '^des  er  diu  liederbuoch  nu  hat',  d.  h.  in  Folge  seines  eifrigen  Be- 
strebens hat  er  nun  die  Liederbücher.  Unter  diesen  können  nur  kleinere 
Sammlungen  verstanden  sein 5  das  schließt  aber  nicht  aus,  daß  aus  ihnen 
die  Manesse  dann  den  großen  Codex  zusammenstellen  Heben.  Denn  überall 
ist  derselbe  auf  Nachträge  eingerichtet  und  hat  solche  auch  gefunden ;  das 
entspricht  ganz  dem  Charakter  des  Sammlers.  Ich  stehe  also  nicht  an ,  die 
Berechtigung  des  Namens    Manessische  Sammlung'  anzuerkennen. 


Dunger  Hermann,  Die  Sprachreinigung  und  ihre  Gegner.  Eine  Erwiderung 
auf    die  Angriffe    von    Gildemeister,     Grimm,     Rümelin    und    Delbrück. 
Festschrift    zur  Begrüßung    der     1.  Hauptversammlung    des    allgemeinen 
deutschen  Sprachvereins.   Dresden   1887.   8.   78   S. 
Genau    genommen  gehört  diese   Schrift  nicht  in  den  Rahmen   der  Ger- 
mania,  da   sie  indeß  auch   einen   kurzen  historischen   Rückblick  gibt  und  die 
Sache  selbst  von  aligemeiner  Wichtigkeit  ist,   so  möge  sie  nicht  unbesprochen 
bleiben.    Das  Fremdwort   im  Mittelalter   ist  wiederholentlich  Gegenstand  der 
Forschung  gewesen ;    zwei  Perioden  können  wir  scheiden :    die  ahd.   und   die 


112  LITTERA.TUR:  K.  BARTSCH,  RECENSIONEN. 

mhd.  Jene  hängt  wesentlich  mit  der  Einführung  des  Christenthums,  diese 
mit  der  Entwicklung  des  Ritterthums  zusammen.  Allein  während  die  ahd. 
Zeit  sich  in  den  durch  die  Culturentwicklung  bedingten  Grenzen  hielt,  sehen 
wir  in  mhd.  Zeit  die  höfische  Gesellschaft  mit  dem  Fremdwort  ähnlich  spielen, 
wie  es  im  IT.Jahrh.  der  Fall  war.  Wolframs  und  Gottfrieds  Werke  wimmeln 
von  unnützen  Fremdwörtern. 

In  ruhigem  Tone  widerlegt  D.,  was  von  den  auf  dem  Titel  genannten 
Gegnern  vorgebracht  worden.  Er  zeigt,  wie  dieselben  überall  sich  selbst  in 
Widersprüche  verwickeln,  namentlich  bei  Rümelin.  Nun  ist  freilich  nicht  zu 
leugnen,  daß  der  Gedanke,  das  Fremdwort  zu  bewältigen,  leicht  auf  einen 
gewissen  Widerspruch  stößt.  Man  denkt  unwillkürlich  an  die  Sprachreiniger 
des  17.  Jahrhs.  mit  ihren  lächerlichen  Übertreibungen  und  Verdeutschungen. 
Auch  werden  wir,  wenn  wir  den  Kreis  unserer  Gedanken  nicht  schädigen 
wollen,  das  Fremdwort  nicht  ganz  entbehren  können.  Ja,  wo  es  wirklich 
einen  im  Deutschen  nicht  auszudrückenden  Begriff  gibt,  ist  das  Fremdwort 
berechtigt.  Ein  Beispiel.  Wir  sprechen  von  Komödiantenwii-thschaft;  Schau- 
spielwirthschaft  setzt  den  Begriff  Schauspieler  herab.  Wir  sagen  'Er  ist  ein 
Komödiant  oder  "^er  spielt  Komödie ,  um  einen  Menschen  zu  bezeichnen, 
der  sich  nicht  offen  gibt.  Gewiß  kann  man  andere  Ausdrücke  dafür  wählen, 
aber  sie  geben  das  bezeichnende  Bild  auf.  Auch  kann  nicht  geleugnet  wer- 
den, was  Delbrück  hervorhebt,  daß  die  Anwendung  von  deutschen,  bisher 
mehr  der  dichterischen  Sprache  angehörigen  Wörtern  in  der  Prosa  die  Dichter- 
sprache herabdrückt.  In  Frankreich  ist  es  so  weit  gekommen,  daß  eine  Reihe 
an  sich  untadelhafier  Ausdrücke  in  der  Dichtkunst  gar  nicht  mehr  gebraucht 
werden  dürfen.  Manche  deutsche  Wörter  werden  sich  schwer  wieder  ein- 
bürgern ,  vielleicht  noch  Oheim ,  wiewohl  im  Lustspiel  das  mehr  dem  feier- 
lichen Stile  angehörige  Oheim  kaum  den  Onkel  verdrängen  wird,  aber  das 
zur   Seite   stehende  Muhme  wird   schwerlich   so   leicht  die  '  Tante    verdrängen. 

Eine  gänzliche  Ausrottung  des  Fremdwortes  in  aller  Strenge  ist  auch 
wohl  nicht  die  Absicht,  sondern  den  Sinn  für  die  Muttersprache  zu  schärfen 
und  zu  wecken.  Darin  liegt  das  Hauptverdienst,  daß,  wenn  der  Verein  Ver- 
breitung findet,  man  sich  im  einzelnen  Falle  besinnen  wird,  ob  nicht  das 
Fremdwort,  das  einem  in  die  Feder  läuft,  durch  ein  deutsches  ersetzt  werden 
kann.  Mir  geht  es  schon  seit  Jahren  so,  ohne  daß  ich  jedoch  pedantisch  — 
auch  ein  schwer  wiederzugebendes  Wort,  das  daher  J.  Grimm  ohne  Bedenken 
auf  den  Titel  einer  akademischen  Abhandlung  gesetzt  hat  —  ans  Deutsche 
mich  klammerte.  Bemerken  will  ich  auch  für  das  Streben  nach  Beseitigung 
der  Fremdwörter,  daß  Gervinus'  Literaturgeschichte  in  der  ersten  Auflage 
voll  von  Fremdwörtern  ist,  die  er  in  den  spätem  beseitigt  hat,  wie  er  auch 
die  "^ Nationalliteratur'   durch  "^ Geschichte  der  deutschen  Poesie    ersetzte. 

Das  Vertheidigen  der  Unentbehrlichkeit  der  Fremdwörter  ist  vielfach 
thörichtes  Vornehmthun:  man  glaubt  seine  Gedanken  nicht  so  vollendet, 
s6  fein  ausdrücken  zu  können  im  Deutschen  wie  in  der  fremden  Sprache. 
Zu  diesen  Vornehmthuern  gehört  auch  Hermann  Grimm.  Er  lese  die  Schriften 
seines  großen  Oheims  und  überzeuge  sich,  daß  man  tiefe  Gedanken  in  deut- 
scher, von  fremden  Eindringlingen  freier  Sprache  ebenso  gut  ausdrücken 
kann,  wie  in  deutsch-französischem  Kauderwälsch.  Wie  lächerlich  wir  dem 
Auslande  durch  unsere  Fremdwörterwut  sind,  hat  D.  gebührend  hervorgehoben. 


LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  RECENSIONEN.  113 

Rockinge r,  Ludwig  —  An  der  Wiege  der  baierischen  Mundart- Grammatik 
und  des  baierischen  Wörterbuches.  München  1886.  307  S.  8. 
Ein  Vortrag  in  der  Monatsversatnmlung  des  historischen  Vereins  von 
Oberbaiern  vom  1.  August  IBS."!  zur  Erinnerung  an  Job.  Andreas  Schmellers 
hundertjährigen  Geburtstag.  Derselbe  gibt  eine  Geschichte  von  Schmellers 
mundartlichen  Studien  und  enthält  außerdem  eine  Reihe  höchst  anziehender 
Beilagen:  1.  einen  Aufsatz  Schmellers  Sprache  der  Baiern  vom  14.  Februar 
1816"  2.  Schmellers  Einladung  zur  Mittheilung  von  mundartlichen  Bei- 
trägen, vom  März-April  1816;  .3.  zwei  Berichte  Schmellers  an  die  Akademie 
der  Wissenschaften  von  1816  und  1817;  mit  einem  Gutachten  über  das  Salz- 
burgische Idioticon  von  Jirasek  5  4.  aus  den  Acten  der  Akademie  von  1816 
bis  1823,  und  zwar:  a)  Vortrag  des  Bibliothekars  Scherer  in  der  Sitzung 
der  philologisch-philosophischen  Classe  vom  15.  Februar  1816;  b)  Bericht 
der  Akademie  hierauf  vom  18.  Februar  1816;  c)  Schmellers  Gesuch  an  die 
Schul-  und  Studien-Geschäftsabtheilung  bei  dem  geheimen  Ministerialdeparte- 
ment  des  Innern  vom  15.  Nov.  1816  um  Hinweisung  und  Berücksichtigung 
der  örtlichen  Mundarten  beim  deutschen  Sprachunterrichte ;  d)  Schmellers 
Autrag  an  die  Akademie  wegen  Besprechungen  mit  Recruten  zu  München 
für  dialektische  Zwecke  vom  S.August  1820;  e)  Bericht  der  Akademie  vom 
29.  Juli  1823  wegen  Förderung  des  Erscheinens  des  baierischen  Wörter- 
buches|  5.  Schmellers  Kampf  ums  Dasein  in  den  Jahren  1818 — 23,  und  die 
Bemühungen  der  Akademie  hierin J  6.  Aus  dem  Briefwechsel  Schmellers  und 
des  Hofrathes  Hoheneicher  vom  29.  Juni  1816  bis  zum  22.  Juli  1823. 
Für  die  Entstehung  von  Schmellers  Lebenswerk  wie  für  seine  Stellung  zu 
München   sind  diese  Beilagen   gleich   lehrreich. 


Ascoli,  G.  L. ,  Sprachwissenschaftliche  Briefe.  Autorisirte  Übersetzung 
von  Bruno  Güterbock.  Leipzig  1887.  S.  Hirzel.  XVI,  228  S.  8. 
Das  Buch  des  berühmten  italienischen  Linguisten  berührt  nur  zum 
kleinen  Theile  das  deutsche  Gebiet.  Es  ist  in  der  graziösen  Form  von  Briefen 
abgefaßt,  die  dem  Italiener  so  leicht  kein  anderes  Volk  nachmacht.  Ein 
Widmungsbrief  an  Francesco  d'Ovidio  geht  voraus.  Den  Inhalt  des  ersten 
Briefes  bilden  zunächst  einleitende  Bemerkungen  für  diesen  wie  die  folgenden 
Briefe;  die  ethnologischen  Gründe  der  sprachlichen  Umgestaltungen;  die 
ursprünglichen  Lautverbindungen  vom  Typus  TIA  im  Griechischen  durch 
solche  vom  Typus  tejo  teö  fortgeführt;  vg  und  avg.  Der  zweite  Brief,  an 
Napol.  Caix ,  handelt  über  eine  vom  Römischen  abweichende  Lautschicht, 
die  sich  in  den  romanischen  Sprachen  bemerkbar  macht.  Der  dritte,  an  Pietro 
Merlo,  handelt  speciell  von  den  Junggrammatikern  .  An  Osthoff  hebt  er  her- 
vor "^ein  rauhes  streitsüchtiges  Naturell;  seine  Überzeugungen  kleiden  sich 
leicht  in  eine  anscheinend  hochmüthige  und  gereizte  Ausdrucksweise  ;  aber 
anderseits,  daß  die  eigentliche  Triebfeder  auch  bei  ihm  nur  das  reine  Streben 
nach  Wahrheit  ist.  A.  bricht  eine  Lanze  für  Schleicher,  dessen  Bedeutung 
von  den  Junggrammatikern  unterschätzt  werde ,  indem  dieselben  behaupten, 
er  habe  es  mit  der  Strenge  der  Lautgesetze  nicht  so  genau  genommen  (vgl. 
namentlich  auch  den  S.  136  Anm.  erwähnten  Aufsatz  von  Job.  Schmidt  über 
Schleichers  Auffassung  der  Lautgesetze).     So  revolutionär  umgestaltend  also, 

GKRMANIA.    Neue  Reibe  XXI.  (XXXIII.)  Jiihrg.  8 


114  LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  RECENSIONEN. 

wie  es  häufig  dargestellt  wird,  ist  das  Wirken  der  Junggrammatiker  daher 
doch  nicht.  4.  '^Nachschrift  behandelt  die  Lautgesetze  und  Unermittelte 
Ursachen  ;   endlich  5.  'Nachträge'   und   ein  Wörterregister. 


Beiträge  zur  Geschichte  der  älteren  deutschen  Litteratur.  Herausgegeben 
von  W.  Wilma'nns.  Heft  2,  Über  das  Annolied. 
Nach  einer  Übersicht  der  Litteratur  über  das  Annolied  gibt  der  Verf. 
den  Quellennachweis,  wobei  er  der  bequemeren  Übersicht  wegen  das  Gedicht 
in  kleinere  Abschnitte  zerlegt.  Für  den  Nachweis  der  Quellen  fehlte  es  nicht 
an  fleißigen  Vorarbeiten,  die  von  W.  erwähnt  und  benutzt  sind.  An  der 
Hand  der  Quellen  gibt  er  eine  genaue  Analyse  des  Gedichtes.  Er  gelangt 
zu  dem  Ergebniß,  daß,  da  der  Dichter  nur  geringe  Kenntnisse  zeigt,  wahr- 
scheinlich der  größte  Theil  ans  einem  Buche  entlehnt  ist.  Einige  auf  S.  48 
hervorgehobene  auffallende  Punkte  in  der  Composition  scheinen  dafür  zu 
sprechen.  Das  Annolied  zeigt  hier  Verwirrung,  während  die  Kaiserchronik 
den  ursprünglichen  Zusammenhang  gewahrt  hat.  Beide,  Annolied  und  Kaiser- 
chronik, stehen  in  Abhängigkeit  von  den  Gesta  Trevirorum,  und  als  Tendenz 
•des  Annodichters  weist  W.  nach,  daß  derselbe  im  Wetteifer  mit  Trier  sein 
Loblied  auf  Köln  geschaffen.  Was  das  Verhältniß  von  Anno  und  Kaiser- 
chronik speciell  betrifft,  so  weisen  beide  mit  größter  AVahrscheinlichkeit 
auf  eine  in  deutschen  Reimen  abgefaßte  Weltgeschichte  zurück.  Die  Erzäh- 
lung vom  Leben  des  heil.  Anno  beruht  nicht  auf  Lambert  von  Hersfeld, 
sondern  auf  einer  alten  Vita  Annonis,  die  auch  dem  Druck  bekannter  Vita  zu 
Grunde  liegt.  Die  alte  Vita  ist,  wie  S.  8  7  gezeigt  ist,  zwischen  1075 — 7  8 
geschrieben.  Das  Annolied  selbst  entstand,  und  hier  kommt  W.  auf  Holtz- 
manns  Ansicht  zurück,  zwischen  dem  Frühjahr  1077  und  Ende  1078  (S.  HI). 
Der  Verf.  war  ein  Salzburger  Mönch.  Ein  erster  Anhang  stellt  Anno  und 
Kaiserchronik  einander  gegenüber,  der  zweite  behandelt  die  Sage  vom  Ur- 
sprung der  Franken.  Man  darf  den  Schritt  für  Schritt  artig  fortschreitenden 
Resultaten  des  Verf.  unbedingt  beistimmen  und  aufs  neue  seinen  Scharfsinn 
anerkennen,   der  diesmal   auf  gesundem   Boden  arbeitet. 


Zeitschrift  für  vergleichende  Litteraturgeschichte  und  Renaissance- 
Litteratur.  Herausgegeben  von  Max  Koch  und  Ludwig  G  e  iger.  Neue 
Folge.  1.  Bandes  1.  Heft.  128  S.  8.  Berlin  1887.  A.  Hauck. 
Die  beiden  auf  dem  Titel  genannten  Zeitschriften  haben  sich  zu  einer 
verschmolzen.  Die  Zeitschrift  strebt  darnach ,  auch  bei  streng  philologischer 
Bearbeitung  der  einzelnen  Erscheinungen  doch  stets  den  großen  Zusammen- 
hang der  ganzen  Entwickelung  im  Auge  zu  behalten.  Namentlich  die  Pflege 
des  Folk-lore  hat  sie  sich  zur  Aufgabe  gemacht;  die  meisten  Länder  haben 
schon  einen  Mittelpunkt  dafür,  an  dem  es  Deutschland  noch  fehlte.  Wir 
begrüßen  diesen  Gedanken  mit  aufrichtiger  Freude,  wie  überhaupt  das  ganze 
Unternehmen.  Das  erste  Heft  enthält  von  Beiträgen,  die  auch  den  Kreis  der 
Germania  berühren:  L.  Katona,  zur  Literatur  und  Charakteristik  des  magya- 
rischen Folk-lore;  —  L.  Geiger,  ein  ungedrucktes  Drama,  von  Jacob  Locher, 
lateinisch,  in  Prosa,  nur  die  Chöre  in  Versen;  die  Hs.  aus  dem  Anfang  des 
16.  Jahrhs.    Es  ist  verfaßt   1513   und  behandelt  die  politischen   Verhältnisse 


LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  RECENSIONEN.  115 

jener  Zeit;  —  J,  Bolte,  zwei  Humanistenkomödien  aus  Italien,  die  erste  in 
zwei  Abschriften  von  Hartmann  Schedel  (1440 — 1516)  behandelt  studen- 
tische Verhältnisse  in  Padua;  darin  begegnet  ein  Joh.  Pirkheimer,  wohl  der 
Vater  von  Willibald  P.  Die  zweite  Komödie  folgt  im  nächsten  Heft.  — 
G.  Köunecke,  neue  Beiträge  zur  Geschichte  der  englischen  Komödianten, 
zwei  Urkunden  von  Landgraf  Moritz  von  Hessen  um  liljS,  aus  dem  Mar- 
burger  Archiv.  —  Besprechungen,  darunter:  Alexander  von  Weilen,  Contes 
populaires  de  Lorraine;  A.  Würtzner,  G.  Chaucers  Werke,  übersetzt  von 
A.   V.    Düring. 

Baum  gart,  Hermann  —  Handbuch  der  Poetik.  Eine  kritisch-historische 
Darstellung  der  Theorie  der  Dichtkunst,  XII,  736  S.  gr,  8.  Stuttgart 
1887.    Cotta. 

Ein  rein  deductives  Verfahren ,  bemerkt  der  Verf. ,  kann  zu  einer  be- 
friedigenden Theorie  der  Dichtkunst  nicht  führen,  sondern  es  bedarf  einer 
nach  einheitlichen  Gesichtspunkten  verfahrenden  Kritik ,  die  aber  nur  unter 
steter  Berücksichtigung  der  historischen  Entwickelung  angestellt  werden  kann. 
Er  erinnert  an  einen  Spruch  Goethes  Es  ist  weit  mehr  Positives,  das  heißt 
Lesbares  und  Überlieferbares  in  der  Kunst  als  man  gewöhnlich  glaubt. 
Die  heutige  Poetik  beruht  auf  Lessings  und  Schillers  Hauptschriften ,  deren 
Resultate  zu  prüfen  sind':  von  diesem  Grundsatz  geht  der  Verf.  aus.  Das 
historische  hat  er  berücksichtigt,  z.  B.  bei  der  Thierfabel  geht  er  auf  J.  Grimms 
Theorie  und  die  davon  abweichende  Scherers  zurück ,  er  behandelt  den 
Unterschied  zwischen  Volksepos  und  Kunstepos,  geht  beim  romantischen  Epos 
auf  das  mittelalterliche  Kunst-  und  Volksepos  zurück,  beim  komischen  Epos 
auf  Reinecke  Vos,  welche  Einreihung  man  freilich  bezweifeln  kann.  Freilich 
nicht  überall  ist  der  historische  Standpunkt  berücksichtigt,  so  bei  der  Ballade 
und  Romanze,  wo  der  Verf.,  statt  historisch  vorzugehen,  die  theoretischen 
Unterscheidungen  zwischen  beiden  zum  Ausgangspunkte  macht.  Wir  erfahren 
nichts  davon,  daß  die  Ballade  ursprünglich  ein  Tanzlied  ist,  wie  dies  zusam- 
menhängt, wie  der  Name  und  die  Gattung  nach  England  kam,  nichts  von 
dem  historischen  Ursprung  der  Romanze,  wodurch  erst  jene  Theorie  eine 
feste  Grundlage  bekommt.  —  Immerhin  ist  das  Buch  als  ein  schätzbarer  Ver- 
such  zu  begrüßen,   das   historische  Element  in   die  Poetik   einzuführen. 

Ebert,  Adolf  —  allgemeine  Geschichte  der  Literatur  des  Mittelalters  im 
Abendlande.    3.    Band.    Die  Nationalliteraturen  von    ihren  Anfängen  und 
die   lateinische  Literatur  vom   Tode  Karls   des   Kahlen  bis  zum    Beginne 
des   elften  Jahrhunderts.   Leipzig   1887.   F.  C.W.  Vogel.   VHI,   529  S.   8. 
Mit  diesem   Bande  betritt  der  Verf.   das   Gebiet  der  Volkssprachen  und 
damit    gewinnt    sein  Werk    für    den  Germanisten    ein   erhöhtes   Interesse.     Es 
war   ein  Irrthum   classischer   Philologen,    daß  nur  die  lateinische  Literatur  in 
dem  Buche  behandelt  werden   sollte;   sie  bildet  nur  das  Substrat  für  die  christ- 
liche Literatur   in   den  Volkssprachen.   Zuerst  behandelte  E.  die  ags.   Literatur, 
dann   die   deutsche   Poesie    des   9.  Jahrhunderts;    darunter    zuerst    das   Hilde- 
brandslied,   dem   er  in  formaler  Beziehung  entschieden   Vorzüge  vor  der  ags. 
Poesie  nachrühmt,    Auch   der  Vers   zeigt  im  Ganzen   eine  größere  Einfachheit 


116  LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  LITTERATUR-NOTIZEN. 

der  Bildung.'  Da  E.  unter  der  Literatur  den  Text  der  MS.  Denkmäler  voran- 
stellt, hier  aber  die  Vierhebungstheorie  nach  Lachmann  durchgeführt  ist,  so 
möchte  man  glauben,  daß  er  auf  diesem  Standpunkte  stehe,  was  gewiß  doch 
nicht  der  Fall  ist.  Bei  Otfrid  wird  der  Übergang  von  der  Alliteration  zum . 
Endreim  behandelt,  den  er  auf  den  Einfluß  der  lateinischen  kirchlichen  Dich- 
tung zurückführt.  Mit  Otfrid  schließt  das  6.  Buch,  das  7.  umfaßt  die  latei- 
nische Literatur  bis  zum  Zeitalter  der  Ottonen  und  die  ags.  Dichtung,  das  8. 
die  Literatur  im  Ottonischen  Zeitalter,  erst  die  lateinische  Dichtung  in 
Deutschland  und  Frankreich,  dann  die  Anfänge  romanischer  Dichtung  Frank- 
reichs, hierauf  die  lateinische  Prosa,  und  zum  Schluß  die  ags.  Literatur,  die 
lateinische  und  Nationalliteratur.  Schon  diese  gedrängte  Übersicht  zeigt, 
welchen  Reichthum  der  neue  Band  des  verdienten  Werkes  enthält,  dessen 
baldige  Fortsetzung  wir  nur  dringend  wünschen  können. 


Litteratur  -  Notizen. 

Kormaks-Saga  herausgegeben  von  Th.  Möbius.  Halle  a.  d.  S.  1886.  Buch- 
handlung des  Waisenhauses.  208  S.  8. 
Die  sorgfältige  Art  der  Möbius'schen  Ausgaben  ist  bekannt  und  be- 
kundet sich  auch  hier.  Die  Kormaks-Saga  ist  für  die  Geschichte  der  Skalden 
von  besonderem  Interesse,  bietet  aber  auch  wegen  der  zahlreichen  Skalden- 
strophen, die  die  Skaldenkunst  auf  ihrer  Höhe  zeigen,  sehr  große  Schwierig- 
keiten. Möbius  gibt  zuerst  einen  kritischen  Text,  dann  einen  Abdruck  der 
Visur  treu  nach  den  Handschriften.  Die  Anhänge  behandeln  die  Sage  nach 
Inhalt  und  Form ,  geben  eine  Kritik  der  handschriftlichen  Überlieferung, 
dann  erläuternde  Anmerkungen ,  und  endlich ,  was  den  Haupttheil  und  den 
schwierigsten  Theil  bildet,  eine  Erläuterung  der  visur.  Es  folgt  ein  Ver- 
zeichniß  der  skaldis 'hen  Umschreibungen  (Ausdrücke  für  Blut,  Haar,  Auge 
u.  s.  w.),  ein  Wortverzeichniß  zu  den  visur  der  Saga  und  ein  Verzeichniß 
der  Eigennamen.  Man  sieht,  der  Herausgeber  hat  es  an  nichts  fehlen  lassen, 
um   seiner  Ausgabe   den   Stempel  der  Vollkommenheit  aufzuprägen. 

Golther,  Wolfgang  —  Das  Rolandslied  des  Pfaffen  Konrad.  Ein  Beitrag 
zur    Litteraturgeschichte    des  XII.  Jahrhunderts    (gekrönte    Preisschrift). 
München   1887.   Christian  Kaiser.   VIII,    158   S.    8. 
Eine  von  der  Münchener  philosophischen  Facultät  gekrönte  Preisaufgabe. 
Drei  Fragen   sollten  beantwortet  werden:    1.  worin   stimmt  Konrad  zu   seiner 
Vorlage?   2.   was  von   der  Vorlage  findet  sich  bei   ihm   nicht?    3.   welche   Zu- 
sätze hat  er  gemacht?  Der  Verf.   hat  sich   seiner  Aufgabe  mit  großer  Sorgfalt 
unterzogen    und    wohl    den  Preis  verdient.     Er  behandelt  zuerst  die  Überein- 
stimmungen   zwischen  Konrad    und  dem    Oxforder    und  Venetianer  Texte  V  , 
und    gelangt  zu  dem   Resultate ,     daß    keine    der    beiden    französischen  Text- 
gestaltungen K.   vorlag,   er  hatte   einen  reicheren,   vollständigeren   Text.    Das 
zweite    Capitel  behandelt  die   Stellen  in   OV^,    die  K.   nicht  benützte.    Es   er- 
gibt sich,   daß   K.   im   Allgemeinen  wesentliche  Theile   der  eigentlichen  Hand- 
lung   nicht    ausgelassen    hat.     Eine    bestimmte  Tendenz    der   Streichungen  ist 


LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  LITTERATUR-NOTIZEN.  117 

nicht  zu  erkennen.  Das  dritte  Capitel  behandelt  K.'s  Zusätze.  Sie  sind  im 
vorderen  Theile,  etwa  bis  zu  Riviers  Tode,  häufiger  und  bedeutender  als  im 
zweiten,  wo  er  dem  Ende  zueilte.  Man  wird  sich  mit  diesem  Resultate  wohl 
einverstanden   erklären  können. 


Das  Schachzabelbuch  Kunrats  von  Ammenhausen.  (Bibliothek  älterer  Schrift- 
werke der  deutschen  Schweiz.  Herausgegeben  von  J.  Baechtold  und 
F.   Vetter.   Ergänzungsband.)    1.   Lieferung. 

Diesen  Ergänzungsband  verdanken  wir  F.  Vetter.  Er  gibt  zunächst 
kurze  Auskunft  über  die  Hss. ,  von  denen  die  älteste  (1365)  die  Heidel- 
berger, nicht  aber  die  beste  ist,  sondern  eine  Luzerner,  jetzt  in  Bern. 
Sämmtliche  Hss.  hat  der  Herausgeber  nicht  verglichen,  4  vollständig,  von  1.3 
größere  und  kleinere  Stücke.  Sehr  willkommen  ist  die  Beigabe  des  lat.  Textes 
von  Jacobus  de  Cessolis,  wobei  mit  Recht  V.  diejenige  Textgestalt  zu 
Grunde  gelegt,  die  Kunrat  vorlag.  Ihr  kommt  die  Wolfenbüttler  Handschrift 
am  nächsten;  sie  ist  zu  Grunde  gelegt,  aber  aus  6  anderen  Texten  sind 
Besserungen  herbeigezogen. 

Ein  sorgfältiges  Studium  hat  V.  den  Quellen  des  Cessolis  zugewendet, 
und  ebenso  den  Zusätzen  Kunrats  ^  nur  in  wenigen  Fällen  ist  es  ihm  nicht 
gelungen,   die   Quelle  zu  finden. 

Durch  das  ganze  Gedicht  ist  die  Vergleichung  mit  den  anderen  Schach- 
bearbeitungen durchgeführt. 

Warum  aber  schreibt  V.  Kunrat  von  Ammenhausen  und  nicht  Ammen- 
husen? 

Sütt erlin,  L.  —  Geschichte  der  Nomina  agentis  im  Germanischen.  Straß- 
burg  1887,  Karl  Trübner.    108   S.   8. 

In  der  Entwicklung  der  Suffixe  können  wir  einerseits  das  Untergehen 
derselben ,  anderseits  das  lebenskräftigere  Hervortreten  beobachten ,  wobei 
häufig  eine  Einschränkung  in  begrifl'licher  Hinsicht  stattfindet.  Der  Verf.  hat 
sich  zur  Aufgabe  gemacht,  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  die  Entwickelung 
der  nomina  agentis  zu  geben:  es  soll  zusammenhängend  gezeigt  werden, 
welcher  Mittel  sich  das  Germanische  in  seinen  einzelnen  Dialekten  und  in 
seinen  verschiedenen  Perioden  bediente  zur  Bezeichnung  der  thätigen  Person. 
Vergleicht  man  diese  Suffixe  mit  denen  der  verwandten  Sprachen,  so  findet 
man  eine  große  Verschiedenheit.  Das  Germanische  hat  sich  in  diesem  Punkte 
weit  von  dem  Zustande  entfernt,  der  einmal  im  Indogermanischen  vorlag. 
Seine  Aufgabe  hat  der  Verf.  mit  überall  hervortretender  Kenntniß  und  Be- 
herrschung seines  Gegenstandes  gelöst. 


Das  Nibelungenlied.    Schulausgabe   mit  einem  Wörterbuche  von  K.  Bartsch. 
3.   Auflage.  Leipzig   1887.  Brockhaus. 

Ein  unveränderter  Abdruck  der  vorhergehenden,  da  seitdem  neues 
Material  sich  nichts  ergeben  und  meine  Grundsätze  in  Bezug  auf  die  Behand- 
lung des   Textes   dieselben  geblieben  sind. 


118  LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN. 

Wunderlich,  Hermann  —  Untersuchungen  über  den  Satzbau  der  Pro- 
nomina. München  1887.  Verlag  der  Lindauer'schen  Buchhandlung 
(Schöpfung).    72    S.    8. 

Eine  außerordentlich  sorgsame  Untersuchung,  welche  einen  werthvoUen 
Beitrag  zur  Syntax  der  Sprache  bildet.  Es  liegt  bis  jetzt  der  erste  Theil 
vor,  welcher  die  Pronomina  behandelt.  Eine  Übersicht  der  Abschnitte  wird 
die  Anlage  des  Ganzen  zeigen:  a)  die  einfache  Verbalform;  b)  die  Ergänzung 
aus  dem  Zusammenhange;  a)  Ergänzung  des  Subjects,  ß)  Ergänzung  eines 
Obliquus  ;  c)  das  Personalpronomen  ;  besondere  Verhältnisse  der  Neutralform  ; 
d)  das  Demonstrativpronomen:  1.  das  Demonstrativ  im  Allgemeinen;  2.  die 
Formen  des  Demonstrativs;  3.  das  in  den  Nebensatz  übertretende  Demon- 
strativ: die  Relativsätze;  4.  das  Indefinitum  im  Relativsatze;  nebst  einem 
Anhang  zu    3   und   4. 


An  zeigen. 

Goedeke,  Karl  —  Grundriß  zur  Geschichte  der  deutschen  Dichtung  aus 
den  Quellen.  1.  u.  2.  Band.  3.  Bd.,  Bogen  1  —  10.  Dresden  1884—86. 
Dem  unermüdlich  fleißigen  Goedeke  ist  der  Griffel  aus  der  Hand 
entsunken,  ehe  es  ihm  beschieden  war,  das  Hauptwerk  seines  Lebens  in 
neuer  Bearbeitung  zu  vollenden.  Zum  Glück  sind  diejenigen  Partien ,  die 
einer  gründlicheren  Umarbeitung  bedurften,  vollendet;  das  (3.  Heft  reicht  bis 
ins  13.  Jahrhundert  hinein.  Die  hauptsächlichste  Umarbeitung  und  Erweite- 
rung hat  das  Mittelalter  erfahren;  hier  ist  die  vollständige  Aufzählung  der 
Literatur  von  großem  Werthe,  und  von  noch  größerem  die  Inhaltsangaben 
der  Dichtungen.  Denn  was  nützt  dem  Hörer  oder  Leser  das  Reden  über 
einen  Dichter,  wenn  er  nicht  die  Werke  selbst  gelesen,  und  das  kann  man 
von  einem  Studenten  oder  Laien  nicht  verlangen.  Diese  Analysen  sind  mit 
großem  Geschick  gemacht.  Auch  das  16.  Jalirh.  hat,  wenn  auch  nicht  in 
dem  Maße  wie  das  Mittelalter,  Erweiterungen  erfahren,  namentlich  in  Bezug 
auf  die  Entwickelung  des  Humanismus  und  des  mit  ihm  eng  zusammen- 
hängenden lateinischen  Schuldramas.  Höften  wir,  daß  im  Nachlaß  die  Mate- 
rialien vorhanden  sind  um  das  Werk  zu  Ende  zu  führem,  was  bei  Goedeke's 
Art  zu    arbeiten  wol   erwartet  werden   darf. 

Monumenta    Germaniae    paedagogica.    Schulordnungen,     Schulbücher    und 
pädagogische    Miscellaneen    aus     den    Landen    deutscher    Zunge.     Unter 
Mitwirkung    einer  Anzahl    von  Fachgelehrten     lierausgegeben    von    Karl 
Kehrbach.   Band  L   Braunschweigische  Schulordnungen  1.   CCV,  602  S. 
Bd.  IL   Ratio   Studiorum   et  Institutiones  Societatis  Jesu    1.   LIII,    460  S. 
gr.   8.   Berlin    1886—87.   A.   Hofmann   und   Comp. 
Der  erste  Band  umfaßt  den   ersten  Theil  der  Braunschweigischen  Schul- 
ordnungen   von    den    ältesten  Zeiten  (l  2.^)1)    bis   zum  Jahre   1828,    mit  Ein- 
leitung,   Anmerkungen,    Glossar  und  Register,     herausgegeben  von  Friedrich 
Koldewey.     Neben   eigentlichen   Schulordnungen  in   engerem   Sinne   sind,     und 
mit  Recht,   auch   Docuinente   mitgetheilt,   die  für  die  Entwickelung  des  Schul- 
wesens  in   weiterem    Sinne  von  Bedeutung  sind:   Gründungsurkunden,   Dienst- 


LITTERATÜR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN.  119 

vertrage,  Berichte,  Schulgesetze  einzelner  Anstalten,  Lehrpläne  und  Unter- 
richtsanordnungen. Die  Einleitung  gibt  einen  Überblick  über  die  Entwicke- 
lung  des  Schulwesens  in  der  St.idt  Braunschweig ^  der  zweite  Theil  wird 
nach  Darlegung  der  Grundsätze,  die  bei  der  Textgestaltung  maßgebend  waren, 
für  jede  einzelne  Ordnung  die  bibliographischen  Nachweise  und  texikritischen 
Bemerkungen  liefern.  Der  zweite  Band,  von  dem  gleichfalls  der  erste  Theil 
vorliegt  (die  Zeit  von  1541  — 1599  umfassend),  ist  von  G.  M.  Pachtler  heraus- 
gegeben und  mit  dem  Bildniß  von  Ignatius  Loyola  geschmückt.  Er  behandelt 
das  gesammte  Schul-  und  Erziehungswesen  der  Gesellschaft  Jesu ,  von  der 
Stiftung  des  Ordens  bis  auf  unsere  Zeit.  Die  Einleitung  gibt  eine  Übersicht 
der  reichen  vom  Herausgeber  benutzten  Quellen.  Dieser  Band  wird,  wenn 
einmal  vollendet,  von  höchstem  Interesse,  nicht  nur  für  die  Geschichte  der 
Schule,  sondern  des  gesammten  Culturlebens  seit  dem  16.  Jahrh.  sein.  Die 
Schule  ist  einer  der  wichtigsten  Factoren,  durch  weiche  der  Jesuitenorden 
gewirkt  hat.  Das  ganze  Werk  verspricht,  nach  diesen  beiden  Bänden  zu 
urtheilen,   vortrefflich  in   der  Ausführung  zu  wel-den. 


Golther,  Wolfgang  —  die  Sage  von  Tristan  und  Isolde.  Studie  über  ihre 
Entstehung  und  Entwicklung  im  Mittelalter.  München  1887,  Christian 
Kaiser.    VIII,    124   S.   8.   M.   3.20. 

Der  Verf.  machte  sich  zunächst  zur  Aufgabe,  sämmtliches  erreichbare 
Material  heranzuziehen  und  das  gegenseitige  Verhältnis  der  verschiedenen 
erhaltenen  Fassungen  festzustellen.  Mancherlei  war  vorgearbeitet  für  das 
Gedicht  des  Thomas,  nicht  so  für  das  des  Berolt,  für  welches  Eilharts 
Tristan  herangezogen  wurde,  und  hier  hat  der  Verf.  den  Versuch  gemacht, 
ähnlich  wie  für  das  Thomasgedicht,  die  Untersuchung  zu  führen.  Dabei  hat 
er  Gelegenheit  genommen,  die  Frage  nach  Ursprung  und  Entstehung  der 
Sage  zu  erörtern.  Und  da  will  es  mir  scheinen,  als  wenn  der  Verf.  dem 
ursprünglichen  keltischen  Elemente  zu  wenig  Spielraum  eingeräumt  hätte. 
Denn  so  viel  auch  das  12.  Jahrh.  von  französischer  Anschauung  in  die 
Sage  hineingetragen  hat,  so  bleibt  das  doch  nur  ein  äußerer  Firniß,  der 
über  den  alten  Stoif  von  ganz  anderem  Charakter  gezogen  ist,  ein  ähnlicher 
Proceß ,  wie  er  aucli  mit  dem  Nibelungenliede  vor  sich  ging,  nur  daß  er 
sich  bei  der  Tristansage  innerhalb  zweier  Literaturen,  beim  Niblungenliede 
innerhalb   derselben   Literatur  vollzog. 


Schweizersiches  Idiotikon.    Wörterbuch   der  schweizerdeutschen  Sprache.   Ge- 
sammelt auf  Veranstaltung  der  Antiquarischen  Gesellschaft  in  Zürich  unter 
Beihilfe  aus  allen  Kreisen  des  Schweizervolkes.  Herausgegeben  mit  Unter- 
stützung des  Bundes   und  der  Kantone.   X.  Heft.   Bearbeitet  von  Friedrich 
Staub,  Ludwig  Tobler  und  Rud.    Seh  och.   Frauenfeld    1886.   Huber. 
Mit    diesem  Hefte    beginnt    der    zweite  Band    des    trefflichen  Werkes, 
welches     ein  Ehrendenkmal    für    die    deutsche   Schweiz    bildet.     Zu  den  zwei 
älteren  Bearbeitern    ist    ein   jüngerer    in  Dr.   Schoch    getreten,     der    sich   auf 
germanistischem  Gebiete  bereits   einen  guten  Namen  gemai'ht  hat;   der  raschen 
Förderung  des  Werkes  kann  dies  nur  vortheilhaft  sein.  Immer  mehr,  je  weiter 
das  Werk  vorschreitet,   müssen  wir  es  beglückwünschen ,   daß   die  allgemeine 


120  LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN. 

Theilnahme  nicht  bloß  ein  Wörterbuch  der  lebenden  Mundarten  ermöglichte, 
sondern  ein  auf  historischer  Grundlage  ruhendes,  unmittelbar  ans  Mhd.  an- 
schließendes. 

Beiträge  zur  Landes-  und  Volkskunde  von  Elsaß-Lothring-en  1. — 4.  Heft. 
Straßburg   188  7—88.   8.  E.  H.  Ed.  Heitz  (Heitz   und  Meindel.) 

Das  Werk  will  in  zwangloser  Folge  Abhandlungen  und  Mittheilungen 
aus  dem  Gebiete  der  Geschichte  und  Literaturgeschichte  von  Elsaß  und 
Lothringen,  Beiträge  zur  Kunde  der  natürlichen  geograpischen  Beschaffenheit 
des  Landes ,  seiner  Bevölkerung  und  seiner  Bevölkerungsverhältnisse  in  der 
Gegenwart  und  in  der  Vergangenheit,  seiner  Alterthümer,  seiner  Künste  und 
kunstgewerblichen  Erzeugnisse'  liefern  |  selten  gewordene  literarische  Denk- 
mäler durch  Neudrucke  allgemein  zugänglich  machen,  und  durch  Veröffent- 
lichung von  Erhebungen  über  Volksart  und  Volksleben,  über  Sitten  und 
Brauch  der  Stände,  über  Aberglauben  und  Überlieferungen,  über  Singen  und 
Sagen  der  Landesgenossen  deutscher  und  romanischer  Zunge  das  Literesse 
an   der  elsaß-lothringischen  Volkskunde  befördern. 

Vier  Hefte  liegen  bis  jetzt  vor;  das  erste  enthält  eine  Abhandlung 
von  Constantin  This ,  die  deutsch-fi-anzösische  Sprachgrenze  in  Lothringen, 
angeregt  durch  Prof.  Gröber.  Der  Verf.  ging  bei  Bestimmung  der  Sprach- 
grenze von  der  Frage  aus:  wie  weit  wird  französisches  Patois  in  der  Familie 
gesprochen?  Wenn  an  einem  Orte  in  der  Nähe  der  Sprachgrenze  kein  Dia- 
lekt, sondern  nur  eine  Art  Schriftfranzösisch  gesprochen  wird,  so  werden 
besonders  die  Schule,  die  Kirche  und  der  Verkehr  diesen  Zustand  herbei- 
geführt haben.  Es  zeigt  sich,  daß  solche  Ortschaften  alle  im  Keime  deutsch 
sind.  Die  Arbeit  ist  mit  großer  Genauigkeit  und  Sorgfalt  gemacht.  Das 
zweite  Heft  liefert  einen  von  E.  Martin  veranstalteten  Wiederabdruck  von 
Th.  Muiners  geistlicher  Badefahrt,  mit  Nachbildung  der  alten  Typen  und 
der  Holzschnitte ,  und  mit  einer  Einleitung  über  das  Badewesen  im  Mittel- 
alter. Heft  3  gibt  einen  wichtigen  Beitrag  zur  ältesten  Geschichte  des 
Landes  in  der  Abhandlung  von  Wilhelm  Wiegand,  die  Alamannenschlacht 
vor  Straßburg  3.57  n.  Chr.*  beigegeben  ist  eine  Karte  und  eine  Wegskizze. 
Das  4.  Heft  fällt  außerhalb  des  Rahmens  dieser  Zeitschrift,  indem  es  Lenz, 
Goethe  und  Cleophe  Fiebich  von  Straßburg',  ein  urkundlicher  Commentar 
zu   Goethes  "^Dichtung  und  Wahrheit'   zum   Gegenstande  hat. 

Es  ist,  nach  den  vorliegenden  Anfängen  zu  urtheilen,  sowol  in  wissen- 
schaftlichem wie  in  vaterländischem  Interesse  dem  Untei'nehmen  den  besten 
Fortgang    zu  wünschen. 

Weilen,  Alexander  von  —  der  ägyptische  Joseph  im  Drama  des  XVI.  Jahr- 
hunderts. Ein  Beitrag  zur  vergleichenden  Litteraturgeschichte.  Wien 
1887,  Alfred  Holder.  VIII,    196   S.   8. 

Nach  einer  Einleitung  über  die  Legende  vom  ägyptischen  Joseph  be- 
handelt W.  zunächst  die  romanischen  Joseph-Spiele ,  wobei  Spanien,  Frank- 
reich und  Italien  in  Betracht  kommen.  Die  betreffenden  Stücke  werden  ana- 
lysirt  und  der  Verf.  zeigt  sich  hier  auch  mit  den  romanischen  Sprachen 
vertraut.  Allein  bei  Aveitem  nicht  hat  der  Stoff  auf  romanischem  Boden  die 
Popularität  gefunden,    wie  in   Deutschland   im   Zeitalter  der  Reformation,   wo 


LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN.  121 

er  mit  zwei  anderen  in  die  Beliebtheit  sich  theilt:  der  verlorene  Sohn  und 
Susanna.  Diesen  Reichthum  entfaltet  der  Verf.  in  dem  eigentlichen  Haupt- 
theile  seines  Buches:  Chronologische  Darstellung  der  Joseph-Dramen  bis  zum 
Jahre  1625.  Die  Reihe  beginnt  mit  1534,  und  sehr  anerkennenswerth  ist 
der  Fleiß  und  die  So'gfalt,  mit  welcher  er  alle  Notizen  und  Quellen  ge- 
sammelt hat. 

Spangenberg,  Wolf  hart,  ausgewählte  Dichtungen.  (Elsässische  Litteratur- 
denkmäler  aus  dem  XIV. — XVI.  Jahrhundert  herausgegeben  von  Ernst 
Martin  und  Erich  Schmidt  mit  Unterstützung  der  Landesverwaltung  von 
Elsaß-Lothringen.  IV.  Bd.)  Straßburg  1887,  Karl  J.  Trübner.  XVI, 
349  S.  8. 
Spangenberg  gehört  zwar  mit  seinem  Dichten  nicht  mehr  dem  Zeit- 
raum an,  welchen  die  Germania  umfaßt;  allein  durch  seine  Nachahmung 
Fischarts  ragt  er  geistig  noch  in  die  Reformationsperiode  hinein,  wenn  er 
auch  andererseits  durch  seine  Stellung  zu  Opitz  den  Übergang  zur  neuen 
Zeit  bildet.  Gerade  dadurch  aber,  daß  er  ein  Mittelglied  zwischen  den  Meister- 
sängei-n  und  der  Kunstdichtung  des  17.  Jhs.  ist,  nimmt  er  eine  anziehende 
Stellung  ein.  Von  seinen  Reimgedichten,  die  Martin  als  typisch-didaktische 
bezeichnen  möchte,  ist  mitgetheilt  der  Ganskönig,  ein  Spiegel  der  behag- 
lichen Rechtlichkeit  unserer  Bürgerschaft  vor  dem  30jährigen  Kriege  in  breiter 
Schilderung,  die  aber  doch  des  culturgeschichtlichen  Interesses  nicht  ent- 
behrt. Von  den  Tragödien  ist  der  Saul  mitgetheilt,  den  auch  Gervinus  rühmt, 
auf  einem  lateinischen ,  noch  nicht  wieder  gefundenen  Original  beruhend. 
Anziehend  ist  der  Vergleich  mit  der  den  gleichen  Stoff  behandelnden  Tragödie 
vOri  Virding,  die  man  geneigt  war  als  das  Original  Sp.'s  anzusehen,  was 
jedoch  M.  widerlegt.  Von  den  für  das  Theater  der  Meistersänger  in  Straß- 
burg gedichteten  Stücken,  die  nicht  wie  das  vorhergehende  Schuldrama  Über- 
setzung, sondern  Original  sind,  werden  zwei  gegeben:  Mammons  Sold,  in 
nicht  ungeschickter  Behandlung  der  Allegorien  des  Teufels,  der  Frau  Armuth 
und  der  Frau  Reichthum,  und  der  Glückswechsel ,  welcher  in  derben,  aber 
aiis  dem  Leben  gegriffenen  Zügen  schildert,  wie  Bauer,  Landsknecht  und 
Priester  ihre  Rollen  vertauschen  und  die  beiden  letzteren  den  ersteren  um 
sein   Geld  betrügen,   aber  nicht  zum  gewünschten  Ziele   gelangen. 

Rydb  erg,  Viktor,  Undersökningar  i  Germanisk  Mythologi.  Första  Delen.  I. 
Urtiden   och  Vandringssagorna.   II.  Mythen   om   Underjorden.   III.  Ivaldes- 
lägten.  Stockholm,  Albert  Bonniers  Förlag  (Commission  von  K.  F.  Koehler 
in  Leipzig).   756  und  VI  S.  gr.   8. 
Der    reiche  Inhalt    dieses     gelehrten  Werkes    gruppirt    sich    folgender- 
maßen:    Die  Einleitung    behandelt    die  Arier  in  ihrer  Gesammtheit    und    die 
Germanen  insbesondere.   Hierauf  werden  die  Wandersagen  im  Mittelalter   dar- 
gestellt, zuerst  die  Trojasaga,   dann   die  Erinnerungen  in   den  Volkssagen   des 
Mittelalters   an   die  heidnische  Wandersage.    Es  folgen   die  Mythen    über    die 
germanische  Urzeit,    hauptsächlich    wie    sie    in    den    nordischen   Quellen    er- 
scheinen.  Den  zweiten  Haupttheil  bilden  die  Mythen  über  die  Unterwelt  auf 
Grundlage    der    nordischen   Quellen,     und   den   dritten   diejenigen   über  Ivalde 


122  LITTERTTUR:  K.  BARTSCH.  ANZEIGEN. 

d.  h.  den  immer  waltenden,  allwaltenden,  dessen  andere  synonyme  Bezeich- 
nungen S.  742  sämmtlich  aufgeführt  sind.  Auf  Einzelheiten  einzugehen  ge- 
stattet uns  der  Raum  nicht,  doch  müssen  wir  ausdrücklich  hervorheben,  daß 
der  Verf.,  wo  er  das  nordische  Gebiet  überschreitet,  mitunter  nicht  unbe- 
denkliche  Mängel  in   sprachlicher  Hinsicht  zeigt. 

Die    lateinischen   Osterfeiern.     Untersuchungen    über   den   Ursprung  und   die 
Entwickelung    der    literarisch-dramatischen    Auferstehungsfeier     mit    Zu- 
grundelegung eines  umfangreichen,   neu   aufgefundenen   Quellenmateriales 
von   Carl  Lange.    München    1887,   Ernst  Stahl  sen.   IV,    171    S.    8. 
Mit  Recht  ist  der  Verf.   von  dem  Gedanken   ausgegangen,   daß   erst  eine 
möglichst    umfangreiche    Sammlung    von   Texten    vorliegen     müsse,     ehe    die 
innere  Entwickelung  des  Dramas   aus   der  Liturgie   der  römischen  Kirche  sich 
verfolgen  lasse.   Dieser  allerdings   mühsamen  Aufgabe  hat  sich  der  Verf  unter- 
zogen und  die  liturgisch-dramatischen  Auferstehungsfeiern  in  den  Bibliotheken 
von   Deutschland,  Österreich,   der   Schweiz,   Frankreich,   Holland  und  England 
durchforscht.     Seine  Bemühungen    haben    die   Zahl    der  Denkmäler     auf  224 
gebracht    Ein  Verzeichniß  ist  S.  3   ff.   gegeben.   Es   stellt  sich   durch   die  \  er- 
gleichung    heraus ,     daß    die   Osterfeiern    auf   liturgische   Gesänge    des   Oster- 
sonntages zurückgehen,   die  aus  vier  Sätzen  bestehen,   welche  vom  Chor  oder 
auch    von   Halbchören    bei    der  Procession    am   Grabe  wechselweise  gesungen 
werden.     Als    Aufführungszeit    ergibt    sich    der  Regel    nach    die  Matutin    des 
Ostersonntags.  *  

Keller,  Ludwig  —  die  Waldenser  und  die  deutschen  Bibelübersetzungen. 

Nebst  Beiträgen  zur  Geschichte  der  Reformation.   Leipzig  1886,    S.  Hirzel. 

V,  189  S.  8. 
Die  Schrift  schließt  sich  an  eine  frühere  des  Verf. ,  die  Reformation 
und  die  älteren  Reformparteien  ,  in  welcher  er  versuchte  den  Beweis  zu 
führen,  daß  diejenigen  Epochen  der  deutschen  Geschichte,  welche  auf  die 
Gestaltung  des  kirchlich-religiösen  Lebens  den  größten  Einfluß  ausgeübt 
haben,  nämlich  das  14.,  das  16.  und  das  18.  Jahrhundert,  in  einem  engen 
historischen  Zusammenhang  stehen,  dessen  Träger  die  unter  verschiedenen 
Ketzernamen  bekannten  altchristlichen  Gemeinden  sowie  die  Corporationen 
der  deutschen  Bauhütte  gewesen  sind'.  Von  Wichtigkeit  für  die  Frage  ist 
die  Geschichte  der  deutschen  Bibelübersetzungen ,  indem  in  die  Geschichte 
der  Waldenser-Bibel  nach  Ansicht  des  Verf.  sich  die  Schicksale  der  alten 
Gemeinden  vom  14.  bis  zum  18.  Jahrh.  bis  zu  einem  gewissen  Grade  wider- 
spiegeln. Wir  gehen  hier  auf  den  von  anderer  Seite  bekämpften  theologischen 
Standpunkt  des  Verf.  nicht  ein,  uns  beschäftigt  nur  die  philologische  Unter- 
suchung, und  hier  muß  anerkannt  werden,  daß  die  Forschung  über  den 
Gegenstand,  wofür  der  Verf.  noch  die  neueste  Schrift  von  Jostes  benutzen 
konnte,   nicht  unwesentlich  gefördert  worden  ist. 

Wrede,    Ferdinand  —  Über  die  Sprache  der  Wandalen.    Ein  Beitrag  zur 
germanischen   Namen-    und  Dialektforschung.   Straßburg    1886,    Trübner. 
(=   Quellen  und  Forschungen   52.  Heft).  VI,    119   S.   8. 
Für  die  Sprache  der  Wandalen  bilden  Namen  die   einzigen  Sprachre.^te. 

Den    dialektischen   Charakter    derselben  hat  der  Verf.   insbesondere   ins  Auge 


LITTEEATUR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN.  123 

gefaßt,  weil  er  gefunden,  dali  man  bisher  diese  Sprachreste  zu  sehr  nach 
dem  Maßstabe  der  Sprache  des  Ulfila  behandelt  habe.  Die  Quellen  bilden 
fast  ausschließlich  die  Namen  bei  lateinischen  und  griechischen  Schriftstellern ; 
leider  ist  hier  nicht  überall  die  kritische  Bearbeitung  dieser  Schriftsteller 
wissenschaftlich  genügend.  Die  Wandalen ,  welche  zu  den  Ostgermanen  zu 
rechnen  sind,  während  ihres  Aufenthaltes  in  Afrika  und  ihre  Sprache  im 
5. — 6.  Jahrb.,  ist  der  Gegenstand  der  Untersuchung.  Der  Verf.  läßt  zunächst 
ein  Verzeichniß  der  Quellen  folgen  und  gibt  dann  die  Sprachreste  selbst, 
und  behandelt  die  dialektischen  Merkmale  des  Wandalischen ,  sowie  die 
Namen  der  Wandalen  in  ihrer  Beziehung  zur  germanischen  Namengebung 
und  zur  Bedeutung  der  nanienbildenden  Sprachelemente  überhaupt.  Die  kleine 
Schrift   verdient   durch   ihre   Gründlichkeit  alles   Lob. 


Kock,  Axel  —  Undersökningar  i  Svensk  Spräkhistoria.  Lund  1887.  C.  W.  E. 
Gleerups  Förlag.    2   BL,    112   S.    1    kr.   50   öre. 

Der  durch  seine  sprachlichen  Arbeiten  rühmlich  bekannte  Verfasser 
liefert  in  vorliegendem  Buche  eine  neue  Reihe  weiterer  Einzelheiten  der 
schwedischen  Grammatik ;  ich  gebe  die  Titel  der  einzelnen  Stücke  in  deutscher 
Sprache  wieder.  1.  Abschwächung  des  Schlußlautes -^  nach  Vocal.  2.  Zur 
Lautentwickelung  d-t,  gh-k  im  Schlußlaut,  3.  Labialisirung  von  Vocalen  im 
Altschwedischen.  4.  Zur  Behandlung  des  Diphthongen  ei.  5.  Zur  Verlänge- 
rung von  kurzem  a  im  Altschwediachen.  6.  Vocalsynkope.  7.  Ist  o  laut- 
gesetzlich in  a  in  nichtbetonten  Silben  übergegangen?  8.  Zur  Behandlung 
des  urnordischen  cht.  9.  Der  Lautübergang  (;v)aer  -  {v)a>- .  10.  Die  Endvocale 
in  der  schwedischen  Sprache  um  1500.  11.  Die  Runeninschrift  auf  der 
Etelhem-Spange.  Man  sieht,  es  ist  eine  große  Mannigfaltigkeit  von  Fragen, 
und   überall  zeigt  sich  der  Verf.  als  wohl  vertraut  mit  der  neuesten  Forschung. 

Hahn,  Odwart —  zur  Verbal-  und  Nominal-Flexion  bei  Robert  Burns.  I. 
Programm  der  Victoriaschule  in  Berlin  Ostern  1887.  35  S.  4. 
Das  Schottische  ist  in  einer  wissenschaftlichen  Gesammtdarstellung 
bisher  nicht  behandelt  worden;  dankenswerth  ist,  daß  wir  hier  wenigstens 
einen  Theil  einer  solchen  erhalten.  Der  Verf.  hat  im  Anschluß  an  Kochs 
englische  Grammatik  eine  Zusammenstellung  der  starken  Verba  und  der  binde- 
vocallosen  schwachen  gegeben,  nach  den  Werken  der  bedeutendsten  schot- 
tischen und  nordhumbrischen  Dichter  von  Hampole  bis  Burns.  Diese  Über- 
sicht bildet  die  Erweiterung  eines  Abschnittes  einer  Burns-Grammatik ,  die 
demnächst  erscheinen  soll.  Belegstellen  sind  am  Schlüsse  nur  für  die  Formen 
gegeben,  die  nicht  ohne  weiteres  aus  den  altengl.,  neuengl.  und  neusehottischen 
Formen   sich   erklären   oder  sich  nicht  bei   mehreren  Dichtern  vorfinden. 

An  Anglo- Saxon  Dictionary  based  on  the  manuscript   collections   of  the  late 
Joseph  Bosworth.   Edited  and  enlarged  by  J.  Northcote  Toller.  Part  IIL 
Hwi-Sar.    Oxford    1887,    Clarendon   Press.    S.    577—818. 
Des  unermüdlich   thätigen  Bosworth   angelsächsisches  Wörterbuch  nähert 
sich    seinem   Ende.    Durch   die  Mitwirkung   jüngerer  Kräfte  ist  es  in  wissen- 
schaftlicher Beziehung  auf  die  Höhe  der  Gegenwart  gebracht,    und   so   kann 
man   mit  Recht  sagen,    es  wird,   wenn  vollendet,    ein   Corpus   anglosaxonicum 
von  bleibendem   Werthe  sein.  


124  LITTERATUR:   K.  BARTSCH,    ANZEIGEN. 

T.  0.  W ei  gel  s  systematisches  Verzeichniß  der  Hauptwerke  der  deutschen 
Literatur  aus  dem  Gebiete  der  Geschichte  und  Geographie  von  1820 
bis  1882.  Bearbeitet  von  E.  Fromm.  Leipzig  1887,  T.  0.  Weigel.  VIII, 
199    S.   gr.   4. 

Wenn  auch  zunächst  nicht  das  germanistische  Gebiet  berührend ,  ent- 
hält das  Buch  doch,  namentlich  in  dem  Abschnitt  Geschichte,  vieles  ihm 
nützliche.  So  das  Verzeichniß  deutscher  Geschichtsquellen  im  Mittelalter 
S.  29  ff.  Ein  sorgfältiges  alphabetisches  Register  ist  hinzugefügt,  wie  denn 
überhaupt  in  Bezug  auf  Sorgfalt  das  Buch  den  Stempel  trägt,  den  wir  von 
unseren    buchhändlerischen    bibliographischen  Unternehmungen   gewohnt  sind. 


Ethnologische  Mittheilungen  aus  Ungarn.  Zeitschrift  für  die  Volkskunde 
der  Bewohner  Ungarns  und  seiner  Nebenländer.  Redigirt  und  heraus- 
gegeben von  Prof.  Dr.  Anton  Hermann.  1.  Jahrg.  1.  Heft.  Fol.  Buda- 
pest  1887,   Selbstverlag  der  Redaction. 

Die  Zeitschrift  enthält  viel  Vergleichendes  zur  Volkskunde ,  wodurch 
sie  auch  für  Deutsche  Forscher  anziehend  ist.  Ich  hebe  diejenigen  Artikel 
heraus,  in  denen  deutsches  berührt  wird.  Beiträge  zur  Vergleichung  der 
Volkspoesie'  enthält  unter  I  Und  wenn  der  Himmel  war'  Papier',  den  von 
R.  Köhler  angeregten  und  belegten  Gedanken  der  Volksdichtung,  wozu  hier 
Aigner  Ergänzungen  bringt.  Der  Aufsatz  "^ Märchenhort'  von  Ch.  G.  Leland 
charakterisirt  die  Märchen  verschiedener  Völker.  Der  Mond  im  ungarischen 
Volksglauben  zeigt  manche  Berührungen  mit  deutschem  Volksglauben.  '  Zauber- 
und  Besprechungsformeln  der  transsilvanischcn  und  südungarischen  Zigeuner 
bietet  ebenfalls  Verwandtes  mit  Deutschem ;  ebenso  Beiträge  zur  Vergleichung 
der  Volkspoesie  .  Das  geistliche  Weihnachtsspiel  unter  den  Zipser  Deutschen' 
von  S.  Weber  ist  von  besonderem  Interesse.  Heimische  Völkerstimmen  ent- 
hält Deutsches  S.  84  und  85.  "^ Beiträge  zur  Vergleichung  der  Volkspoesie  , 
Hinweise  auf  Deutsches   S.   94. 


Meltzer,  Otto,  die  Kreuzschule  in  Dresden  bis  zur  Einführung  der 
Reformation  (1639).  Dresden  1886.  IV,  60  S.  8. 
Der  Gegenstand  ist  schon  mehrfach  behandelt  worden,  zuerst  von 
Sehöttger  in  einem  Programm  von  1742,  dem  aber  nur  wenig  urkundliches 
Material  zur  Verfügung  stand;  dann  noch  von  J.  Chr.  Hasche  und  H.  M. 
Neubert,  die  zum  Theil  recht  wichtige  Daten  aus  Urkunden  beibrachten. 
Über  ein  viel  reicheres  Material  hat  M.  verfügt  in  dem  Urkundenbuche  der 
Stadt  Dresden,  und  das  noch  Ungedruckte  im  königl.  Staatsarchiv  und  im 
Rathsarchiv  zu  Dresden.  So  ist  denn  freilich  seine  Darstellung  ungleich 
reichhaltiger  als  die  seiner  Vorgänger.  Ein  erster  Anhang  handelt  über  Peter 
von  Dresden,   ein  zweiter  enthält  ein  altes  Bücherverzeiehniß. 

Brandstetter,  Renward,  der  Vocabularius  Beronensis.  (Abdruck  aus  dem 
Geschichtsfreund  Bd.   41,    S.    175  —  186). 

Ein   Sammelband    des    15.  Jhs.    in  der  Stiftsbibliothek    zu  Berona    ent- 
hält  als    wichtigsten    Theil    einen  Vocabularius    auf   Bl.    1 — 59     etwa    7000 


LITTERATUR,  A.  NAGELE,  ANZEIGEN.  125 

nach  Materien  geordnete  Wörter.  Daraus  theilt  Br.  alle  Wörter  mit,  welche 
für  das  deutsche  oder  mittellat.  Wörterbuch  von  Interesse  sind,  458  im 
Ganzen.  Hieran  reiht  er  eine  Quellenuntersuchung  und  theilt  zu  diesem 
Zwecke  die  458  Wörter  in  fünf  Classen;  die  erste  enthält  die  Artikel  des 
Voc.  Ber.,  die  hinsichtlich  des  Lat.  und  Deutschen  mit  Artikeln  des  Vocab.  '29 
bei  Diefenbach,  Nov.  Gloss.,  verwandt  sind;  unter  Classe  11  die  Wörter, 
die  in  Voc.  1  und  5^  bei  Dief.,  Gloss.  lat.  germ.,  unter  Classe  III  die,  welche 
nur  im  Voc.  1  ,  und  unter  Classe  IV  die,  welche  nur  im  Voc.  5*^  ihre  Ana- 
loga haben.  Unter  Classe  V  gibt  er  die  Wörter  des  Voc.  Ber. ,  die  nur  be- 
züglich des  lat.  mit  Voc.  29,  Voc.  1,  Voc.  5^  stimmen,  während  die  Ver- 
deutschung verschieden  ist,  und  ebenso  endlich  die  Vocabeln,  welche  in 
Voc.  29,  Voc.  1  und  Voc.  5^  fehlen;  unter  diesen  sind  eine  Anzahl  bisher 
unbekannter  deutscher  Wörter. 


Streifzüge  auf  dem  Gebiete  der  Nibelungenforschung  von  Prof.  Jul.  Binder. 

Programm   der   Staatsoberrealschule  in  Laibach    1889. 
Über  das  attributive  Adjectiv  im  Nibelungenliede  und  in  der  Ilias.    Von 

Prof.  Hans    Schmidt.   Progr.   des    Staatsgymnasiums   in   Salzburg    188ü. 
Das  stehende  Beiwort   im  Volksepos.    Von  Prof.  Anton  Filipsky.    Progr. 

des  Staatsgymnasiums  in  Villach  1886. 
Es  ist  eine  umfangreiche,  schwer  zu  übersehende  und  zu  gliedernde 
Literatur,  die  sich  als  Nibelungenforschung  allmählig  angesammelt  hat,  und 
es  ist  deshalb  immerhin  dankenswerth,  wenn  derartige  orientirende  Schriften 
publicirt  werden.  Abgesehen  von  den  Einleitungen  in  den  Ausgaben  von 
Bartseh,  Zarncke,  Holtzmann  und  Simrock  ist  auch  die  Zahl  dieser  Schriften 
im  Anwachsen  begriffen.  Ich  erinnere  nur  an  A.  W,  Schultz,  der  gegenwärtige 
Stand  der  Nibeluugenfrage,  Progr.  Schleiz  1874;  Hermann  Fischer,  die  For- 
schungen über  das  Nibelungenlied  seit  Karl  Lachmann,  Leipzig  1874  (Karl 
Bartsch;  Eecens.  Germ.  XIX,  352  fg.);  H.  Paul,  zur  Nibelungenfrage, 
Halle  1887;  R.  v.  Muth,  Einleitung  in  das  Nibelungenlied;  Rudolf 
Henning,   Nibelungenstudien,   Straßburg   1883   etc.   etc. 

Binders  Arbeit  will  nun  diese  orientirenden  Schriften ,  von  denen  ich 
einen  Bruchtheil  anführte,  vermehren,  was  ihm  auch  thatsächlich  der  Zahl, 
nicht  jedoch  dem  Werthe  nach  gelingt;  denn  sie  ist  ebenso  flüchtig  als  ein- 
seitig. Als  Curiosität  verzeichne  ich,  daß  nach  Binder  wenigstens  (S.  8  u.  9) 
K.  Bartsch  in  Heidelberg  „vor  Kurzem  auch  schon  verstorben"  ist,  und 
wünsche  nur,  daß  das  bekannte  Sprichwort  an  K.  Bartsch  sich  neuerdings 
erfüllen  möge.  Über  die  Ansichten  zum  neunten  und  zehnten,  sechzehnten 
und  siebzehnten  Liede,  die  Scherer  in  der  Literaturgeschichte  vorträgt,  findet 
sich  keine   Spur  in   der  Abhandlung. 

Für  manche  Leute  scheint  keine  Literatur  zu  existiren;  einen  Beleg 
für  diese  Thatsache  gibt  das  zweite  Schulprogramm ,  das  von  Herrn  Prof. 
Hans  Schmidt  verfaßt  ist.  Er  benützte  für  seine  Arbeit  lediglich  je  eine 
Ausgabe  des  Nibelungenliedes  und  der  Ilias  und  ein  Programm;  die  Abhand- 
lung ist  aber  auch  darnach  ausgefallen,  indem  sich  der  Verfasser  darauf  be- 
schränkt, die  betreffenden  Ausdrücke  aus  den  Epen  abzudrucken  und  sie 
obenhin  zu  classificiren.    S.  55   in  der  Anmerkung    heißt  es    „diu  ir  urmäzen 


126  LITTE  KATUK:  A.  NAEGLE,  ANZEIGEN. 

schoene"  —  urmäzen  ist  noch  dazu  gesperrt  und  am  Schlüsse  finden  sich 
circa  zwei  Dutzend  Corrigenda  angeführt.  Sollte  es  Hrn.  Prof.  H.  Schmidt 
mit  seinem  urmäzen  also  veritabler  Ernst  sein?  das  wäre  sehr  traurig! 
Auch  die  Ausdrucksweise  läßt  viel  zu  wünschen  übrig,  z.  B.  heißt  es  S.  4 
Anm. :    „Manche   als  Eigennamen  herausgestellte  Wörter." 

Ganz  anders  geartet  ist  die  dritte  Abhandlung,  sie  zeugt  ebenso  von 
vielfältiger  Belesenheit  wie  von  einem  verständigen  Urtheil  und  hat  das 
moderne,  wissenschaftliche  Princip  der  Vergleichung  zur  Voraussetzung.  Auf- 
fallend war  mir  bei  der  Leetüre  der  Abhandlung  des  Herrn  Prof.  Filipsky, 
daß  die  Kenntniß  der  deutschen  Dichtung  seine  schwächste  Seite  ist.  Schon 
p.  HI  liefert  dafür  einen  merkwürdigen  Beweis.  Dort  werden  nämlich  Maha- 
bharata,  Ilias  und  Odysse  und  die  „Nibelungen"  angeführt.  Gudrun  aber 
fällt  unter  den  Tisch ,  was  sie,  wenigstens  nach  der  Meinung  der  neuesten 
Literaturforschung,  ganz  und  gar  nicht  verdient.  Ebenso  ist  sehr  gering  das 
zu  taxiren,  was  der  Verf.  zur  Frage  über  die  „Entstehung"  (ein  Lieblings- 
ausdruck des  Verf.'s)  des  Volksepos  sagt;  er  bewegt  sich  da  auf  dem  be- 
kannten gründlich  ausgefahrenen  Geleise,  und  ist  so  naiv,  einen  Bewunderer 
des  Herrn  R.  v.  Muth  abzugeben,  der  bekanntlich  mit  höchst  komischer 
Verve  in  die  Welt  hinausschrie:  der  Name  der  Verfasser  der  einzelnen  Lieder, 
sowie  der  überhaupt  gleich  giltige  des  letzten  Sammlers,  können 
nie  festgestellt  werden".  Filipsky  glaubt  in  den  serbischen  Liedern')  einen 
neuerlichen  Beweis  für  diese  altehrwürdige  Theorie  finden  zu  können  — 
aber  kann  denn  nicht  daraus  das  gerade  Gegentheil  viel  plausibler  gemacht 
werden?  Im  Übrigen  ist  die  Abhandlung  des  Hrn.  Filipsky,  die  freilich  sehr 
gewonnen  hätte,  wenn  er  mit  dem  „germanischeu"  Epos  vertrauter  gewesen 
wäre  und  manche  diesbezügliche  Schriften  (z.  B.  ten  Brinks  Literaturgesch.) 
gekannt  hätte,  recht  lesenswerth ,  wenn  sie  auch  eher  als  eine  Vorstudie  zu 
dem   in  Rede  stehenden  Thema  zu  betrachten  ist. 

ANTON  NAGELE 


')  Der  Verfasser  hätte  dabei  die  Schrift:  „Narodne  pjesme  o  boju  na  kosovu 
godine  1389,  sastavio  u  cjelinu  Armin  Pavic"  und  die  ausführliche,  sehr  interessante 
Eecension  derselben  von  Stojan  Novakovic  in  Jagic  Archiv  f.  slav.  Phil.  III,  413  bis 
462  doch  auch  berücksichtigen  sollen.  Ich  vermisse  in  seiner  Abhandlung  auch  sonst 
Manches,  so  namentlich  einige  Berücksichtigung  der  neugriechischen  Volksdichtung, 
die  bekanntlich  sehr  nahe  Beziehungen  zur  südslavischen  Volkspoesie  unterhält.  Ganz 
armselig  ist  das,  was  er  S.  XIX  über  das  Epitheton  des  Pferdes  vorbringt;  ist  ihm 
denn  das  „Heldenfohlen"  des  russischen  Volksepos  ganz  unbekannt?  Dahin  wäre 
ja  auch  der  Veillantif  Eolands  (Chanson  de  Roland  v.  1153)  und  der  Babieca  Cids 
zu  beziehen.  Vgl.  „über  das  volksthümliche  Epos  der  Franzosen",  Ztschr.  f.  Völker- 
psychol.  u.  Sprachwissensch.,  herausgeg.  von  Lazarus  u.  Steinthal  IV,  2,  203  ff  und 
Jagic  Archiv  III,  .''.49 — 593  „Beiträge  zur  Erklärung  des  russischen  Heldenepos"  von 
Alexander  Wesselof.sky).  Wo  der  Verf.  S.  XVIII  von  den  Flüssen  spricht,  bleibt  die 
Donau,  die  doch  eine  hervorragende  Rolle  in  der  slavischen  Poesie  einnimmt,  völlig 
unerwähnt.  Was  die  Farben  und  ihre  Namen  anlangt,  sind  die  Darstellungen  des 
Herrn  Filipsky  durchaus  ungenügend,  einigermaßen  hätte  er  sich  leicht  aus  Götzinger 
(ReallexiUon  p.   175  u.  17G)  belehren  und  dort  Literaturnachweise  finden  können. 


LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN.  127 

Indogermanische  Mythen.  II.  Achilleide.  Von  Elard  Hugo  Meyer.  VIII,  710  S. 
Berlin    1887.  Ferd.   Dümmlers   Verlagsbuchhandlung. 

Auf  der  Grundlage  von  MüllenhofFs  Deutscher  Alterthumskunde,  Bd.  I, 
hat  der  Verf.  weiter  gebaut  und  jene  Methode  auf  eine  der  berühmtesten 
Heroengestalten  des  griechischen  Alterthums  angewendet,  die  für  uns  von 
besonderem  Interesse  ist,  weil  sie  mit  einem  der  berühmtesten  germanischen 
Heroen  sich  deckt.  Freilich  ist  es  nicht  der  Achilles,  wie  er  in  der  Ilias 
uns  entgegentritt,  sondern  gewissermaßen  in  seine  Elemente  aufgelöst.  Viele 
Züge,  die  in  der  homerischen  Ilias  verdunkelt  sind,  empfangen  durch  die 
Heranziehung  verwandter  mythischer  Züge  erst  ihre  Begründung  und  ihr 
Verständniß.  Der  Dichter  brauchte  eben  Vieles  nicht  oder  brauchte  es  nur 
andeutend ,  was  in  der  ursprünglichen  Achilleussage  eine  ganz  andere  und 
tiefere  Bedeutung  hat.  So  ist  der  alte  Zug  von  Achilleus,  dem  Drachentödter, 
in  der  Ilias  ganz  verdunkelt,  Gestalten  wie  Briseis  und  Deidamia  gleichfalls. 
Erst  durch  Heranziehung  einer  Menge  anderer  Quellen  und  Sagen  können 
sie   in  ihrem   Wesen   erkannt  werden. 

Daraus  folgt  aber,  daß  die  Ilias  allein  nicht  als  Quelle  unserer  Er- 
kenntniß  dienen  kann,  und,  was  wichtiger,  daß  die  Ilias  nicht  als  eine  Samm- 
lung von  Volksliedern  gelten  kann.  Sie  ist  das  Werk  eines  Kunstdichters, 
der  die  Elemente  der  Volkssage  benützte,  so  weit  er  sie  brauchte.  Damit 
ist  der  Wolfschen  Liedertheorie  ein  gründlicher  Stoß   versetzt. 

Die  ganz  analoge  Entwickelung  zeigt  die  deutsche  Heldensage.  Auch 
hier  sind  in  der  deutschen  Gestaltung  des  Nibelungenliedes  Züge  zurück- 
gedrängt, die  in  der  ursprünglichen  Gestalt  der  Sage  bedeutsam  hervortraten. 
Dahin  gehört,  in  Übereinstimmung  mit  der  Achilleussage,  der  Drachenkampf, 
der  daneben  als  vollständiges  Lied  fortbestand ,  während  er  in  der  Haupt- 
dichtung zurücktritt;  dahin  gehört,  gleichfalls  übereinstimmend  mit  dem  grie- 
chischen Epos,  die  Gestalt  der  Brunhild,  deren  ursprüngliche  Beziehungen 
zu   Siegfrid  wir  erst  durch   die  reineren  nordischen   Quellen   erfahren. 

Diese  Parallele  hat  nun  aber  noch  eine  weitere  Bedeutung  für  unseie 
Wissenschaft.  Wenn  die  Ilias  keine  Zusammenschweißung  von  Volksliedern 
sein  kann,  so  kann  es  auch  das  Nibelungenlied  nicht  sein,  sondern  beide 
sind  Kunstdichtungen  unter  Benützung  der  volksthümlichen  Sagenelemente. 
Lachmanns  Nibelungentheorie  fußt  auf  F.  A.  Wolfs  Iliastheorie,  ohne  diese 
ist  jene  nicht  denkbar.  Die  zwanzig  Lieder  von  den  Nibelungen  empfangen 
dadurch  aufs  Neue  einen  argen  Stoß,  und  es  ist  abzuwarten,  wie  ihre  An- 
hänger sich   damit  auseinandersetzen  werden. 


Handschriften,  berülimte  —  des  Mittelalters,  in  phototypischer  Nachbildung. 

Bd.  I:   Das  Nibelungenlied  nach   der  Hohenems-Münchner  Handschrift  (a) 
in  phototypischer  Nachbildung.  Nebst  Proben  der  Handschriften  B  und  C. 
Mit  einer  Einleitung  von  Ludwig  Laistner.     München    1886.    Verlags- 
anstalt für  Kunst  und  Wissenschaft.     8.  VIII,   48    S.    nebst   125   Tafeln 
in  Phototypie.  Ganz  Lwd.    60  M. 
In  vortrefflicher    technischer  Ausführung     erscheint    hier    ein  photogra- 
phischer Abdruck   einer  unserer  bekanntesten   und  berühmtesten   altdeutschen 
Handschriften. 


128  LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN. 

Die  Nachbildung    gibt    ein     treues   Abbild     des   Originals    und    kann  für 
Studienzwecke   dasselbe  vollständig  ersetzen. 

Schade  nur,  daß  nicht  B  oder  C,  sondern  A  zur  Nachbildung  gewählt 
worden  ist.  Derselben  geht  eine  Abhandlung  von  L.  Laistner  voraus ,  der 
man  das  Zeugniß  geistvoller  Deduction,  wie  Allem,  was  der  Verf.  schreibt, 
nicht  versagen  kann,  die  aber  gleichwohl  einen  philologischen  Werth  nicht 
beanspruchen  kann,   weil  ihr  die  philologisch   sichere   Grundlage  fehlt. 

Lachmann  hatte  gesagt,  das  Absetzen  der  Zeilen  scheine  beim  Nibe- 
lungenliede ältere  Weise  zu  sein.  Er  drückte  sich  vorsichtig  aus  scheine  , 
weil  er  sich  wohl  bewußt  war,  daß  die  Thatsachen  dem  nicht  entsprachen. 
In  der  That  sind  alle  alten  und  guten  Handschriften  nicht  abgesetzt  ge- 
schrieben; A,  die  in  der  zweiten  Hälfte  des  13.  Jahrhs.  entstand,  ist  die 
erste  mit  abgesetzten  Versen,  und  dann  kommen  die  jüngeren  Hss.,  die  die- 
selbe Einrichtung  haben.  Die  Absetzung  der  Verse  im  Nibl.  hat  in  A  noch 
eine  andere  seltsame  Einrichtung  zur  Folge  gehabt:  auch  die  Klage  ist  in 
Langzeilen  geschrieben.  Das  widerspricht  allem  Gebrauche  der  Handschriften 
die  Kurzzeilen   in   Langzeilen  zu   schreiben. 

Was  Lachmann  zweifelnd  ausdrückte,  haben  seine  Nachahmer  unbesehen 
angenommen.  Und  ebenso  ,  daß  der  Text  in  A  der  echte  und  ursprüngliche 
ist.  Alle  philologischen  Beweise,  die  diese  Ansicht  widerlegen,  werden  ignorirt. 
Und  das  hat  leider  auch  L.  gethan.  Somit  können  wir  seine  ganze  Beweis- 
führung und  Darlegung  nicht  einer  Widerlegung  unterziehen,  weil  wir  erst 
verlangen  müssen,  daß  die  philologische  Grundlage  gesichert  sei.  Es  ist  zu 
bedauern,  wenn  man  so  viel  Geist  und  Scharfsinn  an  eine  von  vornherein 
falsche  Aufgabe  verschwendet  sieht. 

Gottschick,  Über  Boners  Fabeln.  Programm  des  königl.  Kaiserin  Augusta- 
Gymnasiums  zu  Charlottenburg  1886.  (Nr.  68.)  32  S.  8. 
Der  Verf.  tritt  zunächst  der  Ansicht  Schönbachs  entgegen,  daß  Boners 
Fabeln  erst  nach  dem  Tode  von  des  Dichters  Gönner  Johann  von  Rönggen- 
berg  abgeschlossen  seien,  und  widerlegt  sie  mit  guten  Gründen.  Die  zweite 
von  G.  erörterte  Frage  ist  die,  ob  Boner  sämmtliche  hundert  Fabeln  zur 
selben  Zeit  gedichtet,  und  namentlich  ob  die  Fabeln  nicht  in  der  hand- 
schriftlich überlieferten  Folge  gedichtet  sind.  Daß  eine  andere  Anordnung 
als  die  der  Hss.  im  Ganzen  aus  den  Reimungenauigkeiten  nicht  zu  folgern, 
hat  G.  schon  in  einer  späteren  Abhandlung  (1879)  gezeigt.  Weiter  behandelt 
der  Verf.  den  Dialekt  Boners  und  widerlegt  Schönbachs  Ansicht,  wonach 
Pfeiffer  mit  Unrecht  dem  Dialekte  zu  großen  Eingang  in  seinen  Text  ge- 
stattet. Namentlich  die  Nachweise  von  Schoch  lieferten  hier  ein  überzeugendes 
Material.  Im  letzten  und  umfangreichsten  Theile  geht  Verf.  zu  einer  Dar- 
stellung der  Anordnung  der  Bonerschen  Fabeln  und  zur  Erklärung  derselben 
über,  sowie  zum  Nachweise  des  zwischen  den  einzelnen  Fabeln  bestehenden 
Zusammenhanges.  Auch  hier  ist  das  Resultat,  daß  die  Fabeln  im  Ganzen 
in  der  Reihenfolge  der  Hss.  entstanden  sind.  In  dem  Schlußalphabete  (S.  28  ff.) 
handelt  G.  von  Boners  sittlichen  Lehren  und  seiner  Darstellungsart,  und 
wendet  sich  hier  mit  Recht  gegen  Scherers  herabsetzendes  Urtheil.  Die  ganze 
Arbeit  macht  den  Eindruck  ruhig  fortschreitender  Besonnenheit,  deren  Resultate 
daher  auch  schwer  werden  anzufechten  sein. 


JOHANN  VON  SOEST,  ^DY  GEMEIN  BTCHT\ 

Johann  von  Soest,  dessen  Lebensbild  Fr.  Pfaff  entworfen  hat*), 
hat  außer  seinen  schon  bekannten  Dichtungen  noch  einen  poetischen 
Beichtspiegel  verfaßt,  den  Cod.  Pal.  730  uns  überliefert.  Johanns 
Autorschaft  ist  auch  Bartsch  in  seiner  Beschreibung  der  altdeutschen 
Hss.  der  Heidelberger  Bibliothek  (unser  Stück  wird  hier  unter  Nr.  323 
erwähnt)  entgangen.  Das  Gedicht  ist  von  Johann  selbst  nieder- 
geschrieben und  nach  der  Schlußbemerkung  am  27.  Februar  1483 
zu  Ende  geführt  worden.  Es  fällt  also  drei  Jahre  später  als  die  'Kinder 
von  Limburg';  nach  Pfaffs  Vermuthuug  (S.  247)  etwa  gleichzeitig  das 
Gedicht  von  der  "^unbefleckten  Empfängniß  Mariae".  Mit  diesen  beiden 
Dichtungen  begibt  sich  der  kurpfälzische  Singermeister,  der  damals 
auch  schon  medicinische  Studien  betrieb,  auf  das  theologische  Gebiet, 
das  ihm  nicht  fern  lag;  erzählt  er  doch  selbst  in  seiner  Biographie 
(Fichards  Archiv  1,  120),  daß  er  einmal  die  Absicht  gehabt  habe, 
Pfaffe  zu  werden.  Auch  seine  übrigen  Werke  bezeugen  seine  fromme 
Gesinnung.  Freilich,  theologische  Kenntnisse  treten,  abgesehen  von 
einiger  Bibelkenntniß,  nirgends  hervor.  Die  Beichte  ist  keine  selbst- 
ständige Dichtung,  sondern  wie  es  in  der  Überschrift  heißt,  'vs  be- 
iverter  schryfft  tzic  rym  gesetzt'.  Er  hat  also  nach  einer  Vorlage  ge- 
arbeitet und  dieser  nur  die  poetische  Form  gegeben.  Seine  Quelle 
war  in  erster  Linie  der  Modus  confitendi  des  Andreas  de  Escobar'^), 
das  verbreitetste  Beichtbuch  der  Zeit.  Er  hat  nach  dem  Original,  nicht 
nach  einer  deutschen  Übersetzung  gearbeitet,    da  er  V.   1053  f.  sagt: 

nit  langmodig  vnd  auch   nit  gut 
byn  ich   gewesen  oberlfit, 
auch   hatt  ich   gantz  keyn  guttigheit 
tzu  mynem  nesten,  ist  myr  leit; 
das  dan  off  ym  bot  onderscheit 
tzu  sprechen  gut  vnd  guttigheit: 
das   erste,   gut,   heyst  bouitas, 
guttigheit    ist  benignitas. 

')Allgemeine  conservative  Monatschrift  1887,  S.   147  f.,  247  f. 

^)  Der  Verfasser  nennt  sich  Andreas  Hispanus,  Poenitentiar  der  römischen 
Curie,  ehemals  Bischof  von  Civita  und  Ajaccio,  jetzt  von  Megara,  Benedictinerordens. 
1437  wurde  er  zum   Cardinal  erhoben. 

GERMANIA.     Nene  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  9 


130  K.  V,  BAHDER 

Außer  Andreas'  Schrift  hat  aber  Johann  noch  eine  andere  Quelle 
benutzt^).  Der  erste  Abschnitt  Von  den  fünf  Sinnen'  hat  bei  Andreas 
nichts  Entsprechendes  (nachher  folgt  wohl  ein  Abschnitt  Me  quinque 
seusibus',  dem  aber  bei  Johann  die  Vs.  883 — 918  von  sonden  ingemeyn 
des  gantzen  libs  entsprechen).  Ich  habe  diese  Quelle  nicht  ermitteln 
können  ^),  werde  aber  nachher  in  den  Anmerkungen  auf  Übereinstim- 
mungen mit  anderen  Beichtbüchern  hinweisen.  Diese  Quelle  scheint 
auch  noch  bei  den  Todsünden  benutzt,  nachher  aber  ist  Alles  aus 
Andreas  entnommen,  abgesehen  von  Einigem,  das  sichtlich  Zuthat 
Johanns  ist. 

Beichtbücher  in  deutscher  Sprache  liegen  seit  dem  13.  Jahr- 
hundert in  großer  Menge  vor.  Geffken,  Der  Bilderkatechismus  des 
15.  Jahrb.,  Leipzig  1855,  bespricht  eine  große  Anzahl  handschriftlich 
erhaltener  Beichten.  Gedruckte  Beichten  führt  Fr.  Falk,  Die  Druck- 
kunst im  Dienste  der  Kirche  (Köln  1879)  46  bis  zum  Jahre  1519  auf, 
wozu  noch  zwei  weitere  kommen  (Liter.  Handweiser  1881^  Sp.  529). 
Die  große  Mehrzahl  dieser  Schriften  ist  für  den  Laien  bestimmt  und 
enthält  entweder  Betrachtungen  über  die  Bedeutung  und  den  rechten 
Gebrauch  des  Sacramentes  der  Buße,  oder  gibt  eine  ausführliche,  dem 
Beichtenden  in  den  Mund  gelegte  (oft  auch  in  Frageform  gehaltene) 
Aufzählung  der  einzelnen  Sünden.  Beichtbücher  der  letzteren  Art 
stehen  in  directem  Zusammenhang  mit  der  offenen  Schuld,  aus  der 
sie  sich  entwickelt  haben.  Schon  einige  der  ahd.  Beichten  gehen  so 
ins  Einzelne,  daß  sie  als  Grundlage  für  die  Gewissenserforschung  vor 
der  sacramentalen  Beichte  dienen  konnten.  Als  deshalb  die  offene 
Schuld  die  bestimmte  Form  annahm,  in  der  sie  noch  jetzt  gesprochen 
wird,  wurden  die  älteren  Beichten  doch  weiter  fortgepflanzt  (vgl.  Denk- 
mäler S.  619.  621)  und  nahmen  allmählich  durch  immer  strengere 
Formulirung  der  einzelnen  Vergehen  die  im  Wesentlichen  (bei  Ab- 
weichungen in  der  Anordnung,  dem  Schwanken  einzelner  Unterschei- 
dungen) fixirte  Form  an,  in  der  sie  im  15.  Jahrb.  vorliegen,  und  welche 
die  Grundlage  des  römisch-katholischen  Katechismus  bildet.  Neben 
die  Unterscheidungen  nach  den  7  Todsünden,  5  Sinnen,  10  Geboten 
trat  allmählich  die  nach  den  7  Heiligkeiten,    7  Gaben  des  h.  Geistes, 


*)  Vielleicht  war  schon  in  der  Vorlage  diese  mit  dem  Modus  confitendi  des 
Andreas  vereinigt. 

^)  Kein  näherer  Zusammenhang  besteht  mit  der  Schrift  'Dyß  ist  eyne  schone 
vnd  fruchtbare  beicht,  wie  sich  eyn  itzlich  christenmensch  seyner  sunde  erclageu  ßal 
nach  ordenung  der  funflf  syuue  eyngefurt  durch  die  sibeu  todtsuude'  (angeblich  Leipzig, 
Kacheloven) . 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT.  131 

7  Werken  der  Barmherzigkeit,  7  Haupttugenden,  4  rufenden  und 
9  fremden  Sünden  u.  s.  w. ,  wobei  die  Zahlenbestimmungen  manchen 
Schwankungen  unterworfen  sind.  Den  Versuch,  eine  solche  Beichte  in 
poetische  Form  zu  kleiden,  finden  wir  schon  vor  Johann  von  Soest 
gemacht,  vgl  Liederbuch  der  Hätzlerin  S.  301,  Beichtbuch  bei  Weber, 
Bamberger  Beichtbücher,  Kempten  1885,  S.  15  ff.,  'Wie  man  beichten 
sor  in  Kinderlings  Hs.  vgl.  Allg.  liter.  Anz.  1801,  S.  709,  Penitentio- 
narius  bei  Geffken,  Beil.  S.  188,  'Von  der  rechten  beichte'  Hoffmann, 
Wiener  Hss.  224,  S.  278. 

Als  Denkmal  der  homiletischen  Literatur  kann  Johanns  Beichte 
eine  besondere  Bedeutung  nicht  für  sich  in  Anspruch  nehmen.  Da- 
gegen scheint  mir  die  Behandlung  des  Stoffes  doch  in  mancher  Be- 
ziehung Beachtung  zu  verdienen.  So  ermüdend  die  Aufzählungen  des 
Dichters  sind,  und  so  wenig  er  es  im  Allgemeinen  verstanden  hat, 
den  spröden  Stoff  dichterisch  zu  gestalten,  so  finden  sich  doch  schöne 
Stellen,  wo  Johann  seinem  warmen  religiösen  Gefühl  schwungvollen 
Ausdruck  gibt.  Manche  Schilderungen  sind  culturhistorisch  von  In- 
teresse. Am  bemerkenswerthesten  aber  scheinen  mir  die  Züge  zu 
sein,  die  die  Beichte  dem  Lebensbilde  Johanns  hinzufügt.  An  man 
eben  Stellen  hören  wir  den  Arzt,  den  Dichter  und  Musiker  sprechen. 
V.  589  f.  wird  eine  Ausführung  über  die  Einwirkung  der  Complexion 
auf  die  Gemüthsart  eingeschaltet.  Bei  den  V.  161  erwähnten  onnütz 
gesta  von  der  lijb  mag  Johann  an  seine  frühere  Dichtung  gedacht 
haben.  Auf  seine  musikalische  Fähigkeit  spielt  er  V.  299  an. 
Daß  bei  Besprechung  der  Ohrensünden  V.  889  f.  die  Worte  bei 
Andreas:  aures  ad  audie.ridum  —  cantus  et  instrumenta  musicalia  dedi, 
nicht  übersetzt  sind,  ist  vielleicht  nicht  zufällig.  Johann  konnte  in 
seinen  musikalischen  Neigungen  nichts  Sündhaftes  sehen.  Anderes 
macht  durchaus  den  Eindruck  eines  Selbstbekenntnisses.  Die  Aus- 
führlichkeit, mit  der  V.  385  ff.  das  Laster  der  Habsucht  geschildert 
wird  (nur  einige  Züge  finden  sich  auch  bei  Andreas)  und  die  leiden- 
schaftliche Selbstanklage  lassen  vermuthen,  daß  die  Worte  dem 
Dichter  aus  dem  Herzen  kommen.  Selbstbekenntnis  ist  das,  was  er 
über  die  Wirkungen  des  Zornes  sagt,  wie  aus  der  Bemerkung  über 
seine  Complexion  hervorgeht;  ferner  über  die  Anschläge  gegen  das 
Leben  des  Nächsten  V.  780  f.  und  785  f.  Vielleicht  ist  auch  die 
Bemerkung  über  die  Untreue  gegen  den  Herrn  V.  833  f.  so  zu  nehmen. 
Im  Ganzen  handelt  es  sich  für  Johann  bei  der  Beichte  um  mehr  als 
bloß  eine  dichterische  Übung.  Freilich  hat  er  im  Auge  (V.  1168  f.), 
daß    auch   Andere    durch    die    Beichte    zur   Erkenntniß    ihrer   Sünde 

9» 


132  K.  V.  BAHDER 

gelangen  möchten.  Aber  zunächst  ist  es  ihm  um  die  Erleichterung 
seines  eigenen  Herzens  zu  thun;  sehen  wir  doch  auch  aus  seiner 
Biographie  (1504  in  Frankfurt  verfaßt),  wie  lebhaft  er  die  Verirrungen 
seiner  Jugend  beklagte. 

Die  Behandlung  des  Stoflfes  ist  eine  sehr  ungleiche.  Während 
in  den  Abschnitten  über  die  5  Sinne,  7  Todsünden,  10  Gebote  der 
Dichter  —  soweit  eine  Vergleichung  möglich  —  die  Worte  des  Ori- 
ginals frei  umschreibt  mit  Einflechtung  mancher  origineller  Züge,  gibt 
er  von  da  an  nur  eine  abkürzende  Übersetzung  der  Vorlage,  bis  er 
am  Schluß  wieder  in  selbständiger  Weise  auftritt.  Aber  auch  in  den 
ersten  Abschnitten  liegt  es  ihm  fern,  den  gesammten  Inhalt  der  lat. 
Beichte  zu  umschreiben.  Er  begnügt  sich,  aus  der  Charakteristik  der 
Sünden  einzelne  Züge  herauszuheben  und  diese  in  freierer  Weise 
auszuführen.  Aus  der  getroffenen  Auswahl  sehen  wir,  welchen  Ver- 
gehen Johann  die  größte  Wichtigkeit  beilegt.  Trotz  dieser  Kürzungen 
nimmt  die  Aufzählung  der  einzelnen  Sünden  noch  einen  breiten  Raum 
ein.  Meistens  wird  im  Perfectum  berichtet  und  dabei,  um  die  ewigen 
Wiederholungen  zu  vermeiden,  das  Hilfsverbum  (hab  ich,  hin  ich) 
nicht  selten  unterdrückt.  Auch  wird  die  Anreihung  sehr  oft  durch 
mit   oder    on  mit  Substantiv    bewerkstelligt,    an  das    sich    gewöhnlich 

ein  Relativsatz  anreiht,  z.  B.  281 

on  yr  werck 
dy  ich  verwarff  mit  grosser  sterck 

=  ich  hob  verworffen  yr  werck.  Flickwörter,  um  einen  Reim  zu  ge- 
winnen, werden  vom  Dichter  häufig  verwandt.  Nehmen  wir  hinzu,  daß 
auch  die  Wiederholung  desselben  Gedankens  nicht  selten  vorkommt 
(vgl.  Vs.  280.  81,  540.  42,  717  und  719),  so  begreift  es  sich,  daß  die 
ganze  Dichtung  keinen  künstlerischen  Eindruck  macht. 

Über  Johanns  Sprache  könnte  nur  mit  Heranziehung  der  übrigen 
Dichtungen  erschöpfend  gehandelt  werden.  Hier  deshalb  nur  einige 
Andeutungen,  Die  Sprache  ist  aus  rheinfränkischen  und  niederländi- 
schen Bestandtheilen  gemischt.  Trotz  seines  langjährigen  Aufenthalts 
in  Hessen  und  der  Pfalz  hat  Johann  doch  die  Sprache  der  Nieder- 
lande, wo  er  seine  Jugend  zugebracht  hatte,  nicht  ganz  aufgegeben. 
Er  bemüht  sich  pfälzisch  zu  schreiben,  aber  die  ndl.  Formen  kommen 
ihm  überall  dazwischen.  Außerdem  hat  er  diese  oft  absichtlich  an- 
gewandt, um  einen  Reim  zu  gewinnen.  Die  Mischung  des  Dialektes 
mögen  folgende  Bemerkungen  veranschaulichen. 

d  ist  meist  in  o  verwandelt,  wird  auch  auf  o  und  ö  gereimt 
(seltener    auf  a).    Dies  o  =  a  ist    pfälzisch,    es  findet    sich    auch   in 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT.  133 

Heidelberger  Drucken   von    1487  und  1493  ^)    und  in  dem  von  Milch- 
sack herausgegebenen  Passionsspiel. 

ae  ist  durch  e  vertreten  und  wird  auf  e  und  e  gereimt. 

e  in  0^)  verwandelt  in  tzivolff  16  u.  ö.  fromden  924  und  der 
Vorsilbe  -ont-^  hierher  auch  wort  =  loirt  (im  Reime  51.  616.  687.  984), 
i  in  u^)  verwandelt  in  ummer  (auch  ommer) ,  nummer,  duck.  —  i,  m  (ü) 
wechseln  nach  rad.  Weise  mit  e,  o.  e  für  i  erscheint  in  offener  Silbe 
(gesiceghen)  und  vor  l  -{-  Cons.  (telghen) ,  o  für  u  in  offener  Silbe 
(joghent)^  vor  r  {wilkor ,  dorff),  l  -\-  Cons.  (gedolt),  n  -{-  Cons.  (sonde, 
gönnen),  in  son,  on-,  off,  hedochte  (mit  Kürzung  des  ü) ,  geroch,  betrog. 

Die  Längen  i,  ü,  tu  (geschrieben  u)  sind  festgehalten,  i  oder  y 
(das  Zeichen  ij  immer  im  Worte  zijt,  sonst  gelegentlich  cordijren  86, 
ei/  nur  in  drey  21.  1164,  dreyen  273)  wird  aber  oft  auf  ei  gereimt. 
heit  :  zijt  14.  144.  206  u.  ö.  zijt  :  leit  138.  teyl :  yl  150.  pompeyen  :  ver- 
lyen  256.  allerley  :  hofferdy  338.  52.  manclierley  :  hy  390.  myn  :  reyn  434. 
Ae?/ss  '.  ßyss  524.  Aei^  :  i^^/^  624.  1072.  pyn  :  hewein  694.  Lomhardy  :  ey 
782.  m?/n  :  Mem  1062.  erschynt  :  heweynt  1078.  Ä;Ze?/w  :  si/n  1112.  Johann 
sprach  also  wohl  den  Diphthong;  gegen  diese  Annahme  ist  nur  lyb 
:  vertryb  162.  geschickten  :  bichten  656.  gefyrt  :  getzyrt  746.  mtcÄ  :  himel- 
rich  914  anzuführen,  während  Reime  auf  -lieh,  wie  Jiymelrich  :  jemer- 
lich  308.  62.  84.  gelich  :  bitterlich  1120.  40.  eioiglich  :  rieh  1192  nichts 
beweisen.  In  den  Drucken  von  1487  und  93  ist  i  geblieben,  dagegen 
hat  das  Pass.  ei.  —  u  (^=  ü  und  zu)  ist  jedenfalls  Monophthong,  vgl. 
die  Reime  gebrucht  :  geflucht  306.  uch  :  ersuch  312.  lüt  :  hat  546.  vss 
:  füss  978.  ^w^  :  lut  1054.  für  :  twr  1 106.  In  der  Biographie  ist  schon 
zum  Theil  au  eingetreten,  ebenso  Pass.  (neben  u). 

Die  Dehnung  der  Kürzen  in  offener  Silbe  beweisen  die  Reime 
gesehen  :  smehen  104.  hrehen  :  geschehen  324.  verluhen  :  vertriven  398  u.  a. 

Die  Diphthonge  ie  und  ^lo  (üe)  sind  durch  Monophthonge  ver- 
treten, ie  durch  i  oder  y  (aber  ye  243.  498.  1070.  1157  und  hye  :flyhe 
142),  das  auch  im  Reime  auf  z  und  i  erscheint,  no  (üe)  theils  durch  u 
theils  durch  o.  In  den  Reimen  erscheint  öfter  o  als  ?«,  vgl.  insocht 
:  volbrocht  216.  don  :  won  332,  :  schon  352.  zerstört  :  gefort  496.  obgerort 
:  wort    616.     s^on^  :  verkont    662.     moss  :  5^oss    784.     mocht  :  5ocä^    810. 


*)  Boum  der  sypsehaft.  Heidelberg,  Knoblochzer  (um  1487).  Ein  vast  not- 
durfftige  materi  einem  jeden  menschen  der  sich  gern  durch  eine  wäre  grunthche 
bycht  flyßiglich  zu  dem  hochwirdigen  Sacrament  des  fronlychnams  vnseres  herren 
ze  schicken  begert.  Daselbst  1493. 

*)  Bezw.  ö?  O.  B. 

3)  Bezw.  ü?  O.  B. 


134  K.  V.  BAHDER 

getrost  :  gehost  944.  ertzogt  :  gefogt  1082.  Reime  11=  uo  :  ü  sind  oben 
angeführt  worden.  Dazu  dominus '.  miis  96.  Im  Pass.  ?< ,  nur  vor  r 
öfter  ö.  Reime  auf  o  oder  u  wieder  nur  vor  r.  —  Auch  ei  erscheint 
zuweilen  monophthongisch  als  e  {treh  621.  667,  hieb  1112.  13;  helghen 
741  u.  ö.  neben  hilghen  1163.  96  [Kürzung'?],  encher  oft  [Kürzung?]  und 
ou  (öio)  oft  als  0  (im  Reime  loh  :  cloh  704.  erliogt  :  gebogt  908.  geloben 
:  geschoben  986.  ertzogt  :  gefogt  1082).  Seltener  erscheint  der  Diphthong 
als  «M,  was  im  Pass.  das  Gewöhnliche  ist. 

Von  vokalischen  Zeichen  ist  Johann  eigenthümlich  ein  ä  e  y  ö  ü, 
das  nur  für  die  Länge  (auch  unursprüngliche)  gesetzt  wird  und  bei 
ä  ö  ü  auf  keinen  Fall  den  Umlaut  bezeichnet  und  ein  ü,  das  incon- 
sequent  für  m  iie  uo  ü  u  steht.  Besondere  Uralautszeichen  sind  (von 
e  abgesehen)  nicht  vorhanden;  auch  im  Reim  wird  der  Umlaut  öfters 
nicht  berücksichtigt  (vgl.  174  236.  550.  1048),  woraus  ich  indeß  nicht 
auf  das  Fehlen  der  Umlaute  schließen  möchte. 

Bei  den  Consonanten  ist  Folgendes  hervorzuheben.  Ein  ver- 
einzeltes ndl.  /  =r  6  im  Auslaut  steht  788  häf.  Sonst  erscheint  hier 
b  und  ])  {Igp,  halp,  dagegen  immer  hab  etc.  bei  abgefallenem  e).  p  zu 
pf  verschoben,  d  für  t  findet  sich  öfter  im  Anlaut  {do7i,  dot) ,  doch 
nicht  durchgehend,  seltener  im  Inlaut.  Regelmäßig  anlautendes  t  in 
verterben  (681.  721.  786.  790,  doch  verc/er?;  691).  Im  Auslaut  erscheint  ^ 
{leit,  kint,  dagegen  sond,  ied  etc.  bei  abgefallenem  e).  Ein  unver- 
schobenes  t  in  gant  411  (Schreibfehler?),  g  im  Inlaut  vor  Vokalen  wird 
meist  gh  geschrieben,  was  auf  spirantische  Aussprache  hinweist.  Im 
Auslaut  bleibt  g  außer  in  der  Verbindung  ng  (lanck).  Vereinzelt  auch 
sonst  ck  im  Reim  starck  :  karck  148  und  gesmag  :  tag  186  (für  gesmack 
:  tack).  Nicht  aus  g  entstanden  ist  ch  in  manch  oder  mench  und  eyich, 
ebensowenig  in  verleuchent  998  (Pass.  hat  die  Form  verleicken).  Durch 
Ausgleichung  erklärt  sich  g  für  ch  in  tzog  390.  geschag  1115.  vertzyg 
627.  Grammatischer  Wechsel  zeigt  sich  im  Praet.  von  geschehen 
und  im  Adj.  hog.  chs  erscheint  assimilirt  in  sest  803  (Überschrift), 
ses  919  (Überschrift),  neste  oft.  Inlautendes  h  vor  Vocalen  wird  meist 
geschrieben ,  war  aber  stumm ,  wie  der  Reim  pompeyen  :  verlyen  256 
zeigt,  sehen  \\b,  tzehen  711  werden  einsilbig  gebraucht,  r  ist  ausgefallen 
im  V.  fochten  (im  Reime  170.  260.  492.  719).  Diese  Form,  über  deren 
Verbreitung  Sievers,  Oxforder^Benedictinerregel  S.  IX  f.  handelt,  findet 
sich  im  Heidelb.  Pass.  nicht.  Johann  wird  sie  in  Hessen  angenommen 
haben.  Metathese  zeigt  nofroft  763.  Von  einzelnen  Formen  führe  ich 
noch  an  das  ndl.  don^^do  (im  Reime  501),  lacht  ^=-  legte  592,  brenghen 
111,  kart  895  (im  Reim,  sonst  kerte),  gehebt  337.   1015.  18. 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT.  135 

Diese  Übersicht,  die  nicht  erschöpfen  soll,  zeigt  genügend,  daß 
Johann  nicht  in  reinem  pfälzischem  Dialekt  schreibt,  sondern  vielfach 
niederländische,  auch  einige  hessische  Formen  einmischt. 

Der  Vers  ist  nach  seiner  Silbenzahl  streng  geregelt  und  umfaßt 
8  Silben,  wenn  der  Reim  stumpf,  9  wenn  er  —  was  weit  seltener  — 
klingend  ist.  Auftakt  ist  also  immer  vorhanden.  Verletzung  der  natür- 
lichen Betonung  kommt  sehr  häufig  vor.  Dreisilbige  Worte  wie  gutig- 
her,  gentzlichen  können  nach  nhd.  Weise  auf  der  ersten  und  dritten 
Silbe  eine  Hebung  erhalten.  Oft  wird  die  haupttonige  Silbe  in  die 
Senkung,  die  nebentonige  in  die  Hebung  gesetzt.  Zweisilbige  Worte 
wie  ober,  lyplich  können  die  Hebung  auf  der  zweiten,  dreisilbige  wie 
lypUche,  rosenfar  auf  der  Mittelsilbe  erhalten.  Diese  Freiheit  ist  sowohl 
im  Anfang  als  in  der  Mitte  des  Verses  gestattet. 

Der  Reim  ist  genau,  abgesehen  von  der  Verbindung  des  umlaut- 
losen mit  dem  umgelauteten  Vokal  (vgl.  oben).  Von  einer  Reim- 
ungenauigkeit  kann  nicht  geredet  werden,  wenn  alte  Kürze  mit  der 
Länge  reimt  oder  i  mit  ei,  kaum  auch  bei  der  Verbindung  von  i  und  ie, 
u  und  uo,  m  und  üe.  Öfters  verschwindet  eine  scheinbare  Ungenauig- 
keit  bei  Einsetzung  der  dialektgemäßen  Form,  z.  B.  295  offemhart 
:  Wort  (1.  offembort) ,  660  gelassen  :  verdrossen  (1.  gelossen) ,  1048  frücht 
:  volbrocht  (t.  f rocht). 

Der  folgende  Abdruck  des  Stückes  schließt  sich  genau  an  die 
Hs.  an.  Die  Abkürzungen  sind  aufgelöst.  Einige  Schreibfehler  und 
Auslassungen  sind  berichtigt,  mit  Angabe  des  Überlieferten  unter  dem 
Texte.  Die  inconsequente  Interpunction  der  Hs.  (auf  den  drei  ersten 
Seiten  Doppelpunkt,  auf  den  drei  folgenden  Punkt  nach  jeder  Zeile, 
von  da  ab  nur  im  Innern  der  Verse  zuweilen  Punkt  oder  Doppelpunkt) 
ist  nicht  beibehalten  worden. 

Hy  hebet  an  dy  gemein  bicht:  Vs  bewerter  schryfft  tzu 
rym  gesetzt:  In  welcher  eyner  syn  sond  mag  erkennen 
lernen:    Dar    tzu    ordenlich    bichten    lernen:    tzu    dem    lob 

g  0 1 1  i  s : 

Dyn  gotlich  krafft  in  myr  byt  ich, 

Furred:  jcjj  werd  verdampt  sust  ewiglich, 

Teuhe,   0  barmhertziger  Dan  ich  tzu  tyff  gefallen  byn 

-^Almechtigher  got  guttigher,  10   In  todlich  sond  durch  myn  fiinf  syn. 

Erbarm  dych  myn  vmb  myn  mysdät.  Auch  dyn  gebottin  manchen  stetten 

Von    myr   gewyrket  frw  vnd  spät  Hab  hert  vnd  swerlich  obertretten, 

5   Dys  lang  itzont  verganghen  jar.  Dywerck  auch  der  barmhertzigheit 

0   mylter  got  mach   offenbar  Vnd  syben  sacrament  altzijt, 


136 


K.  V.  BAHDER 


15   Myt  syben  helghen  geistes  gaben 
Vnd  tzwolff  artickel  bog   erhaben 
Cristlicbs  gelobens   myr  gesetzt: 
Da  durch  myn  sei  bab  hert  geletzt. 
In  obertrettung  gantz  bereytt 

20   Gewesen  byn  acht  seligheit, 

Auch    toghent    drey    der    helghen 

schrifFt, 
On   anghel  toghent  myr  gestyfFt, 
Dy  ich   dan   gentzlichen   für  vol 
Hab   obertretten  gar  tzu  möl, 

25    On  ander  sond  itz   ombedocht 
Von  kynd  off  swerlichen  volbrocht. 
Ich  byt  dich  got  myn  eyngber  tröst, 
Der   manchen    sonder  hott  erlost, 
Erlöss  mich  auch  vnd  mach  mich  gut 

30  Dorch  dyn  rosenfar  heiiigs  blut, 
Das  du  dorch  myn  sond  host  ver- 
gossen 
An  eynem  bom  hert  onuertrossen: 
Vss  lyb  durch  mich  gabstu  dich  dar 
Tzu   hencken  nacket  also  bar 

35   An  solchem    herten  groben  holtz, 
Mit  dynera  hübschen  lybe  stoltz 
Gelich    eyn  seytte  hert  gespant. 
Durchgraben  füss  vnd  iglich  hant, 
Eyn  tzytlanck  aller  weit  tzu  spott. 

40  Ich  solcher  lyb  erman  dich  gott 
Vnd  bytt  dich  her  kom  mir  tzii  stur, 
Send  myr  dyns  helghen  geistes  für 
Eyn  foncken,  off  das  ich  betracht 
Mit  warem   rwen   tag  vnd  nacht 

45  AI  myne  sonde  gross  vnd  kleyn 
Vnd  gyb  mir  das  ich  sy  beweyn 
Lyplich  alhy  von  grond  myns 
hertzen. 
0  got  myn  her  tzu  solchem  smertzen 
Hylff  myr  durch  gnad,   so  weis  ich 

vest, 

50   Das   mich   das   ortel   allerlest 

Nit  dyns  gerichtz  verdammen  wort. 
Tzu   dyssem   rwen   obgerort 
On  dich  ich  nummer  komen  mag: 
Deshalp   dich   got  off  dissen  tag 
55   Roft'  an  vss  allen    mynen   kreften 
Vnd  byt  vnd  fleh  dyn  zorn  tzu  sefften 


Ober  myn  sonde  gross  on  tzal ; 
Myr  sy  vertzyh  gentzlich  vnd  kal, 
Off  das  dyns  helghen  blutz  ryuyr 

60   Verloren    nummer  werd  an  myr. 
Des  itz  tzu  lobe  wyl  ich  dyr 
Eyn  lob  gedieht  in   dys  papyr 
Hy  scryben,  vss  welchem  men  sol 
Ordenlich  bichten   lern  für  vol 

65   Tzu   eeren  dyr  on  onderlass. 
Dar  tzu   mich    hutten   wil  furbas 
Für  aller  bosheit  gross  vnd  kleyn. 
Des  ich   dan  an  roff  dy  vil  reyn 
Juncfraw   maria  das   sy  bytt 

70  Ir  lybes  kynt  das  ess  myr  mytt 
Syn  gnad  wol  teylen  solche  dät 
Wol  tzu  volbrynghen  wy  ob  stät. 
Des  mir  dan  giin  in  gnaden  stett 
leühe  got  der  trynytet.      Amen. 

Hy  hott  eyn  end  die  fürred. 

Hy  heben  an  dy  funffsynne 

vnd  tzum  ersten  von  dem 

gesicht: 

75  ^I^zu  gottis  lob  wyl  ich  begynnen 
-^  Nach  dem  beschrybt  von 
hoghen  synnen 
Der  meister:  bicht  gemein  dy  dan 
Tzu  bichten  not  ist  ydermann 
(Am  vyrden  buch   bewert  er  das) 

80   Dar  tzu  byn    nympt,    spricht  er 

furbas, 
Tegliche   sonde  vil   on   tzal. 
Das   ich   dan  itzilnt  oberal 
So   ver  ich  mag    verkonden    wyl 
Vnd  ob   ich  da  in  red  tzu   vil 

85   Oder  tzu  wenig  on  probyren, 
Das  byt  ich   myr  tzu  cordijren. 
Tzum   ersten   ich  also  begynne 
Vnd  tzyh  her  für  erst  dy  fonff  synne. 
Idoch   furhyn   so   bog  ich    nydcr 

90   Für    minen  pryster  myn   gelyder 

Vmb  benediung  tzu  ontpfanghen 

Also   sprechend   durch  gross  ver- 

langhen 


62  gedichte,  e  durchstrichen. 
{Es  fehlt  eine  Silbe.) 


64  für  vor  vol.  86  l.  coucedijreu?   O.  B. 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT. 


137 


Tzum  pryster:  benedicite. 
Da  off  nach   dem  dan  ich  verstee 
95   Der  pryster  antwort:   dominus. 
So   heb  ich  an  myt    gutter    mus 
Vnd  sag  dan  myn  confiteor 
Bis  off  das   ideo  precor. 
Dar  nach  myn  sond  beclag  ich  dan 
100    Vnd  heb  von  dem  gesicht  erst  an. 
Also:  ich  gyb  mich   schuldig  dyp 
Das  ich  etzlich  in  hubscher  tzyr 
Von  frawen  byld  hon  an  gesehen 
Durch    böss    begyr    yr    eer    tzu 
smehen, 
105   Auch  duck  den  tyren  möss  ver- 

jehen 
Wan  sy  sich  stighen  tzu  gesehen, 
Da  durch  ich  dan  tzu  solcher  vart 
Tzu  onkuyscheit  beweghet  wart, 
Auch    myn    vnd    ander  heymlich 

glider 
110   Tzu    sehen    begert  wie  bog  vnd 

nyder, 
Eyn  solchs    geschefft    schentlich 
begab, 
Da  durch  ich  mich  in  sond  verwab 
Mit  solchem  werckder  onkfischeit : 
Das  myr  dan  ist  von  hertzen  leyt. 
115    Sus  ich  gesehen  hab  menches  spyl, 
Dy  vppig  worn  vnd  dentze  vil 
Myt  lust  als  stechen  dar  tzu  rennen 
Vnd  ander  spil  der  ich  nit  nennen 
Off  dys  mol  mag  myr  durch  ver- 
gessen, 
120   Auch  ander  lutte  wyt  gesessen 
Dar  tzu  gereytzet  auch  tzu  sehen, 
Dy  dan  das  datten  vss  tzu  spehen 
Des    ich    alleyn    wass  an  begyn. 
Her  solcher  sond  ich  schuldig  byn. 
125    Myn    oughen     nit    tzu     manchen 

stonden 
Gekert  tzu  den  helghen  funff 
wonden 
Oder  tzu  ander  nützbarheit, 
Da  durch  ich  wer  tzu  rw  vnd  leit 
Vnd    auch    tzu   besserung    myner 

sende 
130   Gekomen;   das  ich  dan  verkonde 


Vch  pryster  hy  in  gottis   stat 
Vnd    byt  uch   solche   sonde    glat 
Myr  wolt  vertzyhen  hy  tzu  geghen 
Durch    ewren    gwalt    vnd   ewren 
seghen. 

135    Sus  als  das  ich  durch  myn  gesicht 
Onordlichen  hab  vsgericht 
Wyder  den  hern  tzu  encher  tzijt: 
Das  selb  ist  myr  von  hertzen  leyt 
Vnd  byt  genad  von  got  mym  hern, 

140    Der  myr  dan  wol   genad  tzu  kern 
AI  myne    sond  tzu  bessern  hye, 
Off  das   myn  arme  sele  flyhe 
Das   ewig  für  nach   disser  tzijt. 
Des  mir  gon  gotz  barmhertzigheit. 

Von  dem  gehör. 

145    IVfyt  hörn  hab  ich  gar  tyff  on- 
i-'J-  tzont 

Swerlich  vnd  gröblichen  gesont 
Mit  Inst  vnd  vss  gewonheit  starck. 
Dy  nutzbar  dyng  tzu  hören  karck 
Byn  ich  gesyn  das  merer  teil. 

150    Sus  böse   dinghe   ser  mit  yl 

Hon  ich  gehört  off  menchen  weg, 
Als  dan  wass  snod  onküsch  geseg 
Mit  melody  vnd  on  geseng, 
Das    myr    brocht    lust    vnd    gros 
geleng, 

155   Auch  fabeln  vnd  onniltze  wort 
Begyrlich   duck  vnd  vil   gebort, 
On  eer    absnyden    duck  vnd  vil, 
Das  myr  was  leyder  lustlich  spil, 
Mit  grossen  loghen  hert  beswert 

160  Da  ich  myn  orn  hab  tzu  gekert. 
Auch  onnutz  gesta  von  der  lyb, 
Der  weit  myr  haben  tzijt  vertryb  : 
Gar  duck  gegeben  sy  tzu  hörn, 
Da  durch  myn  gmüt  sich  mocht 
vertorn 

165   Vnd  in  onkusche  dancken  vallen. 
Vnd  ist  das  allerbost  von  allen, 
Das  ich  dy  sond  nit  lyss  alleyn 
Blyben  by  myr  sonder  gemeyn 
AI  ander  lüt  so   ver  ich   mocht 

170  Auch    dar  tzu    reytzet    gantz  on 

focht 


164  gemut. 


138 


K.  V.  BAHDER 


Tzu  don  wider  den  hogsten  got 
Vnd  wyder  al  cristlich   gebot. 
Nit  hab  gebort  das   gottis  wort 
Am  belgben  tag  als  myr  gebort, 

175    On   ander  1er  da  von  ich   ser 
Vnd  bog  gebessert   worden  wer. 
Wy  ich  mich   dan  in  myra  gebor 
Vergessen  hab  durch  myn  wilkor, 
Das  ist  myr  leyt  vnd  bger  genad 

180  Von  got  mym  hern  itz  bald  vnd 

drad. 
0  milter  got  her  Ihesu   crist 
Erbarm  dich  myn  tzu  desser  frist, 
Myn  hertz  erquick  off  dyssen  tag, 
Das  es  myn  Worten  glich  tzu  sag ! 

Von  dem  gesma^. 
185    Tch  hon   gesont  durch   myn  ge- 
-*-  smag 

In  spisuiig  woUust  manchen   tag 
Nach   vsbont  vnd  in  gyttigheit 
Tzu  vil  ober  dy  messigheit. 
Myn  vasten  duck  durch  spys  ge- 
brochen, 
190   Dy    ich    myr    dan    lyss    teglich 

kochen, 
On  Segnung  vnd  on  danckbarheit 
Genossen  duck  tzu  mancher  tzijt 
Mit  folle  dy  mir  kranckheit  brocht, 
Me  dan  natur  verdewen  mocht. 
195  Vnd  allermeist  mit  dem  gedranck 
Hab  ich  myn  lyb  gemachet  kranck 
Vnd  ongeschickt  tzu  gutten 
dinghen 
Als  betten  lesen  dar  tzu  singhen: 
Was    myr    dan    solchs    tzu    don 

gebort 
200   Gyng  obertzwergs  vnd  ober  bort, 
Da    durch    versumnys    duck    ge- 
schehen. 
Das    ich    dan    leyder    moss    ver- 

jehen 
Mit  warheit  dan  ich  habs  geton : 
Der    ewig    got  wol   mich   da  von 
205    Itz   ledighen   tzu   disser  tzijt 

Durch    syn     grundloss     barmher- 
tzigheit. 


Von  dem  tasten. 

"ViTyt  tasten  leyder  vil  tzu  swer 
•^  -"-Hab  ich  gesendet  nah  vnd  ver 
Tzu   gryffen   an   frewlich  gelytt 

210  Ontzuchtiglich  vnd  brüst  da  myt. 
Mit  manchem  kus  geschehen  von 

myr 
In   grosser   onkuscher  begyr, 
Mich  selbs  begryffen  duck  vnd  vil 
Vnd  lassen  gryffen  myr  tzu  spil, 

215  Da  ich  dan  wollust  myr  insocht. 
Wy  mich  dan  got  dy  sond  vol- 
brocht 
Weis  schuldig  also  syn  sy  myr 
Von  grond  myns  hertzen  leyt: 
vnd  yr 
Begher  vertzyhung  allermeist 

220  Von  dem  guttighen  helghen  geist, 
Des  guttigheit  nymantz  versägt. 
Vnd  du  vil  reyne  kusche  mägt 
Myr  armen  sonder  doe  das  wort, 
Das  ich  off  dys  mol  werd  erhört ! 

Von  dem  geroch. 

225    Xn   liplichem  geroch   hon  ich 

-'-Wollust  gesuchet  farderlich 

Vnd    obermoss  rae  dan  ich   solt, 

Myn   kleyder  da  mit  haben   wolt 

Versorgt  off  das  sy  smeckten  wol, 

230   Von  blomen  duck  off  mynem  krol 

Eyn   krantz   wol   richend   hab  ge- 

traghen, 

Da    ich    dan    gross    hatt    in    be- 

haghen. 

Ach   got  wy  ongelich  im  stechen 

Ist  myn    kraus    geghen   dym   tzu 

rechen ! 

235   Dyn  krantz  das  wass  eyn  dornen 

krön: 
So  ist  myn    krantz    von    blomen 

schon. 
Dyn    krantz    der    wart    mit    blot 
gespickt: 
So   ist  myn  krantz   mit  gold  ge- 
stickt. 


226  gesuchet  gesuchet. 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT. 


139 


Dyn   krantz   byss   durch  dy  hyrn- 

schal  stach : 

240   Myn  krantz  hylt  myr  myn  horlyn 

flach. 
Ach   milter  got,   dyn  guttigheit 
Erbarm  sich  myn,  ess  ist  myr  leit 
Das  ich  dich  ye  durch  solch  beheg 
Ertzornet  hab  in   enchen  weg; 
245   Auch    duck    dy    armen    lut    ver- 

smecht 
Durch  yrn  gesmack  das  mich  an- 

fecht. 
Da  ober  ich   dan  böss  beger 
Dy  ich  verdynt  hab  hert  ond  swer. 
Ihesu   son    dauitz   hogster   got, 
250   Durch   dynen  helghen  bytter  dot 
Kom   myr   tzu   stur  itz   recht   tzu 
bichten, 
Off  das    ich    myn    sond  mog  er- 
lichten ! 


D 


Von   den  gedancken. 

|Vrch    myn    gedenck  hon  ich 
gesont, 

Onkusche    werck    duck    vss    ge- 

gront, 
255    Mit    lust    der    weit    vnd   yr   pom- 

peyen 

Dy  ich   begert  my  tzu  verlyen, 

On   ander  schentliche  gedencken 

Da     mit     myn     sei     an    hob     tzu 

krencken. 

Auch   duck  hett  dy  gedenck  fol- 

brocht, 

2ö0  Het   ich   dy  weit  ny  me  gefocht 

Dan  got,   das   mich  dan  rwet  ser. 

Durch  myn  gedenck  ich  hert  vnd 

swer 
Myr    duck    hab    für    gesetzt    tzu 
rechen 
Myn    leit    durch    hawen    vnd   er- 
stechen, 
265   Nit  hab    bedocht  das  iungst  ge- 

richt 
Vnd  ander  heylsame  geschieht, 
Da  durch  myn  sei  gebessert  wer. 
Wy  ich   mich  dan  hab   ongefer 


Vergessen  durch  gedencken  myn, 
270  Das  ist  myr  leyt  nach  allem  schyn 
Vnd  bit  genad  das  ich  sy  böss 
Tzu  geghen  hy,  des  myr  dan  möss 
Derber  gönnen  mytdreyen  namen 
Der  helghen  driueltigheit.   Amen. 


275 


Von  der  rede. 

"|\/l"yt  reden,  uch  sy  pryster  kont, 

■^'-■-Hon    ich    myn    sei    gar    tyff 

verwont, 

Als  durch  ontzuchtiglich  geschrey 

Vnd    blasphemyrung   mancherley 

Wyder     myn     got     vnd     al    syn 

helghen, 

280   Der  werck  ich   dan  weit  freflich 

telghen 
Durch    fluch   dem   wetter,    on  yr 

werck 

Dy  ich  verwarfl'myt  grosser  sterck. 

Myn   eyghen  sond  hab   duck  be- 

schirmpt 

Von  kynd  off  als   men   mich   ge- 

fyrmpt, 

285   Sus    lichtlich   ich   gesworen  hon, 

On  nachred  dy  ich   hon  geton 

Gar  manchem   fromen   durch   on- 

recht, 
Altzyt  yr  leben   bog  gesmecht, 
Getzugnis   onrecht  dick  gegeben, 
290   Duck     stoltze    wort    mit    wyder- 

streben 
Myn   obern  don ,   on   eyghen  lob 
Den  ich  myr  tzu  gab  vil  tzu  grob  ] 
Tzwey  tzongich  ich  gewesen  byn, 
Vnd  heymlich  red  dy  ich  hat  in 
295    Ober  myn  pflicht  hab  offembart, 
On  logenhafftig    schentlich    wort 
Dy  dan  von  myr  syn  vssgegangheu 
In    stoltzem    gmut    ond    hoghem 
branghen. 
Onkusch  gedieht  hon  ich  gesetzt, 
300   Da  durch   myn   sei   hab   hert  ge- 
fetzt, 
Gut    gotlich    wort    hab    ich  ver- 
sweghen, 
War  ich  sy  saghen  seit  tzu  geghen, 


268  mich  fehU. 


140 


K.  V.  BAHDER 


T 


Auch  nit  gestraflft  vnd  nit  gelert, 
Als   dan   dy  gotlich    lyb    bewert, 

305   Altzijt  myn  tzonghen  fest  gebracht 
Tzu  Worten  onniitz  vnd  verflucht. 
Das   got   erbarm    von   hymelrich,       345 
Das  ich  mich   also   iemerlich 
In  myner  red  vergessen  hab! 

310   Das  ich  myr  dan  tzu  nemen  ab 
Von  god  beger  vnd  auch  von  uch, 
Mym  pryster,   den  ich  dan  ersuch 
Vch  byttend  wolt  mich  absoluyrn,       350 
Off  das   ich  on  end   mog  regnyrn 

315    Mit  got  dem   hern  in  ewigheit 
Der  frewd  vnd   aller   seligheit. 

Von    den     syben     todsonden 

vnd  tzura  ersten  von  der  ho f- 

far  t. 

'zum    tod    tyffer   byn    ich    ge- 
fallen 
In   den    syben   todsonden   allen. 
Tziim    ersten  mit  hoffart  behaftet 
320   In   der    begyr    mit  gantzer  krafft 
Da  durch  ich  tzu  dem  wercke  kam  : 
Myn    hör    geferbt    des    ich   mich 
schäm, 
Myn    antlytz    auch    vnd  oughen- 
brehen 

Vnd    furhobt    duck  von  myr  ge- 
schehen 
325   Hofertiglich   heymlich   beropft, 
Myn  hees  gestrichen  vnd  geklopft, 
Vnd   allermeist  des   helghen  tags 
Mit  grossem  lust  soUichs  Vertrags 
Myn  tzijt  onnutziglich  verslyssen. 
330   Tzu  hoffart  hab  ich  mich  geflissen       370 
Tzu   werden   rieh   genog  tzu  don 
Der  hottardy   noch    mynem   won ; 
Sterck   hubscheit  vsbont  hab  be- 

gert, 
Off  das   ich   hogher  word  bewert 
335   Für    andern    luten  myr  tzu  lust.       375 
Dy  hoffart  gantz  hot  keyn  gebrust 
In   myr  gehebt  von  allerley 
Das   dan   antraff  dy   hofferdy. 
Eyn  iglichen  wolt  obertrefl'en, 
340   Er  wer  auch  doctor  oder  scheffen,       380 


355 


3ß0 


365 


In  wysheit  vnd  in  der  gebort, 
In  alle   haben   wollt  das   wort 
Der  grossen   obertrefflicheit, 
Eyns   andern  mans  gebrechlicheit 
Tzu   mynem  lobe  duck   ertzelt 
Vnd  syn  bespottet  obgemelt, 
Sus   myn   gebrech  myner  figuren 
Myr  off  gesetzet  von  natüren 
Beschempt  ich   mych   durch  hof- 

fardy. 

Auch  gutte   woldät  mancherley 

Hab   ich    mich    duck    beschempt 

tzu   don. 

Mich   selbs  gelobt  duck  bog  vnd 

schon 
Für  geben  myr  tzu  lob  vnd  pryss, 
Dar   tzu   tziim   duckern    mol   myt 

flyss 
Myn  eyghen  schand  hab  offenbort, 
Das  myr  gab  frewde  wan  ichs  hört. 
Myn   eyghen  woldät  angenem 
Bedocht  mich  wy  sy  von  myr  kern 
Von  eygner  krafft  vnd  nit  von  got. 
Durch   hoffart  myner  hern  gebott 
Verachtet   ongehorsamlich 
Mit  Worten    wercken   des  gelich, 
Ir  guttig  straffe   hab   veracht 
Mit  wyderstant  vss  gantzer  macht, 
Auch   stoltziglich  yn  wyder  spro- 

chen 
Dy    ding  dy  ich    dan    hatt    ver- 
brochen, 
Dadurch  ich  duck  eyn  orsachwass 
Tzu    brenghen   sy   tzu   tzorn  vnd 

hass. 
Dy  hoffart  hott  myt  myr  gemacht, 
Das  ich  al  menschen  hab  veracht, 
Keyn   mensch   mocht  myn   durch 
enchen   fog 
Nach  mym  bedonck  syn  gut  genog, 
Dy  myr  hon  geben  eer  vnd  gut 
Hon  ich  veracht  in   obermut, 
Durch   hoffertighen   eyghen  sj'n 
Tzu  aller  sond  gefallen  byn. 
0   got  myn  her  eynigher  pur 
Genad   myr  armen  creatur! 
Dyn  demilt  her  myn  hoffart  töd 
Off  das   ich   armer  nit  so   öd 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT, 


141 


Verderb   in  solcher  hoffardy. 
Gyb  myr  her  das  ich   sy  verpfy 
Von  grond  myns  hertzen   snellig- 

lich ! 
0   her  mich  hör  von  hymehich  ! 

Von  der  gitigheit. 
385    "jVTach  hoffart  ich  in  kurtzer  tzijt 
"^^  Gefallen  byn  in   gitigkeit: 
Eyns  andern  gut  hon  starck  begert 
Vnd  felslichen  mich   duck  ernert 
Durch  spilvnd  rasseln  mancherley 
390   Vnd    ander  lut  tzog  mit  da  by; 
Vnd  alles   das  ich  so  gewan 
Tzu  mynem  nutz  lacht  ich  das  an 
Vnd  soUichs  gantz  nit  wyder  gab, 
In   massen    dan   eyn  böser    knab 
395'„Dem  dan  keyn  bosheit  ist  tzu  vil, 
So  ted  ich  auch  in  solchem   spil. 
Myn  hüs  tzum   spil  hon  ich  ver- 

lühen 
Vnd    worffei    falsch   off  gut   ver- 

trwen 
Gelwen  dar,  des  myr  mit  schar 
400  Dy  dritte  schantz  wart  also  bar. 
Mit  bösem  gelt  gar  duck  verloghen 
Dy  lute  feischlichen  betroghen, 
Ja  manchen  armen  wytt  gesessen 
Der  dan  nit  hatte  brot  tzu  essen 
405  Dy  myn  beswert  in  hogher  acht, 
Da  von  myr  dan  myn  hertze  lacht. 
Tzu  Stelen  roben  gantz  geschickt 
Vnd  doch  das  selb  myr  gantz  nit 

klickt 

Was  ich  so  durch  onrecht  gewan: 

410   Wan   myr   tzu   kam   eyn   slechter 

man 
Gar  bald   eyn  vond  ich  myr  be- 

docht 
Da  ich  das  gelt  myt  von  ym  brocht. 
Was  gitigheit  moeht  off  ym  hon, 
Das  wüst  ich  meisterlich  vnd 
schon, 
4 1 5  Nichtz  vsgenomen  vmb  eyn  hör. 
Versprochen    scholt  hylt  ich  nit 

wor, 

Keym    armen    menschen    kranck 

vnd   dab 

Myn  lebtag  ny  keyn  heller  gab, 


Keyn  mensch  off  ertrich  ny  gelebt 

420  Dem  gittigheit  so  hert  an  klebt. 
Durch  gitigheit  hon  ich  gesmecht 
Myn  eighen  eer  vnd  myn  ge- 
siecht, 
In  gyttigheit  ny  böser  art 
Off'  ertrich   mensch  geboren  wart, 

425  Der  so  vil  hab  durch  gittigheit 
Gesond  als  ich,  das  myr  ist  leit. 
0    got    durch     dyn    heiligs    ver- 

trwen 
Myr  armen  sonder  gyb  eyn  rwen 
Vmb  myn  mysdät  tzu  dysser  tzijt 

430   Von  myr  volbrocht  myt  gittigheit ! 
Ich  weys  das  dyn  barmhertzigheit 
Ist  grosser  dan  al   sontlicheit. 
Dem   nach   gilttigher  vatter  myn 
Mich    armen    mach    von    sonden 

reyn ! 

435   0   her    mich    armen    nit  verlass! 
Des  ich  dich  bit  ye  leng  ye  bass. 
So  lang  als   ich   das    leben    hon, 
Wil  ich   des  nummerme  gedon 
Mit  dyner  hulff,   dy  mir  verlyhe 

440   Vnd  al  myn  sond  da  mit  vertzyhe ! 

Von  der  onküscheit. 

IVTach  dysser  sond  hy  für  gelesen 
-^  ^  Byn  ich  liplich  onkusch  ge- 
wesen 
Mit  grosser  wollust  vnd  begyr, 
On  vberfluss  des  nachtz  von  myr 
445  In  mynem  slaff  das  myr  ted  wol, 
Onkuscher  wort  myn  hertz  wass 

vol, 

Mit  tasten  küssen  vnd  vmbfanghen 

Hon    ich    gar   swerlich    sond   be- 

ganghen 

Vss  lyb   der  onküscheit  alleyn : 

450   Vnd   wan    ich    schon    das    werck 

gemeyn 
Nach  mynem  willen  nit  volbrocht, 
So  wart  es  doch  von  mir  bedocht 
Mit  dem  gemiit,  da  von  für  allen 
Myn  hertz  in  nam  eyn  wolgefallen. 
455   Durch   onkusch  hon  myn  ee  tzer- 

stort, 
Geistlich  personen  weg  gefort, 


142 


K.  V.  BAHDER 


Tzu   mencher  iuncfrawn  byn  ge- 

komen, 

Der  ich  dan  hab  yr  eer  genomen, 

Myn    eyghen    mog    beymlich    on 

schal 
460   Durch   onkusch  hab  gebrocht  tzu 

val. 
Da  myt  wass   es  myr  nit  genog, 
Ich   soeht    auch    eygnen   ongefog 
In   solchem    lust  oflP  fremde  weg 
Ober  natur  bysonder  pfleg, 
465   Das  myr  dan  gab  dem  hertzen  myn 
Frewd  vnd  wolt  des  geromet  syn. 
0   kuscher  reyner  gottis   son 
Ihesu   der  ny  bot  vbels  don, 
Dyn  reynigheit  myn  wustigheit 
470   Hyn  nym   durch  dyne  guttigheit! 
Nit  mich  verlass  also   berüst 
In   solchem    ser  stinkenden  wüst 
Vergeen      schentlichen     tzu     be- 
trachten ! 
Ich  bit  myrgyb  das  tzu  verachten, 
475   Dan  on  dyn  hulff  ich  des  nit  mag, 
Myn    fleisch     vexirt    mich    nacht 
vnd  tag 
Vnd  gant  on  rw  des  werckes  byn. 
Vnd   du  vil  reyne  koninghyn, 
Eyn  eyngher  bron  der  reynigheit, 
480   Erbarm   dich   myn  vs   miltigheit! 
Kern    myr    durch    gnad  tzu   trost 
vnd  stur, 
Off  das    ich   nit   das    heische  für 
Durch  solchen  wüst  mit  schänden 

rot 
Ewig  verdyn  nach  mynem  dot. 
485   Da    von     mich    dan    got    mosse 

schalten 
Der  dan  al  sonder  wil   behalten. 


I; 


Von  hass  vnd  nyt. 

n   hass  vnd  nit  gefallen   byn 

-Myns  nesten,  so  ich  syn  gewyn 

Greluck   vnd  eer  vermercket  hab 

490    (Das  myr  ist  leit  bis  in  myn  grab) 

Vnd     war    ich     sollichs     hindern 

mocht 
Das   ted  ich   bald   on  alle  focht. 


Syn   schad  alleyn  durch  nit  vnd 

hass, 
Wan  ich  den  hört,  myr  freude  wass 

495   Vnd  wan  ich  hört  von  synem  gluck. 
So   wart    myn    hertz    vol    leydes 

druck, 
Ess  treff  auch  an  was  es  dan  wolt, 
So  ducht  mich  ye  das  er  nit  solt 
Tzu  solchem   gluck  geboren  syn, 

500   Hat  er  da  vber  brocht  myr  pyn. 
0   gotlich    lyb    war    warstii  don, 
Don  ich  mym  nesten  solchen  hon 
In  mynem   hertzen  tzu   gefögt 
Vnd  ym  so  ver  ich  mocht  furbögt, 

505    Das  ym  brocht  schaden  hert  vnd 

swer. 
Ach   criste  got  guttigher  her 
In   onsyn  ich   befanghen  wass. 
Ich  byt  dich  solchen  nit  vnd  hass 
In  myr  vertilghe  gantz   vnd  gar, 

510   Dyn  lybe  myr  mach  offenbar 

Tzu   don    mym    nesten  alles   gut 
Durch  dyn  heyligs  rosenfar  blut ! 

Von  ober  essen  vnd  ober 
drincken. 


M 


it  ober  essen  vnd  mit  drincken 
Hab  ich  den  hont  ser  lassen 
hyncken, 
515   Furkomen    duck    den    dorst    vnd 

hongher 
Von  aubegyn  als  ich  noch  iongher 
Dan  itz  von  iarn  gewesen  byn, 
Da  durch  ich  myn  vernufft  ond  syn 
Gekrencket  hab  off  menchen  weg. 
520  Tzu  foUery  wass  myn  beheg. 
Als  tag  ond  nacht  vol  wyn  tzu  syn, 
Das  ich  kum  geen  mocht  nach 
dem  schyn, 
On    kostlich    spyss    von    wurtzen 

heyss, 
Dy  ich  mir  dan  mit  gantzem  flyss 
525  Bereytten  lyss  als  myr  tzu  laste, 
Oft'  das  oiikuscheit  keyn  gebruste 
In  myr  het  sonder  bald  bereytt 
Tzu  dem  werck  syn  mocht  alle  tzijt. 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT. 


143 


Vil  süs  gedrencke  myr  bestalt 
530   Vss  fremden    landen    mannigfalt, 
Als    maluysey    vnd  lutterdranck, 
On    reynfal     den     men     myr    in 
schanck, 
Bastart  potaw  vnd  vyn  de  greck, 
Da  in  ich   dan  hatt  myn  geleck, 
535   Gaskonge  rot  vnd  auch  beon, 
Ciaret  mit  ypocras   gar  schon 
Vnd  bog  geferbt  durch   tornesol, 
Das  myr  ted  ym  mym  hertzen  wol. 
Nit  achtet  menches  armen  men- 
schen, 
540   Des    hend    myt    arbeit    swr    on 

henschen 
Nit  teglich   ym   gewjmnen   mocht 
Diirch  Suren  erbeit  hert  volbrocht 
Des  groben  rucken  brotz  mit  fog 
Für  sich  vnd  syn  husfraw  genog, 
545   Des  glich  der  armen  krancken  lut 
Ellendiglich   der   nymantz   hut, 
Bettresen  alt  beyd  fraw  vnd  man, 
Bresthaftig  vnd  betrübt,   dy  dan 
Alleyn     vss     grosser     kranckheit 
müsten 
550  Mit    laub    yr    eyghen     bett    ver- 
wüsten 
Vnd  da  in  lighen   tag  vnd  nacht 
Alleyn      vss      kranckheit        vnd 
amacht. 
Nit  hab  geachtet  kurtz  noch  lanck 
Wan    ich    mit    lust    so   ass    vnd 
dranck. 
555   Gar  wenig  docht  in  mym  gefallen 
Off  cristus   dranck    gemacht  von 
gallen, 
Als  er  am  holtz  hyng  ombehawen 
Ja  nacket    gantz    für    man    vnd 
frawen. 
Ach  got  myn  her  erbarm  dich  myu  ! 
560   Lass  dyr  myn  seel  befollen   syn! 
So  nu  dy  tzijt  hertzuher  strichet, 
Das  sy  von  mynem  korper  wichet. 

Von  dem  tzorn. 
/^n   orsach  duck  getzornet  hab 
^^Vnd  mynen  nesten  obergab 


565  Vnd  sonderlinghen  myn  gesinde, 
Als  frawen  megde  dar  tzu  kynde 
Vnd  wan  ich  mocht  räch  ich  myn 

tzorn 

Nach    tzijt    vnd    stond  myr    vss- 

erkorn, 

Kleyn     onrecht     gantz     mit     on- 

gedolt 

570  In  keynen  weg  nit  liden  wolt. 
Durch   tzorn  honsprach  duck  hab 

geton 
Dem  hogsten  got  in  hymels  tron, 
On  ander  lut  duck  hogeborn 
Dy     ich     verachtet     durch     myn 

tzorn ; 

575   Ich  swig  der  lute  in  gemeyn 

Dy    ich    durch    honsprach    gross 

vnd  kleyn 

Vernichtet   gar  so  ver  ich  mocht. 

Myn    tzorn    duck    mich    bot  dar 

tzu   brocht, 

Das    ich    an    hob    mit    flyss    tzu 

streben 

580  Tzu  nymen  eynem  lyb  vnd  leben 
Auch  eer  vnd  gut,  was  myn  begyr, 
So  ser  regnyrt  der  tzorn  mit  myr. 
Durch  tzorn  duck  hab  ich  myn 
gesellen 
Geflucht  in  abgront  von  der  hellen. 

585  Nit  weyss  war  vmb  so  jemerlich 
Der  tzorn  so  bot  vmgeben  mich, 
AI  tzijt  vnd  stond  myt  myr  regyrt 
Vnd  byn  doch  gantz  in  ym  veryrt, 
Dan  ich   ken  myn   complexion 

590  Dy  dan  gentzlich  in  warem  won 
Nit  drucken  heyss  naturlich  ist, 
Da  von  dan  tzorn  tzu  aller  frist 
Das  merer  teil  eyn  anfang  hot. 
Wan  es  dan  schon  von  solcher  dat 

595   Vexyret  mich,   so  wiist  ich  rat 
Durch   ertzeny  in  solchem  grat 
Der  solchen    tzorn  myr  refrenyrt, 
In  kelt  vnd  fuchte  bog  probyrt. 
Aber   es  leider  nit  da  von 

600  Myr  armen  kompt  in  warem  won, 
Ess  kompt  von  kelte  got  geklagt, 
(Das  wort  den  ertzten  nit  behagt 


580  nymen  a/as  mymem  coiTigirt, 


599  es]  myr. 


144 


K.  V,  BAHDER 


605 


610 


615 


620 


625 


630 


635 


640 


64i 


Das  ich  yn  doch   beweren  wil) 
Dy  kelt  in  myr  hott  ser  vnd  vil 
Dy  gotlich  lyb  vss  myr  vertryben, 
Da  für  naturlich   keyn  gescryben 
Mag  werden  von   der  ertzeny; 
Alleyn  eyn  krutt  wer  myr  das  by 
Heist  lybe  gotz,  von  solchem  bösen 
Mich  worde  flucs  vnd  bald  erlosen. 
Ach   got  du   allerhogster  artzt, 
Du   der   al   hymel   oben   tzartzt 
Mit  dem  gespreng  der  sternen  dar, 
Mach   myr  das  krutlyn   offenbar ! 
Dan   on  das   krutlyn   obgerort 
Myr  armen  nit  geholffen  wort, 
Dan   mich   gewonheit  bot  bestelt 
Vnd    mich  tzu   tyff  da   in   gefeit, 
Durch  mich  erfarn  tzumencher  zijt 
Mit    iamer    gross    vnd  hertzeleit. 
Dan  wan  ich  solchen  tzorn  antreb, 
Dan  hass  vnd  nit  lang  by  mir  bleib 
Mit  grosser  vmbestymmigheit, 
Als  roffen   schryen  ver  vnd  wyt, 
Da  mit  ich   dan  vil  lut  dy  har 
In   oneynigheit  auch  verwar, 
Nit  den  vertzyg  an  myr  verscholt 
Alleyn   durch   tzornes   ongedolt, 
Durch     tzorn     myn    nesten    duck 
verkurtzt 
Vnd  yn  von  eer  vnd  gut  gesturtzt. 
Wan  ichs   betracht  so  vorcht  ich 

mich, 
Das   ich    so   gar   ommiltiglich 
Myn  tzorn  mich  hab  regyren  lassen. 
Das   ess  tzu  vil  ist  vssermassen. 
Ach  got  nit  rieh  durch  dynen  tzorn ! 
Ich   wer  sus   ewiglich   verlorn. 
Myn  tzorn  myr  sefft  dyn  guttigheit, 
Der  du  bist  vol   tzu   aller  tzijt 
Vnd  wilt  nit  haben   sonders  räch 
Tzu  matten  in  durch  dynen  schach 
Der  ewighen   verdampten  peen, 
Sonder  du   wilt  yn   lassen  geen 
Tzu   besserung  al   syner  sonde. 
0  her  da  in  myn  hertz  ontzonde! 
Off  das   ich   mit   dyn   vsserkorn 
Mog  flyhen  dynen  lasten  tzorn. 
Amen. 


Voutracheit  tzugottisdynst. 

^I^zu  gottis  dynst  bin  ich  gewesen 

*-  Vast  trag  tzu  hörn  vnd   auch 

tzu  lesen, 

Guttad  in  wercken   vnd  mit  wort 

650   Volbrocht  ich  nit  als  myr  gebort. 
Das  böss  das  ich  sus  flyhen  solt. 
Das  selb  altzijt  volbringhen  wolt, 
On   arbeit   mossig  byn  gesessen 
Vnd  also  hab  myn  brot  gegessen, 

655    Trag    byn    ich     in    al    myn    ge- 

schichten 
Vnd  sonderlinghen  itz  tzu  bichten. 
Was    fulheit  off  ym    haben    mag 
Hon   ich   geton   on   wyderslag, 
Duck  onderweghen  hab  gelassen 

660  Myn  büss  wan  ich  so  wart  ver- 
drossen. 
Des  glich  alles  wass  myr  tzu  stont 
Wan  men  das  gottis  wort  verkont 
Oder  das  men  sus  messe  lass. 
In  tracheit  hon  ich  vbermass 

665  Gesondet,      (des    ich    mich     dan 

schäm) 
Gar  selten  in   dy  kyrchen  kam 
Vnd  das   dy  har  treb    alle    tzijt, 
Da  durch  ich  in  gewonheit  wyt 
Gekomen  byn   gar  kummerlich, 

670  Tzu  lassen  sollichs  focht  ich  mich. 
Lang  slaft'byss  off  den  hoghen  tag 
Ja  duck  vmb  nun  syn  myn  vertrag. 
Dy  fulheit  hott  mich  so  durch 
spicket, 
Das  ich  gentzlich  byn  ongeschicket 

675   Tzu   dynen  got  in  enchen  weg, 
Alleyn   da   in  ist  myn  beheg, 
Das  ich   sy  vül  vnd  fressig  mit, 
Dar   tzu  geneigt  syn  al  myn  zijt. 
Gantz    nit    betracht   das   sollichs 

wesen 

680  Nach  mym  bedoncken  vsserlesen 
Mich  wort  vertei'ben  in  den  gront, 
Das  ess  mich  mächt  tzu  aller  stont 
Tzu  allem  gutten  ongeschickt, 
Da  durch  myn  sei  dan  wort  ver- 
strickt 


607  den. 


JOHANN  VON  80EST,  ]^Y  GEMEIN  r.ICIlT. 


145 


G85   Vnd    vest    behafft  in   sontlicheit, 
Das  myr  tzilm  letzteu  hertzeleit 
Vnd  ewig  straffe  brenghen  wort. 
0   reyne  iuncfraw  ontzerstort, 
Erbarm  dich  myn  vnd  bit  für  mich  ! 

G90   Das   ich   nit  also   iemerlich 

In  mynen   sonden   so  verdarb, 
Off  das  ich  nit  wan  ich  gesterb 
In  geen  bedorff  dy  heische  pyn 
Vnd    solche    sond   da  in  beweyn 

695  Ja  ewiglich   vnd  ommerme. 

O  her  für  solchem  strenghen  we 
Dyu  heiligs  blut  wol  mich  be- 
schützen, 
Das  du  host  an  dem  hultzen  stutzen 
Durch  mich  vergossen  miltiglich : 

700  Das  selbig  blut  das  wesche  mich 
Vnd  mach  mich  reyn  von  allen 
sonden, 
Off  das  ich  auch  mit  mog  ver- 
konden 
Nach  dyssen  leben  dynen  lob, 
Dan  dy  verdampten  stum  vnd  dob 

705  Her  dich  tzu  loben  syn   altzijt. 
Dar  vmb   o  her  dyn  guttigheit 
Mich  vsserwel  dich  auch  tzu  loben 
Mit  andern  in  dem  hymel  oben, 
Des     myr     gon     heymlicher     vs- 
gronder 

7  1 0  Der  hertz,   Ihesu,   trost  aller  son- 
der. Amen. 

Von  den  .x.  gebotten  vnd  tzu 

erstvondem  ersten:  hab  got 

lyb  für  allen  dinghen: 

|y  tzehen  gebot  off  menchen 
stetten 

Hab  hert  vnd  swerlich  obertretten 

In  Worten  wercken  vnd  gedencken. 

Tz  um    ersten    hab  ich   durch   ab 

rencken 

715   Der  lybe  gotz  mich  hog  tzerstort. 

In  nit  gelybt  als  myr  gebort, 

Auch  nit  gefocht  noch  angebett 

Als  dan  dem  hogsten  gut  tzu  stett, 

Onhoffnunggantz.auchynnitfocht 

720  Als  mynen  hern  der  mich  dan  mocht 

GERMANIA.     Neue  Reihe.  XXI.  (XXXUl.)  Jahrg. 


D^ 


Verterben  in  eym  oughen  blick. 
Den  alten  tzobern  vil  vnd  dick 
Me  hon  gelaubt  dan  cristus  1er, 
Das  myr  ist  leyt  vnd  rwt  mich  ser. 
725  Wy  ich  dan  so  gesondet  hon. 
Da  für  al  hy  wil  boss  ontpfon, 
Got  byttend  das  er  myr  verlyhe 
War  rw  vnd  leit  vnd  myrvertzyhe. 

Du  soll  den  namen  gottis  nit 

onnützlich     in    dynen     mont 

nemen: 

T\En  namen  gotz  in  mynen  mont 
730    -'-^On  orsach  duck  tzu  mancher 

stont 
Genomen  hab  gar  lyderlich 
Vnd  yn  gesworn  onwirdiglich, 
Auch  ander  lut  so  ver  ich  mocht 
Tzu  solichen  sworen  auch  ge- 
brocht. 
735   Keyn  slechtes  wort  hylt  ich  von 

wert, 
Ess  wer  dan  mit  dem  eyt  bewert. 
Dy  helghe  scryfft  dy  dan  von  got 
Ist  off  gesetzt,  ducht  mich  syn  spot, 
Dy  gotz  gelyder  duck  versworn 
740  Off  dem  spil  wan  ich  hatt  verlorn 
Vnd  al  syn  helghen  auch  da  mj^t. 
Des  ich  dan  itz  genade  bytt 
Vnd  böss  beger  da  vber  vil, 
Dy  ich  dan  gern  volbringhen  wil. 

Das    drit    gebot    du    solt    dy 
helghen  tag  vyren: 

745  ir\j  helghen  tag  hon  nit  gefyrt, 
-'-^ Durch  hoffart  mich  vil  me  ge- 

tzyrt 
Dan  ander  tag  sus  in  dem  ior, 
Tzu  andacht  mich  nit  vmb  eynhor 
Des  helghen  tags  hab  me  gewent, 

750  Sonder  dy  tzijt  vil  me  getrennt 
Von  got  durch  myne  vppigheit, 
Auch  myn  gesind  dy  helghen  tzijt 
Duck  hab  liplich  arbeytten  lassen  : 
Das  myr  dan  leit  ist  vssermossen 

755  Vnd  ist  myr  leit  tzu  aller  frist 
Das   sollichs   myr  nit  leyder  ist. 

10 


146 


K.  V.  BAHDER 


Das  vyrd  gebot  du  solt  vatter 
vnd  mütter  eern: 

lY/f  yn   eitern   liou   ich   nit  geert 
-^^-■-Als  dan  das  vyrd  gebot  mich 

lert, 
Sonder  sy  duck   by  mynem  leben 

760   Gar  stoltziglichen  obergeben, 

Auch   hab  ich  yn  wan  ich   erkant 
Ir  notroft't,   nit   gedon   bystant. 
Des  glichen  auch   wass  ombereyt 
Mynr  motter  in   der   cristenheit 

7 GS  Vnd  ungehorsam  myn  prelatten, 
Dy  ich  dan  ee  hett  lassen  bratten, 
Ee  das  ich  hett  yrn  wiln  geton, 
Den  tzehenden  yn  ontzoghen  hon 
Mit  onrecht  dar  tzu  frefelich : 

7  70  Dy  bosheit  itzont  frisset  mich 
Vnd  myr  beger  da  vber  böss 
Genog  tzu   don   itz  off  dem   föss. 

Das  fuufft  gebot  du  solt  ny- 
niant  toden: 

Wy  wol  ich  nymantz  hab  tzu 
tod 
Liplich   geslaghen  als   dan   hott 
775   Das  filnfft  gebott  in  syner  schritft, 
So  hab  ich  doch  heymlich  gestifft 
In    myr    eyn     sollichs    tzii    vol- 
brenghen, 
So   ver   myr    tzijt  das   word  ver- 
henghen 
Oder    tzum    mynsten    nach    dem 
willen  5 
780   Dar    tzu    ich    dan    myn    eyghen 

pillen 
Lyss  machen  wy  in  Lombardy, 
Dy  dan  eym  menschen  vmb 
eyn  ey 
Vergeben  das  er  sterben  moss  • 
Sus  duck  myt  scharpffen  messern 

bloss 

785   Myn  nesten  swerlich  hab  verwont 

Vnd    yn    verterbt    byss    off   den 

gront, 
Dar  tzu  ym  nam   ommyltiglich 
Syn   tzitlich   häff  geweltiglich, 


Da  von  dan  al  tzu  menchen  iorn 
790  Syn  wybvnd  kynd  vertorben  worn 
On  orsach,  des  dan  iamert  mich 
Vnd  sol  myr  leyt  syn  ewiglich 
Dy  wil  das  ich  das  leben  hon, 
Das  ich  eyn  sollichs  hon  geton 
795  Den  armen  unschuldigen  kynden, 
Dy  sich  dan  mosten  onderwynden 
Ja  honghers   halp  tzu  geen  nach 

brot : 
Des  ich  noch  teglich  werde  rot 
Von  schäm  so  ich  dy  sond  be- 
tracht. 
800  Ich  bytdich  her  dyn  gotlich  macht 
Mich  absoluyr  von  dem  gefert, 
Dan  dy  sond  hot  mich  ser  beswert. 

Das    sest    gebot    du    solt    nit 
vn kusch  syn: 

TTj^N   oberspil   hon   icli  myn  tzijt 
-*-*Versplyssen  swerlich  ver  vnd 

wyt 

805    Mit  mancher  frawen  in   der  ee 
Beyd  off  dem  land  vnd  off  der  zee, 
Duck  hab  gar  manche  grosse  vart 
Volbrocht  bys  das  myr  eyne  wart 
Vnd  wan  sy  myr  nit  werden  mocht, 

810  Dy  ich  durch  solche  reyse  socht, 
So  wart  betrübt  gantz  myn  gemiit. 
0  got  myn  her  durch  dyne  gut 
Verly  myr  boss  vnd  penitentze! 
Mit  ysop  bit  ich  mich  besprentze  ! 

815    So  werd  ich  wysser  dan  eyn  sne, 
Gelich   in  dem   miserere 
Von  dauid  den   bescryben   stot, 
Als   er  syn  ee  gebrochen  hot 
Vnd  wyder  vmb  tzu  rw  vnd  leit 

820  Kam  durch  dyn  milte  guttigheit, 
Dy  du  ym  dy  tzijt  host  verlwen: 
Des   glich   ich   auch  off  das  ver- 

trwen 
Bit  ich   genad  tzu  geben  myr, 
Off  das  ich    myn  erb  nit  verlyr, 

825  Das  du  myr  dan  myn  hogster  trost 
Durch   dynen  tod  erworben  host. 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT. 


147 


Das  sybend  gebot  du  solt  nit 
Stelen: 


M^" 


Stelen  duck    hab    ober- 
tretten 

Vnd    aller     meist     off    helghen 
stetten 
Als  kyrchen  clnsen  onerlobt, 
830  Gar  duck  vnd  vil  schentlich  be- 

robt, 
On  sus  das  ich  gestollen  hab, 
Des  ich  dan  nummer  wyder  gab, 
Mit  dynst  ontrwlich  frw  vnd  sped 
Den  ich  dan  mynem  herren  ted, 
835  In    myner    rechnung    bog    ver- 

loghen 

Myn    fromen    herren    duck    be- 

troghen, 

Für    eyn  .  v .  duck    eyn  .  x .  ge- 

schryben 

Vnd   das    eyn    lang    tzijt    ange- 

tryben, 

Das  geistlich  gut  myt  horu  ver- 

tzert, 

840  Der  armen  gut  tzu  myr  gekert, 

Auch    nit    nach    dem    dan    wart 

erkent 

Am    lesten    hylt  das   testament, 

Das  myr  dan  got  vertzyhen  wol 

Durch  Ihesum   aller  gnaden  vol. 

Das    achtet    gebot:    du    solt 
nit  falsch    getzugnis   geben: 

845  /^Etzugnis  falsch  by  mynem 
^^  leben 

Ober  myn  nesten  duck  gegeben 
Hab  heymlich  dar  tzu  offiglicli, 
Auch  bryff  tzu  scriben  felschiglich 
Om  gelt  vnd  ander  böse  tuck 

850  Mym   nesten   offgelegt  tzu  ruck, 

Syn    eer    tzu    smytzen    war   ich 

mocht. 

Durch   falsch   bewerung  ser  vol- 

brocht: 


Da  von   ich   dan  begere  mich 
Tzu   absoluyren  furderlich, 
855  Des  myr  dan  gon  der  bog  getzyrt 
Der  alle  sonder  absoluyi-t. 


Das  nünde  gebot.  Du  solt  ny- 
raantz  frawen  begeren: 

T^Vrch  hübsch  gestalt  an  yrem 
^-^  lyb 

Hon  ich  begert  myns  nesten  wyb, 

On    nonnen    siis    vnd    auch    be- 

gynen, 

860  Dy  ich  dan  al  myr  tzu  erscbynen 
In  dem  onkuschen  werck  begert, 
Dar  nach  gerytten  wyt  tzu  pfert 
Sy  an  tzu  sprechen  vnd  tzu  sehen. 
Wy  dan  eyn  soUichs  ist  geschehen 

865  Von  myr  dy  tzijt,  das  rwet  mich 
Vnd  sol  myr  leit  syn   ewiglich. 


Das  tzehende  gebot,    du  solt 
nymantz  gut  begern: 

yns     nesten    gut    hon    ich 
begert 

Als   ecker  wyse  bog  von  wert 
Vnd  al  myn  list  des  halp  für  want 
870  Byss   ich   das  brocht  tzu  myner 

hant 

Als  myt  betrog  vnd  mit  gewalt. 

Wy  ich  dan  vynden  mocht  gestalt 

Da  durch  ich   soUichs   oberkem, 

Das  wass  myr  alsam    angenem. 

875  Duck  hab  durch  mynen  bösen  lun 

Orsach  gebrochen  von  eym  tzun 

Oft'  das  myr  word  des  armen  gut. 

0   her   myr   solchen   obermut 

Vertzy    durch    dyn    vil    heiligs 

lyden ! 

880  Dy  sond  wil  furbas  al  tzijt  myden 

Durch   dyne  hulft'  der  ich  beger 

Itzont  von  grond  myns  hertzen 

ser. 


M^ 


827  hab  fehlt. 


869  lust. 


10^ 


148 


K.  V.  BAHDER 


Von    sonden    in    geraeyn    des 
gantzen  libs: 

Xj^Vrbas  gesont  hon  in  gemeyn 

Mit  myn  gelydern   gross  vnd 

kleyn: 

885  Mit  mynem   hobt  nit  hon  geton 

Myn   obern   eer  vnd  yn  tzu  hön 

Myn  hals  nit  hab  tzix  mencher  tzijt 

Gebogt  tzu   der  gehorsamheit, 

Tzu  bösen  dinghen  vss  gestreckt 

890  Myn  oren  duck  das  mich  befleckt, 

Des  glich   myn   oughen  vss   ge- 

breyt 

Tzu  aller  weide  vppigheit, 

Myn  näs  tzu  dem   geroche  kart, 

Da  von  ich  dan  noch  böser  wart, 

895  Durch     mynen    mont    gar    duck 

verloghen 

Myn    nüsten    hab     vnd    yn    be- 

troghen, 

Des  glich   myn   tzoug  mit  allem 

wesen 

Feischlichen  federn  hab  gelesen, 

Myn  keel  gar  duck  me  dan  ich  solt 

900  Mit  suffen  fressen  oberfolt, 

Myn   hend  wer  schand  für  yder- 

man 

Tzu  hörn  das  sy  duck  gryften  an, 

Myn  buch  duck  wyder  dy  gebot 

Gefrilt  hon  dick   on  alle  not, 

905  Den  lenden  myn  hon  ich  begert 

Onkuschenlust  myr  bog  von  wert, 

Tzu  eern  myn  knw  obal  erhogt, 

Mym  got  vnd  obern  nit  gebogt, 

Tzu     blutvergyssung     vnd    bul- 

schafft 

910  LyÜ'en    myn    füss     vss    gautzer 

krafft. 
Wy  ich  mich  dan  so  vs  gemessen 
Durch  myn  gelyder  hab  ver- 
gessen, 
So  ist  myrs  leit  vnd  rwet  mich 
Vnd  bit  dich  got  von  hymelrich 
915  Myr  armen  wol  genedig  syn 
Durch   dyne   smertz  vnd  helghe 

Dy  du  durch   mich   gelitten  host 
Vnd  von  dem  ewighen  tod  erlost. 


Von 


920 


925 


930 


935 


940 


945 


950 


955 


den     ses     wercken     der 
barmhertzigheit: 

TP|y  wercke  der  barmhertzigheit 
■*-    Hai)   ny  volfort,   das  myr  ist 

leit: 
Dem  honrighen  gab  nit  tzu  essen, 
Den    dorstighen    auch   hab  ver- 
gessen 
Vndnitgedrenckt  nach  synernot. 
Dem  fi-omden   nit  iierberg  bot 
In   synem   eilend   wan   er  kam, 
Dy  armen  krancken  lut  vnd  lam 
Nit  visytirt   nach   dem   ich   solt, 
Den  nackten  ich  nitkleyden  wolt, 
Dy  arm  gefanghen  gantz  on  trost 
Durch   myne   hultfe  nit  erlost, 
Dy  toden  nit  hab  helffen  graben. 
Sus  geistlichen:  wolt  ny  gelaben 
Als   ongelert  dy  groben   leyen 
In  konst  yrs  heils   sy  ichtz    tzu 
heyen, 
Da  durch  sy  oif  den  rechten  weg 
Gekomen  wern  durch  lichte  pfleg 
In  myr  vnd  auch  in  in  tzu  vassen, 
Das   ich  dan  nit  ted  durch  ver- 
lassen. 
Den    armen    luten   ny  keyn  rät 
Gegeben  hon  wan  men  mich  bat, 
Vss   lyb   hon  den  veryrten  nit 
Gestrafft  als  dan  lert  cristlich  zijt, 
Betrübte  lut  hon  nit  getrost, 
Den  dy  myt  myr  hatten  geböst 
Hab  nit  vertzighen  gantz  vnd  gar 
Als  mich  dan  Cristus  lert  gar  klar, 
Onrecht  das  men  myr  bot  geton 
Nit  mit  gedolt  gelitten  hon, 
Dy  seel  eilend  in  pyn  der  ketten 
Da  hab  ich  got  nit  für  gebetten, 
Myn   luten  myr  arbeit  geton 
Hab   ich  verhalten  yren  Ion. 
Got  myr  verly  dy  sond  tzu  bössen, 
Das     sy    mich     furbas     nimmer 
mössen 
Besitzen,   myuer  sei  tzu  trost, 
Des  myr  maria  ombemöst 
Dy  reine   juncfraw    gönnen   wol 
Myt  yrem   lybsten   filiol ' 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT. 


149 


Von     den     tz  wollt     ar  tick  ein 
des  gelaubens: 
"S~\I  tzwolff  artickel  im  geloben, 

960   -"-^Da   dan  des  menschen  heil 
steit  oben, 
Nit  hab  gelobet  festiglich, 
Als  dan  eyn   solt.  der  cristiglich 
S3^n   leben   dan  volenden  wil : 
Getzwifelt  hab  ich  duck  vnd  vil 

965  Itzont  an  dysem  dan  an  dem, 
Des  ich  mich  dan  von  hertzen 
schem, 
Den  glauben  uy  beschirmet  hon, 
Als  ich  dy  ketzer  hört  da  von 
Vnd  wyder  reden  gantz  mit 
macht, 

970  Vil  meyu  tzu  hört  vnd  nam  acht 
Ir  argument  dy  myr  für  vol 
Von  gantzem  hertzen  datten  wol. 
0  got  myn  her  der  al  ding  kent, 
Ich   byt  behalt  das   Fundament 

975  Für  allen  dinghen  her  in  myr, 
Dan  wan  ich  das  in  myr  verlyr, 
So  ist  ess  geutzlich  myt  myr  vss  ; 
Ee  wil  ich  vallen  dyr  tzu  fuss 
Vnd  dich   an  rotten  vestiglich, 

980  Das  du  mych  her  barmhertziglich 
In  dym  geloben  machest  starck, 
Dan  der  gelaub  der  ist  das  marck, 
In  welchem  das  marck  wort  tzer- 

stort 
Der  selbig  nummer  sellig  wort, 

985  Ommoglich  ist  on  den  geloben, 

Das    enuych    mensch    werd    für 

geschoben 

Vnd  gnad  erlangh  von  got  dem 

hern. 
Des  halp  den  glauben  wil  ich  lern 
Für  allen  dinghen  myr  tzu  stiir, 

990  Off  das  ich  nit  dass  heische  für 
Dorff  in  geen  myt  betrübtem  mCit. 
Des  myr  got  gun  das  hogste  gut ! 


995  Des  halp  mich  da  in  hab  versont. 
Tzum  ersten  hab  mynsel  verwont 
In  mynem  toff,  in  dem  ich  solt 
Verleuchent  haben  vnd  abholt 
Tzu  syn  der  pompen  disser  weit 
1000  Vnd  auch  des  tuffeis  onuerhelt. 
Durch  focht  myns  libes  vnd  durch 

pyii 

Verswighen  hab  den  glauben  myn, 
Nit  hab  geert  am  mynsten  grat 
Nach  dem  ich  solt  den  eichen  stat, 

1005  Myn  orden  ich   onwirdiglich 

Ontfangen  hab,   das  rwet  mich, 
Almosen  vasten  betten  nye 
Getreben  hab   in  wercken  ye, 
Montliche  bicht  hon  ny  beganghen 

1010  Auch    nit    das    sacrament    ont- 

pfanghen. 
Das   mj-r  vertzy  der  ewig  got 
Der  alle  ding  geschaffen  hott. 


G" 


Vonden  syben  sacramenten. 
kl  syben  helghen  sacrament 
Dy  hon  ich  byss  her  ny  erkent. 


d: 


Von    den   drey    hobt    toghent 
vnd  .iiij.  anghel    toghent. 

.Esont    hon    ich  von    myner 
ioghent 

Swerlich  wyder  dy  syben  toghent : 

1015  Nit  woren   glauben  hab   gehebt. 

Auch   hoffnung   myr  ny  hert  an 

klebt, 

Dy  gotlich  lyb  vnd  auch   myns 

nestcn 

Hott  vil  gehebt  in  myr  gebresten, 

Nit  wyslichen  für  hyn  beti-acht 

1020  Das   werck  tzu  don  das  ich  vol- 

bracht; 
Nit  starckmutig    byn   obermass, 
Dan  ich  mich  bald  ontrusten  lass, 
Nit  altzijt  blyb   getemperyrt 
Tzu  werffen  ab  lustig  begyrt, 
1025  Gerecht  ich  ny  gewesen  byn 

In  mynem  hertzen  gmüt  vnd  syn, 
Altzijt  myn  nutz  durch  werck 
vnd  wort 
Hon  me  gesucht  dan  myr  gebort. 
Das  mich  dan  rwt  vnd  ist  myr  leit 
1030  In  hertzelicher  bitterheit. 


985  on  an. 


1001   libes /eM. 


150 


K.  V,  BAHDER 


D' 


Von     den     syben    gaben     des 
heiig hen  geistes: 

^Es    heilghen     geistes    gäbe 
syben 

Hab  ich  myt  wercken  ny  getryben : 

Keyn  wysheit  ny  tzu  gottis   eer 

Getryben  hab,   das  myr  ist  swer, 

1035  Dy  heische  pyn  durch  myn  ver- 

stant 
Ny  hab  ertrachtet  noch  erkant, 
Keyn  gutten  rat  kan  ich  ertzelen 
Von  myr  das  beste  tzu  erwelen, 
Keyn  konst  vynd  ich  mich  tzu 
probyrn 
1040  Vnd   auch  mich  selbs  mocht  nyt 

regyrn, 
Altzijt  nit  starck  werd  ich  erkant 
Tzu  don  dem  bösen  wyderstant, 
Nit  mylt  bin  ich,  dar  tzu  on  focht 
Byss  her  myn  leben  hon  volbrocht. 
1045  Das  myr  ist  leit  myt  grosser  klag 
Vnd  sei  myr  leit  syn  al  myn  tag. 

Von  den  tzwolfffrüchten  des 
heilghen  geistes: 

DI  tzwolff  des  heilghen  geistes 
fr  u  cht 
Hon    ich    myt    wercken   ny  vol- 
brocht: 
Von  lyb   vnd    freud    myn    hertz 
was  wyt 
1050  In  gottis   dynst  tzu  aller  tzijt, 
Durch  onfryd  vnd  durch  ongedolt 
Hon  ich  dy  helle  duck  verscholt, 
Nit  langinodig  vnd  auch  nit  gut 
Byn  ich   gewesen  oberblt, 
1 055  Auch  hattich  gantz  keyn  guttigheit 
Tzu  mynem  nesten,  ist  myr  leit, 
(Das  dan  off  ym  hot  onderscheit 
Tzu  sprechen  gut  vnd  guttigheit: 
Das   erste,   gut,  heyst  bonitas, 
1060  Guttigheit  ist  benignitas) 

Dy  tzucht  hon  in  den  zytten  myn 

Vnd    kleydern     auch     geachtet 

kleyn, 


Auch  nyt  safftmodig  byn  gewesen 
In  dinghen   myr  on   vsserlesen, 

1065  Dy  warheit  vnd  demltigheit 
Syn   altzijt  myr  gewesen  wyt, 
Onthaltung  nach  myner  begyr 
Mit  lutterheit  wass  nit  in  myr. 
Da  in  itz   dan   mit  oughen  nass 

1070  Ich  mich  beken  ie  leng  ye  bass. 

Von    den    acht    seligheytten. 
Tch  armer  dy  acht  seligheit 
-*-Hab  obertretten  ver  vnd  wytt: 
Dy   armot  gantz   myt   ongedolt 
In  mynem  geyst  nyt  haben  wolt, 

107  5  Nit  sefftmodig  in   mynem   syn 
In  wyderstant  gewesen  byn, 
Myn  sond,  als  leyder  wol  erschynt, 
Für  dysser  tzijt  hab  ny  beweynt, 
Auch  mich  ny  hab  dar  tzu  gegeben 

1080  Wy  ich  mocht  forn  eyn  rechtes 

leben, 
Erbarmung  myr  ny  hab  ertzogt 
Oder  eym  andern  tzu  gefogt. 
Mit  reynemi^hertzen  vmbefleckt 
Hab  ny  gelebt,  das  mich  er- 
schreckt, 

1085  Nit  ft-ydsem   ich  gewesen  byn, 
Altzijt  wolt  ich   hon  mynen  syn 
Da  durch  dan  duck   oneynigheit 
Ontspranck  myt  grossem  hertze- 

leit, 

Das    böss   da  ich   mit    wart  be- 

strytten 

1090  Vmb  gottis  wiln  ny  hab  gelytten. 
Sonder  so  ver  vnd  waii  ich  mocht 
Da  vber  altzijt  räche  socht. 
Wy  ich  dan  mich  durch  hog 
beswern 
Vergessen  hab  für  got  dem  hern 

1095  Off  alle  weg  itz  obgemelt, 
Gebichtet  oder  onertzelt, 
Onwislich    wislich   wy   das   wer, 
Auch  slaft'end  wachend   ongefer, 
In     dencken      werten      vnd     yn 
wercken, 

1100  Wy  dan  eyn  mensch  mocht  sond 

gemercken, 


1040  myt. 


1078  tzijt  fehlt. 


JOHANN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT. 


151 


Da  ich  got  mit  ertzornet  hett: 
So  gyb  ich  mich  itz  vest  vnd  stett 
Schuldig  vnd  bit  genad  da  für 
Von  Cristo  der  dan  mich  gar  twr 
1105  Mit  synem  lyden  hot  betzalt, 
Vil  me  dan  ny  keyn  richtümb  galt 
Hot  er  vmb  mich  gegeben  bar, 
Syn  gut  er  nit  alleyn  gab  dar, 
Auch  synen  lyp  der  dan  tzu  tzert 
1110  Durch  mich  wart  vnd  gentzlich 

verwert, 
So  das  keyn  ader  gross  noch  kleyn 
Dy  tzijt  bleb  sten  da  sy  solt  syn, 
Keynbeyn  bleb  steninsynerstat. 
0  Criste  wy  warstu  so  mat 
1115  Dy  tzijt  don  das  durch  mich  ge- 

schag 
Off  fritag  für  den   ostertag! 
Du  lemlyn  aller  guttigheit, 
Wy  mocht  doch  grosser  hertzeleit 
Eyn  mensch  ertachtendem  gelich 
1120  In   smertzen  also   bitterlich! 

Ommoglich  das  ist  tzu  erdencken : 
Keyn  menschen  mocht  men  me 
gekrencken, 
Dan  gottis   son  gekrencket  wart 
An   synem  reynen  lybe  tzart, 
1125  Dan  er  wass  von  der  besten  art, 
Des  halp  wass  ym  tzu  lyden  hart 
Vil  me  dan  enchem  andern  man. 
0   her  wy  ser  dyn  lybe  bran 
Dy  tzijt  als  du  dich  so  für  mich 
1130  Tzu  tzerren  lyssest  iemerlich, 
Off  das   du  her  dy  sele   myn 
Behyltest  für  der  heischen  pyn ! 
Tzu  wydergeltung  wass  hon  ich 
Her  dyr  geton  berichte  mich ! 
1135  Ich  hab   tzu  wydergeltung  dyr 
Her  dyn  gebott  durch   alle  vyr 
Gebrochen  duck  vnd  mannigfalt 
Von  ioghent  off  byss  ich  byn  alt 
Geworden  also  lesterlich, 
1140  Das    ny  keyn    mensch    det    des 

gelich. 
Ach  guttigher  got  myn  erbarm, 
Merck  das  ich  byn  geboren  arm 
Vnd  gantz  on  dich  keyn  stur 
nit  habe, 
Mich  armen  sonder  bit  ich  labe. 


1145  Off  das  ich  armer  nit  ersticke. 
O  hogster  artzet  mich  erquicke ! 
Gyb  myr  in  her  dyn  bezoar, 
Ich  werd  anders  vergeen  dy  har. 
Keyn  artzet  sus  off  dyssen  tag 
1150  Anders  dan  du  myr  helffen  mag. 
Durch  dyn  grundlöss  barm- 
hertzigheit 
Bit  ich  dich  her  tzu  disser  tzijt^ 
Mich  wesch  von  mynen   sonden 

reyn 
Itzünt  gebychtet  in  gemeyn. 
1155  Dyn  heilghen  geist  bit  ich  myr 

sende 

Tzu  ledghen  mich  durch  prysters 

hende 

Von  al   myn  sonden  ye  geton. 

Des  helff  myr  Ihesu  gottis   son, 

lubrünstigher  guttigher  got 

1160  Durch  dyn  helghen  funff  wonden 

rot!    Amen. 

Der    besloss    dysses    buche s, 

'er  sy  dyr   in  der  ewigheit 
Almechtighe  driueltigheit, 
Got  vatter  son  vnd  hilgher  geist, 
Personen   drey  in   eynem  leist, 

1165  Das  du  lohannen  mich  von  Söst 
Tzu  dissem  werck  gewyrdigt  höst 
In  rym  tzu   setzen   disse  bicht 
Für  mynem  end,  da  vss  dan  licht 
Iglicher  mensch  mag  bichten  lern, 

1 170  Got  dyr  tzu  lob  vnd  auch  tzu  eern. 
Ich  bit  dich  durch  dyn  gotlichs 
wesen, 
Gyb  al  den  dy  hy  inne  lesen 
AI  yrer  sond  war  rw  vnd  leit. 
Mit  gantzem  fursatz   alle  tzijt 

1175  Nit  me  tzu  sonden  wyder  dich, 
Got  dyr  tzu   loben   ewiglich. 
Mich  armen  blöden  sonder  swach 
Des  gutten  bit  teilhaft"tig  mach, 
Tzu  stur  mym  allerhogsten  druck 

1180  Wan  ich  werd  lighen  off  mym  ruck 
In  pyn  vnd  allerhogsten   quäl. 
Von  disser  weit  gentzlich  tzu  möl 
Verlassen  vnd  von  der  natur, 
Wan  myn  sei  vest  mit  arbeit  swr 


E: 


152  K.  V.  BAHDER 

1185  Myn   corper  gern   behalten  wolt  Dar  tzu  hyltf  myr  vnd  yderman 

Vnd  mos  yn  doch  mit  ongedolt  Oristus  der  her,   der  ons  gewan 

Verlassen  vnd  hyn  varn  von  ym  1195  In  blodighcm   syns   sweisses   rot 

Entwer    tzu  der  gruslichen  stym  Vnd  durch  syn   hylghen  bittern 

Lutend :   gee  in   das   ewig  für  dot, 

1190  Oder  kom  her  du  sele  twr  Der  ewiglich  tzu  aller  tzijt 

Mit  myr  besitzen  ewiglich  Von    ons    möss    syn  gebenedyt. 

Mit  freuden   mynes  vatter  rieh.  Amen. 

Scriptum  et  completum  feria  quinta  post  dominicam  reminiscere.  Anno  1483. 

Anmerkungen. 

23  (jentslichen  für  vol,  Flickworte  zur  Reimgcwinnung  vgl.  V.  64. 
971  und  Fichards  Archiv  1,  90.  125  genslich  für  fol,  126  ganü'  für  vol. 
37  „Das  Bild  von  der  gespannten  Saite  verräth  den  Musiker"  Pfaff  S.  254. 
52  ohgerort,  Flickwort  vgl.  615  und  Archiv  1,  86.  So  auch  oberal  82. 
tzu  gegJien  302.  ohgemelt  346.  in  lioglier  aclit  405.  in  warem  tvon  590. 
600.  so  usgemessen  911.  onuerhcU  1000.  obcrmass  1021.  ohcrliU  1054. 
on    vsscrlcsen    1064.     dij    har   1148.  56  sefften    (auch  637.    1063.   75), 

vielleicht  Mischform  aus  scnften  und  ndl.  sccJden  vgl.  vernufft  518.  ver- 
noß'i  Archiv   1,   94.    118.  59   r?/M7/r  „Strom".    In   der  Bedeutung  'Gegend' , 

auch  rein  umschreibend,   kommt  ryuyr  oft  in  der  Biogr.   vor. 

75  Andreas  beginnt:  Quoniam  omni  Confitenti  necessarium  est  haue 
generalem  confessionem  clebere  facerc  ciiius  tanta  est  virtus  secunduni 
Magisirum  sententiarum  U.  IV.  clisti.  XXll  c.  V  qtiod  innumerahilia  veni- 
alla  pcccata  delet  etc.  Die  hier  citirte  Schrift  des  Petrus  Lombardus  wird 
in   den  Beichtschriften  außerordentlich   oft  erwähnt.  85  prohijrcn  "^prüfen 

vgl.  598  in  kelt  vnd  fuchte  liog  prohiirt,  1039  heyn  Jconst  vind  ich  mich 
tzu  x)rohyrn  und  Archiv  1,  77  mit  tugeiit  auf  das  höchst  prohyrt  1,  97 
und  Jcont  myn  Jconst  warlich  probyrn.  86  cordijren  leite  ich  vom  frz. 
cordeau  '^Meßschnur,  Absteckleine'  ab,  also  "^berichtigen'.  89  Im  Beicht- 
biichlein,  München  1488,  heißt  es  S.  4  „so  er  (der  Büßer)  zu  dem  beichtiger 
komptf  so  sol  er  demutiglich  für  in  linyen  vnd  sol  sich  mit  genaigten 
haubt  zu  im  fugen  an  ain  Seiten  vnd  sol  also  anfuhen:  Ich  beJcen  got 
vnd  der  heiligen  juneJcfrawcn  Maria  vnd  allen  heiligen  vnd  euch  priester 
vnd  ich  gib  mich  schuldig,  das  ich  gesunndct  hab  mit  gedenclcen  worten 
vnd  wercJcen  oder  mit  versaumnus  guter  wercJc  (mein  schuld):  das  ist  die 
gemain  offenbar  schuld,  di  di  priester  vor  dem  altar  sprechen,  ee  sy  meß 
lesen  vnd  die  sol  auch  eyn  yeglich  mensch  ^  er  sei  geistlich  oder  'weltlich, 
sprechen  als  offt  er  beichtet,  am  anfang  der  beicht  vnd  am  ende  vnd  wenn 
er  die  gespirochen  hat,  so  sol  er  dan  anfallen  vnd  mit  sunderheit  sagen 
was  er  getan  hab  etc.''''  Nach  dem  jetzt  geltenden  Eituell  kniet  der  Büßer 
vor  dem  Beichtstuhl  demuthsvoll  nieder,  verneigt  sich  und  spricht  den  Priester 
um  seinen  Segen  an.  Der  Beichtvater  antwortet:  dominus  sit  in  corde  tuo 
et  in  labiis  tuis  ut  digne  et  competenter  confitearis  omnia  peccata  tua  in 
nomine  Patris  et  Filii  et  Spnritus  sancti.  Amen.  Darauf  wird  vom  Büßer 
die  offene  Schuld  gesprochen   (Iluogek,  Kathol.  Liturgik   3,   373). 

101  Hasak,  Der  christliche  Glaube.  (Regensburg  1868  theilt  1)  S.  225 
eine   Ordnung   der   bieht   mit,    die  viele  Übereinstimmungen    mit  den  beiden 


JOHANN  A^ON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT.  153 

ersten  Theilen  von  Johanns  Gedicht  zeigt.  S.  229.  Der  mensch  sdl  sich  be- 
kennen, das  er  syn  äugen  nit  behütet  hat  vor  vnschamhafftigem  gesicht  vnd 
rersuntlichen  dingen,  dann  loas  dem  mensch  nit  synipt  zu  begeren,  das 
zympt  auch  ime  nit  zu  sehen,  als  spilen  stechen  dantzen.  Weber,  Bam- 
berger  Beichtbücher  S.  66.  Peicht  ob  du  gesehen  hast  schentliche  dincJc  an 
dem  menschen,  an  vihc,  mit  gehest  deines  hertzen  vnd  den  andern  nesten 
dauon  gesagt  vnd  ob  du  tantz  mit  mer  fleis  gesehen  hast,  dann  gotz  dinst. 
Hastu  —  betoeint  dein  sund,  die  marter  oder  tounden  gotes,  damit  er  dich 
erlöst  hat.  Hastu  in  der  Jcirchen  lieber  schon  fraiven  gesehen,  tvenn  gotz 
dinst.  Hastu  icht  getvincJcet  oder  zccichen  geben  mit  den  äugen  in  pöser 
meynung.     111   begeben'^  muß  hier  "^ ausführen    bedeuten, 

145  Hasak  S.  229.  Item  da  der  mensch  syn  oren  nit  hat  behütet 
sunder  gehöret  nachreden,  ere  abschnyden,  suntliche  liedcr  singen,  vn- 
keusche  schampere  tvort  geredt  vnd  gehört,  lieber  solliche  loort  gehört  vnd 
mer  lusts  darinn  gehapt  dann  in  guten  dingen,  ist  verbotten  in  disem 
gebott.  Weber  S.  68,  Peicht  ob  du  offt  auf  smacheit,  die  man  von  got 
oder  von  den  heiligen  redt,  gern  gehört  hast,  vnd  pöse  tvort,  pöse  lider 
gern  gehört,  oder  suntliche  dincJc  zcu  erfarn  vnd  vnerlich  wort  oder  toercJc, 
schant  oder  lasier  von  den  leiden  reden.  Vnd  vngcrn  meß  hören  — . 
154  gcleng,  wohl  stn.,  nur  hier  belegt  =  gelange. 

185  Hasak  S.  230.  Item  hat  der  mensch  synen  mundt  nit  behütet 
vor  vberflussigem  tust  der  spysz  vnd  drancJcs  vnd  mer  sorg  gehapt  zu  dem 
liest  vnd  vberflussigheit  vnd  den  tust  mer  gesucht,  dann  die  not  in  allen 
andern  dingen,   ist  toidder  das  gebott.  200  Vgl.  Archiv   1,   103  do  viel 

myn  konst  ganz  oberbort  und   113  durch  weg  dg  leng  und  obertzwerg. 

207  Hasak  S.  230.    Item   hat   er   die   hennde   vszgerecU   zu   sunden 
vnd  zu  gryffen  was  vnzymlich  ist  an  im  selber   oder  andern  personen. 
216  wy  mich  dan  got  dy  sond  volbrocht  weis  schuldig.  Das  Part,  activisch 
wie  951   den  luten  myr  arbeit  getan  ^). 

225  Hasak  R.  229,  Item  das  der  mensch  syn  nasen  nit  hat  behütet 
vor  vberflussigem  lust  des  geruchs  der  kleyder  oder  anderer  ding  vnnd 
arme  personen.  verschmecht  oder  geflohen  vmb  geruchs  ivillen.  Item  hat 
drr  mensch  die  kleyder  ivol  machen  riehen  vsz  hoffart  das  er  dem  men- 
schen vrsach  gcb  zu  suntlichen  dingen  oder  begirden,  sagen  die  lerer,  das 
werden  lichtlich  todsündcn.  230  krol  'Lockenhaar.  DW.  V,  2352.  243 
beheg  (:  weg  auch  V.  520.   676,  Archiv   1,   137),  nur  bei  Johann  =  behage. 

253  Andreas  S.  2,  Primo  peccavi  Cogitatione  quia  carnis  delitias 
gulas  luxurias  seculi  pompas  honores  et  diuitias  habere  cogitaui  et  mul- 
tum  concupiui  ac  turp)ibus  cogitationibus  conscnsi  —  multas  meas  cogita- 
tiones  opere  feeissem  nisi  timor  et  vereeundia  mundi  nie  retraxisset  — 
nee  —  de  die  iuditii  cogitaui  —  vindictas  desideraui.  255  pompcyc 
vgl.  999  pompe  disser  weit. 

275  Andreas:  Secundo  patcr  peccaui  in  Locutione  quia  sepius  supcr- 
fluc  et  inepte  locutus  sunt.  Deum  meum  et  sanctos  iius  btasphemaui  et 
deiim  de  suis  operibus  reprehendi,  peccata  mea  propria  defendi  et  excusaui. 
In  uanum  iuraui  et  meis  proximis  dctraxi  et  murmuraui  eorum  vitam  et 


•)  (?  951  Eisparnnff  des  Relativs.     O,  B.) 


154  K.  V    BAHDER 

opera  sinisfre  mdicaui  et  cos  diffnmaui  —  testimonium  falsum  dixi  — 
biliuguls  fui.  Me  ipsum  laudaui  et  sccreta  reuelaui.  Inäiscretus  fui  — . 
Verba  scurilia  et  turpia  dixi  et  perßdus  in  verbis  extiti.  Verba  dei  tacui 
et  non  docui.  Non  correxi  proximos,  non  monui  —  lingua  —  ad  omnia 
vitiosa  et  vana  verba  laxaui.  '290  Bei  Andreas  steht:  Maioribus  adulatus 
fui  et  cum  verbis  ac  mendatiis  eoruni  amorcm  procuraui.  Johannes  ver- 
band aber  Maioribus  mit  dem  vorausgehenden :  maledixi  et  eos  vituperaui 
et  scandalisaui.  294   Es  wird    hat  =   häte   zu  nehmen    sein   '^in   die  ich 

eingeweiht  war  . 

319  Hasak  S.  232  über  die  Hoffart:  Zum  sechsten  sundct  der  mensch 
in  vberflussiger  sorg  vnd  gedenckt  toie  er  die  hoffart  erzeijg  in  loercken  — . 
Item  hat  der  mensch  gebrucht  köstliche  kleyder  vnnd  hoffertige  gezierde 
des  haupts  in  schleyern  zöpfen,  oder  fariven  angestrichen,  syn  antlit  ge- 
zierd  vnd  soUichs  vsz  hoffart  vnd  vppiger  ere  gethan  etc.  Ähnlich  Weber 
S.   59.  326   hces   s.   Lexer  u.   haeze.     Das  Wort    ist    nur  im   Alem.   nach- 

gewiesen, war  aber  wohl  auch  im  Pfalz,  bekannt.  328  vertrac  muß  hier 
wie  V.  672  die  Bedeutung  '^Gewohnheit  haben.  330  Von  hier  an  läßt  sich 
Andreas  vergleichen.  Superbiam  enim  commisi  qicia  singulari  excellentia 
aliis  preesse  volui.  —  De  diuitiis  honoribus  ac  genere  et  nobilitate  atque 
corporis  pulchritudine  me  iactaui  et  causa  ipsorum  aliis  dominari  volui. 
347  myn  gebrech  myner  figuren.  Johann  war  einäugig,  vgl.  in  der  Bio- 
graphie (Archiv  1,  86)  die  Erzählung,  wie  ihm  das  linke  Auge  durch  heißes 
Öl  verbrüht  wird.  —  Da  sieJi  beschenien  =  Schemen  ist  (wie  346  bespotten 
z=:  spotten),  so  müßte  eigentlich  der  Gen.  myns  gebrechs  stehen.  353  fur- 
geben  =.  vergebene,    hier  "^ grundlos'.  357   Das  Folgende    hat  nichts  Ent- 

sprechendes bei  Andreas,  während  sich  bei  Hasak  S.  232  Anklänge  finden. 
Zum  vierden  so  der  mensch  verschmecht,  veraeht  vnd  versumet  etwas  zu 
thun,  das  er  schuldig  vnd  ime  geboiten  ist,  auch  vsz  hoffart  im  hat  zuge- 
schriben  geistlich  oder  natürlich  gab  vsz  synem  verdienst,  vnd  sich  berümet, 
was  er  giits  thut  vnd  sucht  syn  ere  vnd  lob  darinn  vnd  nit  die  ere  gottes.  — 
Zum  funfften  —  das  er  sich  besser  achtet  vnnd  schetzt  dann  ander  luie 
vnd  sollich  auch  begert  vnd  synen  nechsten  verachtet,  auch  straff  vnd  vnder- 
ivysung  vsz  hoffart  verschmecht,  die  ime  not  ist  zu  syner  seien  heyl, 

385  Der  betreffende  Abschnitt  aus  der  Ordnung  der  Bicht  ist  von 
Hasak  nicht  mitgetheilt  worden.  Andreas  bietet  nur  sehr  geringe  Anklänge. 
Item  peccaui  cupiditate  et  auaritia  quia  inordinate  diuitias,  honores, 
pecunias  et  beneficia  concupiui  et  amaui.  lies  alienas  abstuli  et  retinui 
iniuste  et  dissipaui,  parcus  mihi  in  necessariorum  exhibitione  et  proximis 
in  elemosynarum  largitione  fui  etc.  Nachher  werden  u.  a.  Sünden  proxi- 
morum  damna,  vsuras,  ludos  fortuitos  genannt.  Die  Ausführlichkeit,  mit  der 
über  die  Spielsünden  geredet  wird,  läßt  an  ein  Selbstbekenntniß  denken, 
400  also  bar  formelhaft,  vgl.  Sattler,  Teutsche  Orthograjjhey  und  Phraseologey 
S.  108.  405  dy  myn  heswcrt  verstehe  ich  nicht.  Verschrieben  für  da  myt 
hestverfi  408   klickt  wohl  nicht  3.  sg.  praes.   von  kleckcn,   sondern  praet. 

von  dem  DW.  V,  1159  besprochenen  klicken.  416  ivar  halten  =  ivär 
läzen.  417  dab  vgl.  tappe  bei  Lexer.  436  ye  leng  ye  bnss  auch  1070. 
leng  als  Comparativadverb  wie  im  Niederdeutschen.   Vgl.  auch  DW.   6,    162. 

441  Andreas:  Item  peccaui  in  peccato  fornicationis  et  luxurie  quia 
delectationem  et  cogitationem  gute  et  luxurie  corporis,    poUutiones  in  cor- 


JOHANN  VON  S0E8T,  DY  GEMEIN  RICHT.  155 

pore  habui,  verbis  luxuriosis  tadihus  amplexihits  et  oscuUs  et  aliquin 
actibus  inJionestis  muUeres  turpiter  cognovi  et  dilexi  et  si  non  opere 
tarnen  mente,  sie  adiilternim  incestum  raptum  et  peccatum  contra  natu- 
ram  facere  et  exercere  desideraui. 

487  Andreas:  Itetn  peccaui  peccato  Inuidie.  Nani  honorem  et  famam 
(IC  promotionem  proximi  propter  inuidiam  destruere  et  impedire  procuraui. 
et  de  eins  damno  et  infortuniis  gauisus  fui-.  et  de  eins  prosperitate  valde 
dolui  et  ipsum  depressi  in  quantum  potui.  504  furbogen  =  verbüegen 
s.    Lexer. 

513  Andreas:  Item  peccaui  in  peccato  Gide:  quia  Jioram  commedendi 
et  bibendi  sepius  preueni,  sine  site  et  fame  commedi  et  bibi  et  ebrietate 
me   repleui   etc.  514  den   hunt   hincken   lassen  vgl.  DW.  IV,  2,   1914. 

Johann  liebt  derbe,  volksthümliche  Redensarten,  vgl.  noch  V.  626.  766. 
837.  876.  Archiv  1,  116  bcslaglien  auch  mytt  solchem  ysen,  533  bastart 
vgl.  DW.  I,  1151,  Fotaw  (kann  auch  Petaw  gelesen  werden)  Wein  aus 
Poitou?  535    beon,    Wein    aus    Beaune    vgl.     Schulz,     Höfisches    Leben 

1,    299.        537    tornesol  'Sonnenblume'.        540   f.   Wechsel  der  Construction. 

563  Andreas:  Item  peccaui  in  peccato  Ire.  Nam  meis  proximis  et 
subditis  sine  causa  iratus  fui,  propter  \iram  me  vindicaui  et  iniiirias 
illatas  sustinere  nolui,  cum  ira  Deum  meum  blasphemaui,  homines  vitu- 
peraui.  Nocere  proximo  meo  in  persona  et  in  rebus  suis  deliberaui,  ran- 
corem  cordis  seruaui  et  timorem  mentis  pre  ira  habui.  Clamores  feci, 
discordias  seminaui  et  veniam  petentibus  non  peperci.  589  Über  die  Ein- 
wirkung der  "^ Naturen  auf  die  Gemüthsart  vgl.  Hildebrands  Zusammenstellungen 
im  DW.  5,  79  f.  Johann  meint,  der  Zorn  entspringe  bei  ihm  nicht  aus 
trocken-heißer,  d.  i.  cholerischer  Natur,  sondern  werde  durch  Kälte  veranlaßt, 
nämlich  in  der  Liebe  zu  Gott.  596  in  solchem  grat  vgl.  1003  am  mi/nsten 
grat.  Archiv  1,  99.  132  am  hogsten  grat.  597  refremjrcn  frz.  refrener. 
606  den  Worten  nach  nicht  ganz  verständlich.  Ist  gcscryben  als  Subst. 
=  "^Vorschrift,  Anweisung'  zu  nehmen?  Einen  ähnlichen  Gebrauch  des  Part, 
zeigt  die  Stelle  627  nit  den  verzyg  an  myr  verscholt.  608  ein  Jcriitt  heist 
lybe  gotz  vgl.  Archiv  1,  88  das  kraut  trio  frontschaft.  612  tzartst  =  war- 
test von  zerren,  'zerreißen.  623  vmbestymmigkeit?  schwerlich  zu  gestüeme, 
da  sonst  üe  nicht  durch  y  ausgedrückt  wird.  625  dy  har  verwerren  vgl, 
'die  Haar  zusammenknüpfen'  DW.  IV,  2,  16.  Doch  wird  vielleicht  dy  har 
wie  in  den  Vs.  667,  1148  zu  nehmen  sein  =  'auf  die  Dauer  vgl.  Lexer 
s,  harre.   Sattler,   T.   Phraseologey  S,   237. 

647  Andreas:  Item  peccaui  in  peccato  Accidie.  Nam  bona  que  tenebar 
facere  non  feci  nee  procuraui ,  mala  autem  que  tenebar  fugere  non  fugt, 
sed  plus  ad  illa  cucurri  et  opere  compleui.  Panem  meum  laboribus  non 
quesiui.  Tarclus  ac  longus  ad  confitendum  et  penitendum  de  peccatis  fui, 
penitentiam  mihi  datam.  et  vota  promissa  vel  inchoata  non  compleui,  opus 
dei  neglexi.  Remissus  in  dicendo  officium  diuinum  et  facienda  deo  ser- 
uicia  fui  —  quod  sibi  seruire  vt  tenebar  postmodum  non  potui;  ad  con- 
suetam  vitam  declinaui.  Ähnlich  Hasak  S.  233  Von  Tragkeyt.  Schluß : 
Item  als  dick  vnd  vil  der  mensch  one  redlich  vrsach  pfligt  fulkeit  lybs 
vnd  versumpt  dardurch  die  ding  die  ime  gebotten  syn  zu  thiin,  als  dick 
vnd  vil  sundet  er  dotlichen.  673  durchspicket  vgl.  DW,  II,  1687.  678 
zijt  =^  Sit  steht  auch   942   und  Archiv   1,    138   vgl.  zitten   1061,  zee  806, 


15ß  K.  V.  BAHDER 

G98  stutzen  vgl.  stolze  bei  Lexer.  700  weschen  auch  V.  1153.  Auch  im 
Heidelb.   Pass.  findet  sich   die  Form. 

711  Andreas :  peccaui  —  quia  decem  precepta  dei  mei  trunsgressus 
ful  opere  et  voluntate.  Frimo  deiim  ineum  ex  toto  corde  meo  non  dilexi, 
non  timui ,  nee  adoraui,  nee  firmam  fidem  et  spem  in  ipso  et  de  ipso 
habui  ,  quin  potius  diuinis ,  aiiguriis,  sortilegiis  et  ineantionihus  —  magis 
quod  deo  meo  et  scripturis  fidem  dedi. 

729  Secundo  nomen  dei  in  uanum  assumpsi  per  os  meum  —  sim- 
plici  verbo  credere  nolui  et  per  memhra  dei  periuraui.  Deum  et  sanctos 
eius  negaiii  atque  hlaspliemaui. 

74.5  Tertio  peccaui:  nam  diem  dominieam  et  festiuitates  ecclesie 
cum  orationibus  missis  et  predicationibus  et  elemosinis  non  sanctißcaui  — 
familiam  meam  laborare  feci  —  luxuriosis  actibiis  magis  Ulis  diebus 
festiuis  me  dedi. 

758  Quarta  peccaui:  nam  palrem  et  matrem  meam  corporales  non 
honoraui,  nee  eis  in  necessitatibus  sid)ueni  —  prelatis  spiritualibus  et 
matri  mee  sancte  ecclesie  debitas  reuerentias  non  feci,  nee  eorum  precepta 
et  censuars  curaui  —  decimas  quas  ecclesie  tenebar  dare  non  integre  dedi. 

773  Quinto  peccaui:  nam  proximum  meum  licet  non  actum  tarnen 
animo  et  voluntate  occidere  et  voluntarie  ac  in  persona  ledere  et  in  rebus 
concupiiii,   manus  violentas  in  euin  posui  et  ponere  decreui.  780  Über 

den  muthraaßlichen  Aufenthalt  Johanns  in  Italien  vgl.  Pfaff  S.  153.  Das 
folgende  Bekenntniß  muß  wohl  auf  ein  bestimmtes  Ereigniß  in  Johanns 
Leben  bezogen  werden,  der  eine  jähzornige,  gewaltthätige  Natur  gewesen 
zu   sein  scheint  (Pfaflf  S.    154). 

803  Sexto  peccaui:  nam  mulieres  coniugatas  ad  adulterium  eas  pro- 
uocani  et  in  diver sis  cogitationibus  per  adulterium  me  coinquinaui.  814 
Vgl.  Psal.  4,  9.  Asperges  mc  liyssvpo  et  mundabor:  lavahis  me  et  super 
nivem  dcalbahor.  Auch  in  der  Biographie  (Archiv  1,  99.  102.  121)  wird 
der   Psalter  citirt. 

827  Septimo  peccaui:  nam  res  alienas  iniuste  de  locis  sacris  et  non 
sacris  abstuli  et  officium  ad  recipiendum  bona  piauperum  proeuraui  et  res 
alienas  dominis  suis  non  reddidi.  Patrimonium  erucifixi  non  debile  ex- 
pendi  —  ncc  —  testamenta  adimpleui.  831  Beruht  diese  Ausführung  auf 
einem  Missverständiß  der  Worte  res  alienas  dominis  suis  non  reddidi  oder 
ist  sie  vom  Dichter  eingeschoben  worden?  Für  die  Redensart  ein  x  für  ein  v 
macheu    (vgl.   Germania   13,   270)  erscheint  hier  wohl  der  älteste  Beleg. 

845  Octauo  peccaui:  nam  contra  proximum  meum  ex  malicia 
publice  et  oeculte  falsum  testimonium,  falsas  seripturas,  falsos  testes  contra 
eum  proeuraui  et  dixi  et  eius  vitam  et  mores    quantum   potui  denigraui. 

857  Nono  peccaui:  nam  proximi  mei  vxorem  et  consanguineam  et 
sanctimonialem  desideraui  et  in  eius  pulcritudine  gauisus  fui  et  ad  eam 
videndum  cueurri. 

867  Decimo  peccaui:  nam  vicini  agros  domus  beneficia  et  bona 
mei  proximi  per  dolos  fraudes  violentiam  et  deceptiones  habere  concupiui 
et  contra  eum  causas  iniustas  et  litigiosas  moui.  ^Ib  lün  als  masc.  vgl. 
DW.  VI,  345. 

883  Quinto  pater  peccaui  contra  deum  cum  omnibus  meis  membris 
et  sensibus    mei    corporis.    Nam    cum    meo    capite  deo  et  meis  maioribus 


JOIIANNN  VON  SOEST,  DY  GEMEIN  BICHT.  157 

reuerentiam  'tion  fcci.  Mein  collum  mcum  ad  obecUentiam  incUnare  nolui. 
Item  aures  ad  audiendum  luxuriosa  verha  detractiones  cantus  et  instru- 
menta musicalia  dedi.  Item  oculos  meos  multotiens  eolorihus  deturpaui 
et  impudice  cum  eis  multas  mulieres  ac  plurcs  vanitates  mundo  respexi. 
Item  nares  meas  odorihiis  prouocantibus  ad  vanam  gloriam  et  luxuriam 
ordinaui.  Item  os  nieum  ad  loquendum  mendacia  hlasphemias  et  inncriaS 
deptctaui.  Item  linguam.  mcam  ad  loquendum  suauia  mendacia  ordinaui. 
Item  guttur  nieum  crapula  et  ehrietate  rcpleui.  Item  manibus  meis  aliena 
rapui  et  turpitcr  cum  eis  corpus  meum  et  aliena  membra  mca  ad  genera- 
tionem  deputata  fornicationibus  mactdaui.  Item  ventrem  meum  luxurie  et 
ebrietatibus  dedi.  Item  lumhis  meis  ardorem  libidinis  et  exoptaui  et  ex- 
citaui.  Item  in  corde  meo  varias  cogiiationcs  et  tentationes  habui,  quas 
opere  perfecissem  nisi  timor  mundi  et  hominum  me  abstraxisset.  Item 
genua  mea  deo  meo  et  sanctis  et  maioribus  ac  prelatis  meis  non  flexi. 
Item  cum  pedibus  meis  ad  luxuriandum  furandum  et  sanguinem  fun- 
dendum  cucurri.  Qualitercunquc  ego  cum  aliquo  membro  meo  corporis 
deiim  offendi,  dico  meam  culpam  et  confiteor  deo  et  vobis. 

919  Die  Überschrift  (bei  Andreas  nur  I)e  operibus  misericordie)  steht 
im  Widerspruch  mit  dem  Inhalt,  der  sieben  weltliche  und  acht  geistliche 
Werke  aufzählt.  Die  meisten  Beichtbücher  kennen  indeß  nach  Matth.  25,  35. 
36  nur  sechs  Werke  der  Barmherzigkeit,  vgl.  Mone,  Schauspiele  II,  111, 
Liederbuch  der  Hätzlerin  S.  301,  Der  Seelen  Trost  (Geflfken  45  B.  98), 
Bamberger  Beichtbuch  bei  Weber  S.  83,  Beichtbüchlein  Augsburg  1483 
(Geffken  108),  Heidelberger  Hs.  bei  Bartsch  278  und  296.  Auch  Hugo  von 
S.  Victor  nennt  im  Opusculum  de  quinquc  septenis  die  sieben  Werke  der 
Barmherzigkeit  nicht.  Ebenfalls  sieben  Werke  werden  dagegen  aufgeführt  bei 
Steph.  Lanzkranna  (Geffken  B.  106),  im  Poenitentiarius  (GelFken  B.  188), 
bei  Olivier  Maillard  (Geffken  S.  60).  Nur  bei  Andreas  (Johann  V.  951), 
so  viel  ich  sehe,  wird  die  Gewährung  des  Lohnes  an  die  Dienenden  als 
achtes  geistliches  Werk  aufgeführt  (mereedcm.  luborum  mihi  seruientibus  non 
prebui).  Andere  Beichtschriften  z.  B.  der  Poenitentiarius  erwähnen  die  Vor- 
enthaltung des  Lohnes  als  vierte  rufende  Sünde.  —  Die  Mittheilung  des  latei- 
nischen Textes  unterlasse  ich  hier,  da  sich  Johann  fast  wörtlich  an  denselben 
anschließt.  932  Andreas  hier  nur:  ignorantes  que  sunt  salutes  anime  non 
docui.  944  dy  miß  mgr  hatten  geböst  =  malefacientibus.  949  pyn  der 
ketten  "^Gefangenschaft',  hier  bildlich  für  das  Fegefeuer.  Andreas:  per  salu- 
tationein  animarum  amicorum  et  inimieorum    deum  non  exoraui. 

959  Scptimo  peccaui  quia  12  articulos  fidei  firmiter  non  credidi 
nee  corde  et  ore  ad  eos  iusticiam  professus  fui:  inio  aliquam  circa  ipsos 
et  circa  sacramenta  altaris  duhitaui  et  fidem  veram  et  iustam  cum  bonis 
operibus  sicut  bonus  et  fidelis  christianus  non  habui  nee  contra  infideles 
et  heretieos  fidem  meam  omnino  defendi  et  predieaui,  imo  errantes  ar- 
guentes  contra  fidem  libenter  audiui. 

1007  Bei  Andreas:  penitentiam  pro  meis  peecatis  et  ieiunia  orationes 
et  elemosinas  mihi  iniunctas  non  feei.  Die  letzte  Ölung  bleibt  auch  bei 
ihm  unerwähnt. 

1013  Bei  Andreas  werden  als  theologische  Tugenden  aufgezählt:  vera 
Christi  fides,  certa  spes,  charitas,  j)rudentia,  fortitudo,  temperantia,  iustieia. 


158  BERNH.  WYSS,  ZU  STEINMAR. 

1031  Bei  Andreas:  sapientia  ad  diuina  contemplanda  —  intellectus 
ad  nouissima  mortis  mee  et  penas  inferni  et  diem  iudicii  considerandiim  — 
consilium  ad  honum  eligendum  —  scientia  ad  nie  ipsum  et  facta  mea 
recognoscendum  —  fortitudo  ad  tentationihus  et  trihulationihus  ac  malis 
cogitationibus  rcsistendum  —  timor  dei. 

1047  Bei  Andreas:  cJiaritas  —  gaudium  in  dei  seruitio  —  pax  cum 
proximo  —  patientia  —  longanimitas  —  bonitas  —  henignitas  — •  mo- 
destia  in  gestu  et  habitu  ac  operibus  meis  —  mansuetudo  —  humilitas  — 
veritas  —  continentia. 

1071  Bei  Andreas:  paupertatem  voluntariam  cum  spirituali  intentione 
non  habiii  —  mitis  et  mansuetus  in  persecutionibus  et  iniuriis  mihi  illatis 
non  extiti  —  peccata  mea  non  defleui  —  iuste  vivere  non  studui  —  mihi 
misericors  et  aliis  non  fui  —  mundo  corde  quo  ad  deum  et  ad  proximum 
per  bona  exempla  non  vixi  —  pacificus  non  fui  sed  propter  ambitionem 
beneficiorum  et  bonorum  discordias  seminaui  —  non  propter  Christum  per- 
secutiones  et  malcdictiones  hominum  sustinui  sed  quando  potui  me  vindicaui. 

1093  Schluß  der  Beichte:  quandocunque  qualitercunque  ego  infelix 
peccator  peccaui  contra  octo  beatitudines  et  contra  omnia  predicta  et  sin- 
gula  et  eorum.  circumstantiis  scientcr  vel  ignoranter,  dormiendo  vel  vigi- 
lando,  reddo  me  deo  culpabilem-  et  dico  meam  culpam  et  peto  a  deo  meo 
indulgentiam  et  a  vobis  patre  absolutionem  et  penitentiani. 

1136  durch  alle  ryr  steht  hier  jedenfalls  formelhaft  '^auf  alle  mögliche 
Weise'.  1147  bezoar  '^ein  Stein  also  genant  von  dem  hebreischen  Bezim 
so  ein  Ey  bedeut,  denn  er  wie  ein  Ey  formirt  ist  und  Schelifen  hat  wie  ein 
Ay  oder  Zwibel.  Etliche  derivirens  von  Bei  und  zaar  q.  behizaar.  Bei  ist 
ein  Chaldeisch  Wort,  bedeutend  ein  Herren,  zaar  ein  Grifft,  bedeut  also 
ein  Herren  des  Giffts.  Dannenher  alle  Gifft  treibende  Artzneien  Bezoardica 
genennet  werden ,  hat  aber  sonsten  auch  herrliche  Tugent  wider  allerley 
Kranckheit'.  Henisch,   Teutsche   Sprach  und  Weißheit   S.    365. 

1189   Mattb.  25,   34.   41. 

LEIPZIG,  1887.  K.  v.  BAHDER. 


ZU  STEINMAR. 


Zu  Steinmar,  Schweiz.  Minnes.  S.  171,  Vers  24,  25: 
gense  htiener  vogel  swin 
dermel  pfäwen  sunt  da  sin, 
merkt  Bartsch    zu  dermel  an:    Gedärme,  Darmwurst.    Nun  heißt  aber 
im  Dialekte  meiner  Heimat  (Kanton  Solothurn)  und  in  den  umliegen- 
den Kantonen  heute  noch  das  Wiesel  aligemein  Därmli,  jedenfalls  wegen 
seiner  dünnen,  langgestreckten  Gestalt.  Ob  als  besonderer  Leckerbissen 
in  obiger  leckern  Speisekarte  das  Wiesel  wirklich  gemeint  sein  könnte, 
das  freilich  wage  ich  nicht  zu  entscheiden,  obwohl  es  vielleicht  besser 
in  die  Reihenfolge  passte,  als  eine  alltägliche  Darmwurst! 

ZÜRICH.  BERNHARD  WYSS,  cand.  phil. 


K.  EULING,  HANDSCHRIFT   1590  DER  LEIPZIGER  UNIV.-BIBLIOTHEK.        159 

HANDSCHRIFT   1590   DER  LEIPZIGER  UNIVER- 
SITÄTSBIBLIOTHEK. 


Im  Anschluß  an  das  in  meinen  Priameln  S.  9  über  diese  Hs. 
bemerkte  gehe  ich  hier  etwas  näher  auf  dieselbe  ein.  Es  ist  eine  in 
Leder  gebundene  Papierhs.  des  15.  Jh.;  die  früher  dagewesenen 
Metallbeschläge  sind  ausgerissen.  Auf  der  Innenseite  des  vorderen 
Deckels  steht: 

„Liber  emtus  ex  Bibliotheca  Scliwarziana  ubi  P.  2  p.  14,  num  XLIII 
recensetur." 

Darauf  von  anderer  Hand:  „165  Blätter,  davon  140 — 165  leer." 
In  der  Bibl,  Schwarz,  heißt  es:  „Liber  hie  crassiusculus  habet 
fol.  136" ;  die  anderen  sind  nämlich  nicht  mitgezählt.  (Die  alte  Blatt- 
zählung geht  bis  El.  140,  dann  ist  mit  Bleistift  141 — 165  weiter- 
gezählt.) Es  folgt  eine  Bibliotheksmarke:  „ex  bibliotheca  Caroli  Ferdi- 
uandi  Homelii    1770." 

Darunter  noch  einmal  wie  auf  dem  Rücken:    1590. 
Die  Schrift  ist  durch  viele  buntverzierte  Anfangsbuchstaben  und 
Malereien    ausgezeichnet,    aber   lässig  und  flüchtig.     Hier  der  Inhalt: 
El.    1":     Sich   fugt  eins  tags   das  ich   mnst 

Spaziren  auß   nach   freud  nach  lüst  .  .  . 
Ende    El.    6*:     Der  frawen   ert  vud    der  prister  schont 
Der  fleucht  von   der  hellen   glut 
So   Hat  Gedicht  der  rosenplnt. 
(Dresd.   M.  50,  S.  30 — 38   unter  dem  Titel:   Von   dem  priester  vnd 
der   frawen  das  fruchtpar  lole.     Die    drei    letzten  Worte    sind    aus    dem 
Titel  des  Bl.  38  folgenden  Spruches  hier  eingeschwärzt.    Keller,  Fsp. 
1328.  8.  Goedeke,  Gr.  Nr.  20.) 

Bl.    6*:     Eins   tags   spaczirt  ich   auß   nach   lust 
Do   kom   ich   auf  ein  grüne   hayde  .  .  . 
Im  Verlauf  dieses  Spruches  ist  Bl.   lO**  leer  gelassen ;  Bl.  12  wird  die 
Hand  fester,  die  Tinte  tiefer. 

Ende    Bl.    12*:     Vnd   er  ist  hie   vor   allen  laid  wehüt 
So  hat   gedieht  hans  rosenplüt. 
(Dresd.  M.  50,  S.  38—47:    Das  fruchtbar  lob.    Keller,   Fsp.    1328. 
Goedeke  Nr.  21.) 

Bl.   12*:     Ich  pflege   dich  junckfraü  auf  dem   tron 
Das   du  mich   weist  auf  die  pan  .  .  . 
Ende    Bl.    18":     Des   hilf  vns   durch   dein  werde  gut 

Junckfraw  amen   spricht  der  rosenplüt. 


160  K.  EULING 

(Dresd.  M.  50,  S.  129—134:  Die  Turteltaub.  Keller,  Fsp.  1329.  16.) 
Bl.    18":     Gotliche   heylige  junckfraw   schon 

Durchleuchtige   siin   aller  himel   cron  .  .  • 
Ende    Bl.   24*:     Hilf  vns   ab   grassen   der  sunen   samen 
Sver  des  weger   des   Sprech   auch   amen. 
(Dresd.  M.   50,    S.    153 — 165:     Von    vnnser    frawen    schon.     Keller, 
Fsp.  1330.  19.    Goedeke  Nr.  3.) 

Bl.    24"*:     Zv  rem   do   saß   ein   keisser  mechtig 

Der  was  gen  got  so   gar  andechtig  .  .  . 
Ende   Bl.   34*:     Dar  vmb   sy  tag  vnd   nacht  wol  hüt 
So   hat  gedieht  der  rosenplüt. 

(Von   der  keyserin  zu  rom.   Dresd.   M.  50,   S.  47.   Keller 
1328.  1.  1433.  29.  1431.  Goedeke  Nr.  22.) 

In    dem    alten   Inhaltsverzeichniß  Bl.   136" — 137",    in  dem  Nr.   1, 
2,  3  als  Ein  Stück  aufgeführt  werden,  steht  vor  diesem  Spruch: 

„Von   der  keiserin." 
In  der  Bibl.  Schwarz,  beginnt  das  Inhaltsverzeichniß  nach  dem  alten 
Index   ebenso  mit 

1.  Von   der  Keyserin. 
Beim  Folgenden    hat    auch   die  Hs.  vorn   über  dem  Stücke  die  Über- 
schrift in  Roth : 

Vom   kiinig  jm  Bade. 
Wer  an  jm   selber  nicht  nimpt  war 
Wie   er  sein  leben  fürt  vber  jar  ... 
Ende   Bl.   36*:     Do   helf  vns   got  hin   mit  seiner  gut 
So   hat  gedieht  der  roseupliit. 
Überschrift  aus  dem  Inhaltsverzeichniß: 
Vom   knecht  jn  garten. 
Ein  reicher  man   der  het  ein  knecht 
Der  dint  jm   manig  jar  gex-echt  .  .  . 
Ende   Bl.   40*:     Got  al   frum   frawen  vnd   man   wehfit 
So   hat   gedieht  der  rosenplüt. 
Roth.  Von   einem  maier. 

Wolt  jr  nun   schweigen   vnd   wolt  gedagen 
Ich  wolt  euch   hnbsse   abentewer  sagen  .  .  . 
Eude  Bl.    43*:     So   wolt  ich   drincken  vnd   sauffen 

Das   mir  dy  afigen   müsten   vberlaüffen. 
PtOth.  Von   der  stiefmiiter  vnd   dochter. 

Ich  ging  eins   nachtes   spat 
Do   kam   ich   für   ein   kemmat  .  .  . 
Ende   Bl.   47'':     Vnd   peit  nicht  lenger  pis  noch   hewor 
Dye   1er  hab   dir   zu   einer  haußstewer. 


HANDSCHRIFT  1590  DER  LEIPZIGER  UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK.     161 

Roth.  Vom   Spiegel   vnd   pech. 

In   einem   dorf  dorf  do   saß   ein   man 
Als   ich    dan   vor   vernomen   han   .  ,  . 
Ende   Bl.   50'':     Das   heist  der  spiegel  von  dem  pech 

Got  wol   kein   sund  nimer  an   vns   rechen. 
Roth.  Von  farenden   schüUer. 

Nun  höret  eine   klugen   list 
Wie   einest  einem   wider  farn   ist  ... 
Ende  Bl.    53":     So   ser  auß   ganczer ')  seiner  giit 
Also    sprach   der  schwier  gut. 
Die  Abweichungen  dieses  Textes  von  dem  bei  Keller,  Fsp.  1172, 
nach  einem  alten  Drucke  gebotenen  sind  nicht  unbeträchtlich;    dieser 
ist  im  Einzelnen  sehr  mangelhaft. 

Eoth.  Vom  hantwerken. 

Manger  nimpt  sich   singen  vnd   sagen   an 

Der   ein  verheite  fürt  nicht  kan  .  .  . 
Ende    Bl,   57'':     Dy  liieg  sind   war  vnd  nit  ein  mer 

Also   redt  hanß    der  schweczer. 
Im  Inhaltsverzeichniß  : 

Von   den   armen  jeken. 

Man   sagt  dy  jecken   sind   auß  geflogen 

Her  Adler  ward   das  jr  nit  werd   wetrogen  .  .  . 
Ende   Bl.    GO":     Hans  Rosenplut  dem  man 

Andres    nenet   hans   schneper. 
Roth,  Vom  Bischoue  vnd  naren. 

Ein  pisoff  einst  zw   tisch   saß 

Mit  al   seim  hoffgesin   er  do  aß  ... 
Ende  Bl.    04*:     Vnd   ewiglich   mit  seinen  gnaden   wehwt 

Also   spricht  der  hans   rosenplwt. 

Im  Inhaltsverzeichniß :   Von  der  werlt. 

Mich   wundert  oft  warumb   das  sey 

Das  nindert  lebt  ein   man   so   frey  ... 
Ende   Bl.    06":     Volgstw  des   so   kwmstw  nimer  jn    schwer 

Als   spricht  heinrich   teichner. 
Roth.  Vom   pfeuning. 

Nvn   schweigt   so    wil   ich   heben   an 

Was   der   pfenning   Wunders   kan   .  .  . 
Ende  Bl.   67'':     Wer  mich  mit  eren   wehalten  kan 

Awß   dem   wil  ich  machen   ein  frwmen  man. 
Bl.   G8*  Roth:  Von  dem  frawen. 

Eins  tags   spacirt  ich  awß  nach   lust 

AI  jn   ein   hawß   ich   mich  verdwst  .  .  . 


')  Der  Miniator  hat  czer  durchstrichen. 
OGRMANIA.    Nene  Reihe  XXI.  (XXXriI.)  Jahrg.  11 


162  K.  EULING 

Ende   Bl.    11^:     Der   meint  jn   niemancz   wetrieg 

Sprich   Johannes  ')  *  ju   sein  frawen   krieg. 
Im  Inhaltsverzeichniß : 

Vom   einsidel  vnd   dem   sun. 
Eins  tags   do   gieng  ich   vor  der  sun 
Do   wegegend   mir  frewd   vnd   wun  .  .  . 
Ende  Bl.   89":     Dar  jn   al   gest  gewinnen   Iwstes   sed 

Spricht  hanß   {Rasur)  jn  seiner  wappen  red. 
Auch  in  dieser  Rasur  können  kaum  5  Buchstaben  Platz  finden. 
Roth.  Von   einem   Studenten   zii   brage. 

Ir  heren   were   es   ewch   nit  leidt 
Das   ich   ewch   von   hwbsser  abenttewr  seit  ... 
Ende  Bl.    91":     Sie   ist  zannig  vmb   daz   maul 

Sie   spi-icht   me   he  .  .  .    {Schluß  fehlt.) 
Bl.   91'' — 93^  folgen    zwei  Sprüche,    die    ich    ganz  mittheile,    da 
sich  Anklänge  an  Priameln  darin  finden. 

0   Mensch   wiltii   geistlich   sein 
So   thw   es   mit  den   wercen   schein 
Verschmehe   die  werlt  vorderlich 
Vnd   trag   dein  armut  williglich 
5   Leide  vngemach   gar   dultiglich 
Hute   deiner   wort  gar  fleissiglich! 
Ge   auf  der   Strasse   gar  zwchtiglich 
Bl.  92"  Kiircz   wirb   dein  potschaft  ernstlich 

Dein   leben  pilde  gar  erwerlich 
10   Meide   abentreise  iiil   stettiglich 
Biß   niemant  gemeinsam  vnuüczlich 
Vor  posser  geschelschaft  hwt   dich 
Ei'vorsch   nit  newes   vnwiczlich 
Trag   heimlich    sach   nit   offenlich 
15   Vor  dir  schäm  awch   selber  dich 

Deinen   eben   genosen  biß   fridsamlich 
Deinen  Vntertan   straf  guttiglich 
Nicht  enger  niemancz   leichtvertiglich 
Dein   leben  pesser  al  tag  deglich 
20   Brich   deinen  willen   ordenlich 
Gehorsam  bis   demntiglich 
Dein   vater  vnd   miiter  williglich 
Liebes   gemach   such   nit  sorgveltiglich 
Nicht  wach  zw   vil   doch  messiglich 
25   Dein   nodiirft  nim   wescheidenlich 
Bl.  92  In   speis  jn   dranck   nit  geicziglich 


')  Dei-  Name   ist   gänzlich   ausradirt,    die  Lücke   ober   zu    klein,    uln  daß  ein  so 
langer  Name  wie  Rosenplnt  dagestanden  hahen  könnte. 


HANDSCHRIFT   1590  DER  LEIPZIGER  UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK.     163 

Liebs  lüst  wider  ste  kreftiglich 

Wider  aller  suuder  streit  manparlich 

Zw  der  kircheu   halt  dich  jniglich 
30   Das  jne  pet  /  pete   awch   andeclitiglich 

Dein  schweigen  halt  afich   wehutsamlich 

Das  wort  gotes  höre  wegirlich 

Das   selbig  wehwt  awch   stettiglich 

Da  bey  siess  nit  schleiferlich 
35   Dein  peicht  thw  gar  lewterlich 

Die  genad  gottes   empfach  nit  eitellich 

Die   selbe  halt   auch   danckperlich 

Dein  hercz   wereit  got  stetiglich 

Mit  allen  kreften  minsamlich 
40   Mit  ganczem   gemüt  wirdiglich 

Von   ganczer   sele  lohsamlich 

Deinen   nechsten  lieb  als   selber  dich 

Nit   hiuterrede  jn   hessiglich 

Dein   leben  füre   gar  warsamlich 
Bl.  93^  45   Den  todt  wedencke  gar  jnniglich 

Dar  aiif  rieht  dich   ernstlich 

Er  kiimpt  dir  anders   grimiglich 

Vnd  prich   dein  hercz  gar  pittei'lich 

Dein   sele  verfurt  er  timerlich 
50   Das   muß   sie   leiden   elendlich 

Da  vor  sey  Jhesus  gnediglich 

Vnd  wolle  vns   drosteu  vetterlich 

Zw  Ion  so  bit  got  für  mich 

Das   wir  mit  jm  herschen   ewiglich 
55   Amen  das  es  war  were. 

Niemant  so  rechte   dut 

Das   er  allen  lewten   düncket  gut 

Ich   strafie  nicht  was  jemant   dvit 

Macht  er  mir  das   ende  gut 
5   Was  man  an  mase  diit 

Es  wirt  seiden  gut 
Bl.  Q3^  Manig  man  hat  weissen  mut 

Wer  doch   oft  thumlich   dut 

Mich   deweht  ver'^t  mauigs   gut 
10  Das   mir  hewer   weschwert  den  müt 

Betrogen   ist  al  sein  müt 

Der  sich   selbs   duncket  gut 

Sanft  gewunen   gut 

Macht  vbrigen  miit 
15   So   vast  niemant  missedüt 

Er  wolt  doch   geren  sein  gut 

Wer  falsche  peicht   dut 

Dem   wirt  der  ablaß  seiden  gut 

11* 


164  K.  EULING 

Wasser   lescbet  fewer  vnd  glut 
20   Almiisen   recht  daz   selb   dut 
Es  leschet    sunde  alle   zeit 
Wo   maus   mit  guten   willen   geit. 

Dieselben  Sprüche  stehen  z.  B.  auch  in  der  Hs.  Aug.  2.  4  fol. 
der  herzogl.  Bibliothek  in  Wolfenbüttel. 

Der  folgende  Spruch  hat  im  Texte  keine  Überschrift,  wie  auch 
in  der  Hs.  5339*  des  germanischen  Museums,  welche  ihn  Bl.  405*"" 
bietet;  in  dem  Inhaltsverzeichniß  aber  ist  vorgeschrieben: 

Von  den  kolben   maiden. 
Bl.   93**:     Zw  liechtmeß   sol  man   heben   an 
Bl.    94':     Sprach   ein   dirne   wolgetan. 
Ende   Bl.    94'':     Vns   zw   sand   walpurgen   tag  hin   awß 

So   kome   ich   dann   vileicht  jn   das   offen   hurhawß. 
Der  Rest  der  Seite  ist  leer. 

Im  Inhaltsverzeichniß  heißt  es:  „Nun  heben  sich  an  die  kleinen 
Spruch";  ZU  Bl.  95:  „Eitel  klein  spruch  heben  sich  an",  und  zuletzt: 
„Noch  kleiner  spruch  heben  sich  an",  wonach  das  Priameln  S.  1 7  Gesagte 
zu  berichtigen  ist. 

BT   .    95:      Wenne   ein  pfaff  stirbt 

Zw   hant   ein   ander   wirbt 

Vmb   sein   kunigreich 

Vnd   lebt  als   greffenleich 

Als   sein   vorfar  hat  getan 

Ein   boß   pilde   nimpt   die   werlt   da  von 

Wen   ein  pfaf  het  siben   pfarr 

Dennoch   ist  er  ein   solcher  nar 

Der  jm   noch   eine   geb   oder  zwu 

Er  nem   das   bistum   awch   gern  dar  zw. 

Ein  vnstiind   gast 

Ist  einem   wirt  ein   schwerer  last 

Ist   dan   der   wirt  aiich   vnveschaiden 

Das   kumpt  jm   zw   schaden   baiden 

Stech   ain   aidt  als  ein   dorn 

Ir  wurden   nicht  so   vil  geschworen. 

Viele  von  diesen  kleinen  Sprüchen  kehren,  oft  unsinnig  ver- 
bunden, in  Aug.  2.  4  wieder. 

Jetzt  beginnen  sofort  Bl.  95'' — 121''  die  Priameln  in  folgender 
Reihenfolge: 

1.  Welich  mensch   die  vier  qvtember  nit  vasten. 

2.  Wer  nicht  am   suntag  frn    awffltet. 


HANDSCHRIFT  1590  DER  LEIPZIGER  UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK.     165 

3.  Welcher  kristenlicher  mensch  zw  mitternacht  wacht. 

4.  Wer  got  nit  danckt  seins   engstlichen   schwitzen. 

5.  Ein   mensch   dz  jn   grosen   todsunden   stet. 

6.  Wer  got  nit  danckt  seiner   grossen  mild. 

7.  Welcher  mensch  jn   einer  kirchen  kniet. 

8.  Welcher   kristenmensch   alzeit  wetracht. 

9.  Welcher  mensch  gelanbt  an  vogel   geschrei. 

10.  Welcher  mensch   nit  gelaubt  bis   an   sein  sterben. 

11.  Welcher  mensch   den   gelauben   nit  in  in   drait. 

12.  Welcher  mensch   den   teuffei  sich   lest   werauben. 

13.  Welcher  mensch   daz  heilig  sacrament  wil  niessen. 

14.  Welcher  mensch   dan  zu  gots   tisch   gegeth. 

15.  Wer  schlechtlich   gelaubt  die  zwelf  artikel. 

16.  Wer  halten  wol   die  zehen  gepot. 

1 7.  Secht  grosse   schon  posse  lieb. 

18.  Ein  richter   der  da  siezt  an   einem    gericht. 

19.  Wo   albegen   gut  gericht   ist  jn   einer  stat. 

20.  Ein   rat  jn   einer  stat  vnd   ein   gancze   gemein. 

21.  Ein  toreter  rather  jn   ein  rat. 

22.  Ein   vater  der  sein  kind   gern  lernen   weit. 

23.  Seit  daz  man   die  roten   engen   schuchlein    erdacht. 

24.  Die  groß   vntrew  mit  leichen  vnd   effen. 

25.  Welcher  man   den   erczten   wirt  zu   teil. 

26.  Ein   frumer  man   der  gern   recht   det. 

27.  Ein   zimerman   dem   die   spcn  jm   kleidern   hangen. 

28.  Ein   spiler  der  spil  hat  getriben   an. 

29.  Ein   kramer  der  do  nimmer  nit  leugt. 

30.  Borgschaft  domit  man  mangen  verderbt. 

31.  Secht  wo   der  sun  für  den   vater   get. 

32.  Secht  wo   der  vater  vorcht  das   kint. 

33.  Ein   sunder   der  jn   sein   sunden   verzagt. 

34.  Ein   hirt   der   treulich   seins   vichs   hut. 

35.  Ein   arzt  der  zwen  wetung  kund   vertreiben. 

36.  Ein   man  der  wol  mag  drinken   und  essen. 

37.  Essen  und   driiicken  an   danckperkeit. 

38.  Getreulich   gerbet  mit  allen   gelidcrn. 

39.  Wol  essen  vnd  drincken  nach    aller  wegier. 

40.  Wer  sein  hauß  wol  wol  wesachen. 

41.  Ein  friimmer   dienstknecht  trew   und  warhaft. 

42.  Ein  hantwerk  man   der  frum  knecht  hat. 

43.  Ein  hantwerkman   den  man  guten  Ion  geit. 

44.  Welcher  priester  zu  kranck  ist  vnd   zu  alt. 

45.  Welcher  priester  sich  eins   solchen  vermeß. 

46.  Welcher   man   ein   hiin   hat   daz   nit  legt. 

47.  Welcher  man   ein   taschen   hat  groß  vnd  weit. 

48.  Welcher  man   ein  leib  hat  nit   zu  schwer. 

49.  Welcher  mau   sein  elichen  weih   ist  veindt. 

50.  Welche  fraw  do   gern  am  ruck  leit. 


166 


K.  EULING 


51.  Hauß  kern  vnd  windel  waschen. 

52.  Ein   Schreiber   der  lieber  tanczt  vnd  springt. 

53.  Ein  schweinhirt  der  do  hut  bey  körn. 
45.   Von  alter  wirt  der  man  schwach. 

55.  Das  alter  ist  so  getan. 

56.  Ein  alter  jaghunt  der  nimmer  mag  iagen. 

57.  Ich   vind   in  meiner   sinen   teich. 

58.  Der  frauen  köpf   stelt  an  einander. 

59.  Wer  ab   wil  leschen   der  sunen  glancz. 

60.  Ein  kvirsner  vnd   ein  sumer  heiß. 

61.  Jaghunt  vnd  wilde   schwein  vnd  hassen. 

62.  Weisheit  von   drünken  leuten. 

63.  Harpffen  geigen  vnd  lauten  schlagen. 

Bl.  12r  werden  die  Priameln  durch  einige  Weingrüße  und  Wein- 
segen unterbrochen,  deren  Anfänge  lauten: 
Both.  Vom  Wein. 

Nvn  grüß  dich   got  du  lieber  güueu 
War  vmb   wiltü  nit  öfter  zu   mir  kiinen. 

Bl.  122*  liofh.  Vom  Wein. 

Nvn  gesegen   dich   du  kreftreiche  labung 

Du   wol  zeldne  sanfte   drabung. 
Bl.  123^:  Nvn  griiß   dich   got  du  lieber  drünck 

Ich  was   dir  holt  do   ich  waz  junk. 
Bl.  124'':  Nvn  gesegen   dich  got  du  allerliebster  trost 

Du  hast  mich   oft  vor  grossem   durst  erlost. 

Bl.  124^  fahren  die  Priameln  fort: 

64.  Die  lieb   die   dy  menschen  zusammen  haben  solten. 

65.  Kvmpt  kunst  gegangen  fiir  ein  hawß. 

66.  0   werlt   dein  nam  heist  spothilt. 

67.  Ein  junge   fraw  an  lieb. 

68.  Welcher   man   sein  fraweu   schlecht  im  pet. 

69.  Welcher  man  vil  junger  kiud  hat. 

70.  Die  knaben  in  den  hohen  hüten, 

71.  Kein  grosser  nar  mag  nit  werden. 

72.  Wer  einem  plinden  winckt. 

73.  Ein   orglock  vnd   ein  wollenpogen. 

74.  Ein  karger  wirt  /  vnd   hungrig  gest. 

75.  Ein  priester  der  ob  eim  alter  stet. 

76.  Welcher  man   sich   vil  riimpt  von  frauen. 

77.  Welcher  her  ein  tauben  knecht  hat. 

Der  übrige  Theil  des  Bl.  129''  ist  leer. 

Dann    beginnen   Bl.  129"    die    „noch    kleiner  .spruch*'    des   Fnhalts- 
verzeichnisses : 


HÄNDSCHRIFT  1590  DER  LEIPZIGER  UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK.        167 

Zehen  gepot. 
Du   solt  gelaüben  jn  Ein   Got 
Schwer  nit  das  ist  sein  gepot 
Die      feiertag  du  heiligen   solt 
Vater  vnd  muter  hab  hilflich  holt 
Du   solt  niemant   doten 
Stil  nicht  jn   keiner  noten 
Biß  nit  vnkeüsch  leben 
Valsch   gezeilgnüß   solt  du  nit  geben 
Beger  keins   andern  weibs 
Noch    fremdes   giicz  bey  sei  und  leibs. 

Hab   got  lieb   o   sunder 

Vnd  vor  sunden   hut  dich   imer 

Wann  pey  got  ye   süsser 

Zu   hell  ye  grimer  ye  grimer. 

Bl.    130":      Zweiffel  pauet  seiden   wol 

Des   ist  manger  acker  distelu   vüI 
Es  ist  mauig  weib  vnd  man 
Der  wenig  giicz  reden  kan 
Vnd  kan  doch   von  bösen   dingen 
Vil  sagen   vnd  singen. 

Wer  sich   habt  an   den   toren 

So   er  velet  der  hat  zwir  verloren. 

Wer  mit  wissen  vnrecht  düt 
Der  sundet  mit  verdachtem   müt. 
Sich   dich   an   vnd   nicht   mich 
Thu  ich   vnrecht  so   hut  dich. 

Des   morges   traiiret  menigleich 
So   ist  abent  freudenreich 
Het  ein  abent   das   wegert 
Er  were   hundert  morgen   wert. 

Bl.    13ü'':      Der  taub   au   sorgen   nicht 
So   er  vil  raiimen  sieht. 

Las  fremde  sach  gut  sein 

Hab  jmer  danck   wesorg   dz   dein. 

Niemant  kan   gemachen 
Aiiß  past  scharlachen. 

Was   sol  der  schlegel  an  stil 
Wen   man  plocher  spalden  wil. 


168 


K.  EULINÜ 

Pesser  ist  zwir  gemesseu 
Dan  einst  vergessen. 

Manig  tor  spricht  weisse  wort 
Kund  er  sie  wescheiden  aiif  ein  ort. 

Dem  plinden  ist  mit  draümen  wol 
Wachend   ist  er  dranren  vol. 

Dvrch   spil  vnd   weibes   lieb 
Wirt  manger  zu    einem   dieb. 

Bl.    131*:     Kein  here  nie  so   sanfte  saß 
Im  gepricht  dennig  etwaß. 

Wer  vor   suuden   gefeiren   mag 
Das  ist  ein  rechter  veiertag. 

Vil  pesser  ist  ein  igels   haut 
Dan   ein  laidige  prawt. 

Schweig  ee  du   schweigen   raüst 
Volg  ee  du  vnrecht  dust. 

Redten  pfa£Fen   als   gern   latein 
Als   gern   sie   druncken  guten  wein. 
So   vunden   wir  maugeu   gelerten   man 
Der  mer  latein  kiind   dan   er  kan. 

O   geitigkeit  dn    schnödes   giit 
Wie  hastii   vnsers  herii  pliit 
Verkauft   vnd   verschmecht   vnd   vernicht 
Seint  alle  werlt  hat  zu    dir  pflicht. 

B      131'':      Das  manig  vrkiid  nit  wirt  geschlicht 
Das   mauger  armer  nit  wirt  gericht 
Das   manger  ausstreit  jn  vngedtilt 
O   geitigkeit  das  ist  dein  schult. 


Svssen   don   hastn 

Wenig   schmerbs   gibstil 

Sprach   der  wolf  zu  der  geigen. 

^ch   meinte  ich   het  ein  lieb   allein 
So   haben    drey   mit  mir  gemein. 


HANDSCHRIFT  1590  DER  LEIPZIGER  UNIVERSITÄTS-BIBLIOTHEK.     169 

Ein  lieb  vnd  nit  mer 

Da  ist  allen  frauen   ein  er. 

Wer  ich  wiczig  vnd   det  jin   geleich 

So   glaubt  man  mirs  nit  ich   wer   den  reich. 

Wem  gelnck  ist  weschert 
Der  ist  doheim  wo   er  fert. 

Bl.   132*:      Wil  geluck  nit  zii   dem  man 
So  hilft  nichts  was   er  kan. 

Nvn   schnap   aiif  vnd   las   surren 
Lang   tagreiß   machen  boß  gnrren. 

AI  werlt  mocht  wol  veraagen 

Seiut    Schreiber    pater    uoster  schreiben   vnd  jviden 

betpücher  tragen. 

Es  folgen  drei  Priameln ; 

1.  Ein  pfaf  mit   dem  pack. 

2.  Ein   weib  nach   vnuncz   als   ich   sag. 

3.  Wer  jn  zehen   Jaren   nit  wirt  kranck. 

Dazwischen: 

Der  gerecht  mensch   vast  durch   got 

Der  gleischner  durch   der  werlt   spot 

Der  arczt  das  er  wer  alt 

Der  karg  das   er  das   gut  wehalt. 
V.  3  lies:  Der  acht  das  er  werd    nach   Nttrnb.    Hs.  5339",   Bl.  310\ 
Dann  die  Priamel: 

Von  alter  werden   klein   visch   groß.     Vgl.    Priameln   S.    12. 
Bl.   133":      Es   ist  komen  in   die   weit 

Vil   schweben   vnd  boß   gelt 

Niemant  weiß  wol 

Wie  er  ein   gülden   wechseln   sol. 

Fiind   ich   gefeild   einen  eissenhiit 
Der  do  wer   für  liegen   gut 
Vnd   ein   schilt  für  schelten 
Den  wolt  ich    deuer  gelten. 

Bl.    134*:      Ein  tnren   für  trauren 

Den  wolt  ich   hoch   aiif   mauren 

Ein   haüß   für  vngemach 

Das  ließ  ich   nimer  au   ein   dach 


170 


K.  EULING 


Für  alter  ein   salben 
Die   strich  ich   allenthalben 
Vnd  für  den   todt  ein  schwort 
Das  wer  daussent  mark  wert. 

Wer  meiner  guter  (r  durchstrichen)   freuntschaft  wol  hau 

Der  mut   mich   dreier  ding  nit  an 

Leihen 

Geben 

Vnd   purg  werden 

Die   drei   ding  sein   mir  nit   eben. 

Iß  vnd   drinck  vnd   leb   mit   eren 
Dir  mag  doch   nit  mer  werden 
Den  Pfenning  vnd   gewant 
Bl.    134":     Vnd  den  tod  an  band. 


Dann  die  Priamel:    Alter  an  Weisheit 
Priamelartige  Prosasprüche  folgen: 
Bl.    135^      Gotes  vorcht 
Demutigkeit 
Barmherczigkeit 
Miltigkeit 
Barhaftig  sein 
Das  recht  lieb   haben 


Bl.   135"; 


die  sechß  zieren   den  adel. 


Gabe 
Lieb 
Neid 
Vorcht 


Die  vier  machen  ein  valschen  richter. 


Arm  hofFart 
Reicher  liigner 
Alter  vnkeiischcr 
Krieg  macher 

Fleissigkeit        \ 
Geudischeit 
Uukeuschheit 
Krieger 


Die     vier    müssen     gefallen    got     vnd     den 
leiiten. 


Die  vier  ding   Bringen   armut. 


Gotlich   lieb 

Vorcht  der  hol 

Begerung  der  ewigen  freuden    j 

Vgl.  Priamel  Nr.  LXIX  meiner  Sammlung. 

Vntrew  \ 

Zorn 

Geitigkeit 


Die     droM     wehutcn     den      men 
sehen  jn   guten   werken. 


Die   drei  jrren  das   recht. 


HANDSCHRIFT  1590  DER  LEIPZIGER  UNIVERSITÄTS- BIBLIOTHEK.      171 

Bucher  lesseu  I    t-v-       •      /     .\  i 

17.,   1     j      r  I    Uie  vier  [so!)  macheu  den  meuschen 

Vu  land   erraren  >  ^      ' 

Vil  geschehen   ding  boren   J 

!Weiste        ]  [    Erkennen  | 

Sterckste    >    man   der  sich    |    Vberwinden  >  kau. 

Reichste     j  [    Genügen  lasen    j 

Das  Verhältniß  der  ersten  gedruckten  Sprichwörtersammlungen 
zu  den  handschriftlich  erhaltenen  bleibt  noch  zu  untersuchen;  schon 
aus  dieser  kurzen  Sammlung  erhellt,  daÜ  Manches  direct  in  die  ge- 
druckten Sammlungen  übergegangen  ist. 

Et   cetera  püntschuch. 
Die  henn   die  malt   ein  hnner  duch 
Vnd   die  ganß   schraib   ein  meß  puch 
Ist  das   war  {Rasur') 

So   wurckt  ein   essel   {Rasur;  dann  mit  anderer   Tinte)   ein 
gute  prücb   auß   eim   pferßhar. 

Bl.   136*:  Das  hat  ein  end. 

Wurd   den  haußfreien   der  wein  ju   die  hend 

So  wolt  er  driucken  vnd   sanffen 

Das  jm   die  äugen  musten  vber  laiiflPeu. 
Vgl.  Keller,  Fsp.  1183.  1161.  1183.  240,  15. 

Deo   gracias 
0   wie  fro  ich   was 
Do   ich   schraib   deo   gracias. 
Vgl.*  Wattenbach,  Schriftwesen  286. 

Nach  dem  Register  folgt  noch  von  viel  späterer  Hand  Bl,  138* 
eine  Variation  der  bekannten  Priarael: 

„Ein   hübscher  Weidmau    und   ein  jeger." 
Ein  Weidtman  vndt  ein  Jeger 
Ein  fauler   vndt  ein   treger 
Ein   Tuncher  vnd   ein   Weißer 
Ein  Lugner  vndt  ein  Bscheißer 
Ein   Balbierer  vndt  ein   Zwager 
Ein  Esel   vnd  ein   Sacktrager 
Ein  Tuchmacher  vnd  ein  Knapp 
Ein   Maulaff  vnd   ein   Tilltapp 
Ein   Kist  vndt  ein   schrein 
Ein   Sau  vndt  ein  schwein 
Ein   Ochs   vndt   ein  Rindt 
Die   sindt  all   Geschwistrigt  Kindt. 

Bl.   ISS**:     Jesuwitter,  München  vndt  Pfaflfen, 

Machen  ihre  Glaubensgenoßen  zu  Aflfen 


172      K.  ?:ULING,  HANDSCHRIFT  1590  DER  LEIPZIGER  UNIV.-BIBLIOTHEK. 

Mit  gesehenden  Augen  bliudt 

Ligen  ihnen   bey  Weib  vndt  Kiudt, 

Ist  dz  nicht  ein   ehrlos  leben 

Thuen  jhnen  noch   Opfergelt  dazu  geben. 

Wer  mir  gibt  gute   Wort,   vnd   meint  es   nicht 
Vndt  jchs   anhör,   vndt  glaub   es   nicht, 
Seindt  sie   dann  erlogen 
So   bin  jch   doch  vnbetrogen. 

Bl,    139":      Ich  bin   ein   gut   Gesell    vndt  muss  mich   ducken 
Wanns  gluckh   regnet,   so  bleib  Ich   wohl   trucken 
Wanns   aber  Vngluck  regnet  oder  schneit 
So  werdt  Ich   vil  näßer  als   ander   Leuth 
Wer  Armut   ein   ehr,   so   wer  Ich   ein  Herr 
Wer  wenig   vil,   so   hette  Ich  was   Ich   will 
Doch   hat  mir  nie  Kein   gelt  gebrochen 
Als   am   Sontag   vndt  inn    der  gantzen   wochen. 

Vgl.  Anz.  f.  K.  d.  d.  V.  1836,  342,  wo  aus  einem  Stammbuch  zu  Gent 
der  gleiche  Schluß  mitgetheilt  ist.    Die  übrigen  Blätter  sind  leer. 

Schließlich  möchte  ich  Gelegenheit  nehmen,  eine  Anzahl  Druck- 
fehler in  meinen  Priameln  nachzutragen:  S.  7,  Z.  25  lies:  de  pramh. 
S.  21.  29.  Nach  S.  10,  Z.  1 1  ist  hinzuzufügen:  kommt  eine  Priamel 
zweimal  vor,  so  ist  K^  und  K"^  gesetzt.  S.  12,  Z.  3  ist  die  Klammer 
umzukehren.  S.  14,  Z.  12  1.  schioererer.  S.  17,  Z.  10  ist  die  Abkür- 
zung unvollständig;  sie  war  zu  schreiben  p'amf)l',  der  Setzer  war  nicht 
zum  Rechten  zu  bewegen.  S.  17,  Z.  25  ist  hinter  erst  einzuschalten: 
abgesehen  von  den  Folzischen.  S.  23,  Z.  26  1.  21—31.  S.  26,  Z.  4  1.  imi 
sut.  S.  30,  Z.  24  1.  eim;  26  schür.  S.  29,  Z.  35  1.  fließen.  S.  32,  Z.  5 
ist  nach  schnler  ein  Doppelpunkt  zusetzen.  S.  37,  Z.  29  1.  D  Bl.  405". 
In  den  Lesarten  zu  Pr.  I,  11  streiche  posem  F.  Die  betreffenden 
Wörter  der  Lesarten  schräg  zu  drucken,  war  der  Setzer  erst  vom 
4.  Bogen  zu  bewegen.  Den  übermäßig  großen  Druck  der  Lesarten 
überhaupt  verschuldet  ein  zu  spät  bemerktes  Versehen.  In  den  Les- 
arten zu  II,  14  1.  niendert  f.-  III,  2  1.  darein:  das  Komma  nach ^^acÄcn 
zu  tilgen.  S.  47,  Z.  15  1.  /;  V,  1  1.  Haußkern  und  windeUvaschew^  nach 
VI,  2  u.  7  ein  Komma  ausgefallen-  ebenso  nach  arbeit  I,  15,  VIII,  1 
nach  Secht.  In  den  Lesarten  zu  XI,  6  gehört  kierchen  C.  vor  imd 
meß  BC  XVI,  6  i.  fut.  LH,  3  1.  aJlerweist]  nach  19  ein  Strichpunkt. 
LV,  5  hinter  toeiln  ein  Komma.  LVIII,  8  1.  einhin.  Nach  LXIII,  14 
ein  Doppelpunkt.  LXIV,  1  1.  Richtersknecht.  LXV,  5  nach  kuchenspeis 
ein  Komma.  LXVIIl,  5  1.  kindermachen\  7  1.  loxtndenhauer.  LXXIII,  4 


NACHBILDUNG  DER  MANESSE'SCHEN  HAND'SCHRIFT  etc.  173 

nach  schwer  und  vil  ein  Komma.  LXXVII,  6  1.  Dem\  Den  in  die 
Anmerkung.  LXXX,  5  1.  fleischhacken  \  67  kindermachen.  LXXXII,  23 
1.  das  er  denselben-^  das  demselben  in  die  Anmerkung.  LXXXIII,  12 
1.  Leiden  als  der  flegel  das  körn  feckt;  die  Wortfolge  des  Textes  in 
die  Anmerkung.  LXXXIX,  7  1.  Gold^  silber;  20  hinter  pfat  ein  Komma. 
XC,  2  hie  im  Text  zu  streichen  und  in  die  Anmerkung  aufzunehmen. 
Dafs  einige  j  im  Anlaut  eine  Länge  bezeichnen  sollten,  ist  nicht  aus- 
o-eschlossen,  aber  unwalirscheinlich ;  vgl.  LXXXVIIf,  9.  10  im  :  grim. 
DaherlmXCVIII,2.  6;  XCT,  2;  XC,3;  LXVJII,  12.  tVes  LXXXI,  2. 
mLXXVI/;13.  Ferner  XCVIII,  2  1.  demselben]  4  widergellen.  Im  Ver- 
zeichniß  der  Priaraelanfänge,  das  an  mehreren  unwesentlichen  Schreib- 
fehlern  leidet,  'trage   ich  nach  S.  99,  Z.  22  Selig  ist\    Z.  29  statt  X 

zu  lesen  L. 

GÖTTINGEN.  K-  EULING. 

DIE  NACHBILDUNG  DER  MANESSE'SCHEN 
HANDSCHRIFT  IN  HEIDELBERG. 

Unter  den  zahlreichen  Geschenken,  welche  der  Heidelberger 
Universität  zur  Feier  ihres  fünfhundertjährigen  Bestehens  am  Morgen 
des  3.  August  1886  von  den  verschiedensten  Seiten  überreicht  wurden, 
ist  dasjenige  des  großherzoglich  badischen  Ministeriums  der  Justiz, 
des  Cultus  und  Unterrichts  für  den  Germanisten  von  besonderem 
Interesse:  die  photographische  Nachbildung  der  sog.  Manesse'schen  Hs. 
Durch  die  Munificenz  der  großh.  Regierung  unterstüzt,  haben  bewährte 
Kräfte  auf  dem  Gebiete  des  Kunsthandwerks  hiermit  ein  Prachtwerk 
moderner  Technik  hergestellt.  —  Die  426  Blätter  der  Hs.  —  es  sind 
bei  der  photographischen  Reproduction,  um  möglichste  Gleichheit  mit 
dem  Originale  zu  erzielen,  auch  die  unbeschriebenen  Blätter  mit  in- 
begriffen worden  —  vertheilen  sich  auf  vier  Folianten ,  und  zwar 
folgendermaßen:  Bd.  I  =  Bl.  1—109;  Bd.  II  =  110  (Bild  Burkharts 
von  Hohenvels)  bis  200;  Bd.  III  =  201  (Bild  des  v.  Wildonie)  bis 
322;  Bd.  IV  =  323  (Bild  Reinmars  v.  Zweter)  bis  Schluß.  Die  Höhe 
der  Bände  beträgt  46  Ctm.,  die  Breite  36  Ctm.,  die  Dicke  zwischen 
10|-  und  13  Ctm.;  der  schwerste  (Bd.  III)  hat  das  ansehnliche  Ge- 
wicht von  17  Kgr.  Große  Sorgfalt  wurde  auf  die  stilj^erechte  Her- 
stellung der  Einbände  verwendet,  die  nach  Angaben  des  Herrn  Prof. 
F.  X.  Kraus,  Conservator  der  kirchlichen  Alterthümer  in  Freiburg 
i.  Br. ,    von  H.  Buchbinder  Scholl    in  Durlach    ausgearbeitet   wurden. 


174  NACHBILDUNG  DER  MANESSE'SCHEN  HANDSCHRIFT  etc. 

Die  DeckelverzieruDgen,  im  Charakter  des  XVI.  Jahrhunderts  ge- 
halten, wurden  nicht  nach  moderner  Art  mit  Schablonen  auf  die  — 
natürlich  echten  —  Schweinslederüberzüge  eingepreßt,  sondern  mit 
alten  Werkzeugen,  die  sich  in  der  Familie  des  Verfertigers  erhalten 
hatten,  aus  freier  Hand  eingerollt.  Ein  schön  stilisirtes  gotisches  Blatt- 
ornament des  14./15.  Jahrhs.  in  moderner  Auffassung  wurde  zu  den 
Eckbeschlägen  verwendet,  die  nach  Gypsabgüssen  galvanoplastisch  in 
Kupfer  niedergeschlagen,  versilbert  und  oxydirt  wurden.  Die  Buch- 
zeichen ,  gotischer  Dreipaß  mit  eingeschriebenem  M  und  seitlich  aus 
den  Winkeln  heraustretenden  Spitzen  (14./15.  Jahrh.)  sind  in  Bronze 
ausgreführt.  Genannte  Metallarbeiten  lieferte  die  Firma  Erhard  und 
Söhne  in  Schw.-Gmünd.  Schließlich  sei  noch  erwähnt,  daß  die  jeden 
Band  einleitenden  Titelblätter  („Die  Manesse'sche  Liederhandschrift 
der  Pariser  Nationalbibliothek.  Photographische  Nachbildung  des  Ori- 
ginals der  Universität  Heidelberg  zur  Jubelfeier  ihrer  Gründung  durch 
das  großherzogliche  Ministerium  der  Justiz,  des  Cultus  und  Unter- 
richts tiberreicht.  1886.  3.  August")  von  C.  Wallau  in  Mainz  nach 
einer  Mainzer  Miniatur  des  14.  Jahrh.  gearbeitet  sind. 

Die  photographische  Aufnahme  wurde  im  Frühjahr  1886  durch 
die  Firma  J.  Krämer  in  Kehl  in  Paris  ausgeführt  und  persönlich  ge- 
leitet von  Herrn  Prof.  F.  X.  Kraus.  Trotz  des  bereitwilligen  Ent- 
gegenkommens der  französischen  Behörden,  besonders  des  Herrn 
Generaladministrators  L.  Delisle,  war  sie  mit  vielen  Schwierigkeiten 
verbunden  und  nahm  drei  Monate  in  Anspruch.  Außer  dem  der  Heidel- 
berger Universität  dedicirten  Exemplar  wurde  noch  eines  für  Se.  kön. 
Hoheit  den  Großherzog  von  Baden  angefertigt.  Der  fi'anzösischen 
Regierung  mußten  gemäß  dem  Reglement  zwei  Pflichtexemplare  ab- 
geliefert werden,  welche  nun  in  der  Bibl.  nationale  aufbewahrt  sind. 
Die  Negative  verblieben  dem  großh.  badischen  Ministerium.  Weitere 
Abzüge  wurden  nicht  gemacht,  da  die  Nachbildung  speciell  der 
Ruperto-Carola  zu  Ehren  veranstaltet  wurde  und  außerdem  die  Kosten 
nicht  gewagt  werden  konnten.  Aus  denselben  Gründen  mußte  die 
Wiedergabe  der  ganzen  Hs.  durch  Lichtdruck  unterbleiben.  Dagegen 
wurden  auf  diesem  Wege  die  Bilder  allein  vervielfältigt.  Diese  eben- 
falls im  Auftrage  des  genannten  Ministeriums  von  Prof.  Kraus  be- 
sorgte   und   unlängst    erschienene  Ausgabe^)    macht   zum  ersten  Male 


')  Die  Miniaturen  der  Pariser  Liederhandschrift  ii.  s.  w. ,  herausgegeben  von 
Franz  Xaver  Kraus-Stra(iburg  i.  E.  Karl  J.  Trübner  1887.  Die  Einleitung  gibt  u.  A. 
eine  klare  Darstellung  der  Geschichte  der  Mau.  Hs. ,  wobei  nachgewiesen  wird,  daß 
Einiges  auf  Konstanz  als  Abfassungsort  gedeutet  werden  könnte. 


F.  LIEBRECHT,  NARRENGESELLSCHAFTEN.  175 

die  Gesammtheit  aller  Minialuren  der  Pariser  Liederhandschrift  allge- 
meiner Benützung  zugänglich. 

So  wäre  denn  in  diesem  Geschenke  der  Regierung  der  Ruperto- 
Carola  einigermaßen  Ersatz  geschaffen  für  das  weggekommene 
Original.  Die  Farben  der  Bilder  freilich  konnten  nicht  wiedergegeben 
werden,  nur  die  den  König  Wenzel  darstellende  Miniatur  wurde 
als  Pendant  zum  Titelblatt  des  ersten  Bandes  colorirt  vorangestellt. 
Ebenso  sind  die  verschiedenen  Hände  in  der  Photographie  allein 
nicht  mit  vollständiger  Sicherheit  zu  unterscheiden.  Für  den  Wort- 
laut des  Textes  dagegen  kann  die  Nachbildung  fast  durchweg  mit 
dem  nämlichen  Erfolg  benutzt  werden  wie  das  Original.  Ja  Stellen, 
welche  in  diesem  ausradirt  und  ganz  unleserlich  geworden  sind,  lassen 
sich  hier  wieder  sicherer  erkennen.  So  hat  z.  B.  nach  MSH  und 
Apfelstedt  (Germ.  26,  215)  die  Hs.  fol.  13>  (zweites  Lied  des  Mark- 
grafen Otto  von  Brandenburg,  Str.  2)  hulde,  wo  die  Photographie 
trotz  der  Rasur  ganz  deutlich  hulde  zeigt.  Es  kann  also  innerhalb 
gewisser  Grenzen  die  Heidelberger  Copie  das  Original  vertreten,  und 
sie  ist  demnach  nicht  nur  ein  glänzendes  Schaustück,  sondern  auch 
ein  geeignetes  Object  für  textkritische  Untersuchungen. 


NARRENGESELLSCHAFTEN. 


Es  hat  wohl  zu  allen  Zeiten  Menschen  gegeben,  die  sich  gern 
sowohl  über  die  Thorheiten  Anderer  wie  über  die  eigenen  lustig  mach- 
ten und,  um  diesen  Zweck  besser  zu  erreichen,  sich  in  Gesellschaften 
vereinigten.  Die  älteste  dieser  Art,  die  mir  bekannt  geworden,  finde 
ich  erwähnt  bei  Athenaeus  p.  614  Gas.,  der  über  sie  Folgendes  be- 
lichtet: „In  dem  Heracleura  der  Diomeer^)  versammelten  sich  ge- 
wöhnlich sechzig  Personen,  die  auch  in  der  Stadt  unter  diesem  Namen 
bekannt  waren;  daher  die  Redeweisen  'die  Sechzig  haben  das  ge- 
sagt' und  'ich  komme  von  den  Sechzig'.  Zu  ihnen  gehörte  z.  B. 
Kailimedon,  beigenannt  der  Krebs,  sowie  Deinias;  ferner  auch  Mna- 
sigeiton  und  Menaichmos,  wie  Telephanes  in  seinem  Buche  über  Athen 
berichtet.  Der  Ruf  ihrer  beißenden  Freimüthigkeit  war  so  verbreitet, 
daß  Philipp  von  Macedonien  ihnen  ein  Talent  schickte,  damit  sie  ihm 


*)  Diomeia  war  der  Name  eines  Demos  in  Attika.  Er  hieß  nach  Diomes,  dem 
Liebling  des  Herakles,  der  auch  zuerst  den  Dienst  des  letzteren  hier  einführte. 


176  F.  LIEBRECHT 

die   aufgezeichneten  Lächerlichkeiten    zuschicken    sollten.    Daß  dieser 
König    aber    dergleichen    gern    hörte,    bezeigt  Demosthenes    in  seinen 
„Philippischen  Reden".  —  Sehr  nahe  verwandt  mit  dieser  athenischen 
Gesellschaft    scheint    die  Babinische  Republik    gewesen    zu   sein, 
über    welche  Pierer    berichtet,    daß    sie    von    dem  witzigen  Starosten 
Psanka  im  Jahre  1508  mit  Gleichgesinnten  gestiftet  wurde,  besonders 
mit   Peter    Casarius,    Richter    zu  Lublin.    Psanka's    Rittersitz   Babin 
lag  nicht  weit  von  dieser  Stadt,  und  aufgenommen  wurden  nur  Solche, 
die  sich  durch  eine  Lächerlichkeit  auszeichneten.  Man  schraubte  sich 
gegenseitig  und  nahm  nichts  übel,  gab  sich  Titel  der  Monarchie,  z.  B. 
Kronjägermeister  (wer    zur  Unzeit  oder  zu  viel  von  Hunden  sprach), 
Rittmeister  (wer  oft  vom  Pferde  fiel),    Feldmarschall  (wer  im  Kriege 
davonlief)  u.  s.  w.  König  Sigismund,   der  sie  einst  besuchte,  ward  zu 
ihrem  Könige  gewählt.    Staatsmänner,    Soldaten,    Richter,    Geistliche 
beeiferten  sich,   ihr  beizutreten,   und  sie  war  lange  die  Ergötzlichkeit 
aller  Feste,  der  Schrecken  aller  Dummen  und  Schlechten.  Sie  bestand 
bis  1677.    Der  Canonicus  Szianiawski   hat   besonders  über  sie  Unter- 
suchungen angestellt.  —  Hierher  gehört  auch,  was  Reinsberg-Dürings- 
feld    mittheilt    in    seinem  Buche  Traditions    et  Legendes    de    la 
Belgique  1,  372,    wo  es  heißt:    „Le  jeudi    apres  la  Pentecote   etait 
autrefois  a  Moerzeke   dans  le  pays  de  Termonde    un  jour  de  grande 
jubilation.  —  De  tous  les  villages  environnants  on  se  rendait  au  Castel, 
appel(j    vulgaireraent  'Hoog  Castelle'  pour    asisster  ä  la  messe  qui  s'y 
celebrait  ce  jour  dans  la  vieille  chapelle  dedi^e  a  Notre-Dame.  Apres 
la  cer6monie  religieuse,  avait  lieu  une  fete  d'un  genre  tout  particulier. 
On  conferait  d'abord  des  charges  ridicules,    comme  l'emploi  de  rece- 
veur  a  celui    qui    avait    dissipe  sa  fortune    ou    qui,    au  service  de  la 
commune,    avait    mal    fait    ses    comptes  de  depense;    celui  de  veneur 
a  celui    qui,    en  poursuivant  du  gibier,    etait    tombe    dans    un  fosse; 
celui    de    conseiller  ä  celui    qui    avait   donne   quelque   conseil  ridicule 
dans    une    affaire    serieuse;    celui    de    cocher    ou  de  charettier  a  celui 
qui    avait    vers6    en    conduisant    une    voiture    etc.    etc.    —  Puis,    une 
dame  grotesquement  habille^  en  grande  dame  ou  'Mevrouw',  assise  sur 
un  chariot,  charge  de  furnier  et  train^  par    quatre  haridelles  et  accora- 
pagnee    d'une   foule  de  jeunes    gens,    ä  pied  et  a  cheval,    qui  entour- 
aient  ou  suivaient  ce  char  de  triomphe,  faisait   le  tour  de  la  place  et 
descendait  de  son    char   aux  hu^es  de  tous  les  assistants.  —  Pour  ter- 
miner la  festivitö,    on  exposait  a  ferme  la  chasse   aux  sauterelles,    la 
peche  sur  une  raontagne  sans  eau,  etc.  —  Tout  paysan  de  la  contree 
qui  raanquait  de  se  rendre  u  cette  fete,    y  etait    conduit  garott^  avec 


SEEWASSER  IN  TEMPELN.  177 

des  liens  de  paille  aux  pieds  et  aux  mains.  —  Mais  Finvasion  fran- 
gaise  mit  fin  k  Ja  chapelle  aussi  bien  qu'k  la  fete  populaire." 

Von  den  mir  bekannten  Gesellschaften  und  Festen  dieser  Art 
führe  ich  noch  schließlich  Folgendes  an  über  das  Regiment  de  la 
Calotte,  welches  im  18.  Jahrh.  in  Frankreich  bestand.  „Les  actions 
ridicules,  les  paroles  d^plac^es,  les  sottises  de  quelques  natures 
qu'elles  fussent,  etaient  i'objet  des  satires  du  regiment  de  la  ca- 
lotte ....  il  distribuait  des  brevets  ä  tous  ceux  qui  avaient  fait  quel- 
ques eclats  par  leur  sottise  ....  il  se  melait  aussi  de  politique.  ... 
L'eveque  de  Soissons,  Languet,  fut  nomme  historiographe  du  regi- 
ment de  la  calotte  pour  son  histoire  de  Marie  Alacoque."  Cheruel, 
Dictionn.  des  Institutions,  Moeurs  et  Coutumes  de  la  France  1855. 
I,  420. 

LÜTTICH.  FELIX  LIEBRECHT. 

SEEWASSER  IN  TEMPELN. 


Wir  finden  mehrfach  Sagen  und  Berichte,  wonach  sich  zuweilen 
plötzlich  in  Tempeln  und  andern  Heiligthümeru  lautes  Rauschen  von 
Seewasser  und  anderm  Gewässer  vernehmen  oder  auch  dieses  selbst 
sehen  ließ,  obgleich  die  Localitäten  sich  weit  vom  Meere  befanden. 
Ich  will  im  Folgenden  mehrere  derselben  zusammenstellen,  da  es 
immerhin  interessant  ist,  die  betreffenden,  der  Zeit  und  dem  Orte  nach 
so  weit  auseinander  liegenden  Erzählungen  neben  einander  zu  finden, 
so  weit  sie  nämlich  mir  zur  Kenntniß  gekommen  sind. 

Zuvörderst  finden  wir  bei  Pausanias  1,  26,  6,  daß  er,  von  dem 
athenischen  Erechtheion  sprechend,  auch  berichtet:  „Vor  dem  Eingang 
befindet  sich  ein  Altar  des  Zeus  Hypatos,  wo  man  nichts  Lebendes 
opfert,  sondern  nur  Backwerk  hinsetzt  und  auch  keinen  Wein  zu 
brauchen  pflegt.  Der  Eintretende  sieht  mehrere  Altäre,  einen  des 
Poseidon,  auf  welchem  man  einem  Orakel  zufolge  auch  dem  Erech- 
theus  Opfer  bringt;  dann  einen  des  Heros  Butes;  der  dritte  aber  ist 
der  des  Herakles.  Auf  den  Wänden  befinden  sich  Gemälde  von  dem 
Geschlechte  der  Butaden.  Denn  dieses  Gebäude  ist  ein  zweifaches, 
und  es  befindet  sich  darin  Meerwasser  in  einem  Brunnen.  Dies  ist 
zwar  kein  großes  Wunder ;  denn  von  denen,  die  mitten  im  Festlande 
wohnen,  findet  ein  solches  sich  außer  bei  andern  auch  bei  den  aphro- 
disischen Kariern ;  dieser  Brunnen  jedoch  bietet  das  Bemerkenswerthe, 
daß  er  bei  blasendem  Südwind  ein  Wogenrauschen  hören  läßt;  und 
in  dem  Felsen   befindet   sich    die  Figur    eines  Dreizacks."    Weiterhin 

GERMANIA.    Nene  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  12 


178  F.  LIEBREOHT 

(8,  10,  2.  3)  spricht  Pausanias  von  dem  Tempel  des  Poseidon  Hippios 
in  Arkadien,  nennt  als  erste  Erbauer  Agamedes  und  Trophonios,  und 
sagt  unter  anderm:  „Indem  sie  die  Menschen  davon  abhalten  wollten, 
denselben  zu  betreten,  brachten  sie  zwar  nichts  an,  was  den  Eintritt 
verwehren  konnte,  sondern  spannten  bloß  einen  rothen  Faden  vor,  dies 
vielleicht  bei  der  damaligen  Gottesfürchtigkeit  für  eine  hinreichende 
Abschreckung  haltend,  oder  weil  vielleicht  dem  Faden  eine  besondere 
Kraft  innewohnte.  Es  scheint  aber,  daß  Aepytos,  der  Sohn  des  Hip- 
potes,  ohne  den  Faden  zu  überspringen  oder  unten  durchzukriechen, 
sondern  ihn  zersprengend,  in  das  Heiligthum  eingedrungen  sei  und 
dort  Ruchlosigkeiten  ausgeübt  habe.  Jedoch  fiel  ihm  eine  Meereswoge 
in  die  Augen  und  machte  ihn  blind,  bald  darauf  aber  starb  er.  — 
Daß  aber  in  diesem  Tempel  sich  eine  Meereswoge  gezeigt  habe,  ge- 
hört einer  alten  Reihe  von  Erzählungen  an;  denn  Ähnliches  berichten 
auch  die  Athener  in  Bezug  auf  die  in  der  Akropolis  erschienene 
Meereswoge  sowie  die  Karer,  welche  Mylasa  inne  haben  ,  in  Bezug 
auf  den  Tempel  des  Gottes,  den  sie  in  der  einheimischen  Sprache 
Ogoa  nennen.  In  Athen  aber  ist  das  Meer  in  Phaleron  ungefähr 
zwanzig  Stadien  von  der  Stadt  entfernt,  sowie  in  Mylasa  der  Anker- 
platz von  der  Stadt  achtzig  Stadien;  in  Mantinea  jedoch  kam  das 
Meerwasser  aus  großer  Entfernung  offenbar  nach  dem  Willen  des 
Gottes." 

In  der  Nialssaga  c.  158  heißt  es:  „In  Thvattä  zeigte  sich  dem 
Priester  am  Charfreitag  eine  Meerestiefe  am  Altar,  und  er  sah  darin 
viele  Ungeheuer,  und  es  dauerte  lange,  bevor  er  die  Hören  singen 
konnte." 

Rochholz,  Schv/eizersagen  aus  dem  Aargau  1,  29,  Nr.  16,  er- 
zählt: „Als  vor  vielen  Jahren  in  Olsberg  großer  Wassermangel  herrschte 
und  Mensch  und  Thier  an  Krankheiten  zu  Grunde  ging,  gaben  die 
Geistlichen  dem  Unglauben  des  Volkes  die  Schuld  und  ließen  täglich 
Bußpredigten  und  öffentliche  Gebete  abhalten.  Während  so  einmal 
der  Kaplan  am  Klosteraltar  die  Messe  las,  meinte  er  plötzlich  ein 
lautes  Rauschen  und  Sprudeln  um  sich  zu  vernehmen;  die  Ministranten 
eilten  betroffen  hinter  den  Altar,  als  den  Ort,  woher  jeuer  Lärm  drang, 
und  sahen  mit  allgemeiner  Freude,  wie  ein  vorher  nie  dagewesenes 
Loch  im  Kirchboden  voll  tiefen  Wassers  anquoll.  Man  traf  sogleich 
Anstalten,  die  Quelle  zu  sammeln  und  leitete  sie  so  gut,  daß  seither 
die  Olsberge  gegen  ähnliche  Noth  geschützt  blieben.  Jenes  Loch  ist 
noch  immer  zu  sehen  unter  dem  Altar  der  Kirche  u.  s.  w."  Rochholz 
bemerkt    dazu:    „In    der    Laibacher  Dreifaltigkeitskirche    sieht  J.  G. 


EIN  VOLKSVERS.  179 

Kohl  (Augsb.  Allg.  Ztg.  1851,  Nr.  254)  neben  dem  Altar  ein  Wasser- 
loch mit  einer  Eisenplatte  bedeckt,  durch  die  man  das  Wasser  herauf- 
rauschen  und,  wenn  es  ruhig  ist,  die  Fische  plätschern  hört.  Dieser 
Quelle  zu  Ehren  Von  der  e  kloaner  bua  troemt  hat',  wurde  die  große 
Kirche  erbaut." 

Zuletzt  eine  raessinesische  Sage,  wonach  jemand  in  einen  Brunnen, 
der  sich  unzugedeckt  in  einer  Kirche  befand,  unvorsichtiger  Weise 
stürzte  und  ertrank.  Die  Seele  kam  in's  Fegefeuer  und  sollte  das- 
selbe erst  verlassen,  wenn  einmal  für  sie  eine  Messe  gelesen  würde, 
was  auch  lange  nachher  geschah.  S.  Baring-Gould ,  The  Silver-Store, 
collected  from  mediaeval  Christian  and  Jewish  Mines.  London  1868, 
p.  107  gqq.  Der  Verf.  bemerkt  hierzu:  „Several  foreign  cathedrals 
have  wells  within  the  building.  That  in  Strasbourg  has  been  only 
lately  closed." 

LÜTTICH.  FELIX  LIEBRECHT. 


EIN  VOLKSVERS. 


In  Cleasby-Vigfusson's  Icelandic  English  Dictionary  s.  v.  Elska 
heißt  es:  „Icel.  have  a  playful  rhyme  referring  to  lovers  running  thus 
„elskar  hann  (hün)  mig  |  af  öllu  hjarta,  ]  ofrheitt  |  harla  litid  |  og 
ekki  neitt",  which  calls  to  mind  the  scene  in  Goethe's  Faust  where 
Gretchen  plucks  off  the  petals  of  the  flowers  with  the  words;  er  liebt 
mich  —  er  liebt  mich  nicht."  Dieser  Reim  ist  weitverbreitet  und  wahr- 
scheinlich auch  schon  alt;  s.  Zingerle,  Das  deutsche  Kinderspiel  im 
Mittelalter,  S.  32  und  die  dort  angeführten  Schriften;  in  Schlesien, 
wo  ich  ihn  in  meiner  Jugend  oft  gehört,  lautet  er:  „Er  (sie)  liebt 
mich  vom  Herzen  —  mit  Schmerzen  —  ein  klein  wenig  —  oder  gar 
nicht."  Eine  portugiesische  Version  habe  ich  in  den  Gott.  Gel.  Auz. 
1883  (S.  24P)  mitgetheilt.  („Um  zu  wissen,  ob  man,  liebend,  wieder 
geliebt  wird,  pflückt  man  eine  Dotterblume  (mal  me  quer)  und  rupft 
die  Blätter  derselben  nacheinander  ab,  wobei  man  abwechselnd  sagt[ 
'mal  me  quer'  (er  [sie]  liebt  mich  schlecht)  und  „bem  me  quer  (er  [sie: 
liebt  mich  gut);  wenn  nun  die  Worte  mal  me  quer'  auf  das  letzte 
Blatt  treffen,  so  wird  man  nicht  wieder  geliebt;  andernfalls  aber  er- 
freut man  sich  der  Gegenliebe  des  geliebten  Gegenstandes.")  —  Von 
der  Feier  des  1.  Mai  in  Sicilien  und  den  dabei  unter  Mädchen  ge- 
bräuchlichen Spielen  heißt  es:  „Wenn  sie  müde  sind,  setzen  sie  sich 
nieder,    und   indem  jede  von  ihnen  die  Blätter  einer  Goldblume  (Cri- 

12* 


180  F-  LIEBRECHT,  EIN  VOLKSVERS. 

santemo)  eines  nach  dem  andern  abreißt,  fragen  sie  dabei,  ob  sie  einen 
Mann  bekommen  werden  oder  nicht:  'ich  bekomme  ihn  —  ich  be- 
komme ich  nicht;  und  ob  der  Liebhaber  oder  Bräutigam  treu  ist  oder 
nicht  u.  s.  w.  Die  Antwort  gibt  das  letzte  Blatt,  je  nachdem  es  be- 
jahend oder  verneinend  ausfällt."  Archivio  per  lo  Studio  delle  Tradi- 
zioni  popolari.  Rivista  diretta  da  Gr.  Pitre  e  S.  Saloraone- Marino. 
Palermo  1883.  II,  421.  Was  Spanien  betrifft,  so  lesen  wir  in  Antonio 
Machado  y  Alvarez,  Folk-Lore  Espaüol.  Madrid  1884.  Tomo  IV,  p.  89: 
„Um  zu  erfahren,  ob  wir  Gegenliebe  erhalten,  reißt  man  von  einer 
Blume  die  Blätter  einzeln  ab  und  sagt  dabei :  viel  —  wenig  —  gar 
nichts  (mucho,  poeo,  nada).  Das  letzte  Blatt  bestimmt  dann  den  Grad 
der  Liebe." 

An  der  angeführten  Stelle  bemerkt  Zingerle:  „Die  Blumen  dienen 
nicht  nur  zum  Binden  der  Sträuße  und  Winden  der  Kränze^  sondern 
auch  zu  Orakeln,  wie  uns  die  Kinder  und  das  Gretchen  in  Faust  zeigen. 
Für  das  Blumenorakel,  das  im  Mittelalter  ebenso  bekannt  war  wie  jetzt, 
fehlen  mir  Belege.  Desto  häufiger  findet  sich  das  Halmziehen  er- 
erwähnt. Dieses  orakelhafte  Halmziehen  oder  etwas  Ahnliches  findet 
sich  auch  in  China,  jedoch  bei  anderer,  obschon  ähnlicher  Gelegenheit. 
So  singt  eine  von  ihrem  Gatten  getrennte  Frau  in  ihrer  Sehnsucht 
nach  ihm:  „Mein  Mann  ist  im  Kriege,  und  mein  Herz  ist  nieder- 
geschlagen. —  Wir  sind  jetzt  seit  einem  halben  Jahre  getrennt,  und 
ich  habe  noch  keinen  Brief  von  ihm  erhalten.  —  Ich  habe  vor  Buddha 
Weihrauch  verbrannt,  und  vor  Kuan-Yin,  der  Göttin  des  Erbarmens, 
der  Helferin  derer,  die  in  Noth  und  Bedrängniß  sind  ....  —  Ich 
befrage  die  Weissager  um  Rath;  ich  flehe  zu  den  Göttern,  lasse  mir 
wahrsagen,  wie  es  dem  Entfernten  ergeht.  — Ich  ziehe  einen  von 
diesen  Streifen  (strips)  und  es  ist  ein  langer;  einer  der 
Gutes  vor  bedeutet.  —  Mann  und  Frau  werden  wieder  mit  ein- 
ander vereint  werden."  George  Carter  Stent,  The  Jade  Chaplet.  A  Col- 
lection  of  Songs,  Ballads  etc.  (From  the  Chinese.)  London  1874,  p.  55  sq. 
Dieses  Orakel  ist  eben  auch  leicht  zur  Hand  und  rasch  befragt,  ebenso 
wie  das  der  Blume. 

LÜT'JICH.  FELIX  LIEBRECHT. 


M.  FK.  BLAU,  ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  181 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE. 

Ein  Beitrag    zur  Entwicklung    der  Legende,    nebst    einer  Untersuchung  über 
das  Handschriftenverhältniß   in   der  mhd.  Redaction  B. 


I.  T  h  e  i  1. 

Die  Frage  nach  dem  Ursprünge  der  im  Mittelalter  literarisch  so 
viel  behandelten  Legende  vom  heiligen  Alexius  ist  von  G,  Paris  in 
der  werthvollen  Einleitung  zur  Ausgabe  des  altfranzösischen  R*) 
(Romania  VIII,  163  ff.)  endgiltig  gelöst.  Danach  entwickelt  sich  eine 
wohl  wahrheitsgetreue,  von  allem  Wunderbaren  freie  Erzcählung  von 
dem  asketischen  Leben  eines  reich-  und  edelgebornen  Jünglings  im 
Gebiete  der  griechischen  Kirche  zu  der  Legende,  wie  sie  uns,  wenig- 
stens in  den  Hauptzügen  treu,  auch  noch  in  der  lateinischen  Fassung 
vorliegt. 

Die  syrische  Vita,  die  solchergestalt  als  Original  und  Ausgangs- 
punkt der  Legende  erscheint,  wird  in  Bälde  von  Herrn  M.  Amiaud  ^)  in 
Paris  herausgegeben  werden,  und  gleichzeitig  wird  genannter  Herr  in 
einer  längeren  Einleitung  über  das  Verhältniß  der  vorhandenen  syrischen, 
griechischen  und  lateinischen  Redactionen  handeln.  Ich  bin  deshalb  der 
Mühe  überhoben,  auf  diese  Frage  näher  einzugehen,  da  ich  mich  den 
Ausführungen  Amiauds  fast  durchgängig  anzuschließen  vermag;  was 
ich  etwa  an  eigenen  Resultaten  in  diesem  Punkte,  dem  ich  natürlich 
vor  dem  Bekanntwerden  mit  Amiauds  Schrift  auch  meine  Aufmerksam- 
keit bereits  zugewendet  hatte,  gefunden  habe,  werde  ich  gelegentlich 
anführen,  wennschon  ich  nun  nicht  mehr  den  Anspruch  erheben  darf, 
die  Resultate  zuerst  veröffentlicht  zu  haben. 

Meine  Untersuchungen  müssen  sich  also,  wenn  auch  die  grie- 
chischen Bearbeitungen  nicht  unbesprochen  bleiben  sollen,  im  Wesent- 
lichen  auf  die  Darstellungen    der  Legende    beschränken,    welche   das 


')  Für  die  Siglen  verweise  ich  auf  Brauns' :  Über  Quelle  und  Entwicklung  der 
afrz.  Can^un  de  saint  Alexis  etc.  Kiel  1^84,  wo  auf  S.  V — X  eine  —  freilich  nicht 
ganz  vollständige  —  Aufzählung  der  verschiedenen  Bearbeitungen  der  Legende  ge- 
geben ist.  Die  von  mir  benutzten  abendländischen  Bearbeitungen  finden  sich  in 
Massmann:  Sanct  Alexius'  Leben  etc.  Quedlinburg  u.  Leipzig  1843.  G.  Paris:  La  Vie 
de  saint  Alexis.  Paris  1872. 

^)  Ich  unterlasse  es  nicht,  Herrn  M.  Amiaud  meinen  wärmsten  Dank  an  dieser 
Stelle  dafür  auszusprechen,  daß  er  mir  in  liebenswürdigster  Weise  die  bisher  gedruckten 
Bogen   seiner   interessanten  Arbeit  zur  Einsichtnahme  überlassen  hat. 


132  ^-  ^'K-  BLAU 

Abendland  bietet,  und  meine  erste  Aufgabe  wird  sein,  der  Frage  über 
die  Zeit   der  Einführung   des  Alexiuscultes    in  Rom   näher   zu    treten. 

Es  ist  wahr,  Herr  Abb^  Duchesne  hat  nach  G.  Paris'  Angabe 
(a.  a.  0.  163)  eine  Monographie  darüber  geschrieben;  aber  da  die- 
selbe nach  nunmehr  zehn  Jahren  noch  immer  nicht  veröffentlicht 
worden  ist,  habe  ich  es  nicht  für  unnöthig  gehalten,  Duchesne's  Hypo- 
these —  denn  als  solche  müssen  wir  doch  seine  Ansicht  vorläufig 
betrachten  —  auf  ihre  Wahrscheinlichkeit  zu  prüfen.  Nach  Duchesne^ 
dem  sich  G.  Paris  anschließt,  ist  der  Cultus  des  Alexius  bis  zum  Ende 
des  zehnten  Jahrhunderts  dem  Abendlande  unbekannt  geblieben: 
erst  der  aus  Damascus  vertriebene  Metropolit  Sergius  führte  ihn  in 
Rom  ein,  indem  er  die  Legende  gleichzeitig  in  nähere  Beziehung  zu 
der  ihm  vom  Papste  Benedict  VII.  überwiesenen  Bonifaciuskirche 
brachte. 

Schon  Pinius,  der  Bearbeiter  des  Artikels  Alexius  für  die  Acta 
Sanctorum  (mens.  Julii  Tom.  IV,  p.  241),  hat  bemerkt,  daß  wir  den 
Namen  des  Heiligen  in  keinem  der  ältesten  lateinischen  Martyrologien 
finden,  weder  in  dem  kleinen  römischen  aus  dem  achten  Jahrhundert, 
noch  bei  Beda,  Ado,  Usuard,  noch  im  Kalendarium  Romanum. 

Freilich  gibt  er  ebenda  p.  250  an,  daß  die  eine  Hs.  der  gemeinen 
Redaction  der  Legende  (B)  bereits  aus  dem  neunten  Jahrhundert 
stamme,  aber  seine  Begründung  ist  sicher  mehr  als  fraglich.  A.  a.  O., 
wo  er  die  Hss.  bezeichnet,  die  ihm  vorgelegen  haben,  führt  er  auch 
eine  auf,  welche  Henschen  im  Jahre  1648  vom  Kanzler  von  Geldern, 
Hieronymus  de  Gaule,  erhalten  habe.  Dieselbe  enthält  auch  eine  Vita 
Erasmi,  und  da  nun  Henschen  bei  Herausgabe  der  letzteren  (Aa.  Ss. 
Junü  Tom.  I,  p.  211)  von  einer  Hs.  spricht,  welche  er  nach  dem 
Charakter  der  Schrift  ins  neunte  Jahrhundert  setzt,  so  combinirt 
Pinius,  daß  diese  Hs.  identisch  sei  mit  der  ihm  selbst  vorliegenden. 
Dagegen  ist  aber  einzuwenden,  daß  Henschen  an  besagter  Stelle 
auch  nicht  die  geringste  Andeutung  betreffs  einer  näheren  Bestim- 
mung jener  werth vollen  Hs.  macht,  sondern  sich  damit  begnügt  zu 
sagen:  „acta  habemus  in  quam  plurimis  codicibus  Mss.  quorum  uuus 
charactere  vetustissimo  a  nongentis  fursan  aut  saltem  octingentis  — 
der  betreffende  Band  der  Aa.  Ss.  ist  1695  erschienen  —  annis  exaratus 
apud  nos  est."  Der  Schluß,  den  Pinius  sich  hier  erlaubt,  bloß  darauf 
hin,  daß  besagte  Hs.  eine  Vita  Erasmi  und  eine  Vita  Alexii  enthält, 
ist  doch  sehr  kühn,  zumal  er  ein  eigenes  Urtheil  über  die  Hs.  sich 
nicht  getraut  und  mit  den  allgemeinen  Worten  „vetustissimis  litteris 
exaratus"    einer    wirklichen  Bestimmung  des  Alters  der  Hs.  aus  dem 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  183 

Wege  geht.  Wir  können  ihm  auf  so  unsicheren  Boden  der  Corabination 
nicht  folgen  und  müssen  deshalb  die  Existenz  einer  lateinischen  Vita 
S.  Alexii  aus  dem  neunten  Jahrhundert  für  durchaus  unerwiesen  halten. 

Ein  anderer  Gegner  der  Ansicht,  daß  der  Alexiuscult  im  Abend- 
lande so  jungen  Ursprungs  sei,  ist  der  Abt  Nerini,  welcher  in  einem 
dicken  Band  von  600  Seiten  über  die  den  Heiligen  ßonifacius  und 
Alexius  geweihte  Kirche  und  deren  Geschichte  geschrieben  hat  unter 
dem  Titel:  De  templo  et  coenobio  Sanctorum  Bonifacii  et  Alexii  etc. 
Romae  1752.  Er  ist  ebenso,  ja  in  noch  höherem  Grade  Partei  in  dieser 
Frage  als  Pinius,  der  sich  auch  nach  seinen  Kräften  müht,  den  Alexius 
und  seine  Legende  so  früh  als  möglich  in  Rom  nachzuweisen:  Nerini 
ist  nämlich  selbst  Abt  des  Klosters  jener  Heiligen. 

Er  hat  also  von  Neuem  die  Arbeit  aufgenommen,  den  Alexius 
und  seinen  Cult  seit  frühester  Zeit  in  Rom  zu  erweisen,  und  so  bringt 
er  denn  ziemlich  reichliches  Material  zur  Begründung  seiner  Ansicht 
herbei,  freilich  ohne  eigentliche  Kritik. 

Zuerst  führt  er  an  (p.  24) ,  daß  diejenigen  Texte  des  Usuard, 
welche  der  Herausgeber  Sollier  (Aa.  Ss.  Junii  Tom.  VI)  zur  Classe  der 
vetustioris  uotae  mss.  rechnet,  den  Alexius  erwähnen;  es  sind  die 
folgenden:  Tornacensis,  Aquicinctinus,  beide  von  Sollier  sogar  als 
maxime  probati  bezeichnet  (Praefatio  LVI)  und  ferner  diejenigen, 
denen  er  den  Titel  der  mediae  notae  zugesteht:  Maximus  Antverpiensis, 
ültrajectinus,  Leydensis,  Lovanieusis,  Albergensis,  Dauieus  und  schließ- 
lich noch  der  Bruxellensis  und  Hagenoyeusis. 

Der  Tornacensis  ist  geschrieben  zwischen  1219  und  1252,  wie 
Sollier  a.  a.  O.  nachweist;  den  Aquicinctinus  glaubt  er  nicht  vor  das 
13.  Jahrhundert  setzen  zu  sollen  (p.  LVIII).  Die  ganze  Reihe  der 
nächsten  sechs  Hss.  fällt  ins  15.  Jahrhundert,  der  Bruxellensis  aber 
Ende  des  14.  oder  Anfang  des  15.  Jahrhunderts,  der  Hagenoyensis, 
durch  seine  besonderen  Angaben  übrigens  für  die  Legende  am  interes- 
santesten, wurde  am  16.  Juni  1412  beendet. 

Hieraus  ist  also  ersichtlich,  daß  diese  Eintragungen,  welche 
sämmtlich  erst  in  Hss.  des  13.  und  der  folgenden  Jahrhunderte  be- 
gegnen, gar  keinen  Rückschluß  auf  das  Original  des  Usuard  gestatten, 
von  dem  noch  ältere  und  bessere  Hss.  existiren  —  s.  Sollier  a.  a.  O.  — 
die  unseren  Heiligen  nicht  kennen,  und  daß  also  Nerinis  Behauptung, 
Alexius  sei  um  875,  wo  Usuard  schrieb,  im  Abendlande  bekannt  ge- 
wesen, hinfällig  wird.  Aus  dem  Fehlen  des  Heiligen  bei  Usuard  läßt 
sich  nun  aber  ein  ziemlich  sicherer  Rückschluß  darauf  machen,  daß 
er  auch  bei  Beda  nicht'genannt  war;  Usuards  Arbeit  ruht  ja  in  erster 


184  M.  FR.  BLAU 

Linie  auf  Beda,  dessen  Lücken  er  auszufüllen  bestrebt  ist.  Und  zu 
dem  Schlüsse,  daß  das  Original  des  Martyrologiums  Bedas  den 
Heiligen  nicht  nannte  —  einige  minderwertbige  Hss.  bieten  seinen 
Namen  —  sind  wir  um  so  mehr  berechtigt,  als  Ado  (859  —  874  Erz- 
bischof von  Vienne),  der  Usuards  directe  Vorlage  war  und  selbst 
direct  aus  Beda  schöpfte,  den  Heiligen  gleichfalls  nicht  nennt,  und 
ebenso,  um  auch  dies  gleich  hier  zu  erwähnen,  Hrabanus  Maurus,  der 
erste  Erweiterer  des  Beda'schen  Martyrologs,  vom  Alexius  schweigt. 
Das  Martyrologium  endlich ,  welches  Notker  der  Stammler  (f  912) 
verfaßte,  kennt  ihn  gleichfalls  nicht. 

Ebensowenig  Glück  hat  Nerini  mit  einer  andern  Aufstellung,  die 
beweisen  soll,  daß  mindestens  im  sechsten  Jahrhundert  Alexius  in  Rom 
bekannt  war.  Er  führt  p.  13  ff.  und  24  eine  Stelle  aus  dem  soge- 
nannten Anastasius  Bibliothecarius  an,  worin  es  heißt,  daß  ein  Petrus 
eine  Kirche  der  heiligen  Sabina  in  der  Stadt  Rom  erbaut  habe 
„in  moute  Aventino  juxta  ...  Monasterium  S.  Bonifacii,  in  quo  et 
S.  Alexius  jacet".  Diese  Stelle,  zum  Leben  Sixius'  HJ.,  er.  440  also, 
wäre  allerdings  vernichtend  für  Duchesnes  Hypothese,  wenn  sie  wirk- 
liche Zuverlässigkeit  hätte.  Aber  dagegen  spricht  nun,  daß  in  der 
Erwähnung  dieses  Kirchenbaues  —  die  übrigens  als  Fälschung  zu 
betrachten  ist,  da  jene  Basilika  schon  unter  Papst  Cölestin  (f  432) 
von  einem  Presbyter  Petrus  erbaut  ist  (vgl.  dazu  Piper:  Einleitung  in 
die  monumentale  Theologie  1867,  p.  322)  —  jener  Zusatz  „in  monte 
Aventino  juxta  monasterium  S.  Bonifacii,  in  quo  et  S.  Alexius  jacet" 
nicht  ursprünglich  ist,  obgleich  er  nach  Nerini  a.  a.  0.  in  der  Aus- 
gabe des  liber  pontificalis  von  Vignoli  1724  Romae^)   steht. 

Schon  Blanchini  gibt  den  Zusatz  in  seiner  Ausgabe  des  soge- 
nannten Anastasius  Bibliothecarius  nicht  im  eigentlichen  Text,  sondern 
nur  in  den  Varianten  mit  der  Bemerkung  ex  codice  Regio  Mazarino 
et  Thuano  (vgl.  Migne  128,  sp.  227);  nun  sind  aber  nach  Duchesne 
—  dem  wir  eine  umfassende  Arbeit  über  die  Hss.  des  liber  pontificalis 
verdanken  (Etüde  sur  le  liber  pontificalis  par  M.  Tabbö  Duchesne 
1877  in  der  Bibliotheque  des  ecoles  frangaises  d'Athenes  et  de  Rome. 
Fascicule  premier.)  —  ein  Cod.  Regius  und  ein  Mazarinaeus,  die 
ungefähr  die  gleichen  Varianten  geben,  beide  erst  im  15.  Jahrhundert 
geschrieben  (nach  p.  37)  und  gehören  zur  Gruppe  M,  zu  den  Über- 
arbeitungen, die  bis  auf  Martin  V.  fortgeführt  sind.  Erwägt  man  noch, 
daß  Vignoli    (nach    ebenda  p.   120.  121)    Unter  Zugrundelegung  einer 


*)  Mir  selbst  ist  leider  diese  Ausgabe  nicht  zugänglich  gewesen. 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  185 

Hs.  erst  des  neunten  Jahrhunderts  (Vatic.  3764)  seine  Zusätze  aus  allen 
möglichen  anderen  ohne  jede  Kritik  entnimmt,  so  ist  es  wohl  nicht 
zweifelhaft,  daß  der  uns  angehende  Zusatz  —  den  unter  den  so  zahl- 
reichen Hss.  des  liber  pontificalis  eben  nur  jene  zwei  bieten  —  dem 
Original  nicht  angehört  haben  kann. 

So  sind  also  Nerinis  Versuche,  Alexius  vor  dem  10.  Jahrhundert 
nachzuweisen,  als  vergeblich  zu  betrachten:  Beda,  Usuard,  der  liber 
pontificalis  kennen  den  Heiligen  nicht.  Es  lassen  sich  nun  noch  einige 
Gründe  anführen,,  die  direct  dagegen  sprechen,  daß  Alexius  dem 
Abendlande  vor  der  von  Duchesne  angegebenen  Zeit  bekannt  war. 

Nerini  führt  p.  15  eine  Notiz  aus  Ruinart  an  (Notitia  de  olea  (sie!) 
Sanctorura  Martyrum  qui  Romae  in  corpore  requiescunt),  in  der  erzählt 
wird,  daß  Gregor  der  Große  (f  604)  der  Königin  Theudelinde  die 
olea  (!)  der  heiligen  Märtyrer  schickt,  welche  in  Rom  ruhen.  Bonifacius 
ist  darunter,  und  gleich  dabei  steht  „S.  Hermetis",  der  nach  Nerini 
in  derselben  Kirche  ruht.  Ist  es  denkbar,  daß  der  Papst  zwei  Heilige 
dieses  Klosters  vor  dem  dritten  (Alexius)  bevorzugt  habe,  bei  einer 
Gelegenheit,  wo  ein  Name  mehr  den  Werth  seiner  Gabe  und  den  Glanz 
seiner  Stadt  nur  erhöhen  konnte?  Und  derselbe  Papst  hätte  sich  auch 
bei  einer  anderen  Gelegenheit  unserem  Alexius  feindlich  gezeigt?  Als 
er  nämlich  seinen  Dialogus  de  vita  et  miraculis  patrum  Italicorum 
verfaßte,  eine  Sammlung,  die  er  unternahm,  weil  er  das  Legendenbuch 
der  morgenländischen  Kirche,  die  sogenannten  Vitas  patrum,  so  hoch 
schätzte.  Alexius  hat  weder  in  dem  einen,  noch  in  dem  anderen  Auf- 
nahme gefunden. 

Eine  andere  Anführung  Nerinis  läßt  sich  gleichfalls  gegen  ihn 
verwerthen:  er  bringt  p.  45  wieder  aus  dem  liber  pontificalis  eine 
Stelle  bei,  nach  der  Papst  Leo  III.  (795 — 876)  der  diaconia  sancti 
Bonifacii  ein  Geschenk  maciit.  Gerade,  daß  auch  hier  wieder  der 
Name  des  Alexius  fehlt,  spricht  gegen  Nerinis  Ansicht,  wennschon 
streng  genommen  aus  jener  Stelle  nur  geschlossen  werden  darf,  daß 
zur  Zeit  Leo's  III.  die  Kirche  als  officiellen  Heiligen,  der  ihr  den 
Namen  gab,  nur  den  Bonifacius,  noch  nicht  den  Alexius  hatte. 

Ich  darf  am  Schlüsse  dieser  Erörterung  eine  Stelle  aus  Nerini 
nicht  übergehen,  aus  der  hervorzugehen  scheint,  daß  bereits  (im  fünften 
Jahrhundert)  Alexius'  Vater  zur  Bonifaciuskirche  in  nähere  Bezie- 
hung getreten  sei.  Er  führt  nämlich  p.  33  ein  Testament  des 
Euphemianus  an,  nach  welchem  dieser  um  seines  lieben  Sohnes 
Alexius  Willen  dem  Kloster  eine  fürstliche  Schenkung  macht.  Es  hat 
aber  mit  dieser  donatio  Eufumiani  (so  lautet  der  Name  in  der  Urkunde) 


186  M.  FK.  BLAU 

eine  eigene  Bewandtniß :  nicht  das  Original  ist  erhalten,  sondern 
Nerini  hat  im  Archiv  die  Abschrift  einer  Urkunde  gefunden,  in  welcher 
letzteren  jenes  Testament  nach  einem  zum  Theil  kaum  mehr  lesbaren 
Pergament  buchstäblich  treu  wiedergegeben  sein  sollte.  Jene  Urkunde 
soll  aus  dem  dritten  Jahre  des  Pontificates  Silvesters  II.  (also  1002) 
stammen  und  macht  allerdings  durchaus  den  Eindruck  der  Echtheit. 
Nerini  gibt  sich  mit  Erfolg  Mühe  nachzuweisen,  daß  sie  echt  ist, 
und  die  Frage  der  Unterschrift  durch  Benedictus  Scrinarius  Sanctae 
Romanae  Ecclesiae  macht  wohl  auch  keine  Schwierigkeiten,  wennschon 
Jaffe  in  den  Regesta  Pontificum  Romanorum  (ed.  sec.  Tom.  I,  p.  496) 
als  Scrinarii  S.  R.  E.  für  Silvesters  IL  Bullen  nur  Petrus,  Antonius  und 
Johannes  aufführt;  denn  Nerini  weist  mit  Recht  darauf  hin,  daß  ein 
Benedictus  als  Scrinarius  S.  R.  E.  unter  Silvesters  unmittelbarem 
Vorgänger,  Gregor  V.,  zum  Jahre  999  genannt  wird  und  ebenso  unter 
seinem  Nachfolger,  Benedict  VIII.,  zu  den  Jahren   1012 — 17. 

Aber  damit  ist  natürlich  nur  die  Echtheit  der  Urkunde  erwiesen, 
laut  welcher  Benedictus  Scrinarius  S.  R.  E.  in  Gegenwart  des  Papstes 
und  seines  Hofstaates,  sowie  des  Stadtpräfecten  und  vieler  hohen  Herren 
auf  Bitten  des  Abtes  Johannes  vom  Kloster  der  Heiligen  Bonifacius 
und  Alexius  einer  von  genanntem  Abte  aufgefundenen  Schrift  (eben 
jener  donatio  Eufumiani)  durch  amtliche  Abschrift  den  Werth  als 
Urkunde  zu  erhalten  bemüht  ist.  Nerini  spricht  es  ganz  offen  aus, 
daß  ihn  vielerlei  davon  abhalte,  an  die  Echtheit  des  von  Johannes 
aufgefundenen  Testamentes,  nach  Angabe  des  Benedictus  Scrinarius 
S.  R.  E.  in  einem  „thomus  carticineus  jam  fere  consumptus"  überliefert, 
zu  glauben.  Und  die  einzigen  Gründe  der  Anerkennung  sind  ihm  der 
aus  Urkunden  (freilich  einer  über  500  Jahre  späteren  Zeit!)  erweis- 
bare Reichthum  des  Klosters  und  die  Erwägung,  daß  die  Anwesenheit 
des  Papstes  und  der  anderen  Herren  bei  der  officiellen  Anerkennung 
jenes  famosen  Schenkungsinstrumentes  doch  den  Zweifel  an  dessen 
Echtheit  verbieten.  Ich  führe  aus  der  donatio,  die  wohl  zweifellos 
eine  kecke  Fälschung  ist,  eine  Reihe  sprachlicher  Eigenheiten  an,  die 
es  meiner  Ansicht  nach  unmöglich  machen,  an  eine  Abfassung  der- 
selben im  fünften  Jahrhundert  zu  denken,  (b)eate  (Bo)nifacii  als 
Vocativ;  (in)  eodem  montem  (A)ventinum  —  (u)sque  in  Septem  viis  — 
supra  circum  (M)aximo  —  usque  in  predictain  porta(m)  Ostiense; 
—  rivus  de  Pilliotti  —  rivus  de  Bivario  — .  Dazu  kommen  die  recht 
modern  klingenden  Namen  Pilliotti  und  Squizanellum.  Wenn  ich  noch 
anführe,  daß  der  scrinarius  Benedictus  den  Eufumianus  ,,quondara 
iirbis  Rom  ....  Prefectus"    nennt,    welchen  Titel  er  doch    nur  in  der 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  187 

donatio  selbst  gefunden  haben  konnte,  ein  Stadtpräfect  dieses  Namens 
aber  nach  Nerinis  eigener  Angabe  p.  373,  not.  5  nicht  nachzuweisen 
ist,  so  glaube  ich  für  die  Unechtheit  der  donatio  genügende  Gründe 
beigebracht  zu  haben. 

Abgesehen  von  der  oben  angeführten  Erwähnung  der  diaconia 
S.  Bonifacii  im  liber  pontificalis  zur  Zeit  Leo's  III.  (795 — 816)  ist  die 
erste  historische  Nachricht,  welche  wir  gut  beglaubigt  von  dem  Tempel 
des  Bonifacius  besitzen,  die  Grabschrift  des  Sergius  Damascenus,  die 
bei  Nerini  p.  68  zu  lesen  ist.  Aus  derselben  ist  ersichtlich,  daß  „Ser- 
gius, einst  Metropolit  von  Damascus,  zur  Zeit  des  frommen  Papstes 
Benedict  (eine  Zahl  fehlt)  nuraine  perductus  nach  Rom  kam,  in  einer 
Kirche,  welche  der  Stein  mit  martyris  hoc  templum  bezeichnet,  ein 
Kloster  nach  der  Regel  des  heiligen  Benedict  gründete,  daselbst  vier 
Jahre  lebte  und  im  Jahre  981  verstarb",  „martyris  hoc  templum"  beweist 
wiederum,  daß  Alexius  das  officielle  Patronat  der  Kirche  noch  nicht 
hatte,  sonst  hätte  man  ihn  schwerlich  neben  dem  martyr  (Bonifacius) 
unerwähnt  gelassen.  Ebenso  nennt  auch  ein  Grabstein  aus  dem  Jahre 
984  (Nerini  p.  84)  nur  „limina  sti  martiris  invicti  Bonifatii";  erst  eine 
Grabschrift  aus  dem  Jahre  1034  nennt  beide  Heilige  (ebenda  p.  325): 
„haec,  o  Alexi,  tibi,  tibi  creditur  et  Bonifati".  Die  Reste  einer  Inschrift 
(auf  den  Tod  einer  diaconissa  Stephania),  die  Nerini  an  den  Anfang 
der  Sammlung  stellt  (p.  310)  und  ins  Jahr  979  setzen  will,  erwähnen 
den  Alexius,  aber  die  Annahme  Nerinis  betreffs  der  Zeit  ist  äußerst 
willkürlich;  denn  die  Indictio  septena  der  Grabschrift  kann  sowohl 
auf  1024,  das  Todesjahr  Benedicts  VIII.  als  auf  10.39  (Benedict  IX.) 
gehen,  da  der  Papst  Benedict  der  Grabschrift  nicht  näher  bestimmt 
ist.  „Die  Schrift  weise  gleichfalls  ins  zehnte  Jahihundert",  wogegen 
man  wohl  einwenden  darf,  daß  Nerini  sich  schwerlich  getrauen  dürfte, 
die  Schriftzeichen  einer  steinernen  Grabschrift  auf  fünfzig  Jahre  früher 
oder  später  mit  Sicherheit  zu  datiren.  Seine  Angaben  betreffs  des 
Amtes  der  Diaconissen  endlich  sind  ganz  falsch:  nicht  erst  nach  dem 
zehnten  Jahrhundert  war  das  Amt  einer  Diaconissa  in  der  römischen 
Kirche  veraltet,  sondern  sicher  bereits  im  sechsten,  denn  der  Gewährs- 
mann Nerinis,  Cabassutius,  erzählt  in  seiner  Notitia  ecclesiastica 
p.  26,  daß  Leo  I.  (f  461),  Hormidas  (f  523)  und  Johannes  IL  (f  535) 
Verbote  erließen,  weiter  die  diaconae  zu  ordiniren,  wodurch  diese 
nach  den  Worten  des  Cabassutius  zu  einem  status  vulgaris  et  sae- 
cularis  gemacht  wurden.  Wenn  also  die  auf  genanntem  Grabsteine 
aufgeführte  diaconissa  Stephania  noch  eine  amtliche  Stellung  in  der 
Kirche   gehabt   hätte,    müßte    sie  spätestens    im    sechsten  Jahrhundert 


188  M.  FK.  BLAU 

gelebt  haben;  davon,  daß  nach  dem  zehnten  Jahrhundert  überhaupt 
keine  Diaconissen  mehr  existirt  hätten,  erzählt  Nerinis  Gewährsmann 
nichts.  Deshalb  ei'scheint  der  Versuch  der  Datirung,  wie  ihn  Nerini 
bezüglich  der  Reste  der  erwähnten  Inschrift  wagt,  durchaus  unbe- 
gründet und  unhaltbar,  und  wir  lassen  die  Grabschrift  am  besten 
ganz  bei  Seite. 

Zuerst  historisch  beglaubigt  begegnet  der  Name  des  Alexius 
neben  dem  des  Bonifacius  in  einer  Schenkungsurkunde ,  laut  welcher 
im  Jahre  987  „Joannes  Eminentissimus  Consulus  et  dux"  die  insula 
sub  Aventino  dem  Kloster  überweist;  die  betreffende  Stelle  lautet:  „tibi, 
Beate  Bonifati,  Christi  Martir,  simulque  Alexi,  Confessor  Christi,  ubi 
sancte  vestre  (!)  corpora  requiescunt,  in  Mooasterio,  quod  situm  est  in 
Aventino  etc." 

Ebenso  bietet  auch  die  interessante  Urkunde,  in  der  dem  Abte 
Leo  vom  Kaiser  Otto  III.  der  gesammte  Besitz  des  Klosters  bestätigt 
wird ,  beide  Namen  (Nerini  p.  372) ;  die  Urkunde  kann  nur  auf  das 
Jahr  996  gehen  (vgl.  auch  Jaffe  a.  a.  O.  IL  ed.,  zu  diesem  Jahre). 
Die  folgenden  Urkundea,  die  Nerini  p.  381  ff.  angibt,  und  die  aus  den 
Jahren  987  (Benedictus  S.  S.  R.  E.),  1043,  1072  etc.  stammen,  nennen 
immer  beide  Heilige. 

Von  Interesse  ist  noch  eine  Stelle  aus  dem  Briefe  des  Petrus 
Damiani  an  Papst  Nicolaus  IL  (f  1061),  worin  es  heißt:  „Sergius  etiam 
Metropolita  Damasci,  ...  qui  Ecclesiam  suam  pro  Christi  amore  de- 
seruit  et  Romam  peregrinus  advenit;  reperiensque  B.  B.  Bonifacii  et 
Alexii  basilicam  sacerdotalibus  paene  officiis  destitutam,  Benedietum 
Romanae  Sedis  Antistitem  adiit  atque  ut  sibi  monasterialem  ibi  per- 
mitteret  regulam  constituere  precibus  impetravit:  ubi  nimirum  longo 
post  tempore  religiöse  degens  vitam  finivit"  (Nerini  p.  69) ,  aus  der 
ersichtlich,  wie  jedenfalls  zu  Petrus  Damiani  Zeit  Alexius  neben  Boni- 
facius Schutzheiliger  des  Klosters  war,  und  wie  man  bereits  das  Factum 
der  noch  ziemlich  jungen  Einführung  des  Alexiuscultes  so  weit  ver- 
gessen hatte,  um  sagen  zu  können,  daß  Sergius  in  der  Basilika  des 
Bonifacius  und  Alexius  ein  Kloster  eingerichtet  habe. 

Wir  wissen  also  sicher,  daß  Sergius  ein  Kloster  in  der  Boni- 
faciuskirche  gründete,  und  daß  Leo  im  Jahre  996  Abt  dieses  Klosters 
war,  welches  schon  987  als  beiden  Heiligen  geweiht  bezeichnet  wird. 

Welche  Bedeutuog  Sergius  und  dessen  unmittelbare  Nachfolger 
gehabt  haben ,  geht  erstens  aus  den  Schenkungsurkunden  jener  Zeit 
hervor,  besonders  auch  aus  jenem  Bestätigungsdocument  Ottos  HL, 
das    eioe    stattliche  Anzahl  von  Besitzungen  aufzählt,    darunter  viele, 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  189 

welche  derselbe  Abt  Leo  unter  Otto  I.  erworben  hatte;  zweitens  aber 
zeigt  es  sich  auch  in  dem  Ansehen,  welches  das  Kloster  genießt: 
bedeutende  Männer  des  Abendlandes  sowie  des  Ostens  suchen  in 
seinen  Mauern  Erholung  vom  schweren  Amte  kirchlicher  Verwaltung, 
und  die  beiden  Herren  der  Welt  zeigen  rege  Theilnahme  für  dasselbe. 

Von  jenem  Jahre  977,  dem  Grtindungsjahre  des  Klosters,  be- 
merken wir  ein  stetes  Aufblühen:  Otto  I.  bestätigt  dem  Abte  Leo  Erwer- 
bungen, Papst  Gregor,  höchst  wahrscheinlich  V.,  996 — 999,  macht  eine 
Schenkung,  dann  wieder  bestätigt  Otto  IIL  demselben  Abte  den  alten 
Besitz  und  neue  Erwerbungen  (vgl.  Urkunde  I  bei  Nerini  p.  372  ff.), 
und  der  gleiche  Kaiser  schenkt  nach  der  später  zu  erwähnenden  Hs. 
des  Klosters  Monte-Casino  dem  Altar  gerade  unseres  Bekenners  den 
prachtvollen  Mantel,  den  er  bei  der  Kaiserkrönung  getragen  hat,  und 
es  wird  dabei  ausdrücklich  erzählt:  „divae  memoriae  tertius  Otto 
Romanorum  imperator  Augustus  locum  hunc  (sc.  das  Kloster  der 
beiden  Heiligen  Bonifacius  und  Alexius)  toto  mentis  diligebat  affectu, 
cui  dona  multa  largitus  est." 

St.  Adalbert,  der  Apostel  der  Preußen,  zieht  sich,  seines  Waltens 
als  Bischof  über  die  undankbaren  Böhmen  müde,  auf  fünf  Jahre  in 
unser  Kloster  zurück  (990 — 94),  bis  ihn  der  Ruf  des  Papstes  seiner  Ge- 
meinde zurückgibt,  ja  er  kehrt  später  noch  einmal  (995)  dorthin  zurück; 
einem  günstigen  Zufalle  verdanken  wir  es,  daß  uns  gerade  von  ihm 
eine  Homilie  über  St.  Alexius  in  der  eben  erwähnten  Hs.  des  Klosters 
Monte-Casino  erhalten  ist  (abgedruckt  in  den  Aa.  Ss.  a.  a.  O.  p.  257)'). 
Auch  S.  Bonifacius,  der  martyr  Russorum ,  war  am  Ausgange  des 
10.  Jahrhunderts  in  diesem  Kloster,  wie  uns  Petrus  Damiani  bezeugt 
(Nerini  p.  155).  Die  anderen  Persönlichkeiten,  welche  Nerini  aus  dieser 
glänzenden  Zeit  noch  aufführt,  übergehe  ich  vmd  erwähne  nur,  daß 
Leo  „abbas  monasterii  Sti  Bonifacii  urbis  Romae",  wie  er  in  dem 
betreffenden  Actenstücke  heißt  —  also  Alexius  ist  noch  nicht  officiell 
als  Schutzheiliger  anerkannt  —  (vgl-  Nerini  p.  94,  am  besten  in  den 
Monumenta  HI  p.  690  zum  Jahre  995)  als  Stellvertreter  des  Papstes 
Johannes  nach  Gallien  geschickt  wird,  um  dort  ernste  Streitigkeiten 
zu  schlichten. 

Solche  Männer  waren  es,  denen  naturgemäß  die  Aufgabe  zufiel, 
für  den  neugefundenen  Heiligen  ihres  Klosters  Propaganda  zu  machen : 
bei  ihrer  energischen  Persönlichkeit   und  ihrem  bedeutenden  Ansehen 


')  Über   St.  Adalbert   vgl.    Monumenta  Germaniae  SS.  IV,   p.  574  ff.,    wonach 
die  eine  Vita  999,  die  andere  wenig  später  (1004)  geschrieben  ist. 


190  M.  FR.  BLAU 

ist  es  kein  Wunder,  daß  sie  bald  Erfolge  haben  mußten.  Diese  zeigen 
sich  in  dem  bereits  erwähnten  materiellen  Aufblühen  des  Klosters  und 
der  Theilnahme  der  Größten  der  Erde  für  dasselbe  und  darin,  daß 
aus  dieser  Zeit  eine  Reihe  von  Wundern  berichtet  wird  —  (vgl- 
Aa.  Ss.  a.  a.  O.  p.  258  ff.,  neuerdings  nach  einer  besseren  Hs.  in  den 
Monumenta  IV,  p.  619  ff.  herausgegeben)  — •  die  alle  aus  der  Zeit  vor 
1012  stammen  und  nicht  früher  als  in  das  Jahr  der  großen  Seuche  1004 
zu  setzen  sind. 

Am  wichtigsten  für  uns  ist  das  Wunder,  welches  im  Leben  des 
Meinwerk  erzählt  wird  (Aa.  Ss,  a.  a.  O.  p.  244  im  Auszuge,  am  besten 
in  den  Monumenta  XI,  104 — 161),  denn  hier  wird  das  erste  Zeugniß 
der  Weiterverbreitung  des  Alexiuscultes  gegeben.  Alexius  befreit  das 
in  Rom  lagernde  Heer  der  Deutschen  von  der  Seuche,  und  Meinwerk 
erbaut  dem  Heiligen  zum  Danke  dafür  am  Eingange  der  Stadt  Pader- 
born eine  Kapelle;  zugleich  erzählt  die  Lebensbeschreibung,  daß  Mein- 
werk dem  heiligen  Alexis  hohe  Verehrung  gezollt  habe,  „S.  Alexem  (!) 
magna  devotione  coluit".  Die  Zeit  des  Wunders  ist  das  Jahr  1004, 
wo  Heinrich  I.  und  mit  ihm  der  Bischof  in  Rom  war  und  wo  Alexius 
und  Ronifacius  auch  an  einem  anderen  Seuchenkranken  ein  Wunder 
wirken,  wie  der  vierte  Abschnitt  der  Hs.  von  Monte-Casino  berichtet. 

Nach  all  dem  Angeführten  scheint  es  mir  berechtigt,  wenn  wir 
Duchesnes  Ansicht  zu  unserer  eigenen  machen,  wennschon  wir  freilich 
nicht  im  Stande  sind,  durch  Docuraente  nachzuweisen,  daß  gerade 
Sergius  den  Alexiuscult  in  Rom  eingeführt  habe.  Aber  es  ist  wohl 
zu  bemerken,  daß  den  Mönchen  von  St.  Bonifacius  nichts  daran  ge- 
legen sein  konnte,  dieses  Factum  zu  überliefern,  denn  sie  mußten  ja 
im  Gegentheil  wünschen,  daß  man  die  Verehrung  des  Heiligen  seit 
altersher  an  ihre  Kirche  geknüpft  glaubte. 

Daß  Duchesne  gerade  den  Sergius  zum  Apostel  unseres  Heiligen 
macht,  hat  seinen  Grund  wohl  darin,  daß  ein  Bild  der  Gottesmutter, 
im  Alexiuskloster  noch  jetzt  aufbewahrt,  nach  einer  Inschrift  in  der 
ihr  geweihten  Kapelle  von  Sergius  nach  Rom  gebracht  und  dasselbe 
Bild  sein  soll,  welches  in  Edessa  die  Heiligkeit  des  „Mannes  Gottes" 
verkündete.  Wie  weit  diese  Inschrift,  die  sich  nicht  auf  dem  Bilde 
selbst  findet  (Nerini  p.  315  ff.),  als  Urkunde  zu  betrachten  ist  oder 
nicht,  kommt  hierbei  gar  nicht  zur  Untersuchung:  sie  beweist  jeden- 
falls, daß  eine  alte  Tradition  den  vertriebenen  Bischof  von  Damascus 
in  enge  Beziehung  zu  unserem  Heiligen  setzte,  und  diese  alte  Tradition 
dürfen  wir  wohl  als  letzte  Erinnerung  an  die  von  Sergius  veranlaßte 
Einführung   des  Alexiuscultes  in  Rom  betrachten. 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  191 

Einen  sicheren  Beweis  für  Duchesne's  Ansicht  vermag  ich  also 
nicht  zu  erbringen,  aber  ich  denke,  es  ist  so  viel  sicher  festgestellt, 
daß  der  Name  des  Heiligen  zum  ersten  Male  im  Abendlande  in  der 
erwähnten  Urkunde  von  987  (s.  o.  S.  188)  begegnet,  und  daß  derselbe 
in  den  nächsten  Decennien  zu  großem  Ansehen  in  Rom  gelangt,  daß 
schließlich  vielerlei  dafür  spricht,  Sergius  habe  den  ihm  natürlich 
bekannten,  in  Edessa  hochgefeierten  Bekenner  in  Rom  bekannt  gemacht. 

Diese  ganze  längere  Ausführung  ist  nicht  ohne  Vortheil  für  die 
Betrachtung  der  Entwicklung  unserer  Legende,  die  eben  bereits  in 
allen  wesentlichen  Zügen  ausgebildet  gewesen  sein  muß,  als  sie  sich 
in  Rom  einbürgerte. 

Die  syrische  Vita  des  Heiligen,  von  der  in  den  Aa.  Ss.  a.  a.  O.  p.  262 
die  Rede  ist,  wird  in  kürzester  Zeit,  wie  ich  bereits  erwähnte,  durch 
M.  Amiaud  herausgegeben  werden:  sie  ist  als  der  Ausgangspunkt 
der  Legende  anzusehen  und  schließt  mit  dem  Tode  des  heiligen 
Mannes  in  Edessa.  Die  nächste  Nachricht  von  dem  Heiligen  finden 
wir  dann  in  dem  Kanon  eines  Joseph  —  (Aa.  Ss.  p.  247  ff.  bieten 
eine  lateinische  Wiedergabe)  —  der  im  neunten  Jahrhundert  lebte; 
der  Entscheidung  über  die  Frage,  ob  jener  Joseph  derselbe  ist  wie 
der  gleichnamige  Bischof  von  Thessalonich  aus  dem  Anfange  des 
neunten  Jahrhunderts,  oder  derselbe  wie  Josephus  Hymnographus, 
am  Ausgange  desselben  Jahrhunderts  lebend,  können  wir  füglich  aus 
dem  Wege  gehen;  sie  ist  für  uns  ohne  Bedeutung;  Pinius  ist  mehr  zur 
Identificirung  mit  dem  zweitgenannten  geneigt  (a.  a.  O.).  Die  Legende 
hat  sich  hier  bereits  weiter  ausgestaltet  und  zwar  entsprechend  den 
von  G.  Paris  (Romania  VHI,  164)  gemachten  Angaben.  Ohne  Zweifel 
gab  dem  griechischen  Bearbeiter  der  edessenischen  Localerzählung  die 
Legende  von  Johannes  Calybita  Constantinopolitanus  (fünftes  Jahr- 
hundert) den  Anstoß  und  die  Hauptgedanken  einer  Weiterführung 
der  ihm  vorliegenden  Lebensgeschichte.  Wie  Johannes  Calybita  mußte 
der  jetzt  Alexis  oder  Alexius  genannte  „Mann  Gottes"  nach  langer 
Abwesenheit  ins  Haus  der  Eltern  zurückkehren;  wie  Johannes  mußte 
er  daselbst  Jahre  hindurch  als  Fremdling  leben  und  zuletzt  auch  dort 
in  Niedrigkeit  und  Armuth  sterben.  Die  Ähnlichkeit  zwischen  den  beiden 
Legenden  ist  derart,  daß  man  schon  frühe  auf  den  Gedanken  kam, 
beide  Heilige  zu  identificiren,  wogegen  bereits  Pinius  (a.  a.  O.  p.  238) 
protestirt. 

In  dem  Kanon  des  Joseph  ist  noch  eine  Stelle  enthalten,  die  der 
Legende  von  Johannes  Calybita  näher  steht  als  alle  anderen  Bearbei- 
tungen der  Alexiuslegende :  es  heißt  nämlich  in  der  achten  Ode  „antea 


192  M-  FR.   BLAU 

incognitus  parentibus  fuisti  tempore  tuae  peregrinationis,  revelasti 
ipsis  arcanum  in  gloriam  Dei  nostri,  o  gloriose,  te  manifestans,  qui 
te  magna  gloria  dignatus  fuit".  Das  bedeutet  doch,  falls  ich  die  nicht 
fehlerfreie  Construetion  des  lateinischen  Übersetzers ')  richtig  verstehe, 
daß  Alexius  sich  selbst  vor  seinem  Tode  den  Eltern  offenbart  habe; 
es  ist  daran  zu  erinnern,  daß  ja  auch  Johannes  Calybita  (vgl.  z.  B. 
Surius:  Vitae  sanctorum  Tom.  I,  p.  233  ff.)  sich  seinen  Eltern,  zuerst 
seiner  Mutter,  unmittelbar  vor  seinem  Verscheiden  zu  erkennen  gibt. 
Daraus  folgt  aber  für  den  Kanon,  daß  er  auf  eine  Darstellung  der 
Legende  zurückging,  welche  das  an  den  Brief  des  Heiligen  sich  knü- 
pfende Wunder  nicht  kannte:  wozu  hätte  Alexius  einen  Brief  über 
sein  Leben  schreiben  sollen,  wenn  er  sich  schon  vor  dem  Tode  seinen 
Eltern  zu  erkennen  gegeben  hatte.  Daß  die  Stelle  in  Ode  8  so  auf- 
zufassen ist,  wie  ich  es  gethan  habe,  dafür  spricht,  daß  Josephus 
den  Brief  nicht  erwähnt,  obschon  er  gerade  über  die  dem  Leichnam 
erwiesenen  Ehren  ausführlicher  berichtet,  überhaupt  in  Bezug  auf  den 
Tod  seines  Helden  inhaltlich  recht  viel  gibt.  Es  heißt  da:  „eine  Stimme 
verkündet  ganz  Rom  den  verborgenen  Schatz,  der  im  Bettlergewande 
ruht  und  der  seine  Heilkraft  ausströmt  auf  Alle,  die  ihm  im  Glauben 
nahen.  Auf  Gottes  Geheiß  kommen  zusammen  principes  populorum, 
Imperatores  et  sacerdotes,  um  ihn  zu  bestatten,  und  erleben  mit  Staunen 
gewaltige  Wunder;  Blinde  werden  sehend,  Stumme  erhalten  die  Sprache, 
Teufel  werden  ausgetrieben  und  der  Frommen  Geist  erhellt.  Auch 
kommen  zu  seinem  Begräbniß  Patriarcharum  eximius  (ö  TiQoxQirog 
Täv  TcatQvaQiav)  et  Imperator  Christi  longe  amatissiraus,  principes, 
ferner  Greise  und  Jünglinge  und  die  Chöre  der  Mönche,  um  sich  Alle 
zu  heiligen  durch  die  Berührung  mit  seinem  Leichnam." 

Wir  haben  wohl  ein  Recht  anzunehmen,  daß  Josephus'  Kanon 
eine  ältere  Entwicklungsstufe  der  Legende  darstellt,  welche  den  Brief 
noch  nicht  kennt,  und  daß  die  Scene  später  in  der  Weise  ausgeführt 
ist,  wie  sie  alle  übrigen  griechischen  und  lateinischen  Darstellungen 
bieten. 

In  welcher  Stadt  haben  wir  nun  dieses  Alexius  Heimat  zu  suchen? 
Schon  Papebroek  beirrten  die  griechischen  Namen  und  der  Umstand, 
daß  die  Verehrung  des  Heiligen  früher  im  Osten  als  im  Abendlande 
nachweisbar  ist  (vgl.  Aa.  Ss.  a.  a.  O.  p.  238),  aber  er  entschied  sich 
später  für  Rom,  nachdem  er  den  Kanon  kennen  gelernt  hatte;    denn 


')  Über  das  griechische  Original,  d,  h.  ob  und  wo  es  zu  finden,  ist  mir  leider 
nichts  bekannt. 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  193 

wenn  Constantinopel  gemeint  sei,  hätte,  meint  er,  doch  stehen  müssen: 
Pcbfir]  7}  Bcc6iUs,  auch  könne  mit  dem  „eximius  patriarcharum"  nur  der 
Bischof  von  Rom  gemeint  sein.  Ebenso  argumentirt  der  Herausgeber 
des  ganzen  Artikels  Pinius  (ebenda  p.  239):  entweder  müsse  stehen: 
KovöravTivoTtokig  fj  naöcov  BccGlllg  xav  tcoIecov  oder  doch  wenigstens 
„Roma  secunda  oder  nova",  wie  es  Constantin  vorgeschrieben  habe; 
auch  sei  es  undenkbar,  daß  Josephus  den  hochberühmten  damaligen 
Patriarchen  von  Byzanz,  Johannes  Chrysostomos ,  so  unbestimmt  mit 
„eximius  patriarcharum"  umschrieben  habe,  denn  ihm,  dem  Griechen, 
müsse  natürlich  jener  Name  bekannt  gewesen  sein.  Es  ist  klar,  daß 
die  von  den  beiden  BoUandisten  vorgebrachten  Gründe  in  keiner 
Weise  ausreichen,  die  Behauptung  zu  widerlegen,  gegen  die  sie  pole- 
raisiren,  dafs  nämlich  Alexius  in  Neurom  gelebt  habe.  Wer  will  einem 
Dichter  zurauthen,  immer  vorschriftsmäßige  Titel  zu  gebrauchen?  Die 
Benennung  als  „eximius  patriarcharum"  kam  in  den  Augen  eines  Grie- 
chen sicher  dem  byzantinischen  Bischof  mit  gleichem  Rechte  zu,  wie 
dem  der  Petersstadt.  Was  schließlich  die  behauptete  Undenkbarkeit 
angeht,  daß  Josephus  den  Johannes  Chrysostomus  so  allgemein  be- 
zeichnet habe,  so  ist  dagegen  zu  bemerken:  betrachtet  man  die  ganze 
Anlage  des  Kanons  mit  der  steten  und  alleinigen  Hervorhebung  des 
Heiligen,  so  darf  das  Fehlen  jenes  Namens  nicht  Wunder  nehmen. 
Für  den  Dichter  existirt  überhaupt  nur  eine  benannte  Person,  alle 
Übrigen  treten  dagegen  in  ein  unsicheres  Zwielicht,  aus  dem  sich  nur 
ganz  zufällig  einmal  der  Name  der  Stadt  Rom  heraushebt;  selbst 
p]dessa  bleibt  unerwähnt,  und  dieser  Umstand  beweist  ausdrücklicii, 
daß  der  Dichter  eben  jene  anderen  Namen  nicht  nennen  wollte,  nicht 
zu  nennen  für  nöthig  hielt,  da  den  Hörern  des  Kanons  die  Legende 
selbst  bekannt  war.  Der  „eximius  patriarcharum''  könnte  also  an  und 
für  sich  recht  gut  Johannes  Chrysostomus  sein. 

Wir  dürfen  nach  der  ganzen  Art  des  Kanons,  der  ja  nicht  voll- 
ständig die  Geschichte  des  Heiligen  erzählen  will ,  sondern  deren 
Kenntniß  bei  den  Hörern  voraussetzt,  auch  nicht  mit  Pinius  (a.  a.  O. 
p.  239)  annehmen,  daß  die  Namen  der  Eltern  erst  von  einem  Autor 
des  10.  oder  11.  Jahrhunderts  herstammen,  der  das  Leben  des  Hei- 
ligen dramatisch  ausschmückte.  Im  Gegentheil  ist  es  mehr  als  wahr- 
scheinlich, daß  die  Namen  der  Eltern,  des  Patriarchen  und  des  Kaisers 
in  der  dem  Dichter  vorliegenden  oder  bekannten  Gestalt  der  Legende 
bereits  vorhanden  waren.  Im  Übrigen  beweist  gerade  das  Fehlen  des 
Namens  Edessa,  daß  wir  dem  Kanon  überhaupt  eine  negative  Beweis- 

HKKMANIA      Noiip   lioilip  XXI    (XXXIII)  Jnli  13 


194  M.  FR.  BLAU 

kraft  in  Nebenmomeuten  nicht  zumuthen  dürfen;  L.  Brauns  (in  seiner 
Dissertation:  „Über  Quelle  und  Entwicklung  der  altfranzösischen 
Cangun  de  saint  Alexis  etc.  Kiel  1884")  hat  also  Unrecht  (p.  3)^ 
Pinius  zum  Vorwurfe  zu  machen,  daß  er  annehme,  der  Dichter  habe 
möglicherweise  seiner  Vorlage  gegenüber  eine  ziemlich  unabhängige 
Stellung  eingenommen.  „Der  Kanon  berichtet  nichts  von  den  3000 
Dienern  des  Vaters,  von  der  mehrfach  wiederholten  Stimme  in  Rom, 
von  den  17  in  der  Fremde  und  ebenso  vielen  im  Vaterhause  ver- 
brachten Jahren,  von  dem  Briefe  des  Todten  u.  s.  w."  Jawohl,  aber 
was  haben  die  aufgeführten  Züge  (ausgenommen  etwa  die  Briefscene 
s.  o.)  denn  für  Bedeutung  für  den  Lebenslauf  des  Heiligen,  dessen 
Lob  Josephus  verkündet?  Der  Grund,  weshalb  Brauns  gerade  dem 
Kanon  auch  eine  negative  Beweiskraft  zusprechen  möchte,  ist  leicht 
einzusehen;  ihm  ist,  wie  ja  auch  Pinius  und  mir,  jener  Kanon  Aus- 
gangspunkt der  historischen  Entwicklung  der  Legende,  und  deshalb 
möchte  er  sich  durchaus  selbst  überreden,  daß  im  Kanon  der  Inhalt 
der  Legende  vollständig  bis  auf  alle  auch  weniger  bedeutenden  Züge 
gegeben  sei,  wie  sie  damals  bestand.  Aber  wir  haben  zu  dieser  Annahme 
kein  Recht,  und  das  Fehlen  des  Namens  Edessa  spricht  ganz  energisch 
gegen  dieselbe;  denn  glauben  zu  wollen,  daß  die  Legende  factisch 
einmal  den  Namen  der  Stadt,  wo  der  Heilige  in  frommer  Zurück- 
gezogenheit  lebte,  nicht  geführt  habe,  ist  unerlaubt,  da  ja  die  alte 
syrische  Vita,  von  der  schon  Assemani  eine  Hs.  des  sechsten  Jahr- 
hunderts gesehen  hatte,  und  die  jetzt  von  M.  Amiaud  nach  acht  Hss. 
des  6. — 13.  Jahrliunderts  herausgegeben  wird,  deutlich  die  historische 
Persönlichkeit  des  frommen,  in  Edessa  lebenden  Bekenners  beweist,  und 
die  Legende  ja  nur  von  Edessa  aus  ihren  Zug  begonnen  haben  kann. 
Doch  zurück  zu  der  Frage  nach  der  Heimat  des  Alexius!  Neuer- 
dings hat  sich  G.  Paris  (Romania  VIII,  164)  ebenfalls  gegen  die  Bol- 
landisten,  deren  schwache  Gründe  wir  auch  nicht  gelten  zu  lassen  ver- 
mochten, dafür  entschieden,  daß  Alexius  aus  Constantinop  el  nach 
Edessa  gegangen  und  später  nach  Neurom  zurückgekehrt  sei.  Aber 
worauf  stützt  sich  die  Behauptung?  So  weit  ich  den  Stoff  überblicke, 
finde  ich  auch  nicht  den  geringsten  Anhalt  dafür.  Josephus  nennt 
Rom,  und  das  ist  doch,  wenn  wir  mit  Wahrscheinlichkeiten  überhaupt 
rechnen  wollen,  weit  eher  das  alte  als  das  neue.  Das  zweite  grie- 
chische Zeuguiß  für  unsere  Legende  weist  aber  klar  und 
deutlich  auf  das  alte  Rom.  Wir  finden  es  unterm  17.  März,  dem  Tage 
des  Heiligen  in  der  griechischen  Kirche,  in  dem  Synaxarium  Basi- 
lianum,    jener    prachtvollen  Sammlung,    welche    Kaiser    Basilius   Por- 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  195 

phyrogenetus  anlegen  ließ,  und  die  nach  dem  Urtheile  des  Ughelli 
und  des  Leo  Allatius  vor  dem  Jahre  984  geschlossen  ist '). 

Danach  stammt  der  „Mann  Gottes"  aus  Rom  und  ist  ein  Sohn 
des  Patriziers  Euphemianus,  welcher  ihn  zur  Vermählung  veranlaßt. 
Aber  Alexius  verläßt  nach  der  Hochzeitsfeier  die  Braut,  ohne  sie 
berührt  zu  haben,  unter  Zurücklassung  des  Traurings  {dovg  avxr  rbv 
KQaßovLJtbv  daxtvhov).  Er  begibt  sich  nach  Edessa  und  verweilt  dort 
18  Jahre  vor  der  (unbenannten)  Kirche.  Durch  seine  Tugend  bekannt 
geworden,  entschließt  er  sich  zu  fliehen.  Bei  seiner  Rückkehr  nach 
Rom  sucht  er  das  väterliche  Haus  auf  und  bleibt  dort  unerkannt  am 
Thore  wohnen  im  Anblick  der  Eltern,  mißhandelt  von  den  eigenen 
Sclaven  und  ungerührt  durch  die  stete  Trauer  seiner  Eltern  und  seiner 
keuschen  Braut.  Beim  Herannahen  des  Todes  verlangt  er  Pergament 
und  schreibt  seine  ganze  Lebensgeschichte  auf.  Der  Kaiser  H  onori  us 
nimmt  das  Schreiben  aus  der  Hand  des  Todten ,  der  es  im  Sterben 
fest  umschlossen  hat,  und  liest  es  vor,  während  Alle  zuhören.  So  wird 
er  erkannt  und  sein  Leiliger  Leib  in  dem  Tempel  des  heiligen  Apo- 
stels Petrus  begraben. 

Die  Angabe  der  Peterskirche  und  die  Nennung  des  Weströmers 
Honorius  als  Herrscher  läßt  keinen  Zweifel  darüber,  welches  Rom 
geraeint  sei.  Überall  sonst  heißt  die  Heimat  des  Heiligen  Rom,  ja  die 
beiden  griechischen  Bearbeitungen  ^  und  §  nennen  ausdrücklich  die 
Pco^i]   TtQEßßvtSQa. 

Gegen  Paris'  Annahme,  für  die  nichts  beizubringen  ist,  spricht 
nun  aber  noch  eine  Erwägung  allgemeiner  Art.  Wohl  ließe  sich  denken, 
daß  die  Römer,  als  sie  die  Legende  kennen  lernten,  aus  „Neurom" 
Altrom  machten  und  dem  Heiligen  so  bei  sich  Heimatrecht  gaben, 
aber  die  Möglichkeit  scheint  mir  ausgeschlossen,  daß  Constantinopel 
und  die  morgenländische  Kirche  sich  darein  ohne  Widerstand  gefügt 
und  sich  den  Heiligen  hätten  rauben  lassen. 

Zudem  haben  wir  ja  allen  Grund  anzunehmen ,  daß  der  Heilige 
vor  dem  Ende  des  10.  Jahrhunderts  noch  nicht  in  Rom  bekannt  war. 
Wir  müßten  also,  wenn  wir  Paris  folgen,  voraussetzen,  daß  im  Osten 
selbst  diese  Einsetzung  von  Altrom  für  Neurom  stattgefunden  hätte, 
da  Altrom  bereits  im  Synaxarium  die  Heimat  des  Alexius  ist.  Da  für 
einen  solchen  Vorgang  absolut  kein  Grund  erfindlich  ist,  können  wir 
getrost  Paris'  Annahme,  der  Brauns  in  seiner  Arbeit  ohne  Prüfung 
beipflichtet,    gegen  die  übrigens  M.  Amiaud,    wie    aus  einer  gelegent- 

*)  Die  Vita  ist  gedruckt  in  den  Aa.  Ss,  Martii  Tom.  I  p.  869  ,  und  im  dritten 
Bande  der  Ausgabe:  Menologium  Graocorum  Urbiuo   1727,  p.   18.   19. 

13* 


196  M.  FR.  BLAU 

liehen  Bemerkung  hervorgeht,  auch  Einwand  erheben  zu  wollen  scheint, 
verwerfen:  Alles  spricht  dafür,  daß  Alexius'  Heimat  in  der  Legende 
immer  das  alte  ßom  war. 

Das  genannte  zweite  Zeugniß  für  die  Legende  ist  übrigens  wohl 
auch  nur  als  ein  kürzender  Auszug  zu  betrachten;  fehlt  doch  hier  die 
bereits  bei  Josephus  erwähnte  göttliche  Stimme  beim  Tode  des  Hei- 
ligen, ebenso  das  schon  bei  Josephus  erzählte  Eingreifen  der  Gottes- 
mutter, welche  sein  heiliges  Thuu  bekannt  macht.  In  dem  Auszuge 
aber  ist  nun  interessant  der  Beleg  der  Namen:  (Alexius),  Euphemianus, 
Edessa,  (Roma)  und  Honorius  ßaGiXsvg]  ferner  ist  der  Bericht  über 
den  Tod  und  die  nachfolgenden  Ereignisse  sehr  bemerkenswerth:  bei 
Josephus  oflFenbart  sich  Alexius  noch  vor  seinem  Hinscheiden  den 
Eltern;  hier  haben  wir  schon  ganz  die  Scene,  wie  sie  uns  in  der 
lateinischen  Vita  begegnet.  Der  Heilige  zeichnet  seine  Schicksale  auf 
und  wird  so  nach  seinem  Tode  erkannt.  Merkwürdig  und  wohl  ent- 
sprechend der  Stellung  des  oströmischen  Kaisers  zum  Patriarchen  von 
Byzanz  ist  es  auch,  daß  nicht  der  letztere,  sondern  der  Kaiser  als 
derjenige  genannt  wird,  der  den  Brief  aus  der  Hand  des  Todten  nimmt. 
Erwähnenswerth  ist  auch  die  Angabe,  daß  er  in  St.  Peters  Tempel 
begraben  wird.  Endlich  ist  auch  jene  Stelle,  nach  der  er  seiner  jung- 
fräulichen Frau  den  Trauring  vor  seinem  Scheiden  gibt,  von  Bedeutung. 

In  die  directe  Entwicklungsreihe  der  verschiedenen  Phasen  der 
Legende  sind  die  übrigen  zwei,  beziehungsweise  drei  griechischen  Dar- 
stellungen derselben')  nicht  einzureihen;  sie  sind,  wie  sich  mir  bei 
näherer  Untersuchung,  deren  Resultat  ich  hier  nur  mittheilen  kann, 
ergeben  hat,  sämmtlich  bereits  von  der  lateinischen  Gestaltung  der 
Legende  beeinflußt''). 

Freilich  läuft  ^  unter  dem  Namen  des  Symeon  Metaphrastes, 
aber  das  ist  noch  kein  Beweis  dafür,  daß  sie  wirklich  von  ihm  stammt; 
denn  es  gibt  wohl  wenige  Schriftsteller  des  Mittelalters,  welchen  so 
viele  Werke  untergeschoben  werden,  wie  gerade  dem  Symeon  Meta- 
phrastes. Zudem  ist  man  noch  nicht  einmal  klar,  welchem  Jahr- 
hundert man  diesen  Schriftsteller  zuweisen  soll.  BoUand  freilich  und  Leo 
Allatius  setzten  ihn  ins  10. ,  aber  Oudin  ins  12.  Jahrhundert.  Er  soll 
127  Legenden  verfaßt  haben,  aber  es  werden  ihm  noch  viermal  so 
viel  zugeschrieben,  und  der  bei  Migne  114,  sp.  293  angegebene  Katalog 
nennt  unter  den  87  Vitae,  die  Symeon  verfaßt  habe,  den  Alexius  nicht; 


')  Sie  sind  bei  Massmann:  Sanct  Alexius  Leben   1843  als  ß.,  §  iiiid  ^i  abgedruckt 
(p.  172,   192,  201). 

^)  Aucb  M.  Aniiaud   spriclit  in  seiner  Arbeit  die  gleiebe  Ansiebt  aus. 


ZUR  ALEXIÜSLEGENDE.  197 

freilich  steht  zum  Unterschiede  von  diesem  Coustantinopler  Katalog  im 
Wiener  (ebenda  sp.  295)  gleich  zu  Anfang  „Historia  vitae  S.  Alexii", 
und  diese  Angabe  geht  wohl  auf  die  griechische  Redaction  ^,  die  ja 
von  Busbeck  aus  Constantinopel  nach  Wien  gebracht  wurde.  Aber 
es  ist  wohl  zu  bemerken,  daß  nach  der  Beschreibung  der  Hs.  in 
Lambecii  Commentaria  IV,  p.  137  (p.  315,  wie  Maßmann  angibt,  geht 
auf  die  zweite  Auflage)  zu  urtheilen,  die  Vita  durchaus  keine  Hin- 
deutung darauf  enthält,  daß  sie  von  Symeon  verfaßt  sei,  und  daß 
Lambeck  nur  auf  die  Autorität  des  Leo  Allatius  hin  die  Vita  dem 
Symeon  zuschreibt.  Es  ist  sehr  zu  bedauern ,  daß  die  wichtige  Frage 
des  Symeon  Metaphrastes  noch  immer  ihrer  Lösung  harrt;  Leo  Allatius 
hat  ja  nur  geringe  Vorarbeit  geliefert.  Um  gleich  noch  zu  zeigen, 
wie  mißlich  ein  Sichverlassen  auf  die  Autorschaft  Symeons  sei,  be- 
merke ich,  daß  (5,  das  obgleich  nur  lateinisch  überliefert,  aus  dem 
Griechischen  übersetzt  ist  (nach  Surius  a.  a.  0.  III,  p.  208)  und  des- 
halb mit  hierher  gerechnet  werden  muß,  in  der  Überschrift  ausdrücklich 
als  aus  Symeon  Metaphrastes  entnommen  bezeichnet  wird ;  Maßmann 
hat  dieses  „ex  Symeone  Metaphraste"  wohl  unterdrückt,  weil  er  glaubte, 
.•p  gehöre   dem  Symeon  zu. 

Ehe  wir  von  den  griechischen  Darstellungen  scheiden,  möchte 
ich  noch  einen  bemerkenswerthen  Zug  hervorheben.  Wir  finden  in  den 
griechischen  Darstellungen,  mit  einziger  Ausnahme  von  ^,  nur  einen 
Kaiser  erwähnt. 

Bei  Josephus  scheint  Ende  der  achten  Ode  „principes  populorum, 
Imperatores"  dagegen  zu  sprech'en,  aber  es  ist  dem  gegenüber  zu  er- 
wägen, daß  daneben  einfach  noch  „sacerdotes"  genannt  sind,  also  hier 
„Imperatores  =  /3a^tA£tg"^)  allgemein  bedeutet  „Fürsten",  hingegen  heißt  es 
Ode  9:  „ Patriarch arum  eximius  et.  Imperator  Christi  longe  amatissimus"; 
neben    dem  Patriarchen  tritt  also  nur  der  Kaiser,    nicht  mehrere  auf. 

Das  Synaxarium  nennt  nur  den  Honorius,  (E  imperator  (ohne 
Namen),  3:  6  ßaöilsvg  (gleichfalls  ohne  Namen);  dagegen  spricht  § 
ausdrücklich  von  den  rk  Tfjg  ßaGtlstag  tots  axfjTtXQa  l&vvovrsg. 

Wir  haben  wohl  anzunehmen,  daß  noch  im  Osten  der  Name  des 
Kaisers  Arkadius  in  der  Legende  Aufnahme  fand,  aber  nur  in  der 
Zeitangabe,  wann  das  entbehrungsvolle  Leben  des  Bekenners  ein  so 
herrliches  Ende  nahm;  es  ist  ja  sehr  begreiflich,  daß  einem  Griechen, 


')  Daß  |3affdfvs  =  imperator  einfach  „Prinz"  heißen  kann,  was  vielleicht  auch 
für  unsere  Stelle  die  beste  Übersetzung  ist,  beweist  z.  B.  Jac.  Gretseri  opera  Tom.  XV, 
p.  195':  „sacerdotes  et  juvenes  Imperatores  (senex  enim  domi  manserat  propter  cor- 
poris infirmitatem)"   etc.  bei  Einholung  des  edessenischen  Christusbildes. 


198  M.  FR.  BLAU 

der  in  der  Legende  nur  von  dem  Kaiser  Honorius  hörte,  der  Gedanke 
kam,  die  Zeit  dieses  weströmischen  Herrschers  dadurch  näher  zu  be- 
stimmen, daß  er  den  gleichzeitigen  oströmischen  Kaiser  mit  erwähnte. 
So  finden  wir  denn  auch  in  S  und  3^  nur  einen  Kaiser  als  in  der 
Legende  mitagirende  Person  aufgeführt,  aber  beide  Darstellungen 
geben  bei  der  Datirung  dieses  Heiligenlebens  den  Arkadius  und 
Honorius,  wohl  zu  merken  in  dieser  Reihenfolge,  die  den  Oströmer 
voranstellt.  S  nennt  am  Anfang  und  am  Schlüsse  beide  Kaiser,  3^  hin- 
gegen am  Anfange  nur  den  Honorius,  am  Schlüsse  den  Arkadius  und 
Honorius  mit  dem  Zusätze:  (sTtl  aQXadCov  xal  SvoqCov)  tcov  ßaöiXecov 
Qäfirjs  sxatsQKS. 

Erst  im  Abendlande  wurde  dann  die  Nennung  zweier  Kaiser 
mißverstanden,  und  so  begegnen  in  allen  Darstellungen  des  Abend- 
landes als  Mitspielende  in  dem  pomphaften  Schlußefi"ect  zwei  Kaiser; 
auszunehmen  ist  das  deutsche  G  (bei  Maßmann  a.  a.  O.  p.  140), 
aber  der  Dichter  Jörg  Zobel  verräth  komisch  genug  seine  Eigen- 
mächtigkeit, die  den  einen  der  beiden  einfach  strich,  dadurch,  daß 
er  den  Kaiser  „Archadius"  nennt  (v.  14). 

Wann  das  syrische  Leben  die  griechische  Umarbeitung  und  Fort- 
setzung erfuhr,  deren  wichtigste  Züge  G.  Paris  (Romania  VHI,  164) 
gibt,  darüber  möchte  ich  eine  Vermuthung  um  so  weniger  zurückhalten, 
als  auch  M.  Amiaud  an  einer  genaueren  Datirung  verzweifelt.  Bei 
dem  außerordentlich  regen  Verkehr,  der  zwischen  Rom  und  dem 
Osten  bestand,  so  lange  der  oströmische  Kaiser  Schutzherr  des  Papstes 
war,  will  es  mir  nicht  glaublich  erscheinen,  daß  die  byzantinische 
Legende,  d.  h.  die  Ausarbeitung  des  syrischen  Lebens,  vor  der  Mitte 
des  achten  Jahrhunderts  entstand,  wo  ja  der  Exarchat  aufhörte  (752) 
und  bald  darauf  auch  der  Frankenkönig  die  Kaiserkrone  annahm. 

Wäre  die  griechische  Legende  früher  entstanden,  so  ist  gar  nicht 
abzusehen,  warum  sie  nicht  auch  nach  Rom,  das  ja  naturgemäß  das 
größte  Interesse  für  den  Heiligen  haben  mußte,  gekommen  sein  sollte. 
Hingegen  erklärt  sich  durch  die  Annahme  einer  solchen  späteren 
Abfassung  der  griechischen  Legende  allein  das  merkwürdige  Factum, 
daß  sie  nicht  in  Rom  bekannt  wurde:  nachdem  der  Papst  an  einem 
abendländischen  Fürsten  einen  Stützpunkt  gesucht  und  gefunden  hatte, 
minderten  sich  selbstverständlich  die  Beziehungen  zum  Osten,  und 
diese  Thatsache  bedingte  auch  eine  Entfremdung  auf  kirchlichem 
Gebiete,  beziehungsweise  dem  Gebiete  des  Cultus. 

Im  neunten  Jahrhundert  ist  im  Osten  ein  großes  Aufblühen  des 
Heiligencultes   nachweisbar,    besonders   unter   der   Kaiserin  Theodora 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  199 

(Mitte  des  Jahrhunderts),  wie  schon  Papebroek  in  den  Aa.  Ss.  a.  a.  ü. 
p.  239  bemerkt;  da  mag  denn  auch  der  bescheidene  Bekenner  aus 
Edessa  seine  Wanderung  durch  die  Welt  begonnen  haben. 

Von  der  griechischen  Legende  unseres  Heiligen  haben  wir  — 
abgesehen  von  jenen  drei,  durch  die  lateinische  Fassung  beeinflußten 
Darstellungen  —  zwei  Zeugnisse  gefunden,  die  sich  beide  als  unvoll- 
ständig in  mehr  oder  minder  wichtigen  Nebenmomenten  erwiesen: 
auch  wenn  wir  nun  die  Legende  hinüberbegleiten  auf 
abendländischen  Boden,  empfängt  uns  zuerst  nicht  eine  aus- 
führliche Wiedergabe  der  Legende,  sondern  wieder  müssen  wir  uns 
mit  der  Angabe  der  Hauptzüge  und  einzelner,  nicht  uninteressanter 
Nebenmomente  begnügen.  Das  erste  Zeugniß  nämlich  für  die  Ver- 
breitung des  Alexiuscultes  im  Abendlande  ist  uns  in  einer  Homilie 
über  den  Heiligen  erhalten,  welche  der  heilige  Adalbert  verfaßt  hat. 
Baronius'  Vermuthung,  die  Homilie  sei  in  der  Kirche  des  Heiligen 
selbst  gesprochen,  ist  unbedingt  anzunehmen;  wie  sollte  man  sonst 
die  Worte  des  Einganges,  welche  von  dem  „pater  noster  Alexius,  cuius 
hodie  venerandam  assumptionis  diem  debita  solemnitate  recoluimus", 
sprechen,  und  besonders  die  Worte  des  Schlusses  verstehen:  „nos  nam- 
que  licet  nee  servi  appellari  digni,  filii  tamen  ejus  sumus  (sc.  Alexii), 
quia  nos  inhanc  suam  dorn  um  sub  monastica  professione 
pius  apud  deum  intercessor  congregavit?"  Und  wir  wissen  ja,  wie  ich 
oben  zeigte,  daß  Adalbert  fünf  Jahre  und  später  noch  einmal  auf  kürzere 
Zeit  in  besagtem  Kloster  war. 

Wir  finden  die  Homilie  Aa.  Ss.  a.  a.  O.  p.  257  nach  einer  Ab- 
schrift jener  Hs.  des  Klosters  Monte-Casino,  die  ja  auch  die  Wunder 
berichtet.  Der  Vortragende  hatte  hier  nicht  nöthig,  seinen  Hörern, 
die  gleich  ihm  dem  Alexiuskloster  angehörten,  die  Lebens-  und  Leidens- 
geschichte des  Heiligen  ausführlich  zu  berichten.  Sie  war  ja  Allen 
genau  bekannt,  und  er  durfte  sich  deshalb  damit  begnügen,  des  Ver- 
ständnisses seiner  Hörer  sicher,  auf  das  eine  oder  andere  wichtige 
Ereigniß   aus  diesem  Leben  anzuspielen. 

Was  von  Bemerkenswerthem  in  der  Homilie  zu  finden  ist,  ist 
kurz  Folgendes:  Alexius  wird  in  Edessa  durch  Gottes  Stimme  den 
Menschen  offenbart,  er  entflieht  vor  den  Gefahren  eitlen  Erdenruhmes 
und  will  nach  Tarsus,  um  dort  verborgen  zu  leben,  aber  durch  Gottes 
Fügung  kehrt  er  nach  Rom  zurück. 

Ferner  heißt  es:  „quis  enim  narrare  poterit,  quantas  tentationes 
quantosve  fluctus  in  sui  sacratissimi  pectoris  arcano  pertulerit,  dum 
patrem    pro  se    tanto  moerore  affici  conspiceret,  sciret    etiam    matrem 


200  M.  FR.  BLAU 

nocte  dieque  in  fletu  et  gemitu  perdurare?  Videbat  insuper  servos 
proprios  deliciis  abundare,  vestibusque  pretiosis  indutos  iucedere  et 
se  ab  Omnibus  contemptui  haberi:  tolerabat  ad  haec  opprobria  irri- 
sionesque  eorura  et  quasi  iam  raortuus  seculo,  solo  tantum  spiritu 
Christo  vivebat." 

Schließlich  wird  noch  ausdrücklich  hervorgehoben,  daß  die  Stimme 
Gottes  ihn  „Homo  Dei"  genannt  und  verkündet  habe,  daß  sein 
Gebet  für  die  Sünde  des  ganzen  römischen  Volkes  angenommen  sei, 
woran  sich  ein  langer  Abschnitt  über  die  Bedeutung  des  Ehrentitels 
„Homo  Dei"  knüpft. 

Wir  finden  hier  also  eine  eingehende  Schilderung  des  Lebens, 
welches  Alexius  unerkannt  im  Hause  seines  Vaters  führt;  schon 
Josephus  erzählt  davon  in  der  siebenten  Ode,  aber  bei  Adalbert  be- 
gegnen wir  dem  wichtigen  Zug  der  steten  Trauer  der  Eltern.  Auf- 
fallend ist  in  hohem  Grade,  daß  die  Homilie  in  diesem  Abschnitt 
nicht  ein  Wort  von  der  Braut  sagt,  und  wenn  wir  dazu  halten,  daß 
auch  Josephus  ihrer  in  diesem  Zusammenhange  nicht  erwähnt,  so 
könnte  man  wohl  geneigt  sein  anzunehmen,  daß  die  Legende  in  der 
damaligen  Gestalt  die  Braut  nach  ihrer  einmaligen  Erwähnung  völlig 
aus  den  Augen  verlor;  dagegen  würde  der  Satz  des  Synaxariums: 
„er  gab  ihr  den  Trauring  [zurück]",  nicht  sprechen,  falls  wir  das  als 
symbolische  Scheidung  der  Ehe  verstehen  wollen. 

Was  der  lateinischen  Legende  ihr  eigenes  Colorit  gibt,  ist  die 
Verbindung  des  Heiligen  mit  dem  Bonifaciustempel,  die  sich  bereits 
in  der  Homilie  in  den  oben  gegebenen  Schlußworten  zeigt. 

Wie  nun  die  byzantinische  Legende  nach  Syrien  zurückwanderte 
und  so  der  alten  Lebensbeschreibung  eine  wunderbare  Fortsetzung 
gab  —  schon  eine  Hs.  des  neunten  Jahrhunderts  zeigt  diese  Zu- 
sammenschweißung des  Originals  und  der  vermehrten  zweiten  Auflage 
des  Byzantiners,  wie  M.  Amiaud  angibt  — ,  so  eroberte  sich  auch  die 
lateinische  Bearbeitung  das  Gebiet  der  byzantinischen  Legende:  die 
drei  griechischen  Bearbeitungen  (5,  §,  3  kennen  alle  die  Bonifacius- 
kirche,  und  es  ist  schwerlich  erlaubt  zu  glauben ,  daß  die  Erwähnung 
dieser  Kirche  anderswo  herstamme  als  aus  der  lateinischen  Fassung. 
Es  sei  übrigens  bemerkt,  daß  bereits  in  der  früher  erwähnten  Urkunde 
vom  Jahre  987  der  Leib  des  Heiligen  als  in  der  Bonifaciuskirche 
ruhend  genannt  wird. 

Wichtig  wird  nun,  besonders  als  ein  Zeugniß  für  eine  Reihe  von 
Nebenmomenten,  eine  Predigt  des  Petrus  Damiani  (f  1071),  die 
bisher    noch  Niemand    beachtet    hat,    und    die    gerade    auch    für  eine 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  201 

chronologische  Bestimmung  der  Entwicklung  unserer  Legende  von 
großem  Werthe  ist. 

Die  Predigt  beginnt  mit  einer  Lobpreisung  der  Eltern  des  Hei- 
ligen (vgl.  Migne  144,  sp.  652  fF.) :  „Nara  cum  tot  referatur  (heißt  es 
in  diesem  Sermo  XXVIII  de  S.  Alexio  confessore)  opibus  et  ttam  in- 
comparabilibus  exuberasse  divitiis  ut  tria  milia  puerorum  eorum  (d.  h. 
der  Eltern)  conspectui  reverenter  assisterent,  qui  et  holosericis  orna- 
rentur  induviis  et  aureis  se  praecingerent  zonis,  quotidie  non  cessabant 
viduis  ac  pupillis  et  quibuslibet  indigentibus  sumptuosas  parare  mensas 
edulii,  cum  ipsi  semel  in  die  solo  pane  et  aqua  essent  plerumque 
contenti." 

Weiter  wird  erzählt,  daß  er  17  Jahre  in  Edessa,  einer  Stadt 
Mesopotamiens,  in  Armuth  und  Entbehrung  gelebt  habe.  Schließlich 
gebe  ich  noch  die  Stellen,  die  von  dem  Leben  des  Heiligen  im  Hause 
seines  Vaters  handeln:  »domum  patriam  felici  postlimio  (soll  heißen 
postlimiuio)  rediens  durumque  certamen  aggressus  inter  uxorem  utrum- 
que  parentem,  inter  vernaculos  diversamque  familiam,  ut  soll  Deo 
fieret  veraciter  notus,  omnium  fefellit  aspectus  ....  illic  post  alapas 
ac  verbera  servulorum,  post  subsannationes  et  contumelias  irridentium, 
post  cachinnantium  ac  saevientium  piagas ,  post  intolerabiles  denique 
patientissime  toleratae  calaraitatis  iniurias  tandem  feliciter  obiit  tanti- 
que  laboris  immensa  certamina  beato  fine  complevit  per  spei  caelestis, 
quod  mente  conceperat,  desiderium." 

An  einer  anderen  Stelle  wird  nochmals  hervorgehoben  „ut  de 
quotidiano  conjugis  parentumque  conspectu  tentationum  fluctus  im- 
pingerent  nee  sternere  potuissent",  und  nochmals:  „cum  intra  paternae 
domus  atria  degeret,  cum  carnales  affectus  undique  cerneret,  cum 
parentum  necessitudinem,  cum  certe,  quod  difficilius  et  intolerabilius 
erat,  venustam  sponsae  speciem  a  quotidianis  mutuisque  conspectibus 
vitare  non  posset."  Auch  das  Äußere  des  unerkannt  bei  seinem  Vater 
Lebenden  wird  beschrieben:  „dum  paupertas  exterior  inopem,  pannosus 
habitus  et  caesaries  redderet  inculta  deformem  ..." 

Hier  finden  wir  also  die  jungfräuliche  Gattin  erwähnt  und  zwar 
nicht  einmal,  sondern  wiederholt  —  ich  bringe  noch  die  vierte  Stelle 
„hunc  (sc.  Alexium)  blanda  mitis  atque  venusta  facies  impugnabat 
uxoris"  —  und  da  nun  auch  die  syrische  Legende,  d.  h.  die  auf  das 
syrische  Leben  gepfropfte  byzantinische  Legende  —  deren  älteste  Hs. 
ins  neunte  Jahrhundert  zurückgeht,  die  Braut  hier  wieder  auftreten 
läßt  (nach  M.  Amiaud) ,  so  ist  die  oben  bemerkte  Auslassung  bei 
Adalbert    nur    zufällig,    vielleicht    auch    durch  die  Rücksicht    auf  die 


202  M.  FR.  BLAU 

mönchische  Zuhörerschaft  veranlaßt:  bereits  der  byzantinische  Ei*- 
weiterer  hat  die  Rolle  der  Braut  derart  ausgeführt,  wie  auch  schon 
G.  Paris  a.  a.  O.  p.  164  bemerkt.  Für  die  gleiche  Auslassung  bei 
Josephus  läßt  sich  wohl  auch  ein  hinreichender  Grund  angeben:  wir 
haben  bereits  oben  gesehen,  daß  bei  ihm  die  Verwandtschaft  der  Legende 
mit  der  des  Johannes  Calybita  am  größten  ist,  und  daß  wir  deshalb 
die  dort  gebotene  Gestalt  für  die  älteste  der  Legende  —  abgesehen 
natürlich  von  der  syrischen  Lebensbeschreibung  —  zu  halten  haben 
werden.  Wir  müssen  deshalb  zwei  griechische  Weiterfülirungen  der 
Legende  ansetzen:  die  eine,  welche  einfach  zu  der  syi'ischen  Vita 
nach  dem  Muster  der  Legende  des  Johannes  Calybita  eine  Fort- 
setzung gab,  worin  sich  der  Heilige  noch  vor  seinem  Tode  den  Eltern 
offenbart,  und  worin  von  der  verlassenen  Gattin  nicht  mehr  die  Rede 
ist  —  wie  bei  Josephus  — ,  die  andere,  die  einige  neue  und  originelle 
Züge  in  diese  Copie  einer  anderen  Legende  bringt,  die  Rolle  der  Braut 
und  die  Briefscene,  wie  in  der  syrischen  etc.  Legende. 

Ferner  finden  wir  nun  ganz  ausdrücklich  erwähnt  die  .3000 
Diener  in  seidenen  Gewändern  und  goldenen  Gürteln,  die  reichen 
Tische  für  die  Dreizahl  der  Bedürftigen,  Witwen,  Waisen  und  sonstige 
Arme,  auch  die  fast  mönchische  Mäßigkeit  der  Eltern,  die  meist  nur 
Brot  und  Wasser  genießen. 

Daß  auch  hier,  wie  bei  Adalbert,  der  ganzen  dramatischen  Scene 
am  Leichnam  des  Heiligen  nicht  gedacht  ist,  ist  nicht  weiter  auffällig: 
gerade  diese  Scene  bot  wenig  Anlaß  zu  Lobpreisungen  des  Heiligen ; 
da  die  Scene  bereits  im  Synaxarium  sicher  bezeugt  ist,  so  dürfen 
wir  nicht  daran  zweifeln,  daß  sie  ebenso  in  der  Adalbert  und  Petrus 
Damiani  vorliegenden  lateinischen  Legende  enthalten  war.  Denn  es 
ist  zweifellos  als  Grundsatz  aufzustellen,  daß  bestimmte  Züge,  die  in 
älteren  und  dann  später  in  jüngeren  Redactionen  begegnen,  in  da- 
zwischen liegenden  aber  —  aus  leicht  erklärbaren  Gründen  —  nicht 
gegeben  sind,  trotzdem  in  steter  Überlieferung  in  der  Legende  ent- 
halten waren. 

Nach  diesem  Sermo  des  Petrus  Damiani  ist  nun  diejenige  Gestalt 
der  lateinischen  Legende  aufzuführen,  welche  MaÜmann  a.  a.  O.  mit 
^  bezeichnet,  die  kirchliche  Legende. 

Es  ist  höchst  wahrscheinlich,  daß  dieselbe  bereits  dem  Adalbert 
und  dem  Petrus  Damiani  vorlag,  aber  da  wir  sie  bestimmt  erst  als  Vor- 
lage des  altfranzösischen  Alexiusliedes,  das  nach  G.  Paris  (La  vie  de 
St.  Alexis  1872,    p.  136)  gegen  1040  in  der  Normandie   verfaßt   soin 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  203 

muß,  nachweisen  können,  so  findet  sie  wohl  am  besten  hier  ihren 
Platz,  um  so  mehr,  als  bisher  keine  ältere  Hs. ,  als  die  von  Stengel 
(La  Can^un  de  saint  Alexis  p.  253  in  der  Anmerkung  zu  p.  60)  er- 
wähnte Hs.  Nr.  15436  der  Pariser  Nationalbibliothek  bekannt  ist, 
diese  aber  (nach  ebenda)  aus  dem  11.  Jahrhundert  stammt.  Pinius' 
Versuch ,  eine  Hs.  in  das  neunte  Jahrhundert  zu  setzen,  habe  ich 
schon  früher  zurückgewiesen. 

Brauns  in  seiner  bereits  angeführten  Dissertation  (p.  3)  hat  es 
nun  unternommen,  die  Vorlage  des  französischen  Dichters  wenigstens 
inhaltlich  zu  reconstruiren,  und  so  eine  ältere  Redaction  angesetzt: 
53*,  aus  welcher  erst  ^,  durch  eine  Reihe  von  Zusätzen  erweitert, 
geflossen  wäre.  Diesem  53*  näher  zu  treten,  muß  meine  nächste  Auf- 
gabe sein.  Ich  schicke  voran,  daß  auch  ich  den  Text,  wie  ihn  die 
Bollandisten  geben  (a.  a.  O.  p.  251  ff.,  auch  bei  Massmann  p.  167  ff., 
leider  nicht  ganz  zuverlässig  abgedruckt)  nicht  für  durchaus  gut  halte, 
und  daß  ich  deshalb  mit  Brauns  für  das  Original  der  „kirchlichen" 
Legende,  das  also  Sd*  heißen  soll,  den  Satz  „et  vocaverunt  cum  Ale- 
xium"  (vgl.  Brauns  p.  11)  in  Anspruch  nehme,  den  ja  die  eben  er- 
wähnte Hs.  des  11.  Jahrhunderts  in  der  Form  „quem  Alexi  vocaverunt" 
bietet  (vgl.  Stengel  a.  a.  O.);  Brauns  hätte  gleich  noch  die  andere 
von  Stengel  gegebene  Stelle  anführen  können,  daß  nämlich  die  gleiche 
Hs.  und  mit  ihr  zwei  andere  Hss.  in  der  Rede  des  Vaters  den  Satz  zeigen: 
„quare  tam  crudeliter  nobiscum  egisti?"  So  weit  stimme  ich  mit  Brauns 
überein,  hingegen  kann  ich  ihm  durchaus  nicht  folgen,  wenn  er  „der 
älteren  Redaction  S*,  der  der  französische  Dichter  nur  gefolgt  sein 
kann",  folgende  ausführende  Züge:  die  3000  Diener  des  Euphemian, 
die  drei  Armentische  in  seinem  Hause  und  das  Essen  mit  „religiösen 
Männern",  das  Keuschheitsgelübde  der  Eltern  nach  der  Geburt  des 
Alexius  u.  s.  w.  als  jüngere  Zusätze  streitig  macht. 

Doch  sehen  wir  zu,  auf  welche  Gründe  er  diese  Behauptung  stützt. 
Als  entscheidend  führt  er  die  allgemeine  Beobachtung  an,  „daß  die 
alten  Poeten  ihrer  Quelle  getreu ,  oft  sclavisch  folgen ,  sie  lieber  er- 
weitern und  darum  nichts  Wesentliches  ausgelassen  haben  würden" ; 
„namentlich,  wenn  sich  die  in  Zweifel  gezogenen  Stellen  in  den  ver- 
schiedensten, von  einander  ganz  unabhängigen  Übertragungen  und 
auch  in  anderen  lateinischen  Redactionen  nicht  vorfinden,  also  nicht 
gut  zufällige  oder  absichtliche  Auslassungen  sein  können".  Der  Beweis 
für  seinen  allgemeinen  Satz  ist  nach  seiner  Ansicht  für  die  im  Mittel- 
alter so  popixläre  Legende  vom  heiligen  Alexius  durch  einen  Vergleich 
der  verschiedenen  Bearbeitungen  unschwer  zu  erbringen. 


204  M    FK.  BLAU 

Die  Treue  unseres  ultfranzösischen  Originaldiehters  gegenüber 
seinem  lateinischen  Texte  ist  nun  schwerlich  über  allen  Zweifel 
erhaben.  So  macht  er  das  berühmte  Bild  Christi  zu  Edessa,  von 
dem  in  ^  die  Rede  ist,  zu  einem  solchen  der  Jungfrau  Maria  (vgl. 
Strophe  18  des  von  G.  Paris  a.  a.  O.  gegebenen  Textes  p.  143), 
indeß  wäre  hier  immerhin  die  Annahme  möglich,  daß  Sß*  jenes  Bild 
Christi  gar  nicht  genannt  habe.  Eine  andere  Stelle  hingegen  zeigt 
deutlich,  daß  entweder  der  Dichter  seine  Vorlage  flüchtig  angesehen, 
beziehungsweise  mißverstanden  hat,  oder  daß  die  letztere  nicht 
lückenlos  war.  Es  handelt  sich  um  die  göttliche  Stimme,  die  vor  des 
Heiligen  Tode  erschallt:  nach  der  allgemein  üblichen  Darstellung 
erklingt  zuerst  die  freundliche  Mahnung  des  himmlischen  Herrn: 
, Kommet  her  zu  mir  Alle,  die  Ihr  mühselig  und  beladen  seid  und 
ich  will  Euch  erquicken!"  Als  auf  diese  Worte  Alle  erschreckt  auf 
ihr  Antlitz  fallen  und  das  Kyrie  eleison  anstimmen,  erschallt  zum 
zweiten  Male  die  Stimme:  „Suchet  den  Mann  Gottes,  auf  daß  er  für 
Rom  bitte;  am  Freitag,  wenn  der  Morgen  anbricht,  wird  er  in  Gott 
seine  Seele  aufgeben."  In  dem  altfranzösischen  Alexiusliede  fehlt  nun 
der  erste  Ruf  der  göttlichen  Stimme  vollständig  und  es  ergeht  sogleich 
die  Aufforderung,  den  Mann  Gottes  zu  suchen.  Die  Stelle  lautet 
Strophe  59  und  60''-^'  (bei  Paris  a.  a.  0.  p.  153): 

59  En  la  samaine  qued  il  s'en  dut  aler, 
Vint  une  voiz  treis  feiz  en  la  citet 
Hors  del  sacrarie  par  comandement  Deu, 
Qui  ses  fideilz  li  at  toz  envidez. 

Prest  est  la  gloire  qued  il  li  volt  doner. 

60  A  l'altre  voiz  lor  vint  altre  somonse 

Que  l'home  Deu  quiergent  qui  gist  en  Rome, 
Si  li  depreieut  que  la  citet  ne  fondet, 
Ne  ne  perissent  la  gent  qui  enz  fregondent. 
Wie   man  sieht,    ist  das  „venite  ad  me    omnes,    qui  laboratis  et 
onerati  estis,   et  ego    vos  reficiam"   zum  Inhalt  eines  Relativsatzes  ge- 
worden:   „aus  dem  Allerheiligsten    erschallt   dreimal    eine  Stimme  auf 
das  Geheiß  Gottes,   welcher  seine  Getreuen  alle  zu  sich  geladen  hat. 
Nahe  ist  der  Ruhm,  den  er  ihnen  geben  will." 

Dann  geht  es  aber  weiter:  „Die  Stimme  erscholl  von  Neuem  und 
gab  ihnen  neuen  Auftrag."  Da  nun  aber  vorher  von  dem  Inhalte  des 
ersten  göttlichen  Rufes  nichts  gesagt  ist,  so  ist  klar,  daß  hier  ein 
Fehler  vorliegt,  den  wir  entweder  der  Vorlage  oder  dem  Dichter  zu- 
zuschreiben haben  werden ;  für  den  letzteren  Fall  spricht  Strophe  60* 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  205 

„a  l'altre  voiz",  woraus  zu  schließen  ist,  daß  die  Vorlage  vor  diesem 
„iterum"  auch  wirklich  den  ersten  Ruf  der  göttlichen  Stimme  hatte. 
Übrigens  zeigt  gerade  diese  ganze  Partie  recht  bedeutende  Abwei- 
chungen von  der  allgemein  üblichen  Darstellung  53,  Abweichungen, 
für  die  sich  aber  in  anderen  Redactionen  keine  Entsprechungen  bieten. 
Statt  den  Heiligen  zu  suchen ,  macht  sich  das  Volk  auf,  um  beim 
Papste  Innocenz  sich  Raths  zu  erholen.  Auch  fehlt  die  genauere 
Angabe  der  Tage,  wie  wir  sie  in  iö  finden.  Wie  wenig  aber  diese 
Abweichungen  einer  älteren  Redaction  zuzuweisen  sind,  geht  daraus 
hervor,  daß  bereits  die  syrische  Darstellung  des  neunten  Jahrhunderts 
—  wie  der  von  Amiaud  gedruckte  Text  zeigt  —  alle  diese  Züge  in 
der  gleichen  Ausführlichkeit  wie  ^  bietet.  Ebenso  ist  das  Verhältniß 
betreffs  der  vom  französischen  Dichter  fortgelassenen  Angabe,  daß 
Alexius  nach  Tarsus  —  zum  Tempel  des  heiligen  Paulus  —  fliehen 
will,  was  wir  ja  auch  in  der  Homilie  Adalberts  erwähnt  finden.  Also 
überstrenge  Treue  gegenüber  seiner  Vorlage  dürfen  wir  dem  Dichter 
durchaus  nicht  vorwerfen,  und  es  ist  das  bei  einem  wirklich  frei 
schaffenden  Geiste  —  und  als  solchen  erweisen  den  Dichter  die  poe- 
tisch ausgeführten  Klagen  der  Angehörigen  an  der  Leiche  des  Hei- 
ligen —  durchaus   nicht  zu  verwundern. 

Der  allgemeine  Grund  für  die  Ansetzung  der  von  vielen  Zusätzen 
freien  älteren  Redaction  ^*  hat  sich  also  als  durchaus  unzulänglich 
erwiesen.  Wie  steht  es  nun  mit  den  von  Brauns  als  Zusätze  be- 
zeichneten einzelnen  Stellen? 

Brauns  führt  zuerst  die  3000  Diener  in  seidenen  Gewändern  und 
goldenen  Gürteln  an,  die  ja  bereits  dem  Pinius  verdächtig  waren. 
Wenn  wir  uns  der  Stelle  aus  Adalberts  Homilie  erinnern:  „videbat  in- 
super  servos  proprios  deliciis  abundare,  vestibusquc  pretiosis  indutos 
incedere",  so  werden  wir  diese  Angabe  in  Sd  durchaus  nicht  für  einen 
späteren  Zusatz  halten  können.  Auf  Petrus  Damiani  darf  ich  mich 
hierbei  nicht  stützen,  da  er  ja  möglicherweise  bereits  eine  mit  allen 
Zusätzen  versehene  Legende  vor  sich  hatte.  Dem  Urtheile  Brauns' 
(p.  5) ,  daß  „diese  Prachtliebe  und  Verschwendung  herzlich  schlecht 
im  Einklang  stehe  mit  dem  vielgerühmten  Woldthätigkeitssinn,  de.i 
Armenpflege  und  dem  sonstigen  bescheidenen  Auftreten  des  Euplie- 
mian",  würden  wir  uns  auch  dann  nicht  anzuschließen  vermögen, 
wenn  die  Stelle  ein  jüngerer  Zusatz  wäre.  Es  heißt  doch  die  Anforde- 
rungen mittelalterlicher  Etikette  wenig  kenneu,  wenn  man  von  einem 
großen  Herrn,  der  nach  ^  sogar  der  Erste  nach  dem  Kaiser  ist,  nach 
Außen  hin  ein  anderes  als  höchst  glänzendes  und  prunkvolles  Auf- 
treten erwartet. 


206  M.  FR.  BLAU 

Eine  andere  Erweiterung  der  ursprünglichen  lateinischen  Vita 
hob  nach  Brauns  die  Wohlthätigkeit  des  Euphemian  hervor,  und 
Brauns  setzt  dazu  nicht  weniger  als  drei  Interpolatoren  in  Bewegung, 
was  d"Och  mindestens  einen  recht  gekünstelten  Eindruck  macht.  Auch 
hier,  wie  an  der  ersten  Stelle,  läßt  uns  die  syrische  Legende  im  Stich, 
da  diese  ja  erst  mit  der  Rückkehr  des  Alexius  ins  elterliche  Haus 
beginnt,  und  in  der  syrischen  Lebensbeschreibung  die  Eltern  durch- 
aus als  weltlich  gesinnt  geschildert  werden,  ohne  daß  aber  etwa  eine 
genauere  Angabe  über  ihren  glänzenden  Haushalt  gemacht  würde. 

Zuerst  ist  hier  Brauns  factisch  zu  berichtigen,  der  die  griechi- 
schen Bearbeitungen  von  denen  ausnimmt,  welche  den  ganzen  Ab- 
schnitt über  die  Wohlthätigkeit  der  Eltern  bieten. 

Nur  §  weiß  nichts  daraus  zu  berichten,  aber  §  hat  überhaupt 
mancherlei  Kürzungen,  z.  B.  gelegentlich  der  Angabe  der  Hochzeits- 
feierlichkeiten. Hingegen  finden  wir  in  3  und  S,  sogar  mit  kleinen 
ausschmückenden  Zügen,  den  ganzen  Abschnitt  wieder.  Da  nun 
aber  3  in  einer  sehr  alten  Hs.  steht,  welche  der  Katalog^)  als  wahr- 
scheinlich dem  10.  Jahrhundert  angehörig  bezeichnet  (saeculi  X  ut 
videtur) ,  so  ist  damit  bewiesen ,  daß  der  genannte  Abschnitt  bereits 
sehr  zeitig  in  der  lateinischen  Darstellung  vorhanden  war,  welche  ja 
3  benützt  hat.  (Das  unsichere  „ut  videtur"  ist  wohl  ganz  am  Platze, 
denn  da  ja  die  lateinische  Legende  nicht  vor  circa  980  entstanden 
sein  kann,  ist  die  Wahrscheinlichkeit ,  daß  noch  vor  Ende  des  Jahr- 
hunderts die  umgeformte  Legende  nach  Griechenland  zurückgebracht 
ward,  nicht  eben  groß).  Jedenfalls  spricht  dieser  Umstand,  daß  3"  den 
ganzen  Abschnitt  zeigt,  sehr  dagegen,  in  diesem  einen  auf  die  Arbeit 
dreier  Interpolatoren  vertheilten  Zusatz  zu  erblicken.  Daß  der  afrz. 
Dichter  davon  nichts  erzählte,  ist  doch  recht  begreiflich:  ihn  inter- 
essirte  der  eigentliche  Held  der  Legende  und  deshalb  strich  er 
Erweiterungen,  die  nur  geeignet  waren,  von  dem  Mittelpunkte  des 
Stoffes  die  Theilnahme  auf  Nebenpersonen  zu  lenken. 

Einen  weiteren  Zusatz  sieht  Brauns  in  der  Angabe,  daß  die 
Braut  aus  kaiserlichem,  beziehungsweise  königlichen  Geschlechte 
stammte,  „wozu  dann  als  noch  neuerer,  leicht  erklärlicher  Zusatz  die 
Krönung  des  Paares  in  der  Bonifaciuskirche"  gekommen  wäre.  Hier 
befindet  sich  Brauns  sicher  stark  im  Irrthura ,  denn  diese  Krönung 
ist  ein    noch  jetzt  erhaltener  Act  der  griechischen  Kirche,    so  daß  in 


')  Catalogus   codd.   mss.   bibl.  reg.  bav.  Volumiuis  primi  codd.  graecos  ab  Ign. 
Hardt  receusitos  cumplexi  Tom.   I.   18()G,  p.   14. 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  207 

Rußland  noch  heute  die  Trauung  gewöhnlich  Krönung  genannt  wird 
(vgl.  Andr.  MurawiefF:  Briefe  über  den  Gottesdienst  der  morgen- 
ländischen Kirche,  übersetzt  von  v.  Muralt  1838,  p.  186).  Wie  alt 
dieser  Brauch  ist,  geht  daraus  hervor,  daß  er  bereits  bei  Chrysostoraus 
erwähnt  ist  (nach  desselben  Lexidion  p.  83).  Im  Übrigen  ist  auf  die 
bei  Pinius  a.  a.  O.  p.  252  zu  der  Stelle  gegebene  Bemerkung  zu  ver- 
weisen. Wenn  hier  die  einzelnen  lateinischen  und  sonstigen  Bearbei- 
tungen schweigen,  so  ist  das  durchaus  verständlich:  die  Sitte  der 
feierlichen  Krönung  des  Brautpaares  war  dem  Abendlande  nicht,  be- 
ziehungsweise nicht  mehr  bekannt,  und  so  ließ  man  eben  die  unver- 
ständliche Stelle  zumeist  fort.  Was  die  Herkunft  der  Braut  angeht, 
so  ließe  sieht  vielleicht  darüber  rechten,  da  iudeß  schon  das  grie- 
chische 3  die  Braut  aus  königlichem  Geschlechte  erwähnt  {ix  ßccGt- 
ksLOv  ccl'iiaros) ,  so  werden  wir  besser  in  der  Angabe  keine  spätere 
Ausschmückung  sehen. 

Auch  die  nächste  Aufstellung  Brauns'  (p.  7)  läßt  sich  nicht  halten, 
zumal  wohl  auch  noch  ein  Mißverständniß  von  seiner  Seite  mitspielt. 
Die  Stelle  in  53:  „et  de  domo  mea  accipiet  haereditatem,  ß:  atque 
etiam  haereditatem  accipiet  e  domo  mea,  ®:  über  erit  dominus  vnus 
nee  non  mens  heres,  kann  doch  nicht  so  aufgefaßt  werden,  als  ob 
hier  Euphemian  dem  Diener  die  Erbschaft  seines  Hauses ,  d.  h.  des 
ganzen  ungeheueren  Reichthums  verspräche.  ©  freilich  ließe  eine 
solche  Deutung  zu,  obgleich  sich  dagegen  einwenden  läßt,  daß  ja 
später  von  der  Erfüllung  dieses  Versprechens  dort  nicht  die  Rede  ist; 
indeß  hat  !5)  überhaupt  nicht  den  Werth  für  uns  wie  53,  die  „kirch- 
liche" Legende  und  (S,  die  aus  Symeon  Metaphrastes  (?)  gegebene 
Übersetzung.  55  und  ß  aber  besagen  doch  nur,  daß  Euphemian  dem 
Diener  von  dem  Hause  eine  Erbschaft  verspricht.  Dieselbe  Zusage 
finden  wir  nun  auch  in  3  {xal  ^sqols  oi)X  ilaxiatov  Klr]QOvo^s6si£  tijg 
ovoiag  (lov),  und  um  Brauns  endgiltig  zu  widerlegen,  in  der  syrischen 
Legende,  wo  es  nach  Amiauds  Übersetzung  heißt:  „celui  de  vous  qui 
voudra  servir  cet  etranger,  je  le  jure  par  le  Dieu  vivant!  sera  affranchi 
et  recevra  en  heritage  une  part  de  mon  bien."  Der  „unglückliche 
Gedanke  eines  Interpolators"  wird  danach  zu  einem  möglichen  Miß- 
verständniß in  ®,  das  mit  der  ursprünglichen  Fassung  der  Legende  55 
nichts  zu  thun  hat. 

Wir  haben  also  von  vornherein  den  von  Brauns  aufgestellten 
Grundsatz  für  die  Wiedergewinnung  einer  älteren,  von  Zusätzen  freien 
Redaction  ^*  nicht  annehmen  können  und  dann  auch  im  Einzelnen 
erwiesen,  beziehungsweise  doch  wahrscheinlich  gemacht,  daß  die  von 


208  M.  FJ^  BLAU 

Brauns  als  spätere  Zusätze  bezeichneten  Stellen  altes  Gut  der  Legende 
sind;  wir  dürfen  jetzt  also  den  Versuch  Brauns'  als  durchaus  ge- 
scheitert bezeichnen  und  die  einfachere  Gegenthese  aufstellen,  daß  die 
Legende,  als  sie  nach  Rom  gebracht  wurde,  nicht  nur  in  allen  Haupt- 
zügen, sondern  auch  in  den  charakteristischen  Ausschmückungen  im 
Einzelnen  durchaus  fertig  war,  und  daß  im  Abendlaude  nur  noch  die 
Beziehungen  des  Heiligen  zur  Bonifaciuskirche  als  letzte  Zuthat  in 
den  im  Übrigen  festgestellten  Codex  der  Legende  aufgenommen 
wurden. 

Höchst  wahrscheinlich  enthielt  diese  lateinische  Legende,  von 
der  wir  in  Sß  eine  im  Allgemeinen  gute  Wiedergabe  besitzen,  außer 
den  oben  p.  203  bereits  genannten  Abweichungen  —  die  in  der  Hs. 
von  -53,  die  aus  dem  IL  Jahrhundert  stammt,  übrigens  überliefert 
sind  —  noch  einen  Satz,  den  wir  in  unserem  Sß  vermissen,  einen  Satz 
nämlich,  der  davon  erzählte,  wie  Alexius  im  Hause  seiner  Eltern  die 
stete  Trauer  seiner  Angehörigen  um  ihn  ungerührten  Herzens  mit 
ansah.  Ich  erinnere  daran,  wie  schon  Adalbert  gerade  das  besonders 
hervorhebt,  wie  Petrus  Damiani  auf  dasselbe  Moment,  die  siegreiche 
Bekämpfung  einer  solchen  Versuchung  mehrfach  zurückkommt,  wie 
schließlich  der  altfranzösische  Dichter  in  Strophe  48  und  49  uns  eben 
davon  erzählt.  Möglich  ist  allerdings  auch,  daß  wir  bei  allen  Dreien 
eine  nur  zu  begreifliche  Erweiterung,  die  Jeder  von  ihnen  ganz  unab- 
hängig und  selbständig  fand,  anzunehmen  haben,  wofür  auch  spricht, 
daß  3,  die  griechische  Darstellung,  ebensowenig  wie  ^  etwas  davon 
erzählt.  Im  Übrigen  aber  haben  wir  kein  Recht,  als  Vorlage  für  den 
altfranzösischen  Dichter  eine  andere,  ältere  und  von  vielen  Zusätzen 
freie  Redaction  der  lateinischen  Legende  anzusetzen:  So  mit  den 
geringen  eben  genannten  Abweichungen  hat  dem  Dichter  vorgelegen. 

Ich  habe  nun  auf  diejenige  Weiterentwicklung  der  Legende  ein- 
zugehen, welche  Massmann  mit  91  bezeichnet  hat. 

Massmann,  dem  die  „bräutliche  Sage"  21  viel  werthvoller  als  „die 
kirchliche  Legende"  ^  erschien,  ist  geneigt  (p.  33),  der  lateinischen 
Darstellung  einen  Deutschen  zum  Verfasser  zu  geben,  indem  er  sich 
besonders  auf  das  Gepräge  deutscher  Art  und  die  deutsche  Empfin- 
dungsweise stützt,  die  sie  an  und  in  sich  trage,  und  außerdem  auf 
Ausdrücke,  wie  mundiburdum,  tumba,  senior  hindeutet.  Eine  Dati- 
rung  hat  er  nicht  versucht,  denn  der  ohnehin  unklare  Satz  (p.  37): 
[„die  griechischen  und  lateinischen  Darstellungen  haften  am  zwölften 
Jahrhundert.]  Konrad  von  Würzburg  (3))  dichtete  im  13.  Jahrhundert, 
unsere  älteste  Darstellung  21  ist  demnach  älter"   ist  durch  einen  Druck- 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  209 

fehler  noch  unklarer  geworden:  es  soll  jedenfalls  nicht  21,  sondern  A 
heißen,  wie  Ja  auch  3)  falsch  für  D  gesetzt  wird.  Demnach  erklärt 
sich  wohl  G.  Paris'  Opposition  gegen  eine  Behauptung  Massmanns, 
nach  welcher  %  älter  sei  als  53,  aus  dem  leicht  begreiflichen  Mißver- 
ständnisse jenes  eben  gegebenen  Satzes.  Gegen  Massmanns  Ansicht 
betreffend  den  Vei'fasser  der  lateinischen  Redaction  5t  stellt  nun 
G.  Paris  Romania  VIII,  165  die  Gegenthese  auf,  daß  21  eine  recht 
junge  Überarbeitung  und  ohne  Zweifel  specifisch  italienisch  ist  (Pisa 
und  Lucca  sind  für  Laodicea  und  Edessa  des  Originals  einge- 
setzt etc.) ;  Brauns  sowie  Amiaud  haben  sich  ihm  angeschlossen, 
und  auch  ich  theile  diese  Meinung.  Massmanns  Verrauthung  stützt 
sich  doch  gar  zu  sehr  auf  uncontrolirbare  Gründe;  zudem  wäre  man 
noch  gezwungen  anzunehmen,  daß  dieser  Deutsche  in  Italien  gewesen 
sei,  da  er  ja  nicht  bloß  die  Namen  Pisa  und  Lucca  kennt,  ganz  ab- 
gesehen von  seiner  Erwähnung  der  „ecclesia  beati  Johannis  latera- 
nensis",  sondern  auch  in  Pisa  das  von  Nikodemus  gemalte  Bild  des 
Heilandes.  Dieses  Bild  war  doch  schwerlich  so  berühmt,  daß  in 
Deutschland  davon  erzählt  wurde.  Die  Annahme  von  G.  Paris  spricht 
für  sich  selbst,  so  daß  wir  nicht  eher  an  ihr  zu  zweifeln  haben,  als  bis 
sich  ernsthafte  Gründe  dagegen  finden  lassen:  nicht  ohne  Gewicht  für 
G.  Paris*  Annahme  ist,  daß  ja  noch  in  dem  von  Massmann  p.  41  angeführten 
späteren  italienischen  Gedichte  der  Hauptzug  haftet,  daß  der  Todte 
nur  der  Braut  den  Brief  anvertraut.  Freilich  werden  wir  das  uns  vor- 
liegende 21  nicht  ohne  Weiteres  als  treue  Wiedergabe  dieser  neuen 
Redaction  anzusehen  haben.  Zur  Wiedergewinnung  des  Originals  21* 
stehen  uns  die  vier  deutschen  Darstellungen  A,  B,  (S  und  H  zu  Ge- 
bote. (5  und  H,  welche  enger  zusammengehiiren  —  höchstwahrschein- 
lich ist  die  Prosa  d  die  directe  Vorlage  für  H  gewesen  —  zeigen  vor 
Allem  die  merkwürdige  Abweichung,  daß  sie  von  Pisa  und  Lucca 
nicht  ein  Wort  erwähnen,  sondern  den  Heiligen  von  Rom  direct  nach 
Edessa  und  von  da  ebenso  nach  Rom  führen;  auch  in  dem  Rahmen 
der  Erzählung  von  B  ist  für  jene  beiden  Städte  kein  Platz.  Ander- 
seits führen  (S  und  H  neben  dem  Ringe,  welchen  der  scheidende  Alexius 
seiner  Gattin  gibt,  auch  ^den  senkel  ob  dem  gürteF  (III,  20)  auf,  der 
in  2t  und  A  und  B  nicht  genannt  wird;  und  von  dem  Unwetter,  ge- 
legentlich dessen  die  Gottesmutter  für  den  frommen  Mann  so  über- 
raschend eintritt,  wissen  auch  nur  (5  und  H,  sowie  B,  nicht  aber  21 
und  A  zu  erzählen.  Es  ist  demnach  mehr  als  wahrscheinlich,  daß  die 
lateinische  Redaction  21*  in  ihrem  Original  der  anderen  lateinischen 
Redaction  33,  aus  der  sie  ja  doch  geflossen  ist,  bedeutend  näher  stand, 

GERMANIA.    Neue  Reihe.  XXI.  (XXXUI.)  Jahrg.  14 


210  M.  FR.  BLAU 

als  gerade  unser  21.  Denn  woher  stammt  sonst  in  (SH  der  'senkel  ob 
dem  gürtel'  und  die  Nichterwähnung  von  Pisa  und  Lucca?  Auch  die 
Annahme,  daß  etwa  die  Vorlage  von  (SH  von  Neuem  Sß  in  den  Text 
verarbeitet  habe,  ist  doch  wenig  ansprechend;  wie  sollte  sie  darauf 
verfallen  sein,  den  wenig  bedeutsamen  und  in  seiner  eigentlichen 
Bedeutung  unverstandenen  'senkel  ob  dem  gürter  neuerlich  wieder 
aufzunehmen?  Über  den  senkel  stüi'zt  denn  auch  die  Behauptung 
Massmanns  p.  21,  daß  (SH  aus  A  direct  abgeleitet  sei;  vielmehr  ist 
klar,  daß  31  nur  zufällig  in  unserer  Überlieferung  das  „caput  baltei" 
ausgelassen  haben  kann,  hingegen  in  dem  dem  'heiligen  leben'  1488 
vorliegenden  Exemplare  diese  Worte  enthielt.  Deshalb  haben  wir  der 
Vorlage  von  A,  unser  21,  und  der  von  (SH,  die  wir  (5*  nennen  wollen, 
gemeinsamen  Ursprung  in  21*  zuzuweisen,  wobei  aber  @*  der  gemein- 
samen Vorlage  entschieden  näher  steht. 


Freilich  kürzt  (5H  stark,  wie  es  denn  z.  B.  einfach  erzählt: 
[Alexius  bittet  um  Aufnahme  bei  seinem  Vater]  „des  gewert  er  in 
zehand  [IX,  22]  vnd  bevalhe  in  eyni  knecht,  dz  er  allzeit  wartet  sein 
[IX,  23]",  während  21  hier  ziemlich  ausführliche  Angaben  macht,  und 
zwar,  was  von  Bedeutung  ist,  übereinstimmend  mit^:  „conmotus  ille 
ad  hec  vocavit  unura  de  servis  suis  et  lacrimis  profusus  facie  ob 
recordationem  filii  commendavit  eum  adiecto  sub  iureiurando,  quia 
liberum  et  divitem  te  faciam,  si  sollicitara  curam  pauperis  egeris." 
Wir  dürfen  also  nicht  ohne  Prüfung  im  Einzelnen  bestimmte  Züge, 
die  nur  in  21,  nicht  in  (5H  belegt  sind,  als  spätere  Zusätze  von  21 
betrachten,  die  dem  Original  21*  fremd  waren;  indeß  ist  es  nicht 
unwahrscheinlich,  daß  Pisa  und  Lucca,  die  in  ßH  fehlen,  auch  im 
Original  21*  keine  Stelle  hatten,  obschon  ein  Beweis  dafür  nicht  zu 
erbringen  ist.  Anderseits  wird  aber  die  Reise  nach  Jerusalem  wohl 
schon  dem  Original  angehören.  Ich  verlasse  hier  diese  Frage,  in  der 
vorläufig  noch  Vieles  dunkel  ist,  und  wende  mich  zu  einem  Versuch, 
für  2t*  eine  genauere  Datirung  zu  gewinnen,  da  ja  G.  Paris'  Angabe 
„un  remaniement  assez  r(5cent"  dafür  gar  nichts  bietet.  Zu  dieser 
Datirung    soll    uns   jener  Interpolator  i   helfen,    welchen  G.  Paris    in 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  211 

seiner  Ausgabe  des  Alexiusliedes  (La  vie  de  saint  Alexis  1872,  p.  137) 
als  denjenigen  ansetzt,  der  aus  dem  alten  strophischen  Gedichte  ein 
Epos  in  Tiraden  von  wechselnder  Zeilenzahl  macht  (vgl.  auch  Brauns 
p.  20.  21  und  22  ff.). 

Es  ist  bereits  von  G.  Paris  (a.  a.  O.  p.  205.  206)  bemerkt,  daß 
zwei  wichtige  Interpolationen  von  i  eine  Entsprechung  in  2t  und  dessen 
Bearbeitungen  haben,  aber  er  erklärt  das  aus  einem  romantischen 
Grundzuge,  der  in  beiden  Darstellungen  zu  den  gleichen  Resultaten 
fährte.  Diese  beiden  Interpolationen  behandeln  einmal  den  Verkehr 
des  Heiligen  mit  Mutter  und  Braut  im  Hause  des  Euphemian,  von 
dem  S  nichts  erzählt,  und  zweitens  das  Wunder,  das  sich  am  Leichnam 
des  Alexius  zur  Verherrlichung  seiner  keuschen  Braut  begibt.  Die 
Annahme  G.  Paris',  daß  dieses  Zusammentreffen  lediglich  zufällig  sei 
und  nicht  beruhe  auf  einer  directen  Beziehung  der  beiden  Darstel- 
lungen i  und  51*  untereinander,  erschien  mir  von  vornherein  sehr 
fragwürdig,  und  ich  glaube,  daß  es  mir  gelungen  ist,  weitere  Gründe 
zu  finden,  die  eine  Beziehung  zwischen  i  und  21*  nicht  nur  wahr- 
scheinlich, sondern  sicher  machen.  Wenn  wir  in  i  und  21*  nur  den 
einen  gemeinsamen  Hauptzug  gefunden  hätten,  daß  die  Braut  und 
die  Mutter  mit  dem  fremden  Pilger  unter  der  Treppe  sich  unter- 
halten, so  ließe  sich  wohl  einer  Erklärung,  wie  sie  G.  Paris  gibt, 
zustimmen;  wenn  wir  nun  aber  daneben  auch  den  Zug  finden,  daß 
die  Braut  bei  der  Scene  am  Leichnam  die  Hauptrolle  übernimmt,  so 
muß  man,  meine  ich,  bereits  bedenklich  werden,  ein  so  auffallendes 
Zusammenstimmen  zweier  Darstellungen  für  zufällig  zu  halten.  Die 
Nothwendigkeit,  beide  Darstellungen,  i  und  21*,  in  directe  Beziehung 
zu  bringen  ,    ergibt   sich  nun  aber  aus  folgenden  Übereinstimmungen. 

In  Tirade  25  i  (d.  h.  S)  und  den  letzten  zwei  Versen  von  Tirade  24 
läßt  der  Interpolator  den  Heiligen  eine  Reise  nach  Jerusalem  machen, 
wozu  G.  Paris  p.  203  bemerkt,  daß  es  in  der  Mitte  des  12.  Jahr- 
hunderts undenkbar  sei,  daß  Jemand,  besonders  ein  Heiliger,  nach 
Syrien  reise,  ohne  die  heiligen  Stätten  zu  besuchen.  Nun  kennt  aber 
auch  21  diese  Reise  nach  Jerusalem.  Haben  wir  hier  wieder  nur  mit- 
telbare Beziehung  zwischen  i  und  21  durch  den  gemeinsamen  Grund- 
gedanken, den  G.  Paris  an  der  eben  citirten  Stelle  ausspricht,  anzu- 
nehmen? Daß  (SH  die  Reise  nach  Jerusalem  nicht  erwähnen,  ist  bei 
der  kürzenden  Darstellung  von  (5  durchaus  noch  nicht  als  Beweis 
dafür  zu  verwenden,  daß  etwa  in  2t*  auch  nicht  die  Rede  davon  war. 

Die  von  Brauns  p.  23.  besprochene  Abschiedsscene,  bei  welcher 
die  Braut  in  i  nicht  mehr  eine  stumme  Rolle  spielt,  und  die  auch  in  21 

14* 


212  M.  FR.  BLAU 

zu  finden  ist,  können  wir  vielleicht  noch  mit  Gr.  Paris  aus  dem  in  die 
Legende  gedrungenen  romantischen  Zug  erklären,  der  eben  die  Braut 
naturgemäß  überall  mehr  in  den  Vordergrund  rückte;  ihre  ersten  Worte, 
daß  nun  die  Hochzeitsfreude  in  tiefer  Trauer  ende  (Brauns  p.  24), 
sind  so  aus  der  Situation  gesprochen,  daß  wir  nicht  an  21  zu  denken 
haben,  das  gelegentlich  der  Entdeckung  von  Alexius'  Flucht  sagt: 
famulis  et  clientibus]  gaudia  nuptiarum  quasi  in  funebres  conver- 
tuntur  exequias. 

Wie  aber  sollen  wir  uns  erklären ,  daß  bei  dem  Tode  des  Hei- 
ligen alle  Glocken  zu  läuten  beginnen  in  i  (vgl.  Brauns  p.  28) ,  wie 
in  5t?  Wenn  man  sich  durchaus  gegen  jede  Beziehung  zwischen  i 
und  21  sträubt,  müßte  man  annehmen,  daß  dieses  Wunder,  das  ja  auch 
in  anderen  Legenden,  z.  B.  der  von  S.  Gregorius  begegnet,  unab- 
hängig in  beide  Darstellungen  kam. 

Wenn  wir  aber  unparteiisch  diese  fünf  Momente,  von  denen  jedes, 
einzeln  betrachtet,  kaum  beweisend  ist,  in  ihrer  Vereinigung  über- 
schauen, so  müssen  wir  sagen,  daß  sie  zu  deutlich  für  eine  directe 
Beziehung  zwischen  i  und  21*  sprechen,  als  daß  man  eine  solche  mit 
Hilfe  recht  künstlicher  Erklärung  leugnen  sollte. 

Die  Frage,  welche  der  beiden  Darstellungen  die  ältere  ist,  be- 
antwortet sich  wohl  nach  allgemeinen  Erwägungen  aus  der  Scene  an 
der  Bahre  des  Todten.  Die  alte  Legende  Sß  läßt  nur  den  Vater  ver- 
geblich den  Versuch  machen,  den  Brief  aus  des  Sohnes  Hand  zu 
nehmen,  dann  reicht  auf  das  Gebet  der  beiden  Kaiser  Alexius  den 
Brief  dem  Papste  dar.  In  der  französischen  Darstellung  i  ist  der  Gang 
der  gleiche,  nur  entschlüpft  dem  Papste  dann  der  Brief  und  fliegt  der 
Jungfrau  in  den  Busen.  In  21  schließlich  versuchen  beide  Kaiser  und 
der  Papst  es  vergebens,  den  Brief  zu  erhalten ;  erst  die  Jungfrau  wird 
dieser  Gnade  gewürdigt. 

Ich  glaube  nun,  daß  eine  Entwicklung,  in  der  53  den  Ausgangs- 
punkt darstellte,  von  welchem  aus  durch  i  hindurch  2t  herstammt, 
nicht  anzunehmen  ist,  da  das  durchaus  gezwungen  ist;  hingegen  wird 
bei  der  Annahme,  daß  der  französische  Interpolator,  dem  eine  Bear- 
beitung von  S  vorlag,  2t*  gekannt  und  nun  in  i  beide  Darstellungen 
zu  combiniren  versucht  hat,  sich  Alles  leicht  und  ohne  Mühe  erklären. 
Zu  streng  kirchlich  gesinnt,  um  dem  Papste  die  Rolle  des  vergeblich 
sich  Mühenden  zuzumuthen,  bewahrte  i  hier  die  Darstellung  von  Sß 
und  passte  dann,  freilich  nicht  sonderlich  geschickt,  das  in  21*  Gebotene 
nach  Möglichkeit  dem  Gang  der  Handlung  in  Sd  an. 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  213 

Ich  darf,  um  die  Ansicht,  daß  i  die  Darstellung  51*  gekannt 
habe,  noch  mehr  zu  stützen,  eine  Anzahl  unbedeutender  Züge  nicht 
übergehen,  welche  i  gegen  S  mit  2(  theilt,  beziehungsweise  gegen  das 
altfranzösrsche  Alexiuslied  mit  ^  theilt;  denn  im  letzteren  Falle  finden 
wir  die  einzig  wahrscheinliche  Erklärung  darin,  daß  ja  21*,  wie  ich 
bereits  oben  bemerkte,  dem  ^  bedeutend  näher  stand,  als  das  uns 
zufällig  einzig  überlieferte  21  erkennen  läßt. 

Der  clers  fällt  dem  Alexius  zu  Füßen  (vgl.  Brauns  p.  25),  wovon 
das  Alexiuslied  nichts  erzählt,  was  aber  bereits  iö  berichtet  „para- 
monarius  ad  pedes  eius  procidens",  in  21  freilich  ebenso  in  A,  (S,  H 
fehlt,  aber  in  der  vierten  deutschen  Darstellung  von  21*  in  B  erhalten 
ist  (v.  217/18  bei  Massmann) : 

er  sprach   im  zuo  mit  gruoze 
unt  viel   im   do  ze  fuoze. 

Ferner  nennt  S  den  clerc:  Ermener  v,  525  (vgl.  Brauns  p.  31), 
was  doch  ganz  deutlich  auf  „paramonarius''  weist  —  es  ist  daran  zu 
erinnern,  daß  Namen,  besonders  beim  Schreiben  nach  Dictat,  außer- 
ordentlich leicht  entstellt  werden,  so  daß  aus  dem  als  Namen  ver- 
standenen „paramonarius"  wohl  Ermener  werden  konnte.  Auch  hier 
zeigt  2f  —  begreiflicherweise  kommen  die  deutschen  Darstellungen, 
welche  daraus  abgeleitet  sind,  nicht  in  Betracht  —  nicht  para- 
monarius, sondern  das  modernere  „mansionarius",  aber  in  21*  dürfte 
es,  wie  in  ^,  enthalten  gewesen  sein. 

Dasselbe  S  hat  auch  eine  auffallende  Angabe  über  den  Ort, 
an  welchem  die  Trauung  des  Alexius  stattfindet:  v.  97  ens  el  mostier 
Saint  Jehan  del  Latran;  wir  erinnern  uns,  daß  ja  auch  2(,  freilich  in 
einem  anderen  Zusammenhange  dieselbe  Kirche  erwähnt;  es  heißt: 
Alexius    verschied    „die    ipsa   qua^ad  colloquium  in  ecclesia  beati  Jo- 

hannis  lateranensis  palacii  imperatores convenerunt"  (Massmann 

p.  163). 

Daß  wir  diese  beiden  Namen  nur  in  S,  nicht  aber  auch  in  MQ 
finden,  darf  uns  nicht  hindern,  sie  für  das  Original  von  i  in  Anspruch 
zu  nehmen;  weßhalb  die  Namen  in  MQ  fehlen,  kann  nicht  unsere 
Aufgabe  sein  festzustellen,  obschon  sich  betreffs  S  v.  97  allerdings 
ein  solcher  Grund  angeben  läßt,  daß  er  nämlich  in  dem  rein  reimen- 
den MQ  nicht  untergebracht  werden  konnte. 

Weiter  ist  noch  anzuführen,  daß  nach  M  553  der  clers  den 
canones  dou  mostier  von  der  wunderbaren  Einsprache  des  Mutler- 
gottesbildes  erzählt,  was  sich  dann  auch  Q  90  wiederfindet,  diesmal 
aber  in  S  fehlt.  21  zeigt  an  derselben  Stelle  „his  autem  (sc.  exsilienti- 


214  M.  FR.  BLAU 

bus  ex  omni  parte  clericis)  mansionarius,  quomodo  ad  se  de  illo 
vox  divina  sonuerit  etc.",  [narravit,  das  Massraann  fortgelassen  hat, 
p.  161j. 

Aus  allem  Angeführten  erhellt,  daß  i  die  Redaction  9(*  kannte, 
aber  es  ist  nicht  wahrscheinlich,  daß  dem  Dichter  i  wirklich  eine 
Niederschrift  von  21*  vorlag,  da  sich  sonst  im  Einzelnen  entschieden 
mehr  Ähnlichkeiten  finden  würden,  z.  B.  besonders  im  Gespräche  des 
Heiligen  mit  der  Braut.  Der  Dichter  i  wird  jene  Darstellung  2t*  ein- 
mal haben  vortragen  hören  und  dann  die  von  seinem  Gedächtniß 
bewahrten  Weiterentwicklungen  derselben  in  das  ihm  vorliegende 
Alexiuslied  hineingearbeitet  haben.  Es  ist  deshalb  nicht  wunderbar, 
wenn  wir  von  i  nichts  über  die  Reise  des  Heiligen  nach  Pisa  und 
Lucca  erfahren  5  selbst  wenn  wir  nicht  annehmen,  daß  diese  beiden 
Namen  und  die  daran  geknüpften  Beziehungen  überhaupt  in  21*  nicht 
enthalten  waren,  wofür  das  Fehlen  derselben  in  (SH  und  B  sprechen 
könnte.  Mehr  verwundern  darf  man  sich,  daß  der  Schluß  der  Legende 
so  strengen  Anschluß  an  33  zeigt,  daß  der  Tod  der  Braut  am  Grabe 
des  Geliebten,  mit  dem  sie  nun  ein  Sarg  umschließt,  keine  Erwähnung 
findet.  Aber  dafür  lassen  sich  auch  zwei  Gründe  anführen,  die  wohl 
beachtet  zu  werden  verdienen. 

Zuerst  bemerken  wir  am  Schlüsse  des  Abschnittes,  der  von  den 
Wundern  am  Grabe  des  Todten  berichtet,  den  Satz  in  21:   „tot  autem 

et  tanta   ibi   fiebant   mirabilia   ad  tumbam    beati   uiri  ut quisque 

infirmus  sanitatem  reciperet  prestante  domino  nostro  Ihesu  Christo 
qui  uiuit  et  regnat  in  secula  seculorum  Amen"  (Massmann  p.  165,  12 
V.  u.).  Dieses  Amen  ist  wohl  geeignet  uns  stutzig  zu  machen,  und 
es  liegt  nahe,  den  ganzen  folgenden  Abschnitt  vom  Begräbniß  der 
Eltern  und  der  Braut  als  späteren  Zusatz  anzusehen,  der  in  21*  noch 
nicht  enthalten  gewesen  wäre,  den  z.  B.  auch  B  nicht  zeigt. 

Ferner  aber  ist  es  überhaupt  nicht  sicher,  ob  i  mit  seiner  Arbeit 
fertig  geworden  ist,  ja  es  scheint  Verschiedenes  dagegen  zu  sprechen. 

Nach  der  Stelle,  wo  die  beiden  Ringhälften  als  zu  einander 
passend  sich  erweisen,  hören  mit  einem  Male  die  Interpolationen  von  i 
auf.  S  kennt  von  Vers  1443  an  nur  den  alten  Text:  1148/49  sind 
aus  der  72.  Tirade  (vv.  925/26)  genommen;  v.  1165  ist  so  unbedeutend, 
desgleichen  1347/48  —  die  wohl  in  dem  dem  Schreiber  von  S  vor- 
liegenden Exemplar  des  Alexiusliedes  für  1143/44  eingetreten  waren, 
um  die  fünfzeiligc  Strophe  voll  zu  machen  —  daß  man  um  ihretwillen 
schwerlich  in  diesem  Theile  von  S  noch  eine  Art  Dichterarbeit  am 
alten  Alexiusliede  wird  annehmen  wollen. 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  215 

Warum  wird  denn  mit  einem  Male  der  Interpolator  i  müde,  bei 
der  Wiedergabe  des  alten  Textes  in  den  Gang  der  Strophen  gelegent- 
lich Verse  einzuschieben,  um  die  strophische  Gliederung  zu  zerstören, 
was  ja,  wie  G.  Paris  p.  201  bemerkt,  die  deutlich  erkennbare  Ten- 
denz des  Dichters  und  Interpolators  i  ist?  Im  ganzen  S  finden  wir 
bis  Vers  1143  nur  zwei  Tiraden  (unter  96),  welche  weniger  als  fünf 
Zeilen  bieten:  Tirade  4,  wo  aber  mit  G.  Paris  nothwendig  v.  55  aus 
O  zu  ergänzen  ist,  und  Tirade  73;  hingegen  zeigen  sich  im  letzten 
Theile  nicht  weniger  als  13  (unter  44),  die  unter  der  Zahl  von  fünf 
Zeilen  bleiben:  es  sind  die  Tiraden  111,  112,  115,  117,  118  (wo  die 
Hs.  wenigstens  nur  vier  Zeilen  bietet),  119,  120,  126,  129  (d.  h,  in- 
sofern, als  G.  Paris  eigentlich  —  gemäß  der  Strophentheilung  in  O  — 
129"  mit  fünf  Zeilen  und  129*"  mit  drei  Zeilen  hätte-  ansetzen  müssen), 
131,  132,  134,  140. 

Wir  haben  wohl  anzunehmen,  daß  an  jenen  Vers  S  1142  einfach 
wieder  das  alte  Alexiuslied  gesetzt  ward  und  zwar  nach  einer  Hs., 
die  ziemlich  bedeutende  Weglassungen,  was  sowohl  einzelne  Verse 
wie  ganze  Tiraden  angeht,  sich  erlaubt.  Nur  wenn  wir  so  an  den 
unvollendeten  Rumpf  von  i  wieder  das  alte  Lied  fügen,  erklärt  sich 
auch,  wie  nach  S  1142  ganz  geschmacklos  Tirade  77  von  O,  erweitert 
durch  die  wohl  dem  Schreiber  von  S  gehörenden,  bereits  erwähnten 
vv.  1147/48,  antrat.  Nach  S  Tirade  96  hat  saint  Ambroise  bereits  den 
Namen  des  Todten,  seiner  Gattin  und  seiner  Eltern  verlesen.  Dann 
haben  sich  —  letzte  Interpolation  von  i  —  die  beiden  Ringhälften 
als  passend  erwiesen,  und  unter  dem  Eindrucke  dieser  Entdeckung 
ist  die  Braut  ohnmächtig  zu  Boden  gesunken.  Der  Schreiber  von  S 
nahm  nun  also  das  alte  O  her,  und  da  er  fand,  daß  als  letzte  dessen 
Strophe  76  Verwendung  gefunden  hatte,  setzte  er  einfach  die  folgende, 
77,  an,  ohne  zu  überlegen,  welch  albernen  Eindruck  es  macht,  daß 
der  Vater  noch  hören  muß,  wie  Alexius  nach  Ausis  (!)  floh,  wie  das 
Bild  für  ihn  sprach  und  er  vor  der  Ehre  entwich  und  nach  Rom 
kam,  ehe  er  begreift,  daß  hier  sein  Sohn  todt  vor  ihm  liegt.  Solche 
Geschmacklosigkeit  brauchen  wir  dem  Interpolator  i,  betreffs  dessen 
dichterischer  Begabung  wir  G.  Paris'  p.  207  ausgesprochenes  Lob 
wohl  annehmen  dürfen,  nicht  zuzutrauen,  eher  hingegen  dem  Schreiber 
der  vorliegenden  Hs.  S. 

In  der  Annahme,  daß  i  nicht  fertig  geworden  ist,  müssen  wir 
nun  bestärkt  werden,  wenn  wir  M  betrachten:  hier  ist  mit  einem  Male 
von  Einem  die  Rede,  der  sich  den  Bart  rauft  v.  1144,  obgleich  vorher 
nur  die  Braut  genannt  ist.    Wir  entdecken  nach  1143  eben  die  Naht, 


216  M.  FR.  BLAU 

die  an  i  das  alte  Alexiuslied  fügt:  der  Reimer  M  hat  die  Strophe 
O  77  nicht  aufgenommen,  sondern  gleich  den  Inhalt  der  ersten  zwei 
Zeilen  von  O  78  verarbeitet,  dabei  aber  das  Subject  entweder  ver- 
loren oder  aber  verwechselt  —  man  könnte  nämlich  eventuell  ja  den 
cardonal,  welcher  den  Brief  verliest,  für  den  halten,  welcher  sich 
den  Bart  rauft  und  in  großem  Jammer  die  Stimme  erhebt  — .  Nach- 
dem er  seine  Laisse  94  geschlossen  hat,  führt  er  dann  in  der  fol- 
genden den  klagenden  Vater  ein,  der  aber  —  und  das  beweist  wohl 
meine  Aufstellung  —  das  äußere  Zeichen  des  Schmerzes,  das  Raufen 
des  Bartes,  welches  0  78  ausdrücklich  erwähnt,  und  das  darnach 
auch  S  1151  erzählt,  unterläßt.  Zudem  ist  es  sicher  kein  Zufall,  daß 
von  1148  an  die  Laissen  ungefähr  fünf  Zeilen  umfassen,  d.  h.  dieselbe 
strophische  Form  wie  das  Alexiuslied  erstreben:  es  haben  von  den 
gereimten  Laissen  11  fünf  Zeilen,  5  sechs  Zeilen^  2  vier  Zeilen,  von 
den  assonirenden  2  fünf  Zeilen,  1  sechs  Zeilen,  3  vier  Zeilen,  während 
3  ganz  unvollständig  sind.  Es  folgt  wohl  daraus,  daß  der  Reimer  M, 
nachdem  er  mit  i  fertig  war  und  doch  die  Legende  unbeendlgt  fand, 
nach  einer  Darstellung  von  O  griff  und  dort  so  deutlich  das  Princip 
der  fünfzeiligen  Strophe  ausgeprägt  fand,  daß  er  auch  seinerseits  es 
durchzuführen  sich  bestrebte:  so  enthalten  die  Laissen  95 — 124  (aus- 
genommen 106)  gereimte  Strophen  von  circa  5  Versen,  dann  aber 
scheint  der  Reimer  es  satt  bekommen  zu  haben,  die  Assonanzen  seiner 
Vorlage  in  Reime  umzuarbeiten,  und  er  setzt  die  letzten  Laissen,  die 
ungeheuer  nachlässig  sind,  in  Assonanzen,  115 — 123,  aber  wohlgemerkt 
in  Assonanzen,  die  durchaus  nicht  immer  zu  O  stimmen,  wennschon 
man  genau  die  Tiraden  angeben  kann,  zu  denen  sie  gehören. 

Die  auffällige  Thatsaohe,  daß  M  an  der  gleichen  Stelle  wie  S 
seine  längeren  Laissen  aufgibt,  ist,  wie  ich  meine,  nur  in  der  von 
mir  vorgeschlagenen  Weise  zu  erklären:  denn  falls  i  wirklich  vollendet 
war,  etwa  in  der  Art,  wie  uns  S  vorliegt,  so  ist  gar  nicht  einzusehen, 
wie  der  Reimer  M,  der  doch  bis  dahin  sich  um  die  in  i  ihm  vor- 
liegenden Tiraden,  was  die  Wahrung  ihrer  ursprünglichen  Ausdehnung 
angeht,  gar  nicht  gekümmert  hat  —  ich  verweise  auf  M  Laisse  64, 
welche  die  beiden,  auch  in  S  Tirade  58.  59  erhaltenen  Strophen  von 
O  (48.  49)  verarbeitet,  und  ferner  auf  Laisse  77.  78.  79  im  Verhältniß 
zu  Tirade  S  73.  74.  75  {=  O  60.  61.  62)  —  wie  dieser  Reimer  mit 
einem  Male  darauf  verfallen  sollte,  nur  Laissen  von  circa  fünf  Zeilen 
zu  arbeiten,  wenn  nicht  eben  eine  neue  Vorlage,  d.  h.  das  zur  Voll- 
endung zu  Hilfe  genommene  O,  ihm  diese  Form  nahegelegt  hätte. 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  217 

Für  die  Ansicht,  daß  M  und  S  in  diesem  letzten  Theile  unab- 
hängig von  einander  sind,  spricht  auch  noch,  daß  M,  obschon  es  gegen 
Ende  in  beklagenswerther  Vernachlässigung  erscheint,  trotzdem  gegen 
S  im  Anschluß  an  O  noch  den  Rest  einer  Strophe  bietet,  die  S  nicht 
kennt:  nämlich  Tirade  116  (=  O  108),  freilich  nur  in  einer  Zeile 
vorhanden,  resp.  in  drei  Zeilen,  da  ja  inhaltlich  die  letzten  Zeilen  von 
Tirade  115  auch  hierher  gehören  (vgl.  die  Anmerkung  von  G.  Paris 
zu  M  1251).  Die  Vernachlässigung  von  M  im  letzten  Theile  von  jener 
oben  genannten  Tirade  95  an  spricht  gleichfalls  für  meine  Ansicht, 
denn  da  M  im  Allgemeinen  eine  bessere  Hs.  der  interpolirten  Dar- 
stellung i  zur  Vorlage  hatte  (vgl.  G.  Paris  p.  265) ,  so  ist  die  hier 
mit  einem  Male  sich  zeigende  Verderbniß  doch  kaum  anders  zu  er- 
klären, als  durch  den  Antritt  eines  neuen,  freilich  nicht  besonders  gut 
überlieferten  Gedichtes,  d.  h.  durch  Fortsetzung  des  Rumpfes  von  i 
mit  Hilfe  einer  schlechten  Hs.  von  O. 

Verschweigen  will  ich  nicht,  daß  Zweierlei  gegen  die  von  mir 
vorgetragene  Ansicht  spricht.  Verse  S   1355/56  lauten: 

Tenons,  signour,  cel  saint  home  en  memoire, 

(^ou  li   prions   de   toiis  mals  nous  asoille. 

und  M   1269/70: 

Signor,   aies   che   saint  en  grant  memore  5 
Si  li  proies  por  Diu  ke  voB  assoille. 

Die  gleiche  Assonanz  fällt  auf,  indeß  werden  wir  diese  Bindung  wohl 
für  recht  häufig  halten  dürfen,  da  sich  der  gleiche  Gedanke  ja  am 
Schlüsse  jedes  Gedichtes  mit  legendenhaftem  Inhalt  aufdrängte,  und 
er  seinen  Ausdruck  in  einer  Art  typisch  begegnender  Bindungen  (in 
Assonanzen)  finden  konnte,  wie  ja  z.  B.  in  mittelhochdeutschen  Ge- 
dichten gleichen  Inhalts  außerordentlich  häufig  am  Schlüsse  der  Reim 
daz  ewige]  leben  :  geben  begegnet. 

Ferner  läßt  sich  gegen  meine  Ansicht  noch  anführen  die  Stellung 
der  Tiraden  S  109  (nur  in  einer  Zeile  erhalten).  110.  111  und  der 
Laissen  M  101.  102  gegenüber  der  Anordnung  der  Strophen  O  89. 
90.  91;  wir  hätten  also  eigentlich  S  111.  110.  109,  M  102.  101  zu 
erwarten.  Aber  es  ist  zu  bemerken,  daß  hier  wiederum  M  außer- 
ordentlich kürzt,  so  daß  bei  ihm  weder  O  90  noch  92.  93  eine  Ent- 
sprechung finden,  was  also  mit  der  für  die  ersten  94  Laissen  nach- 
gewiesenen guten  Vorlage  (i)  recht  schwer  in  Einklang  zu  bringen 
wäre.  Im  Übrigen  könnte  die  von  S  und  M  benützte  Darstellung  von 
O  ja   auf  eine   Handschriftengruppe    zurückgehen,    die   die    bemerkte 


218  M.  FR.  BLAU 

Umstellung  vorgenommen  hätte.  [Q  können  wir  in  keiner  Weise  zu 
dieser  Untersuchung  heranziehen,  da  es  direct  auf  M  zurückgeht  und 
mit  diesem  die  gleichen  Auslassungen  u.  s.  w.  zeigt.]. 

Nach  dem  Vorangeschickten  ist  es  wohl  wahrscheinlich  geworden, 
daß  i  niemals  vollendet  wurde  und  daß  sich  zwei  Abschreiber,  bezie- 
hungsweise Bearbeiter  von  i  veranlaßt  sahen,  als  Fortsetzung  das  alte 
Alexiuslied  anzuheften.  Aber  wenn  die  Gründe  für  meine  Annahme 
auch  nicht  entscheidend  genug  scheinen  sollten,  so  ist  meines  Erach- 
tens  die  Bekanntschaft  des  Dichters  und  Interpolators  i  mit  der  jün- 
geren lateinischen  Darstellung  erwiesen.  Und  wir  haben  deshalb  21* 
als  bereits  um  die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  in  Frankreich  bekannt 
anzusetzen,  da  ja  G.  Paris  p,  137  i  gegen  die  Mitte  des  12.  Jahr- 
hunderts entstanden  sein  läßt,  was  er  p.  199  damit  begründet,  daß 
die  Assonanzen  der  durch  den  Neubearbeiter  eingefügten  Laissen  noch 
sehr  frei  sind. 

Fassen  wir  hier  noch  einmal  die  Resultate  dieses  Theiles  meiner 
Arbeit  zusammen,  so  ergibt  sich  Folgendes: 

Der  Name  des  Alexius  ist  im  Abendlande  zum  ersten  Male  im 
Jahre  987  aus  einer  Urkunde  nachweisbar,  und  in  den  nächsten 
25  Jahren  ist  ein  schnelles  Aufblühen  des  Alexiuscultes  in  Rom  durch 
Urkunden,  durch  Berichte  über  Wunder,  welche  in  dieser  Zeit  nieder- 
geschrieben sein  müssen  (vgl.  Monumenta  IV,  p.  619),  erwiesen.  Wir 
können  deshalb  die  Hypothese  Duchesne's,  daß  man  erst  gegen  Ende 
des  10.  Jahrhunderts  den  Alexius  in  Rom  zu  verehren  begonnen  habe, 
annehmen. 

Die  Legende  selbst,  entstanden  aus  einer  wohl  wahrheitsgetreuen 
Lebensbeschreibung  eines  frommen ,  aus  Reichthum  und  Ehre  in 
Arrauth  und  Elend  geflohenen  Mannes,  ist  in  ihrer  Fortsetzung  nach 
derjenigen  des  Johannes  Calybita  gearbeitet,  wofür  der  Kanon  des 
Griechen  Josephus  noch  das  sicherste  Zeugniß  bietet.  Und  zwar 
kehrte  Alexius  nicht  nach  Constantinopel,  sondern  nach  Rom  zurück: 
Altrom  ist  von  Anfang  an  die  Heimat  des  Alexius  gewesen.  Die  Fort- 
setzung der  syrischen  Vita  zur  byzantinischen  Legende  ist  wahr- 
scheinlich im  neunten  Jahrhundert  entstanden. 

Als  die  Legende  auf  abendländischen  Boden,  nach  Rom,  ge- 
bracht wurde,  erhielt  sie  als  einzigen  Zusatz  die  Beziehungen  des 
Heiligen  zur  Bonifaciuskirche ,  und  außerdem  läßt  sich  erst  in  der 
lateinischen  Legende  der  historische  Fehler  nachweisen,  daß  Honorius 
und  Arkadius  am  Grabe  des  Heiligen  zugleich  mit  Innocenz  ihre 
Andacht  verrichten.  Es  ist  also  die  Hypothese  von  Brauns,  daß  eine 


ZUR  ALEXIUSLEGENDE.  219 

ältere,  von  vielen  Zusätzen  freie  Redaction  iÖ*  existirt  habe,  welche 
dem  altfranzösischen  Alexiusliede  zur  Vorlage  gedient  hätte,  zurück- 
zuweisen. Der  altfranzösische  Dichter  von  O  hat  seinen  Stoff  mit 
einer  gewissen  Freiheit  behandelt,  dafür  sprechen  schon  die  wirklich 
poetischen  Strophen  78 — 99,  zu  denen  ihm  ^  nur  Andeutungen  bot. 
Was  schließlich  die  zweite  lateinische  Darstellung  angeht,  so  ist 
die  uns  in  zwei  Handschriften  überlieferte  Gestalt  91  nicht  dem  Original 
gleichzusetzen,  da  91  Auslassungen  zeigt  und  wahrscheinlich  auch 
secundäre  Zusätze  bietet;  das  Original  wird  vielfach  der  „kirchlichen" 
Legende  näher  gestanden  haben,  als  91  erkennen  läßt.  Und  dieses 
Original  91*  ist  bereits  um  die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  in  Frank- 
reich bekannt  gewesen,  so  daß  der  Dichter  i,  dem  es  inhaltlich  ge- 
läufig war,  daraus  eine  Reihe  von  Zügen  in  die  Darstellung  O  hinein- 
arbeiten konnte.  Wahrscheinlich  ist  i  mit  seiner  Arbeit  nicht  fertig 
geworden,  und  so  erklärt  sich,  daß  wir  nichts  von  dem  in  9t  berich- 
teten Tode  der  Angehörigen  des  Alexius  (in  (SH  wird  nur  der  Tod 
der  Braut  Sabina,  in  B  gar  nichts  davon  erzählt)  in  i  erfahren.  Ein 
merkwürdiger  Zufall  ist  es,  daß  in  Q,  welches  auf  das  gereimte  M 
zurückgeht  [vgl.  G.  Paris  p.  137,  genauer  dargelegt  bei  Brauns  p.  40  ff.], 
die  Braut  zur  Todtenmesse  kommt,  bei  dem  Leichnam  des  Geliebten 
stirbt  und  nun  mit  ihm  im  Grabe  endlich  vereint  wird.  Da  ein  anderer 
Stammbaum  der  Handschriften  als  der  bei  Brauns  p.  20  nicht  mög- 
lich ist,  man  also  Q  nicht  aus  dem  vollständigen  i  ableiten  kann, 
während  SM  aus  einer  unvollständigen  Hs.  von  i  herstammten,  so  muß 
man  annehmen,  daß  entweder  91*  von  Neuem  auf  Q  eingewirkt  hat, 
oder  aber,  daß  als  Vorbild  zu  diesem  Abschlüsse,  auf  den  ja  eigent- 
lich der  ganze  Gang  der  Erzählung  in  i  hindrängte,  etwa  der  Tristan 
diente,  mit  dem  man  den  normannischen  Dichter  von  Q,  wohl  vertraut 
glauben  darf. 

Nachbemerkung.  Die  einzelnen  Änderungen,  welche  die 
Legende  in  den  zahlreichen  Bearbeitungen  der  abendländischen  Litte- 
raturen  erfahren  hat,  habe  ich  nicht  angeführt,  da  das  meine  Arbeit 
auf  das  Doppelte  hätte  anwachsen  lassen,  und  da  ferner  jene  Ände- 
rungen ohne  jede  Bedeutung  für  die  oben  gezeigte  Gesammtentwick- 
lung  der  Legende  sind. 

LEIPZIG.  MAX  FR.  BLAU. 


220  R-  SPRENGER 

ZU  REINKE  DE  VOS. 

Die  neue  Textausgabe  des  Reinke  von  Friedrich  Prien  (Alt- 
deutsche Textbibliothek  herausgegeben  von  H.  Paul  Nr.  8)  Halle, 
Max  Niemeyer,  1887  bietet  außer  Einleitung  und  Glossar  auch  An- 
merkungen, die  ich  im  Litteraturblatt  für  german.  und  romanische 
Philologie  einer  Besprechung  unterzogen  habe.  Die  folgenden  Bemer- 
kungen habe  ich  ebenfalls  beim  Studium  dieser  Ausgabe  nieder- 
geschrieben, doch  beziehen  sie  sich  sämmtlich  auf  Stellen,  welche  von 
Prien  nicht  berührt  sind. 

503.  Hir  uth  loyl  ik  denken  dat  beste. 
Schröder  erklärt:  'Das  Beste  davon  will  ich  mir  ausdenken'.  Indem 
er  aber  wohl  selbst  erkennt,  daß  diese  Erklärung  sich  dem  Zusammen- 
hange wenig  fügt,  setzt  er  zugleich  die  Vermuthung  hinzu,  daß  statt 
üt  zu  lesen  sei  up:  'darauf  will  ich  nach  Möglichkeit  {dat  beste)  be- 
dacht sein'.  Ich  fasse  hir  uth  =  inde,  daher:  aus  diesem  Grunde  will 
auf  das  Beste  bedacht  sein. 

2127.     Nu  machmen  hören  eynen  nyen  vunt, 

(Reynkens  losheit  hadde  nene  grünt) 
Wo  he  synem  egen  vader  mede 

Qiiad  vnde  unere  ouer  sede. 
Schröder  bezieht  wo  mede,  welches  er  =  womit  faßt,  auf  riien  vunt', 
ebenso  scheint  es  schon  Lübben  gefaßt  zu  haben  (s.  das  Glossar  unter 
wo).  Ich  glaube  vielmehr,  daß  wo  als  Relat.  wie'  zu  fassen  ist  (vgl. 
V.  166) ;  mede  steht  für  darmede  (wie  auch  mhd.  mite  für  da  mite 
s.  Haupt  z.  Er.**  1060),  vgl.  96,  2975,  Überschrift  vor  4803.  Es  ist 
demnach  zu  übersetzen:  Nun  mögt  ihr  eine  neue  Erfindung  Reinkes 
hören,  wie  er  seinem  Vater  damit  Schlechtigkeit  Schuld  gab. 
2583.     Nu  heft  he  dat  hir  ghedaen  to  hove 

So  vele  dat  ick  ene  nu  love. 
Hoffmann  und  Lübben  wollten  dat  in  V.  2583  (nach  C)  auswerfen; 
Schröder  erklärt:  dat  gedän  so  vele,  so  vielfach  so  gehandelt,  sich 
derart  benommen,  sich  bei  Hofe  so  verdient  gemacht.  Ich  glaube, 
dat  ist  pleonastisch  wie  in  dat  nä  1136,  1490,  5090,  denn  die  An- 
nahme Schröders,  daß  dies  nur  bei  Verben  der  Bewegung  stehe, 
scheint  mir  nicht  gerechtfertigt. 

3141.     De  Iwpardus  by  deme  konnynge  stunt 

(He  was  des  konnynges  nagheboren  vrunt) 

He  sprak:  ^^wat  is  doch  dyt  ghewerd, 

Dat  gy  yw  sus  sere  vorverd? 


zu  REINKE  DE  VOS.  221 

AI  ivere  de  konnygynne  ock  doet, 

Latet  varen  desse  ruwe  groet. 

Orypet  eynen  mod,  yt  is  anders  schände. 
Schröder  übersetzt  V.  3145  f.  richtig:  wäre  selbst  die  Königin  todt, 
solltet  Ihr  Euch  doch  nicht  vom  Schmerz  so  hinreißen  lassen.  Im 
Reinaert  3401,  bemerkt  er  weiter,  heißt  es  besser:  Ihr  gebahrt  ja, 
als  wäre  die  Königin  todt!  Nach  Martins  Ausgabe  lautet  die  ent- 
sprechende Stelle  V.  3393  ff.: 

doe  spranc  voort  her  Tirapeel 

die  lupaert  (hi  was  en  deel 

des  conincs  maecli,  hi  dorst  xoel  doen) 

ende  sprac  '^heer  coninc  Lion, 

hoe  drijfdi  dus  groot  onghevoech? 

ghi  misliet  u  ghenoech^ 

al  wäre  die  coninghinne  doet. 

laet  varen  desen  rouwen  groot 

ende  grijpi  enen  raoet:  het  is  groot  scande.' 
Da   al   auch    im  Reinaert   an    dieser  Stelle   nur   die  Bedeutung  Venn 
auch'  haben  kann,  so  ist  die  Interpunction  folgendermaßen  zu  ändern, 
daß    nach   ghenoech   ein  Punkt,    nach    doet  ein  Komma  zu  setzen    ist. 
Danach  berichtigt  sich  auch  Schröders  Bemerkung. 
3462  f.  (spricht  die  Königin) : 

Ik  heelt  Reynhen  tvyss  unde  vroet, 

Ik  hodde  my  nicht  vor  desseme  rochte, 

Dar  umme  halp  ick  eme^  dat  ik  mochte. 
Bei  der  Erklärung  dieser  Stelle,  für  die  aus  Reinaert  3680  f.  nichts 
zu  entnehmen  ist',  handelt  es  sich  um  die  Auffassung  von  rockte. 
Ltibben  erklärt  es  an  dieser  Stelle  durch  'Rufen,  Geschrei'.  Ebenso 
Schröder,  welcher  V.  3463  erklärt:  Ich  kümmerte  mich  wenig  um 
diesen  Ruf,  d.  h.  in  dem  er  bei  Anderen  steht.  Nun  findet  sich  das 
Wort  in  dieser  Bedeutung  im  Gedichte,  aber  nur  in  der  schon  oben 
behandelten  Stelle  V.  1290;  sonst  bedeutet  rockte,  gerockte  'die  laute 
Anzeige  eines  peinlichen  Vergehens,  Anrufung  der  rich- 
terlichen Hilfe',  sik  hoden  hat  hier  die  Bedeutung  wie  in  Gl.  III, 
14,  3:  en  mysdeder,  de  myt  loggen  efte  mit  lossheyt  loss  wert  ghegheuen, 
desse  schal  denne  nicht  hastygen  menen,  dat  god  nicht  en  vynden  kan  eyn 
ander  wegen,  edder  dat  eme  syne  myssedat  nicht  eyn  ander  ivegen  wert 
vor  gülden;  loente  er  he  syk  da  vor  hoth,  so  sendet  eme  god  ouer  eyn 
ander  wegen  eyn  unlucke  efte  eynen  schaden  den,  de  syk  nicht  heteren.  — 
er  he  syk  dar  vor  hoth,  d.  h.  ehe  er  sich  dessen  versieht.  Auch  V.  4522 


222  ß-  SPRENGER 

we  hodde  sik  vor  desseme  toege?  ist  zu  erklären:  Wer  hätte  wohl  einen 
solchen  Streich  vermuthet,  hätte  geglaubt,  daß  man  sich  vor  einem 
solchen  Streiche  zu  hüten  habe.  Danach  ist  V.  3463  zu  erklären : 
Ich  glaubte  nicht,  daß  ich  mich  vor  dieser  Anklage  zu  hüten  hätte, 
versah  mich  dieser  Anklage  nicht, 

3934.      Vele  prelaten  synt  gud  unde  gherecht, 

Noch  hlyven  se  darumme  nicht  umhesecht 
Van  der  menheyt  in  dessen  daghen, 

De  nu  dai  quade  erst  können  uthvragen, 

Unde  se  ok  dar  nicht  hy  vorgetten 
Unde  können  ok  dar  meer  tosetten. 
Zu  3941  erklärt  Schröder:  se  d.  h.  die  guten  Prälaten.  Es  ist 
aber  vielmehr  nom.  plur.  und  bezieht  sich  auf  menheyt^  nicht  ist 
^=z  nichts.  Eine  solche  Wiederaufnahme  des  Subjects  findet  sich  noch 
4501  fi".:  He  sprack  openhar  vor  dessen  heren^  Dat  in  deme  rentzel  hreue 
weren,  De  he  myt  Reynken  hadde  geschreuen,  Unde  he  den  syn  hadde 
uthghegeuen,  wo  es  nicht  nöthig  ist  mit  Schröder  vor  he  das  in  V.  4502 
enthaltene  dat  nochmals  zu  ergänzen.  Ferner  Glosse  II,  8,  3  ivente 
sunte  Jeronimus  secht,  dat  den  leyen  nutter  is  unde  dat  se  syck  meer 
heteren  dar  an,  wan  se  seen  dat  leiient  unde  de  werke  eynes  guden  pre- 
sters,  wan  dat  eyn  sundich  boze  brester  behende  unde  kostlyken  prediket 
unde  leret,  und  doch  in  den  werken  he  suluen  nicht  gud  is. 

In  V.  3940  ist  ein  Fehler  der  Überlieferung  zu  bessern,  nämlich 
uthvragen  'ausfragen'.  Auch  damals  wird  man  sich  wohl  davor  zu 
hüten  gewußt  haben,  das  Böse  durch  Ausfragen  aus  sich  heraus- 
locken zu  lassen.  Es  ist  dafür  zu  schreiben:  uthdragen.  Dies  ist  in 
der  Bedeutung  ausschwatzen,  effutire  im  Mnd.  Wb.  zwar  nur  aus 
den  Hamburger  Zunftrollen  belegt,  ist  aber  auch  jetzt  noch  in  dieser 
Bedeutung  gebräuchlich,  wie  auch  das  subst.  utdregersche  für  ein  altes 
Weib,  das  die  Neuigkeiten  von  Haus  zu  Haus  schleppt. 
4759.     Baren  unde  wulue  verderven  de  lant, 

Se  achten  weynich,  wes  huss  dar  brant, 

Mögen  se  syck  by  den  kolen  wermen. 

Se  laten  syck  ock  nicht  entfermen, 

Mögen  se  men  krygen  vette  kroppe; 

Den  armen  laten  se  nauwe  de  doppe, 

Wan  se  en  der  eyger  hebben  berouet. 
Bei  sämmtlichen  früheren  Herausgebern   sowie  im  Mnd.  Wb.  ist  krop 
an  unserer  Stelle   als  ^Kropf'  erklärt,    auch  Prien   scheint  mit   dieser 
Erklärung   einverstanden,    da  er  das  Wort  in  sein  Glossar  nicht  auf- 


zu  REINKE  DE  VOS.  223 

genommen  hat.  Nun  ist  aber  der  Kropf  eigentlich  der  häutige  Hals- 
sack körnerfressender  Vögel;  beim  Menschen  bezeichnet  er  die  diesem 
ähnliche  Halsdrüsengeschwulst.  In  übertragener  Bedeutung  finde  ich 
nur:  eynen  guden  krop  drynken  (Mnd.  Wb.  Nachtr,  S.  188),  aber  nicht 
eten.  Wir  müssen  uns  daher  nach  einer  anderen  Bedeutung  des  Wortes 
umsehen.  Da  Bären  und  Wölfe  im  Gedichte  durchaus  mit  mensch- 
lichen Neigungen  und  Gewohnheiten  gedacht  werden,  so  dürfen  wir 
unter  kroppe  das  bekannte  Fastnachtsgebäck  verstehen,  welches  seit 
alter  Zeit  in  Niederdeutschland  gebacken  wurde  und  z.  B.  in  Braun- 
schweiger Kämmereirechnungen  vom  Jahre  1385  (Mnd.  Wb.  H,  S.  578) 
erwähnt  wird.  Es  waren  wohl,  nicht  mit  Fleisch,  aber  oft  mit  Süssig- 
keit  gefüllte,  in  reichlichem  Schmalze  gebackene  Pfannenkuchen,  wie 
sie  noch  jetzt  hier  unter  dem  Namen  Kröppel^  Fettkroppel  zum  Ver- 
kauf kommen;  vgl.  auch  Krause  im  Correspondenzblatt  f.  niederd. 
Sprachf.  XII,  S.  46. 

4879.     He  vorsteyt  alle  tungen  unde  sprake  dorch 

Van  Poytroiü  an  wente  to  Lunehorch. 
Lübben  erklärt  hier  dorch  als  Murch  und  durch';  auch  Schröder,  der 
hinter  dorch  ein  Komma  setzt,  erklärt:  alle  tungen  dorch,  durchaus 
alle  Sprachen.  Ich  ziehe  es  zu  dem  Folgenden:  Er  verstand  alle 
Sprache  die  ganze  Gegend  von  Pötrow  bis  Lüneburg  hindurch.  In 
ähnlicher  Verwendung  findet  sich  dorch  5072. 

mannyghe  vromde  ystorye  uppe  stunt, 

under  yslyker  ystoryen  de  worde 

mit  golde  dorch,  so  syk  dat  behorde. 
Auch  hier  erklärt  Schröder:  durchaus  mit  oder  von  Gold,  wäh- 
rend Lübben  dorchioracht  schreibt.   Ich  glaube,  daß  dorch  hier  heißt: 
die  ganze  Breite  des  Bildes  entlang. 

4639.     Dar  ghynck  se  waden  unde  se  swam 

So  lange,  dat  se  to  deme  ende  quam. 

Dar  was  yd  wol  deep,  men  doch  nicht  myn! 

Dar  heeth  he  den  stert  er  hengen  in  ... 
Lübben  hat  keine  Interpunction  nach  mifi   und  übersetzt:    es  war  da 
freilich   tief,    aber    nichtsdestoweniger.    Diese   Erklärung   ist   offenbar 
richtig,  nur  daß  nach  min  ein  Gedankenstrich  zu  setzen  ist:  Da  war 
es  wohl  tief,  aber  gleichwohl  —  schwamm  sie  dahin. 

Gl.  III,  14  S.  195.  Dat  ander  is,  dat  ein  richter  vaken  wert  be- 
drogen,  umme  dat  he  syk  voo'hopet,  wes  to  krygen  kleynbde  edder  andere 
dult  bottere,  unde  leih  daricmme  na  de  rechtferdicheyt  efte  eynen  mys- 
deder  varen. 


224  F.  PETERS,  MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN. 

Lübben  erklärt:  dult  hottere  muß  eine  gewisse  Quantität  Butter 
sein  (wol  =  tulte  ein  großes  Geschirr,  Wanne,  Kübel.  Br.  W.  5,  124). 
Auch  Prien  schließt  sich  dieser  Erklärung,  wenn  auch  zweifelnd  an. 
Aber  ganz  abgesehen  davon,  daß  es  durchaus  unsicher  ist,  ob  dulte 
wirklich  unser  heutiges  Tulte  ist,  passt  Butter  hier  gar  nicht  in  den 
Zusammenhang.  Wir  haben  ohne  Zweifel  einen  Druckfehler  vor  uns, 
und  ich  vermuthe,  daß  hier  ursprünglich  dultbotere  gestanden  hat, 
d.  h.  Entschädigungen,  welche  der  Richter  dafür  empfängt,  daß  er 
Geduld  mit  dem  Verklagten  hat,  ihm  Aufschub  gewährt.  Das  Wort 
ist  zwar  nicht  weiter  belegt,  aber  richtig  gebildet,  vgl.  unser  'Lücken- 
büßer' und  mnd.  hoterioort.  Nach  krygen  ist  ein  Komma  zu  setzen, 
so  daß  kl.  e.  a.  d.  b.  als  nähere  Erklärung  zu  wes  zu  fassen  ist. 
6874.     Dyn  hedregent  is  ghewest  to  groet, 

Dyn  stoffkrassent,  dyn  pyssent,  dyn  scherent, 

Dyne  grote  loggen^  dyn  vette  smerent. 
Auf  scherent  in  unserer  Stelle  ist  bisher  weder  in  Anmerkungen  noch 
Wörterbüchern  Bezug  genommen.  Es  kann  nur  heißen  'davonlaufen' 
(s.  Mnd.  Wb.  4,  77)  und  geht  auf  die  verstellte  Flucht,  welche  R. 
auf  den  Rath  der  Affin  beginnt.  Es  ist  das  engl,  to  sheei%  unser  sich 
scheren.  Das  Wort  ist  in  dieser  Bedeutung  im  Mnd.  Wb.  zuerst  bei 
Lauremberg  belegt;  hier  hätten  wir  die  vermißte  Stelle  aus  einem 
älteren  Werke. 

NORTH EIM,  im  Januar  1888.  R.  SPRENGER. 


MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN i). 

1.  Drei  Sprüche. 

(Im  Auszuge.) 
In  einer  Stadt  lebt  ein  Mann  in  glücklichem  Wohlstande  mit 
seiner  jungen  Frau  und  zwei  Kindern ,  einem  Knaben  und  einem 
Mädchen.  Es  kommt  aber  feindliches  Volk  durch  die  Stadt  und 
schleppt  ihn  mit,  bis  er  zuletzt  in  einem  fernen  Lande  an  einen 
reichen  Mann  als  Sklave  verkauft  wird.  Er  weilt  dort  lange  Jahre 
und  wird  gut  gehalten,  kann  aber  doch  der  Sehnsucht  nach  den  Seineu 
nicht  Herr  werden.     Endlich  lernt  er  einen  alten  Mann,   der  auch  im 


')  Wir  machen  bei  der  Gelegenheit  aufmerksam   auf  das  Werk  des  Verfassers: 
Aus  Lothringen.  Sagen  und  Märchen.  Leipzig  1887.  Carl  Reißner.  K.  Bartsch. 


MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN.  225 

Dienste  seines  Herrn  steht  und  bei  ihm  sehr  angesehen  ist,  durch 
Zufall  als  seinen  Landsmann  kennen.  Nachdem  sie  befreundet  ge- 
worden sind,  verhilft  ihm  dieser  nach  langem  Widerstreben  zur  Flucht. 
Die  Flucht  glückt,  und  er  hat  nun  eine  sehr  lange  Wanderung  vor 
sich.  Auf  dieser  kommt  er  an  eine  Stadt,  an  deren  Thor  angeschrieben 
steht,  daß  dort  ein  sehr  weiser  Mann,  ein  „Rathsager"  wohne.  Diesem 
gibt  er  Geld  und  erkundigt  sich  bei  ihm  nach  seiner  Familie  und 
seiner  Zukunft,  erfährt  aber  nur,  daß  er  seine  Reise  glücklich  voll- 
enden werde,  wenn  er  drei  Sprüche  immer  beachte: 

1.  Was  dich  nicht  angeht,  da  laß  deinen  Fürwitz. 

2.  Gehe  nie  von  der  großen  Straße  ab  auf  einen  Richtweg. 

3.  Gib  deinem  jähen  Zorn  nicht  nach. 

Er  ist  sehr  enttäuscht  und  bedauert  sein  Geld,  da  ihm  diese 
Lehren  einfältig  und  überflüssig   erscheinen. 

Nach  einer  langen  Wanderung  kommt  er  in  ein  Land,  das  immer 
noch  weit  von  seiner  Heimat  entfernt  ist  und  trifft  dort  in  einem 
Schlosse  seine  Schwester,  die  ihn  wieder  erkennt.  Der  Herr  des 
Schlosses  nimmt  ihn  gastlich  auf  und  ladet  ihn  zum  Essen  ein.  Als 
sie  aber  in  den  Eßsaal  eingetreten  sind,  schließt  er  diesen  ab  und 
steckt  den  Schlüssel  zu  sich.  An  einem  langen  Tische  ist  nur  für  sie 
beide  gedeckt ;  am  anderen  Ende  steht  eine  große  verdeckte  Schüssel 
und  daneben  ein  Federkiel.  Als  sie  sich  gesetzt  haben,  legt  der 
Herr  Waffen  neben  sich  bereit.  Dem  Wanderer  kommt  dies  Alles 
sehr  unheimlich  vor ,  und  er  will  schon  fragen ,  als  ihm  der  erste 
Spruch  einfällt.  Er  gewinnt  jetzt  Vertrauen  zu  dem  „Rathsager", 
meint,  daß  der  doch  vielleicht  die  Zukunft  vorausgesehen  habe,  und 
beschließt,  seiner  Vorschriften  streng  eingedenk  zu  sein.  Reichliche 
und  gute  Speisen  und  Getränke  werden  ihnen  durch  ein  Loch  in  der 
Wand  hineingeschoben,  aber  der  Herr  spricht  über  dem  Essen  kein 
Wort.  Auf  einen  Druck  von  ihm  thut  sich  plötzlich  in  der  Wand  eine 
Thür  auf,  und  eine  gespensterhaft  magere  und  bleiche  Frau  schreitet 
durch  dieselbe  auf  die  Schüssel  am  unteren  Ende  des  Tisches  zu, 
füllt  den  Federkiel  mit  der  Pastete,  die  in  der  Schüssel  sich  befindet 
und  ißt  den  Inhalt  auf;  dann  schreitet  sie  sogleich  zurück,  und  die 
Thür  fällt  wieder   zu. 

Der  Wanderer  bemeistert  auch  während  dieses  Auftrittes  seinen 
Schrecken  und  seine  Erregung  und  ißt  ruhig  weiter.  Derr  Herr  wird 
jetzt  freundlicher  und  gibt  ihm  Aufklärung:  Die  Ihr  eben  gesehen 
habt,  ist  meine  Frau.  Vor  etwa  einem  Jahre  habe  ich  sie  mit  einem 
Liebhaber    überrascht    und    diesen  vor  ihren  Augen    niedergestochen. 

GERMANIA.    Neue  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  15 


226  F.  PETERS 

Dann  habe  ich  in  ihrer  Gegenwart  aus  seinem  Fleisch  die  Pastete 
machen  lassen,  die  dort  unten  auf  dem  Tische  steht,  und  die  Frau  in 
einem  Zimmer  hier  neben  an  eingesperrt.  Sie  bekommt  jetzt  zu  jeder 
Mahlzeit  einen  Federkiel  voll  von  jener  Pastete,  bis  sie  ganz  auf- 
gegessen ist.  Überlebt  sie  es,  so  will  ich  sie  wieder  als  meine  Frau 
annehmen.  Hättet  Ihr  mich  gefragt  oder  mir  gar  Vorwürfe  gemacht, 
so  hätte  ich  Euch  niedergestochen,  wie  schon  etliche  vor  Euch. 

Der  Wanderer  zieht  nun  wieder  eine  lange  Strecke  unangefochten 
weiter,  bis  er  eines  Tages  mit  drei  Burschen  zusammentrifft  und  mit 
ihnen  auf  einer  heißen  und  staubigen  Straße  eine  Strecke  zurücklegt, 
bis  sie  an  einen  kühlen  schattigen  Fußpfad  kommen,  den  der  Eine 
genau  kennen  will  und  der  den  Weg  erheblich  abkürzen  soll.  Schon 
ist  er  mit  ihnen  in  den  Pfad  eingebogen,  als  ihm  der  zweite  Spruch 
einfällt  und  er  trotz  alles  Spottes  seiner  Genossen  auf  die  heiße  Land- 
straße zurückhehrt.  Er  erreicht  die  nächste  Stadt  glücklich,  während 
die  Burschen  von  Räubern  getödtet  werden. 

Nach  einiger  Zeit  gelangt  er  endlich  in  seine  Heimatsstadt  und 
kehrt  in  einem  Gasthofe  seinem  Wohnhause  gegenüber  ein^  um  dort 
zu  übernachten.  Als  er  am  nächsten  Morgen  aus  dem  Fenster  schaut, 
sieht  er  seine  Frau  und  seine  inzwischen  erwachsene  Tochter  in  die 
Hausthür  treten,  ein  Wagen  fährt  vor,  aus  dem  zwei  junge  Männer 
herausspringen,  und  einer  umarmt  und  küßt  die  Mutter,  der  Andere 
die  Tochter.  Schon  will  er  in  jähem  Zorne  hinübereilen  und  Frau 
und  Tochter  niederstechen,  als  ihm  der  dritte  Spruch  einfällt.  Er  be- 
zwingt sich  jetzt  und  erkundigt  sich  beim  Wirthe,  von  dem  er  erfährt, 
daß  der  junge  Mann,  der  seine  Frau  umarmt  hatte,  sein  Sohn  sei, 
der  die  Priesterweihe  erhalten  und  eben  zum  ersten  Male  Messe  gelesen 
habe,  und  der  Andere  der  Bräutigam  seiner  Tochter.  Darauf  findet 
dann  glückliche  Wiedervereinigung  statt. 

2,  „Der  Weihnachtsbub". 

(Im  Auszuge.) 

Ein  armer  Knabe,  der  seinen  illegitimen  Vater  nicht  gekannt 
hat,  verliert  auch  seine  Mutter,  die  am  Tage  vor  Weihnacht  begraben 
wird.  Gegen  Abend  kann  er  es  vor  Grauen  in  der  einsamen  Hiitte 
nicht  mehr  aushalten  und  geht  in  den  Wald.  Als  er  sich  in  Finsterniß 
und  Schneewetter  schon  dem  Tode  nahe  glaubt,  sieht  er  einen  Licht- 
schimmer und  findet,  demselben  nachgehend,  ein  Häuschen,  in  das 
er  eintritt.  Es  ist  bewohnt  von  armen  Eltern  mit  zwei  Knaben,  etwa 
in    seinem  Alter,    und  einem  Mädchen,    das  noch  in  der  Wiege  liegt. 


MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN.  227 

Sie  feiern  gerade  den  heiligen  Abend  mit  Christbäumchen  und  kleinen 
Geschenken  und  nehmen  ihn  gastlich  auf.  Als  sie  am  nächsten  Morgen 
erfahren,  daß  er  ganz  hilflos  in  der  Welt  steht,  behalten  sie  ihn  bei 
sich.  Die  beiden  Knaben,  die  sich  sehr  über  den  Zuwachs  freuen, 
geben  ihm  den  Namen  Weihnachtsbub,  weil  er  gerade  zu  Weihnacht 
in  das  Haus  gekommen  ist.  Er  wächst  im  Walde  heran  und  bleibt 
körperlich  schwach ,  wird  aber  sehr  klug  und  tbatkräftig.  Von  den 
beiden  Brüdern  wird  der  älteste  Schlosser  und  der  zweite  Schmied. 
Der  Weihnachtsbub  erlernt  in  einer  Stadt  das  Schneiderhandwerk  und 
hat  viel  Glück,  folgt  aber  doch  einem  sehnsüchtigen  Zuge  und  kehrt 
in  das  Häuschen  der  Pflegeeltern  zurück.  Dort  findet  er  die  Pflege- 
schwester halb  erwachsen,  und  es  erwacht  der  Wunsch  in  ihm,  sie 
zu  heirathen.  Thatendrang  und  der  Wunsch,  seinen  Pflegeverwandten 
sich  dankbar  zu  erweisen,  bestimmen  ihn  aber,  zunächst  den  Versuch 
zu  machen,  Reichthümer  zu  erwerben  und  zu  diesem  Zwecke  auf  die 
Wanderschaft  zu  gehen.  Die  Pflegebrüder,  die  noch  bei  den  Eltern 
im  Walde  wohnen,  bestimmt  er,  ihn  zu  begleiten,  und  weiß  sie  trotz 
ihres  Widerstandes  in  immer  entlegenere  Gegenden  mit  sich  zu  führen, 
bis  sie  an  ein  verzaubertes  Schloß  kommen,  über  dessen  Thür  die 
Worte  stehen:  „Wer  in  dieses  Schloß  einziehet  und  darin  wohnen 
bleibt,  dem  fällt  es  zu  Eigenthum  an  mit  allen  Besitzungen  und 
Rechten,  die  dazu  gehören."  Trotz  der  Widerreden  der  Brüder  betritt 
der  Weihnachtsbub  mit  ihnen  das  Schloß.  Hier  finden  sie  große  Pracht, 
aber  auch  eine  Menge  von  vertrockneten  Leichen,  die  in  allen  Zimmern 
umherliegen.  Sie  machen  jetzt  eine  große  Grube  und  begraben  die 
Leichen  während  mehrerer  Wochen;  dabei  bleiben  sie,  wegen  der 
Ängstlichkeit  der  Brüder,  Tag  und  Nacht  nahe  bei  einander.  Als  aber 
die  Leichen  schon  eine  Weile  unter  der  Erde  sind  und  alles  ruhig 
bleibt,  werden  sie  sicher  und  beschließen,  daß  immer  Einer  zu  Hause 
bleiben  und  Mittag  kochen  soll,  während  die  Anderen  auf  Feldarbeit 
gehen.  Die  erste  Woche  soll  der  älteste  Bruder  zu  Hause  bleiben, 
die  nächste  der  Zweite  und  dann  der  Weihnachtsbub.  Wenn  das 
Essen  fertig  ist,  soll  mit  einer  Glocke,  von  der  der  Strang  in  die 
Küche  hängt,  geläutet  werden.  Als  der  Älteste  am  ersten  Mittag  das 
Essen  bereitet  hat  uud  eben  zum  Glockenstrange  gehen  will,  hinkt 
hinter  ihm  ein  altes  Weib  vorüber  auf  den  Kamin  zu,  indem  sie  sich 
wie  vor  Kälte  die  Hände  reibt  und  bei  jedem  Schritte  sagt:  „Schuck, 
Schuck,  was  kalt."  Sie  hat  ein  schauerliches  Aussehen  und  der  Schlosser 
fragt  sie  voll  Furcht,  wer  sie  ist  und  was  sie  begehrt.  „Oh",  antwortet 
sie,    „ich   bin   eine  arme  Bettelfrau   und  wohne    dort    hinten   in    dem 

15* 


228  *'•  PETERS 

großen  Walde.  Hu,  wie  mich  friert!  Schuck,  Schuck,  was  kalt!  Schuck, 
Schuck,  was  kalt!  Laß  mich  nur  hier  an  dem  Feuer  mich  wärmen 
und  gib  mir  ein  wenig  von  Deinem  Brei  dort."  Aus  Furcht  reicht 
er  ihr  einen  Teller  mit  Brei,  zu  dem  ein  Löffel  gelegt  ist.  Sobald  sie 
den  Teller  in  der  Hand  hat,  läßt  sie  den  Löffel  zu  Boden  fallen  und 
verlangt  von  ihm,  daß  er  ihn  aufheben  solle.  Wieder  aus  Furcht  ge- 
horcht er,  und  als  er  sich  danach  bückt,  springt  sie  ihm  in  den  Nacken 
und  peinigt  ihn  so,  daß  er  umzukommen  vermeint,  doch  behält  er 
so  viel  Kraft,  daß  er  auf  allen  Vieren  zum  Glockenstrange  kriechen 
und  anziehen  kann.  Beim  ersten  Anschlage  läßt  sie  ihn  los  und  ist 
verschwunden.  Die  Anderen  kommen  und  finden  ihn  sehr  bleich.  Er 
schämt  sich  aber,  die  Wahrheit  zu  gestehen,  und  sagt  nur,  daß  ihm 
unwohl  geworden.  Ais  es  ihm  am  nächsten  Mittag  aber  wieder  ebenso 
ergeht,  bittet  er  seinen  Bruder,  den  Schmied,  ihn  abzulösen.  Dieser  er- 
leidet zwei  Mittage  dasselbe  Schicksal  und  wird  dann  vom  Weihnachts- 
bub abgelöst.  Auch  ihm  erscheint  die  Hexe  und  bittet  ihn  in  ganz 
denselben  Worten  um  Essen ;  er  reicht  ihr  einen  Teller ;  sie  läßt  wieder 
den  Löffel  fallen  und  bittet  ihn,  denselben  aufzuheben.  Er  fährt  sie 
aber  barsch  an:  „Altes  Scheusal,  meinst  Du,  ich  hätte  nicht  gemerkt, 
daß  Du  den  Löffel  mit  Vorsatz  herabgeschüttelt  hast?  Gleich  nimmst 
Du  den  Löffel  auf  oder  ich  schlage  Dir  die  Knochen  zu  Brei"  *,  und  damit 
greift  er  nach  dem  Schüreisen;  als  er  aber  auf  sie  zutreten  will,  ist 
sie  verschwunden.  Jedoch  ist  sie  am  nächsten  Mittag  wieder  da  und 
bittet  mit  den  ständig  wiederkehrenden  Worten  um  Essen.  Er  packt 
sie  aber  sogleich  an  der  Kehle,  indem  er  ihr  zuruft,  daß  sie  ihm 
diesmal  nicht  entwischen  solle,  ehe  sie  ihm  gezeigt  habe,  wo  sie  her 
käme  und  wo  sie  hinginge.  Sie  erwidert:  „Wenn  ich  Dir  zeigen  soll, 
wo  ich  herkomme  und  wo  ich  hingehe,  so  sage  es  noch  einmal;  Du 
darfst  aber  keine  Furcht  haben."  Darauf  wiederholt  er  furchtlos  seine 
Forderung  und  befindet  sich  nun  plötzlich  mit  dem  alten  Weibe  in 
einem  tiefen  Keller  vor  einer  hohen  Wand,  die  sich  auf  einen  Zauber- 
spruch des  Weibes  öffnet.  Dann  wird  er  auf  viel  verschlungenen 
Pfaden  in  einen  prachtvollen  Saal  geführt,  in  welchem  kleine  graue 
Männlein ')  ihn  empfangen  und  sehr  glänzend  bewirthen.  Auf  die 
Mahlzeiten  folgen  Spiele,  Jagd  und  Fischerei,  bis  dem  Weihnachtsbub 
die  Brüder  wieder  einfallen  und  er  zu  einem  der  grauen  Männlein 
sagt,   er  müsse  jetzt  wieder  hinauf,   denn   seine  Brüder  warteten  auf 


')  Der  Ausdruck  „Zwerg"  ist  nicht  bekannt,  es  heißt  in  der  Volkssprache  immer 
„klines  Gräumännel". 


MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN.  229 

das  Mittagessen.  Darauf  fragt  ihn  das  Männlein  lachend,  wie  lange 
er  denn  meine,  daß  er  bei  ihnen  sei,  und  als  er  antwortet,  etwa  eine 
halbe  Stunde,  erfährt  er,  daß  er  gerade  in  diesem  Augenblicke  vor 
zwölf  Jahren  in  die  Unterwelt  gekommen  ist.  Er  erschrickt  hierüber 
sehr  und  gedenkt  sogleich  seiner  Pflegeeltern  und  seiner  Pflegeschwester; 
das  Männlein  kann  ihm  aber  die  beruhigende  Versicherung  geben,  daß 
Alle  wohlauf  sind  und  die  Pflegeschwester  noch  unverheirathet  ist. 
Er  will  nun  sogleich  in  die  Welt  zurückkehren,  wird  indeß  belehrt, 
daß  nur  die  ihn  wieder  hin  wegführen  könne,  die  ihn  hergebracht 
habe.  Er  läßt  sich  nun  sogleich  zu  der  alten  Hexe  führen,  diese  aber 
weigert  sich  hartnäckig,  ihm  behilfllich  zu  sein.  Als  er  hierüber  sehr 
traurig  wird,  erklärt  das  Männlein,  daß  es  ihm  behilflich  sein  wolle 
und  gibt  ihm  folgende  Aufschlüsse:  vor  100  Jahren  war  das  alte 
Weib,  das  Dich  hierher  gebracht  hat,  eine  wunderschöne,  junge  Prin- 
zessin, und  sie  hatte  einem  schönen,  jungen  Prinzen  versprochen,  daß 
sie  ihn  heirathen  wolle;  nun  kam  aber  ein  reicherer  und  mächtigerer 
Prinz  und  hielt  um  sie  an,  und  da  brach  sie  ihr  Versprechen  und 
verlobte  sich  mit  dem.  Darüber  wurde  der  junge  Prinz  sehr  zornig 
und  ging  zu  einem  mächtigen  Zauberer  und  bat  ihn  um  seine  Hilfe. 
Und  der  Zauberer  verwünschte  die  Prinzessin  und  das  Schloß  und 
Alles,  was  dazu  gehörte,  und  die  Prinzessin  ward  eine  scheußliche, 
alte  Hexe,  wie  Du  sie  gesehen  hast,  und  an  das  Schloß  wurde  an- 
geschrieben, daß  es  dem  gehören  solle,  der  es  bewohne,  denn  Keiner 
konnte  es  darin  aushalten,  und  die  Meisten  kamen  um,  die  es  betraten. 
Das  kam  aber  so :  die  Prinzessin  war  nicht  blos  äußerlich  zu  einer 
Hexe  verwandelt,  sondern  auch  innerlich,  so  daß  sie  Macht  hatte  wie 
eine  Hexe  und  nur  Lust  an  Unheil.  Die  fiel  nun  über  Jeden  her,  der 
das  Schloß  betrat  und  saugte  ihm  das  Leben  aus;  daher  die  vielen 
Leichen,  die  im  Schlosse  lagen,  als  Ihr  ankamt.  Deine  Brüder  können 
von  Glück  sagen,  daß  der  Glockenstrang  in  der  Küche  hing,  denn 
vor  dem  Glockenschalle  mußte  sie  weichen,  sonst  hätte  sie  ihnen 
auch  das  Leben  ausgesogen.  Über  Dich  aber  hatte  sie  keine  Gewalt; 
weil  Du  keine  Furcht  hast.  Wir  grauen  Männlein  haben  nun  die  ganzen 
100  Jahre  hiedurch  das  Schloß  unterhalten  und  das  Vieh  gefüttert 
und  aufgezogen  und  Alles  so  erhalten,  wie  Ihr  es  vorgefunden  habt. 
Wir  Alle  sind  auch  verzauberte  Prinzen;  wir  können  aber  nicht  mehr 
erlöst  werden,  weil  unsere  Zeit  vorübergegangen  ist,  ohne  dass  ein 
Erlöser  gekommen  wäre.  Wir  müssen  in  alle  Ewigkeit  hier  unten 
bleiben  und  haben  es  wohl  ganz  gut,  aber  nicht  so  gut  wie  in  der 
Seligkeit  im  Himmel.  Die  Prinzessin   aber  kann   noch  erlöst  werden; 


230  F.  PETERS,  MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN. 

Du  brauchst  ihr  nur  einen  Kufi  zu  geben,  so  wird  sie  wieder  wie  sie 
früher  war,  muß  dann  aber  Deine  Frau  werden  und  Dich  auf  die 
Erde  zurückführen. 

Wegen  dieses  letzten  Punktes  hat  der  Weihnachtsbub  Bedenken; 
das  graue  Männlein  tröstet  ihn  aber,  daß  sich  doch  noch  vielleicht 
ein  Ausweg  finden  werde.  Er  gibt  nun  der  Alten  den  Kuß  und  hält 
plötzlich  eine  schöne  Prinzessin   in  den  Armen. 

Von  dem  Männlein  erhält  er  jetzt  einen  großen  Korb  mit  einem 
langen  Strick  daran  und  ein  Stäbchen  mit  folgender  Weisung:  wenn 
Du  mit  der  Prinzessin  in  den  Korb  steigst,  werdet  Ihr  sogleich  oben 
auf  der  Erde  ankommen.  Wenn  Du  wieder  zu  uns  willst,  mußt  Du 
mit  dem  Stäbchen  an  einer  bestimmten  Stelle^)  auf  die  Erde  klopfen, 
so  wird  sie  sich  aufthun,  und  dann  müssen  Deine  Brüder  Dich  in 
dem  Korbe  an  dem  Strick  hinablassen.  Der  Strick  wird  zwar  bei 
Weitem  nicht  reichen,  aber  der  Korb  macht  sich  los  und  trägt 
Dich  hinab  und  hernach  wieder  nach  oben  bis  an  den  Strick,  und 
dann  müssen  die  Brüder  Dich    vollends  hinaufziehen. 

Er  wird  dann  noch  ermahnt,  daß  er  sich  ja  nicht  scheuen, 
sondern  in  jeder  Noth  an  die  grauen  Männlein  wenden  möge.  Kaum 
hat  er,  reich  beschenkt,  mit  der  Prinzessin  den  Korb  bestiegen,  so 
stehen  sie  auch  schon  oben  vor  dem  Schlosse.  Hier  erfährt  er  von 
der  Dienerschaft,  daß  das  Schloß  mit  allen  Besitzungen  den  Brüdern 
zugesprochen  worden  ist  und  daß  der  Altere  soeben  in  der  nahen 
Stadt  mit  der  Tochter  des  Königs  Hochzeit  mache.  Er  begibt  sich 
sogleich  mit  der  Prinzessin  dorthin  und  wird  freudig  begrüßt.  Die 
Brüder  haben  die  Eltern  und  die  Schwester  inzwischen  vergessen ;  er 
aber  denkt  sogleich  nach  Beendigung  der  Hochzeitsfeierlichkeiten 
wieder  an  sie,  und  wie  er  die  Pflegeschwester  statt  der  Prinzessin 
heirathen  könne.  Das  Herbeischaffen  der  Verwandten  ist  wegen  der 
großen  Entfernung  besonders  schwierig.  Er  beschließt  daher,  das 
graue  Männlein '^j  um  Hilfe  anzugehen,  klopft  mit  dem  Stäbchen^) 
auf  die  Erde,  und  Alles  geschieht,  wie  vorhergesagt. 

Bezüglich  der  Heirath  räth  ihm  das  Männlein,  er  solle  den  un- 
verheiratheten  Bruder  veranlassen,  der  Prinzessin  ohne  Weiters  um 
den  Hals  zu  fallen  und  ihr  zu  sagen,  daß  er  sie  heirathen  wolle;  sage 


')  Die  Stelle  ist  in  der  Erzähkuig  nicht  angegeben. 

'■')  Es  ist  bald  von  einem,  bald  von  den  Männlein  die  Rede;  es  scheint  aber, 
daß  sich  einer  besonders  seiner  angenommen  habe. 

^)  Der  Ausdruck  „Wünschelruthe-'  i:<t  unbekannt;  es  heißt  im  Dialekt  „klines 
Steckel"  =  Stöckchen  oder  Stäbchen. 


ALBERT  BACHMANN,  BERICHT  ÜBER  DIE  VERHANDLUNGEN  etc.  231 

sie  dann  zu,  so  dürfe  sie  dessen  Frau  werden.  Dann  solle  sogleich 
die  Hochzeit  gefeiert  werden,  und  nach  Beendigung  derselben  solle  er 
wieder  zu  einer  bestimmten  Stunde  mit  dem  Stäbchen  klopfen,  dann 
werde  er,  das  graue  Männlein,  hinaufkommen  und  ihm  helfen.  Es 
verläuft  nun  Alles  nach  Wunsch,  und  wie  der  Weihnachtsbub  klopft, 
kommt  das  Männlein  herauf,  bis  an  den  Leib  in  großen  Stiefeln 
steckend  und  noch  ein  ebensolches  Paar  in  den  Händen  haltend,  das 
Jener  anziehen  muß.  Darauf  erklärt  er  ihm,  daß  dies  Stundenstiefel ') 
seien,  und  daß  sie  mit  denselben  in  einer  Stunde  bei  dem  Häuschen 
im  Walde  sein  würden.  Richtig  erreichen  sie  auch  das  Haus  in  so 
kurzer  Zeit,  nehmen  die  Eltern  und  die  Schwester  auf  die  Schultern 
und  führen  sie  in  ebenso  kurzer  Zeit  zum  Schlosse  zurück.  Hier 
heirathet  nun  der  Weihnachtsbub  die  Pflegetochter,  und  Alle  führen 
ein  langes  und  glückliches  Leben. 

FINSTINGEN  (in  Lothringen).  F.  PETERS. 


BERICHT 


über    die  Verhandlungen    der    deutsch-romauischen    Sectiou    auf   der  XXXIX. 

Versammlung  deutscher  Philologen  und   Schulmänner  zu   Zürich. 

(28.  September  bis   1.  October  1887.) 


Die  constituirende  Sitzung  der  Section  fand  am  28.  Sept. ,  Mittags 
12  Uhr,  statt  und  wurde  durch  Prof.  Tobler  eröffnet.  Prof.  Martin  (Straß- 
hurg)  schlägt  vor:  die  Herren  Professoren  Drr.  Tobler  und  Ulrich,  beide 
in  Zürich ,  welche  von  der  Gießener  Versammlung  mit  der  Vorbereitung 
der  Geschäfte  beauftragt  worden  waren,  zu  Vorsitzenden  zu  ernennen.  Der 
Vorschlag  wird  einstimmig  zum  Beschluß  erhoben.  Als  Schriftführer  werden 
gewählt  die  Herren  Privatdocent  Dr.  Wetz-Straßburg  und  Dr.  Bachmann- 
Zürich.  In  das  Album  der  Section  tragen  sich  34  Mitglieder  ein:  Gymnasial- 
lehrer Dr.  Bachmann-Zürich,  Prof.  Dr.  Bächtold-Zürich,  Stud.  Bodmer-Zürich, 
P.  Brändli,  0.  S.  B.  Engelberg,  Dr.  Bruppacher-Zürich ,  Privatdocent  Dr. 
Crüger-Straßburg,  Gymnasialrector  Ehemann-Eavensburg,  P.  Fischer,  O.  S.  B.- 
Sarnen ,  Prof.  Dr.  Götzinger-St.  Gallen ,  Privatdocent  Dr.  Hartmann-Zürich, 
Dr.  Herzog-Aarau,  Professor  Dr.  Hewett-New-York ,  Prof.  Dr.  Hirzel-Bern, 
Dr.  Jecklin-Chur,  Prof.  Dr.  Kluge-Jena,  Prof.  Dr.  Koch-Marburg,  Privat- 
docent Dr.  Levy-Freiburg  i.  Br.,  Prof.  Dr.  Martin-Straßburg,  Prof.  Dr.  Meyer 
V.  Knonau-Zürich,  Prof.  Dr.  Morf-Bern,  Prof.  Dr.  Motz-Zürich,  Prof.  Dr. 
Reifferscheid-Greifswald,  Gymnasiallehrer  Dr.  Schoch-Zürich,  Prof.  Dr.  Soldan- 
Basel,  Dr.  Staub-Zürich,  Dr.  Stickelberger-Burgdorf,  Prof.  Dr.  Stiefel-Zürich, 
Stud.   Stutz-Zürich,    Prof.   Dr.   Tobler-Zürich ,    Prof.   Dr.   Ulrich-Zürich,   Prof. 


')  Der  Ausdruck  „Siebenmeilenstiefel"  ist  nicht  bekannt. 


232  ALBERT  BACHMANN 

Dr.  Vetter-Frauenfeld,  P.  Wagner,  0.  S.  B. -Engelberg,  Privatdocent  Dr. 
Weissenfels-Freiburg  i.   Br.,    Privatdocent  Dr.  Wetz-Straßburg. 

Zur  Vertheilung  an  die  Mitglieder  werden  an  diesem  und  den  folgenden 
Tagen  aufgelegt:  Von  Prof.  Dr.  Koch:  Koch  und  Geiger,  Zeitschrift  für 
vergleichende  Litteraturgeschichte  und  Renaissance-Litteratur.  Neue  Folge. 
I.  Bd.  I.  Heft.  —  Von  Prof.  Dr.  Bächtold:  Dessen  Geschichte  der  deut- 
schen Litteratur  in  der  Schweiz.  I.  Lieferung.  —  Von  Dr.  Staub  (namens 
der  Leitung  des  schweizerischen  Idiotikon) :  Die  Vocalisirung  des  N  bei  den 
schweizerischen  Alemannen.  Die  Reihenfolge  in  mundartlichen  Wörterbüchern. 
Proben  aus  dem  für  das  schweizerdeutsche  Idiotikon  gesammelten  Materiale. 
Das  Brot  im  Spiegel  schweizerdeutscher  Volkssprache  und  Sitte.  —  Von  dem 
Verlagshändler  Dr.  Hub  er  und  Dr.  Th.  Vetter  in  Frauenfeld:  Chronick  der 
Gesellschaft  der  Mahler  1721  — 1722.  Nach  dem  Manuscripte  der  Züricher 
Stadtbibliothek  herausgegeben  von  Th.  Vetter  (Bibliothek  älterer  Schriften 
der  deutschen   Schweiz  IL    Serie,    I.   Heft). 

In  der  zweiten  Sitzung  (Donnerstag  den  29.  September,  Morgens  8  Uhr) 
trägt  Prof.  Dr.  Kluge -Jena  vor  über  „Schweizerdeutsch  und  Schrift- 
deutsch in  ihren  geschichtlichen  Beziehungen".  Der  Vortrag  ist 
in  dem  inzwischen  erschienenen  Buche:  Von  Luther  bis  Lessing,  sprach- 
geschichtliche Aufsätze  von  Fr.  Kluge-Straßburg  1888,  S.  66  ff.  der  Haupt- 
sache nach  zum  Abdruck  gebracht,  und  es  kann  deshalb  hier  auf  eine  Wieder- 
gabe des  Inhalts  verzichtet  werden.  In  der  an  den  Vortrag  sich  anschließenden 
Discussion  wendet  sich  Prof.  Martin  gegen  die,  wie  ihm  scheint,  nicht  ganz 
gerechte  Beurtheilung  Luthers  durch  den  Vortragenden.  Prof.  Götzinger 
dankt  dem  Vortragenden  dafür,  daß  er  die  ungerechten  Ausfälle  Rückerts 
gegen  die  Schweiz  zurückgewiesen  habe.  Prof.  Morf  glaubt,  daß  die  räto- 
romanische Syntax  sehr  dazu  angethan  sei,  als  Quelle  für  die  Erkenntniß 
syntaktischer  Eigenthümlichkeiten  des  Schweizerdeutschen  zu  dienen.  Der 
Vorsitzende  möchte  namentlich  schweizerische  Forscher  auffordern,  das  vom 
Vortragenden  in  allgemeinen  Zügen  behandelte  Thema  zum  Gegenstand  ein- 
gehenden  Studiums   zu  machen. 

Privatdocent  Dr.  Wetz -Straßburg  hält  einen  Vortrag  „Zur  Psycho- 
logie Heinrichs  v.  Kleis  f.  Die  litterarische  Kritik  ist  deswegen  viel- 
fach auf  Abwege  gerathen,  weil  die  Kritiker  bei  der  Beurtheilung  von  Dicht- 
werken ihre  eigenen  psychologischen  Anschauungen  zu  Grunde  legten,  anstatt 
die  Psychologie  des  Dichters  festzustellen  und  davon  ausgehend  dessen  Werke 
zu  betrachten.  Dieses  letztere  Verfahren  will  der  Vortragende  zur  Lösung 
schwieriger  Probleme  aus  Heinrich  v.  Kleists  Dichtungen  in  Anwendung 
bringen.  1.  Kleists  Ansicht,  daß  die  Reflexion  sowohl  auf  körperliche  Be- 
wegungen als  auch  auf  moralische  Handlungen  von  verhängnißvollem  Einflüsse 
sei,  daß  nur  das  Unwillkürliche  schön,  nur  da  Grazie  möglich  sei,  wo  das 
Bewußtsein  völlig  schweige,  daß  Überlegung  im  Augenblick  der  Entscheidung 
nur  verwirren  und  schaden  könne  —  diese  Ansicht  erklärt  uns,  warum  Kl. 
seine  Personen  mit  Vorliebe  den  Eingebungen  des  Augenblicks  gehorchen 
läßt.  2.  Kl. 's  „Gesetz  des  Gegensatzes"  ist  die  Übertragung  eines  bekannten 
physikalischen  Gesetzes  auf  das  moralische  Gebiet.  So  wie  ein  elektrischer 
Körper  in  einem  unelektrischen,  auf  den  er  einwirkt,  die  entgegengesetzte 
Eleklricität    hervorruft,     „so   kann  im   Gebiet    moralischer  Erscheinungen  bei 


BERICHT  ÜBER  DIE  VERHANDLUNGEN  etc.  233 

entsprechender  Einwirkung  von  Außen  der  Zustand  der  Indifferenz  plötzlich  in 
einen  anderen  Zustand  überspringen,  welcher  zu  der  empfangenen  Einwirkung 
in  einem  ähnlichen  gegensätzlichen  Verhältniß  steht".  Beispiele  für  die 
Wirksamkeit  dieses  Gesetzes  erbringt  der  Vortragende  aus  Kleists  .,Erdbeben 
von  Chili",  namentlich  aber  aus  dem  „Prinzen  von  Homburg''  (vgl.  III,  5; 
IV,  4).  So  läßt  sich  durch  die  psychologischen  Theorien  des  Dichters  das 
Handeln  der  Personen   seiner   Schöpfungen   erläutern. 

Nach  dem  Vortrage,  der  zu  keiner  Discussion  Anlaß  gibt,  laden  der 
Vortragende  und  Dr.  Staub  die  Mitglieder  zu  einem  Besuche  der  Sammlungen 
für  das    schweizerische  Idiotikon    ein.     Dai-auf  wird    die   Sitzung  aufgehoben. 

Dritte  Sitzung,  Freitag  den  30.  September,  Morgens  8  Uhr.  Auf  die 
Mittheilung  des  Vorsitzenden  hin,  daß  die  nächste  Versammlung  deutscher 
Philologen  und  Schulmänner  in  Görlitz  stattlinden  solle,  werden  die  Herren 
Professoren  Drr.  Weinhold  und  Gaspary,  beide  in  Breslau,  zu  Vorsitzen- 
den der  deutsch-romanischen   Section  gewählt. 

Professor  Dr.  Reiffer scheid-Greifswald  spricht  über  die  Windeck- 
Ilandschriften  in  Zürich.  In  Bezug  auf  den  Inhalt  des  Vortrages  muß 
auf  die  „Verhandlungen"  und  die  „Göttinger  Nachrichten"  1887,  Nr.  18, 
S.  522  ff.  (vgl.  namentlich  S.  530.  533.  543)  verwiesen  werden.  Der  Vortrag 
ruft  eine  kurze  Discussion  hervor,  an  der  sich  Prof.  Dr.  Meyer  v.  Knonau 
und  der  Vorsitzende  betheiligen.  — Nachher  hält  Prof.  Dr.  Morf-Bern  seinen 
Vortrag  über  „die  Untersuchung  lebender  Mundarten  und  ihre 
Bedeutung  für  den  akademischen  Unterricht".  Das  Studium  der 
afrz.  Sprache  und  Litteratur,  wie  es  gegenwärtig  auf  den  meisten  deutschen 
Hochschulen  betrieben  wird,  sollte  beschränkt  werden  zu  Gunsten  einer  ein- 
gehenderen wissenschaftlichen  Beschäftigung  mit  der  neueren  Sprache  und 
Litteratur,   namentlich   auch   mit  den  lebenden  Mundarten. 

Dieses  letztere  ist  in  doppelter  Hinsicht  nutzbringend:  1.  Für  die 
Aussprache.  Der  Studirende  muß  sich  daran  gewöhnen,  die  Laute  der 
Mundart  phonetisch  genau  zu  fixiren  und  schärft  so  sein  Ohr  für  eine  richtige 
Auffassung  der  fremdsprachlichen  Laute ,  was  ihm  später  bei  seinem  Auf- 
enthalte im  Ausland  sehr  zu  statten  kommt.  Die  große  Bedeutung  einer  guten 
Aussprache  wird  heute  allgemein  anerkannt.  2.  Für  die  allgemein 
sprachliche  Bildung.  Das  Studium  der  lebenden  Sprachen  ist  für  den 
Studirenden  die  beste  Unterweisung  in  den  Gesetzen  des  Sprachlebens. 
Es  bewahrt  ihn  davor,  daß  er  sich  an  eine  „abenteuerliche  Lautcasuistik" 
gewöhnt  und  in  lautlichen  Entwicklungen,  die  auf  Grund  eines  doch  nur 
lückenhaft  und  unvollkommen  überlieferten  Sprachmaterials  oft  willkürlich 
construirt  worden  sind,  mehr  als  imaginäre,  der  Thatsächlichkeit  entbehrende 
Gebilde  erblickt.  Im  romanischen  Seminar  der  Universität  Bern  sind  Übungen 
an  einigen  Patois  des  ,.frankoprovenzalischen"  Kantons  Freiburg  mit  dem 
besten  Erfolge  vorgenommen  worden.  Der  Vortragende  skizzirt  kurz  den 
dabei  befolgten  Arbeitsplan.  In  der  Discussion  ergreift  Prof.  Dr.  Sold  an- 
Basel das  Wort.  Er  ist  von  dem  hohen  Werth  der  durch  den  Vortragenden 
angeregten  Übungen  vollkommen  überzeugt,  macht  aber  auf  die  großen 
praktischen  Schwierigkeiten  aufmerksam ,  die  sich  der  Ausführung  derselben 
fast  überall  in  den  Weg  stellen;  denn  nur  wenige  Universitätsstädte  sind 
in  der  günstigen  Lage,   ein  geeignetes  Forschungsgebiet  in  der  Nähe  zu  haben. 


234  LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN. 

Professor  Dr.  Bächtold  trägt  vor  über  den  „Ring"  He.s  »Schweizers 
Heinrich  Wittenweiler.  Der  Vortrag  bildet  einen  Ausschnitt  aus  des  Vor- 
tragenden „Geschichte  der  deutschen  Litteratur  in  der  Schweiz",  und  zwar 
aus  der  dritten  Lieferung  des  Werkes;  wir  können  deshalb  hier  von  einer 
Inhaltsangabe  absehen. 

Die  Section  beschließt,  am  folgenden  Morgen  noch  eine  vierte  Sitzung 
abzuhalten,  um  einen  Vortrag  des  Privatdocentcn  Dr.  Crüger-Straßburg  anzu- 
hören über  „Das  Straßburger  Theater  von  der  Reformation  bis 
zum   dreißigjährigen   Kriege". 

Vierte  Sitzung,  Samstag  den  1.  October,  Morgens  9  Uhr.  Dr.  Crügcr 
spricht  über  das  angekündigte  Thema.  Er  erwähnt  zuerst  solche  theatralische 
Vorstellungen,  die  sich  aus  dem  Mittelalter  in  die  Neuzeit  hinübergerettet 
hatten,  z.  B.  die  Ein-  und  Ausgangsscene  der  Schwerttänze,  das  Schreiner- 
spiel, ein  Abkömmling  des  mittelalterlichen  Fastnachtspiels,  welches  Privi- 
legium der  Schreinerzunft  geworden  war  u.  a.  Er  geht  sodann  über  zu  den 
eigentlichen  dramatischen  Erzeugnissen:  Das  protestantische  Volks- 
schauspiel hat  in  Straßburg  keinen  Dichter  gefunden^  man  führte  schwei- 
zerische und  oberelsässi£3che  Stücke  auf.  Das  Auftreten  der  fahrenden  Truppen 
(in  Straßburg  um  1570)  brachte  eine  Stoflferweiterung  des  Volksschauspiels 
mit  sich,  komische  Scenen  drangen  ein,  an  Stelle  des  geistlichen  trat  aucb 
historischer  und  novellistischer  Inhalt.  Das  geistliche  Volksschauspiel  fristete 
schließlich  nur  noch  ein  kümmerliches  Dasein  in  den  Vorstellungen  der 
Meistersinger;  in  den  Vordergrund  traten  seit  dem  Ende  des  16.  Jahrhunderts 
die  Aufführungen  der  englischen  Comödianten.  Das  lateinische  Schul- 
drama fand  einen  vortrefflichen  Vertreter  an  dem  Pommern  Brülow,  der  am 
Straßburger  Gymnasium  wii'kte  und  als  Dichter  lateinischer  Dramen  ganz 
Bedeutendes  leistete.  Seine  Stücke  wurden  auch  fleißig  ins  Deutsche  über- 
setzt. Übrigens  hatte  man  schon  um  1560  mit  regelmäßigen  Aufführungen, 
aber  nur  altclassischer  Stücke,   begonnen. 

Der  Vortrag  ruft  keine  Discussion  hervor.  Der  Vorsitzende  erklärt, 
da  die  Tractanden  alle  erledigt  sind ,  die  Sitzung  und  damit  die  dießjährige 
Versammlung  der  deutsch-romanischen  Section  für  geschlossen.  Prof.  Dr.  Hewett 
spricht  zum  Schluß  dem  Vorsitzenden  für  dessen  Bemühungen  den  lebhaften 
Dank  der  Mitglieder  aus. 

ALBERT  BACHMANN. 


LITTERATUR, 


Anzeigen. 

Schürer,  Heinrich,  die  Sprache  der  Hs.  P  des  Rolandsliedes.  Programm 
des  Communal-Gymnasiums  zu  Komotau.  Komotau  1887.  46  S.  gr.  8. 
Das  Ergebniß  einer  genauen  Zusammenstellung  der  sprachlichen  Eigen- 
thümlichkeiten  von  S.  ist  zunächst,  daß  der  sprachliche  Charakter  der  Hs. 
durchaus  kein  einheitlicher  ist.  Doch  weist  Vieles  darauf  hin ,  daß  die  Vor- 
lage   eine    md.  gewesen,     Manches  ist  speciell  ripuarisch.     Daneben  kommen 


LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN.  235 

oberdeutsche,  und  zwar  bairische  Züge  vor.  Die  Frage  ist  nun ,  war  der 
Dichter  ein  Baier,  der  Schreiber  ein  Rheinfranke,  oder  umgekehrt?  Eine 
Prüfung  der  Reime  ergibt,  daß  dieselben  mit  wenig  Ausnahmen  md.  sind. 
p]s  unterliegt  also  keinem  Zweifel,  daß  die  Originalhs.  im  md.,  bezw.  ripua- 
rischen  Dialekt  abgefaßt  und  der  Dichter  ein  Rheinfranke  war.  Trotzdem 
hält  der  Verf.  für  keineswegs  gewiß,  daß  das  Werk  in  dem  reinen  Dia- 
lekte der  Heimat  des  Dichters  abgefaßt  war,  sondern  daß  er  mit  Rücksicht 
auf  ein  bairisches  Publicum,  Heinrich  den  Stolzen  und  seine  Gemahlin,  die 
Sprache  modificirfe.  Ich  weiß  nur  nicht,  ob  in  diesem  Grade  das  möglich  ist, 
wenigstens  für  jene   Zeit.  

Seifried  Helbling.  Herausgegeben  und  erklärt  von  Joseph  ScemüUer. 
Halle  a.  d.  S.  Buchhandlung  des  Waisenhauses  1886.  CX,  393  S.  8. 
Seit  Martin  nachgewiesen,  daß  Seifried  Helbling  nicht,  wie  Karajan 
annahm,  der  Verfasser  der  hier  vereinigten  Lehrgedichte  ist,  pflegt  man  von 
dem  sogenannten  S.  H.  zu  sprechen,  weil  der  Name  einmal  eingebürgert  ist. 
Auf  einem  Büchertitel  würde  sich  das  freilich  nicht  gut  ausgenommen  haben, 
und  darum  hat  der  Herausgeber  wohl  einfach  S.  H.  geschrieben.  Aber  cor- 
recter  und  sachgemäßer  wäre  z.  B.  gewesen  Die  Gedichte  des  Verfassers 
des  deutschen  Lucidarius  ,  da  eine  Verwechslung  mit  dem  prosaischen  Luci- 
darius  des  12.  Jahrhunderts  dann  wohl  nicht  möglich  ist.  Der  Ausgabe  ist 
iMue  sehr  ausführliche  Einleitung  vorausgeschickt,  worunter  die  zweite  Chrono- 
logie der  Sammlung  zunächst  hervorzuheben  ist.  S.  weist  nach,  daß  die 
überlieferte  Reihenfolge  der  Gedichte  nicht  die  ursprüngliche  ist^  leider  hat 
er  aber  trotzdem  jene  beibehalten,  wodurch  die  Benützung  der  Ausgabe  sehr 
erschwert  ist.  Weiter  hebe  ich  den  Abschnitt  "^Littei-arische  Einflüsse  und 
Darstellungsform  hervor,  worin  mit  großer  Sorgfalt  die  literarische  Kenntniß 
lies  Dichters  nachgewiesen  ist.  Sehr  ausführlich  ist  der  Abschnitt  Metrik 
und  Sprache  behandelt,  nicht  minder  der  '^Überlieferung  betitelte^  sie  be- 
weisen,    daß   der  Herausgeber    seine   Aufgabe    sich    nicht  leicht   gemacht   hat. 

Dombrowski,  Ernst  Ritter  von,  die  Lehre  von  den  Zeichen  des  Rolh- 
hirsches  in  ihrer  stufenweisen  Entwickelung  bis  zum  Ausgange  des 
1  6.  Jahrhunderts.  Eine  Studie.  Blasewitz-Dresden  1886.  P.WolfF.  Separat- 
abdruck  aus  'Weidmann'.   XVII.   35    S     8. 

Die  Lehre  von  den  Zeichen  des  Rothwildes  hat  sich  bis  in  die  Gegen- 
wart erhalten,  während  die  Regeln  über  den  Leithund,  die  Beize  u.  A.  der 
Vergangenheit  angehören.  Zuerst  erörtert  Verf.  die  Frage,  wo  und  wann  die 
Lehre  von  den  Zeichen  des  Rothwildes  entstanden  ist,  und  hier  ergibt  sich, 
daß  Spuren  davon  bis  ins  12.  Jahrh.  zu  verfolgen  sind.  Die  ältesten  Zeug- 
nisse sind  in  einem  ahd.  Glossar,  im  Schwabenspiegel  und  in  Hadamars  Jagd. 
Die  Dichtungen  des  12.  und  13.  Jahrh.  liefern,  so  viel  sie  auch  die  Jagd 
behandeln ,  kein  Material  zu  der  Frage.  Eine  Übersicht  der  Quellen  von 
Hadamar  an  bis  ans  Ende  des  16.  Jahrhs.,  die  der  Verf.  S.  7  ff.  gibt,  drängt 
zu  der  Frage  nach  dem  Zusammenhange  derselben,  ob  die  hervortretende 
Übereinstimmung  auf  mündlicher  Überlieferung  oder  auf  Abschriften  beruht. 
Das  Ergebniß  einer  genauen  Vergleichung  ist,  daß  sie  auf  ein  Werk  über 
die  Hirschjagd    zurückgehen,    das    etwa  aus  der  Zeit  Friedrichs  II.    stammt. 


236  LITTERATUR.  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN. 

Heeger,  Georg,  über  die  Trojanersage  der  Briten.  Münchener  Inauguial- 
Dissertation.  München   1886.   R.   Oldenbourg,    99   S.   8. 

Der  Verf.  behandelt  zunächst  die  britische  Trojanersage  vor  Galfrid, 
und  die  ältesten  Spuren,  die  vermeintlich  bis  ins  9.  Jahrh.  zurückgehen 
sollten ,  da  sie  in  der  Historia  Britonum  sich  finden.  Zu  dem  Zweck  wird 
die  Hist.  Brit.  untersucht,  deren  ursprüngliche  Gestalt  durch  spätere  Zusätze 
sehr  entstellt  ist.  Die  betreffende  Erwähnung  findet  sich  unter  30  Hss.  etwa 
nur  in  drei,  ist  also  als  Interpolation  anzusehen.  Daß  dies  der  Fall,  wird 
durch  Hugo  von  Flavigny  (um  1090)  gestützt  (S.  37).  An  dritter  Stelle 
wird  die  Erwähnung  bei  Heinrich  von  Huntingdon  (um  1135)  behandelt. 
Es  ergibt  sich ,  daß  derselbe  aus  der  Hist.  Brit.  geschöpft  hat.  Im  zweiten 
Haupttheil  wird  nun  Galfrid  von  Monmouth  (um  1136)  erörtert.  Sein  Bericht 
beruht  in  den  Grundzügen  auf  der  Hist.  Brit.,  erscheint  aber  in  einer  mehr 
als  25fachen  Erweiterung.  Diese  beweist  durch  Beziehungen  auf  die  Cultur 
der  Kreuzzüge  (S.  65)  ihre  Nichtursprünglichkeit.  Außerdem  ist  Virgil  reich- 
lich benützt.  Es  folgt  die  Trojanersage  nach  Galfrid,  und  zwar  zunächst  die 
Historia  Britanica,  der  welsche  Brut  i  Tysilio,  ferner  Gaimar,  Wace  und 
Giraldus  Cambrensis.  Die  Untersuchung  ist  mit  großer  Sorgfalt  und  Besonnen- 
heit durchgeführt,  und  es  darf  die  Schrift  als  eine  willkommene  Bereicherung 
unserer  Kenntniß   der  Trojanersage  bezeichnet  werden. 

Ortuer,  Max,  Reinmar  der  Alte.  Die  Nibelungen.  Österreichs  Antheil  an 
der  deutschen  Nationalliteratur.  Wien  1887.  Konegen.  VIII,  356  S.  g. 
Der  von  jugendlicher  Begeisterung  für  sein  engeres  Vaterland  Öster- 
reich erfüllte  Verf.  gibt  uns  ein  Bild  von  der  Sittenlosigkeit ,  die  die  Folge 
der  aus  Frankreich  eingedrungenen  Cultur  gewesen.  Zwei  Dichter  seien  dieser 
Verderbniß  entgegengetreten,  ein  Lyriker,  Reinmar  der  Alte,  und  ein  Epiker, 
der  Kürenberger.  Der  ganze  Grundgedanke  scheint  mir  ein  verfehlter  zu  sein, 
und  namentlich  auf  Reinmars  melancholischen,  in  sich  versenkten  Charakter 
wenig  zu  passen.  Eher  ließe  sich  den  Nibelungen  ein  solcher  polemischer 
Gedanke  zu  Grunde  legen.  Wenn  übrigens  in  einem  von  der  Verlagshand- 
lung dem  Buche  beigegebenen  Prospect  gesagt  ist,  daß  die  leitenden  Grund- 
gedanken meine  vollste  Zustimmung  gefunden ,  so  ist  dies  nur  in  sehr  be- 
schränktem Maße  richtig,  da  ich  zu  krank  war,  um  das  Ms.  lesen  zu  können 
und  daher  nur  in  einem  Briefe  der  Verf.   mir  seine  Ideen  darlegte. 


Fischer,  Hermann,  Lodwlg  Uhland.  Eine  Studie  zu  seiner  Säcularfeier. 
Stuttgart  188  7.  J.  G.  Cottasche  Buchhandlung.  3  Bl.  199  S.  8. 
Der  Verf.  hat  versucht,  in  seiner  Schrift,  die  als  Festgabe  zu  Uhlands 
hundertjährigem  Geburtstag  erschien,  '^das  äußere  Leben  des  Dichters,  über 
das  wir  schon  sehr  ergiebige  Quellen  besitzen  ,  nur  kurz  zu  entwerfen,  da- 
neben aber  ein  Bild  von  seiner  Eigenart  als  Dichter,  als  Patriot  und  als 
Gelehrter'  zu  geben.  Da  die  politische  Thätigkeit  Uhlands  jetzt  ganz  der 
Geschichte  angehört  und  kaum  noch  mit  einem  ihrer  Fäden  in  die  Gegen- 
wart hineingreift,  da  auch,  wie  F.  hervorhebt,  das  Gebiet  der  Forschung, 
das   Uhland    pflegte,    mehr   und    mehr  der  Pflege  des   Sprachlichen  gewichen 


LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  ANZEIGEN.  237 

ist,  so  läßt  sich  über  das,  was  Uhland  hier  und  dort  geleistet,  ein  ab- 
schließendes Urtheil  abgeben.  Dem  Verf.  kommt  zu  statten,  daß  er  Germanist 
von  Fach  ist  und  den  gelehrten  Arbeiten  Uhlands  ein  feines  Verständniß 
entgegenbringt,  daß  er,  wenn  auch  nicht  Dichter,  doch  eines  Dichters  Sohn, 
und  mit  feinem  poetischen  Verständniß  ausgestattet,  und  daß  er  wie  Uhland 
in  Schwaben  geboren  und  erwachsen  ist.  So  hat  er  für  das  speciell  Schwä- 
bische in  Uhlands  Wesen  ein  tieferes  Verständniß ,  was  ihn  keineswegs  zu 
einer  einseitigen  Vorliebe,  sondern  nur  zu  einer  richtigeren  und  tiefer  gehen- 
den Würdigung  der  bei  Uhland  hervortretenden  schwäbischen  Eigenart  führt. 
Auch  hier  sieht  man,  es  ist  der  objective  Forscher,  der  überall  in  der  Beur- 
theilung  hervortritt.  Unter  allen  aus  Anlaß  der  Säculai'feier  erschienenen 
Schriften  ist  die  des  Verf.  die  gediegenste  und  gereifteste  und  verdiente 
daher  wohl  dem  kürzlich  verstorbenen  Fr.  Vischer  als  Widmung  dargebracht 
zu  werden.  

Kahle,  Bernhard,  zur  Entwicklung  der  consonantischen  Declination  im 
Germanischen.  Berlin  1887.  Haude-  und  Spenersche  Buchhandlung. 
54  S.  8. 

Nach  einer  Einleitung,  in  welcher  der  Verf.  sich  mit  Kögel  auseinander- 
setzt, behandelt  er  zunächst  die  Masculina  l./o^;  2.  tunp-,  tund--^  3.  wint{a)i'; 
4.  naut--^  5.  m'enöp- ,  magap-  (f.),  bei  denen  hauptsächlich  der  Einfluß  der 
u- ,  i-  und  o-Declination  vorwaltet;  dann  die  Feminina:  6.  hand- ,  wo  der 
Einfluß  der  M-Decl.  erkennbar;  l.müs-,  gans,  Einfluß  auf  c2  -  Decl. :  S.  nakt-'^ 
9.  b7-eust-,  brüst -^  10.  burg\  diese  drei  Wörter,  eine  kleinere  Gruppe  für  sich 
bildend,  die  im  ahd. ,  mhd.  und  vereinzelt  auch  im  ags.  auf  Fem.  der  i- 
Decl.  eingewirkt  haben;  12.  bök-;  13.  dur-;  14.  tö-,  kü]  15.  brök-;  16.  aik-; 
endlich  ein  ursprünglich  vocalisches  Wort:  mann-. 

Becker,  R.,  Ritterlichie  Waffenspiele  nach  Ulrich  von  Lichtenstein.  Jahres- 
bericht des  evangel.   Realgymnasiums  in  Düren  über  das  Schuljahr  von 
Ostern   1886—1887.   (Progr.  Nr.   458.) 
Der  Verf.    stellt    für    die  Ulrichs  Liebesleben    betreffenden  Abschnitte 
die    Glaubwürdigkeit    derselben    in  Abrede,     indem    hier    durch    romanhafte 
Erfindungen  stark  aufgeputzt  sei ;   dagegen  in   den  Turnierschilderungen  habe 
er  volle  Glaubwürdigkeit.     Dem  Beweis    für    diese  Scheidung  sehen  wir  ent- 
gegen. Vorläufig  beschäftigt  er  sich  mit  dem  Ritterleben  Ulrichs ,    und  zwar 
1.  die  Ritterschaft,    den    Buhurt;     2.  Wafi"en    und   Waffenkleidung;     3.  das 
Stechen    oder   die  Tjost;    4.   den  Turnei,    der   nach  Ulrichs   Schilderung  die 
Schlacht  in   ihrer  ganzen  Mannigfaltigkeit  nachahmt. 


Gedichte  Oswalds  von  Wolkenstein ,  des  letzten  Minnesängers.  Zum  ersten 
Male  in  den  Versmaßen  des  Originals  übersetzt,  ausgewählt,  mit  Ein- 
leitung und  Anmerkungen  versehen  von  Johannes  Schrott.  Mit  einem 
Bildniß  des  Dichters  und  einem  Facsimile  seiner  musikalischen  Com- 
positionen.  Stuttgart  1886.  J.  G.  Cotta'sche  Buchhandlung.  XXXII, 
214  S.  kl.  8. 
Der  Verf.    hat    eine    schwierige  Aufgabe    mit  Geschick    gelöst,    um  so 

schwieriger,   als  der  Originaltext  in  der  Ausgabe  von  Beda  Weber  reich  an 


238  LITTERATUR:  K.  BARTSCH,  AUS  ZEITSCHRIFTEN. 

Mängeln  ist.  Die  Vorliebe  für  seinen  Gegenstand  hat  sein  Urtheil  über 
Oswald,  wie  das  so  oft  zu  gehen  pflegt,  etwas  beeiuträchtigt,  und  zu  viel  ist 
es  jedenfalls  gesagt,  wenn  Oswald  nicht  bloß  als  ein  Nachtreter  der  Minne- 
sänger bezeichnet  wird,  was  man  unbedingt  gelten  lassen  kann,  sondern  als 
ein  Dichter,  der  den  Gedankenkreis  der  Minnesänger  um  Vieles  erweitert, 
ihre  Kunst  zur  letzten  Ausbildung  gebracht  und  in  gesunder  und  wahrer 
Auffassung  des  menschlichen  Lebens  sie  alle  —  mit  wenigen  Ausnahmen  — 
übertroffen  hat.  Seh.  stellt  0.  auch  über  Hugo  von  Montfort,  weil  er  selbst 
musikalisch  begabt  war  und  die  Melodien  zu  seinen  Liedern  verfaßte,  während 
Hugo  sich  dazu  der  Hilfe  seines  Dieners  Burk  Mangolt  bediente,  und  das  ist 
ein  unleugbarer  Vorzug.  Der  Verf.  hebt  0. 's  weitgezogenen  Gedankenkreis  her- 
vor, der  mit  seinen  Reisen  dui'ch  die  Welt  zusammenhängt.  Er  verdankte  Alles 
sich  selbst,  indem  er  in  der  rauhen  Schule  des  Lebens  lernte,  was  ihm 
frommte.  Er  war  ein  selbstgewordeuer  Mann  und  stand  immer  auf  eigenen 
Füßen.'  Wenn  man  diesem  Urtheil  gern  zustimmen  wird,  so  ist  doch  wohl 
wieder  eine  Hyperbel,  wenn  S.  sagt:  "^ Seinen  hohen  Gönnern  gegenüber 
bewahrte  er  stets  eine  edle  Selbständigkeit,  und  niemals  versank  er  in  jenen 
weinerlichen  Supplicantenton ,  der  uns  bei  Walther  von  der  Vogelweide  so 
bedauei'lich  anmuthet'  (!).  S.  vergißt  hier  ganz  die  Verschiedenheit  der  Ver- 
hältnisse und  der  Zeiten  ^  0.  war  ein  wohlsituirter  Herr,  der  daher  auch 
'^ein  guter  Hausvater  sein  und  ein  hübsches  Vermögen  hinterlassen  konnte, 
weit  entfernt  von  dem  unpraktischen  Sinne  Walthers  und  so  mancher  anderer 
leichtlebiger  Minnesänger'.  Ich  glaube,  wenn  Walther  an  Oswalds  Stelle 
gewesen ,  hätte  er  vielleicht  ebenso  wie  dieser  gehandelt.  Doch  abgesehen 
von  solchen  Ausschreitungen  ist  die  Charakteristik  zu  loben.  Mit  Recht  wird 
seine  Bedeutung  für  die  Geschichte  der  Musik  hervorgehoben,  was  schon 
Kenner  wie  Ambros  und  Dommer  gethan.  Danach  ist  Oswald,  wenn  nicht 
einer  der  frühesten  Mitbegründer  der  neueren  Musik ,  doch  wenigstens  ihr 
Vorbote  gewesen.  Was  nun  die  Übersetzungen  betrifft,  so  muß  die  große 
Gewandtheit  hervorgehoben  werden ,  mit  welcher  S.  die  meist  schwierigen 
Formen  des   Originals  wiedergegeben  hat. 


Aus  ^Zeitschriften. 

Mittheiluügen  des  Vereins  für  Lübeckische  Geschichte  und  Alterthumskunde. 
1885. 

2.  Heft,  Nr.  1.  W.  Stieda,  Der  Nachlaß  eines  hansischen  Kaufmanns. 
Aus  dem  15.  Jahrh.  Culturgeschichtlich  anziehend.  —  Seelmann,  Der 
Lübecker  Unbekannte.  Der  Drucker  des  Reineke  Vos  u.  s.  w.  Vei-zeichniß 
der  Drucke.  Seelmann  vermuthet,  daß  es  Mathäus  Brandis  gewesen.  — 
A.  Hagedorn,  Zahleuräthsel.  Ein  deutscher  Reimspruch,  der  auf  das  Jalir 
1453  zu  deuten;   ein  zweiter  lateinisch  auf  das  Jahr   1410. 

Nr.  2.  Schwiening,  Mittelalterliche  Malereien  in  den  Kirchen  Lübecks. 
Mit  zwei   Tafeln  Abbildungen  in  Farbendruck. 

Nr.  3.  A.  Hagedorn,  .Johann  Stricker,  Prediger  an  der  Burgkirche. 
Urkundliche  Nachrichten.     Stricker  (Sfricerius),   der  Verfasser  des  'Düdeschen 


LITTERATUR:  K.   BARTSCH,  AUS  ZEITSCHRIFTEN.  239 

Sloemer'.  —  W.  Biehmer,  Geschenk  an  Dr.  Bugenhagen.  Vom  Jahre  1532, 
als   B.   zum   zweiten   Male   nach   Lübeck  kam. 

Nr.  4.  Brehmer,  W.,  Zur  Geschichte  der  Befestigung  der  Stadt  (mit 
nd.  Urkunden).  —  Hack,  Th.,  Aus  dem  culturhistorischen  Museum:  Ein 
Siegelstock  des  14.  Jahrhs.  Ein  Messer-  oder  GabelgrifF  des  13.  oder  14.  Jhs. 
—  Stiehl,   C,   Lübeckische   Spielgreven. 

Nr.  5.  Hagedorn,  A.,  Aus  lübischen  Handschriften.  Nd.  Reimsprüche 
des    15.  Jhs. 

Nr.  6.  Stieda,  W.,  Lübische  Bernsteindreher  oder  Paternostermacher. 
Hervorgehoben  wird,  daß  unter  den  Ostseestädten  Lübeck  vor  Allem  durch 
industrielle  Verwerthung  des  Bernsteins  sich  auszeichnete.  Schon  um  1366 
begegnet  eine  Zunft  der  Paternostermacher.  —  Kopp  mann,  Aus  Lübischer 
Handschrift.   Mit  Bezug  auf  2,   79. 


Mittheilungen  der  Gesellschaft  für  Salzburger  Landeskunde.  XXVL  Vereins- 
jahr  1886.   Salzburg,   Selbstverlag  der  Gesellschan. 

Grienberger,  Theodor  von,  die  Ortsnamen  des  Indiculus  Arnonis 
und  der  Breves  Notitiae  Salzburgenses  in  ihrer  Ableitung  und  Bedeutung 
dargestellt.   S.   1 — 78. 

Eine  wichtige  Quelle  für  ahd.  Namen ,  darunter  einige  romanischen 
Ursprungs. 

Im-Hof,  Rup.,  Freih.  von,  Beiträge  zur  Geschichte  des  salzburgischen 
Jagdwesens  aus  archivalischen  Quellen  gesammelt.  S.  131  — 179.  219  —  307. 
Unter  den  benützten  Quellen  befinden  sich  auch  einige  auf  die  Jagd  bezüg- 
liche  Weisthümer. 

Quartalblätter  des  historischen  Vereins  für  das  Großherzogtum  Hessen.  1886 
bis  1887.  Darmstadt. 
1886,  1.  Heft.  Kofier,  der  Pfahlgraben  im  Horloffthale  zwischen 
Hungen  und  Echzell  in  Oberhessen,  —  Kofi  er.  Vorrömisches,  Römisches 
und  Nachrömisches  im  Großherzogtum  Hessen.  —  Vorgeschichtliche  Funde 
bei  Friedberg. 

2.  Heft.  M.  Rieger,  Siegfriedssage  bei  Caldern.  Der  isländische  Abt 
Nikolaus  fand  auf  seinem  Wege  zwischen  Stadtbergen  an  der  Diemel  und 
Mainz  einen  Ort  Kiliandr,  zu  dem  er  bemerkt,  da  ist  die  Gnitaheide,  wo 
Sigurdhr  den  Fafnir  schlug  .  Caldern  lautet  urkundlich  Calantra ,  offenbar 
:=:  Kiliandr.  Vom  Fortleben  der  Sage  gibt  Pfarrer  Bang  Zeugniß,  der  in 
seiner  Predigt  1868  Siegfrieds  Kampf  mit  dem  Drachen  erörterte.  Ein  Trupp 
Bauern  begleitete  ihn  auf  dem  Heimwege ,  wo  er  erzählte ,  daß  man  sage, 
der  Siegfried  habe  hier  in  der  Nähe  des  Rimberges  den  Drachen  erschlagen. 
Als  zweiter  Zeuge  tritt  Pfarrer  Kümmell  in  Caldern  hinzu ,  der  von  Bauern 
in  Kernbach  hörte,  ein  alter  Mann  sage,  einen  Büchsenschuß  von  der  Höhle 
am  Rimberg  liege  ein  großer  Stein,  auf  dem  sich  der  Drache  gesonnt,  das 
habe  ihm   sein  Großvater  erzählt. 

3.  Heft.  F.  W.  E.  Roth,  Beiträge  zur  Geschichte  des  St.  Petersstiftes.  — 
Wimpfen,  aus  der  Hs.  229  in  Darmstadt,  bringt  zunächst  daraus  ein  Renten- 
verzeichniß    mit    vielen  Namen  (13.  Jahrb.),   S.   146   der  Name   Parcifal ;   — 


240  LITTEKATUR:  K.  BARTSCH,  AUS  ZEITSCHRIFTEN. 

Frohhäuser,  Bauernduell,  Mittheilung  über  das  Fortleben  desselben  bis  ins 
17.  Jahrh.  in  Lampertheim. 

4.  Heft.  Kofier,  der  Pfahlgraben  im  Horloffthale  zwischen  Bisses  und 
Staden.  Gotisches  Skulpturwerk  in  Leeheim.  In  der  dortigen  Kirche  ein  Christus- 
bild, wohl  aus  dem   15.  Jahrh. 

1887,  1.  Heft.  Anthes,  der  Schnellerts.  Mit  einem  Plan.  Eine  der 
Bergbauten  im  Gersprenzthal  beißt  der  Schnellerts,  an  welche  die  Volkssage, 
namentlich  in   Verbindung  mit  dem   Rodensteiner,   sich  vielfach  angelehnt. 

2.  Heft,  Kofi  er,  der  Pfahlgraben  in  der  Wetterau.  Mit  zwei  Tafeln.  — 
F.  W.  E.  Roth,  zur  Bibliographie  der  heil.  Hildegardis;  in  der  Anlage  findet 
sich  unter  Nr.  2  ein  Gedicht  über  Hildegardis  Prophezeihungen  aus  der  Darm- 
städter Hs.   2194.    4*^.    15.   Jahrh.,    in  niederdeutscher  Sprache.    Es  beginnt 

Uns  hait  sante  Hildegart  vil  gesacht  . 

3.  Heft.  Kofi  er,  der  Pfahlgraben  von  der  hessischen  Grenze  bei 
Marköbel  bis  Bisses.  Mit  drei  Tafeln.  —  Decker,  gereimte  Inschriften  auf 
der  Roualburg  bei  Büdingen  (l6.  Jahrh.). 


Zeitschrift    des   Vereins    für  Hamburgische  Geschichte.    Neue  Folge.    5.   Bd. 
1.  Heft. 

Ehrenberg,  R.,  zur  Geschichte  der  Hamburger  Handlung  im  16.  Jahrh. 
S.  139 — 182.  Mittheilungen  aus  alten  Handlungsbüchern  des  16.  Jahrhs., 
die  einen   Einblick  in  den  Hambm-ger  Handel  jener  Zeit  gewähren. 


Mittheilungen  des  Vereins  für  Hamburgische  Geschichte.  Neunter  Jahrgang 
1886.  Hamburg   1887. 

Walther,  C,  Runenstein  bei  Hamburg  S.  10  f.  Es  ist  ein  erratischer 
Block,  und  sehr  zweifelhaft,   ob  die  Zeichen  darauf  Runen  sind. 

Walther,  P.,  zu  offen  utc.  Rebus  auf  2  f.  bestehend,  die  1426  die 
Krieger  mit  einem  Kamm  auf  dem  Arme  als  Zeichen  trugen,  von  W.  ge- 
deutet: oiFen  Kamm  ,  d.  h.  alle  über  einen  Kamm;  Mahnung  an  den  Tod. 
S.   16  f. 

Urkunde  des  Herzogs  Johann  zu  Sachsen-Lauenburg  und  des  Bischofs 
Johann  zu  Ratzeburg  vom    17.    Sept.    1459.    S.   30 — 32. 

Sillem,  W.,  Aus  Joachim  Westphal's  Briefwechsel.  S.  51 — 62.  Cha- 
rakteristische Mittheilungen  über  Westphal,  der  hier  in  sehr  günstigem  Lichte 
erscheint. 

Walther,  C,  zum  Gelagsgruß.  T.  63  f.  Reimspruch  zur  Begrüßung 
bei  einem  Gelage. 

Bahrfeldt,  M. ,  Kleine  Beiträge  zum  Hamburgischen  Münzwesen 
S.   75  ff. 

Gaedechens,  G.  T.,  über  die  Hamburgischen  Burgen  und  Schlösser 
S.   121    ff. 

Hübbe,  H.  W.  C,  Ortsnamen  bei  Hammerbrook.  Ortebrook,  Lehen- 
berg, Dala,  Bokle.  S.  162  f. 


LITTERATUR:  K.   BARTSCH,  AUS  ZEITSCHRIFTEN.  241 

Zeitschrift  des  Harzvereins  für  Greschichte  und  Alterthumskunde.   20.  Jahrg. 
1887.    Wernigerode. 

Dieselbe  enthält  auf  S.  329  —  382  eine  die  Germanisten  angehende 
Abhandlung.  —  Paul  Zimmermann,  Georg  Thyms  Dichtung  und  die  Sage 
von  Thedel  von  Wallmoden  (nur  in  Sonderabdruck  vorliegend).  Zuerst  be- 
handelt Z.  das  Leben  Thyms,  dann  seine  Werke,  die  durchaus  zu  den  Selten- 
heiten gehören.  Die  Zahl  der  ihm  mit  Sicherheit  zuzuschreibenden  Werke 
ist  14,  die  bis  auf  zwei  von  Z.  alle  eingesehen  wurden  und  genau  beschrieben 
werden.  Speciell  geht  er  dann  auf  die  Dichtung  von  Thedel  von  Wallmoden 
ein,  deren  Stoflf  Thym  nach  Z.  wahrscheinlich  aus  mündlicher  Überlieferung 
schöpfte;  die  Ausgaben  werden  genau  beschrieben,  dann  eine  Inhaltsangabe 
beigefügt;  der  letzte  Abschnitt  behandelt  die  Sage,  die  eine  Gestaltung  der 
von  Heinrich  dem  Löwen  ist.  Bei  der  Gelegenheit  sei  auch  Z.'s  Ausgabe  von 
Heinrich  Gödings  Gedicht  von  Heinrich  dem  Löwen ,  bei  Paul  u.  Braune, 
Bd.  XIII,  erwähnt,  wo  Z.  zuerst  Göding  als  Verf.  des  für  anonym  gelten- 
den Liedes  nachweist. 


Am  Urds- Brunnen.  Mittheilungen  für  Freunde  volksthümlich-wissenschaft- 
lieber  Kunde. 

Bd.  3.  Jahrgang  .5.  1886.  Nr.  6.  Das  Urkultussystem.  Einem  nach- 
gelassenen Werke  von  G.   Unruh   entlehnt. 

Nr.  7.  Schluß  des  vorigen  Artikels.  —  Carstens,  C,  Ortsnamen: 
Wick-Kiel,  —  Knoop,  Kleine  Mittheilungen.  1.  Keule  mit  Inschrift. 
2.   Begräbnißgebräuche. 

Nr.  8.  Höft,  F.,  Mythologische  Streifereien.  1.  Der  Nobiskrug  bei 
Rendsburg.  —  Hartmann,  H. ,  der  Teigtrog  und  Backofen  des  Teufels 
und  der  Süntelstein.  —  Winkler,  J. ,  Niederländische  Beleuchtung  zur 
Erklärung  norddeutscher  Ortsnamen  (Delf,  Delve-Kiel).  —  Kleine  Mit- 
theilungen.  Suck,  J.  H.,  Bastlösereim. 

Nr.  9.  Rabe,  A.,  Rhapsodie  von  der  gewaltigen  Schlacht  Odins 
(Hrafnagaldr  Oclins).  Unter  Zuhilfenahme  des  Keltischen  (!)  übersetzt.  — 
Saubert,  B.,  ein  deutsches  Märchen  (Der  Zwerg  von  Ralligen).  — Wink- 
ler, J.,  Fortsetzung.  (Wijk.)  —  Höft,  F.,  mythologische  Streifereien. 
2.  Die  Isingeroder  im  Nobiskruger  Gehölz  und  auf  der  Thyraburg  bei 
Schleswig.  —  Kleine  Mittheilungen.  Hahnschlagen.  —  Schwarzerde.  — 
Die  Pferdeköpfe  an  den  niedersächsischen  Bauernhäusern.  —  Der  Pfingst- 
hammel.  —  Mittel  gegen  das  Versehen  der  Schweine.  —  Wetterzauber.  — 
Ohrenklingen. 

Nr.  10.  Höft,  F.,  Mythologische  Streifereien.  3.  Isis  und  Osiris. 
Geht  von  den  Sagen  über  den  Nobiskrug  aus  (!).  —  Carstens,  H.,  Lunden, 
Lindon,  Lund.  S.  116.  —  Frahm,  L.,  Klaus  Störtebeker,  ein  Held  der  Sage. 
S.  116 — 118.  — P  eter  s  en,  Job. ,  eine  Rheinsage.  S.llSf.  —  Carstens,  H., 
Kleine  Mittheilungen.  Die  Unterirdischen  in  den  Hollenbergen :  Den  rothen 
Hahn  aufs  Dach  setzen.  Umsingen  zu  Ostern.  Aasstücke  und  Aaskuhl. 
Mittel   gegen  Lahmheit  eines  Rindes.   Umschwärmen.    Sonnenschein  und  Regen. 

Nr.  11.  Höft,  F.,  Mythologische  Streifereien.  4.  Der  Apis,  Serapis, 
Bakis,   Zeus  als   Stier,   Dherma,   Feridun,   Widar.    S.    121  — 126.   —  Frahm, 

GERMANIA.    Nene  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  16 


242  LITTERATUR:  K.  BART8CH,  AUS  ZEITSCHRIFTEN. 

Kl.  Störtebeker.  (Forts.)  S.  126  —  129.  —  Frahm,  L. ,  Heilige  Flammen. 
Gruppirt.    S.  129 — 131.    —    Carstens,   H.,   Vom   Feuermanu   und  Ohnekopf. 

5.  129 — 1.53.  —  Derselbe,  Ortsnamen  (Nord,  Ort,  Örtjen.  S.  133—134. 
—  Kabe,  Zauberformeln.  Aus  "^Albertus  Magnus',  natürlich  alles  keltisch 
gedeutet.  S.  134  f.  —  Carstens,  kleine  Mittheilungen  :  Kosakenball ;  Kassal- 
tüiich.  —  Großer  Reichthum  (Dage).  —  Schatzgräber.  —  Das  Wieder- 
erscheinen  Verstorbener.   S.    136. 

Nr.  12.  Höft,  F.,  Mythologische  Streifereien.  5,  Die  Weltgebiete  im 
Urkosmos  mit  den  Himmels-  und  HöUenrcgionen.  S.  137 — 141.  —  Rabe, 
Zauberformeln.  (Forts.)  S.  141  — 143.  —  Carstens,  H. ,  die  Sternsinger 
(Weihnachtsbrauch).    S.    143   f. 

Bd.   4.  Jahrg.   6,  Nr.   1.    1886.    Höft,   F.,  Mythologische   Streifereien. 

6.  Biford  (Bifand)  im  Rendsburger  Nobiskrug.  S.  1 — 7.  —  Hartmann,  H.. 
die  heidnische  Cultusstätte  an  der  Porta.  S.  7  f.  —  Carstens,  H.,  Kinder- 
spiele. (Die  Königstochter  im  Thurm.)  S.  10 — 12.  Bemerkungen  dazu  von 
F.  Höft  S.  12—14.  —Kleine  Mittheilungen:  Brot  und  Pferdekopf  — 
Pfingstkerl.  —  Nachgeburt  der  Kühe  abtreiben.  —  Nestchen  suchen  (Kinder- 
spiel). —  Aberglauben  beim  Buttermachen.  —  Der  Schmetterling  als  Wetter- 
prophet.  —  Locknamen  für  Thiere  in   der  Altmark.    S.    14  — 16. 

Nr.  2,  Höft,  F.,  Mythologische  Streifereien.  7.  Griechisch-römische 
Mondgöttinnen.  S.  17 — 24.  —  Rabe,  Zwei  Inschriften  auf  Urkunden.  S  24 
bis  26.  Natürlich  keltisch  gedeutet.  Mit  Schrifttafel.  —  Saubert,  des  deut- 
echen  Volkes  Weihnachtsbaum.  S.  26 — 31.  —  Carstens,  H.,  die  Sternsänger 
(Nachtrag).    S.    31    f. 

Nr.  3.  Knoop,  0.,  die  deutsche  Walthersage  und  die  polnische  von  Wal- 
ther und  Helgunde.  S.  33 — 41.  —  Schulenberg,  W.  v.,  die  Mittagsstunde 
(Sagen).  S.  42 — 45.  —  Rabe,  der  Fund  von  Plön.  Ein  Bronzegefäß  mit 
drei  Schriftzeichen,  die  keltisch  gedeutet  werden.  S.  45  f.  —  Carstens, 
Ortsnamen  (Isern,  Istere,  Jern,  Jarn).  S.  46  f.  —  Horns,  der  Feuermann 
(Sage).    S.   47   f. 

Nr.  4.  Knoop,  die  deutsche  Walthersage  (Schluß).  S.  49 — 55.  — 
Lidzbarski,  Jüdische  Sagen  aus  Rußland  und  Polen.  S.  55 — 61.  Fort- 
leben deutscher  Sage  bei  den  Juden.  —  Carstens,  H.,  Nochmals  die 
Königstochter  im  Thurm.  S.  61 — 64.  —  Carstens,  H.,  Kleine  Mitthei- 
lungen :   Peter,   sett  an !  (Kinderspiel). 

Nr.  5.  1886/h7.  Höft,  F.,  Mythologische  Streifereien.  Die  Prälunarchin 
(Mondgöttin)  im  Wendenlande  an  der  mecklenburgischen  Ostseeküste.  —  Einige 
Bemerkungen  zu  dem  Aufsatze  '^Der  Fund  von  Plön'.  —  Fiölvinnsmal  (Lied 
vom  Jahresfeste  des  Bardenstuhles).  Unter  Zuhilfenahme  des  Keltischen  (!) 
übersetzt  von  A.  Rabe.  Danach  bilden  keltische  Verhältnisse  und  Einrich- 
tungen  den   Hintergrund   des   Gedichtes. 

Nr,  6.  Höft,  F.  Mythologische  Streifereien.  9.  Urstier,  Moloch,  die 
goldenen  Kälber,  Baalssäulen,  Aschera,  Ascuthoreth.  S.  81 — 84.  — Trog,  C, 
Friedrich  der  Große  in  der  Sage.  S.  84 — 91.  —  Rabe,  A.,  Fiölvinnsmal. 
Lied  vom  Jahresfeste  des  Bardenstuhles.  Unter  Zuhilfenahme  des  Keltischen  (!) 
übersetzt.  (Schluß.)  S.  91  —  95.  —  Kleine  Mittheilungen:  Woher  hat 
der  Walfisch   seinen   Namen  ?  —   Egypten. 


MISCELLEN.  243 

Nr.  7.  Höft,  F.,  Mythologische  Streifereien.  10.  Der  Sublunarch  als 
Geliebter  der  Nobiskruger  Prinzessin  :  Dionysos-Bakchos,  Attes  (Atys),  Adonis, 
Rammns ,  Ganescha,  Heimdali,  Rigr,  Bragi  ,  Gunnar,  Günther.  S.  97  — 105. 
Wieder  ein  Beleg  der  zügel-  und  methodelosen  Art  des  Verf. ,  wovon  wir 
schon  so  viele  kennen  gelernt.  —  Trog,  Friedrich  der  Große.  (Schluß.) 
S.  105  — 108.  —  Rabe,  die  Inschrift  des  Ruhenthaler  Steines.  Mit  Abbil- 
dung. S.  108 — 111,  —  Kleine  Mittheilungen:  Jemanden  barbiren, 
Er  muß   auf  dem  breiten    Stein   stehen.   Peter,   sett  an!   S.    111    f. 

Nr.  8.  Eine  historische  Denkschrift  Rendsburgs  vom  Jahre  1457.  S.  1 1  3 
bis  117.  —  Frahm,  L.,  Wilen  Peter,  De  Ditmarscher  Landes  Viendt. 
S.  117  —  122.  —  Carstens,  H. ,  das  Beckenbrennen.  S.  122  —  125.  — 
Derselbe,  Ortsnamen:  Gar,  Gaard,  Gaarde,  Garden,  Garding.  S.  125  f.  — 
Kleine  Mittheilungen:  Heilspruch  gegen  Verrenkung.  Heilspruch  gegen 
den  Brand.  Bastlösereime  aus  Nordböhmen.  Vlämischer  Ringelreihen.  Mai- 
käferfliege.  Krune  Krane  wickle    Schwane.   S.    126  — 128. 

Nr.  9.  Sohnsey,  H.,  Was  man  in  der  Gegend  des  Sollinger  Waldes 
am  Johannstage  heute  noch  zu  sagen  und  zu  thun  pflegt.  S.  129  — 132.  — 
Freytag,  L.,  Hexenwesen  und  Hexensagen  in  den  Alpen.  S.  132 — 138. — 
Dur  Name  Kiel  und  die  wagrische  Bevölkerung.  S.  138 — 140.  —  Car- 
stens, H. ,  Die  Königstochter  im  Thurm.  S.  141 — 143.  —  Kinder.  Ver- 
schollene Namen  und  Ausdrucksweisen.    S.    143  f. 


MISCELLEN. 


Einige  Beiträge  zur  Geschichte  der  Frauen. 

(Schluß.) 

Herabrutschen  der  Weibspersonen.  ,,En  Plouer,  non  loin  du 
Pont-Iiay,  et  pr6s  de  hi  route  de  Plouer  k  Pleslin,  se  trouve  la  Roche  de 
Lesmon :  eile  est  sur  un  tertie  oü  se  voient  parmi  les  ronces  d'autres  rochers 
hruts  en  quarfz  blanc.  Les  Alles  ont  ete  de  tout  temps  ,,s'dru3ser  (se  laisser 
glisser)  ä  cu  nu"  sur  la  plus  haute  pierre  qui  est  un  enorme  bloc  de  quartz 
bianc  en  forme  de  pyramide  arondie  ....  Cette  röche  est  bien  polie,  sur- 
tout  du  cote  oü  l'on  s'örusse.  On  pretend  que  ce  sont  les  fiUea  de  Plouer 
qui,  en  se  laissant  glisser,  ont  opere  le  polissage.  Maintenant  encore,  lorsqu' 
une  fille  veut  savoir  si  eile  se  mariera  dans  Tann^e,  eile  se  laisse  ,,ernsser 
ä  cu  nu"  et  si  eile  arrive  au  bas  sans  s'dcorcher,  eile  est  assuree  de  trouver 
Ijientöt  un  mari."  Säbillot,  Traditions  et  Superstitious  de  la  Haute-Bretagne. 
Chap.  n.  Paris  (Maisonneiive).  Die  schwangeren  Frauen  in  Athen  rollen 
sich,  um  leicht  entbunden  zu  werden,  von  einer  glatton  Anhöhe  herab,  die 
sich  in  der  Nähe  des  Nymphenberges  befindet.  Bartholdy,  Bruchstücke  zur 
näheren  Kenntniß  Griechenlands  S.  553.  Wachsmuth,  Das  alte  Griechenland 
im   neuen,   S.    71. 

Hirschgeweih  in  Cons  tan  ti  n  op  el.  Von  dem  griech.  Kaiser  An- 
dionicus   Comnenus     (1183 — 85)     erzählt   Niketas    Choniatas     p.    418    sq.,     ed. 

16* 


244  MISCELLEN. 

Bekker,  ,,daß  er  die  Ge  wei h  e  der  von  ihm  auf  der  Jagd  erlegten  Hirsch  e, 
wenn  es  Zwölfender  waren  und  sie  etwas  Ungewöhnliches  boten ,  an  den 
Schwibbogen  des  Forums  (zu  Byzanz)  aufhängen  zu  lassen  pflegte,  dem 
Anscheine  nach,  um  mit  der  Größe  des  von  ihm  getödteten  Wildes  zu  prunken, 
in  der  That  aber,  um  die  Bewohner  der  Stadt  zu  verhöhnen  und  sich  über 
die   Zuchtlosigkeit  ihrer   Weiber   lustig  zu  machen." 

Hinterer  der  südafrikanischen  Weiber.  ,,Alle  Welt  weiß,  daß 
die  Frauen  in  Südafrika  in  den  Augen  der  Männer  ihrer  Heimat  um  so 
reizender  und  anmuthiger,  oder  streng  genommen  um  so  anlockender  und  an- 
ziehender sind,  je  mehr  ihr  Hinterer  sich  in  größerer  Fülle  zeigt,  und 
da  diese  Frauen,  die  sich  um  so  schneller  verheiraten,  desto  häufiger  sich 
vermehren,  so  verschwindet  die  Fettansammlung,  womit  die  Natur  ihre  Hinter- 
backen auszustatten  für  gut  findet,  keineswegs  von  einer  Generation  zur  andern, 
sondern  erhält  sich  im  Gegentheil  vollkommen,  und  Kraft  des  Gesetzes  der 
Vererbung  und  der  fortschreitenden  Überlieferung,  die  von  diesem  Gesetze  aus- 
geht, entwickelt  sich  jene  Ansammlung  zwar  langsam,  aber  um  desto  mehr." 
Ladisla  Netto  in  der  Revista  da  Exposi^ao  Anthropol.  Brazileira,  Rio  de 
Janeiro    1882,  p.    17. 

—  bloßer,  der  Mutter  beim  Entwöhnen,  ,, Beim  Entwöhnen  muß 
sich  die  Mutter  sobald  zur  Kirche  geläutet  wird,  mit  dem  bloßen  Gesäß  auf 
einen  Stein  (Grenzstein)  setzen,  so  bekommt  das  Kind  steinharte  Zähne 
(Schles.,  Thür.,  Altmark.,  Ostpreußen)."  Wuttke,  Der  deutsche  Volksaberglaube 
der  Gegenwart.   2.   A.   Berlin    1869.  §.   601,  S.   369. 

Indische  Mädchen  und  ihr  Ehegelübde.  Wenn  in  dem  Reiche 
Narsynga  in  Hyderabad  ein  Mädchen  sich  in  einen  jungen  Menschen  verliebt, 
den  sie  zu  heiraten  wünscht,  so  thut  sie  ein  Gelübde,  ihrem  Gotte  ihr  Blut 
darzubringen.  Erreicht  sie  ihren  Wunsch,  so  bestimmt  sie  einen  Tag,  um  ein 
gewisses  Fest  zu  veranstalten;  man  nimmt  einen  großen  mit  Ochsen  bespannten 
Wagen  und  steckt  darauf  eine  Stange  wie  einen  Pumpenschwengel,  an  dessen 
Spitze  sich  zwei  scharfe  eiserne  Haken  befinden.  Sie  verläßt  dann  das  Haus 
in  Begleitung  ihrer  Verwandten  und  Freunde,  Männer  und  Frauen,  nebst  hellen 
Instrumenten,  sowie  Sängern  und  Tänzern  und  Lustigmachern.  Vom  Gürtel 
aufwärts  ist  sie  entblößt,  unten  aber  mit  baumwolleneu  Tüchern  bedeckt ;  und 
sobald  sie  ans  Thor  gelangt  ist,  wo  der  Wagen  bereit  steht,  läßt  man  den 
Schwengel  herab  und  bohrt  ihr  die  Haken  in  die  Lenden ,  wobei  man  ihr 
auch  in  die  linke  Hand  einen  kleinen  Dolch  gibt;  dann  zieht  man  von  der 
andern  Seite  den  Schwengel  unter  lautem  Geschrei  in  die  Höhe ,  ohne  daß 
sie  irgend  welchen  Schmerz  bezeigt,  vielmehr  mit  dem  Dolch  lustig  umher- 
ficht, während  sie  oben  hängt  und  ihr  das  Blut  an  den  Beinen  herabläuft 
und  sie  den  Bräutigam  mit  Citronen  wirft.  So  bringt  man  sie  nach  dem 
Tempel,  wo  sich  das  Götzenbild  befindet,  dem  sie  das  Gelübde  gethan,  an 
dessen  Pforte  angelangt  man  sie  herabläßt  und  ihrem  Gemal  übergibt,  worauf 
sie  ihrem  Stande  gemäß  unter  die  Braminen  und  Götzen  große  Geschenke 
und  Almosen  austheilt,  allen  ihren  Begleitern  aber  ein  herrliches  Mahl  bereiten 
läßt.  Livro  de  Duarto  Barbosa  (f  1521)  vol.  11,  p.  304.  Über  dieses  Buch 
siehe    die    Colleccao    de    Noticiaa    in    meinem    Buch    „Zur  Volkskunde'', 

s.  vni. 


MISCELLEN.  245 

Juugfiau  Maria.  Sie  will  die  Seele  eines  süiidigen  Maunes  uicht  in 
deu  Himmel  einlassen,  den  seine  Frau  dorthin  bringt.  ,,Das  mache  ich  dir 
nicht  zum  Vorwurf,  sagt  letztere,  doch  dachte  ich,  du  dächtest  daran,  daß 
andere  so  gebrechlich  sein  können  wie  du;  oder  erinnerst  du  dich  uicht,  daß 
du  ein  Kind  gehabt  hast,  dessen  Vater  du  nicht  nachweisen  konntest?"  Maria 
wollte  nicht  mehr  hören,  sondern  machte  die  Thüre  so  rasch  wie  möglich  zu. 
Aruason  Islenzkar  J^jödsögur   2,    39   f. 

—  ihre  vulva.  ,,A  personal  friend  of  mine  told  me  that  he  had  seen, 
in  a  church  in  Paris,  a  relic  of  very  especial  sanctity,  which  was  said  to  be 
the  pudeuda  muliebria  Sanctae  Virginis."  Inman ,  Ancient  Faiths.  London 
1872.    1,    114. 

Jungfern,  alte,  deren  Beschäftigung  nach  ihrem  Tode  nach  eng- 
lischem Volksglauben.  ,,To  lead  apes  into  (or  in)  hell.  This  phrase,  which 
is  still  in  common  use,  never  has  been  (and  never  will  be)  satisfactorily  ex- 
plained.  Steeveus  suggests:  that  women  who  refused  to  bear  children,  should 
after  death  be  condemned  to  the  care  of  apes  in  leading  striugs,  might  have 
been  considered  as  an  act  of  posthumous  atribution.  Percy's  Folio  Manu- 
script   II,    46. 

Jungfrauschaft  hat  geringen  Werth  bei  den  Naturvölkern.  ,,Wie 
gering  der  Werth  ist,  den  man  auf  die  Keuschheit  der  Mädchen  setzt,  geht 
daraus  hervor,  daß  z.  B.  die  Spi-ache  der  Buschmänner  Mädchen  und  Weib 
gar  nicht  unterscheidet  (Lichtenstein  I,  192).  Dasselbe  wäre  nach  Burchell 
(II,  378  not.)  auch  bei  den  Betschuanen  der  Fall,  doch  ist  dies  schwerlich 
richtig.  Im  Norden  von  Peru  soll  ein  Mädchen  sogar  um  so  mehr  F'reier 
erhalten,  eine  je  größere  Anzahl  von  Liebhabern  sie  vorher  schon  gehabt  hat 
(Ulloa  I,  343);  ebenso  in  Wydah  —  eine  Erscheinung,  die  sich  bei  Des  Mar- 
chais (Voy.  en  Guinee.  Amst.  1731)  erklärt  findet.  Ausschweifungen  der 
Mädchen  vor  der  Ehe  geben  bei  vielen  Völkern  dui'chaus  keinen  Anstoß." 
Waitz,   Anthropol.   der  Naturvölker.   2.  A.   von  Gerlaud.   Leipzig    1877.  I,   353. 

- —  durch  Lattich  erkannt.  ,,D'apprfes  le  livre  de  secretis 
mu  Herum  attribue  h  Albert  le  Grand,  par  la  laittue  ou  peut  juger  si  une 
jeune  fille  est  encore  vierge.  Accipe  fructum  lactucae  et  pone  ante  nares  ejus; 
si  tunc  est  corrupta,  statim  mingit.  De  Gubernatis,  Mythologie  des  Plantes 
II,   63. 

Kopf  einer  kranken  Frau  abgeschnitten  und  wieder  auf- 
gesetzt. Ael.  V.  H.  9,  33.  Mariatale,  Gemalin  des  Dschamagiui  und  Mutter 
des  Parasurama,  hatte  die  Kraft,  das  Wasser,  in  eine  Kugel  geballt,  zu  tragen. 
Einst  erblickte  sie  dabei  die  Gandharvas  und  ließ  sieh  dadurch  zur  Lust- 
begierde verleiten;  sogleich  verlor  Mariatale  jene  Kraft,  und  Parasurama  hieb 
ihr  auf  Befehl  des  Vaters  den  Kopf  ab.  Zur  Belohnung  für  seinen  Gehorsam 
bat  dieser  um  die  Gunst,  die  Mutter  wieder  lebendig  zu  machen;  aber  in  der 
Eile  setzte  er  ihren  Kopf  auf  den  Rumpf  eines  eben  hingerichteten  Verbrechers, 
und  so  besaß  nun  Mariatale  die  Tugenden  einer  Göttin  und  die  Laster  eines 
Übelthäters.  Sie  ward  als  Unreine  aus  dem  Hause  gejagt  und  beging  nun 
alle  Arten  von  Grausamkeiten,  doch  gaben  ihr  die  Götter  die  Macht,  die 
Kinderblattern  zu  heilen.  Unter  dem  Namen  Parwadi  ist  sie  die  Gemalin  des 
Schiwa, ;  unter  dem  der  Mariatale  wird  sie  an  der  Küste  nur  von  den  niedrigsten 
Kasten   angebetet.   Vgl.   Benfeys   Orient  und   Occid.    1,    721    f.,   cf.    2,   972. 


246  MISCELLEN. 

Kasten,  Frau  im  — ,  de u noch  untreu.  Benfey's  Pantschatantia 
1,  d60.  Ralston,  The  Songs  of  the  Russian  People.  London  1872.  2  od. 
p.    59   flf.   Rambaud,    La   Russie   Epique.    Paris    1876,   p.    49   f. 

Krebs  an  der  F  u  t.  ,,A  "vife  who  was  pn-gnant  wanted  a  crab.  Her 
goodman  bought  one  and  put  it  in  tlie  jordan.  It  cauglit  liolii  of  hiü  wife. 
He  blew  on  it  to  inake  it  let  go  and  it  pinned  Ins  nose  to  bis  wife.  So  he 
calied  the  ueiglibours  in  to  part  theni.  Bishop  Perey's  Folio  Manuscript.  Edited 
by   Haies  and   Furnival,   Loose  and   humorous   Songs.    1867.   IV,   99    f. 

Keuschheitsproben  der  Frauen.  Percy,  Folio  Mss.  II,  301: 
„The   boy  and   the  mantle." 

Kinder  gemacht  —  Schauspiel  für  Götter.  ,,Les  Giagues  [auch 
Schaggas]  croient  qu  il  y  a  des  Dieux  bienfaisans  et  des  Dieux  malfaisans ; 
que  les  uns  sont  rejouis  par  les  plaisirs  des  hommes,  au  lieu  que  les  autres 
se  plaisent  ä  les  voir  se  hair,  se  persecuter,  se  dechirer  et  s'dgorger.  Les 
Giagues  sont  ordinairement  gouvernes  par  une  Reine.  Lorsqu  eile  est  obligee 
de  faire  la  guerre,  et  qu'elle  est  prete  k  livrer  une  bataille ,  pour  mettre 
les  Dieux  malfaisans  dans  son  parti,  eile  fait  jurer  ä  ses  soldats  qu'ils  seront 
sans  pitie,  qu'ils  n'auront  egard  ni  ä  Tage,  ni  au  sexe,  et  qu'ils  r^pandrout 
le  plus  de  sang  qu'ils  pourront.  A  peine  la  ceremouie  de  ce  serinent  est  ello 
acheve,  qu'on  entend  une  musique  tendre  et  voluptueuse;  eile  annonce  le  spec- 
tacle  qu'on  va  presenter  pour  rejouir  les  Dieux  bienfaisans  et  se  les  rendrc 
favorables;  cent  jeunes  filles  choisies  parmi  les  plus  belies  du  Royaume, 
et  cent  jeunes  guerriers  s'avancent  eu  chantant  et  en  dansant;  l'impatience 
de  leurs  d^Jsirs  est  peinte  dans  leurs  yeux;  la  Reine  frappe  des  mains  ,  c'est 
le  signal;  ils  se  livrent  ä  leurs  transports  h  la  vue  de  toute  l'armee.  Saint- 
Foix,   Essais    Historiques  sur  Paris.   Nouv.   ed.   Londr.    1759.    V,    213. 

—  gemacht  als  Ersatz  für  einen  Sterbenden.  ,,Chez  les  Sifans 
[Land  zwischen  den  chinesischen  Provinzen  Setschuan  und  Schensi ,  Tibet, 
der  hohen  Bucharei  und  der  Wüste  Kobi] ,  quand  le  chef  d'un  cantou  est 
k  l'agonie,  ou  etend  des  fleurs  et  des  herbes  odoriförantes  tout  le  long  de 
sa  cabane;  douze  jeunes  gar^ons  et  douze  jeunes  filles  qu'on  choisit,  entrent, 
et  chacun  de  ces  douze  coujjies,  ä  un  certain  signal,  travaille  avee  ardeur 
k  la  production  d'un  enfant,  afin  que  l'äme  du  mourant,  en  quittant  son  corps, 
en  trouve  aussitot  un  autre,  et  ne  soit  pas  longtemps  errant."  1.  c.  V,  176. 
Der  vorgegebene  Bruder.  II  Convento  notturno  schildert  ein 
ebenso  gewöhnliches  oder  noch  gewöhnlicheres  Ereiguiß  als  das  folgende,  nämlich 
ein  nächtliches  Stelldichein  zweier  Liebenden,  woraus  ich  nur  Einen  Zug  hervor- 
heben will.  Der  Vater  des  Mädchens  nämlich  belauscht  das  Pärchen  und  fragt 
von  seinem  Fenster  aus  das  Töchterlein,  wer  denn  bei  ihr  wäre,  worauf  sie 
antwortet,  es  wäre  ihre  Schwester  Catherina,  welche  bei  ihr  schlafen  wolle. 
Hier  also  wird  die  Schwester  vorgeschoben,  sonst  tritt  dafür  auch  ein  Bruder 
oder  Vetter  oder  sonstiger  Verwandter  ein,  was  schon  ein  sehr  altes  Aushilfs- 
mittel sein  muß,  wie  z.  B.  aus  Tzetzcs  zu  Lycophr.  v.  403  erhellt,  wo  er 
den  Beinamen  der  Aphrodite  Kastnia,  ihn  von  xüatg  ableitend,  also  erklärt: 
„Ti]V  'AcpQOÖCtrjv  xrjv  (lOixCav ,  xaatvCav  ds  cc8£l(ponot6v  xovg  yuQ  ihovg  adsXcpovs 
xat  cpiXovg  rk  SQcarrKCi  noLovavv.  Ol  yccQ  SQävtdg  (poQa&svxsg  h'yovai,v:  HSshfog 
fiov  t]  avyyevijg  (lov  haxiv."^  Der  wackere  Commentator  hat  nun  zwar  von  dem 
betreffenden    Epitheton     sowie    von    dem     gleich   darauffolgenden    MiUvaia    eine 


MTSCELLEN.  247 

unrichtige  Erklärung  gegeben,  jedoch  aber  bei  dieser  Gelegenheit  ge/.eigt, 
daß  er  nicht  bloß  mit  Scholicn  und  ähnlichen  Dingen  allein  Bescheid  wußte 
oder  wenigstens  seine  praktischen  Lebenserfahrungen  für  dieselben  mit  mehr 
oder  minder  Glück  zu  verwerthen  suchte.''  Aus  meiuer  Anzeige  von  Balzac's 
Canzoni    ropolari   Comasche   in   den    Heidelb.   Jahrb.    1867.    S.    181. 

Kleine  Frau,  kleines  Übel.  Plutarch,  de  fraterno  amore ,  c.  8 
(angeführt  von  Oesterley  zu  Kirchhofs  Wendurauth  3,  708);  andere  Nachweise 
von  demselben  zu  Shakespeare's  Jest  Book.  Lond.  18(36,  c.  63,  p.  103. 
Ich  erinnere  mich,  es  auch  in  den  Poesias  del  Arcipreste  de  Hita  in  Sanchez's 
Colleccion   II,   9   sqq.   gelesen  zu   haben. 

Kuß  von  einer  Herzogin  einem  Fleischer  gegeben.  ,, Georgina 
Cavendish,  Herzogin  von  Devonshire,  Tochter  des  Grafen  Spencer,  geb.  1741: 
zu  London,  vermalt  1774,  war  eine  der  berühmtesten  Schönheiten  ihrer  Zeif, 
zugleich  vermögend  und  geistreich.  Sie  gab  den  vornehmen  Damen  Englands 
das  gute  Beispiel,  ihre  Kinder  selbst  zu  stillen.  Fox's  Wahl  zum  Parlaments- 
deputirten  für  Westminster  unterstützte  sie  so  leidenschaftlich,  daß  sie  einem 
Fleischer  einen  als  Lohn  für  seine  Stimme  bedungenen  Kuß  gab  u.  s.  w. 
Pierer  s.   v.   Devonshire  Nr.    18. 

Kyrene,  die  Z  wöl  f  küns  tier  i  n.  ,,Sine  causa  huc  referri  puto 
Cyreuen  quandam  äcodsxanrjxccvov  dictam.  Videtur  enim  meretricula  illa  duo- 
decim  Veneris  figuras  non  tarn  scripto  quam  facto  expressisse.  Suidas  in 
Ja)8ixa{iSxccvov.  Aristophanes  in  Eauis  209.  Antonii  Panormitae  Hermaphroditus 
ed.   Forberg.    Coburg    1824,   p.    209. 

Luua  —  Lunus.  Seltsamer  Aberglaube.  ,,Scieudum  doctissirais  quibus- 
que  id  inemoriae  traditum,  atque  ita  nunc  quoque  a  Carrenis  praecipue  haberi 
ut  qui  Lunam  femiueo  nomine  ac  sexu  putaverit  nuncupandum,  is  addictus 
mulieribus  semper  inserviat:  at  vero  qui  marem  Deum  esse  crediderit,  is 
dominetur  uxori ,  neque  uUas  muliebres  patiatur  iusidias."  Spartian.  Cara- 
calla   7. 

Lot'sFrau  ei  n  e  Salzsäule.  ,, Des  Lot  konnte  nicht  gedacht  werden, 
ohne  auch  von  der  zur  Salzsäule  gewordenen  Ehehälfte  desselben  zu 
sprechen,  und  bei  dieser  Gelegenheit  werden  uns  interessante  Einzelheiten  in 
Betreff  der  am  Bacher  Lut,  d.  h.  Lotssee,  wie  die  Araber  das  todte  Meer 
neuneu,  in  der  Wiuterzeit  hier  und  da  eintretenden  Stürme  mit  Salzregen 
mitgetheilt.  Ein  Schaf,  das  von  Pierotti  versuchshalber  solchem  Regen  über 
Nacht  ausgesetzt  wurde,  stand  am  andern  Morgen  todt  und  ganz  von  Salz 
überzogen."  Augsb.  Allgem.  Zeitung,  Beilage  zum  29.  März,  S.  1440,  nach 
Ermete   Pierotti,   La   Palestine   actuelle.   Paris    1865. 

Liebhaber  auf  und  in  dem  Schrank.  ,,Eiue  junge  Frau  läßt 
unwillkürlich  einen  Fremden  ins  Haus,  und  da  es  eben  klopft  und  sie  die 
Heimkunft  ihres  Manues  befürchtet,  so  versteckt  sie  jenen  iu  einen  Schrank, 
dann  den  nachher  anlangenden  Liebhaber,  für  den  sie  einige  Leckereien  be- 
reitet hat,  bei  gleicher  Veranlassung  auf  den  Schi-ank,  gibt  hierauf  dem  heim- 
kommenden Ehemanne  einige  derselben,  schiebt  aber  das  übrige  in  den  Schrank. 
Duich  einen  Zufall  veranlaßt,  kommen  die  Beiden  auf  und  iu  dem  Schrank 
in  Streit,  und  der  Ehemann,  hierüber  erschrocken,  stürzt  aus  dem  Hause, 
v/orauf  die  Frau  jene  hinausläßt  und,  letzterem  nachlaufend,  ihn  durch  eine 
Lüge    beruhigt,    indem    sie    ihn    auf    die   Geister    ihrer   stets   zankenden    Eltern 


248  MISCELLEN. 

verweist."  Thorburu,  Buiiiiu  or  oiir  Afgluin  Frontier.  Lond.  1876,  p.  212. 
Hiermit  verwandt  Coelho,  Cuentos  Populäres  Porteguezes,  Lisboa  1879,  Nr.  67. 
Leichen  beschlafen.  ,, Clemens  von  .\lexandiien  behauptet,  daß  die 
von  Arges  und  Lakouieu  nicht  bloß  der  Aphrodite  Peribasia ,  sondern  auch 
der  Tymborychos  dienten  (Protreptr.  p.  24  D.  der  uneigentliche  Name  aus 
Abscheu  an  der  Sache) ,  worunter  er  die  Lust  an  frischen  Leichen  versteht, 
die  den  egyptisclun  Paraschisten  bekannt  war  (Herod.  2,  89)  und  in  unseren 
Tagen  Personen,  deren  vornehmer  Name  geräuschvoll  dui'ch  die  Welt  gegangen 
ist,  z.  B.  in  Wien.  Die  gelehrte,  oft  ekelhafte  Pedanterei  läßt  dies  den 
Thersites  dem  Achilleus  in  Bezug  auf  Penthesilea  vorwerfen  (Tzetzes  ad. 
Lycophr.   999)."   Welcker,    Gr.    Götterl.    2,    715   f. 

Margaret  ha  von  Schweden  (geb.  1353,  gest.  1412)  ist  zwar  als  die 
Scmiramis  des  Nordens  bekannt,  doch  trug  sie  auch  den  Beinamen  munke- 
deja  (Mönchshure)  wegen  ihres  Umganges  mit  dem  Abte  zu  Sora,  und  Broklös 
(sanscnlotte),   weil   sie   eben   keine  Hosen   trug. 

Meeseritz,  das  Städtchen,  hat  Anlaß  gegeben  zu  der  schmutzig- 
witzigen Charade:  Die  ersten  sind  ein  Loch,  die  letzte  ist  ein  Loch  und  das 
Ganze  ist  ein  Loch.  Sanders,  Wörterbuch  der  deutschen  Sprache.  II,  1,  268. 
Metiche,  die  Hetäre,  trug  den  Beinamen  die  Uhr,  da  sie  ihrem 
Handwerk  jedesmal  nur  so  lange  oblag,  bis  jene  abgelaufen  war  {snsiSjj  tiqös 
x).BipvSQttv  avvovaici^Bv).  Athen,   p.   567    Gas. 

Menstruationsblut.  Auf  Neuseeland  glaubt  man,  daß  die  aller- 
gef ährlichsten  Geister  die  seien,  welche  aus  Vernachlässigung  des  Menstrual 
blutes,  welches  den  Menschenkeim  enthält,  entstehen,  wenn  es  nicht  sorgfältig 
bei  Seite  geschafft  wird.  Waitz ,  Anthropologie  der  Naturvölker,  fortgesetzt 
von  Gerland  VI,  306.  ,,Noch  strenger  Tabu  waren  die  Embryonen,  welche 
im  Menstrualblut  enthalten  waren,  wie  man  annahm;  und  da  die  Maoriweiber, 
die  mit  diesem  Blut  befleckten  Lappen  häufig  in  das  Plechtwerk  der  Wände 
steckten ,  so  wagte  es  Niemand  in  Neuseeland  sich  an  eine  Wand  zu  lehnen, 
damit  er  nicht  dies  Tabu  bräche."  A.  a,  0.  346  f.  ,,Wann  eine  Frau  ihre 
Menstruation  hat,  so  durfte  sie  keine  unreinen  Arbeiten  vornehmen,  noch  auch 
irgend  ein  unreines  Thier  berühren."  Eskimoiske  Eveutyr  og  Sagn  med  Supple- 
ment etc.   Kjöbenhavn    1871,   II,    197. 

Messali  nische  Bürger  fr  auen  zu  Lübeck.  ,,Uns  ist  urkundlich 
bezeugt,  daß  um  1476  vornehme  Bürgerinnen,  das  Antlitz  unter  dichtem 
Schleier  bergend,  Abends  in  die  Weinkeller  gingen,  um  an  diesen  Orten  der 
Prostitution  unerkannt  messalinischen  Lüsten  zu  fröhnen."  Scherr's  deutsche 
Cultur-  und  Sittengeschichte.  4.  A.  Leipzig  1870.  S.  221.  —  Vgl.  denselben 
S.  329:  ,, Durch  bodenlose  Unsittlichkeit  zeichnete  sich  am  Ende  des  16.  Jahr- 
hunderts der  Hof  von  Jülich  Kleve  aus,  wo  des  blödsinnigen  Herzogs  Johann 
Wilhelm  III.  [l.  VI  (IV)  s.  Pierer  s.  v.  Johann  Nr.  159]  Gemalin,  Jakobäa 
von  Baden,  den  ihr  schuldgegebenen  messalinisch-unzüchtigen  Lebenswandel 
auf  Betreibung  ihrer  gleich  zuchtlosen  Schwägerin  Sibylle  mit  dem  Tode  büßte." 
Minnespiel.  Maßmann  (Heidelb.  Jahrb.  1827,  S.  1077):  „Natürlich 
laufen  alle  dort  genannten  Spiele,  so  mannigfaltig  sie  klingen,  auf  Ein  Spiel 
hinaus,  nämlich  auf  der  Minne  Spiel."  Das  mittelhochdeutsche  Gedicht  ist 
wiederabgedruckt  in  Hoffmanns  von  Fallersleben  Horae  Belgicae  VI,  188, 
der   Maßmanus  Auslegung  der  54  Benennungen   dieses   Spiels   nicht  begreift  (?). 


MISCELLEN.  249 

Zu  der  Beiienuiiiig  Nr.  2  „zwei  die  brachen  Rosen"  kann  man  vergleielicn 
Uhland,  Walther  von  der  Vogelweide  (Schriften  V,  53):  ,,Wic  es  mit  dem 
Hlumenbrechen  gemeint  sei,  verräth  ein  weiteres  Lied  u.  s.  w."  Vgl.  ebend. 
S.  124:  „Solches  Blumenbrechen  vor  dem  Walde  oder  auf  ferner  Aue  gilt 
für  bedenklich,  und  der  Ausdruck  wird  nicht  doppelsinnig  gebraucht  u.  s.  w." 
Zu  den  Benennungen  des  Minnespiels  füge  ferner  noch  Germ.  XXI,  207, 
V.   93   flP. 

Mütter,  zwei,  haben  Einen  Sohn.  ,,Der  König  Bhagadatta  war 
im  Bunde  mit  dem  König  von  Kä^i,  dessen  zwei  Töchter  seine  Mütter  waren. 
Jede  der  zwei  Frauen  gebar  nur  die  Hälfte  eines  Kindes,  welche  sie  durch 
die  Ammen  auf  die  Straße  werfen  ließen ;  die  ßäxasi  Gara  fügte  beide  zu- 
sammen, ...  Die  Garä  brachte  dem  König  das  Kind.''  Lassen,  Ind.  Alter- 
thumskunde   1,    609   (nach   dem   Mahabharata). 

Nackte  Mädchen  beim  Einzug  Ludwigs  XL  ,,A  l'entree  de 
Louis  XI  (ä  Paris)  en  1461,  on  imagina  un  spcctacle  tres-agreable.  Dcvant 
la  Fontaine  de  Pouceau  etaient  plusieurs  helles  filles  en  Sirenes,  toutes  nues, 
lesquelles  en  faisaut  voir  leur  beau  sein,  chantaient  de  petits  motets  et  Ber- 
gerettes.  —  II  paroit  qu'ä  l'entree  de  la  reine  Anne  de  Bretagne  [1496], 
on  poussa  l'attention  jusqu'ä  placer  de  distance  en  distance  de  petites  troupes 
de  dix  ou  douze  personnes  avec  pots  de-chambre  pour  les  Dames  et  Demoiaelles 
du  cortege  qui  se  trouvaient  pressees  de  quelque  besoin.  J'oubliois  de  dire 
qu'  alors  ä  toutes  ces  ce-iemonies,  le  cri  de  joye  et  d'acclamations  n'etoit  pas 
vive  le  Roi,  mais  Noel ,  Noel."  Saint-Foix,  Essais  Historiques  sur  Paris. 
Nouv.   ed,   Londres   1759.  I,    118   f. 

Nonnen  als  Geliebte  von  Rittern.  Im  Jahre  1434  fand  zu  Medina 
del  Campo  ein  Turnier  statt  zwischen  zwei  Rittern,  Namens  Lope  de  Estuniga 
und  Frances  Davio.  ,,Les  deux  champions  fournirent  vingt-trois  carrieres: 
A  la  suite  de  cela,  messire  Frances  dit  devant  plusieurs  Chevaliers  qui  l'enten- 
dirent,  qu'il  faisait  voeu  k  Dieux  de  ne  plus  jamais  de  sa  vie  aimer  une 
religieuse;  que  jusque-la  il  en  avait  aime  une  pour  l'amour  de  qui  il 
etait  venu  h  faire  cette  joute,  mais  que  dorenavant,  si  quelqu'uu  apprenait 
qu'il  aimät  une  nenne,  il  le  pourrait  traiter  de  foi  mentie  sans  qu'en  aucun 
lieu  il  put  r^poudre  ä  l'injure."  Hierzu  findet  sich  aus  dem  Cancionero 
gener al  die  Frage  eines  Dichters  angeführt,  „lequel  valait  mieux  servir, 
une  demoiselle,  une  femme,  une  veuve  ou  une  religieuse."  Le  C'*^  de  Puy- 
maigre ,     La   Cour  Litteraire    de    Don   Juan  II,     roi    de   Castille.    Paris    1873. 

II,  137. 

Nonnen,   Wettstreit   der.    Germania  XVIII,  183,   zur  Zimmer.  Chron. 

III,  384. 

Oletum.   ,,Sacerdotula  in   sacrario  martiali   fecit  — ."   Festus  s.   v. 

Ohrlöcher.  S.  Germ.  XXX,  354.  Zu  dem  daselbst  Angeführten  vgl. 
auch  noch  das  spanische  macho  und  macha  (hembra);  letzteres  portug. 
femea;  neugr.  &i^kv  Knopfloch^  gxqocplSl  uqgsvmov  und  d-rjlvnbv^  ebenso  das 
span.  jarro   und  jarra. 

Pf  äff  eufr  aueu,  -huren.  S.  Joh.  Wilh.  Wolf,  Niederl.  Sagen 
Nr.  258  ,,Die  wilde  Jagd";  und  dazu  Aum.  S.  690;  dessen  Mythol.  Ztschr. 
III,    314'^'^   Nr.  60,   316*"';   Nr.  86;   Evangile   des  Quenouilles  IV,   5;   VI.    11; 


250  Ml  S  GELLEN. 

Mfuiiiliardt,   Gennan.    Myrheii    S.    711;   dossen  Wald-    und    Feldculte    II,    95    ff.  5 
Gott.   Gel.   Anz.    1865,   S.    1476. 

Phallen  in  weiblichen  Mumien.  ,,Die  Feige  ist  das  Sinnbild  des 
Weiblichen  in  der  Natur;  das  männliche  Princip  kann  im  Winter  nicht  mehr 
hervortreten,  verbirgt  sich  aber  im  Weiblichen,  wird  durch  dasselbe  erhalten. 
Dieser  Symbolik  gehören  auch  die  Feigenphallen  an,  die  man  in  weiblichen 
Mumien  der  altegyptischen  Gräber  stecken  gefunden  hat,  was  so  viel  sagen 
will  als:  ,,wie  Isis  im  Winter  das  Wiederbelebungsprincip  des  Jahres  in  sich 
birgt,  so  soll  die  Leiche  im  Grabe  dasselbe  Princip  als  Gewißheit  der  Auf- 
erstehung des  Leibes  bewahren."  Wolfgang  Menzel,  Die  vorchristliche  Uu- 
öterblichkeitslehre.  Leipzig  1870.  I,  25.  —  Hiermit  zu  vergleichen  J.  W,  Wolf, 
Beiträge  zur  deutschen  Mythologie.  Göttingen  und  Leipzig  1852.  l,  109: 
,,Die  als  Amulete  getragenen  Phalli  der  Römer  wie  der  Egypticr  sind  eben 
nur  Phalli,  nicht  aber  ganze  Figuren  von  Menschen,  noch  weniger  von  Thieren. 
Sie  erinnern  uns  dagegen  an  die  indische  Sitte,  dem  Todten  Lingambilder 
mit  ins  Grab  zu  geben  (N.  Müller,  Glaube  der  Hindu,  p.  555;  Nork,  Myth. 
Wörterb.  IV,  5l)."  Dazu  die  Anmerkung:  ,,Vivant  Deuou,  Voyage  dans  la 
Basse  et  Haute  Egypte  III.  Atl.  pl.  XCVIII,  Nr.  35  theilt  die  Zeichnung 
des  einbalsamirfen  Phallus  eines  Stieres  mit,  der  bei  den  Geschlechtstheilen 
einer  weiblichen   Mumie    gefunden   wurde." 

Pilger  innen  werden  oft  zu  Huren.  In  Agustin  Duran's  Koman- 
cero  General.  Madrid  1854  (Bibliot.  de  Autores  Es{)anoles.  Tomo  decimo) 
I,  497,  Nr.  760  findet  sich  die  Stelle:  ,,las  romeras  a  veces  —  suelen 
fincar  en   rameras." 

Pissen  der  Frauenzi  mme  r.  ,,Frawen  list,  verborgen  ist,  —  sie  seiud 
freundlich  im  hertzen,  —  sie  können  weinen,  lechlen,  —  pin ekeln  wenn 
sie  wollen  u.  s.  w."  Ambraser  Liederbuch  Nr.  XCIII,  4  (Bibl.  des  Litter. 
Vereins  XII). 

Polyandrie.  ,,Carvcr  (The  people  of  India  vol.  I,  p.  2)  racoute 
que  tandis  qu'il  vivait  chez  les  Naudowessies,  il  remarqua  Icurs  egards  pour 
une  des  femmes  de  la  tribu;  il  apprit  qu'on  la  considerait  comme  une  per- 
sonne de  haute  distinction,  parce  que,  dans  une  certaine  occasion,  eile  avait 
invit^  les  quarante  principaux  guerriers  de  la  tribu  k  se  rendre  dans  sa 
tente,  leur  avait  donne  un  festin  et  les  avait  tous  traites  en  maris. 
En  reponse  k  ses  qucstions,  on  lui  dit  que  c'etait  une  vieille  coutume  tombee 
en  desuetude  et  qu'ä  peine  une  Ibis  par  generation  il  se  trouvait  une  femme 
assez  osee  pour  donner  cetle  fete,  bieii  qu'un  mari  du  plus  haut  rang  epousät 
toujours  Celle  qui  l'avait  donnee  avec  succes."  Lubbock  ,  Les  Origines  de  la 
Civilisation,  traduit  de  l'Anglais.  Paris  1873.  p.  116.  —  ,,A  woman  (unter 
den  arabischen  Hassaniyeh  südlich  von  Khartum)  when  she  marries  does  not 
merge  her  identily  entirely  in  that  of  her  husband,  but  reserves  to  herseif 
oue  fourth  of  her  life.  Consequently ,  on  every  fouith  day  slie  is  released 
from  her  marriage-vows ,  and  if  she  happens  to  take  a  fancy  to  any  man, 
the  favoured  lover  may  live  with  her  for  four-and  twenty  hours,  during  which 
time  the  husband  may  not  enter  her  hut.  With  this  curious  exception  ,  the 
Hassaniyeh  women  are  not  so  immoral  as  those  of  many  parts  of  the  worM.* 
J.  G.  Wood,  The  Natural  History  of  Man.  Africa.  Lond.  1868.  p,  765.  — 
,,Bci  den  Damaranegern   nehmen   nach   dem  Berichte  von  Francis  Galton    manche 


MISCELLEN.  251 

Weiber  ...  in  jeder  Woche  einen  aucleru  Mann."  Kulisclier,  Die  eommiinale 
Civilehe,  im  Archiv  f.  Anthropol.  1878.  S.  '216  (uacli  Reich,  (iesch.  des  ehe- 
lichen Lebens  S.   221). 

Pimp-teniire.  ,,Willielmus  lloppeshort  tenet  diniidiain  virgatani  terrae 
in  eadem  vilhi  [Bociihampton]  de  domiuo  Rege,  per  servitiuni  custodiendi 
domino  Rege  [1.  Regi]  sex  damistUas,  sc.  meretrices,  ad  cnstuni  domini  Regis. 
This  was  calied  piinp- te n  ur  c.  Jacob's  Law-Dict. ,  s.  v.  Pimp.  Tenure." 
Kölbiug,    Englische   Studien    III,    10. 

Feder  Paars  IV.  B.  1  S.  ,,Ey!  Op  med  tjkiörteme!  med  iiuxerne 
herned!  —  saa  giorde   Faedrene.  Jeg  deerom   veed   Beskeed." 

Ring  einer  schwangeren  Ehefrau  bannt  fest.  ,,Comme  le 
ddmon,  autrement  le  faux  lilleul,  poiissait  des  cris  affroux  et  essayait  de  sortir 
du  feu;  on  fit  venir  une  jeune  femrae  portant  [i.  e.  enceinte  de]  son  preraier 
enfant,  et,  avec  son  anneau  de  mariage  quelle  lui  presentait  ä  l'ouverture  du 
four,  quand  il  voulait  sortir,  eile  le  for^a  d'y  rester.*'  La  Princesse  de  Tron- 
kolaine  (Conte  de  la  Basse  Bretagne)  Sebillot,  Coutes  lies  Provinces  de  France. 
Paris    1884.   p.   45. 

Rogers.  Auf  einem  Tiiürschild  stand:  ,,Sally  Rogers"  (für  letzteres 
Wort  kann  auch  gelesen  werden  ,,rogers")  und  ein  Vorübergehender  schrieb 
unter  das  Schild  ,,So   does  Mary." 

Reis  über  die  Braut  gescliüttet.  „Die  Chinesen  schütten  Reis  über 
die  Braut  bei  ihrem  Eintritt  in  das  Haus,  das  sie  künftig  bewohnen  wird 
(^her  future  home)."  Denuys,  The  Folk  Lore  of  China.  Lond.  1876.  p.  15. 
Vgl.  hiermit  die  tibetanische  Sitte:  ,,Le  repas  fini,  les  membres  des  deux 
familles  prennent  la  fiancee  par  le  bras  pour  la  mener  h.  pied  k  la  maison 
du  futur.  Oll,  si  c'est  loin,  ils  la  couduisent  k  cheval.  On  jette  des  grains  de 
froment  ou  d'orge  grise  sur  la  fiancee  etc."  Nouv.  Journal  asiat. 
IV,  252.  —  „The  bridegroom  now  [nach  der  Verlöbniß]  leads  bis  bride  to 
his  home.  On  the  top  of  the  steps  leading  iuto  the  house  bis  father  and 
mother  meet  the  young  couple,  and  bless  them  with  bread  and  salt,  while 
some  of  the  other  relatives  pour  over  them  barley  and  down,  and 
give  them  fresh  milk  to  drink  etc.*'  Ralston,  The  Songs  of  the  Russiau 
Peöple.   Second  ed.  Lond.   1872.    p.   280. 

Rhein,  über  den  —  fahren.  Herzog  Ernst,  herausgegeben  von 
K.  Bartsch.  Wien  1869.  S.  219.  ,,Es  geht  aus  Bartsch's  Anmerkung  deutlich 
hervor,  daß  ich  die  Redensart  ,,ül)er  den  Rhein  fahren"  in  Pfeiffers  Germania 
XIV,  399  (zur  Zimmerischen  Chron.  IV,  51,  3)  ganz  richtig  erklärt  habe 
u.  s.  w."  S,  meine  Anzeige  in  den  Gott.  Gel.  Anz.  1870.  S.  1232.  Also 
diese   Redensart   bedeutete   das  Minuespiel. 

Schönheiten  der  Frauen,  dreißig;  s,  meine  Bemerkung  in  den 
Gott.  Gel.  Anz,  1868.  S.  1919.  Andere  Dichter  freilich  wußten  deren  sechzig 
aufzuzählen;  s.  Reiffenberg  zu  Philippe  Mouskes  II,  825  v"  Beautö  und 
875  v"*  Vallant,  an  welcher  letzteren  Stelle  jedoch  Nevizanus  mit  Un- 
recht als  Verfasser  des  betreffenden  lat.  Gedichts  genannt  ist;  s.  Bayle,  Dict. 
Crit.  v°.  Helene,  Note  B.  S,  meine  Bemerkung  in  den  Heidelb.  Jahrb.  1871. 
S.  548.  Noch  andere  Volkslieder  sind  viel  bescheidener  und  sind  mit  sieben 
Schönheiten  der  Frauen  zufriedtn.  ,,Sete  belezze  deve  aver  le  dona"  beginnt 
ein  ViceiUinisches.  S.  überhaupt  Antonio  Ive,  Canti  Popolari  Istriani.  Torino 
1877.   p.   39   f. 


252  MISCELLEN. 

Schmeißen.  Jemand  von  seiner  Fray.  gefragt,  ob  er  sie  auch  lieb 
hätte,  antwortet:  ,,Ich  habe  dich  so  lieb  wie  ein  gut  schmeißen."  Kirch- 
hof, Wendunmuth  IV,  195.  —  Vgl.  hierzu  Eubulos  in  dem  Lustspiel  KiQxanss 
(Athen,   p.   417    Cas.): 

MsTK^rccvxa  ©rjßag  fjl&ov  ov  xrjv  vvxd'^  oktjv 

snl  rede  d"VQatg  snaarog,  ov  nXrjQSL  ßQOxm 

ov/i  sgtI  (isZ^ov  ayci&dv  (bg  ^s^rjxi&v 

fiaxQccv  ßadi^av,  noXku  6'  ka&icov  avtjQ^ 

Säxvav  TU  %siXifj,  nayysXoiog  sax^  lÖslv. 
Über  schmeißen   s.   Sanders  s.   v.   I. 

Schloß,  Schlößlein,  Sicilianisches  Volkslied.  ,,La  Chiavi  e  la 
Toppa"  —  „Gnuri  Minien,  mittitivi  'n  susu.  —  Gnura  Minica,  pirchi?  — 
Vi  ficcati  'ntra  'u  pirtusu,  —  E  faciti  'nzi-zi-ti-nzi."  (Signor  Domenico,  mette- 
tevi  SU.  —  Signora  Domenica,  perchfe?  —  Vi  ficcate  nel  pertugio.  —  E  fate 
nzi-ri-x;hi-tinzi.")  —  Si  puö  tirare  benissimo  ai  due  sensi  dell'  aprire  la  toppa 
ferrea  e  la  toppa  feminile.  L'ultimo  verso  ha  il  suono  imitativo)."  Vgl.  Hoff- 
mann von  Fallersleben  Horae  Belg.  XI,  294  ff.  (Antw.  Liederb.  Nr.  CXCI). 
—  Das  Schlößlein  in  Uhlands  ,,Graf  Eberstein'*  ist  dagegen  in  dem  Sinne 
von  bürgelin  zu  fassen,  welches  gleichfalls  den  Doppelsinn  hat.  S.  meine 
Anzeige  in  Ebert-Lemcke's  Jahrb.   f.   rom.    u.   engl.   Lit.   XII,   342,    15. 

Schuhe  vom  Teufel  einem  alten  Weibe  an  einer  Stange 
gereicht.  Conde  Lucanor  c.  48.  S.  Dunlop,  Gesch.  der  Prosadicht.  S.  503*; 
Kirchof,    Wendunmuth  I,    366. 

Säuferin  Myrto  in   einem  Faß   begraben.    Anthol.  Gr.  VII,    329. 
MvQxädu,  XTjV  hQcdg  [is  ^ioovvaov  ticcqu  Xtjvolg 

ätf&ovov  anQ^xov  (mccaaafisvtjv  xyAtxa, 
ov  yisv&8L  (p&L^fVTjv  ßaiTj  növLg'  akla  nid-og  jxoi, 
GVfißolov  sv(pQoavvrjg,  xsQnvög  snsaxL  tücpog. 
Vgl.   Gundlings   Grab. 

Stallbruder  von  einem  Frauenzimmer.  Sveud  Grundtvig,  Dan- 
marks Gamle  Folkeviser  Nr.  7  7,  Str.  2l:  „Har  thu  thett,  stalten  Blidelild!  — 
och  kerre  st al broder  mynn:  —  thu  feige  meg  tili  den  herres  land,  — 
och  gi0r  thett  for  erre  dynn."  Vgl.  Nr.  3,  Str.  2;  Nr.  197,  Str.  7.  S.  auch 
Zachers  Ztschr.  f.  deutsche  Philol.  V,  373  f.  meine  Bemerkung  zu  Staal- 
b  r  o  d  e  r. 

Stellvertretung  des  Ehemannes  durch  einen  andern.  ,, Zweck 
der  Ehe  war  Erzeugung  eines  echten  Erben.  Blieb  die  Frau  unfruchtbar,  so 
durfte  sich  der  Mann  von  ihr  scheiden.  Lag  es  am  Unvermögen  des  Mannes, 
so  konnte  vor  Alters  auf  andere  Weise  Rath  geschafft  werden:  der  Ehemann 
hatte  die  Befugniß,  sich  einen  Stellvertreter  zu  wählen."  Grimm,  Deutsche 
Rechtsalterthünier  2.  A.  S.  443  f.  Vgl.  Gierke,  Der  Humor  im  deutschen 
Recht.  Berlin    1871.   S.   56  f. 

Schuh  der  Frauen  als  aphrodisisches  Symbol.  S.  meine  Be- 
merkungen in  Benfeys  Orient  u.  Occid.  III,  372,  Nr.  7.  J.  W.  Wolf,  Beiträge 
z,  deutschen  Mythol.  Göttingen  u.  Leipzig  1852.  I,  211,  Nr.  98,  wo  es  auch 
heißt:  ,,In  der  Bergstraße  und  dem  Odenwald  empfängt  die  Braut  Bänder 
von   ihi-en   Freundinnen.  ...   Bei  der  Hochzeit  ist   es   Sitte   ihr  einen   Schuli 


MISCELLEN.  253 

auszuziehen  und  daraus  zu  trinken."  Mit  letzterer  Sitte  steht  wohl 
in  keiner  Verbindung:  ,,Har  ett  barn  fatt  hore-skerfvan ,  genom  att  bli  sedt 
pä  hart  bröst  af  en  lönda-hora,  sä  botas  dett  genom  att  fä  drieka  ur  en 
lönda-horas  sko."  Hylten-Cavallius,  Wärend  och  Wirdarne.  Stockholm  1864. 
I,    402.   Über  lönda-hora  s.   ebend.  p.   377   f. 

Schloß,  seltsames,  an  der  vulva.  S.  meine  Mittheilung  in  der 
Germ.   XXV,   295   f.   „Ein   seltsames   Schloß." 

Schamhaare  der  Frauen.  Zum  Putz  weggeschnitten:  „KoQao  5'  sv 
ä^ntsxövaLg  TQixccntOLgf  ccQricog  —  rjßvXhcaGat ,  >iai  ra  qÖöu  xexaQfisvat.  xtl 
Athen,  p.  269  Gas.  (Aus  einem  Lustspieldichter.)  —  Mit  Bändern  geputzt, 
,,La  Marquise  d'Estrees,  mere  de  la  belle  Gabrielle,  fut  tuee  dans  une  sedition 
ä  Issoire  en  Auvergne;  aparemment  que  son  corps  resta  dans  la  rue  tres  — 
indecemment  exposee,  puisqu'on  s'apperQut  d'une  mode  qui  s'etoit  introduite 
depuis  quelque  temps  parmi  les  femmes  du  graiid  monde:  ce  n'etoient  pas 
seulement  leurs  cheveux  qu'elles  tressoient  avec  de  la  nompareille  de  diflfe- 
rentes  couleurs."  Saint-Foix,  Essais  Historiques  sur  Paris.  Nouv.  ed.  Londres 
17.59.  II,  327  sq.  —  Falsche  Schamhaare  gebraucht;  ,,A  health  to  all  Ladyes 
that  never  used  Merkin!"  (Dazu  die  Anmerkung:  ,, Merkin,  counterfeit  hair 
for  a  woman's  privy  parts")  Percy's  Folio  matiuscript.  Ed.  by  Haies  and 
Furnival.  IV  '  vol.  (Loose  and  humorous  Songs  besonders  herausgegeben.) 
Lond.    1867,   p.   113. 

Schwur  der  Geschwächten.  ,,Si  un  homme  commet  un  viol  et 
ensuite  le  nie:  Qu'il  y  ait  serment  de  cinquante  hommes,  tous  Cambriens 
et  franc-tenanciers  pour  le  disculper.  Si  la  femme  persiste  dans  l'accusation  : 
Qu'elle  jure  la  main  droite  sur  les  reliques  ...  et  membro  virili  sinisträ  pre- 
henso,  quod  is  per  vim  se  isto  membro  violaverit  .  .  .  II  y  a  des  juges  qui 
n'admettent  nulle  denegation  coutre  un  pareil  serment.  Robert  p.  136." 
Michelet,   Origines  du   Droit  fran^ais  p,    49. 

Speien  des  Inca  in  die  Hand  ei  n  er  Hof  dame.  Humboldt,  Natur- 
anschauungen II,  381,  Nr.  13.   Die  Hand  der  Letzteren  diente  also  als  Spucknapf. 

Todtenhemd  von  der  Frau  zum  Gastmahl  mitgenommen  für 
möglichen  Gebrauch  für  die  Leiche  des  Mannes.  ,,Gamla  hustrur 
ännu  berätta ,  att  de  aldrig  följde  sine  man  i  gästabäd,  med  mindre  de  togo 
ett  svepe-lakan  med  sig  att  svepa  sins  man  eller  söner  uti;  ty  de  voro  intet 
säkra  om  de  med  lifvet  kommo  derifrän."  (Nach  Rudbeck  gegen  Ende  des 
17.  Jahrh.)  Hylten-Cavallius,  Wärend  och  Wirdurne  II,  386.  Gleiches  fand 
bei  den  alten  Dithmarschen  statt,  wo  ,,Dodentüg"  d.  h.  Todtenhemd  hieß; 
s.  Deutsche  Romanzeitung  1877,  Nr.  28;  S.  319,  und  ebenso  Thelemark : 
,,Konerne  toge  Ligskjorten  med  til  Gjaestebudet."  Landstad,  Norske  Folke- 
viser.  Christiania  1853,  p.  687  und  Jörge  Moe,  Samlede  Skrifter.  Kristiania 
1877:  ,,Kvinderne  til  Gilde  —  Bar  Ligskjorten  med,  —  Hvori  de  künde 
laegge  —  Sin  husbonde  ned   etc." 

Tochter  säugt  den  Vater,  S.  Heidelb.  Jahrb.  1868,  S.  92,  Nr.  15 
meine  Anzeige  von  Henderson  und  Wilkinson's  Folk-lore;  und  Gott.  Gel.  Anz. 
1871,  S.  1409,  Nr,  8.  „Tic  aiviy(i(xt(x."-  Füge  hinzu  Preller,  Rom.  Mythol.  2.  A. 
S.  625.  Cf.  Gesta  Roman,  ed.  Oesterley.  Berlin  1872  c  215  n«>bst  Anm. 
S.   744. 


254  MISCELLEN. 

Tasche  bedeutet  1,  cunims ;  2.  Weibsbild  (Sanders  Bd.  III,  S.  1288, 
Nr.  3  c.  und  5).  Tasclie  bedeutet  in  der  Eskimosprache  bei  den  Angakoks 
„Muttor"  (hvem  har  du  lil  Pose  [d.  e.  „Moder"  i  Angakok-sproget).  Rink, 
Eskimoiske  Eventyr  og  Sagn.  Kjabenh.  1866.  I,  280.  Tasche  (taske)  bedeutet 
dän.    1.   Tasche;   2,   Hure. 

Urin  von  Frauen  zum  Ausspülen  des  Mundes.  ,,Un  dtranger, 
qui  arrive  chez  les  Tschuktsches,  a  droit  de  choisir  celle  qui  lui  plait  le  plus: 
la  femme  qu'il  a  choisie,  lui  präsente  une  tasse  de  son  urine,  dont  il  doit 
se  rincer  la  bouche :  on  le  regarde  comme  ami ,  s'il  surmonte  cette  epreuve, 
et  comme  ennemi  s'il  n'accepte  (Rel.  de  Muller)."  Demeunier,  L'esprit  des 
usages   et  des   coutumes    des    differents    peuples.     A   Londres   et  k  Paris    1786. 

II,  287. 

Venus   mascula  cum   fem  i  na. 

&^Xvg  SQCoe  xocXhatog  svl  Q'vrjTolai  rsrvxTai, 

öcaoig  sg  (piXirjv  os^vög  evscn  vöog. 
i-l  8h  %cä  ccQGSvixöv  GTSQyeig  no&ov^  olSa  dv8c<^c(i 

qxxQ^ciKov,  (p  navasig  T/rjv  dvGtQcora  vöaov. 
aTQfipag  MrjvocpiXccv  avio%Lov  bv  (pQsalv  sXnov 
uvvöv  E%SLV  Y.öXiioig  uQGSva  MijvöcpiXov. 
Anthol.   Gr.   V,    116. 

Wunde,   die  nie   heilende.   S.  Ebert,   Jahrb.  f.  roman.   u.  engl.  Liter. 

III,  338:  ,,Zii  Rabelais"  von  Reinh.  Köhler.  P^'üge  hinzu  Angelo  de  Guber- 
natis,  Le  Novelline  di  Santo  Stefano.  Torino  1869.  p.  60.  Nov.  34:  „II  Dia- 
volo   e  il   Contadino." 

Wöchnerinnen,  gestorbene,  im  Paradies.  Der  Glaube  der  Mar- 
kesasinsulaner, daß  gestorbene  Wöchnerinnen  ins  Paradies  kommen,  findet  sich 
nicht  nur  auch  bei  den  Grönländern  (Rink,  Eskimoiske  Eventyr  og  Sagn.  Supple- 
ment. Kjöbenhavn  1871,  S.  186),  sondern  auch  in  Deutschland  (Leoprechting, 
Der  Lechrain,  S.  45);  s.  meine  Anzeige  in  den  Gott.  Gel.  Anz.  1872,  S.  1544  f.; 
auch  im  alten  Mexico,  J.  G.  Müller,  Gesch.  d.  amerikan.  Urreligionen,  Basel 
1855,  S.  660;  in  der  chinesischen  Provinz  Yunnan,  Tylor,  Primitive  Culture 
2  ed.  London  1873,  II,  83,  N.  3;  auch  in  Schottland,  Walter  Scott,  Min- 
strelsy  of  the  Scott.  Border,  Clerk  Saunders,  wo  es  heißt:  ,,women,  —  I  wot, 
who  die  in  strong  traivelling,  —  Their  beds  are  made  in  the  heavens  high  — 
Down  at  the  foot  of  our  good  Lord  s   knee  —  Weel   set  about  wi'  gillyflowera." 

Witwen  in  Rom  heiraten  in  den  feriae.  Macrob.  I,  15:  ,,Ver- 
rium  Flaccum  iuris  pontificii  peritissimum  dicere  solitum  refert  Varro,  quia 
feriis  tergere  veteres  fossas  liceret,  novas  facere  ius  non  esset,  ideo  magis 
viduis  quam  virginibus  idoneas  esse  ferias  ad  nubendum."  Angeführt  von 
Bachofen ,  Die  Sage  von  Tanaquil.  Heidelberg  1870,  S.  313,  Anm.  5,  der 
hinzufügt:  ,,Die  physische  Grundlage  der  sabinischen  Cluacina,  einer  Form 
Aphroditens,   ist   dieselbe." 

Weiber  in  Europa  nicht  vorhanden.  ,,Le8  Peulhs  du  Senegal, 
les  Gallas  de  l'Afrique  et  les  Australiens  croyaient  que  lue  blancs  ne  poii- 
vaient  reproduire  leur  espöce  et  que,  par  consequent,  il  n'avaient  point  de 
ni6re.  Un  Esquimau  demanda  si  les  Europeens  avaient  des  femmes.  Les  Arri- 
cara«  des.  rives  du  Missouri,  voyant  les  blancs  acharnes  apr^s  leurs  femmcs, 
etaient   convaincus   (ju'ils   n'eii    avaient   pas   dans   leur   pays.    Dans   la  Polynesie, 


MISCELLKN.  255 

les  naturels  de  l'ile  Ouitoui,  du  groupe  des  iles  du  Desappointement,  cacbaient 
leuis  femmes,  afin  qu'elles  ne  fussent  pas  enlevees  par  les  blancs,  car  ceux-ci 
n'cn  avaient  aucune  cliez  eux."  Gaidoz  und  Rollands  Melusine  II,  559,  wo 
auoli    die   Helege  angeführt  sind. 

Zweimal   verheiraten   eine   große   Thorheit.    Athen,   p.  559    Gas. 

Kay.bg  KUKÜg  y^voiQ-'  6  yr'jfias  devztQog 

&V7JTCÖV.   O  ^hv  yaQ  TtQcorog  ovdsv  ijStyiSL' 

ovnco  yccQ  ^Idoig  oinog,  olov  rjv  ■accy.bv^ 

fXd^ßavsv  yvvaZj['-  6  8'  vgtsqov  Xaßcov, 

Big  TtQOVTCTOv  slSag  avrbv  hvsßaliv  ■natibv. 
Aus  dem  Komiker  Aristophon.  Vgl.  Sliakespeare's  Jest  P)Ook  cd.  by  Oesterley- 
Lond.  186G,  p.  41,  Nr.  XXI,  wo  vor  dem  Heiraten  einer  dritten  Frau 
gewarnt  wird;  der  Schwank  schließt  mit  den  Worten:  ,,Tliys  tale  is  a  warn- 
yng  to  them  that  have  ben  e  twyce  in  parell  to  beware  how  they  come  tberin 
the   thyrd   tyme." 

LÜTTICH.  FELIX  LIEBRECHT. 


Aus  alten  Handschriftenkatalogen. 

Gustav  Becker  hat  in  seinen  dankenswerthen  Catalogi  bibliothecarum 
antiqui  (Bonn  1885)  eine  Eeihe  von  alten  Handschriftenverzeichnissen  ab- 
drucken lassen,  die  auch  manches  deutsche  enthalten.  Die  ältesten  Notizen 
sind  die  bekannten  in  den  alten  Reiehenauer  Katalogen :  De  carminibus 
Theodiscse  vol.  (S.  9),  in  dem  Verzeichniß  von  822;  und  in  dem  von  842 
verfaßten:  In  XX  primo  libello  continentur  XII  carmina  theodiscae  linguae 
formata  .  In  secundo  libello  habentur  diversi  paenitentiarum  libri  a  diversis 
doctoribus  editi  et  carmina  diversa  ad  docendum  theodiscam  linquam,  et  de 
inventione   corporis   S.   Benedict!   et   caetera'    (S     22). 

Unbekannt  dagegen  ist  die  Notiz  in  dem  Verzeichniß  von  St.  Riquier 
(831),  wo  sich  unter  Nr.  206.  207  findet  passio  domini  in  theodisco  et  in 
latino  (S.  28),  ein  nicht  erhaltenes  Werk  jedenfalls,  ob  Prosa  oder  Poesie, 
ist  unbestimmbar. 

In  dem  Weißenburger  Verzeichniß  des  9.  Jahrhs.  befand  sich  Evan- 
gelium theodiscum  (S.  37).  Die  Notiz  de  carminibus  theodiscae  vol.  I  findet 
sich  auch  in  dem  Verzeichniß  einer  incognita  Bibliotheca.  saec.  X  (S.  75) 
das  Hermann  Hagen  aus  einem  Genfer  Codex  des  8.  Jahrhs.  hat  abdrucken 
lassen  Offenbar  haben  wir  hier  ein  anderes  Exemplar  des  alten  Reiehenauer 
Cataloges  vor  uns,  wie  Becker  S.  IV  für  wahrscheinlich  hält.  Die  beiden 
Aufzeichnungen  ergänzen  sich  mehrfach ,  und  Hagens  Lesung  wird  oft  be- 
richtigt. Daß  in  dem  Genfer  Verzeichnisse,  das  dem  8.  Jahrh.  angehört, 
einige  Codices  fehlen,  ist  nicht  befremdend,  wie  umgekehrt  in  dem  zweiten 
Theile  desselben,  der  im  10.  Jahrh.  geschrieben  ist,  verschiedene  Hand- 
schriften mehr  als   in   dem   Verzeichniß  von    822   sind. 

In  dem  Weißenburger  Katalog  von  1043  findet  sich  'psalt  theutonice 
in   III   uoluiri.     (S.    133),    was   doch   wohl   Notkers   Psalmenübersetzung   ist. 

In  der  Bibliothek  der  S.  Maximinkirche  in  Trier,  deren  Katalog  aus 
dem  11./12.  Jahrh.  ist,  befand  sich  ein  'liber  theutonicus'  (S.  181),  über 
dessen   Inhalt  leider  nichts   angegeben   ist. 


256  MISCELLEN. 

In  dem  Cataloge  von  Pfäffers  (1155)  wird  verzeichnet  cantica  canti- 
corum  mctrice  et  theutonice   composita ,   (S.  208),   also  Willirams  Übersetzung. 

Die  Bibliothek  von  S.  Emmeram  in  Regensburg,  deren  Katalog  nach 
1163    verfasst  ist,    enthält    sermones   ad  populum   teutonice   (S.    222). 

Endlich  hat  Becker  S.  228  auch  die  Stelle  aus  dem  Briefe  des  Ber- 
told  von  Andechs  über  das  deutsche  Buch  von  Herzog  Ernst  abdrucken 
lassen. 

Von  englischen  Sachen  kommen  in  einem  englischen  Katalog  des 
12.  Jahrh.  vor  uitae  sanctorum  anglicae  (S.  216)  und  Elfredi  regis  Über 
anglicus  (S.  217).  In  dem  Kataloge  von  Durham  (12.  Jahrh.)  folgende  libri 
anglici:  Omeliaria  vetera  duo.  Unum  novum.  Elfledes  Boc  historia  Anglorum 
anglice.  Liber  Paulini  anglicus.  Liber  de  nativitate  sanctae  Mariae  anglicus. 
Cronica  duo    anglica. 

Die  zahlreichen  lateinischen  Dichtungen  übergehe  ich,  nur  auf  die 
Handschriften  des  Waltharius  sei  zum  Schluß  aufmerksam  gemacht.  In  dem 
Katalog  einer  unbekannten  Bibliothek  aus  dem  10.  Jahrh.  in  einer  Berner 
Hs.  finden  wir  Waltarium  zwischen  einem  Avian  und  Aesop  (S.  62);  in 
dem  von  Toul  (vor  1084)  Waltarius  vol.  I  (S.  152),  ferner  Avianus  cum 
Esopo  et  Hincmaro  et  Waltario  vol.  I  (ib.)  und  Waltarius  per  se  vol.  I  (ib.). 
In  dem  Katalog  von  Pfäffers  (1155)  Waltarius  zwischen  Cato,  Avian  und 
Homer  (d.  h.  wohl  dem  Pindarus  Thebanus  (S.  208)  in  der  Bibliothek  auf- 
gestellt.  In   Muri   endlich   (12.  Jahrh.)  'duo   libri   de   Walthario'   (S.   252). 


Mittheilungen. 

Dr.   R.  Kögel    in   Leipzig  ist  zum   außerordentlichen   Professor  ernannt 
worden. 


Die   jährliche   Bibliographie    der  Germania    wird   in   Zukunft  von   Herrn 
Dr.   Gustav   Ehrisraann   bearbeitet  werden. 


Ich  werde  für  das  Wintersemester  einem  Rufe  nach  Gießen  Folge 
leisten  ;  für  mich  bestimmte  Sendungen  bitte  ich  von  Anfang  October  dorthin 
zu   richten.  O,   Behaghel. 


EINUNDZWANZIG   FABELN,    SCHWANKE    UND 
ERZÄHLUNGEN  DES  XV,  JAHRHUNDERTS. 


In  der  St.  Galler  Papierhandschrift  643,  XV.  Jahrh.,  Boners 
Fabeln  (S.  1—89),  eine  alte  Züricher  Chronik  von  1313—1433  (S.  131 
bis  157)  nebst  anderen  Schweizergeschichten  v.  1460 — 77  (S.  159 — 201) 
enthaltend,  stehen  S.  89 — 128  unmittelbar  nach  Boners  Fabeln  die 
folgenden,  noch  ungedruckten  Fabeln,  Schwanke  und  Erzählungen. 
Vgl.  G.  Scherrers  Verzeichniß  der  Handschriften  der  Stiftsbibliothek 
von  St.  Gallen  S.  210.  Sie  rühren  von  einem  Schweizerdichter  des 
XV.  Jahrhs.  her.  Der  Eingang  dazu  sowie  Nr.  11  (Holzhacker  und 
St.  Petrus)  ist  abgedruckt  von  Lassberg  in  Mones  Anzeiger  1836e 
S.  192  ff. 

Der  Abdruck  hier  erfolgt  genau  nach  der  Vorlage.  Die  Über. 
Schriften  stehen  in  der  Handschrift  nicht. 

Zu  Nr.  4  vgl.  Wendunmuth  1,  366;  sodann  die  Nachweise  bei 
Goedeke,  Dichtungen  von  Hans  Sachs  1,  195.  —  Zu  Nr.  6  halte  die 
ähnliche  Fassung  in  Lassbergs  Liedersaal  2,  547,  Nr.  LXXIV,  Gesammt- 
abenteuer  2,  219,  Nr.  XXXV;  vgl.  auch  Gesammtab.  3,  724.  —  Zu 
Nr.  8  vgl.  die  Nachweise  von  H.  Kurz  in  Burkhard  Waldis  Esop 
Bd.  2,  Anmerkungen  S.  139.  —  Zu  Nr.  9  vgl.  Gesammtab.  2,  337, 
Nr.  XLIII,  Quellennachweis  und  Bearbeitungen,  u.  a.  auch  von 
Boccaccio  VH,  8,  daselbst  2,  S.  XLII  ff.  —  Zu  Nr.  10  Vers  59  vgl 
Boner  22,  36.  —  Zu  Nr.  12  vgl.  J.  Ayrers  Mönch  im  Käskorb  1598.  — 
Zu  Nr.  13  Gesammtab.  2,  109,  Nr.  XXVH,  Boccaccio  VH,  7.  -  Zu 
Nr.  14  vgl.  reiches  Material  bei  Braunholtz,  die  erste  nichtchristliche 
Parabel  des  Barlaam  und  Josaphat  1884,  S.  72  ff.  —  Zu  Nr.  16  Gesta 
Roman.  Cap.  119. 

ZÜRICH,  Mai  1888.  J.  BAECHTOLD. 

Sid  dis  buch  ein  ende  hat  es  dunkt  mich  ouch  selbs  torlich 

so  wil  ich   ouch  ein  toren  tat  getan 

in  dis  buch  schriben  doch  mag  ich  es  nit  vnderwegenlan 

ob  ich  nu  möcht  beliben  10   min  naren  wort  müs  ich  hier  inn 

5  an  hinderred  umb  dis  sach  hau 

dz  ich   ouch  byschafft  mach  vn  wil  es   schriben  hie  in 

vnd  doch  nit  witzen  dar  zu  han              sölt  loch  ich  iemer  ein  tore  sin 

GEBMANIA.    Neue  Eeihe  XXI.  (XXXm.)  Jahrg.  17 


258 


J.  BAECHTOLD 


doch   wem   es   nit  geualle  wol 
dem   ratt  ich   dz   er  sol 
15   vndei'wegen  lassen  sin  lesen 


vnd  sol  mich  euch  lassen  gnesen 

also  heb  ich   es  an 

es  sy  ioch  wol  ald  übel  getan 


1.  Fuchs,  Wolf  und  Eimer. 


[E]insmals  kam   ein  fuchs  gerant 
da  er   einen  galtbruiien  fand 
er  lüget  vil  fast  dar  in 
er  gedacht  was  mag  das  sin 
5  zweu  eimer  dar  ab  hiengen 
die  vff  vil  nider  giengen 
in   einen  eimer  er  do   sprang 
der    eimer    mit    dem  fuchs  nider 

trang 
der  ander  eimer  gieng  übersieh  do 

10   des   ward  der  fuchs   gar  vnfro 
wan   er  müst  beliben   dar  in 
das  WZ   gar  sin  vngewin 
ein  wolf  kam  dar  zu  gelouffen 
er  sprach   ina  woffen  woflfen 

15   sag  an  lieber  geselle  min 

mich   wundert  wie   dz   müg  sin 
dz  du  in   dem   tieffen  loch   list 
vnd  dir  doch  nüt  gebrist 
[90]   der  fuchs   hoftlichen   sprach 

20   do   er  den  wolif  erst  an   sach 
lieber  wolf  ich   sag  dir  dz 
dz  mir  all  min   tag  nie  so  wol  wz 
der  wolf  sprach  lieber  geselle  min 
hilff  mir  ouch  zu  dir  hin  in 

25    er  sprach  vff  min  eid  dz  sol   sin 
won  du  bist  der  best  geselle  min 
tritt  in  den  eimer   dz  rat  ich  dir 
so   kunst  wol  her  ab  zu   mir 
der  wolff  in   den   eimer   sass 

30   da  von  der  fuchs   vil  fro  wz 
won  der  wolff  zoch  mit  dem  eim' 

nid' 
damit  kam   der  fuchs   herwider 
der  wolff  müst  in  dem  brunnen  sin 
das  was  gar  sin   vngewin 

35   do   er  nebent  den  fuchs   kam 
do  rufft  der  fuchs  in  faltschlich  an 
vnd  sties  in  dar  vmb    , 
dz  er  im  nit  endrunn 


vnd  dester  faster  wägi  nider 

40   der  fuchs   sprach  nu  hin  ich  kum 

nit  wid' 
vil  lass   dir  vil  wol   wesen 
ich   bin  nu  wol  genesen 
*-?  wer  allen  zungen  geloubet  wol 
der  wirt  vil   dik  hertzleidz   vol 

45   vil  wirt  betrübt  an  sinem  hertze 
vfi  müs  liden  grossen   schmertzen 
valsche  zunge  stifftet  das 
das  brüder  bruder  wirt  gehas 
das   selb   der  vatter  ouch  tutt 

50  böse  wort  werdent  niem'  gut 

den  valschen  tüchte  wie  es 
gschäche 
dz  er  sin  fründ  in  kumer  säehe 
durch  dz  erinfröideu  mocht  wesen 
vor  im  kan  nieman  genesen 

55   wer  wil  sin  in  der  wolnust 
die  im  nit  erkant  ist 
vil  si  nit  erkenne  wil 
vü  nit  sieht  ob  es  sy  ein  gewüs 

spil 
vn  gälich   dar  zu  ziechen  wil 

60  genüst  er  des   das  ist  nit  vil 
wer  zücbet  ab  einer  guten  statt 
da  er  sich  mit  eren  wol  begat 
vn   er  do  vil  wol  möcht  bestan 
der  dunkt  mich  ein  vnwiser  man 

65   im  möcht  wol  als  dem  wolf  be- 

schechen 
doch    wil    ich    da   wider    nit    me 
iechen 
ob   einer  zücht  an  ein  statt 
da   er  sich  mit  eren  wol  begat 
vil  sy  im  ist  vil  wol  kunt  getan 

70  vli  bewert  von  mängem  biderman 
hätt  der  wolff  also  getan 
so  möcht  er  noch   wol   sin  leben 

han 


35  uebentj  nemeut  Hs^ 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZAHLUNGEN  DES  XV.  JAHßHS.        259 


2.  Falke  und  Eule. 


[91]   [E]in  valk  floug  in  einen  wald 

der  fieng  gar  schnell  vn  bald        40 
vil  vogel  die  er  do  vand 
er  WZ   der  ülen  wol  erkant 
5   zu  dem  valken  kam  die  üle  do 
mit  iro   wortten  vü  sprach   also 
ach  valk  küug  vii  herre  min 
möcht  es  an  üwern  gnaden  sin        *^  45 
sid  ir  der  voglen  so  vil  vachent 
10  so  bit  ich  üch   dz  ir  nit  gachint 
vn  mir  mine  kind  nit  esind 
der  trüw  wil  ich  niemer  vergesse 
der  valk  sprach  wer  sint  dine  kint         50 
sy  sprach   die  schönschte  die  im 
wald  sint 
15   die  sint  min 

er  sprach  wolhin   das   sol   sin 
die  schönschte  wil  ich  lassen  gan         55 
vn  wil  die  vngeschaffnen  alle  van 
vn  wil  sy  essen  alle  gar 
20  der  falk  floug  hin  an  alle  var 
vii  kam  zu  der  ülen  kind 
er  sprach  ich  sich  wol  dz  die  sint 
die  vngeschaffnesten  die  man  fint        60 
si  sint  nit  der  ülen  kind 
25   won     sy     sp'ch     es     werint     die 

schönschte  vögelin      [92] 
die  in   dem  wald  möchten   sin 
der  valk  all  iung  ülen  verschland        65 
die  er  in  dem  wald  iena  fand 
die  alt  ül  kam  zu  dem  valken  do 
30  gar  truriklich  vil  sprach   also 
0  her  wie  hant  ir  min  vergessen 
mine  kind  hant  ir  alle  gessen  70 

vH  hant  enkeines  hin  lan  komen 
der  valk  sprach  als  ich  han  ver- 
nomen 
35   so  han  ich  es  nit  getan 

die  schönschten  han  ich  lassen  gan 
vn     han     die      vngeschaffnesten 
fressen 
si  sprach  dz  kan  ich  niemer  ver- 
gessen 


die  ir  assent  die  warent  min 
mich  wundert  wie  dz  muge  sin 
ich  wand  sy  werint  die  schönschte 

kint 
nu  merk  ich   das   sy  sint 
die  vngestaltesten  vögelin 
die  in  dem  wald  mügent  sin 
sölicher  lütten  man  ouch  vil  vint 
der  vngezogen  sint  ir  kint 
vfl  dar  zu  enkeinen  wandel  hant 
vii  ouch  selten  in  Schönheit  stant 
vii  ouch  niemer  kunnent  werden 
vü  doch  wend  dz  vff  erden 
kein  schöner  kreentur  müg  sin 
denn  dieselben  kindelin 
vri  wz   sy  tund   dz  dunkt  sy  gut 
sy  hant  sicher  ein  turnen  müt 
vii     vieng     ein     ander     kind     dz 

halbz  an 
dz  ir  kint  hant  getan 
si   schryent  offenlich   über   sy 
secht  wie  wonet  dem  bosheit  by 
si  sprechent  sy  tund  niend'  gut' 
e  man  sol  sy  schlachen  mit  d'rüt 
ich  sich  an  irem  wandel  wol 
dz  sy  werdent   aller  bosheit  vol 
wie  ist  ir  vatter  ouch   ein  man 
dz  er  die  kint  nit  ziechen   kan 
er  ist  ouch  zwar  ein  böswicht 
ds  er  inen  das   Übersicht 
also  wend  die  lütte 
die  frömden  gar  vernütten 
vnd  dunkt  sy  niemer  gut 
WZ  diser  oder  der  tut 
vn  wänet  dz  niemen   mug  sin 
gelich  iro  kindellin 
sächent  sy  si  aber  recht  an 
si  sprächent  mich  hat  betröge 

min  wan 


25  vögelin]  vögel  Es.         36  han]  an  Ils.         52  kindelin]  kinelin  Es. 


17* 


260 


J.  BAECHTOLD 


10 

15 

20 

25 

30 
[93] 

35 


40 


45 


3.  Schüler 

[E]in  schuler  über  felde  gieng 
ellent  herbürg  er  enpfieng 
als  noch  mängem  me  beschicht 
der  nach  der  lere  vicht 
er  kert  zii  einem  puren  hin 
vn  bat  dz   man  in 
gehielti  über  nacht  durch   got 
von  dem   purn   leid  er  spott 
ia  kum  her  lieber  schüler  min 
ein  gut  bet  sol  din  eigen  sin 
dar  vff  solt  du  ligen  Übernacht 
bis  dz  du  nit  me  schlaffen  macht 
er  gieng  hin  vii  ass  vn  trank 
dem  puren  seit  er  grossen  dank 
darnach  sassent  sy  vff  die  benk 
der  pur  geriet  da   stanken 
ein  grossen  furtz   lies   er  do 
vn  sprach  zu  dem  schuler  also 
schuler  dz  ist  dz   bette   din 
der  schuler    sweig  vn  lachet  sin 
der  pur   stankt  aber  als  e 
schüler  ich  gib  dir  aber  me 
der  furtz  ist  ein  lilach  gut 
vor  frost  bist  du  wol  behut 
der  schuler  lachet  aber  als   ee 
der  pur   stankt  aber  me 
vii  lies   ein  furtz   der  wz  gros 
den  schuler  do  des  schimpfs  verdroß 
er  spch   dz  ist  das   oberlilachen 
noch  wil  ich  dir  teke  vnd  küsse 
machen 
vii   lies  aber  ein  furtz  als   e 
er  sprach  schüler  hie  her  ge 
vü  leg  dich  an  dz  bettelin 
vü  las   dir  vii  wol   sin 
er  leit  sich  nider  vff  den  bank 
sin  bett  wz  gemacht    von   stank 
der  pur  gieng  mit  sim  wib  nider 
vS  spch  da  lig  vntz  dz  ich   her- 

wider 
kora  vii   schlaff  gnüg  vü  fast 
der  pur  gieng  do  an   sin  rast 
der  schuler  begond  sich  do  flissen 
wie  er  den  puren   sölt  beschissen 
er  scheiss    hinder  den   offen  hin 
vnd  rilfft  do   dem  wirtte  sin 
aldey  wirt  got  dank   üch 
wen  ich  wider  vff  die  vart  züch 


und  Bauer. 

dz  bett  vn  die  lilachen 

die  ir  mir  nacht  hant   gemachet 

han  ich   hinder  den  ofen  geleit 

50   der  pur  zu  der  frowen  seit 

gäbt  du  dem   schuler  lilachen  vii 

küsse 
das  solt  du  mich   lassen  wüssen 
nein  ich   werlich   sam   mir  got 
der  schüler  tribt  mit  dir  sin  spot 

55   er  lies  den  schüler  sinen  weg  gan 
schier  begond   er  ouch  vf  stan 
vn  gieng  her  ab  in  die  stuben  sin 
vn  sass   hinder  dz   öffelin 
vnd  sass  eben  in  den  drek 

60   er  sprach  pfuch  wz  ich  hie  schmek 
es   stinkt  har  inne   harte  vast 
pfuch  ich  han  weder  rüw  noch  rast 
er  stund  vff  vn  sach  vndersich 
pfuch   ich  han  beschissen  mich 

65   sprach    der  pur  hie  lit  ein  drek 
pfuch  wie  übel  er  nu  schmekt 
wib   du  solt  wüssen 
der  schüler  hat  mich  beschissen 
vss    furtze    hat    ich    im  ein    bett 
gemacht 

70  dar  in  solt  er  ligen  über  nacht 
dz  hett  er  alles  gelesen  zesamen 
vn  het  es  hinder  den  offen  getan 
dar  VS  ist  worden  ein  grosser  drek 
der  hie  als  übel  schmekt 

75   er  het  mir  ytel  recht  getan 
des  müs   er  ein  gut  iar  han 
"^   wider  gelt  wart  nie  verbotte 
wer  spottet  des  sol  man  spotten 
wer  den   and'n  tören  wil 

80   der  wirt  vii  dik  der  torn  spil 
vii   wirt  geschant  in  kurtzer  frist 
als  disem  purn  geschechen  ist 
wer  der  lütten  spotten  wil 
so   es   denn  kumpt  vff  dz  zil 

85   so  wirt  er  lasters  vii  spottes  vol 
wirt  er  betrogen  dz  ist  wol 
hett  der  pur  nit  gespottet  sin 
an  laster  wer  er  wol    kome    hin 
vii  wer  nie  in  die  schmacht  komen 

90   ich  han   es  noch  me  vernomen 
[94]   das  man  den  bösen  geschenden  sol 
der  da  spottes  ist  so  vol 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHRHS.        261 


4.  Ein  böses  Weib 

[Ejin  man  der  hat  ein  wib 

die  hat  er  als  lieb  als   sin  Hb 
dz   selb   sy  im  ouch  tett 
jeklichs   das   ander  lieb   hett 
5   das  was  lutzefier  gar  leid 
er  bub   an  vnd  seit 
zu   dem   andn  gesellen  sin 
ob   enkeiner  wer  vnder  in 
der  die  liebe  könd  gescheiden 

10  vn  die  liebe  möcht  bringe  in  leid 
do  WZ   einer  vnder  in 
vii  sprach  ich  wil  derselbe  sin 
vn  wil  sy  verwiren  gar 
lucifier  dz  sag  ich   dir  für  war 

15   lucifier  sprach  nu   far  hin 
vn  mach   gros  leid   vnder  in 
er  für  hin  in   des  mans   hus 
er  lüfi"  dik  in  vnd  vs 
ob  er  die  liebi  mocht  scheiden 

20   er  schüff  nüt  dz  wz  im  leide 
do  kam   er  zu   einer  frowen  alt 
die  kont  boßheit  mänigfalt 
er  gi-iitz  sy  vn  sprach  zu  ir 
zwen   schlich  wil  ich  geben  dir 

25   ob   du  die  liebi  kanst  scheiden 
vnder  den  menschen  beiden 
si   sprach  ia  dz  kan  ich  wol 
ich  weis  wol  wie  ich  es  tun  sol 
gist  mir  die  schu  so  tun  ichs  gern 

30   die  liebi  kan  ich  in  leid  verkern 
er  sprach  so   gang  hin 
vnd  mach   gros  leid  vnder  in 
so  wil  ich  dir  die  schuch  geben 
ob   du  es   schaffest   eben 

35   sy  gieng  hin  zu   dem  man 
weist  du  nit  wz  da  het  getan 
din  wib   ein  andrer  lit  by  ir 
für  war  sag  ich  es  dir 
so   du  gast  vss   dem  hus 

40   so  loufft  sy  an  stett  hin  vs 
vii  heist  ir  bul  zu  ir  komen 
für  war  hau  ich   es  vernomen 
der  man  wand  es  wer  war 
[95]   do   für  dz  altwib  aber  dar 

45   vn  gieng  zu  siner  frowen 
die  liebi  wolt  sy  zerhowen 
si   sprach   sag  an  mir 
ist  din  man  ietz  nit  fyent  dir 


scheidet  eine  Ehe. 

ia  werlich  er  tut  gelich 

50   als   ob   er  fast  hasse  mich 
dz  alt  wib  begond  do  iechen 
ein   gutten    rat   wil  ich  dir  gebe 
ein  schökly  har  ist  im  in  sim  nak 
den  solt  du  bald  howen  ab 

55    so  vergat  im   sin  zorn 

tust  es  nit  so  bist  verlorn 
si  volget  der  valsche  frowe  lere 
des  kam  sy  in  laster  vn  in  vnere 
dz  alt  wib   gieng  aber  hin   do 

60  zu  dem   man  vu  sprach  also 
din  wib  wil  dich  haben  tod 
volgest  mir  nit  du  kunst  in  not 
so   du  heim  kunst  ze  nacht 
so  merk   wie    dich    din   wib    en- 

pfacht 

65   si   spricht  kum   har  zu  mir 
so   wil  ich  lusen   dir 
so  nimpt  sy  in  ir  hant  ein  schär 
vn  wil  dir  abrissen  die  kein  gär 
do   er  ze  nacht  heim  kam 

70   die  frow  die  schär  in  die  hant  nam 
sy  sprach  kum  ich  wil  dir  lusen 
den  man  begond  grusen 
er  leit  sich  do  in  ir  schoss 
die  liebi  wurdent  sy  bede  blos 

75    dz  schökly  wolt  sy  im  abhowen  do 
er  sprang  vff  vii   sprach   also 
pfuch  pfuch   du  bös  wib 
woltest  du  verderben    minen   lip 
frilich  dz  müs   dir  werden  leit 

80   es  was  mir  wol  vorgeseit 
die  liebi  wart  zerstöret  gar 
des  nam  der  tüffel  vii  eben  war 
er  geriet  vii  bald  louffen 
dem   alten  wib   die  schü  kouffen 

85   an  einer  stangen  bot  er  ir  do 
die  schlich  vn   sprach  zu  ir  also 
se  hin  ich   wil  fliechen  dich 
wan  du  bist  vii  böser  den  ich 
du   hast  volbracht  ein  boßheit 

90  dar  an  han  ich  grossen  flis  geleit 
vii  kond  es  doch  nie  geschaffen 
die  liebe  hast  du  ze  leid  gemachet 
sit  du  denn  böser  bist  den  ich 
so  solt  die  schuch  von  mir  en- 
pfache  nicht 


262 


J.  BAECHTOLD 


95   denn  an  einer  stanngen 
'^  man  mag  es  wol  sagen  in  allen 
landen 
das  nüt  böser  ist  denn  ein  bös 
wib 
dz  wirt  bewert  noch  hütbezitt 
dz  der  tüffel  nit  volbringe  mag 
[96]  100  dis  bossheit  weder  ze  nacht 
noch  ze   tag 
vii  doch  dis  wib  hat  verbracht 
vnd   so   bald  hat  erdacht 
dz  sy  die  liebi  kond  scheiden 
vii  sy  verwerrti  beide 
105  bös  wib  machet  leid  vn  zorn 


von  der    frowen    wurdent  sy 
vrworn 
dar  vm  so  rat  ich 
dz  nieman   sol  keren  sich 
an  böse  wib  well  er  genesen 

HO   vii  in  fröiden  well  wesen 
hette  der  also  getan 
so  möcht  er  sin  wih  mit  fröide 
han 
nieman    als  bald    gachen  sol 
er  sol  die  mär   erfarn  wol 

115    ob   es   war  oder  erlogen   sy 
so  mag  er  wol   sin  leides   fry 


5.  Respi 

[E]in  edel  man  in  einer  stat  saß 
gen  dem  trüg  ein  bürg'  grose  haß 
er  waz  im  fyent  vm  etwz  sach 
nu  merkent  wz  dar  nach  geschach 
5   der  burger  tot  den  edel  man 
sin     sun     gedacht    wie    er    wölt 
fache  an 
dz   er  den  burger  erstäche 
vnd  sinen  vatter  räche 
ein  mals  kam  im  in  sin  mut 

10   dz  er  lerte  scheren  dz  wer  im  gut 
vn  dz   er  gieng  in  frömde  land 
bis   dz  man  inn  nit  me  bekant 
vn  sölt  denn  da  heim   ein  scherer 

wese 
den  burger  wölt  er  nit  lan  gnesen 

15   vn  wenn  der  burger  kam  vnd'  in 
dz  er  im   schäre  den  harte  sin 
so  wölt  er  im  abrissen  die  kein 
vn  wölt  sich  dann  vö  danne  stein 
er  für  da  hin   in  frömde  land 

20   er  wuchs   dz   man  in   nit   bekaut 
vii  lert  scheren  vii  für  hein 
in  bekant  weder  gross  noch  klein 
er  ward  ein  scherer  in  der  statt 
do  kam   der   burger  der  do  hatt 

25   ertött  den  lieben  vatter  sin 

er  gedacht  er  wölt  in  richtö  da  hin 


ce  finem. 

vii  wolt  im  nemen  sin  leben 
in   sorgen  begond  er  streben 
nu  WZ   es   sitt  in   der  statt 
30   dz  ieklicher  burger  hat 
[97]   ein  rimen  an  dem  gewande   sin 
der  WZ  gemacht  in  latin 
der  selb  vers  wz   also  gedieht 
wend  ir  wüssen  dise  schrifft 
35   Quidq    agis  prudent'   agas  &  re- 

spice  fine 
also  WZ   er  geschriben  in  latin 
des  verses   sin  wz  dz  ieder  man 
allweg  betrachtet  solt  han 
in    sinem    hertzen     wz    er    wölt 

tun 
40   dz  da  von  kam  kein  vnsün 

vn    das   er  solt    betrachtn  in  sin 

hertze 
ob  dar  vs  kam  fröid  oder  smertze 
der  scherer  disen  vers  las 
er  gedacht  wz  ist  das 
45   vii  bald   begond  er  betrachte   de 

rimen 
der  da  wz  geschriben  in  latine 

er    hat     betrachtung     in     sinem 

hertzen 

töd  ich  in  so  kam  ich  in  schmertzen 


111  der]  dir  Es. 

35  Quid'q  agis]  agas  Hs. 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHRHS.   263 


vii  han  min  leben  verlorn 

50   ich  wil  von  mir  lassen  disen  zorn 
vn  wil  es  vnder  wegen  lassen 
got  der  kan  in  selb  wol   straffen 
ertöd  ich  in  so   miis   ich   sterben 
got  sol  in  selb  verderben 

55   ich  wil  in  weder    schlache  noch 

stechen 
got  kan   es   selb  rechen 
do   er  ob  im   stund  also 
der  burger  sprach   zu  im  do 
lieber  scherer  sag  mir 

60  WZ  ist  hie  geschechen   dir 
ich   sich  wol   du  bist  in  leid 
lieber  scherer  wol  gemeid 
sag  mir  wz  ist  din  schmertzen 
den   du  treist  an   dinem    hertzen 

65   er  seit  im   do   dise  mer 

dz   er  des   edlen  mans   sun  war 
vii  wölt    sin  vatter  han  geroche 
vn  wolt  in  han  erstochen 
*7   dise  bischafft  vns   ein  lere  git 

70  vn  spricht  wz   man  tu  in  dem  zit 


so  sol  man  sich  vor  betrachten  wol 
das  man  dar  nach  nit  werd  leides 

vol 
in   des   dings   anefang 
so  sol  man  gedenken  wz  dar  nach 

gang 
75    ob   es   Übels   oder  guttes   sy 

vnd    ob    man    da    müg    sin    aller 
sorgen  fry 
[98]   vnd  solt  dz   ende   ansechen 

ob    fröid    ald    leid    da    kunn    ge- 
schehe 
betracht  vii  wol  wz  da  kom  von 
80   dz    du    bestandist    an    den    eren 

schon 
man  wirt  von   mänger  sach  leids 

vol 
dz   man   vor  hat  verkomen   wol 
in  allen  dingen  solt  betrachte  dich 
als  der  iungling  hat  betrachtet  sich 


6.  Von   Buhl  Schaft  und  treuer  Liebe. 


[E]in  koufFraan  in  grossen  eren  sas 
der  hat  ein   bulen   als  ich  las 
den  hat  er  lieber   den  sin  wib 
sin  wib  hat  er  in  grossem  kib 
5   so   er  vss  für  nach  gewin 
so  koufFt  er  dem  bulen  sin 
alles   dz  ir  hertz  begert 
sin  wib  wz  im   gar  vnwerd 
ein  mals  für  er  vs  vff  gewin 

1 0   do   sprach  die  frowe  sin 

e  lieber  man  kouff  mir  ein  sekelin 
so   müs   mir  wol  dester  bas   sin 
vii  da   ein  pfennwert   witz   in  sy 
so  wirt  ich   alles  leides  fiy 

15   der   kouifman    sprach   dz   sol  sin 
ob  ich  nit  vergiss   din 
gan  frankfurt  für  er  hin 
vff  nutz  vn  vff  gutten  gewin 
er  koufFt  mänger  ley  schätze 

20   siner  frowen  er  vergasse 

do   er  in  sin  wirtz   hus  gieng 
der  wirt  in  vii  wol  enpfieng 


mit  enander   assent  sy  ze  nacht 
der  koufFman   sich   do   bedacht 

25    ob   er  hetti  vergessen  icht 

dz   er  käme  hein   dar  ane  nicht 
der  koufman  zu  dem  wirte  sprach 
do   er  sich  also   bedacht 
nu  han  ich  noch  vergessen  ein  ding 

30   dz   kostet  kum   dry  pfenning 
es  ist  mit  witzen  ein  sekellin 
dz  solt  ich  han  koufFt  der  frowe  min 
nach  dem  sekel  hat  sy  gros  begir 
d'  wirt  spch  lieb'  gast  nu  saget  mir 

35   wz  ist  üwer  gefert  da  heim 

dz  üwer  frowen  kram  ist  so  klein 
er  seit  im   dise  mär 
[99]  wz  im  vn  siner  frowen  wer 

vnd  euch  wie  er  einen  bulen  hat 

40   da  heimen  so  nach    by  der  stat 
der  wirt  sprach  nu  volgent  mir 
so  wirt    erfüllet  der  frowe  begir 
so   ir  wellent  hein  farn 
so  sond  ir  üwer  gut  wol  bewarn 


264 


J.  BAECHTOLD 


45  vn  sond  bös  ghäs  legen  an 
vnd  sond  zu  üwerm  bulen  gan 
vn  sprechent  zu  ir  alsus 
so  ir  koment  für  dz  hus 
ach  liebes  lieb   nu  las   mich  in 

50  won  ich  so  gar  verdorben  bin 
ich  han  verlorn  als   min  gut 
dar  vm  han  ich  gantz  niena  müt 
dz   sond  ir  benüte  lan 
ir  sond  ouch  ze  üwer  frowe  gan 

55  vii  sond  sprechen  ze  ir 

0  wib  wie  gar  sint  verdorbe  wir 
ich  han  verlorn  als   min  gut 
dar  vb'   han  ich  verlorn  min  mut 
tünd  ir  dz   so  wirt  wol  schin 

60   wa  die  recht  liebi  mag  sin 
üch   wirt  zwar  deil  bekant 
wa  ir  die  rechten  liebi  hant 
der  koufman  sprach  vff  min  ere 
gern  sol  ich  volgen  üwer  lere 

65   also  für  er  da  hin 

vnd  bewart  wol  dz  gutte  sin 
vil  leit  an  gar  bös  gewant 
vn  gieng  da  er  sin  bülen  vand 
er  klopfet  an  vn  sprach  ze  ir 

70   0  hertz  lieb  lass  mich  zu  dir 
ich  bin  worden   ein   arme  man 
sit  ich   min  gut  verlorn  han 
si   sach  her  vs  vn  sprach  zu  im 
blib   duss  won  ich  vnmvissig  bin 

75   tritt  vom  hus  verr  hin   dan 
mit  dir  ich  nüt  zeschaffen  han 
also  ward  er  von  ir  empfange 
vil  bald  kam  er  ouch  gegange 
für  sin  hus  vn  klopfet  an 

80  vil  bald  sin  wib  do  kam 
vil  bald  sprach  er  zu  ir 
0  wib  wie  sint  verdorben  wir 


flOO]  ich  han  verlorn  als   min  gut 
dar  viü   so  bin  ich  vngemüt 
85   si  lüff  her  ab   bald  zu  im 
lieber  man  laß  din  truren  sin 
bis   frölich  vn  hab  gutten  müt 
ich   han  noch  vil  verborges  gut 
wir  hant  noch  gnug  die  wil  wir  lebe 
90  got  kan  vns  noch  wol  me  geben 
in  sin  hus   gieng  er  do 
die  frowe  wz  des  vil  fro 
das  ir  man  was   komen 
des  kam  sy  zu  gut  vn  ze  fromen 
95   der  kouffman  schikt  do  vm  sin  gut 
sin  bul  wart  do  vngemut 
dz   si  in  nit  lies  in 
si  wand  er  het  verlorn  dz  gutte  sin 
sin  frow  in  aber  wol   enpfieng 

100   dar  vmb   es  ir  dester   bas  gieng 
*7  mänger  findet  bülen  vil 
all  die  wil  er  geben  wil 
so  er  aber  von  dem  geben  lat 
so  wüss   er  dz  die  liebe  zergat 

105   die  liebe  wirt  zerstöret  gar 

wenn  er  die  gaben  nit  me  bütet  dar 
die  liebe  wert  lange  zitt 
die  wil  er  pfennig  von  im  git 
mänger  sin  antlit  in  der  täschen  treit 

110   der  mit  vngestaltnus    ist  bekleit 
gekouffte  liebe  wirt  niemer  gut 
er  hat  zwar   ein  tumen  müt 
wer  ein  biderb  frowen  hat 
vnd  sich  an  torecht  frowe  lat 

115   die  frowen  minnent  die  riehen  man 
den  armen  lant  sy  sicher  gan 
wem  min  gut  lieber  ist  denn  ich 
vn  zu  mir  gesellet  sich 
vmb  dz  das  im  werd  dz  gelte  min 

120   der  sol  zwar  nit  min  geselle  sin 


7.  Von  einem  Sohn,  der  dem  Vater  die  Nase  abbeißt. 

[W]as  der  man  gewonet  hat 
dz  ist  ein  wunder  ob  er  dz  lat 
WZ  in  der    iuget   gewonet  dz 
kind 


als  man  an  den  buchen  geschri- 
ben  fint 


5   dz  selb  tribt  es  in  dem  alten  iar 
dz  gloubent  es  ist  sicher  war 

101]  als  ein  man  mich  hat  ermant 
do   er  so   sere  wart  geschant 
von  sinem   sun   den  er  hat 

10  übel  gezogen  in  einer  statt 


46  ghäs  :=  Kleidung.         75  verr]  ver  Ha. 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHRHS.   265 


was  er  tett  dz  geniel  im  wol 
des  ward  er  dar  nach  leides  vol 
do   begond  der  selb  sun 
in  allen  dingen  vnrecht  tun 

15  rouben  vnd  stelen  kont  er  wol 
da  von  ward  der  vatter  leids  vol 
doch  ward  es  im  dik  vorgeseit 
das  der  sun  verbracht  vil  bosheit 
dz  wolt  er  aber  nit  glouben 

20  des  wurden  naß  sine  ougen 

do  ward  nit  lang  an  im  gespart 
won  das  der  sun  gefangen  wart 
won  gar  schädlich  wz  sin  leben 
do  wart  vrtel  gegeben 

25   über  in  er  sölte  hangen 

dz  hat  er  mit  stelen  begangen 
man  fürt  in  vs  vnd  wolt  in  henkf? 
der  dieb   do  begond  gedenken 
dz  jn  sin  vatter  hat  gezogen  also 

30  vil  lut  rufft  der  dieb  do 

lieber  vatter  kum   her  zu  mir 
was  ich  well   sagen  dir 
ich  bin  leider  in   grosser  not 
ich  wil  dich  küssen  vor  minem  tod 

35   der  vatter  do  zu  dem  sun  gieng 
den   sun  er  vil  bald  vmbefieng 
der     sun     tett    als     ob     er    wölt 
küssen  in 
vnd  beis   im   ab   die  nasen  sin 
der  vatter  schrey  we  vn  ach 

40   owe  dz  das  ie  geschach 

ich  wand  du  wöltist  mich  küssen 
du  hast  mir  aber  abgebissen 

8.  Der  Wolf 
[H]ie  vor  in   einem  wintter  zitt 
so   sehne  vnd  rifFen  lit 
do  dinget  ein  wolff  ein  knecht 
dem  geschach   dik  gar  vnrecht 
5   der  knecht  ein  fuchs  wz 
als  ich  an  einem  buche  las 
der  fuchs  solt  dem  wolff  helffen 

stein 
vn  solt  es  vor  den  lütten  verhelu 
der  selb  wolff  wolt  alle  iar 
10  dem  fuchs  geben  ane  var 


die  nasen  dz  ist  mir  leid 
der  sun  zu  dem  vatter  seit 

4.5  vatter  ich  han  dir  getan  itel  recht 
WZ  ich  tett  dz  wz  schlecht 
du  soltest  mich  bas  gezogen  han 
an  mir  hast  du   übel  getan 
WZ  ich  tett  dz  gefiel  dir  wol 

50   des  bist  du  worden  leides  vol 
der  sun  ward  erhenkt  do 
der  vatter   gieng   dannen  vn  wz 

vnfro 
"7  wer  nit  well  werden  leides  vol 
von  sinen  kinden  der  sol 

55   sy  wennen  in  der  iugent 

dz  sy  stellent  vff  er  vn  vff  tugent 
man  sol  sy  lernen  sitten  gut 
vn  inen  nit  verbeugen  iren  mut 
man   sol  durch   nütte  lassen 

60  vmb  vnrecht  sol  man  kint  straffen 
man  sol  kind   dar  nach   halten 
wann  sy  beginuent  alten 
das  sy  syent  in  gütter  hüt 
vnd  das  gerecht  sy  jro   mut 

65   [102]  won  was  der  man  gewonet 

hat 
in   der  iugent  vil  kum  er  dz  lat 
wenn   er  kunt  zu  sinen  tagen 
so  müs  er  dz   selb  tragen 
das  er  gewonet  hat 

70   dar  vmb   so   gib   ich   den  rat 
dz  man  kind  zieche  in  der  iugent 
dz  sy  stellent  vff  er  vil  vfi'  tugent 

als  Fischer. 

acht  guldin  vn  sin  essen  dar  zu 
er  solt  im   dienen   spat  vii  fru 
do  der  dienst   wol    gefestnet  wart 
do  hub  sich  der  fuchs  vff  die  fart 

15   vnd  fieng  ein  gans   die  wz  gut 
er  zoch    hein  frölich  wz  sin  mut 
er   rüfft   dem   wolff  dem   meister 

sin 
wol  her  nim  die  ganse  hin 
der  wolf  teilt  die  gans   do 

20   an  dry  teil  vnd  sprach  also 


14  vnrecht  tun]  vnrechtun  Hs. 

2  sehne]  sehe  Hs.         13  wol]  wolg  Hs. 


266 


J.  BAECHTOLD 


los  fuchs  WZ  ich  sage  dir 
der  erst  teil  gehört  mir 
der  ander  gehört  den  kinden  min 
der  drit  sol  mines  wibs   sin 

25   der    wolf    sprach    fuchs    ich    han 
vergessen  din 
louff  aber  me  dahin 
vnd  bring  ettwas  me 
dz  wir  gebüssent  des  hungers  we 
der  fuchs  zoch  vff  dz  feld  hin  dan 

30   do   sach   er   ein  geis  gan 
in   einer  wisen  sy  wz  klug 
sy  WZ   gar  eben   des  fuchs  fug 
er  fieng  da  die  geis  ze  band 
vnd  gieng  da  er  fand 

35   sin  meyster  vil  bald  er  kam 
die  geis   er  ouch  teillen  began 
er  teilt  an  drü  stuk  dieselben  geis 
vil    fräslich   er  dar  in  beis 
er  sprach  der  erst  teil  ist  ouch  min 

40   der  ander  sol   der  kinden  sin 
der  dritt  gehört  miner  frowen 
der   fuchs    begond    den  wolff  an 
schowen 
vnd  sprach   das  ist  ein  bös  recht 
das  ir  verteillent  üwern  knecht 

45   der  wolff  do   antwurt  jm 
[103]  vnd  sprach  wenn  ich  voll   bin 
so   sorg  ich  nit  wie  es  dir  ge 
louff  bring  vns  aber  me 
der  fuchs   gieng  aber   da  hin 

50  vnd  gedacht  jn  dem  sinne  sin 
wie  er  den  wolff  wölt  beschissen 
des  begond  er  sich  vast  flissen 
zu  dem  wolff  begond  er  aber  traben 
wolff  meister  hör  wz  ich   sage 

55   ich  weis   ein  wyer  vischen  vol 
da  wil  ich  üch  lernen  wol 
dz  ir  die  visch  vachent  alle 
dz  begond  dem  wolf  wolgefallen 
er  sprach   so  für  mich   dahin 

60  da  der  wyer  müge  sin 

zu  dem  wyer  giengent  sy  do 
der  fuchs  zu  dem  wolff  sprach  also 

74  verr]  ver  Hs. 


her  wolf  wilt  du  volgen  mir 
so  hör  was  ich   sage  dir 

65   den  schwantz  in  dz  wasser  tu 
so  louffent  die  vische  alle  zu 
vn  hangent  dir  dar  an 
enkeiner  mag  dir  engan 
so  denn  die  vische  koment  dar  an 

70   so   solt  du  by  nütte  lan 

du  solt  den  swantz  her  vs  ziechen 
vnd  da  mit  an  dz  land   fliechen 
der  wolf  volget  der  lere  sin 
vn  stiess   den   swantz  verr  hin  in 

75   do  gefror  im  der  schwantz  hartte 

vast 
dz  er  mit  keiner  krafft 
noch   mit  keinen   dingen 
den  swantz  mocht  her  vs  bringen 
jn   dem  wyer  must  er  sin 

80  bis   das   ein  man  kam  da  hin 
der  schlug  do   den  wolf  ze  tod 
dz  schaff  der  fuchs  dz  tett  jm  not 

^  wer  den  and'n  betriegen  wil 
genüst  er  des  das  ist  nit  vil 

85   wer  mir  wil  tun   dik  vnrecht 

des     ding     sol     niemer     werden 

schlecht 

wer  mir  abbricht  min  rechtn  Ion 

mag  ich  den  betriegen  dz  wil  ich 

tun 
wem  ich   thun  i-echt  vnd  wol 

90   vnd  den  mir  nit  lonet  als  er  sol 
den    wil    ich    bringen  in  leid  vii 

in  we 
vnd  wil  im   dienen  niemer  me 
als  der  fuchs  hat  geton 
do  im  der  wolf  den  rechten  Ion 

95   [104]     vmb    sin    dienst   nit    wolt 

geben 
er  bracht  den  wolff  viTi  sin  leben 
sölicher  lütten  man  noch  vil  fint 
wenn  sy  wol  gespiset  sint 
so  achtent  sy  nit  wz  eim  and'n 
gebrist 
100   dz  sy  gescheut  werdeut  in  kurtz' 

frist 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHRHS.        267 


9.  Die  listige  Frau. 


[E]s  hat  ein  man  ein  iunges   wib 

die  hat  er  als  lieb  als  sine  Hb 

doch  ir  trüw  sy  an  im  brach 

eins  mals  do  sy  ein  pfafFen  ersach 

5   do  kam  dem  pfatFen  in  sin   sinne 

dz   er  sy  bat  vmb   die  minne 

sy    sprach     wie     wöltin    wir    es 

fachen  an 

wan  ich  han  so  ein  häfFtigen  man 

vernäm  er  von    mir  söliche  mär 

10  so  wüssent  das  ich  verlorn  wer 
doch  kan  ich  es  wol  vachen  an 
das  sin  nit  wirt  innen  min  man 
ein  schnür  wil  ich  binden  an  die 
füsse  min 
wenn  den  üch  dunkt  dz  es  zit 
söle  sin 

15   so  züchent  dz   seil  dz  ich  erwach 
so  vernimpt  min  man  nit  dise  sach 
vilicht  spricht  denn  min  man 
so  wil  ich   daü  zu  üch  gan 
war  ich  welle  so   sprich  ich 

20  in   dem  buch   krimet  mich 

mich  dunkt  möcht  ich  ze  stule  gan 
min   schmertz  müst  ein  ende  han 
so   wannet  min  man   es   sy  war 
so  kum  ich   denn  zu  üch   dar 

25   der  pfaff   sprach   der  siil  ist  gut 
des  ist  erfröwt  aller  min  müt 
da  mit  gang  lieber  bül  da  hin 
wenn  mich  dunkt  dz  es  zitt  söl  sin 
so   kum  ich   vnd  züch   dz   seil 

30   got   der  geb  vns   dar  zu  heil 
die  frow  gieng  hein  jn  ir  hus 
si  assentze  nacht  vnd  sprach  alsus 
zu   irem  man  mir  ist  gar  we 
dar  vm    sond    wir    gan    schlaffen 
dester  e 

35   dz  ich  kom  zu  der  gesuntheit  wider 
also   giengent  sy   do   nider 
die  frow  erlöscht  dz  liecht  zehant 
die   schnür  sy  an  die  füsse  band 
vn  leit  sich  an  ir  gütten  gemach 

40   nu  merkent  wz  do  da   geschach 


do  die  frow    entschlieff  do    wolt 
der  man 
sin  harn  wasser  von  im  lan 
an   die  schnür  sties  er  sich 
dz   dücht  in  gar  wunderlich 
45   in  wundert  wz  die  schnür  tätte  da 
der  schnür  ende  gieng  er  na 
[165]  bis   das   er  an  der  frowen  füsse 

kam 
vil  gros  wunder  er  dar  ab  nam 
er  getacht    wz    die    frowe    meint 

damit 
50  jn  bedacht  es  betütte  güttes  nit 
dz  seil  band  er  selb  an  die  füsse  sin 
er  gedacht  wer  wil  kommen  her  in 
ze  band  kam  der  pfaff  gegangen 
an  die  schnür  begond  er  hangen 
55  vn  zoch  fast  der  man  stund  vfif 
vn  gieng  hin   ab  in  dz  hus 

do  fiel  der  pfaff  an  den  selben  man 
er  wand  er  sölt  sin  bülen  han 
der  man  vmb  fieng  den  pfaffen 

60  vn    sprach    wz    hast    du    hie   ze- 

sch  äffen 
du  bist  ein  minner  dz  sich  ich  wol 
der  minne  dir  gnüg  werden  sol 
vil  bald   rüfft  er  der  frowen  sin 
stand  vf  liebe  husfrow  min 

65   es  ist  ein  dieb  in  dem  hus 
der  wolt  dz  vnser  tragen  vs 
vil  bald  zünt  ein  liecht  an 
er  müs  ie  sin  leben  hie  lan 
die  frow  stund  vffvnd  wz  leides  vol 

70  vil  bald  blies   sy  an  ein  kol 
sy  sprach  dz  liecht  wil  brünnen  nit 
dar  vmb   so   bitt  ich  dich 
dz   du  selbs   enzündest  dz  liecht 
vnd   gib   mir  die  wil   den  dieb 

75  jn  min  band  ich  wil  in  vast  han 
dz   er  mir  nit  kan   engan 
der  man  blies   selb  an  den  brand 
die  frow  nam   den  pfafFen  an  die 

band 


37  erlöscht]  erlöst  Ha,         49  damit]  damitte  Ha. 


268 


J.  BAECHTOLD 


vn  sties  in  für  dz  hus  hin  dan 
80  vil  bald  sy  do   einen  esel  nam 
vnd  hat  den  vast  jn  ir  hant 
vn  do   der  man  hat  enbrant 
dz  liecht  do   kam   er  gelouffen 
die  frow  sprach  ina  woffen  woffen 
85    [106]   wie  bist  duso  ein  vnsinniger 

man 

dz  du     ein     esel     für     ein     dieb 

vallest  an 

zwar    ein    man 

gewesen 

lassen    genesen 

dem  hus  gelan 

die  hant   getan 


er  sprach    es  ist 


hie 


den  hast  du 
vn  hast  den  vss 
90  vnd  den  esel  in 

dar  vm  so  gang  vs  du  böses  wib 
du  hast  verschmachet  minen  lip 
vii  woltest  haben  ein  and'n  man 
des  must  du  vss  dem  huse  gan 
95  die  frow  lüff  für  dz  hus  hin  dan 
zu  einer  alten  frowen  sy  do  kam 
von  gräwe  wz  wiss  ir  har 
si  sprach  liebe  frow  nement  war 
ich  wil  üch  trülich  klagen 

100   min  man  hatt  mich  vsgeiaget 
dar  vm  wil  ich   üch  geben  Ion 
dz   ir  wellent  für  dz  hus   gan 
vn  da  wellent  weinen  vor  dem  hus 
so  wil  ich   gan  hin  vs 

105   zu  minem  herrn  wie  er  sich  gehab 
ob  er  enkeinen  gebresten  trag 
dz  alt  wib   sprach  ich  wil  es  tun 
gebent   mir    ein  käs  vn   ein  htm 
si  sprach    ich  wil  üch    noch  me 

geben 

110   dz  ir  die  Sachen  vollbringent  eben 
dz  alt  wib  sass  für  dz  hus  hin  dan 
vil  fast  weinen  sy  began 
do  lüif  der  man   her  vs 
vil  schlug  dz  alt  wib  vor  dem  hus 

115   vn  sneit  ir  ab  ir  grawes   har 
er  wolt  wannen  sicher  für  war 
dz  es  were  sin  eliche  frow 
dz  bare  gehielt  er  do 
jn   ein   tuch   schön   vi!   vin 

120  vnd  band  es  gar  sicher  dar  in 
do  nu  der  schön  klare  tag  har  kam 
do  lüff  der  selbe   man 


125 


[107 
130 


135 


140 


145 


150 


155 


IGO 


vii  lud  die  fründ  siner  frowen 
vnd  wolt  sy  lassen  schowen 
dz  mord  dz  jm  sin  frow  hat  getan 
da  hin  kament  frowen  vn  ouch  man 
die  ir  fründ  solten  sin 
er  gab    inen  fleisch  brot  vii   dar 
zu  win 
]  do   sy  also  trunken  vü  asent 
vnd  ob   dem  tische  sassent 
do   trüg  der  man  hin  in 
dz   selb  har  in   eim  tuchelin 
vü  sprach  ir  fründ  ich  wil  üch  klage 
vü  von  miner  frowen  ettwz  sagen 
si  hat  mir  armen   man 
gar  ein  gros  vntrüw  getan 
nacht  ze  nacht  mit  einem   man 
den   wolt  sy  by  ir  schlaffen  lan 
vii  seit  den  fründen  also  die  mär 
wie   es   ergangen   war 
er  sprach    lieben   fründe  nement 

war 
ich   schneid  ir  ab  ir  har 
ze  einem  Wortzeichen  vü  durch  dz 
dz  man   es  geloupti  dester  bas 
er  nam  her  für  dz  selb  har 
do  WZ  es  ittel  grawe  gar 
dz  har  sachent  die  fründe  an 
die  frow  sprechen  do  began 
sechent   lieben  fründe  min 
der  man  mag  wol  vnsinnig  sin 
min  har  ist  gelw  vii  grawe  nicht 
nu    sechent    wie  mir  mit  im  ge- 
schieht 
nacht  fieng  er  ein  esel  für  ein  man 
vnd  schrey  den  für  ein  dieb  an 
des  har  het  er  abgesnitten 
vnd    wil    mich    nun    geschenden 
damitte 
die  fründ  wandent  alles  wer  also 
vii  sprachent  allsament  do 
der  man   ist  vnsinig  dz  sieht  man 

wol 
vil  bald  man  im   hellffen  sol 
sy  schiktend  nach   einem  priest' 
zehant 
der   die   lüt  besweren  kond 
der  beswur  do   den  armen   man 
sy  warent  alle  jn   dem  wan 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHRHS.   269 


165   der  man  wer  vnsinnig  gewesen 
*^   nu  merkent  wer  nu  müg  genesen 
vor  böser  valtscher  wiben  list 
owe  sälig  er  nu  ist 
der  mit  bösen  valscben  wiben 

170   sin  leben  nit  sol  vertriben 

sy  betörent  mängen  wisen  man 
vor  inen  sich  ieman  kum  liütten  kan 
wer  nu  kunt  in  ir  band 
von  inen  kunt  er  kum  ane  schand 

175   er  wirt  betöret  an  allen  wan 
also   geschach  disem   armen  man 
er  müst  ie  vnsinnig  wesen 

[108]  ich  han  noch  me  gelesen 

10.  Die  Katze 
[E]ines   mals   dz  geschach 

dz  ein  katz  ein  mus  louffen  sach 

in  ein  loch  wz  spinn  wupp  vol       [ 

die  katz  tett  als   ein  katz  sol 

5   vn  lufF  in  dz  loch  nach   der  mus 

vnd  fieng  sy  vn  do  sy  kam  her  vs 

do  lag  ir  ein   spinn  wup  vff  dem 

houpt 
die  katz  do  für  war  geloupt 
si  trüg  ein  wiler  vff  irem  houpt  do 

1 0  in  irem   sinne  gedacht  sy  also 
ich  bin   ein  nunn  dz  sich  ich  wol 
der  müsen  ich  nit  me  vachen  sol 
ich  wil  alle  zit  geistlich   leben 
den  müsen   wil  ich   nit  me  nach 
streben 

15   ich  wil  tun  dz   ein  frow  tun  sol 
ich  hoff  mir  solle  wer  len  wol 
als  ein  nunn  kan  ich  wol  gebarn 
zu  and'n  nunnen  wil  ich  farn 
ein  andre  sol  die  müse  vachen 

20  in  ein  kloster  wil  ich  gachen 
vii   do   sy  in   dz  kloster  kam 
zu  den  nunnen  lüff  sy  hin   dan 
vn  wolt  ouch   ein  nünne  wesen 
do  kond  sy  weder  singe  noch  lesen 

25   die  nunnen  die  katzen  an  Sachen 
si  wanden   sy  wölt  müs  vachen 
vn  beschlussent  sy  in  ein  kornhus 
dar  inn  lüff  vil  manig  mus 
die  müst  die  katz  vachen  vs 

30   do  WZ  ir  nunnhcit  alle  vs 


das   salomon  ein  wiser  man 
180   den   wiben  ouch  nit  kont  engan 
vfi  samson  vn  allexander 
die  kament  all  in  schände 
von  böser  valschen  wiben  list 
aber  ein  zart  biderb    wib  ist 
185    ein  kreentur  vor  allen  dingen 
wa  man  die  mag  finden 
si  ist  gold  vil  aller  eren  wert 
kein  besser  ding  weis  ich  nu  vff  erd 
denn   ein  zart  biderb  frowen 
190   alles  leid  kan  sy  zerhowen 
man   sol  sy  loben  vfi  zieren 
vnd  jn  aller  ere  füren 

als  Nonne. 

in  dz  kornhus  ward  sy  beschlossen 
dz  tett  ir  we  vnd  verdrossen 

109]  sy  müst  ie  wesen   dar  inne 
do   gedacht  sy  in  irem  sinne 

35   wie  bin  ich  so  gar  hie  beti'ogen 
sid  mir  ist  der  wiler  vff  geflogen 
es  rüwet  mich  vn  müt  mich  ser 
dz  ich  ie  bin  komen  her 
ich  wand  ich  sölt  ein  nunne  sin 

40   dz  ist  nu  nit  dz  ist  wol  schin 
die  müs  müs  ich  vachen  als  vor 
nu  merk  ich   dz  ich  bin  ein  tor 

*5    sölicher  torn  man  noch  mänge  fint 
so   sy  ein   wenig  gezieret  sint 

45  so  wend  sy  glich  dem  keiser  wesen 
vor  inen  kan  denn  nieman  genesen 
von  ir  glich  wichent  sy  zehand 
als  ob  sy  sy  nie  habent  erkant 
doch  so  sy  sich  sond  herlich  ge- 
barn 

50   so   stand  sy  als   ander  naren 
vü  müsent  sin   dz  sy  warent  vor 
die  katz  branget  fast  enbor 
ir  gespilen    verschmachet  sy  ze- 

hant 
als   sy  sy  nie  habent  bekant 

55   sy  wand  sy  wer  edel  von  recht'  art 
do  tratt  sy  bald  vff  die  vart 
vfi  wolt  ein  kloster    frow  wesen 
doch  zelest  mocht  sy  nit  genesen 
si  WZ  ein  katz  als  sy  vor  wz 

60  vor   schänden  &j  do  kum   genas 


270 


J.  BAECHTOLD 


11,  St.  Petrus  und  der 
[H]ie  vor  fugt  es  sich  an  einem  tag         45 
dz   ein  priester  bredige  pflag 
dar  zu  kament   der  lütten  vil 
als  ich  üch   sagen  wil 
5   er  sprach  wer  mit  arbeit  neret  sich 
vn   die  arbeit  tut  getrülich 
vnd  ir  pfliget  allzit  wol 
als   ein  getrüwer  man  tun  sol  50 

der  mag  liecht  betten  vn  vasten 
dar  zu 

10  vnd  andre  gutte  ding  thün 

110]  arbeittet  er  nu  mit  rechtem  flis 
er  kunt  als   wol  in   dz  paradis 
als  einer  der  da  bettet  alle  zit 
vnd  sust  kein   arbeit  dar  zu  litt 

15   do   er  nu  gesprach   dise  wort 
vil  bald  es  ein  holtzhaker  erhört 
er  behatt  die  wort  gar  wol 
er  gedacht  der  bredgi  ich  volge  sol 
ich  wil  nu  zwar  allen  tag 

20  arbeitten  wa  ich   kan  vn  mag 
er  arbeitet  vast  vn  tett  darzü 
sust  kein  gut  weder  spat  noch  frü 
er  wand  er  tätt  gnüg 
dz   er  arbeit  vn   doch   kein  gut 

25   dar  zu  tett  dz  betrouch  in  zwar 
da  er  gesturb   er  ward  sin  gewar 
er  wand  an  alle  pin 
behalten  werden  durch  die  arbeit 

sin 
vn  wolt  gan   himel  farn  zehant  70 

30  den  schlegel  vn  die  ax  er  vff  die 
gürtel  bant 
vn  do   er  kam  an  dz  himel  tor 
sant  peter  sprach  wer  ist  da  vor 
er  sprach  ich  bin  ein  man 
der  all  sin  tag  vil  arbeit  hat  gehan         75 

35   ich  han  mich   mit  arbeit  ernei't  *? 

als  denn  mich   ein  pfaffe  lert 
der  sprach   wer  da  arbeit  trülich 
der  magwol  komeniedz  himelrich       [111 
sant  peter  sprach  nu  sag  an 

40  hast  du  got  ie  kein  dienst  getan         80 
oder  sant  maryen  der  mütter  sin 
oder  andn  helge  dz  tu  mir  schin 
ald  bekennest  iemä  im  himelrich 
dz  er  got  hätte  für  dich 


55 


60 


65 


Holzhacker. 

oder  hast  du  got  ie  kein  gut  getan 
dz  solt  du   mich  wüssen  lan 
er  sprach    ich   han    gehept    gi'os 

arbeit 
als  ich  dir  vor  han  geseit 
mit  holtz  schitten   han  ich  mich 

ernert 
als  mich  der  pfaff  hat  gelert 
sust  gedienet  ich  nie  gott 
sant  peter  sprach  an  allen  spott 
best    du  dar  zu   kein    ander    gut 

getan 
so  furcht  ich  du  musest  von  hinne 

gan 
best  du  nit  gehalten  gottes  gebott 
vn  hast  ouch  nitt  gebetten  gott 
dz  er  dich  behütti  vor  der  hellen 
vnd  vor  lucifiers  gesellen 
vn  best  ouch  got  nit  geeret 
ich  weis   dz   dich   der  pfaff  leret 
wer  da  arbeit  grösklich 
vnd  mit  arbeit  erneret  sich 
vil  die  arbeit  mit  trüwen  tut 
vn  sich  sust  vor  Sünden  behut 
der  bedarff  nit  als  vil  betten  vn 

fasten 
als  einer  der  alle  zitt  rüwetvii  rastet 
wan  wer  musig  ist  vii  nit  arbeit 
vn  dar  zu  lidet  deheines  leid 
der  ist  schuldig  von  recht 
dz  er  got  diene  als  ein  ein  getrüw' 

knecht 
mit  betten  vasten  vii  wachen 
vn  mit  mängen  andn   Sachen 
aber  so  vil  ist  er  schuldig  nicht 
wer  da  alle  zitt  der  arbeit  pflicht 
vn  sy  mit  gantzen  trüwen  tut 
do  sprach  diser  mit  erschroknem 

müt 
das  han  ich  leider  nit  getan 
I  ach  herregot  wie  sol  es  mir  ergan 
het  ich  die  bredgi  recht  verstanden 
so  wer  ich  ietz  ledig  der  schänden 
vnd  wurd  behalten  ewenklich 
ach  her  sant  peter  nu  bitt  ich  dich 
dz  du  mir  hcllffest  vs  disem  leid 
sant  peter  zu  dem  mane  seit 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHRHS.        271 


85  gib  mir  in  die  band  den  schlegel 

din 
mag  ich  dich  denn  ziechen  her  in 
so  solt  du  wol  hie  beliben  zwar 
den    schlegel  bott  er  sant   peter 

dar 
vnd  hangt  sich  dar  an 
90  vii  do  er  an  den  obresten  Staffel 

kam 
do  hüb  sich  kumers  vil 


wan  vss  dem  schlegel  viel  der  stil 
dar  an   sich  hüb   der  arm  man 
do  gieng  erst  sin  liden  an 
95   mit  dem  stil  viel  er  do 
her  ab   des  ward  er  vnfro 
in  die  helle  nam  er  den  val 
alle  sin  fröide  wurdent  smal 
siner  arbeit  hat  er  enkeinen  Ion 
100   das    er    sich    mochte    fröwen    da 

von 


12.  Der  Pfaff  im  Käskorb. 


[Ejin  pur  hat  ein  stoltzes  wib 

die  hat  er  lieb  als  sin  eigö  lib 
doch  ir  trüw  brach   sy   an  im 
wan   ein  pfaff  lag  ir  in   dem   sin 
5    den  hat  sy  lieber  denn  ir  e  man 
vnd  WZ   sy  güttes  mocht  han 
dz  WZ   dem  pfaffen  bereit 
vnd  wenn  der  pur  von  huse  reit 
so  sant  die  frow  nach  dem  pfaffen 

10   den  ließ  sy  denn  mit  ir  schaffen 
WZ  nu  sin  hertz  begert 
des  wart  er  von  ira  gewert 
doch   kam   es  vff  ein  tag  dar  zu 
dz   der  pur  ze  müle  für 

15   vil  bald  aber  der  pfaffe  kam 
als   er  vor  dik  hat  getan 
do  bereit  im   die  frow   ein  essen 
wan  sy  hattent   sich  vermessen 
si  wöltind   ein  fryes   müttli  han 

20   do  kam  von  der  müli  der  man 
vn  klopfet  an  dz  hus  ze  hant 
die  frow  dz   do  wol  bekant 
das  es   was   ir  man 
zu  dem  pfaffen  sprechen  sy  began 

25   0  herr  wie  sol  ichs  heben  an 
won  es  kumpt    min  elicher  man 
wirt  er  üwer  gewar 
er  erstichet  vns   bedi  zwar 
ze  band  sprach  der  pfaff"  zu  ir 

30   sich   frow  gefiel   es   dir 

so  wölt  ich  in  den  käskorb  stigen 

wan   dar  in  wil   ich  wol  beliben 

das  es  niemer  innen  wirt  din  man 

[112]  sy  sprach  ia  dz  wer  wol  getan 


35   mügent  ir  dar  in   endrunnen 
für  war  er  wirt  üwer  niem'  inne 
ze  hant  er  in  den  käskorb  spraang 
der  pur  do  zu  der    tür  in  trang 
zehant  die  frow  sprechen  began 

40   ach  setz    dich    nider    min    lieber 

man 
vn  laß  vns  haben   ein  guten  müt 
ich  han  gekochet  zwey  essen  gut 
die  laß   vns   mit  enander  essen 
so  han  ich  mich  ouch  vermessen 

45   ich  well  vns  dar  zu  bringen  win 
der  pur  sprach  frow  dz   sol  sin 
ich  iß  vnd  trink  als  gern  als  du 
trag  vns  nun  gnüg  her  zu 
bringst  mir  gütz  ich  hilff  dir  essen 

50   vn  do  sy  ze  tische  warent  gesesse 
do   aß    der  pur  gar  ser 
aber  die  fifow  sach   hin  vii   her 
do   sach   die  frow  dz 
dz  jn  dem   korb   ein  loch  was 

55  da  durch  hieng  dem  pfaffen  das 
dz  jm  by  sinen  beinen  ge- 
wachsen WZ 
dz  WZ  wol  einer  spange  lang 
die  frowen  do  die  sorg  betwang 
dz  si  erdacht  in  irem   sin 

60   dz   es   der  pfaff'  züge  zu  im 
hinin  in   die   käsborn 
won  sy  vorcht  ir  mannes  zorn 
zehand  sprach  sy  do  zu  dem  man 
e  lieber  man  nu   sag  an 

65   was  went  wir  morn  thün 

so  der  pfaff  wirt  mit  dem  krütze  gan 


272 


J.  BAECHTOLD 


went  wir  nit  ouch  mit  im  singen 
dz  wir  lob  für  ander  lüt  gewünnent 
ia  sprach   er  es  gefalt  mir  wol 
70  ich   sing  wz  ich   singen  sol 

ich  hillff  dir  singen  vff  min  eid 
die  frow  do  zu  dem  puren  seit 
ich  kan  ein  gesang  dz  ist  fin 


do  sprach  der  pur  liebe  husfrow 

min 
75   so  heb  an  vn  lern  es  mich 

si  sprach   so  los  ich  lern  es  gern 

dich 
also   hub   sy  an  vn  sang 
das  es  jn  dem  gantzen  hus  erklang 


^+± 


i  I  ^   I  ^     ^    ^ 


f    ^  ii 


I  ^  1^  I 


Ynser  her  der  pfarer  in  ein  kesbore" 


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tili-. 


entran  do  hienge^t    im  die  hoden 


i    il^'il.    .Ilil^ll 


±±e 


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vnden  ver  hin  dan  n'ii  tund  es  durch 


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::^^ 


mine  wille^  vn  ziechentz  hin  uff  basß 


i   I  ^  I  i   I  4-  ; 


±=^ 


± 


wurd  es  der  meyer     inen    er  wurd 


vns  gehasß    ky-ri  -  e     ley-son 


do  der  pfafF  dz  gesang  vernam 
80  ze  band  geriet  er  wol  verstau 
dz  sin   ding  hieng  durch  dz  loch 
vil  bald  er  dz  hin  in  zu  jm  zoch 
vil  beleih  dar  inn  vntz  dz  der  man 
ward  von   dem  huse  gan 
85   [113]   do  sprang  er  bald  zu  dem 
korb  her  us 
vnd  lüff  wider  hein  in  sin  hus 
damit  wz  er  wol  endrunnen 
'^  ich  gloub  dz  vnder  der  sunnen 


niena  sy  kein  listigers   tier 
90  den   ein  wib  sy  erdenket   schier 
einen   list  in  irem  hertzen 
dz  sy  kunt  vs  not  ane   smertzen 
so   ein  frow  hat  getan 
mit  vnzüchten  wider  iren  man 
95   wirt  loch  sin  der  mä  halbe  weg 

innen 
si  erdenkt  denocht  in  irem  sinne 
dz  sy  wol  kunt  an  not  dar  von 
als  dise  frow  ouch  hat  getan 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHRHS.       273 


13.  Von  Fr 

[B]y  einem    kloster   gelegen  was 
ein  bürg  dar  vif  ein  herre  sass 
der  hat  ein  froweu   edel  vii  fin 
dero   kam  einsmals  in    den    sin 
5   dz  sy  wölt  spacieren   gan 
in   dz   selb  kloster  sy  do   kam 
vii  spacieret  in  dem  gartten   grün 
dar  in  wz   manig  blümli   schön 
dar  in  sy  grossen    lust    enpfieng 
10   ein  stigel  über  einen  zune  gieng 
dar  über  solt  die  frowe   tretten 
do   kam    des    klosters    koch    vn- 
gebette 
vn  haltf  der  frowen  über  den  stig 
lieblich  trukt  er  sy  an  sinen  lib 

15  vii  vmbfieng  sy  gar  lieblich 
des   wundert  die  frowe   sich 
vnd  sprach  zu   dem   koch   do 
wie  meinst  du   es  also 
dz  du  mich  vmbfachest  so  lieblich 

20    dz   sag  mir   dz   bitt  ich   dich 
er  sprach   frow  dz   sol  sin 
ich   trukt   üch   an   dz   hertze   min 
von  rechter  liebe  die  ich   hab 
zu   üch   gehebt  vii  mängen  tag 

^5    in   minem    hertzen    han    ich    üch 

getrag"« 
doch  torst  ich   es   nie  gesagen 
si    sprach   koch   ist  das   war 
des  wil  ich   dir  Ionen  zwar 
kum  in  vnsern  hoif  vif  dise  nacht 

30   doch   solt  wol  haben  acht 

dz  man  dich  nit  seche  dar  inne 
so  wil  ich  erdenken  einen  sinne 
dz  du  by  mir  belipst  die  nacht 
gnad   frow   do   der   koche    sprach 

35   wes   ich  nu  lang  han  begert 
des  wirt  ich  also  von  üch  gewert 
also   schied  sy  do  von  dan 
vnd  do   sy  vff  die  bürge  kam 
vnd   es  ward  nachen   der  nacht 

40    [114]   die  frow  do   an   den    koch 

gedacht 
vn  wartet  sin  vn  do   er  kam 
vii  bald   sy  in  zu  ir  nam 

GERMANIA.     Neue  Reihe.  XXI.  (XXXIIl.)  Jahrg. 


a  u  e  n  li  s  t. 

vnd  fürt  in  an  ir  bestes  bet 
vii  tougenlich  si  zu  dem  koche  rett 

45   vn  sprach  an  dz  bet  leg  dich  nider 
da  beit  bis  dz  ich  kum  her  wider 
las   dir  die  wil  nit  lang  sin 
also   gieng  si   do   hin 
in   die   stuben  da  spilt   der   herr 

50   also   nam   si  den  widerker 

vii  leit  sich  zu  dem  koch  hin  dan 
der  koch  die  frowen  fragen  began 
ob   der  herr  wer  in  dem  hus 
oder  ob   er  wer  geritten  vs 

55   si   sprach  mit  den  knechte    spilt 
er  in   de  brett 
zehant  do   der  koche  rett 
frow  ist  der  herr  in   dem  hus 
für  war  so  wil  ich  gan  hin  vs 
wan   ergriift  er  mich  her  inne 

60   er  gibt  mir  zwar  der  minne 
si  sprach   koch  belib  hie  bi  mir 
furcht  dir  nit  dz  gebüt  ich   dir 
leg  dich  an   dz   ort  hin  dan 
vä  gebar    dich    als    ein  manlich 

man 

65   acht  niemans  vn  hab  gütten  mut 
furcht  nit  wz   der  herre  tut 
also  bleib   der  koch  by  ir 
mit  sorg  ward  erfült  sin  begir 
vn   do   nu   der  herre  kam 

70   an   dz  bett  leitt  er  sich  hin  dan 
doch  gesach   er  nie   den  koch 
wan   die    fedren    giengent    für  in 
so   hoch 
das   er  in  nit  sechen  kond 
die  frow  so  sprechen   do  begond 

75   her  sol  ich   üch  nit   sagen 

vii  von  des  klosters  koche  klagen 
do   ich   hüt  wz   in  dem   gartten 
vii  ser  begond  er  vff  mich  warttn 
vn  do   er  mich  aleine  fand 

80   zu  mir  kam  er  ze  band 

vn  batt  mich  dz  ich  lag  by  im 
do  sprach  ich  koch  das  sol  sin 
wart  min  ze  nacht  by  dem  zun 
so   wil  ich   dinen  willen  tun 

18 


274 


J,  BAECHTOLD 


85  vn  wil  komen  zu  dir 

vnd  wil  erfüllen  din  begir 

also  gloubt  er  ze  hande   mir  125 

vnd  sprach  frow  so  koment  schier 

so  wil  ich   üwer  wartten 

90   hie  in  disetn   schönen   gartten 
also  gieng  ich   von  im 
also  wänet  er  noch  in  sinem   sin       130 
ich  welle  zu   im  komen   da  hin 
dar  vmb   lieber  herre  min 

95   legent  an  dz  gewande  min 

vH    gant    hin  ab  vn  wartent  sin 
in   dem  garten  by  dem  zun  135 

der  herr  sprach   dz  wil  ich  gern 

tun 
gib  her  din   Schleyer  vn  gewand 

100   ich  louff  hin  ab  ze  band 

vn  wil  sin  wartten  gar  eben  140 

der  minne  wil  ich  im  gnug  geben 
mft  einem   stecken   sichex-lich 
also  bekleidet  der  herre  sich 

105   mit  siner  frowen  gewand 

vn  gieng  hin  ab  zu  dem  zun  zehaud 
vud  do   er  vss   der  kamer  kam         145 
[115]  der  koch   sprechen  do  began 

o  frow  wie  hant  ir  mich  betrogen 
1  1 0   üwer  trüw  hat  mir  ser  gelogen 
irwend  mich  bringen  in  grosse  not 
mir  wer  Wäger  der  bitter  tod  150 

die  frow  sprach   koch  hab  glitten 

müt 
din  ding  sol  noch   werden  gut 
115  vil  bald  leg  an  din  gewand 

vii  nim    ein    steken  in   din  band       155 
vnd  gang  hin  ab  zu  im 
vnd  gebar  in  dinem   sin 
als   ob   du  wänest  für  war 
120   das  ich   sy  komen  dar 

vnd  welle  tun   den  willen   din 

ze  band  solt  du  sprechen  zu  im      160 


ach   frow   du   schamliches   wib 
dar   an   hett  ich  gesetzt   min   lib 
dz  ir  ein   sölichs   getörstint  tun 
wider  üwern  fromen  man 
ich  wand  ir  werind  trüwe  vol 
dz  ist  nu  nit  dz  sich  ich   wol 
also  leit  er  an  sin  gewand 
vil   gieng  da  er  den   herren  fand 
mit  eim   stecken   tratt  er  zu  im 
als  ob  er  wand  es  wer  die  frowe  sin 
vn  sprach  o  frow  du  vntrüwes  wib 
dar  an  het  ich  gesetzt  minen  lib 
dz  ir  ein   sölichs  getörstint  thün 
wider  üwern  bider  man 
ich   wand  ir  werind  trüwe  vol 
dz   ist  nu  nit  dz   sich  ich  wol 
mit  listen  ich  üch   erfäret  han 
dz  wil  ich  sagen  üwerm   man 
dar  zu  wil  ich  üch  ouch  schlachen 
der  herr    sprach   o   koch   du   solt 
nit  gach(3 
ich  bin  der  herr  vii  nit  die  frow 
der  koch  sprach  zu  dem  hern  do 
o   herr  wie  mag  dz   sin 
ich  wand  ir  werind  die  frowe  min 
die  wolt  ich   erfäret  han 
er  sprach  du  hast  im  recht  getan 
ich   sich   wol   sy  ist  mir  getrüw 
min    trüw  sol   ouch  werden   nüw 
gen   ir  wan  ich   sich   wol 
dz  sy  ist  aller  trüwen  vol 
vnd  du  bist  ouch   des  glichen 
dar  viii  solt  niemer  von  mir  wiche 
in  minem  hof  solt  du  bliben 
by  mir  vn  by  minem  getrüwen  wibe 
der  koch   also  by  dem  hern  bleib 
mit  der  frowen  er  sin  müttwillen 

treib 
vii  WZ  denochtder  liebst  sines  hern 
dz   sach   die  frow  ze  mal  gern 


14.  Von  zwei  Bettlern. 


[1 1  ü]  [Zjwen  bettler  giengent  über  feld 
die  hatten  weder  brot  noch  gelt 
dar  vfn  liden  si  hungersnot 
si  wanden  si  müsten  ligen  tod 
do  sprach  der  ein  ach  got  berate 

mich 


5 


wan  grossen  hunger  lid  ich 
der  ander  sprach  so  beratte  mich 
der  her   der  da  gewaltig  ist 
über  dis   land  ze  diser  frist 
10   der  mag  mir  gehelffen  wol 
von  dem  hunger  den  ich   toi 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHRHS.   275 


also  fugt  sich   das 

das   ein   diener  da  by  was 

der  dem   selben  hern  dienet  do 

15   vn   do   er  die  rede  bort  also 
von   den  bettlern  do  reit  er 
hein  vnd   seit  dem  hern  die  mär 
vfi  do  der  herr  die  rede  vernam 
zehant  hieß  er  den  pfister  her  gan 

20   dz  er  bald  buche  zwey  brot 
der  pfister  tett  wz   er  im  gebot 
vü  do  die  brot  warent  gebachen 
do  hieß   der  herr  in  dz   ein  ver- 
mache 
hundert  gülden  vnd  dz  ander  solt 

25   beliben  an   silber   vn  an  gold 
mit  den  zwey  brotten   sant  er  hin 
den   selben   knecht  vn  hiess  in 
dz   er  gab   dem   dz  liechter    brot 
der  da  hat  gebetten  got 

30   dz  swärer  brot  solt  er  dem  andn 

gebe 
vn  sprach  blib   da  vii  merk  eben 
ob  ich  den  minen  berate  bas 
den  got  den   sinen  vn  do   das 
der  knecht  erhöret  hat 

35   zehand   er  zu  dem  bettler  tratt 
vn  gab  dem  ersten  dz  liechter  brot 
der  da  bat  dz  in  berietti  got 
vn   dz  brot  mit  den  guldin 
bot  er  dem  andern  bettler  hin 

40   der  da  bat  dz  in  der  herr  berieti 
der  dz   selb  land  rengnierti 
do  dz  brot  hat  genomen  der  bettler 
do   dücht  es  in  vil  ze  swär 
dar  viTi  sprach  er  zu  dem  gesellen 

sin 

45   ach   wie   swär  ist  dz  brotte  min 
es  ist  nit  gebachen  gnüg 

15.  Wolf  u 

[M]an  findet  vff  erden  mängen  man 
der   sich  mit  siner    stime  kan 
den  lütten  so  süsse  machen 
in  allen  sinen  Sachen 
5   dz  man  wänt  er  sye  vol 
süssikeit  dz   spürt  man  wol 
an   einem  wolfF  do   der  kam 
eins   tags  gegangen  vff  ein  plan 


der  ander  sprach   gibs  mir  es  ist 
min  fug 
wan  ich  iß  gern  lindes  brott 
ze  hant  er  es  im   dar  bott 

50   also   do   der  Wechsel  geschach 
vn   diser  dz  brot  vff  brach 
do   fand  er  die  gülden  dar  inn 
vil  bald  sprach  er  zu  dem  gsellen 

sin 
mich  hat  got  beratten  wol 

55   wan  das  brott  ist  guldin  vil 
do  nu  diser  bettler  die  sach  vernam 
er  sprach   ach  wz  han  ich  getan 
dz  brot  WZ  ze   erst  geben  mir 
nu   sich    wie  bin  ich  betröge   so 

schir 

60   es  mag  mir  iemer  wesen  leid 
der  erst  bettler  do  ze  im   seit 
ich  bat  dz  got  beriette  mich 
so  bat  du   aber  dz   dich 
der  irdisch  herr  berietti 

65    der  das   land  hie  regierti 

dar  vm  so  mag  man  merken  daby 
welher  ein  besser  beratter  sy 
also  gieng  do  der  knecht  ze  band 
[117]  da  er  sinen  hern  fand 

70   vnd  seit  im   eben  die  mär 

wie   es   ergangen   war 
*?   do  sprach  der  herr  nu  sich  ich  wol 
dz  sich  kein  mensch  vermessen  sol 
dz   er  welle  tun  bas    denn  got 

75   wan   es  ist  sicher  ein  spot 

dz  ist  an  mir  wol  worden  schin 
won  ich  wolt  ein  besser  beratter  sin 
denn  got  dz  ist  nu  nit  geschechen 
der  warheit  müs  ich  selber  iechen 

80  WZ  got  wil  dz  geschieht 

dz  gloub  ich  nu  vnd  änderst  nicht 

n  d  Geige. 

da  er  ein  gigen  fand 

10   an   die  gigen  greiff  er  ze  band 
mit  sinem  fusse  vil  sere  si  klang 
vil  wol  gefiel  im  dz  gesang 
von  der  stime  ward  er  fro 
vnd    gedacht  in   sinem   sinn  also 

15   sid   diss   ding  singet  so  wol 
so  ist  es  ouch  süsser  spise  vol 

18* 


276 


J.  BAECHTOLD 


dar  vm  so  han  ich  mich  vermessen 

ich   welle   sin  gnüg  essen 

also   beis   er  ie  dar  in   ze   hand 

20   vil  bald   er  do   wol  befand 
dz  es  hertes  holtze  was 
ze  hant  sprach   er  wz   sol  das 
dz  da  hat  so   süssen  ton 
vn  doch  kein  gut  kunt  da  von 

25   es  hat  sicher  mich   betrogen 
sin  stime   hat  mir  gelogen 
won   si  wz  süss   do   wand  ich 
si  were   ouch   süsser  spise  rieh 
dz   ist  aber  nit  wan  si   ist  vol 

30   hertikeit  dz   spür  ich  wol 
'^   diser  gigen   sint  glich 
es   syent  arm   oder  rieh 
es  syent  frowen  man  iung  oder  alt 
die   ir  wort  mänigfalt 


35   künnent  sprechen   mit  süssigkeit 
vn  do   der   selben  bitterkeit 
dar  in  verborgen   habent 
vii   valscheit  dar  by  vergraben 
wer  den  selben  glouben  wil 

40   der  wirt  betrogen  dik  vü  vil 
das  ist  an  dem  wolf  worden  schin 
[ll8]do   ir  stime  wz   süss  vnd  fin 

vnd  doch  daz  holtz  wz  hertte  gar 
als  bald   er  sin  ward  gewar 

45    er  sprach  süsse  ist  din  ton 
aber  kein  nutz  kumet  da  von 
du  bist  hert  vii   bitter  dar  zu 
ein  vngehüre  stim  hat  ein  kü 
vn  ist  denocht  besser  denn   du 

50   dar  vm  so   merk  ich   nu 

dz  ich  nit  sol  gelouben  der  stime 
ich  werd  denn  vor  der  gütte  inne 


16.  Der  dankbare  Lindwurm. 


[E]in  küng  in  grossen   eren   sass 
der  hat  ein  Schaffner  als  ich  lass 
gwido   WZ   der  Schaffner  genant 
eins   mals   reit  er   über  land 
5   do  benachtet  er  in  einem  wald 
vnd  kam  geritten  bald 
vff  ein  hol  dz  er  doch  nit  sach 
dar  inne  geschach  jm  vngemach 
wan  er  viel  dar  inne  ze   hant 

10   vil   schier  er  ouch   da  fand 

einen    lintwurm   der  an   dem   tag 
was   ouch  gefallen  in   dz  grab 
er  kond  weder  mit  list  noch  sin 
her  vs  komen  vn  do  in 

15   der  wurm   sach  vil  bald  floch   er 
in   ein  ort  der  herre  zoch  her 
in   ein    ander  ort  er   da  bleib  ') 
ietweder  forcht  den   andern  ser 
vii   do  nu  der  tag  kam   da  her 

20   do   kam   ein  armer  man  gefarn 
nach  holtze  mit  sinem  karn 
vff  die  grüben  kam   er   do 
gwido   sach  in  vfi  wz  fro 
vii  bat  in  dz   er  im   da  von 

25   hülffe  won  gütten  Ion 


wölt  er  im  geben  sicherlich 

vh  wölt  im  ouch  von  dem  küngrich 

gnad  vii  hilff  erwerben 

zug   er  inen   also  vs   der  erden 

30   zu   dem  herrn   der  pure   sprach 
ach  herr  dz  brächt  gros  vngemach 
mir  vü  den  armen  kinden  min 
sölt  ich  üt  lenger  von  in  sin 
wan  sy  lident  grossen  hungersnot 

35   kum  ich  nit  schier  so  sint  sy  tod 
dar  vüi  ich  mich  nit  langer  sum^ 

kan 
do  sprach  aber  in  der  grub  der  man 
nit  tu  also   erledge  mich 
von  diser  not  so  wil  ich 

40   dich   machen  rieh   an  gold 

dar  vüi  so   wirt  dir   ouch   hold 
der  küng  des   Schaffner  ich  bin 
[119]  hillflest  mir   es  wirt  din  gewin 
dar  zu  den  kleinen  kinden  din 

45   sol  ouch   geschechen  hillffe  schiii 
der  pur   erhört  sin  gebett 
vil  bald  er  von   dem   karn  tett 
ein   starkes   seil  vii   bot  es   dar 
des  nam   der  wurm   eben  war 


*)  Ein  Vers  ausgefallen. 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHEHS.        277 


50   an   dz  seil  sprang  er  do 

er  kam  her  vs  vii   wz  gar  fio 

dz   er  also   endrunen  was 

der  herre  bat  aber  bas 

dz   er  im   ouch  bütte  dz   seil 
55    da  durch   sölt  im  geschechen  heil       100 

dz   seil   er  im   ouch   dar  bott 

vn  do  er  kam  vss   der  not 

do   sprach  er  zu  dem  man 

grosse  hilff  hast  du  mir  getan 
60   dar  vfn  kum  morn  gen  hof  zu  mir       105 

so  wil  ich   wol   dancken   dir 

der  hilff  die  du  mir  hast  getan 

also   schieden   sy  do   von   dan 

nu   mei'kent  eben  wz  ich   sag 
65   do  nu  kam   der  mornig  tag  llO 

do  kam  der  pur  gan  hof  gegang»^ 

vn  wand   er  sölte    wol    enpfange 

werden  von   dem    hern   sin 

vil   sere  fragt  er  nach  im 
TO   zu   einem  hofman   er  do  kam  115 

den  bat  er  dz  er  wölt  gan 

sagen  des  künges   Schaffner 

das   der  man   komen   wer 

der  im  halff  von  siner  klag 
75   do   er  in  der  grüben   lag  120 

der  man  tet  dz   er  in   batt 

zi\  dem   Schaffner  er  do  tratt 

vnd  seit  im  die  märe 

dz  der  pur  komen  were 
80   der  Schaffner  antwurtimvii  sprach 

den  purn  ich  nie  gesach  125 

ich   weis  nit  wer  er  ist 

sag  im   in  diser  frist 

dz  ich   in  bekenne  nicht 
85   kein  gut  im  von   mir  beschiebt 

der  hofman  wider  vmb  gie 

zu   dem  purn  vn   seit  im  wie  130 

der  herr  hette  antwurt  geben  also 

der  pur  aber  batt  do 
90   den  selben  hofman   dz   er 

aber  gieng  zu  dem  Schaffner 

vnd  in  bas   ermante  135 

dz  er  sin  not  erkante 

wan  wer  der  pur  nit  by  jm   ge- 
wesen 
95  vor  dem  wurm  wer  er  nie  genesen 


der  hofman  seit  dem  Schaffner  dz 
das   er  sich  besinnte  bas 
wan  der   pur  seit  im  vil  vn  me 
er    het    im    gehullffen    vs    iamer 

vil    we 
der  schafner  gab  antwurt  als  vor 
vil  sprach  er  mag  wol  sin  ein  tor 
wan  ich  in  han  gesechen  nie 
der  hofman  wider  vmbe  gie 
zu  dem  purn  vn  seit  im  als   ee 
[120]     der  pur  bat  in  aber  me 
dz   er  es   durch  got  tätte 
vn  den  Schaffner  bas  bätti 
dz  er  selber  kam  zu  im  dar 
vn  des   mannes  näme  war 
der  hofman  wz   ein  willig  man 
vn  bat  in  dz  er  wölti  gan 
selber  zu  dem  armen  man 
in  zorn  do   der   Schaffner  bran 
vil  zornig  wart  er  in   sinem   mut 
vi!  hies   dz   man   den   purn   gut 
vom  hof  mit  knütlen  lagen 
wan   er  wöltz  im  nit  vertrage 
dz   er  nach  im  fragte    icht 
wan  er  sprach  er  bekant  in  nicht 
des  Schaffners  gebot  wart  nit  ge- 
spart 
vil  übel   der  pur  geschlag»^  wart 
an  Ion  kam   er  hein  gegange 
sin  frow  in  sere  hat  belanget 
nach  irem  man  wan  sy  wand 
im  sölte  werden  wol  gelond 
von    dem    hern    doch    es  nit  ge- 

schach 
an  irem  man  sach   sy  vngemach 
waa  er  kam  lär  vii  wz  geschlage 
si  begond  schryen  vn  klagen 
die  kind  litten  hungers   not 
si  baten  weder  müs   noch  brot 
in   armüt  warent   sy   gar 
nu  fügt  es  sich   in   dem  iar 
dz   der  selbe  pur  kam 
in  den  wald  da  er  nam 
vss   der  grub  den  schafner 
do  sach  er  bald  komen  her 
den  wurm  der  ouch  by  jm  wz 
vil  do   er  kam  hin  zu  bas 


278 


J.  BAECHTOLD 


140   doließder  wurm  vss  dem  mund  sin 
valle  ein   stein  wz   schön  vn  vin 
dar  nach  gie   der  wurm  vö   dan 
den  stein  hub   do  vff  der  man 
in  sin  hend  er  gefiel  im  wol  190 

145   aller  fröiden   wart  er  vol 
denselben   stein   er  do   trüg 
zu   einem    man   an  künsten  klug 
vii  bat  in  durch   sin  meist'schafft 
dz  er  im  seite  des   steines  krafft       195 
1 50   der  meister  beschowetdo  den  stein 

do  WZ  sin  krafft  nit  klein 
[1"21]  dem  purn   seit  er  vff  der  vart 
diser  stein  hat  die  art 
wer  in   by  im  hat  wirdenklich  200 

155   der  wirt  für  alle  lüte  rieh 
an  silber  vn  euch  an  gold 
dar  zu  werdent  im  die  lüte  hold 
do  dis  red  der  pur  vernam  also 
wolgemüt  ward   er  vn  fro  205 

160   vn   nam   wider  zu   im   den  stein 
damit  zoch   er  wider  hein 
vnd  ward   da  by  so   rieh  *-l 

dz  iederman  wundert  sich 
wannen  har  im  käme  so  gros  gut       210 
165   etlich  gedachtent  in  irem  müt 
er  het  es  gestoln  od'  aber  geroubt 
einer  gutz  der  ander  böß   gloubt 
für  den  küng  kament  die   mär 
das   ein  pur  worden  wer  215 

170   so   rieh   der  vor  arm  was 

der  küng  sprach  ist  war  das 
so   fürent  in  her  zu  mir 
so   wil  ich   erfarn   schier 
wannen  her  im   dz  gut  kom  220 

175   vil   schier  ward  der  pur  so  from 
gefürt  für  den   hern   do   also 
der  küng  fragt  in   do 
wie  es  hette  gefugt  sich 
dz   er  wer  worden   also  rieh  225 

180  vil   schier  seit  er  im   die  mär 
von   dem    wurm  vn   di^   Schaffner 
vn  wie    in  der    schaffn'    hat    en- 
pfangen 
do   er  kam  gan  hof  gegangen  230 

do  nu   der  küng  erhört  dise  mer 
185   vil     schier     sant     er    nach    dem 

schaftner 


vn  fraget  in   ob   es   wer  also 
ia  sprach   der  Schaffner  do 
nüt  änderst  getar  ich   iechen 
wan  die  ding  sint  also  gescheeh" 
do   der  küng  vernam   die  sach 
zu   dem  Schaffner  er  do   sprach 
din  hertz  ist  aller  vntrüw  vol 
vn  bosheit  dz  merk  ich  wol 
diser  man  hat  dir  wol  getan 
des    soltest  in  han   geniesen  lau 
vn   dankbar  an  im   sin  gewesen 
wan  du  durch  in  wart  genesen 
dz  hast  du  aber  nit  getan 
dar  vm  so  müst  du  schamlich  gan 
von   dinem  gut  vnd  gewalt 
won   an  trüwen  bist  du  kalt 
dem   der  dir  tet  wol 
hast  du  geschlagen  streichen  vol 
dar  vm  so  müst  du  gestiaffet  sin 
vn  Verstössen  von  dem  gewalte  din 
dz   ellent  müs   dir  sin  bereit 
dz   machet  din  vndankbarkeit 
hie  bi  mag  man  merken  wol 
dz  ieder  man  sin   sol 
dankbar  gen  dem  man 
der  im  güttes  hat  getan 
tut  er  des  aber  nicht 
bilich  im   denn  oueh   geschieht 
als   des  küngs   Schaffner 
[122]     do   er  wz   so   vndankber 
gegen  dem  gütten  armen  man 
der  inen   vs   der  grüben  nan 
dar  vm  müst  er  farn  lan 
wz   er  hat  vn  ie  gewan 
wan  der  küng  erkant  das 
dz  der  wurm  der  vnvernüftig  was 
gern   dankber  wesen  wolt 
sinem   güttätter  als   er  solt 
wan   er  vergass  nit  siner  not 
denn  er  wz  gefangen  vff  den  tod 
da  von  half  im   der  arm   man 
dar  vm   wolt  er  nit  ablan 
er  wolt  im   des   tanken   wol 
mit  dem   steine  krefften  vol 
das   er  da  mit  wurde    rieh 
oueh  hieby  so   merk  ich 
Avz  güttes  hie  vff  ertrich  geschieht 
das  lat  got  vngelonet  nicht 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHKHS.   279 


dz  ist  hie  wol  worden  schin 
235   dar  vm  so   sond  wir  alle   sin 
zu  gütten  werken   alweg  bereit 
so  wirt  vns  vnser  arbeit 
von   got  gelonet   sicherlich 
hie  wider  merk  aber  ich 
240   wa  ieman  vntrüw  geschieht 
das  belibt  vngerochen   nicht 
dar  an  gedenk  ieder  man 
vnd  tu   als   er  well  Ion  enpfau 


[I]ch  wölte  gerne   dichten 

ob  mir  es  nieme  wölt  vernichten 

ze  rimen   ettliche  wort 

als  ich   ein  bredgi   han  gehört 

5   mänig  byschafft  sagen 

ich   wil   sin  uit  me  getagen 

wie  wol   das  doch  nu  ist 

dz  mir  der    künste  vil  gebrist 


vn  ich   ouch  ze   einfaltig  bin 
10   so  nim  ich  es  euch   für  mich  hin 
in  gottes  namen  vn  bitt  ouch  in 
dz  er  mir  hier  in  hellffent  welle 

sin 
vn  mir  sin  vil   götliche  krafft 
verliehe  vernufft  vri  ouch  macht 
15   dz  min    gedieht    werd  vollbracht 
vil    in    glitten    werken    werd    ge- 
dacht 
"l   wem  nu  min  gedieht  nit  wol  ge- 

falt 
er  si  wib  man  iung  oder  alt 
der  laß   mit  züchte  ab  sin  lesen 
20   wil   er  so  laß   ouch   mich  gnesen 
vn   wa   dis  buch   gebresten   hab 
vff  keinen  sin   den  nem   er  ab 
dz  ist  min  begirde  gut 
er  sol  vinden  wer  wol  tut 


17.  Der  beichtende  Schüler 


123]  [Z]e   paris  gewesen  ist 

ein   Student  als   man  list 
der  hat  ein  grosse  sünd  getan 
da  von  er  ze  grossen  sorgen  kan 
5   in  der  schul  hett  er  lesen 

dz  nieman  mocht  behalten  wesen 
vn  ouch   nit  werden  gottes  kint 
wer  nit  bichtete  sine   sünd 
sin   hertz  dz  betrachtet  wol 

10   als  noch  iederman  tun  sol 
betrachten   sine   sünde  gros 
ob  er  wel  werde  d'  behaltnen  gnos 
er  gedacht  dz  wer  ein  grosse  pin 
soltist  du  iemer  verdamnet  sin 

15   sin   sünd  er  bichten  wolt 
als   er  von  recht  tun  solt 
er  tratt  für  den  bichter  hin 
vil  wolt  bichten  die  sünde  sin 
von  rüwe  er  weinen  began 

20   dz   er  nit  bichten  kan 
der  bichter  sprach  zii  im 
mich  wundert  wie  dz  müg  sin 
dz  du  mir  nit  kanst  sagen 
vn  dine  sünde  klagen 

25   er  sprach    min  sünd  ist  so  gros 
dz  ich  sy  nit  kan  sagen  also  blos 


der  bicht'    sprach    die    sünd    mir 
vschrib 
dz  si  nit  vngebichtet  blib 
er  schreib   sy  an   ein  brieffelin 

30   vn  gieng  wider  für  den  bicht'  sin 
er  aber  weinen  began 
dz  er  im  den  brief  kum  bietten  kan 
er  laß   den  brieff  do   zehant 
büs   er  im   nit  geben  kond 

35   er  gieng  für  den  Christen  zehand 
vn  tett  im  dise  wort  bekant 
vn  sprach   mir  hat  gebichtet  ein 

man 
dem  ich   nit  bus  geben  kan 
nement  hin  dz  brieffelin 

40   dar  an  ist  geschriben  die  sünde  sin 
er  nam   den  brieff  zu  im   dar 
der  brieff  wz  getilket  gar 
er  sprach  ich  weis  nit  wie  im  ist 
an  dem  brieff  sich  ich   kein  ge- 
schrifft 

45   der  erst    bichter    sprach  vff  min 

trüw 
er  hat  gehept  so  grosse  rüw 
dz  ich  es  nit  sagen  kan 
got  hat  im  sin  sünd  abgclan 


280 


J.  BAECHTOLD 


vn   sin    sünd   vergeben   gar 
50   er  ist  ledig  von  den   Sünden  zwar 
*^   by  diser  bischaflFt  merkt  man  wol 
dz  iederman  rüw  haben   sol 
vin   sin  sünd  klein  vn   gros 
ob   er  wel  werden   ein  behaltner 

gnos 
55   kein  sünd  ist  so  gros  nit  dz  gloub 

mir 
best  du  rüw  got  vergit   sy  dir 
dar  an  nieman  zwiflen   sol 
got  ist  aller  gnaden  vol 
bist  du   ledig  von   gantzer  rüw 
60  vn  bitest  got  vfi*  min  trüw 


so  wil  dir  got  din   sünd   vergebe 
vn   dar  zu  verliehen    ewig  leben 
ich    sprich   es  vff  min  trüw 
dz  nüt  besser  ist  denn  gütte  rüw 
65    [124]     hätti   diser  nit  gerüwet  vii 
gebichtet  wol 
grosser   pin   wer   er   worden  vol 
vn  musti   verdamnet  iemer  wesen 
mit    gütter    rüw   ist    er    sust    ge- 
nesen 
nu      sond      wir     alle      gedenken 
her   an 
70   vn    sond    vm    vnser     sünd    rüwe 

han 


18.  Die  ges toh 

[V]on  brug  ein  halb  mil  von  baden 

han  ich   gehört  sagen 
wie   dz   ein   dieb   gestoln  hat 
ein    mastrantz   in  der  statt 
5   da  warent  dry   offleten   in 
die  nam   der  dieb   mit  im   hin 
vu  Schutt  sy  vor  der  statt  in  ein 

bach 
ein   gros   wunder   da  beschach 
do   der    hirt  vstreib   dz  vech   sin 
1 0   vn  kam  für  dz  bächly  hin 
dz  vech  wolt  nit   danen   gan 
won  das   es  der  hirt  müst  danne 

schlau 
es   vil   ouch   vfi"  sine  knü 
als  ob  es  bettite  mit  gantzer  rüw 
15   vil  bald  ouch  der  hirt  die  ofFleten 

sach 
Sweben   enmiten  in   dem  bach 
vn   sach  vfi"  iettlicher    sunderbar 
dry  blüt  tropfen  klar 
die  pfaffen  rüfft   er  bald  an 
20   das   si  mit  im   söltint  gan 
zu   dem  bach  ze  band 
das  wunder    tett  er  inen   bekant 
si   giengent  mit  im   balde   dar 
vn   nament    des    grossen    wunder 

war 


lene  Monstranz, 

25   vii    gehieltent    die    ofileten    mit 

wirdikeit 

des   kam   der  dieb  in  grosses  leid 

die    ofileten    mit    dem    lebenden 

gottesbliit 

mit    wirdikeit     man    in    die    stat 

trug 
vn  gehieltent  den  vil  wirdig<^  sold 
30   mit  wirdikeit  als   man   solt 
nu   wil  ich   ouch   sagen 
war   man  sy  hab   getragen 
ze   Zürich   man   die   eimn   hat 
brug  die  ander  nit  von  ir  lat 
35   die   dritt  ist  an  dem  rin 

ze  basel   in  der  richstat  vin 
*3    hieby  so   weis  ich   wol 

dz  dar  an  nieman  zwiflen   sol 
dz   sich   der  allmächtig  gott 
40   selber  berge   in   dz   heiig  brot 
dz     die     priester     niessent      all- 
gemein 
dz  fleisch   vil   dz  blütte  rein 
vnd   ouch   alle  cristenheit 
die   ir  gelouben   dar  an   leit 
45   wer  gottes   Hb  hier  inne  nit  ge- 
wesen 
ein    sölich    zeichen    wer    hie  nit 
geschechi? 


FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  DES  XV.  JAHRHS.        281 


19.  Von  einem  häßlichen  Pfaffen. 

vss    einer    houpt 


[125]  [V]ff  dem  land   ein  pfaffe   sass 
gen   dem  trug  ein  herr  grossen 
hass 
won  der  pfaff  vngeschaff"en    was 
da   von   er   vor   im   kum   genaß 
5   hinder  im  wolt  er  nit  ze  meß  stan 
er  sprach  got  ist  nit  ein  sölich  man 
dz    er    kom    in    kein    lib    so    vn- 
geschaffen 
ich  ker  mich  nüt  an  disen  pfaffen 
von   im  wirt   kein   gut  werk   ver- 
bracht 
10   ich  wil  im  niemer  louffen  nach 
er    wand    dz    kein    vngeschaft'en 

pfaff-^ 
mit    gott    üt    guttes    künne    ge- 
schaften 
vn   kein   vngeschafien   lib 
möchte   vollbringen   guttes   üt 
15    disen    glouben   wolt   gar   nit   ver- 
trag- 
eins  mals  do   er  vss  für  lagen 
der  herr  mit   sinen   hunden 
so   kunt  er  vfF  der   stunde 
ze   einem   bach   schön   vnd  vin 
20   er  sprach  wie   mag  das   sin 

vff  min   trüw  dz   müs   ich   iechen 
dz   ich    hie    nie    kein    brun    han 
gesechen 
ich   wil   niemer   erwinden 
sin   vrsprung  wil   ich   finden 
25   do   er  kam  zu  des  brunen   end 
do   sach   er  vil  behend 
das   der  brun   da  vs   gieng 
vn    sinen  vrsprung  da  enpfieng 


schudelen    vn- 
getan 

30   dz  sach   er  alles   an 

er   sprach   wie  kan   dz   sin 

dz   das   schön   briinnellin 

vss  dem  vngeschafFnen  dinge  kunt 

ein  engel  wz   do   hie   zestund 

35    vn   sprach   zu   disem   man 

dis  wunder  solt  du   sechen  an 
sich  dz  ein  vil  schöner  bruii  kunt 
vss   einem  vngeschaffnen   grund 
du  wilt  versch machen  dinen  pfaff? 

40   dar  vm  dz   er  ist  vngeschaffen 
gütti  werk  er  wol  volbringen  kan 
dz  macht  du  wol  sechen  hier  an 
dz   ein  vil  schöner  brufie  kunt 
vss   einem   vngeschaffnen  grund 
*?45der  mensch   sy  iung  oder  alt 
vngeschaffen   oder  wolgestalt 
oder   WZ  jm   gebrist 
oder  wie   er  ge^^chaffen  ist 
[126]  gutti  werk  mag  er  wol  verbringen 

50   mit  betten   vn    mit  aud'n   dingen 
ist  loch  ein  mensch  vast  vngestalt 
got   erhört  in   als    bald 
als  einen  menschen  schön  vn  klar 
das   gloubent  es   ist  war 

55    ein  armer   mensch   got  lieber  ist 
denn   der  rieh   dem  nüt  gebrist 
het    loch    ein    mensch   vngestalt- 
nuss   vil 
got  in  nit  verschmachen  wil 
vn  wil  in   erhö-cn  beider  zwar 

60   denn   den   riehen   dz   ist   war 


20.   Von  einer  Büßerin. 


[E]in  gut  brüder  in  einem  walde  wz 
der  hat  ein  schwöster  als  ich  las 
die  lüff  in   dem   offnen  leben 
da  müst  der  brüder  wider  streben 
wan   sin   gesellen   strafften   in 
war  vnl   er  die  schwöster  sin 
nit  vss   dem   wilden  leben  näm 
vn  si  zu  gütte  nit  machte  zäm 
^ins  mals   do  gieng  er  vs 


10   vnd  kam  für  das  frowen  hus 
sin   schwöster  fand   er  da  stan 
vil    weder    stuch'^    noch    gürtlen 
viühan 
er  tratt  für  die   swöster  sin 
vil   sprach   liebi    swöster   min 
15   du   solt  kern  vss   diesem  kranke 

leben 
vn  dich  got  gäutzlich   ergeben 


282      J-  BAECHTOLD,  FABELN,  SCHWANKE  UND  ERZÄHLUNGEN  etc. 


vnd  solt  im   dienen  alle  fiist 
won   dis   h:ben  so  zerganglich   ist 
stuibist  du  also  so  werist  verlorn 

20   wan  du  hast   bewegt  gottes  zorn 
de   sprach   die   schwöster  sin 
ach   sag  mir  lieber  bruder  min 
wölte    mir    got    noch    min    sünd 

vgebe 

so   Avölt    ich    mit    dir    gar    balde 

streben 

25   swöster   das   solt  eicher  sin 

got  wil  dir  vergeben  die  sünde  diu 
ob  du  bichtest  vn  rüw   enpfachst 
vnd  von   der  sünde  last 
si   sprach  so  wil  ich  benütte  lan 

30  vil  bald  wil  ich  mit  dir  gan 
er  sprach  so  nim  bald  din  gewand 
vn   gang  mit  mir  zehand 
si  sprach  kam  ich  wider  in  dz  hus 
so    kam    ich    vilicht    kum    wider 
her  vs 

35  ich  wil  es  vnder  wegen  lan 
vn  wil  vil  bald  mit  dir  gan 
mit  enander  giengent  sy  jn   den 

wald 
do   hortent  sy  vil  bald 
lüt  an  dem  wege  gan 

40   er  sprach  liebi   swöster  wolgetsin 
du  solt  in   die  studen   schlichen 
[127]  vnd  den   lütten   entwichen 
si  züchent  änderst  alle   mich 
das   ich  hab   beschlalFen  dich 

45   die    süöster  in   die   studen    gieng 
vil  grosse  rüw  sy  do   enpfieng 
von  rüw  sy  so  leidig  ward 
das  si  sich  an  den  toinen  zerzart 
das  sy  nider  viel  vnd  wz   tod 

50   des  kam  der  bruder  in  grosse  not 


do   er  die  lüt  nit  me  sach 
der   schwöster  rvifft  er  vn    sprach 
kum  her  liebi   swöster  min 
die  lüt   sint  recht  alle  da  hin 

55    die   swöster  im  nit   entsprach 
won   si  in   den  studen   tod  lag 
er  gieng  in  die  studen  hin 
vnd  sucht  bald  die  swöster  sin 
er  fand   sy  ligen  also   todt 

GO   da  hüb   sich    gros    iamer  vii   not 
er  gieng  für  bas  in   den  wald 
sincn   brüd'n   er  die  not  erzalt 
vnd  bat  sy  tugentlich 
dz  sy  got  hätten  ernstlich 

65    das   er  inen  tätti   schin 

ob  sy  behalten  oder  verlorn  sölti  sin 
vil  bald   ein   engel  zu  inen    kam 
der  sy  ab   dem  wunder  nam 
vil  sprach  si  ist  behalten  sicherlich 

70  won  si  hat  vast  gekestget  sich 
vn  het  gehept  so   gi-osi  rüw 
vn  hat  got  gebetten  mit  gantz'  trüw 
dz   er  ir  vergab  ir  sünde 
da  von  ist  sy  worden  gottes  kinde 
'^l  75  0   Sünder   du  solt  bald   rüwen 
mit  gantzem   ernst  vn  trüwen 
so  wil  dir  got  din  sünd  vergeben 
vn   dar  zu  liehen  ewig  leben 
du   siehst  wol  hier  an 

80   vn  hättist  alle   sünd  getan 

rüwest  vn  bichtest    sy  luttei-lich 

so  wil  got  reingen   dich 

von   dinen  sünden  allen 

das   du  nit  kanst  ze  helle   fallen 

85   tust  du   aber  das  nicht 

so  bist  du  sicher  das  es  beschicht 
das  du  must  iemer  verdamnet  sin 
vn   must  liden  alle  heischen  pin 


21.  Göttliche  Strafe. 


[I]n  friesenland  das  geschach 
das  dz  mer  vngestüm   vsbrach 
Tii  versankt  des  landz  ein  michel 

teil 
dz  geschach  von  der  lütten  vn- 

hcil 


5      als   ich   üch   sag  hie  nach 
[128]  in   dem  rat  als   dis  geschach 

erschein     vnsri     frow     die     reine 

magt 

einer    kloster  frowen  die  lept  in 

helikcit 


J.  J.  BÄEBLER,  EIN  TAGELIED. 


283 


zu   der  sprach   sy  in  disem   land 

10  Avart  ein  priester  geschant 
mit  mines   kindes   fronlichnain 
zii  einem    siechen  vn  do   im   be- 
kam 
ein  man  der  von  hier  trunken  wz 
mit  bier  bracht  er  ein  glas 

15   vn  bot  es   dem  priester  dar 

vii  sprach  des  bieres  nement  war 
vnd   trinkent   sin   zu   mit  mir 
land  Sechen  ob  ich  bas  trink  od'  ir 
do   der  priester  die  red  vernam 

20   mit  züchten  wolt  er  dannen  gan 
mit   dem    sackrament  als   im   ge- 

zam 
do  wart  zornig  der  trunken  man 
vii  warfF  dz  heiig  sacrament 
dem   briester  vss   einer  hend 

25   dz  es   an  der  erden  glag 

der  priester  do  vfflesens  pflag 
vn   trug  es   mit  wirdikeit 
wider  hein   won  im  wz  leid 

ZÜRICH. 


des  helgen   sacrameiitz  vner 

30   dar  vm  hat   got  gezürnet  so   ser 
das  er  hat  vii  landes   versenkt 
vn   dar   zu   vii   gütz   ertrenkt 
von  diser  enterung  wegen  also 
schied  vnsri  frow  vö   dannen  do 
"1  35  dis  zeichen    lert  frowe  vnd  man 
das   sy  glouben   söllent  han 
an   das   heiig  sacrament 
das  gottes  f'ronlichnam  ist  genent 
vii  dz  sy  es   erint  loblich 

40  won  es  ist  aller  sälten  rieh 
wer  vnere  dar  an  leit 
vii  wenig  im   dz   got  vertreit 
er  geschendet  in   vn   alle  die 
die  im  des  verhengent  hie 

45   wer  im  aber   erbütet  er 
der  wirt  leben   iemer  mer 
hoch   in   der   himel   tron 
dar  vm  so  haltent  schon 
das   sacramänt  in  wirdikeit 

50   so   wirt  üch  ewig  fröid  bereit 

J.  BAECHTOLD. 


EIN  TAGELIED. 


1. 

Eruianen   dut   si   mich   so   grim, 

und   ist   mir   gar   ein   schwere   pin, 

wenn   ich   erhör  des  Wächters   stim, 

so   wirt  betrupt   das   herze   min, 

Er  düt  mir  kund 

die   ersten  stund 

das  ich   der  zit 

nit  uberbeyt 

die  mir  so   bald  zuo   banden   stät, 

er   jdt  und   trypt ') 

mit   mir  kurzwil, 

0   frow   gib   mir   in   truwen   rät. 

2. 

laß   nun   nit   ab   herzliebster  gesell, 
derselbig  schmerz   duot  mir  och   we, 
mir   ist  erst  leid  din   ongefell, 
gelob  furwar  des   min   ist  me, 


wie   kanst  im  dun, 

nit   hin   den   Ion, 

den   ich   han   zuo   dir, 

wend  nit  von   mir, 

die  andre  stund  düt  meiden   das, 

laß   dich  daran 

wenn-ichs  wol  kan 

und  suochs  by  mir  nach   diner  beger. 


Si   gipt  mir  fröd  und   hohen   müt, 

die  schönste  frow  in   aller  weit, 

dardurch  ir  lieb   mich   trösten   düt, 

furwar  ich  habs  vor  ofFgemelt, 

nim   minen   gunst, 

den  ich   umbsust 

nun  han   zuo   dir, 

wend  nit  von  mir. 

der  wachter  ruft  zum   dritten  mal. 


')  Am  Rande  steht  sjiiU. 


284  J.  J.  BAEBLER 

0   ennger  hört,  5. 

merk   uff  die  wort,  ^„n     bleuet     dich    got    der    mich    ge- 
si  schnidend  mich  recht  wie  der  stral.  schuff 

du  krenkest    mich  mit  ganzer  macht. 

*•  Ich  hör  des   wachters  lettsten  ruff, 

So    trost  dich   still,   das  wer  mir  not,  die  funffte   stund  nauch   mitternacht. 

wenn  all  min  fröd   sind   mir  vergift  —  0   frow   nit  gach, 

O   ennger  hört   o   wer  ich   tod  du  mich  umfach. 

wenn  scheiden  du  hast  mir  mort  gestift  do   si   das   sach, 

0   frow   mit   schmerz  wie  leid   si   sprach 

wo  ist  din  herz  Kein   scheiden  lag  mir  me   so   hartt. 

dardurch   mit  gemüt  ich  bitt  dich   eins; 

haut  gschwept  und  gwebt  gewer  mich  encleins 

Ich  hör  des   wechters   vierden  hal,  und  spar  mirs   nit  zur  widerfartt. 
der   mich   durchdringt, 
das   mir   geschwintd. 
er  nimpt  mir  all  min  fröd   und  schall. 

Im  Rathsmanuale  der  Stadt  Aarau  (Schweiz) ,  welches  die  Jahre 
1492—1497  umfaßt,  findet  sich  auf  Seite  147—148  das  raitgetheilte 
Tagelied.  Die  Schrift  stimmt  mit  den  übrigen  Eintragungen  überein; 
diese  sind  entweder  amtlich  oder  bloße  Ausfüllungen  offenen  Raumes 
und  gehören  einer  Zeit  an,  als  das  Manual  außer  Gebrauch  gekommen 
war.     So  steht  auf  Seite  63: 

was   darfs  vil  wort  gen   dir  min  hört 
und  höchster  schätz  du  weist  den  satz     und  wie. 
An    verschiedenen  Stellen    sind    lateinische  Verse    und  Sentenzen    ein- 
geschoben,   so  auf  Seite  81: 

Locutum  me  sepe  penituit  tacuisse  vero  nunquam. 
Sis   velox  ad  audiendum   tardus   vero   ad  loquendum. 
Proximus   est  deo   qui  seit  ratione  tacere. 
Seite  38  enthält  ein  Bewertt  Arcny  wider  die  pestilentz: 
Nim  dry  loffell  vol    knobloch,    dry  löffell  vol  geprantz  win,    dry 
loffell  vol  essich,    ein   lot  dreack^)  und  das  duo  durch  ein  ander  vnd 
wen  ein  die  pestilentz  ankumptt,  so  gib  im  ein  loffell   vol. 

Seite  61 — 62  sind  ausgefüllt  mit  zwei  Abschnitten  aus  einem 
Rituale;  das  eine  hat  keinen   Anfang,  das  andere  kein  Ende. 

In  der  ersten  Strophe  unseres  Liedes  ist  er  ylt  und  tri'pt  mit  mir 
kurziüil  sinnlos.  Der  Wächter  verkündet  die  erste  Stunde  und  mahnt 
zum  Scheiden,  er  treibt  also  nicht  Kurzweil,  vollends  nicht  mit  der 
Frau;  er  nimmt  die  Kurzweil;  die  ursprüngliche  Fassung  ist  nicht 
mit  Sicherheit  herzustellen.  In  der  zweiten  Strophe  läßt  sich  die  ver- 

')  Tberiak,  eiu  eiubchläferiides  Mittel. 


EIN  TAGELIED.  285 

dorbene  Stelle  mit  hin  den  Ion  aus  dem  entsprechenden  Verse  der 
dritten  Strophe  nim  minen  gunst  umändern  in  nim  minen  Ion.  Der 
einschließende  Reim  verlangt  zum  Schlußworte  der  zweiten  Strophe 
becjer  —  die  ander  stund  düt  melden  er.  Das  Mittelstück  der  vierten 
Strophe  ist  ganz  verschrieben.  Zunächst  fallen  die  zwei  mit  in  die 
Augen;  das  eine  hat  das  andere  nach  sich  gezogen;  erhält  das  erste 
die  richtige  Form,  so  ist  auch  die  zweite  gevvonnen.  Die  Frau  ist  in 
dieser  Scheidungsstunde  zugleich  des  Geliebten  Schmerz;  die  Stelle 
lautet  demnach:  o  froiv  min  schmerz;  es  ergibt  sich  von  selbst  min 
grnuet.  Der  Reim  verlaugt  Umstellung  der  Wörter:  dardurch  hat  ge- 
schivept  min  gmuet  und  gwebt.  Zweifelhaft  bleibt  die  vorletzte  Zeile 
von  Strophe  5. 

Die  zweisilbige  Senkung  in  wenn  scheiden  du  hast  mir  mort  ge- 
siifft  in  der  vierten  Strophe  darf  nicht  geduldet  werden.  Der  Vers 
lautete  wohl:  dein  scheiden  hat  mir  mort  gestijft. 

Die  Strophe  besteht  aus  zwölf  Versen ;  die  ersten  vier  enthalten 
je  vier,  die  folgenden  je  zwei  Hebungen ;  im  letzten  Drittel  schließen 
zwei  längere  Verse  die  beiden  kürzeren  ein.  Die  Reimstellung  ist 
dreifach;  das  erste  Drittel  hat  kreuzweisen,  das  zweite  Drittel  paar- 
weisen,  das  dritte  einschließenden  und  paarweisen  Reim. 

Der  Wächter  ruft  den  Tag  an,  ohne  mit  den  Liebenden  in  Ver- 
bindung zu  stehen;  so  in  der  älteren  Alba  der  Troubadours,  so  noch 
bei  Wolfram  von  Eschenbach').  Aber  Wolfram  schon  zieht  ihn  ins 
Geheimniß  und  er  erhält  das  Amt  zu  warnen.  In  der  Regel  vernimmt 
die  Frau  zuerst  die  warnende  Stimme  und  häufig  führt  sie  ein  Zwie- 
gespräch mit  dem  Wächter,  ohne  daß  der  Gesell  zu  Worte  kommt. 
In  dem  Liederbuche  der  'Clara  Hätzlerin'  1471)  ist  der  Wächter  zu  seiner 
ursprünglichen  Aufgabe  zurückgeführt,  die  Stunden  zu  rufen,  und  damit 
ist  auch  die  einfachere  Volksweise  wieder  zum  Rechte  gekommen. 
So  erscheint  der  Wächter  auch  in  unserem  Tageliede,  und  nur  so 
erklärt  es  sich  auch,  daß  in  jeder  Strophe  ein  neuer  Stundenruf  ertönt 
und   diese  Nachtarbeit    mit    der  fünften  Stunde  geschlossen  ist. 

Mit  dieser  fünffachen  Wiederholung  des  Stundenrufes  weicht  das 
Tagelied  von  anderen  ab,  sowie  auch  darin,  daß  der  Mann  den 
Wächter  hört  und  nicht  die  Frau.  Auf  diese  Fünfzahl  ist  das  Gedicht 
aufgebaut.  Der  erste  Ruf  erweckt  die  Klage  des  Mannes,  daß  er  eilen 


•)  Karl  Bartsch,  Die  romanischen  und  deutschen  Tagelieder,  in  den  „Gesam- 
melten Vorträgen  und  Aufsätzen".  Freiburg  i.  Br.  und  Tübingen  1883.  [Über  die 
Entwicklung  des  Tageliedes  ist  jetzt  die  Leipziger  Dissert.  von  de  Gruyter  zu  ver- 
gleichen.    O.  B.] 


286  J-  J-  BAEBLER,  EIN  TAGELIED. 

müsse.  Ihm  entgegnet  die  Geliebte  mit  erhöhtem  Schmerze  und  einer 
nutzlosen  Andeutung,  den  Wächter  zum  Schweigen  zu  bringen:  icia 
kanst  im  duon,  und  fordert  ihn  auf,  um  so  wonniger  die  Frist  zu  be- 
nutzen; denn  schon  ertönt  der  zweite  Ruf  Die  dringende  Mahnung 
der  Geliebten  findet  ebenso  warmen  Dank  in  den  gleichgewählten 
Worten  der  dritten  Strophe;  um  so  schmerzlicher  schreckt  den  Mann 
der  dritte  Ruf  auf.  Mit  der  zunehmenden  eiligen  Erregtheit  beginnt 
auch  der  raschere  Wechsel  der  Rede;  die  vier  ersten  Verse  der  vierten 
Strophe  gehören  der  Frau,  die  übrigen  dem  Manne  zu;  auch  hier 
tönen  die  entsprechenden  Worte  aus  der  dritten  in  die  vierte  hinein. 
Die  fünfte  Strophe  läßt  die  Worte  der  Frau  durch  den  Geliebten  unter- 
brechen; der  Abschied  ist  leidenschaftlich;  darum  theilt  sich  die  letzte 
Strophe  dreifach.  Durch  das  ganze  Gedicht  geht  eine  correspondirende 
Bewegung  in  Rede  und  Gegenrede ,  und  nur  an  einer  einzigen  Stelle 
schiebt  sich  die  Erzählung  ein,  am  Schlüsse,  um  gleichsam  die  herbe 
Trennung  nachdrücklicher  vorzubereiten.  Auch  hierin  nähert  sich  das 
Tagelied  dem  Volksliede.  Vielleicht  weist  das  seltene  „enger"  hört') 
auf  frühere  Zeiten  zurück.  Nun  scheinen  freilich  unzarte,  unpoetische 
und  triviale  Wendungen  nicht  zum  edleren  Volksliede  zu  stimmen, 
und  wir  müssen  stehen  bleiben  bei  einem  Verfasser,  der  wohl  das 
Kleid  des  Volksliedes  wählt,  aber  der  Empfindung  einen  vergröberten 
Ausdruck  gibt**). 

Ein  Gedicht  also  mit  schönem  Aufbau,  musikalischem  Rhythmus, 
erinnert  au  das  Volkslied  vielleicht  des  XIV.  Jahrhunderts;  störende 
Wendungen  jedoch  schieben  es  in  eine  rauher  gewordene  Zeit  hinunter. 

AARAU.  J.  J.  BAEBLER. 


')  vridauk:     ein  wiser  herre  gerne  hat         witen  viiunt  und  engen  rat. 
')  V.   Schluß    der   zweiten  Strophe;    in  der    dritten  Strophe  furwar  ich  habs  vor 
offgemelt;  in  der  vierten  das  mir  gschwintd  (die  Sinne  schwinden  mir). 


A.  JEITTELES,  ALTDEUTSKE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK.  287 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK. 

Die  Handschrift  der  Innsbrucker  Universitätsbibliothek  Nr.  355, 
vormals  dem  Cistercienserkloster  Stams  in  Tirol  angehörig,  hat  Mone 
im  Anzeiger  f.  Kunde  d.  d.  Vorzeit  ßd.  8,  S.  99  verzeichnet  und 
daselbst  die  ersten  Anfänge  der  wichtigeren  altdeutschen  Bestandtheile 
mitgetheilt.  Es  ist  dieselbe  Handschrift,  aus  der  ich  in  Germania 
XXIX,  338  verschiedene  Färbemittel  und  Recepte,  deren  Mone  keine 
Erwähnung  thut,  veröffentlichte.  Ich  schicke  mich  nun  an,  auch  die 
übrigen  werthvolleren  Stücke  bekannt  zu  machen. 

Die  Handschrift  enthält  I.  (Blatt  13''— 16")  die  im  deutschen  Mittel- 
alter vielverbreiteten,  auf  die  Thier-  und  Baumnamen  bezüglichen  lateini- 
schen Gedächtnißverse  mit  deutschen  Interlinearglossen,  II.  (Bl.  17"  bis 
18")  67  lateinisch-deutsche  Hexameter,  theils  juristischen,  theils  ge- 
mischten Inhalts,  III.  (ßl.  86'' — 93")  ein  lateinisch-deutsches  Pflanzen- 
vocabular,  in  das  überdies  vereinzelte  mineralogische,  zoologische, 
ökonomische  und  chemisch -technische  Ausdrücke  eingestreut  sind. 
Erwähnenswerth  ist  ferner,  daß  auf  Bl.  1* — 9*  eine  lateinische  Abhand- 
lung über  die  Art  und  Weise^  wie  sich  der  Beichtiger  gegenüber  dem 
Beichtkinde  zu  benehmen  hat,  enthalten  ist,  worin  zu  den  besprocheneu 
Sünden    des  Beichtenden    öfter    die    deutschen  Synonyma  gefügt  sind. 

Der  Codex,  auf  Pergament  geschrieben,  18  Vg  Cm.  hoch,  14  Cm. 
breit,  enthält  auf  der  Innenseite  des  Vorderdeckels  die  Worte:  Iste 
lib*  datur  e  monastUo  sei  Johis  in  Stams  a  ven^abili  düö  Ludwico  de 
Rämüg  ob  meöriale   ppetuü   salutis  aie  sue. 

Diese  Sammelhandschrift  gehört  dem  14.  Jahrhundert  an;  die 
altdeutschen  Bestandtheile  entstammen  höchst  wahrscheinlich  dem  Jahre 
1434^)  oder  1435.  Die  Gründe,  die  für  diese  Zeitbestimmung  sprechen, 
sind  folgende:  1)  Auf  Bl.  70" — S'2^  stehen  mit  lateinischen  Glossen  und 
mit  Commentar  versehene  lateinische  Disticha,  an  deren  Schluß  die 
Worte  angemerkt  sind:  Anno  dui  millJnö  CCC°XXXIIII''  in  die  beate 
Lucie  virginis  conpletus  est  autor  iste  nomine  Cornutus  p  manus 
Rüdolffi  Scolaris  in  Tyrol.  2)  Auf  Bl.  99"  befindet  sich  am  Schlüsse 
einer  auf  das  Pflanzenvocabular  folgenden  latein.  Abhandlung  mit  der 
Aufschrift  'Von  Priester  Johan',  deren  Schriftzüge  jenen  des  Voca- 
bulars  gleichen,    die  von  anderer,  wahrscheinlich  jüngerer  Hand  her- 

')  Auch  Mone  setzt  sie  ins  Jahr  1434,  ohne  Beweisgründe  dafür  beieubringen. 


288  A.  JEITTELES 

rührende  Angabe:  Sub  anno  domini  MCCCXXXV  die  ultimo  Maij 
natus  est  Engelinus  filius  meus.  Coopatres  mei  Dns  AlbHus  de  Vellen- 
b*ch,  Dös  Jacobus  Griffo  de  Mays,  milites,  Engelmannus  Auztruncli, 
Ciuis  de  Merano.  3)  Auf  Bl,  102" — 132''  stehen  lateinisch  geschriebene 
'Epistolae  Pharaonis',  hinter  welchen  das  Datum  eingetragen  ist:  Anno 
dni  MCCC"'°XXXV**  die  Sabbati  proximo  post  ascensionem  dni  mensis 
maij  in  Tirol  in  domo  Nolariorum  conplete  sunt  XX  Epistole  pharao- 
nis  p  manus  Rüdolffi  Scolaris  de  mSmo,   do  walther  sein   hütel   verlos. 

Was  die  Heimat  der  deutschen  Stücke  anlangt,  so  unterliegt  es 
kaum  einem  Zweifel,  daß  sie  in  Osterreich  entstanden,  beziehungs- 
weise geschrieben  sind.  Auf  die  österreichische  (bairische)  Mundart 
weisen  nämlich  die  häufige  Anwendung  der  Diphthongen  ei  und  au 
für  i  und  m,  das  Vorkommen  von  eu  für  in  {hunffieug ,  ceul) ,  von  p 
für  h  im  Anlaut,  von  ch  für  yt,  c  im  An-,  In-  und  Auslaut,  die  Wort- 
formen holer  (=  holder,  hohiwler) ,  gleimel  u.  a.  hin.  Dem  gegenüber 
sind  vereinzelte  mitteldeutsche  Wortformen  wie  scene,  stake,  herte 
(=  Jnrte),  smerlekin  und  das  alemannische  hurzeli,  sandelt  ohne  Belang. 
Bringt  man  ferner  die  Provenienz  der  Hs.  und  die  mehrfach  darin 
enthaltenen  localen  Beziehungen  in  Anschlag,  so  dürfte  man  kaum 
fehlgehen,  wenn  man  ihr  tirolischen  Ursprung  zuerkennt. 

In  dem  folgenden  Abdruck  habe  ich  sämmtliche  Abkürzungen 
("mit  Ausnahme  von  i.  =  idem)  aufgelöst  und  die  mit  übergeschrie- 
benem e  bezeichneten  Umlaute  von  a,  o  und  6  in  ä,  ö,  ce  sowie  die 
mit  V,  0,  e  überschriebenen  o  und  i(,  in  ou,  uo,  ue  aus  typographischen 
Gründen,  weil  nämlich  die  betreffenden  Schriftzeicheu  in  der  Druckerei 
mangeln,  umgewandelt.  Auf  den  in  der  Hs.  beliebten  Wechsel  im  Gebrauch 
der  Majuskel  und  Minuskel  nehme  ich  keine  Rücksicht,  ebensowenig  auf 
die  bisweilen  vorkommende  Trennung  der  einzelnen  Glieder  zusammen- 
gesetzter Wörter.  Die  in  I  und  II  der  Hs.  in  der  Mehrzahl  der  Fälle 
rothgeschriebenen  deutschen  Glossen  sind  von  mir  durch  Cursivschrift 
gegeben,  desgleichen  die  deutschen  Namen  des  Vocabulars.  Die  meisten 
dieser  Worte  finden  sich  in  Diefenbachs  Glossarium  lat.-germanicum 
mediae  et  infimae  latinitatis  und  in  dessen  Novum  Glossarium,  häufig 
jedoch,  wie  die  unten  befindlichen  Verweise  zeigen,  mit  mehr  oder 
weniger  wechselnden  lateinischen  oder  deutschen  Bezeichnungen.  Es 
ist  mir  gelungen,  sehr  vieler  solcher  abweichenden  Formen  habhaft 
zu  werden;  manche  Wörter  waren  aber  trotz  angestrengtester  Be- 
mühung nicht  aufzufinden,  was  darin  seinen  Grund  haben  mag,  daß 
die  sonst  sauber  geschriebene  Handschrift  nicht  wenige  verderbte 
Formen    und    viele    Schreibfehler    aufweist.     Diese    unaufgefundenen 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK.  289 

Wörter  sind  theils  in  den  Anmerkungen  besonders  besprochen,  theils 
—  und  das  ist  in  dem  Vocabular  mehrmals  der  Fall  —  durch  ein 
vorgesetztes  Sternchen  kenntlich  gemacht.  Zur  Erleichterung  des 
Lesens  führe  ich  die  Interpunction  durch.  Abkürzungen :  D.  =  Diefen- 
bach,  Glossarium.  DNGl.  =  Diefenbach,  Novum  Glossarium.  Nemnich 
=  Allgemeines  Polyglotten-Lexikon  der  Naturgeschichte  *).  u.  =  unter. 

I. 

Aus  der  von  Zacher  in  der  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie 
Bd.  11,  299  ff.  gegebenen  chronologischen  Übersicht  über  das  auf  die 
Nomina  volucrum*  etc.  bezügliche  Handschriftenmaterial  ergibt  sich 
daß  unsere  Hs.  sich  durch  reicheren  Text  von  den  meisten  übrigen 
veröffentlichten  Hss.  vortheilhaft  unterscheidet,  indem  die  Nomina 
ferarum,  die  anderwärts  bloß  12—13  Verse  umfassen,  auf  21  Verse 
ausgedehnt  und  die  sonst  gewöhnlich  bloß  mit  2  oder  höchstens  4 
und  nur  in  der  Frankfurter  Hs.  (Zacher  a.  a.  O.  unter  Nr.  14)  mit 
13  Versen  bedachten  Fischnamen  in  6  Versen  behandelt  sind,  an 
welche  sich  überdies  weitere  472  Verse  ™i*^  Namen  von  Insecten  und 
Hundearten  reihen.  Nur  muß  bei  letzteren  Versen  in  unserer  Hs.  auf- 
fallen, daß  die  Insecten  bereits  unter  den  *Nomina  paucarum  ferarum' 
Erwähnung  fanden.  Ebenso  auffällig  ist  der  Umstand,  daß  die  'Nomina 
piscium'  mit  den  Worten  'Hie  etiam'  den  Anfang  der  Gedenkverse 
machen.  Hält  man  damit  zusammen,  daß  die  Hs. ,  wie  oben  bemerkt 
wurde,  ungeachtet  ihrer  österreichischen  Färbung  mehrere  mittel- 
deutsche Elemente  und  sogar  zwei  specifisch  alemannische  Wortformen 
in  sich  schließt,  so  gelangt  man  zu  der  Annahme,  daß  sie  aus  zwei 
oder  vielleicht  sogar  aus  mehreren  Vorlagen  compilatorisch  hervorgieng. 

Auch  in  Hinsicht  auf  die  Beschaffenheit  und  insbesondere  die 
Anordnung  der  Verse  herrscht  in  der  Innsbrucker  Ha.  Verschieden- 
heit. Im  Übrigen  ist  auch  sie,  gleich  den  übrigen  Versionen,  reich  an 
Entstellungen  und  Irrthümern. 


*)  Das  Werk  ^  on  Nemnich  finde  ich  an  verschiedenen  Orten,  z.  B.  in  K.  Eegels 
Mittelniederdeutschem  Gothaer  Arzneibuch,  mit  vier  Bänden  citiert.  Mir  lag  das 
Exemplar  der  hiesigen  Universitätsbibliothek  vor,  das  in  drei  Bänden  gebunden  ist 
und  wovon  Bd.  I  den  Titel  führt  'Allgemeines  Polyglotten-Lexikon  der  Naturgeschichte. 
Von  Philipp  Andreas  Nemnich.'  Hamburg  1793,  Bd.  II  die  selbständig  paginierte, 
allein  des  Titels  entbehrende  Fortsetzung  dieses  Werkes  ist,  Bd.  III  endlich  ein  be- 
sonderes Werk  darstellt  mit  dem  Titel:  'Wörterbücher  der  Naturgeschichte'.  Hamburg 
(1798).  Von  einem  weiteren  Bande  konnte  ich  weder  in  der  k.  k.  Universitätsbibliothek 
noch  in  der  kaiserlichen  Hofbibliothek  eine  Spur  entdecken,  obwohl  in  Kaysers  und 
in  Heinsius'  Bücherlexikon  auffallender  Weise  allerdings  vier  Bände  verzeichnet  sind. 
GERMANIA.     Neue  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  19 


290  A.  JEITTELES 

(fol.  IS"")     Hie  etiam  pisces  et  eorum  nomina  disces: 

hehte  sleye  alnr  vorhe  asch 

Lucius  et  tincus,  capado,  trota,  tymallus, 

hcerink       walr  lachs  al  lampred 

Allee,  balena  uel  esox,  angwilla,  raorena, 

rcet  stur  rutte  huse  sahn 

Coracinus  uel  rembus,  allopida,  staurus,  echynus, 
nas         prächs  stainpeiz 

5  Mulus,  spirna,  cluma,  saxatilis  indeque  porca, 

schorp  grundel  stidan 

Scorpius,  astacus  et  fundula,  balba,  suacus, 

wefse       mukke       fliug  Jiurnouz      keuer         grille 

Vespa,  Culex,  musea  vel  oester,  scaba,  cycada 

humel      huntsmuk      weinmuk  chnefin 

Ac  atacus,  cinifex,   bibiones,  gurguliones, 
zweiualter        wisel  keuer 

Cantarides,  fucos  dicas  in  fineque  brucos, 

jaghunt            winde             rüde           spwhunt     mistpelle 
10  Siluius  et  veiter,  molossus,  clancula,  perper, 
prakke    vogelhunt      weif 
Listicus,  cisper,  catulus 

Hier  sind  in  der  Hs.  7  Zeilen  leer  gelassen,  darauf  folgen  von 
der  gleichen  Hand  21  lateinische  Hexameter,  die  ich,  um  keine  Lücke 
zu  lassen,  ebenfalls  zum  Abdruck  bringe. 

(f.  14'')     Burdonem  generat  sonipes  conmixtus  aselle, 
Mulus  ab  archaideis  et  equina  matre  creatur, 

2  capado]   Vgl.  Capito  bei  D.  97.         trota]  D.  599    u.    Tructa.  3  lampred] 

Dafür  haben  andere  Hss.  die  sonderbar  entstellte  Form  lantfride,  vgl.  D.  372  u. 
Murena.  4  rcet]  1.  rot.  rembus]  1.  rhombus.  staurus]  Bei  Mone,  Anz.  8,  98  die 
Glosse:  scaurus  Mise.  Vgl.  D.  551  u.  558  u.  Staurio,  Sturio.  salm]  Ebenso  bei  Mone 
8,  98,  hingegen  bei  D.  196    hüse.  5  Mulus]    1.  Mullus.       spirna]  Vgl.  spirena  bei 

D.  547,    wo  aber  die  deutsche  Benennung   abweicht.  6  balba]  Soll  es  für  barba 

i.  e.  barbus  stehen  und  Barbe  bedeuten?  suacus  sudmi]  Von  diesen  Thiernamen 
kann  ich  nirgends  eine  Spur  entdecken;  wahrscheinlich  liegen  stark  entstellte  Formen 
vor.  7  Die  Benennung  kever  kann  ich  für  scaba  anderwärts  nicht  belegen.  8  Cinifex] 
D.  119  u.  Cimex.  gurguliones]  Bei  D.  163  u.  Curculio  andere  Bedeutungen. 
9  Cantarides]  Bei  D.  96  andere  deutsche  Benennungen.  wisel]  wahrscheinlich  ent- 
stellt für  wispel,  wespel,  vgl.  D.  250  u.  Fucus.  10  Siluius]  Bei  D.  534  Silveus. 
clancula]  Bei  D.  125  clanculus.  Was  aber  perper  (Hs.  pper)  bedeuten  soll,  weiß  ich 
nicht;  man  wäre  versucht  es  für  Entstellung  von  prsepes  zu  nehmen,  aber  dazu 
stimmt  die  Glossiernng  mistbelle  (Mhd.  Wb.  1,  126.  Lexer  1,  2176)  nicht.  11  Listicus] 
:=  Liciscus,  s.  D.  328  u.  Lycisca.       Cisper  weiß  ich  nicht  zu  belegen. 

2  archaideis]  Ein  für  mich  dunkles  Wort,  das  übrigens  schon  darum  verdächtig 
ist,  weil  es  nicht  in  den  Vers  passt.  Am  nächsten  läge  an  asellis  zu  denkon  und  dios 
für  die  ursprüngliche  Lesart  zu  halten. 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK.  291 

Tytirus  ex  ovibus  ast  yrcus  erit  pater  eius, 

Musionem  capra  veruecis  semine  gignit, 
5  Apris  atque  sue  focosus  nascitur  yber, 

Sed  lupus  et  catula  faciunt  coeundo  liciscam. 

Vt  balatus  ouis  sie  est  rugiere  leonis, 

Vt  latrare  canis  barritus  sie  elephantis, 

Est  hinitus  equi  nee  non  ruditus  aselli, 
10  Est  mugiere  boum,  sie  est  vllulare  luporum, 

Sic  grunire  suis  data  vox,  vncare  sed  vrsis, 

Sibila  dat  anguis,  sed  tu,  wulpecula,  gannis. 

Cum  turdus  crutilat,  tunc  sturnus  pusicat  ore, 

Cacabat  liinc  perdix  et  graticat  improbus  anser, 
15  Accipitres  pipant,  miluus  lupit  oris  hyacu, 

Curcurrire  solet  gallus,  gallina  gracillat, 

Pullulat  et  pauo  nimium,  vaga  crissat  yrundo, 

Psitacus  humanas  depremit  uoce  loquelas, 

Ponpilat  ore  legens  munera  mellis  apra, 
(f.   14'')  20  Porro  stercumit  anas  vaga  luxuriam  per  undas, 

Mus  auidus  mintrit,  rana  coaxat  aquis. 

Hunc  uolucres  celi  referam  sermone  fideli: 

habich       sparwer  plafuoz  storche       spehte 

Accipiter,  nisus,  capus  atque  ciconia,  picus, 

taube  holfztaube 

Natura  sterilis  hie  stare,  columba,  palumbos, 


3  yrcus]  i.  e.  hircus.  Der  Vers  ist  um  einen  Fuß  zu  kurz;  vielleicht  ist  für  eius 
zu  lesen:  eiusdem.  4  Musionem]  i.  e.  Musmonem,  musimonem.  5  yber]  i.  e.  ibex, 
D.  283,  6  catula]  Bei  D.  107  catulus  welff.  8  barritus]Vgl.  Wackernagel,  Voces 
variae  animantium  27,  Dief.  69  u.  Barridus.  10  vllulare]  Vgl.  Wackernagel  ebd.  30. 

11  vncare]  Wackernagel  27.  12  Sibila]  Vgl.  Wackernagel  31.  D.  532.  13  crutilat] 
Sonst  trutilare,  truculare,  s.  Wackernagel  23;  im  Vocabularius  rerum  (S.  1.,  t.  et  a.  n.) 
:''  rutilare.  pusicat]  i.  e.  pusitat.  Wackern.  26.  14  Cacabat]  Wackern.  26.  graticat] 
i.  e.  gracitat   oder   gratitat.    S.  Wackernagel  24.    Vocab.   rerum   3  2*".  15  pipant] 

Wackernagel  24.       lupit]  ebd.  26.       Lyacu]  1.  hiatu.  16  Curcurrire]  1.  Cucurrire. 

D.  161.       gracillat]    ebd.  24.  17  Pullulat]  Wackern.  25.       crissat]   Sonst  trissare, 

Wackern.  26.   Vgl.  D.   158.        yrundo]  i.  e.  hirundo.  19  Ponpilat]  i.  e.  bombilat. 

Vgl.  Wackern.  30.         apra]  Der  Sinn  des  Verses   und    der  Ausdruck   bombilare,    der 
nur  von  der  Bitne  gebraucht   wird,   weist  auf  Entstellung  von  apra  für  apis,  apes. 
21  Die  letzten  drei  Hexameter  sind  gestört,  der  zweite  ist  für  mich  unverständlich. 

2  plä/uoz]    Bei  D.  99    andere  Bedeutungen.  3  Wieder    ein    arg  entstellter 

Vers;  statt  sterilis  ist  pariles,  statt  stare  ist  state  zu  lesen,  wie  aus  anderen  Versionen 
hervorgeht.       palumbos]  D.  408  u.  Palumbus. 

19* 


292  ^-  JEITTELES 

raiger  turteltauhe  hauwe  iahe  ff^yer 

Ardea  uel  turtur  seu  bubo,  monedula,  wultur, 

ceul  vinke  nahtrab  goltamh' 

ö  Noctua,  frigellus  sev  nocticorax,  amarellus, 

swan         idem         star  eisuogel  troschel  idem 

Cingnus,  olor,  sturnus,  mergus  turdelaque,  turdus, 

krcench  wisgo  phawe  habech     stocarn 

Grus  et  pellicanus,  pauo  uel  anus,  alictus, 

heher  dorndrosel 

Graculus  aut  deerit,  fusarius  hie  residebit, 

gukke  idem        sUech  grille 

Sic  cuculus,  fulica,  psitacus  atque  cycada, 

alster     laauaer  idem  man  weht.  i.  cicönia 

10  Pica,  merops  meropis,  larus  atque  loaficus,  ibis, 
am  kuniglein  valche 

Jungitur  hijs  aquila,  puristulus  erodiusque, 

rappe  chra       widhopf         sucht  rephuon 

Coruus  edax,  cornix,  vpupa,  viscedula,  perdix, 
wege  mayse         horntaube        ganser  eher 

(f.   15'')         Miluus  et  iude  parix,  anocratulus,  anser  et  ornix, 
wahtil  amsel  faisan  pirchhuon 

Quiscula  cum  merula,  fasianus  et  ortigometra, 

eisuogel  idem  listra  worgel 

15  Aurifficeps,  cupide,  sepicedula  cruticulusque, 
haselhuom    pirkhuon    hagelgans  strauz 

Spatulus,  attage,  mullifiga  cum  strucione. 

vledermaus  swalbe 

Vel,  verspertilio  uel  yrundo,  non  recitabo, 

smerlekin  grasvink 

Tu  michi  dulcisona  cape,  smirle  celer,  filocena, 

6  Ciuguus  D.  118  u.  Cygmis.         7  anus]  1.  anas.  Wie  aber  die  Glossierung  habech 
entstanden  sein  mag?        alictus]  1.  alietus,  8  aut]  1.  haut,       fusarius]  Bei  diesem 

Worte    fragt  Diefenbach  (S.  254):    'avis?',    weist  aber  richtig  auf  furfarius.  10  In 

anderen  Hss.  wird  merops  durch  gruen-  oder  dornspeht,  larus  durch  müser  glossiert.  Die 
Form  man  kann  ich  sonst  nicht  finden,      weht]  Bei  D.  334  speht  und  wech.  11  am] 

Dieser  Plural  scheint  ein  Rest  der  gewöhnlichen  und  älteren  Lesart  'His  assunt  aquile' 
zu  sein.         puristulus]  D.  413  u.  Paristulus.  12  viscedula]  D.  233    u.  Ficedula, 

sueht]  entstellt  für  sneph.  13  anocratulus]  1),  396  u,  Onocratulus.  horntaube]  ver- 
derbt und  umgedeutet  für  hortübel,  wie  in  andern  Versionen  richtig  steht.  14  faisan 
mit  durchschlagendem  i  des  lat.  phasianus.  Eine  volksetymologische  Umbildung  des 
letzteren  ist  fasihuon  Altd,  Bll.   1,  348,    Gerbert,    Iter  alemannicum,   Anhg.    p.   137. 

15  cupide]  D.  163  u.  Cupuda.  sepicedula]  D,  627  u,  Sepicecula.  cruticulus]  1.  iiu- 
riculus.  Bei  D.  164  curruca,  warg-^  worgengel;  aus  letzterem  obiges  icorgel  entstellt. 

16  Spatulus]  I.  Sparulus,       mullifiga]  D.  370  u.  Mullis.        Die  Form  strucio  für  strntio 
ist  nach  D.  557  die  gewöhnliche,  17  Vel]  1.  Te,    wie  sich  aus  andern  Versionen 
ergibt.         verspertilio]  1.  vespertilio.        yrundo]    i.  e,  hirundo.        recitabo]  l.reticebt). 
18  dulcisona   ....    filocena]    1.    dulcisonam    ....    filonienam.         smirle]    Vgl.    D.  22    u. 
Alietus, 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK.  293 

Iccrche  cleilen 

Laudula  nulla  fugit  vecucedula  raptiim, 
spatz 
20  Nullus  te  passer  fugiat,  licet  hunc  tegat  asser. 
nahtuogel  2^^^^^^^^^^'-' 

Sic  et  lustiniam    cum  lustinio  cape  paruam; 

stiylitz.  disielvink 
Versu  Stare  nequid  carduellus,  quique  recedit. 

Noraina  paucarum  sunt  hec  socianda  ferarum. 

lewe  i.  rex 

Sed  leo  stat  primus  qui    cunctis  est   basileus, 
panthir      tigertier  lebürt 

Hinc  panthera,  tigris  coraitantur  cum  leopardis, 

ainhotvi  olhent 

Rineteros  seuus  comprehenditur  atque  camelus, 
wisnt         eint  hart        waltesel     est  genus  cameli 

(f.   lö*")     5  Bubalus,  alx,  pardus,  onoger  ueloxque  dromellus. 

helfant  vurvi 

Hinc  etiam  validos  elephantes  iunge  uel  vros, 

per  ebir        hirzs 

Vrsus,  aper,  ceruus  auide  sumuntur  in  vsus, 
hindelkalp  reh  rehpok  äffe         merkatz 

Hinnulus  et  caprea,  capricornus,  symea,  spinga, 

19  Laudula]  D.  20  u.  Alauda.  vecucedula]  Bei  D.  117  cicindela  ....  vecice 
dula.  raptum]  Dafür  gebraucht  die  in  den  Carmina  Burana  von  Schnieller  p.  175 
aljgedruckte  Münchener  Hs.  das  kaum  sinnentsprechendere  Wort  tactum.  cleilen 
scheint  entstellt  aus  gleimel  (Lexer  1,  1031).  Übrigens  ist  der  Vers  arg  verderbt;  die 
richtige  Lesart  geht  aus  dem  in  den  Altd.  BU.  1,  349  befindlichen  Vers  der  Straß- 
burger Hs.  hervor:  Laudula  nulla  tuum  fugiat  ne  (lies:  nee)  cicendula  cantum  (1.  rap- 
tum). Aber  auffällig  bleibt  auch  dort,  mithin  in  einem  Denkmal,  das  nach  W.  Grimm, 
Z.  Gesch.  des  Reims  141  noch  dem  10.  Jahrb.  angehört,  die  Glossierung  von  cicendula 
dvircb  glei7H ,  denn  wie  Lerche  und  Glühwürmchen  dazu  kommen  in  Zusammenhang 
gebracht  zu  werden,  ist  eigenthümlich  genug.  Ich  vermuthe,  daß  hier  eine  bis  in  graues 
Alterthum  reichende  Verwechslung  von  cicindela  und  ficedula  (Nebenform :  cicendula 
D.  233,    Schnepfe,    Drossel    u.  s.  w.)    zu  Grunde    liegt.  21  lustiniam]    D.  340  u. 

Luscinia.         lustinio]    Bei    D.  337    lucilia.  22  quique]  =  quisque,     s.    D.  480. 

Unterhalb  recedit  steht  in  der  Hs. :  stellio,  mit  der  darüber  gesetzten  Verdeutschung 
moltwerf.  Wie  diese  außer  dem  Bereich  der  Verse  befindliche  Glosse  zu  deuten  ist, 
weiß  ich  nicht.  Vielleicht  sollte  sie  ein  Nachtrag  zu  dem  später  (Bl.  16*)  vorkommenden 
stellio ,  talpa  sein  und  ist  durch  Versehen  des  Schreibers  an  unrechte  Stelle  geratheu. 

4  Rhineteros]  Allerdings  bei  der  großen  Ähnlichkeit  des  handschriftlichen  t  und  c 
vielleicht  auch  Rhineceios  zu  lesen.  5  onoger]   Bei  D.  396  onager.  dromellus] 

Bei  D.  191  dromeda(us).  6  vurm]  Bei  D.  630  vuorin,  Altd.  BU.  2,  214  vrn;  beides 

stark  entstellte  Formen  für  urrint.  Vgl.  u.  a.  die  Glosse  Vrus  Vrind  in  dem  gleich- 
alterigen  Vocab.  optimus  ed.  Wackernagel  p.  45.  7  vsus]  Die  andern  bekannten 

Hss.    gebrauchen    dafür    die  jedenfalls    richtigere  Lesart  esus.  8  hindelkalp]  Bei 

DNGl.  204  hinnenkalb. 


294  A.  JEITTELES. 

martharm  olter         piber  zobel 

Martalus  et  migale,  luter  castorque,  trabellus, 
luchs       wolf  Jias  fuchs  fohe  dachs 

10  Linx,  lupus  atque  lepus,  wulpes,  wulpecula,  melos, 
maus        wisel  reithe    rathe     eint  toantlaus 

Mus,  mustela,  sorex,  glis  gliris  hienaque,  cinex, 

aichom 
Copulo  spriolum,  reliquorum  do  tibi  nullum.  — 

peye  fliege  niz  laus 

Hinc  apes  et  musca  cum  lende,  pediculus  extra, 
chlain     floch  viuJc         zwiualder  Jceuer 

Parua  pulex  cinifesque,  pulex  fisicula,  brucus, 
ch7-atUwurm  huntfleug  haberwurm 

15  Hijs  similia  eruca,  cinomia  sunt,  locusta, 
wesp  wibil  humel  pei 

Scabro  cum  vesta,  scarabeus,  fucus,  orestes, 
zwiualder        pei  idem  gleim  idem 

Papilio,  scitus  uel  apis,  citendula,  costrus. 

milwe        sneJcke  amaiz  natir  hrote 

Tinea,   testudo  formicaque,  vippera,  buffo, 
slange  vrosch      eudechs       vaimil     scher 

(f.   16*)         Serpens  et  rana,  lacertus,  stellio,   talpa 

20  Hinc  secernantur,  pro  reptilibus  teneantur 
Vel  quod  eis  noraen  natura  dedit  uelud  omen. 

Ecce  stilo  digna  referara  compestria  ligna: 

zederpaum  cyprespaum    lorpaum  mirchpoum 

Cedrus,  cypressus,  laurus,  pariter  quoque  mirtus, 

l*  Die  Glosse  martharm  scheint  dadurch  entstanden ,  daß  wahrscheinlich  in  der 
Vorlage  mart  (Nebenform  von  viarder,  Lexer  I,  2045)  über  niarialus,  ha7-m  (Hermelin) 
über  migale  geschrieben  war  und  nachher  beide  Wörter  irrthümlich  in  ein  Wort  zu- 
sammengezogen wurden.  Im  Zusammenhange  mit  dieser  Verderbniß  steht  die  Schreibung 
Otter  über  migale  statt  über  luter,  piber  über  luter  statt  über  castor.  trabellus]  Bei 
D.  590  trabenus.  11  reithe]  verderbt  für  rate,  rat  (D.  548).  cinex]  D.  119  u.  Cimex. 
12  spriolum]  D.   54  u.  Aspriolus.  14  cinifes]  D.  119  u.  Cimex.        fisicula  halte  ich 

für  Attribut  zu  pulex  als  Gegensatz  von  parva  pulex;  aber  was  heißt  es?  Man  ver- 
gleiche die  ähnliche  Glossierung  bei  Mone  4,  94:  fiszula  zwivalder.  15  haber- 
wurm] Bei  D.  335  haberschreck.  16  Scabro]  D.  154  u.  Crabro.  vesta]  wohl  ver- 
derbt für  vesca.  wibil  scheint  irrthümlich  über  vesta  statt  über  scarabeus  ge- 
schrieben zu  sein.  humel  steht  zwischen  scarabeus  und  fucus  in  der  Mitte.  pei] 
Bei  D.  400  bremme.  17  scitus]  Diese  lateinische  Bezeichnung  für  Biene  habe 
ich  nirgends  gefunden.  citendula]  D.  117  u.  Cicindela.  19  vaimil]  Bis  zur  Un- 
kenntlichkeit entstellte  Form  für  vSchmol  (bunte  Eidechse),  Lexer  III,  37.  20  se 
cernantur  (Hs.). 

1    compestria]  1    cauipestria.         2  mirchpoum]  Bei  D.  363  mirtelboum. 


ALTDEUTSCHE  GL-QSSEN  AUS  INNSBRUCK.  295 

papilpoum        paljjoum    spinlpaiini  seuinpoum 

Populus  et  palma,    fusarius  atque  sauina, 
pfersichpouvi   pflaumpouin  Icerspouvi     aphoUer       kriehpouvi 
Persicus  et  prinus,  cerasus  malusque  cinusque, 
niiz         tanne       forhe   chienpoum  pirpoum  mispelpoum 
5  Nux,    abies,    picea,    pinus,    pirus,    esculus  alta, 

ahorn      pirclie  puchspoum     aiche  idem 

Cum  platano  fibex,  cum  buxo  quercus  et  ibex, 
eschpown  linde    puoche    Jiagenpotim    ölpaum 

Fraxinus  et  tilia,  fagus,  lentiscus,  oliua, 

leine    mazelder  leinpaum         hasel        haimptwche       hailpoum 
Vlnus,  acer,    cornus,    corulus,    capenus  et  optus, 

haselnuz  mandüpaum       kestinpoum 

Vos  auellane  uel  amigdola  castaueeque 

i.  lorperpaum 
10  Et  licet  ignotum  non  pretereo  terebintum, 
espe  hagen  dorn       veigpouvi 

Cum  tremula  tribulus,  cum  spina  taxus  et  alnus, 
holer        holerpaum  kranwitpoum  huntpfalder 

Liscus,  sambucus  cum  junipero,  palinitus, 
cevelwer  welwer 

(f,   16")         Vimina  uel  salices  vincire  ualent  tibi   vites, 

chtätenpatim  moulpaum  i.  ßcus  fatua  sicomorum 

Cum     ratono     morus     morique  soror,  sicomorus. 

niesen       snarchen        heschen        imdlen 
Ossito,  sternuto,  singulto,  nauseo,  sterto, 

3  palpouni\  Ebenso  Diut,  2,  273:  palma  palboiivi.  6  Daß  für  ibex  die  gleiche 

Bedeutung  mit  quercus  angesetzt  ist,  beruht  entweder  auf  Verwechslung  von  eiche 
und  eibe  oder,  was  wahrscheinlicher,  da  andere  Versionen  darauf  hinweisen,  von 
ibex  und  ilex.  8  Vlnus]  D.  624  u.  Ulmus,  aber  leine  fehlt;  vgl.  dagegen  Nemnich 

3,  354  unter  Leimbaum.  cornus]  Verwechslung  für  ornus,  vgl.  Zs.  f.  d.  Ph.  11,  296 
Anm.  12;  ebd.  316  Anm.  21.  Dieselbe  Verwechslung  auch  anderwärts,  z.  B.  Altd.  BIl. 
1,  360,    Mone  Anz.  5,  467,  Germ.  19,  436.         capenus]  D.  103  u.  carpinus.  optus 

hailpoum]  Beide  Formen  wahrscheinlich  verderbt.  In  anderen  Hss.  steht  dafür  ornus 
mit  der  Glossierung  arlezboum,  harlzboum;  es  scheint  aber  sorbus  torminalis  (Eberesche 
Elsebeere)  geroeint  zu  sein ,  s.  Nemnich  3,  30   unter  Ärlsbeere.  9  Vos]  Verderbniß 

für  Nux  anzunehmen  Hegt  nahe,  aber  alle  veröflentlichten  Hss.  haben  Vos.  10  Über 
diesen  Vers  vgl.  Zacher  a.  a.  O.  11  veigpouvi]    irrthümlich  über  taxus  statt  über 

alnus  geschrieben.  Vgl.  alnus  bei  D.  25.  12  holer]  Bei  D.  333  holdrich.  palinitus] 
Bei  D.  406  palintus ,  paliurus,  hiefholdra,  hiphalder.  13  cevelwer]  =  zem/elber,  wie 

die  Glosse  vimina  cemwide  in  den  von  Mone  im  Anz.  4,  95  mitgetheilten  Leipziger 
Glossen  lehrt.  Vgl.  Zacher  a.  a.  O.  317  Anm.  25.  tibi]  In  anderen  Hss.  sibi,  was 
fehlerhaft.  14  ratono]  verderbt  für  cotano,  coctano,  cutino  i.  e.  cydonia,  vgl.  Altd. 
Ell.  1,  350.  2,  214.  216;  Mone  Anz.  5,  463.  8,  97;  Z.  f.  d.  A.  5,  415.  9,  390  u.  s.  w. 
fisus  sicomorum]  i.  e.  fic.  sicomorus,  der  Maulbeerfeigenbaum;  durch  fatua  soll  wohl 
der  fade  Geschmack  der  Früchte  zum  Unterschied  von  jenen  der  echten  Feige  an- 
gezeigt werden. 

1  ossito]  D,  402  u.  oscitare,  aber  niesen  fehlt. 


296  A.  JEITTELES 

rustren  rulzen  »ufUn  /mosten  ropzin 
Excreo,  corizo,  suspiro,  tussio,  ructo, 
Tiuosten  cheioen       ginen  slinden       ropzin 

Tussio,  masticans,  yo,  gulcio  ructoque,  screo. 
rosseherte  siveinherle 

Mango  caballorum  est  porcorumqvie  subulcus, 
viaulherle  gaizherte 

Mulio  mulorum  dux  emoycusque  caprarum, 

schaffer 

20  Nam  caper  ennos  ouium,  fit  opilio  pastor 

esiltreiber  rinderherte 

Et  asinorum  pastor  agazo  boumque  bubulcus. 

II. 

Die  von  Mone  (Anz.  6,  435)  gewählte  Bezeichnung  juristische 
Glossenverse'  ist  unrichtig.  Allerdings  behandeln  die  Verse  2 — 10 
juristische  Begriffe,  dagegen  beginnt  mit  Vers  11  ein  gemischter 
Inhalt.  Der  Text  unserer  Hs.  ist  ein  von  den  bisher  veröffentlichten 
Texten  vielfach  verschiedener,  überhaupt  nur  in  den  zehn  ersten 
Hexametern  einigermaßen  übereinstimmend.  Bezüglich  der  metrischen 
Beschaffenheit  der  Verse  bemerke  ich  ein-  für  allemal,  daß  auch  hier 
wie  in  I  mehrere  derselben  gestört  sind. 

Über  die  'Termini  juristarum'  und  das  Vorkommen  derselben  in 
Handschriften  des  14. — 16.  Jahrhunderts  vgl.  Zacher  in  der  Zeitschrift 
f.   d.  Philologie  11,  317  ff. 

(f.   17")          Istis  scriptores  errare  solent  aliquando. 

Est  feodum  leheguot  nee  non  depaccio  dinge, 
Sed  census  est  zins,  sed  diuolucio  anual, 
Obstagium  iniigen,  post  hec  precaria  "pete, 
5  Obsides  geisel,  diffidare  widersagen, 

Wen  ich  bekunde,  reor  illum,  non  ane  sache. 
Vngelt  angaria,  wara  vore,  exaccio  est  schos, 

16  Excreo]  D.  520  u.  screare.  corizo]  Vgl.  'coryza,  naütropfe  bei  D.  151  und 
mhd.  rütze,  rotz.         17  gulcio]  1.  glutio.  15—17  Dieselben  Worte  ohne  Versverbin- 

dung mit  nur  theilweise  veränderten  deutschen  Glossierungen,  sogar  mit  derselben 
"Wiederkehr  des  Wortes  tussio  finden  sich  in  dem  von  Birlinger  in  den 'Altdeutschen 
Neujahrsblättern'    veröffentlichten  Vocabularius  latino-silesiacus,  S.  62. 

2  d'  pacco  (Hs.).  3  diuolucio]  1.  deuolucio,  D.  178.  7   Vngelt]  Vgl.  dar- 

über Zacher  a.  a  O.  321.  wara]  Ein  in  Kechtsurkunden  gar  nicht  seltenes  Wort) 
das  bei  Du  Gange  und  Diefenbach  mangelt.  Es  ist  aus  mhd.  väre  (verderbt  vöre) 
herzuleiten  und  bedeutet  1.  insidiae,  fraus,  dolus,  2.  juricapium,  das  Recht  Personen 
oder  Paclion  in  Beschlag  zu  nehmen.    Vgl.  Haltaus,    Glossarium  germ.  Col.  435  unter 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK.  297 

Rcditus  est  reht  gelt,  sit  banirium  tibi  haniei\ 
Thelonius  est  zol,  pactum  permissio  voti, 

10  Ära  est  maischatz,  anathema  bananoneie.  — 

Mit  disen  icappen  ziemt  sich  milites  mit  den  knajjpen: 
Est  fiolum  henfnir  tibi  sit  lumbaleque  senftnyr, 
Lictium  spaldnir,  extat  thenuina[rium]  et  hcerschnyv, 
Sed  nebris  kolnir,  perichelides  armleder  extat, 

15  Ilalsperk  lorica,  sed  torax  sit  tibi  plate, 
Nam  fidia  hvbelhuot,  mitrabia  sit  pekelhaube. 
Dextrarius  hausros  uel  örs  tibi  naraque  vocatur, 
Egder  sit  epikarius,  nam  dromedarius  olbend, 
Nam  mulus  sit  maid,  est  emissarius  stuetpfert, 

20  Asinus  est  esil,  est  equaricia  nam  stitot. 

Frenum  zaicm,  sistit  cbamus  halfterque,  capistrum^ 
Lupatum  sit  piz,  sed  lora  sit  tibi  zugel, 
Furbueg  antela  postela  sit  afterraifqne, 
Cingula  sit  darngurt,  sed  subciogalia  pintriem, 

25  Mantica  sit  wasanc  uel  subsaccinula  dicas, 
Pharetra  sit  kocher,  sed  sit  substellia  spangurt, 
Gladius  swert,  sistit   capulus  knouf,  rumphea  sit, 
(!.    17'')         Ensis  dat  mitteltail,  sed  mucro  sit  tibi  spizze. 

Segucius  iaghimt  ,  tibi  sit  rüde  namque  molossus, 

30  Listicus  nam  prake,   sed  sit  tibi  clancuia  spurhunt, 

Für  uud  Mhd.  Wb.  3,  267.6.    Dieselbe  Glosse    ('vara  uo»-')    begegnet   auch  iu  der  vou 
Wackernagel    in    Haupts    Zs.  5,  413  ff.    veröifentlichten    Straßburger    Hs.,    Vers  26. 
schos  =  schoz.  Lexer  2,  780.  D.  213.  8  banirium]  Bei   D.  67  baneiium.  9  The- 

lonius] D.  575  u.  Telonium.  10  Ära]  i.  e.  arra,  arrha,  worüber  zu  vergleichen  ist 

Zacher  a.  a.  O.  323.  bananoneie]  Der  Sinn  ist  klar,  die  Form  weiß  ich  nicht  zu 
deuten;  sollte  es  Entstellung  von  bann-einunge  (vgl.  Haltaus  95)  sein?  12  fiolum 

=  tihnn?       henfnir  —  senfinyr]    Nicht    zu    belegende  Formen.  13  Lictium]  Vgl. 

D.  328  u.  Licium.       spaldni?-]   Lexer  2,   1063  u.  spaldenier.        thenüinä  oder  themünä 
(Hs.),    ein  für  mich    unauffindbares  Wort;    am  wahrscheinlichsten  dürfte  es  thenuina- 
rium  i.  e.  tenuiarium  heißen.     Vgl.  Forcelüni,  Totius  latinitatis  Lexikon.  Editio  nova. 
Prati   1858.  T.  VI,  58  u.  Tenuiarius.         harschnyr  i.  e,  herseniei-,  s.  Lexer  1,   1263. 
14  kolnir    i.  e.    golier.    Lexer  1,   1045.  16  hubelhuot]    Bei    D.  641    peckenhube. 

mitrabia]  D.  364    verzeichnet    bloß    mitra.  18  epikarius]   D.  208    u.  Erpicarius. 

•20  equaricia]    D.  206    u.  Equaria.  24  darngurt]    1.  darmgurt.         subcingalia]  Bei 

D.   120  bloß  cingula.  25  wäsanc]  1.  loätsac,  s.  D.  347  u.  Manlica.       subsaccinula] 

I.  subsaccinulam.    Bei  D.   506  bloß  saccina.  26  substellia]  D.  559  u.  Subcellium, 

(las  aber  durch  satel  glossiert  wird.  27  rumphea]  D,  500  u.  Romphea.  28  mittel- 
tail] fehlt  bei  D.  203  u.  Ensis.  29  Segucius]  Es  ist  offenbar  canis  sagax,  Jagd- 
hund (Nemnich  1,719);  die  Form  segucius  kann  ich  nicht  nachweisen.  30  Listicus] 
Bei  D.  328  lycisca,  litiscus.       clancuia]  Bei  D.   125  clanculus. 


298  A.  JEITTELES 

Cisper  sit  vogelhunt,    catulus  weif  namque  uocutur, 
Sed  volter  sit  winde,  canis  omnibus  est  generale. 
Satellus  sivertchneht,  sed  sit  sjDartarius  sperchnappe, 
Hofchneht  vernaculus,  sed  ivcefner  sitque  phasallus. 

35  Est  territoriurn  gemerch,  sit  stracia  namvxirf, 
Predium  est  aigen  hofstat,  sit  et  area  namque, 
Allodium  vorwert,  feodum  lehen,  affiocus  sit 
Summa  de  domibus  que  datur  denariorum, 
Pedagium  sit  zol  de  ponte  quod  accipiturque, 

40  Sed  sit  thelonium  quod  emptores  dare  solent. 
Homagium  manscliaft,  verleihen  sit  feodare, 
Nara  plebisscitum  lantdinch  quoque  sepe  vocatur. 
Est  ygnen  hegdrnos,  glans  druos,  aiter  tibi  sit  pus, 
Ayz  apostema,  prurigo  iukche  vocatur. 

45  Damphigui  asmaticus,  hiizsuhtik  cardiacus  sit, 
Ernodius  ruptus,  sed  tysis  sit  tibi  cheichen, 
Gehüllt  sit  regularis  morbus,  sed  suht  sit  acuta, 
Tohsuhtik  frenesis,  gegiht  paraliticus  extat. 
Gippus  sit  houer  in  pectore  qui  solet  esse, 

50  Sed  gibbus  hoker  in  dorso  crescere  solet, 

Contractus  chrupil,  sed  raancus  ainhandik  extat. 
Est  colus  ain  rokhe,  sed  sit  uberruk  epistilum, 
Nam  fusus  spinle,  sed  sit  apprechque  fusale, 

31   Cisper]    S.  oben.  33  Satellus]    Bei  D.  513    satelles.         spartarius]    Ein 

höchst  wahrscheinlich  aus  dem  deutschen  sper  gebildetes  mittellateinisches  Wort,  das 
ich  aber  sonst  nicht  nachweisen  kann,  denn  an  das  lat.  Spartarius  (vgl.  Du  Gange ^ 
VI,  314:  'qui  ex  sparto  restes  texit  vel  qui  spartum  vendit')  kann  nicht  gedacht 
werden.  34  hofchneht]  Bei  D.  613  bloß  kneht.  phasallus]  Bei  D.  607  u.  Vasallus 
andere    Bedeutungen.  35  gemerch]    Bei    D.  580    u.    Territorium    andere  Glossie- 

rungen. 36  aigen  hofstat]  Bei  D.  453  u.  Predium  andere  Benennungen.  37  vor- 
wert] 1.  vorwerch.  affiocus]  Käthselhaftes,  wahrscheinlich  stark  verunstaltetes  Wort, 
dessen  Entzifferung    mir    nicht    gelang.  43  ygnen]    1.  inguen.         45  Damphigus] 

Komischer  Schreibfehler,  der  für  die  Unachtsamkeit  des  Schreibers  bezeichnend  ist, 
für  Damphiger.  Vgl.  D.  56:  Asthmaticus,  ein  damp/ßger,  Vocabular  Niger  Abbas 
herausgeg.  von  M.  Flohr  in  den  Straßburger  Studien  3,  25:  Asmaticus ,  kickender 
oder  demphiger.  Asmaticus]   1.  Asthmaticus.  hitzauhtik]  1.  herzsuhtik,  D.  200. 

46  Ernodius]  Dieses  unauffindbare  Wort  beruht  wahrscheinlich  auf  Verwechslung  mit 
herniosus,       tysis]    Bei  D.  585    mit    anderer  Verdeutschung.  48   Tobsuhtik]   Wohl 

Schreibfehler  für  Tohsuht,  wie  das  folgende  frenesis  anzeigt.  gegiht]  sonst  gegihtig. 
DNGl.  280,  Lexer  1,  782.  49  gippus]  D.  262  u.  Gibber.  52  epistilum]  Sonst 

heißt   uberruk   d.  i.  überrücke:    epiculiuin  (Lexer  1,  1()52).     Vgl.  D.  205  Epicolium. 
68  apprech]  Lexer  1,   15,  Vgl.  D.  253  u.  Fusale,  wo  diese  Benennung  fehlt. 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK.  299 

Est  alabrum  haspü,  vertebrum  sit  nam  et  änspinn^ 
(f.   18*)  55  Girgilluni  garnrok,  sed  glomus  sit  tibi  chleioel. 
Follis  sit  pkespalch,   ciybanum,  scoria  sinder^ 
Forceps  sit  tibi  zang,  sed  lima  sit  tibi  veile. 
locus  sit  anpoz,  sed  malleus  sit  hamer  ain  (jroz, 
Huefeisen  est  babatum,  sed  gumphus  huofnagl  extat, 

60  Sit  tibi  ferrugo  hamerslah,  sed  roest  quod  rubigo. 
Angarium  notstal  est  et  lapsorium  tibi  sUfstain, 
Parma    sit  chlainschilt,    sed  pelta  sit  tibi  der  schilt, 
Clipeus  ein  gemainschilt,  scutus  pukler  sit  unus, 
Pfalera  sit  decke,  sed  sella  sit  tibi  satil, 

65  Spado  castratus,  sit  enuchus  tibi  maydem, 
Drottarius  drafner,  sed  sit  zeiter  ambulator, 
Pulledrus  vole  uel  pullus  namque  uocatur. 

III. 

(f.  86'')     Artemesia,     hyhouz  oder      15  Agarus,  tannenswan. 

hukel     oder      schosmalte  oder            Aliopiades,  zigelinge. 

himelker.  Alleum,  chnohloch. 

Anisium,  anis.  Abrotanum,  ahruten  oder  qertel. 

5  Atramentum,  atrament  scripto-  Acalipha,  aiternezzel. 

rum.  20  Agarucum,  idem. 

Aloes,  aloe.  Alcanna,  erdöphel. 

Alumen,  ahm.  Agramen,   eberwurze. 

Adyantea,  nesselwurze.  Acorus,  swertel. 

10  Anagallieura,  pvnge.  Anacardus. 

Adragma,  hitrgelle.  2b  Affodillus,  edera  idem. 

Amantisia,  haldrian.  Asa  vel  asarum,  gundrebe. 

Armorata,  bibnelle.  Aristologia   longa,    ringelwurze 

Apiastellura,  bramdchrut.  oder  bievenvurze. 

56  ciybanum]  Vgl.  D.   127  Clibanus.  60  roest]    I.  rost.  63  scutus]    Bei 

D.  522  scutum.  64  Pfalera]  Bei  D.  223  falera.  65  sit  enuclius]  1.  sed  eunuchus 
sit  etc.  maydem]  Fehlt  bei  D.  215  u.  Euuuchus.  S.  darüber  Lexer  1,  2071 ,  DWb. 
5,  1899  u.  meideni,  meiden.  66  Drottarius,  drafner  kann  ich  sonst  nicht  nachweisen. 
Vgl.  trotare,  drahen  bei  D.  599.         67  Pulledrus]   D.  444  u.  Poledrus. 

5  scriptorum  gehört  offenbar  zu  Atramentum  und  ist  aus  Versehen  an  unrechte 
Stelle  gerathcn.  HD    14  u.  Adragis  12  D.  27  u.  Amantilla.  13  D.  49 

u.  Armoracia.  14  D.  40  u.  Apiatellum.  15  D.   17  u.  Agaricus.     1.  tannenswam. 

16  D.  22.  637  u.  Alypum.  19  D.  636  u.  Acalephe.         26  Asa  fehlt  bei  D.,  ebenso 

fehlt  DNGl.  87  u.  Asarum  die  Benennung  gundrebe,  wofür  die  Glosse  hasehourz  ge- 
braucht ist.  Es  scheint  Verwechslung  mit  Acer  unterzuliegen.  27  Die  Bezeichnung 
ringelvmrze  kann  ich  anderwärts  nicht  finden. 


300 


A.  JEITTELES 


Aristologia  rolunda,  holtourze. 
30  Arabactara,  hasehvurze. 

Auespertemia,  hasetiber. 

Anaucia,  hasemourze. 

Armonaca,  hordrich. 

Amaripta,  hundes  pluome. 
35  Atrapassa,  holdevpluomdn. 

Alleluia. 

Altca,  jbische. 

Acus  musmataca,  kranichsnabel. 
(f.  87")     Arontilla,  zagemzagel. 
40  *Armigecies. 

Ambustum. 

Atriplex,  malte. 

Amigdala,  mandelchcrn. 

Atropasta,  mistelber. 
45  Acantum,  nezzelsame. 

Ardeuia,  idera. 

*Arsenicum,  hnschel. 

Auripigmentum,  ktqjherment. 

Amurca,  ölhephen. 
50  Asparago,  ochsen. 

Agi'imonia,  hrachkraut. 

Argentum  viuum,  qneksllber. 

Aureola  vel  angelia,  engehvurze. 

Auenio,  rotman. 
55  Antera,  rosensam. 


Alga,  raingras. 

Acedula,  ampher. 

^Archicontidos,  cranioitbtv. 

Absinthium,  ivermuet. 
60  Antira. 

Artinca,  steindiöteL 

Agaone,  vochwurze. 

*Aaron,  zukke. 

Asclepia,  cranichswurze. 
65  Allogallicum,  encian. 

Archangelica,  aiternezzel. 

Antusa,  agleye. 

Asinima,  papel. 

Amatistus,  bluotstain. 
70  *Albuga. 

Alna,  alant. 

Asa,  stercus  dyaboli. 

Anagasus    vel    vngula    cabalii, 
rosseshuof. 
75  Apium,  ephfe. 

Asarum   vel   baccara  vel  wul- 
gago  vel  voulgama,  hasehvurze. 

Ballieia,  hnflatich. 

Bulaquilon,  alrune. 
80  Balota,  hagdorn. 

Balsamus,  arbor. 

*Balsamum,  guma. 


30  D.  53    u,  Asarum.  31   D.   18    u.  Aguispeima.  32  Schreibfehler  für 

Avancia.  33  D.  49  u.  Armoracia.       hordrich  i.  e.  hederich.  34  Bei  D.  28  Ama- 

rusta.       38  1.  Acus  muscata.       39  Bei  D.  10  Aconcilla,  arcontilla  u.  a.  Formen,    zagens- 
zagel]    1.  katzenzagel.    Abermals    ein  Schreibfehler,    der   auf   grobe  Unachtsamkeit    des 
Schreibers  hinweist.         44  D.  57  u.  Atrapassa.         46  1.  Ardenia.     D.   12  u.  Adiantos. 
48  Bei  D.  62    operment.       50  Bei  D.  54  ochsenaug.       54  1.  Anemo  (D.  637).    57  D.  7 
u.  Accedula.  61  D.  49  u.  Arnica,  62  Vgl.  D.   17  u.  Aganoe   und    ebd.  636 

Agaones,  aber  vochwurze  fehlt.  63  Sumerlaten  hg.  v.  Hoffmann,  S.  54  enthält  die 

Glosse:   Aaron,  ruche.  64  Bei  D.  53  trachenwurz,   Schwalbenwurz.  ,65  D.  24 

u.  Allogellica.         66  Bei  D.  45  großnessel.         67  1.  Anchusa.         68  Bei  D.  21  Azima 
(u.  Alcea).    Vgl.  ferner  die  Glosse  'asinina  popele    Zs.  f,  d.  Ph.  9,  199*.  69  Ver- 

derbt aus  Ematites  =  Haematites,  s.  D.  199.         70  S.  Albuca  bei  Nemnich  1,   149. 
71  Die  regelmäßige  Form  ist  Enula,  s.  D.  130.  73  Wahrscheinlich  Schreibfehler 

für  Anagallus,    s.  D.  32    u.  Anagallis.  78  Bei  D.  67    Ballina.  80  Bei  D.  67 

Ballote  mit  der  Glussierung  andorn. 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK. 


301 


Borax,  Loras. 
Borago,  borätscJie. 
85  Bleca,  hiezze  oder  mangolt. 
Bacus,  hramelstok. 
Betonica,  batonie. 
Bi'unella,  hrunwurze. 
Baldemonia,  vlsenitz. 
90  Benedicta,  henedicte. 
(f.  87'')    Branca  ursina,  hernda. 
Bolus,  bruchstem. 
Berula,  hieuerbluom. 
Bombata,  boumwoUe. 
95  Balsamata,  vischminze. 
Basilica,  hasilie. 
Boras,  hrantstain. 
Brandana,  graslouche. 
Barsameta,  grasmitze. 
100  Blugilla  vel  *blanca,    JumJes- 
zunge. 

Brandana,  hufclette. 
Brionia,  hailigher. 
Beonia. 
105  Barba  iovis,  hausiourze. 
Boletus,  haiisswam. 
Botamia,  ysern, 
Bismalva,  jbisch. 
Bolotus,  crebesiourtze. 


110  Barbaricon    vel    bacca    lauri, 

lorber. 

Baucia,  mörhen. 
Basilia,  meterwurze. 
Basilicus,  idem. 
115  Buglossa  vel  basilicon,  ochs^en- 

ziing. 
Brasica,  romisch  choele. 

Bosrago,  borrätsche. 

Brancheos,  sevenhoum. 
120  Bruscus. 

Begula,  wuetkraut. 

Bassara,  loüdraut. 

Bulmago,  idem. 

Bedegar,  loisdorn. 
125  Blanconia,  idem. 

*Bilbus,  zwiboUe. 

Brunella^  brunelle, 

Bubalia,   singruene. 

Bistoria,   naterwurze  oder  rot- 
130     naterwurze. 

Bursa  pastoris,saguinaria  idem. 

*Brasa,  selhail. 

Blandonica,  wulrae. 

Calcantum,  atrament. 
135  Centaurea  minor,  aurin. 


85  Bei  D.  72  Beta,    Bleta.  86  D.  65  u.  Baccus.  92  Bei  D.  78  blut-, 

(joltstain.  93  Bei  D.  72.    638    andere    deutsche  Benennungen.  95  Bei  D.  67 

Balsamita.  97   Bei  D.  78  Borax  mit  anderer  Verdeutschung.  98  D.  68  u.  Bar- 

dana. 99  Bei  D.  67  Balsaraita  mit  der  Glossierung:  kraut- ,  kraus- ,  garb- ,   gart-, 

grantmyncz ;  obiges  grasmitze  also  jedenfalls  wenigstens  im  zweiten  Theile  der  Zusammen- 
setzung verderbt.         100  1.  Bugilla.         107  S.  D.  79    u.  Botanica.         109  1.  Boletus. 
110  Barbaricon  fehlt  bei  D.  115  basilicon  fehlt  bei  D.  119  Bei  D.  80  Brac- 

teus  ....  barctenus.  121  D.  77  u.  Bogula,  wo  aber  die  Verdeutschung  wuntkraut 

lautet,  122  D.  75  u.  Bisora.  124  DNGl.  55  mit  anderer  Glossierung.  127  D.  469 
u.  Prunella.  128  Bei  D.  84  Bugilon,  bulia.  129  Bei  D.  75  Bistorta.  132  sel- 
hail] wahrscheinlich  für  ielphail,  s.  Lexer  1,  868,  Nemnich  3,  539,  wo  es  aber  Pru- 
nella vulgaris  bezeichnet.  133  vmlvie  =  wulne'i  Vgl.  D.  46. 


302 


A.  JEITTELES 


Calcatrepa,  agen. 

Gremium,  leinvloke. 

Consolida  maior,  baimoelU. 

Calca,  hinsouge. 
140  Cassilago,  'pilie. 

Castoreum,  hihergaü. 

Cerusa,  hliwiz. 

Cinamomum,  zimin. 

Cubebe,  cuhehen. 
145  Cedoarium,  citivar. 
(f.  88*)     Canfora,  caffer. 

Costum,  coste. 

Ciminum  vel  carium,  kumeL 

Castanee,  ehesten. 
150  Carica,  truken  veige. 

*Cortex  buxie,  erisip. 

Cinum,  cigebart. 

Cucurbita,  curhiz. 

*Clyn,  de. 
155  Cepa^   cipolle. 

Coriandrum,  coriander. 

Colophonia,  criechisch  pech. 

Cardones,  carten  oder  distel. 

Cardus  benedictus^  crvzewurze. 
160  Coconidium  vel  iaureola,  zilant. 

Carparus. 

Condisia,  ditamne. 

Camasian,  distel. 

Crassula  minor,  blatloz. 
165  Crassula  maior,  stainpheffer. 


Cucumer,  ertai^pfel. 

Crux  Christi,  ainher. 

Centaurea  maior,  maferey. 

Centimorbida,  egelgras. 
170  Cardopacia,  eberwurze. 

Canapus,  hanif. 

Caput  galli,  hanenchopfe. 

Cortula  fetida,    Jiundespluome. 

Coriandrum,  hedervmrze. 
175  Calamus  aromaticus,    hennen- 
zitwar. 

Circe,  hertzblat. 

Cinoglossa,   hundeszunge. 

Cepetonium,  hollouch. 
180  Cicorea,  Mmellouch. 

Centrum  galli,  hanenkamp  oder 
scharley. 

Corulus,  hasel. 

Cartarupa,  karte. 
185  Cerifolium,  keruelen. 

Crispila,  crispil. 

*Caheuma,  lederchal. 

Coagulum,   lap. 

*Cisolocamia,  mistelmelde. 
190  Capillus  veneris,   minnenlöber 
oder  stainfarn. 

Camomilla,  maidbluome. 

Codion,  magenkopf. 

Cameliunca,   mistel. 
195  *Colopricia,  naterwurze. 


136  D.  89  u.  Calcatrippa  mit  der  Glossierung  akaleye,  agleie.  137  D.   156 

n.  Crenium,  aber  leinvloke  fehlt.         140  Bei  D.  104  bilse,  Z.  f.  d.  Ph.  9,  200*  bille. 
145  D.  634  u.  Zeduarium.       146  D.  639  u,  Camphora.     caffer]  1.  canfer.       154  =  Cli- 
ton?     Vgl.  D.  127.  160  D.  129    u,  Cocconidium,  162  D,  140    u.  Condisum. 

163  D.  92    u.  Camacion.  168  materey]   könnte   auch   macerey   gelesen    werden. 

173  1.  Cotula.  177  D.   103  u.   Carue.  180  D.   118  u.  Cichorium  mit  der  ver- 

änderten Bezeichnung  hintlanff;  ebenso  bei  Nemnich  3,  250.         184  Entstellte  Neben- 
form von  Calcatrippa.         185  D.   114  u.  Chserephyllon.  186  D.  168  u.  Crispinus. 
187  lederchal  =  lederchalcl         190  Bei  D.  97  minnenhär  ....  stein/am.         192  D.  92 
u.  Chamaemelum.            194  D.  92  u.  Camaleuca,  das  aber  durch  distel  glossiert  wird- 
Vgl.  Camaleonta  D.  638.         195  Vgl.  Colubrina  bei  D.   133. 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK. 


303 


Concordia,  odermänie. 

Coctanum,  kutten, 

*Celitonus. 
(f.  SS**)    Capparls,  pipawe. 
200  Cocodia,  phedeme. 

Calendula,  ringel, 

Canna,  vor. 

Celidonia,     schelleiourze     oder 
grintiourze. 
205  Calcamentum,  sfainmintze. 

Crocus,  saffran. 

Cicuta,      totietschärlinch      oder 
schärlinch  oder  kelherscraut. 

Catapucia ,    sprtnkwurtze   oder 
210    scheiswurtze. 

Cathimia,  silber schäume. 

Cathinia,  sinder. 

Cronica,  trakemvurze. 

Coscute,  toter. 
215  Cardamus,  wilder  cresse. 

Carthe,  wildkumel. 

Colocasia,  wildmintze. 

Ceutonica  vel  pilosella,  wurm- 
krut. 
220  Centinodia,  loegtret. 

Cina,  tüeppe. 

*Canulenta,  louchhlasen. 

Capparus,  encian. 

Chymolea,    creide    oder   stain- 
225    schleif. 


Corriola  volubilis,  hoppfe. 

Centum     [^rana      vel      herba 
cancri,  crebsenioiirtze. 

Calcadippa,  kart. 
230  Columbina,  i,  dracontea. 

CUbanura,  i.  thns. 

Ditamnus,     ditamne  oder  wis- 
wurtze. 

Dragantum,  dragant. 
235  Dracontum,  drakenwurfze. 

Dyodela. 

Daucos,  pastenak. 

Dydomo,  hasenore. 

Demetria,  bernhart. 
240  Damasoniura,  zoassercresse. 

Daffunda,  lorher. 

Dyadema,  papel. 

Discopella,  schutiourzp. 

Dionisia,  toegioartbluome. 
245  Draguntea,  drakenivurtze. 

Dragantea,  nateriourtze. 

Enula,  alant. 

Ebolus,  atich. 

*Enfola,  hrachwurtze. 
250  (f.  89")    Emicedo,  hlatlonch. 

Emantes,  hluotstain. 

*Elleuboncr.,  centauria. 

Endiuia,  scharlei. 

Edera,  ephoive. 
255  Erba  venti,  garwe. 


197  D.  118  u.  Cydouia.         205  1.  Calamentum  und  s.  Calamintha  bei  D.  88. 
•208   Die    Giossierung    kelherscraut    fehlt    bei  D.  211—212    D.  87    u.    Cadmia. 

214    D.    104    u.    Cassutha.  216    D.     103    u.  Carue.  221    D.  119    u.    Cyme 

(=  Cyma).  222   Vgl.    die    Glosse    Canulenta    lochuesen  Zs.   f,    d.    Ph.    9,  200". 

224   D.  119  Cimoleya;    aber  die  Benennung   creide  fehlt.  226  Bei  D.  153  winde, 

wegtvinde.  2J7  D.  112  hat  u.  Centigrana  die  Benennung  kobizwurtz.  229  D.  89 

u.  Calcatrippa.  2.32  D.  180  u.  Dictamnus.  238  D.  180  u.  Didimus,  289  Bei 

D.  172  durch  eisenhart  glossiert.  241  D.   166  Daphne.  243  Bei  D.  185  schyle-, 

slicwort.  245  —  246  D.  291   u.   Dracontea.  249  Höchst  wahrscheinlich  entstellt 

aus  Eusola,  Esula  (D.  213).         250  D.  200  u.  Emicedo.    Es  ist  entstellt  aus  Ematites 
=  Haeniatites,    s.  Nemnich  3,  78    u.  Blutstein.     Für    hlatlonch    hat    D.    hrachlouch. 
253  Bei  D.  202  mit  anderer  Glossierung.         255  D.  275  u.  Herba  venti. 


304 


A.  JEITTELES 


Endiuia,  zaundistel 

Edera  terrestris,  gundreh. 

Ercularis,  grensich. 

Euforbium,  huneswurtze. 
260  Epatica,  leberwurtzcraut. 

Eufrasia,  hiß. 

Ekesmon,  mintze. 

Escule,  mispeln. 

EUeborus  albus,  nieswurtze. 
265  Equimenta,  rosmintze. 

Eliotropie,  tinkel. 

*Erunche,  schelleiourtze. 

Elycopia,  sprinchiourtze. 

*Esorium,  scdbeihluom, 
270  *Esusa,  looJfcraut  oder  scheis- 
lüurtz. 

EUeborus  niger,  heiligen  crist- 
lourtz. 

Eruca,  weisser  senif. 
275  Eufrasina,  wuntcraut. 

Eupatoriura,  schärley. 

Eupatorium,  wilder  salbei. 

Erafolium,  eribernhlat. 

Eleutropium,  hilber. 


280  Eleborus  niger,  suterwurtze. 

Ermodactilis,  hailhopfe. 

Ellifagus,     i.  saluia. 

Entropia,  ringelbluome. 

Fnux,  alant. 
285  Flaraula,  burdcraut. 

Fulsa,  benedicte. 

Faba,  bone. 

Fu,  haldrian. 

Ficedula. 
290  Furaus  terrestris,  ertrouch, 

bochespart  oder  taubencropf. 

Fragula  vel  ragula,  ertcraut. 

Fraga,  erther. 

Fructus  quercinus,  aicheln. 
295  Flanulum,  aiterbirne. 

Filix,  varn. 

Fenugrecum,  criechisch  hoioe. 

Fenum,  howe. 

Fabaria. 
300  Fulfules,  lainpheßer. 

Folium  musca[tum],  ßleme. 

Febrifuga,  stabiourtze  oder  gert- 
würze. 


256  Bei  D.  202  durch  saudistel   glossiert.        259  =  hundesvnirze?  Aber  dieselbe 
Form    bei  D.  641    aus   andern  Quellen.  261  Bei  D,  212  die  jedenfalls  richtigere 

Glossierung  lucht.  Vgl.  Nemnich   1,   1548  u.  Euphrasia:  'weiße  Leuchte,  Tagleuchte'. 
262  Bei  D.  198  Elikosmon,  ecosmen,  entstellt  aus  gr.  Tjdvoafiog.  266  Bei  D.  198 

ringel,    ebenso  Zs.  f.  d.  Ph.  9,  202'',    wornach    obiges    tinkel    richtig    zu  stellen  ist. 
267  Sollte  es  aus  Erundina  (D.  210)  entstellt  sein?         270  Esusa  wahrscheinlich  ver- 
derbt  für  Esula   (D.  211).    Vgl.  Nemnich  1,  1544 — 1545    unter  Euphorbia    esula    und 
Euphorbia  lathyria.  278  D.  245  u.  Fragifolium.  279  D.   198  u.  Eliotropium ; 

hilber   scheint   entstellt  für  hinther.  281  D.  276  u.  Hermodactilus.  282  i.  e. 

Lilifagus  (D.  329).  283  D.   198    u.  Eliotropium.  284  Entstellt  aus  finix  i.  c. 

filix  (D.  235).         285  Bei  D.  238  burn-,  bi-enn-,  brantcraut,  obiges  burdcraut  demnach 
verunstaltet.  288  i.  e.  Valeriana  Phu;  vgl.  Zs.  f.  d.  Ph.  9,  203"  und  s.  Nemnich 

2,  1548  U.Valeriana.       291  Die  Bezeichnung  taubencropf  ie\\\t  bei  D.  641.       293  Bei 
D.  245  ertberena-ud.  295  Wahrscheinlich  entstellt  für  Flammula,  s.  letzteres   bei 

D.  288.  297  D.  230    u,  Fenum    grecum.  300  Vgl.  Fulvalabia    bei  D.  251. 

301  D.  241    hat    eine    andere  Glossierung.  302  Bei  D.  228  andere  Benennungen. 

Nach  Nemnich    8,  190    ist    durch  Gertwurz    und    Stabwurz  Artemisia    abrotanum    be- 
zeichnet. 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK. 


305 


(f.  89^)    Farina,  mal. 
305  Filipendula,   stainprech. 

Fulfel,  sioaizpfeffer. 

Ferrugo,  rost. 

Fungus,  swamme. 

Fornella,  siechwurtze. 
310  Frutex,   stude. 

*Flaura,  rittersporn. 

Feniculus,  fenichel. 

Flos  campi,  friedelsouge. 

Flamen,  wolle. 
315  Fargia. 

Fulfulabia,  weisser  pfeffer. 

Fenugenes,  vüspene. 

Festuca,  age. 

Flos  syriacus,  pfaffenhlnomen. 
320  Fraxinus,  eschiboum. 

*Faruos,  merlitisen. 

Fagus,  buoche. 

Far,  tinkeh 

Fibex,  pirke. 
325  *Foel,  cardamomura  maius. 

*Foil,  cardamoraum  minus. 

Fei  terre.  Centaurea  idem. 

Gariofilata,  benedieta. 

Geron,  kranwurtze. 
330  Genciana,  gencian. 

Galla,  aichappfel. 

Glandes,  aichel. 

Gamandreos,  gamandre. 


Galanga,  galgan. 
335  Germen,  kemin. 

Gesilia,  nesselwurtze. 

Gladiolus,  swertel. 

Grana  solis,  sunnenhirs. 

Gira  solis,  sunnenkreis. 
340  Gipsus,  sperchalch. 

*Granocinita,  aiternezzel. 

Granum,  chorn. 

*Graciosa,  vnser  frawen  flahse, 

Gallitricum,  scharley. 
345  Genesta,  i.  minor  galgana  bene 
redolens. 

Galbanum    est    quod    d'a  (?), 

gummi. 

Hermodactilus,  zeitlose. 
350  Herba  betanica,  hemerwurtze. 

Herba  thuris,  olsnit. 

Herba  rubriei,  Orual. 

Herba  perforata,  brachhail. 

Herba    sancti    Petri,     verhis- 
355    cene. 

Herba  violaria,  violcraut. 

(f.  90*)  Herba  canicularis,  hilse. 

Hedera,  toütweide. 

*Herba     bona,     i.    feniculus, 
360  fenichd. 

Humulus,  hopfe. 

Ivsquiamus,  bilse. 

Ipericon,  ueltcraut. 


306  Vgl.  D.  251    u.  Fulvalabia.  314  D.  238   u.  Flaraon.  316  D.  251 

u.  Fulvalabia.         317  1.  Ferrugines.  Vgl.  Ferrugo  bei  D.  231  und  Ferrigines  ebd.  641. 
319  D.  240  u.  Flos    siliaci  mit    der  Verdeutschung   bapilnblumen.  328  D.   101  u. 

Cariophyllata.  330  D,  260    u.  Gentiana.  332   1.  aicheln.  333  D.  92    u. 

Chamaedris.  334  D.  256  u.  Galganum.  336  1.  Geiisia  (D.  258).  338  Bei 

D.  263  sunnenkorn.  341  Wahrscheinlich  =  Granatica  und  dieses  =  Urtica  gra- 

natica,  D.  630.         343  Vgl.  Nemnich  1,   76  und  D.  269  u.  Gratia.         345  Bei  D.  259 
andere  Benennungen.  350  Damit  ist  wohl  Herba  britannica  gemeint,  vgl.   dieses 

bei  D.  274,    aber    die  Glossierung    ist    verschieden.     Nach   Neiimich    3,  241    bedeutet 
Hemmerwurz  Veratrum,    vgl.    aber  Lexer  1,   1246    u.  hemere.  352  D.  275  Herba 

rubea.         353  Bei  D.  274  andere    Benennungen.         363  D.  277  u.  Hypericon. 
REUMANTA.    Nenp  Rmhf  TXI    (XXXIII.)  Jahrg.  20 


306 


A.  JEITTELES 


Ipericium,  harthowe. 
365  Incuba,  wegwart. 

Ysopus,  ysop. 

Imui,  mordistel. 

Iris,  swertel.    Ireos  idem. 

luncus,  sämede. 
370  lacea  nigra,  swartzkumel. 

luniperus,  wechkalfer. 

lube. 

Icalica,  wolfsschopf. 

Tarus,  zukch. 
375  Ipoquistidos,  boggeshart. 

luliana,  poley. 

Kardus  albus,  Wolfsmilch. 

Kalendula,  ringet. 

Kinu, 
380  Kimiakarii,  gartkumel. 

Krollo,   sprinkwtirtze. 

*Karabe,  sant  Johans  pi'ot. 

Kakabre,  brennst a in. 

Lfiureola,  kelrshals. 
385  Lolium,  raten. 

Lingua  ceruina,  hirszunge. 

Lanceolata,  rippe. 

Lappa,  clette. 

Lauendula,  lauengel. 
390  Latuca,  latuch. 

Larus,  lorboum. 

Lapis  lazuli,   lazzurstein. 

Lemptuas,  auripigment. 


Lentus,  popiliom. 
395  Lactarido,  sprin[g]korn. 

Lactulella,  saudistel. 

Lapacium,  stripfwurze, 

Lilifagus,  salbeipluom. 

Labium   ueneris,    sant  Marien 
400     distel. 

Litargirum,  silberschaume. 

Lingua  auis,  vogelsznnge. 

Lupini,  xoikhonen. 

*Leucia,  violen. 
405  Leporina,  sländelwurtze. 

Legumen,  smalsat. 

Ligistra. 
(f.  90*^)     Limaces,  sneken. 

*Limaria,  mancraut. 
410  Linaria. 

*Linxalis,   luhse. 

Limones,     fructus     cuiusdam 
arboris. 

Lubisticum,  lubstikel. 
415  Mandragora,  alrun. 

Mentastrum,  vischmintze. 

Marobati,  bramber. 

Mellelotum,  binsauge. 

Marrubium  album,  andom. 
420  Marrubium     nigrum ,     gotver- 
gezzen. 

Maiorana,  lebenkla. 

*Marrago,  druoswurtze. 


365  D.  306  u.  Intuba.    Nemnich  1,  1038.    D.  306.         366  i.  e.  Hyssopus  offici- 
iialis.  367  D.  287  u.  Imei.  368  D.  309  u.  Ireos.  369  Man  wäre  versucht 

Imicus  zu  lesen.  372  Vgl.  Juba  bei  Nemnich  2,  258.  373  D.  310  u.  Italia. 

374  Bei  D.  283  »uehe.         375  D.  278  u.  Hippoboscides.  377  D.  101  u.  Cardus. 

379  1.  Kimi.  380  D.  119  Cyminum.  Vgl.  145.  381  Bei  D.  159  Krolla.  383  1.  6cm- 
stein.  Vgl.  D.  86  u.  Cacabre.  390  D.  315  u.  Lactuca.  391  1.  Laurus.  393  Bei 
D.  323  Lempinas.  394  popiliom,  Entstellung  aus  popelboum'i    Vgl.  aber  D.  324. 

395  D.  321    u.  Lathyris.    Hs.  spnkom.  396  Bei  D.  315  Lactucella.  403  Bei 

D.  339  Lupina.  404  Wohl  dasselbe  wie  Leueoium  (Nemnich  1,  387).  414  D.  327 
u.  Libisticum.  417  D.  367  u.  Mora.  418  Bei  D.  364  Mellilotum.  422  Bei 

D.  344  eine  andere  Glossiening.         423  Mit  dem  Namen  Drüswnr«  wird  bei  Nemnich 


ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK. 


307 


Millefolium,  garwe. 
425  Maratrum,  venv-hel. 

Malamancia,  holtzapfel. 

Morella,  rasenher. 

Maguder,  kcelstok. 

Melisa,  meiere. 
430  Mora  celsi,  miirher. 

Mastix,  mastikel. 

Mirtus. 

Malua,  bappel. 

Melones,  phädem. 
435  Millemordia,  trnosianrtze. 

Mala  citonia,  kntlen. 

Milium  solis,  sunnenchorn. 

*Marta,  sioartzwurze, 

Mercurialis. 
440  Muscus,  hisem. 

Marsilium,  ivikgen. 

Marabeum,  venicheJsame. 

Morsus  dyaboli,  vorhizze. 

Mulsum,  loein  vncl  honik. 
445  Mulsus,  laein  vnd  met. 

Mulsa,   mef  vnd  hier. 

Mellicratum       seu      ydromel, 
ivasser  vnd  honik. 

Macis,  muschathliwtne. 
450  Mirica,  Jiaide. 

Malagma,  i.  emplastrurn   siue 

pinguedo. 


*Melalago,  mensa  (?). 

Magnesia. 
455  *Markasita      aurea, 
golt. 

Markasita  argentea,  loismat. 

Meu,  köppherin  oder  kuppfer- 
rauch. 
460  Mumia,    smaltz   daz    auz   dem 
triiifet,    der  gehalsamt  ist,    i. 
haidnisches  smaltz. 

Matrisilua,  i.  matren. 

*Miconum  et  papauer  idera. 
465   (f.  91")    Nimphea,  grensich. 

Narciscus,  holtzlUie. 

Nasturcium,  wassercresse. 

Nigella,  raten. 

*Natea,  ratensame. 
470  Nepita,  cornmintze. 

Nepta,  katzencraut. 

Nitrum,  spat. 

Nenufar,  seh/.uome. 

Nitrum,   lautersaltz. 
475  *Nimphora,  colerwurtze. 

Oximel,  honik.,  ezzich  vndioasser. 

Oculus  consulis,   bachmintze. 

Osinum. 

Opium,  swartznansat. 
480  Origanum,  ret  coste. 

Oroboz,  vogelwike. 


3,   115  tbeils  Kanunculus  bulbosus,  theils  Oenanthe  fistulosa  bezeichnet.         426  13.  341 
u.  Macianum.         427  Morella  hat  bei   ü.  andere  deutsche  Namen.         431  Bei  D.  350 
mastich.       435  Bei  D.  361  Millemorbia.       436  Bei  D.  124  chiton,  kithe.       442  Schreib 
fehler  für  Maratrum?         443  Bei  D.  368  abbiß.         450  D.  358  u.  Merica.         457  Vgl. 
D.  350    u.  Martasicci.  458  DNGl.  275  verweist    von  Meu    auf  Ostrucium,    aber 

letzteres    ist    eine  Pflanze    mit    der  Benennung  meisterwortze.  463  Vgl.  D.  98    u. 

Caprifolium.  467  Bei  D.  375  gartenkresse,  aber  auch  bei  Nemnich  3,  631   'Wasser- 

kresse' ^  Sisymbrium  nasturcium.  470  Bei  DNGl.  263  Nepeta.  471  D.  378 

u.  Nepeta.  478  Vgl.  D.  402  Osymium  und  ebd.  642  Ocimum.  479  Bei  D.  398 

magensat,    swartznansat  :=  awarz    magensdt?  480    1.  rot    coste.     Bei    D.  400    und 

DNGl.  273  rot  koste,  rote  dosten;  bei  Nemnich  2,  788  'Dosten,  rote  Doste*.  481  Bei 

D.   401    Orobus. 

20* 


308 


A.  JEITTELES 


Oliua,  olhoum. 

Oculus  Christi,    vnsers   Jierren 
äuge. 
485  *Occora,  sunklie. 

Ocimum,  girgel. 

*Oculus  populi,  i.  zappfen  eius- 
dem  arboris. 

Porocasti,  aschelovch. 
490  Piretrum,  pertram. 

Pipinella,  hibnelle. 

Portulata,  hurzeli. 

Peruin  ca,  singruen. 

Peonia,  heonie. 
495  *Pix  naualis,  weizzes  pech. 

Poteritilla,  grensich. 

Prassium,  gotuergezze. 

Peucedanum ,    harstranch  oder 
olsnich. 
500  Priraula  veris,  Idmehchluzzel. 

Pilosella,  mauscere  oder  ivurm- 
kraut. 

Prunellum    siue   pruneta,    i^«'- 
swtdstcraut. 
505  Pinus,  chienJ>ouin. 

Pastinaca,  mörhen, 

Polegium,  polay. 

Pepones,  phädem. 

*Pranum,  roshluome. 
510  Pigamon,  rutensaume. 


Pisicaria,  rätich. 

Palpmes,  rehenstok,  i.  weinrehe. 

Pranpinus,  rehenhlat. 

Polipodium,  stainiourtze. 
515  »Partula. 

Philatrum,  saiphe. 

Poligonia,  loegtret. 
(f.  91*')    VlsiTatago ,  iveghraityelweg- 
rih. 
520  Portastrum,  loilder  senif. 

Pentaphüon,  ßvnfpleter. 

Policaria,  w'dtiourze  oder  donr- 
wurz. 

Peonia,  wiltman. 
525  Pinea,  cliienapphel. 

Politriciim,  stavivarn. 

Pentastrum,  rosinmtz*>. 

Pestinacia,  icolfsleher. 

Propoleos,  lüisioache. 
530  Paricaria,  naht  vnd  tag. 

Portula,  phrislauch. 

Pertenaca,  morötz. 

Petroleum^  i.  oleum  fetens. 

Polipodium,  engelsuezze. 
535  Qvinqueneruia,  weghrem. 

Quercula      maior,     gamander- 
hluom. 

Quercula  minor,  gamander. 

Quebarus,  reghar. 


483  Bei   D.  393  frauwenmintz.  486  Bei   D,  392  Ocimus.  492  D.  449 

u.  Portulaca.  497  D.  451  u.  Prasiura.  499  olsnich  fehlt  bei  D.  432.     Vgl.  die 

Glosse    'peucedonum    ahincTi    Zs.    f.    d.    Ph    9,    206^  601    D.  437    u.    Pilosa. 

503  Bei  D.  469    andere  Glossierun^.  507  D.  471    u.  Pnlegium.  510  D.  421 

u.  Peganum.  511  1.  Persicaria  (D.  439).  512  D.  407  u.  Palmas.  513  1.  Pam- 
pinus.  516  D.  470  u.  Psilothrum.  522  Bei  D.  444  statt  wiltxjourze  die  Benennung 
unntkraut.  524  Bei    D.  424    andere  Verdeutschungen.  526  D.  445    u.  Poly- 

trichum.  528  Bei  D.  415  u.  Pastinaca  die  Benennung  wulvesbete.  529  Bei  D.  466 
Propoles.  wiswache  entstellt  aus  ic^zwachal  530  D.  413  u.  Parietaria.  531  Bei 
D.  448  Portul.  532  Bei    D.  415,  DNGl.  282  u.  Pastinaca  andere  Benennungen. 

536  Bei  D.  480  wegrich.         539  Bei  D.  479  Quibarus,  ingeber. 


ALTDEUTSCHK  GLOSSEN  AUS  INISSBRUCK. 


309 


540  Quisquilia,  hallen. 

Quin quefoliuiii,  fiimfpleter. 

Rumicedo,  bratlouch. 

Rubtis,  Staude, 

Rapistium,  hederich. 
545  Reumatica,  cranchensnahel. 

Rubea  maior,  korber  oder  lid- 
lüurze. 

Raphanus,  merrätich. 

Radix,  rätich. 
550  Rostrum    porcinum,    saudistel 
oder  sunnenwirhel. 

Ragadi,  struden. 

Rum  ex,  brame. 

Rampmus. 
555  *Rorastrum  vel  beonia,  päter- 
wurze. 

Resta   bouis,  frawentrit. 

Rumicedo,  bramloup. 

Simphoniaca,  bilse. 
560  Senacion,  brunnecresse. 

Sinphindria,  bachmintze. 

Strucium,  cholsame. 

Sentes,  dorne.    Spina  idem. 

Sigillum  Salomonis,  ainber. 
565  Sauguinaria,    bluotwurtze  oder 


gen^ecresse, 

Satureia,        herba      paralisis, 

pfeffercraut. 

Semperviua,  hauslouch. 
570  Solsequium,  wegwart. 

Spinacia,  spiucetz. 

Spina  alba,  hagdorn. 

Sigillum  sancte  Marie ,    vnser 
frawen  lilie. 
blb  Scolopendria,  hirszunge, 
(f.  92*)     Storich,  cupferrauch. 

Salgemma,  lutersaltz. 

Serpentina,  naterwurtz. 

Solatrum,  nahtschat, 
580  Sandaraca,  ruschgel. 

Solsequium  minus,  pipawe. 

Solsequium  maius,  ringel. 

*Sandria,  retich. 

*Stincus,  rainuan. 
585  Satirion,  stendelwurze. 

Satira,  stinkel. 

Solatrum  mortale,   kopfwurze. 

Saxifraga,  stainprech. 

Sinapis,  senif. 
590  Scabiosa,  grintiourtze. 

Soloraga,  sterneßuch  (sie). 


540  ballen   fehlt    bei  D.  541  Bei  D.  479  ßinffingerkraut.    Es    dürfte    damit 

potentilla  reptaus  gemeint  sein,    s,  Nemnich  3,   174.  542  Bei  D.  200,  DNGl   148 

u.  Emicedo   die  Glossierung  brachlouch.  644  1.  Rapistrum.  546  korber  wohl 

fehlerhaft  für  kleber,  s.  D.  501,  Nemnich  3,  304.  552  Bei  D.  483  Rhagades,  rha- 

gadia(ie),  schrunden,    ebenso  bei  Nemnich  3,  521  'Schrundenkraut'  =  Lapsana    raga- 
diolus,  obiges  striiden  daher  entstellt  aus  schru/nden.  554  Bei  D.  483  und  DNGl. 

313  Rampnus.  555  In  den  Leipziger  Glosssen  Z.  f.  d.  Ph.  9,  207*  findet  sich  die 

Glosse:    Rorastrum  roe.         557   Bei  D.  495  lorowencrik.         558  D.  200  u.  Emicedo. 
560  D.  526  u.  Senecium.  561  D.  635  u.  Simphidria,  das  aber  durch  brachmintze 

glossiert  wird.  562  D.  667  u.  Struthium.  564  Bei  D,  533  enbern,  Zs.  f.  d.  Ph, 

9,  208"    Einberencrüth.  567   D.  514    u.  Satureia,    ebd.    274  Herba    paralysis    mit 

anderer  Verdeutschung.  573  Bei  D.  533  vnser  frowen  brüt  (!).  576  Bei  D.  554 

Storax,  storith,  683  Zs.  f.  d.  Ph.  9,  207*":  Sandria  Budech.  584  Kann  Stincus 

und  Scincus  gelesen  werden.  586  Bei  D.  513  Satyrion.  587  Bei  D.  540  stock- 

vmrtz.  590  Bei  D.  515  grintkraut;    ebenso  Nemnich  3,  210.  591  D.  619  u, 

Scolopendria  mit  anderer  Glossiernno^. 


310 


A.   JEITTELE8,  ALTDEUTSCHE  GLOSSEN  AUS  INNSBRUCK. 


Scariola,  scharlei. 

Sapo,  saiffe. 

Sinonimum,  syleos,  sylermon- 
595  tanum,  silermontan. 

Spatula,  scene. 

Sudes,  stake. 

Spica  celtica,  crotenwurtz. 

Sanguis  draconis,  trachenhliiot. 
600  Sponsa  solis,  sunnenicirhel. 

Sisimbrium,  hracJimintz, 

Serpinum,  veltkumich. 

Scordion,  wilder  knohlouch. 

Sticados,  winterhluome. 
605  Stafisagria,  niesumrtze. 

Sarcinia,  wildkeruel. 

Saliünca  est  herba,   hirszvnge. 

Samaria  vel  sanicia,  sanikel. 

Samsucus,  lauendel. 
610  *Stignum,  roemich. 

Silumbrium,  balsamit. 

Symphica,  gachheil  oder  pain- 
welle. 

*Siclosa,  hundeszunge. 
615  Scirpus,  saif. 

Sandalis,  lignum  al.ru.ni(?), 
sändeli. 

Saliua,  spaichel. 

SaluJa,  salbet. 


620  Serapina,  i.  rapistrum,  höder- 
ricli. 

Sanamunda,  i.gariofilata,  hene- 
dict. 

Starea  siluestris,  centrum  galli 
625     sunt  idem. 

Senecion,  rotkcel. 

Salices,  salhel. 

Stera,  i.  matrix. 

Titimallus,  brachwurze. 
630  Timüs,  binsauge. 

Toris,  brärae. 

(f.  92^)    Trifolium,  de. 

Tima,  clebleter. 

*Tubricula,  geriwurzf. 
635  Timbra     satureia,      carthouel, 
pfeffercraut. 

Tapsus      barbatus,      cuniges- 
kerze. 

Tanacetum,  ralnuan. 
640  Tartarum,  weinstain. 

Tuthie,  tuthian. 

Timentum,  vischmintze. 

Tremulus  arbor,  aspe. 

Taxus  est  animal,  dachs. 
645  *Tragimena. 

Tribulus,  distel. 

*Toscolana  herba,  dragel. 


594  i.  e.  Sinonum,    vgl.  D.  535  Sinonus,    ebd.  533  Siler.  596  Bei  D.  545 

schene.  600  D.  547  u.  Spina  solis.  601  Bei  D.  538  bachmintze.  602  Bei 

D.  530  Serpillum.  603  D.  520  u.  Scordium.  606  1.  Sarminia.  Bei  D.  513  Sar- 

minea.  608  Samaria  i.  e.  Sanaria  (D.  511);  sanicia  fehlt  bei  D.  Diese  Pflanze  ist 

gemeint    mit    dem    von    K.  Regel     im  'Mittelniederd.   Gothaer  Arzneibuch'    S.  34    als 
räthselhaft  bezeichneten  Namen  syneckel.  609  D.  510  u.  Sampsuchus.  611  Bei 

D.  538  Sisymbrium.  612  i.   e.  Symphytum  (D.  535).     1.  gauchheil.  614  Hunds- 

zunge heißt  bei  Nemnich  3,  267  Pleuronectes  cynoglossus.         615  Bei  D.  518  andere 
Benennungen.  616    Bei     D.    510    Sandalum.  620    Serapina    fehlt    bei   D. 

622   1)  D.  511  u.  Sanicula,  2)  D.  101   u.  Caryophyllata.         626  Bei  D.  526  rotescal. 
627  Bei  D.  508  aalhen.         634  Vgl.  D.  600  Tubera,  ertuxurz,  womit  obiges  Tubricula 
wahrscheinlich    identisch  ist.    Erdwurz    und  Gertwurz    .•sind    nach  Nemnich  3,   190  die 
deutschen  Namen  für  Artemisia  abrotauum.  635  Bei  D.   583  gardccel.  641   Bei 

D.  600  Tucia.  642  Bei  D.  583  weys  mincz,  bifmynte.         644  D.   166.574  u.  Daxus. 


J.  H.  GALLÄE,  ZUR  LEGENDE  DER  HEIL.  KUMERNUS  etc.     311 


Tanum. 

Tortuca,  schiltkrot. 
650  Testudo  terranea,  idem. 

Tubura,  ertnus. 

Tormentilla,  sigiourtze. 

Üinagra,  iveinezzich. 

Vinea,   loeinveher. 
655  Vipres,  brame. 

Vincella. 

Vertipedum,  hindeke. 

Virgapastoris,  karte  oder  wolfs- 
zagel. 
660  Viscus,  mistel. 

Viperina,   nateriourtze. 

Vngula  caballina,   kvtenlatich. 

VJpieium,  ramese. 

Verucaria,  cingele. 
665  Vlua,  schelph. 

Vicia,  wiken. 


675 


Vua  lupina,  saltrian. 

Vmbilicus  ueneris,  ainher. 

Vlnus  arbor,  erle. 
670  Vitreolum,  galitzenstain. 

Vicetoxicum,  tag  vnd  naht. 

*Vinea,  agresse. 

Xristiana,  Christian. 

*Xilocassia,  cassia  lignea. 

*Xilorarata,  lignum  cornutum. 

*Xiloaloes,  lignum  aloeos. 

Xilobalsamum,     lignum     bal- 
sami. 

Ypericon,  sant  Johans  craut. 

Ysopus,  ysop. 

Ygridia,  nezzel. 

Zvkarum,  zuker. 

Zinziber,  ingber. 

Zeodarium,  zitwan. 
685  Zizania,  raten. 


680 


649   Bei   D.  574   schiUpadde.  651  D.  600    u.  Tubera.  655   1.   Vepres 

(D.  621).  657  Bei  D.  615  ysendeke.  658  Bei  D.  621  n.  DNGI.  383  wolfstral. 

663  Bei  D.  625  hollauch,   großer   knoblauch.  664  D.  614.  644    u.   Verrucaria  mit 

der  Benennung  ringel.         672  ägraz,  aus    mittellatein.    agreste,  ist  Brühe  aus  unreifem 
Obst,  unreifen  Weinbeeren.    Lexer  1,  28.     Schm.   1',  53.    Nemnich  3,   17  u.  Agrest. 
679  D.  277  u.  Hypericon.         680  Vgl.  366.         681  D.  277  u.  Hygrida.         682  D.  563 
u.  Succarium.         683  D.  635  u.  Zingiber.         684  Bei  D.  634  Zeduarium. 

WIEN.  AD  ALBERT  JEITTELES. 


ZUR  LEGENDE  DER  HEIL.  KUMERNUS  ODER 
WILGEFORTIS. 


Germania  XX  N.  R.  S.  461  ff.  hat  K.  Rehorn  einen  Beitrag  zur 
Geschichte  dieser  Heiligen  gegeben.  Seiner  Meinung  nach  ist  sie  ein 
weibliches,  Thor  zur  Seite  stehendes,  göttliches  Wesen,  eine  mütter- 
liche Gottheit,  welche  selbst  im  Dunkel  bleibt  aber  Leben  spendet 
und  Leben  zurückfordert.  An  die  Stelle  dieser  Göttin  und  Götter- 
mutter wäre  Maria  getreten.  Eine  solche  Maria  hätten  wir  auch  in 
Kumernus  zu  sehen.  Uralt  sollen  bei  der  Heiligen  nur  Gürtel  und 
Schuh    sein ,    und    der  Becher    und    der  Geiger    würden    nur    neben- 


312  K.  HAAS,  DER  SCHELCH  IM  NIBELUNGENLIEDE. 

Sächliche  Bedeutung  haben.  Ich  glaube  jedoch,  daß  mit  dieser  Be- 
hauptung der  Gegenstand  nicht  erledigt  ist,  zumal  da  Verf,  von  der 
Prämisse  ausgeht,  daß  über  den  Cultus  nirgendwo  Genaueres  zu  er- 
fahren sei  als  in  den  Alpenthälern  Tirols.  Die  etymologische  Deutung 
des  Namens  Wilgefortis  aus  got.  fairguni  (Berg)',  also  eine  herg-frid 
oder  foi'd  scheint  mir  nicht  ohne  Bedenken.  Besser  ist  mit  Kern  und 
Mr.  L.  A.  J.  W.  Baron  Sloet  (De  heilige  Ontkommer  of  Wilge- 
fortis s'Gravenhage,  M.Nyhoff  [1884])  anzunehmen  Wilgifortis  =  Regin- 
fredis,  wonach  Wilgi,  altn.  Wilgi,  sowie  Regln,  sehr,  groß  bedeuten 
würde.  Es  fehlt  mir  die  Zeit,  die  ganze  Geschichte  der  Legende  mitzu- 
theilen;  es  ist  auch  unuöthig,  da  Sloet  das  in  seinem  Buche  mit  einer 
unübertreflFlichen  Genauigkeit  und  Vollständigkeit  gethan  hat.  In  den 
Ergebnissen  bezüglich  der  mythischen  Person,  an  deren  Stelle  die  heil. 
Wilgeforthis  oder  Ontkommer  getreten  sein  soll,  ist  er  nicht  so  weit 
vorgedrungen  wie  Rehorn;  die  verschiedenen  Seiten  ihres  Wesens  hat 
er  aber  mehr  zu  ihrem  Rechte  kommen  lassen ;  namentlich  die  Attribute 
und  die  vielen  Namen ,  worunter  die  Heilige  verehrt  wird. 

UTRECHT.  J.  H.  GALLEE. 


DER  SCHELCH  IM  NIBELUNGENLIEDE^). 

Der  grimme  Scheich  ist  kein  Tragelaphus  (eine  recente,  zierlich 
gebaute  Antilopenart) ,  sondern  wohl  der  Riesenhirsch  Megaceros  hiber- 
nicus  (Claus,  Zoologie,  2.  Auflage,  S.  821;  Hörnes,  Paläontologie, 
S.  540;  Neumayr,  Erdgeschichte  II,  610). 

Ein  kurzer  Hinweis  darauf,  daß  der  ür  (Bos  primogenius)  ein 
Ahnherr  unseres  Rindes,  nun  auch  ausgestorben  ist,  und  daß  der  jetzt 
noch  in  Rußland  lebende  Bison  europaeus,  der  Wisent,  fälschlich 
Au  er  ochs  genannt  wird,  wäre  überaus  nützlich,  da  wohl  die  meisten 
Leser,  die  nicht  zoologisch  geschult  sind,  unter  dem  Auerochs  nichts 
anderes  als  den  Wisent  verstehen  werden. 

WIEN.  Dr.  KARL  HAAS. 


')  Zu  dieser  Bemerkung    erinnere   ich  au  Pfeiflfers  Aufsatz    mit    der  Abbildung 
eines  Riesenhirsches  Germ.  6,  225—231.  Schröer. 


R.  KÖHLER,  MICH  WUNDERT,  DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN.  313 

MICH  WUNDERT,  DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN. 


Unter  obiger  Überschrift  habe  ich  vor  vielen  Jahren  in  dieser 
Zeitschrift  (VI,  368  —  72)  einen  Aufsatz  über  den  Spruch  veröffentlicht, 
den  Mone  von  einem  alten  Buchdeckel  abgeschrieben  und  in  seinem 
Anzeiger  für  Kunde  der  teutschen  Vorzeit  IV  (1835),  Sp.  207*),  also 
herausgegeben  hatte: 

Ich   leb   und   waiß  uit   wie   lang, 

ich   stirb    und  waiß  nit  wann, 

ich  far  und   waiß  nit  wahin, 

mich   wundert,    das   ich  frölich   bin. 

haec  magister  Martinus  in  Bibrach.  1498. 
Ich  erklärte  in  jenem  Aufsatz,  der  Spruch  scheine  mir  unter  den 
vielen  schönen  deutschen  Sprüchen,  die  in  rechter  Stimmung  einmal 
gelesen  sich  für  immer  dem  Gedächtniß  einprägen,  in  erster  Reihe 
zu  stehen,  und  wies  darauf  hin,  daß  W.  Wackernagel  in  sinniger 
Weise  mit  ihm  sein  Altdeutsches  Lesebuch  geschlossen  habe.  Dann 
theilte  ich  eine  längere  Stelle  mit  aus  Luthers  Schrift  'Das  14.  und 
15.  Capitel  Johannis  gepredigt  und  ausgelegt',  in  der  der  Reformator 
den  'Reim'  anführt,  bekämpft  und  abändert,  und  wies  hierauf  den 
Spruch  —  mit  unwesentlichen  Abweichungen  —  aus  zwei  Hand- 
schriften des  15.  und  16.  Jahrhunderts  und  als  Inschrift  eines  Ge- 
mäldes einer  Kirche  in  Heilbronn  nach,  ferner  als  Elsässer  Kinder- 
spruch und  endlich  —  in  eigenthümlich  veränderter  Fassung  —  als 
Inschrift,  die  Heinrich  von  Kleist,  als  er  1801  eine  Zeit  lang  am 
Thuner  See  lebte,  an  einem  Hause  jener  Gegend  fand  und  über  die 
er  an  seinen  Freund  Heinrich  Zschokke  schrieb,  der  'Vers'  gefalle 
ihm  ungemein,  und  er  könne  ihn  nicht  ohne  Freude  denken,  wenn 
er  spazieren  gehe.  Mein  Aufsatz  schließt  mit  dem  Abdruck  des  Ge- 
sprächs zwischen  Varus  und  der  cheruskischen  Alraune  in  Kleists 
Hermannsschlacht,  da  ich  es  für  nicht  unwahrscheinlich  hielt  und 
noch  halte,  daß  der  von  Kleist  so  belobte  Vers  nicht  ohne  Einfluß 
auf  dies  Gespräch  gewesen  ist^). 


')  Nicht  307,  wie  in  meinem  Aufsatz  verdruckt  ist. 

')  Viel  später  hat  auch  Ph.  Kohlmann  im  Archiv  für  Litteraturgeschichte  VIII 
(Heft  I,  1878),  133  bemerkt,  es  könne  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  bei  den  drei 
Fragen  des  Varus  an  die  Alraune  dem  Dichter  der  Vers  vorgeschwebt  habe.  Kohl- 
niann  hat  von  meinem  Aufsatz  nichts  gewußt,  ebensowenig  Schnorr  von  Carolsfeld,  der 
im  genannten  Archiv  XII,  474,  an  Kohlmanns  Bemerkung  anknüpfend,  die  oben  er- 
wähnte Luther-Stelle  mittheilt  und  auf  Wanders  Sprichwörter-Lexikon  II,  1849  verweist. 


314  R.  KÖHLER 

Mein  Aufsatz  ist,  wie  es  scheint,  wenig  beachtet  und  bald  ver- 
gessen worden;  es  hätte  so  manchesmal  auf  ihn  hingewiesen  werden 
sollen,  aber  es  ist  meines  Wissens  nie  geschehen. 

Ich  dagegen  habe  ihn  nicht  vergessen  und  den  Gegenstand  des- 
selben nicht  aus  den  Augen  verloren.  Ich  habe  daher  im  Laufe  der 
langen  Jahre  viel  über  Verbreitung  und  Beliebtheit  des  Spruches, 
sowie  über  seine  Herkunft  gesammelt,  und  ich  glaube,  daß  es  an  der 
Zeit  ist,  Alles  dies  hiermit  einmal  zu  veröffentlichen,  wie  ich  bereits 
vor  fast  vier  Jahren  im  Archiv  für  Litteraturgeschichte  XII,  640  ver- 
sprochen habe. 

Ich  mache  zunächst  auf  einen  Irrthum  aufmerksam,  der  mir 
zuerst  bei  J.  von  Radowitz,  Die  Devisen  und  Motto  des  späteren 
Mittelalters,  Stuttgart  und  Tübingen  1850,  S.  86,  begegnet,  aber  in 
neuerer  Zeit  mehrfach  wiederholt  worden  ist.  Radowitz  sagt  a.  a.  O.: 

Kann  das  Räthsel  des  Lebens  und  Sterbens  eigenthümlicher  aus- 
gesprochen werden  als  in  der  Grabschrift  des  Magisters  Martinus  von 
Biberach  zu  Heilbronn  aus  dem  Ende  des  15.  Jahrhunderts?'  —  und 
gibt  dann  den  Spruch  so,  wie  ihn  Mone  a.  a.  O.  mitgetheilt  hat,  nur 
in  V.  1  und  3  ohne  'und  und  mit  einigen  orthographischen  Abwei- 
chungen, Radowitz  hält  also  den  von  'Magister  Martinus  in  Biberach' 
1498  in  einen  Buchdeckel  geschriebenen  Spruch  für  des  Magisters 
Grabschrift  in  Heilbronn.  Ebenso  führt  0.  Sutermeister,  Schweizerische 
Haussprüche,  Zürich  1860,  S.  70,  zur  Vergleichung  mit  einem  Haus- 
spruch aus  Turbenthal ')  die  'Grabschrift  des  Magisters  Martinus  von 
Biberach  zu  Heilbronn   1498'  an,    und  zwar  auch   wie  Radowitz  ohne 

und'  in  V.  1  und  3.  Aus  Sutermeisters  Büchlein  ist  die  'Grabschrift' 
in  eine  Miscelle  A.  Kuhns  in  seiner  Zeitschrift  für  vergleichende 
Sprachwissenschaft  XIV  (1865)  457  *)  und  daraus  wieder  in  einen  kleinen 
Artikel  Max  Müllers  in  der  Londoner  Wochenschrift  'The  Academy', 
23.  August   1884,  S.  122,    übergegangen'^).    Endlich  bezeichnet  auch 


')  Der  Mensch  gar  lichtlich  falt  zu  Grund, 

Muli  sterben  und  weiß  nicht  in  welcher  Stund. 

^)  Kuhn  liat  auf  die  Übereinstimmung  der  angeblichen  Grabschrift  mit  einem 
englischen  Spruch  in  den  Altdeutschen  Blättern  II,  142,  den  ich  weiter  unten  mit- 
theilen werde,  hingewiesen. 

•')  M.  Müller  kannte  damals  auch  nur  die  'Giabschrift*  und  den  englischen 
Spruch,  und  vermuthete  eine  gemeinsame  lateinische  Quelle  beider.  I  should  be  glad' 
—  schrieb  er  —  if  one  of  your  [i.  e.  the  Academy's]  readers  could  point  out  ilie 
probably  Latin  source  from  whicli  the  English  poet  of  the  thirteeuth  Century  and  the 
Swiss  flies:  'Suabian'!]  poet  of  the  fifteenth  Century  have  both  derived  their  In- 
spiration.'    Erst  in  der  Academy    vom  24.  Januar  1885,    S.  63,    erfolgte  der    erhoffte 


I 


MICH  WUNDERT,  DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN.  315 

H.  Draheim,  Deutsche  Reime  —  Inschriften  des  15.  Jahrhunderts  und 
der  folgenden,  Berlin  1883,  S.  20,  der  Radowitz,  aber  auch  Mone 
citirt,  ihn  dennoch  als  'Grabschrift'.  Ich  weiß  nicht,  ob  Radowitz 
den  Irrthum  einem  Vorgänger  nachgeschrieben  oder  ihn  selbst  zuerst 
begangen  hat,  aber  wer  auch  der  Urheber  des  Irrthums  sein  mag, 
wie  kam  er  dazu,  den  Spruch  für  eine  Grabschrift  zu  halten,  wozu 
er  sich  doch  gar  nicht  eignet,  und  die  Grabschrift  nach  Heilbronn 
zu  verlegen?  An  letzterem  ist  vielleicht  die  oben  erwähnte  Inschrift 
eines  Gemäldes  in  einer  Kirche  zu  Heilbronn,  auf  die  ich  auch  weiter 
unten  noch  zurückkomme,  Schuld  gewesen. 

Ich  theile  nun  mit,  was  mir  seit  meinem  ersten  Aufsatz  vom 
Vorkommen  des  Spruches  in  Handschriften  und  Büchern  des  15.  bis 
17.  Jahrhunderts  bekannt  geworden  ist. 

Auf  dem  zweiten  Vorsetzblatt  einer  Maihinger  Handschrift  ist  er, 
wie  G.  Schepss  im  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1878, 
Sp.  88,  mitgetheilt  hat^),  wohl  im  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  folgender- 
gestalt  niedergeschrieben  worden : 

Ich   leb  vnd   wayß  nit  wie   lang 

Ich   stirb   ich   waiß   nit  wan 

Ich   far  vnd  wais   nit  wohin 

Mich   nimpt   wunder  das   ich   so  frolich   bin. 

Nach  A.  von  Keller,  Fastnachtspiele  aus  dem  15.  Jahrhundert, 
Nachlese  (Bibliothek  des  litterarischen  Vereins  in  Stuttgart,  XLVI), 
S.  326,  findet  sich  der  'Spruch  Martins  von  Biberach'  auch  in  einer 
Augsburger  Handschrift  aus  dem  zweiten  Jahrzehnt  des  16.  Jahr- 
hunderts. 

Luther  hat  den  Spruch  nicht  nur  an  der  in  meinem  ersten  Auf- 
satz mitgetheilten  Stelle,  sondern,  wie  mir  seitdem  bekannt  geworden, 
noch  an  zwei  anderen  Stellen  citirt  und  bekämpft.  In  seiner  Predigt 
aus  dem  Jahre  1526:  'Die  Epistel  des  Propheten  Jesaia,  so  man  in  der 
Christmesse  lieset,  ausgelegt  und  gepredigt'^)  sagt  Luther: 


Nachweis  durch  Fr.  Novati,  der  einen  Spruch  aus  seinen  'Carmina  latina  medii  sevi' 
und  eine  Stelle  eines  dem  Walther  Mapes  zugeschriebenen  Gedichtes  beibrachte  (siehe 
unten  S.  326  und  328). 

')  Maihinger  cod.  lat. ,  in  folio  —  nicht  wie  im  Anzeiger  steht:  in  4"  — ' 
uum.  103.  Herr  Dr.  Schepss  hatte  die  Freundlichkeit,  mich  auf  seine  Veröffentlichung 
des  Spruches  hinzuweisen  und  zugleich  diese  Berichtigung  beizufügen. 

*)  M.  Luthers  sämmtliche  Werke,  15.  Bd.,  2.  Aufl.  [=  Luthers  Kirchenpostille.  II. 
Evangelienpredigten.  Herausgeg.  von  E.  L.  Enders,  6.  Bd.]  Frankf.  a.  M.  1870,  S.  108,  — 
J.  A.  Heuseier,  Luthers  Sprichwörter,  Leipzig  1824,  hat  S.  30,  Nr.  117,  diesLe  uther- 
Stelle  benutzt,  sowie  S.  109,  Nr.  370  die  der  Predigt  über  das  U.  Capitol  des  .Johannes. 


316  R-  KÖHLER 

Wir  fahren  aus  diesem  Leben  in  die  Hände  des  Vaters,  ja  dem 

Vater  in  den  Schooß Darumb  ist  der  Reim  und  Spruch  bei  den 

Christen  nicht  wahr,  da  man  spricht: 

Ich   lebe   und   weiß   nicht,   wie   lange; 

Ich   sterbe  und   weiß  nicht,   wenne; 

Ich  fahre  und   weiß   nicht,   wohin; 

Mich  wundert,  daß  ich  so*)  fröhlich  bin. 
Solchs  sollen  sagen  alle  Ungläubigen,  bei  welchen  solchs  alles  wahr  ist, 
Aber  ein  Christ  weiÜ  wohl,  wo  er  hinfähret,  nämlich  in  eines**)  Vaters 
Schooß;  so  weiß  er  auch  wohl,  wie  lange  er  lebt,  und  wenn  er  stirbet 
denn  er  ist  schon  todt  und  der  Welt  abgestorben,  und  acht  das  Leben 
für  nichts.  Darum  ists  Wunder,  wo  er  nicht  fröhlich  ist,  und  ist  so 
groß  Wunder,  als  daß  der  Gottlose  fröhlich  kann  sein.  Aber  wie  des 
Gottlosen  Freude  das  Herz  nimmer  recht  erfähret,  also  ist  das  Trauren 
eins  Christen  auch  nimmer  recht  im  Grunde  des  Herzen. 

Luthers  dritte  Äußerung  über  unsern  , Spruch  ist  zuerst  in 
Druck  erschienen  in  der  von  Georg  Rörer  (Rorarius)  herausgegebenen 
Schrift  'Vieler  schönen  Sprüche  aus  Gottlicher  Schrifft  auslegung, 
daraus  Lere  vnd  Trost  zu  nemen,  Welche  der  ehnrwirdige  [sie!]  Herr 
Doctor  Martinus  Luther  seliger,  vielen  in  jre  ßiblien  geschrieben. 
Dergleichen  Sprüche  von  andern  Herrn  ausgelegt,  sind  auch  mit  ein- 
geraenget.  (Wittemberg,  Hans  Lufft  1547,  4*^.)  In  dieser  Schrift,  die 
mehrfach  einzeln  gedruckt  und  auch  in  die  Gesammtausgaben  der 
Werke  Luthers  aufgenommen  worden  ist,  findet  sich  von  dem  Spruch 
'So  jemand  mein  Wort  wird  halten,  der  wird  den  Tod  nicht  sehen 
ewiglich    folgende  Auslegung^): 

Wie  gros  vnd  mechtig  ding  ists,  vmb  einen  Christen,  der  da 
glaubt.  Dem  mus  auch  der  Tod,  Sünde  vnd  Teufel,  weichen.  Vnd  er 
fehet  auch  hie  in  dieser  zeit  das  ewige  Leben  an.  Das  macht  (Christus 
Gottes  son,  an  welchs  Wort  er  gleubt. 

Drumb  solte  ein  Christ  in  diesem  Reim, 

Ich   lebe,   vnd   weis    nicht  wie   lang, 

Ich  mu8   sterben,   weis   auch   nicht   wann. 

Ich  far  von  dann,   weis  nicht  wo   hin, 

Mich   wundert,    das  ich  bo   frdlich   bin. 


•)  »0  fehlt  in  einem  der  ältesten  Drucke. 

')  Zwei  der  ältesten  Drucke  haben  seines. 

*)  Ich  gebe  die  Stelle  genau  nach  der  Originalausgabe  (Ö.  x  iij"  und  x  iv)  In  der 
Fraukfurt-Erlanger  Luther-Ausgabe  steht  die  Stelle  Bd.  LII,  S.  362.  Vgl.  auch  'Dich- 
tungen von  D.  Martin  Luther.  Herausgeg.  von  K.  Goedeke',  Leipzig  1883,  S.  139.  — 
In  Johannes  Aurifabers  Schrift  'Au-ilegung    etzlicher  Trostspriiche,   so  der  Ehrwirdige 


MICH  WUNDRRT,  DASS  ICH  FRÖHLCH   BIN.  3t 7 

die   letzten  zwen  Vers  endern ,    vnd  mit  frolichem  raund  vnd  hertzen 

so  reimen. 

Ich   far.   vnd  weis,    Gott  lob,   wo   hin, 
Mich  wundert,    das   ich   so   trawrig  bin '). 

Gut  wers,  das  vnbusfertige  sichere  Leute  diesen  Reim,  wie  er 
von  Alters  laut,  jmer  für  äugen  hetten.  Ob  sie  der  mal  eins  da  durch 
erinnert,  klug  weiten  werden,  das  ist,  in  sich  schlagen  vnd  bedencken, 
das  sie  sterblich  vnd  keins  augenblicks  jres  Lebens  sicher  weren 
Vnd  also  bewegt  wiirden,  Gott  zu  furchten,  Busse  zu  thun  vnd  sich 
zu  bessern.  Wie  denn  Mose  in  seinem  Psalm,  alle  Adams  kinder,  zu 
Gott  also  zu  beten,  ernstlich  vermanet.  Lere  vns,  HERR,  bedencken, 
das  wir  sterben  müssen,  AufF  das  wir  klug  werden. 

Mart.  Luth. 

Mit  der  hier  von  Luther  vorgeschlagenen  Änderung  steht  der 
Spruch  in  einer  Handschrift  der  großherzoglichen  Bibliothek  zu 
Weimar  (0,67,  S.  110"),  welche  am  Ende  des  16.  Jahrhunderts  ge- 
schrieben ist  und  besonders  geistliche  Lieder  und  Sprüche  enthält'^). 
Ebenso  führt  ihn  A.  Paudler,  Nordböhmische  Volkslieder,  B.-Leipa 
1877,  S.  44,  an  als  Von  Bartholomäus  Schürer  auf  Grünwald  im  Jahre 
1625  niedergeschrieben'^),  und  steht  er  nach  M.  Toppen,  Volksthüm- 
liche  Dichtungen,  zumeist  aus  Handschriften  des  15.,  16.  und  17.  Jahr- 
hunderts gesammelt,  [aus  der  Altpreußischen  Monatsschrift,  Bd.  IX, 
besonders  abgedruckt],  Königsberg  1873,  S.  77,  Nr.  23,  mit  der  Unter- 
schrift 'Lutheri  rythmus^  in  einem  Stammbuch  der  Gymnasialbibliothek 
zu  Thorn  (R.  octavo   14)*). 


Herr,  Doctor  Martinus  Luther,  jnn  seiner  lieben  Herrn,  vnd  guten  Freunden  Bibeln 
vnd  Postillen,  mit  eigener  handt  (zu  seinem  gedechtnis)  geschrieben  (o.  O.  u.  J.  4") 
kommt  die  Auslegung  nicht  vor. 

*)  Luthers  Änderung  des  Reims  in  der  in  meinem  ersten  Aufsatz  vollständig 
mitgetheilten  Stelle  aus  seiner  Predigt  und  Auslegung  des  14.  und  15.  Capitels  Jo- 
hannis  lautet: 

Ich  lebe  und  weiß  wol  wie  lang. 
Ich  sterbe  und  weiß  wol  wie  und  wenn. 
Ich  fahre  und  weiß  wol  wohin, 
Mich  wundert,   daß  ich  noch  traurig  bin. 
^)  Z.  2  lautet  hier;  Ich  mus  sterben,  weis  nicht  wann. 
^)  Die  beiden  ersten  Zeilen  lauten  hier: 

Ich  lebe  und  weiß  doch  nicht  wie  lang. 
Ich  muß  sterben  und  weiß  nicht  wen. 
'*)  Z.  2  lautet  hier:    Ich   sterbe    uudt    weiß  nicht  wan.    —   In  Z.  4  fehlt  'so'.   — 
Toppen  verweist  auf  die  Wittenberger  Ausgabe  der  Sammlung    'Viel  schöner  Sprüche 
...  Auslegung'  vom  Jahre  1559,  S.   135^ 


StS  R-  KÖHLER 

In  einer  Handschrift  des  15.  Jahrhunderts,  welche  Gebete  und 
anderes  enthält,  steht,  wie  mir  ihr  Besitzer  Dr.  Oswald  Zingerle 
freundlichst  mitgetheilt  hat,  auf  einem  ursprünglich  leergelassenen 
Blatt  von  einer  Hand  des  17.  Jahrhunderts  nebst  anderen  Versen  auch 
unser  Spruch,  von  Magister  Martins  Niederschrift  nur  orthographisch 
und  durch  'Ich  far  dahin    und  "^so  frelich    abweichend. 

Auch  in  der  Sprichwörtersammlung  *^Der  Teutschen  Weißheit 
von  Fridericus  Petri,  Hamburg  1605,  dritter  Theil,  Seite  Rrr  viij", 
weicht  der  Spruch  von  Magister  Martin  nur  durch  die  Rechtschreibung 
und  durch  'nicht'  und  'sterb*  ab. 

Dagegen  lautet  er  in  Christoph  Lehmanns  'Florilegiura  Politicum' 
nach  Hoffmann  von  Fallersleben,  Spenden  zur  deutschen  Litteratur- 
geschichte  I,  Leipzig  1844,  S.  77  (vgl.  auch  des  Letzteren  'Find- 
linge I,  463): 

Ich  lebe,   weiß   nicht  wie  lang, 

Ich   sterbe,    weiß   nicht   wann, 

Ich  fahre,   weiß   nicht  wohin. 

Mich   wundert,   daB   ich   noch   so   fröhlich   bin. 

Ebenso ,  nur  mit  'leb',  'sterb  ,  'fahr'  und  Weglassung  von  'so', 
gibt  ihn  K.F.W.  Wander,  Deutsches  Sprichwörter-Lexikon  II,  Sp.  1849, 
Nr.  56,  und  verweist  dazu  auf  Gruter  [Florilegium  ethico-politicum, 
Frankf.  1610—12]  III,  52;  Petri  [Der  Teutschen  Weisheit]  III,  7; 
[Simon]  Pauli,  Postilla  11,  235'';  Heuseier  [Luthers  Sprichwörter]  117 
und  370;  Simrock  [Die  deutschen  Sprichwörter]  2811'.  Sodann  gibt 
Wander  noch  Luthers  Änderung  des  Spruches  aus  dessen  Predigt  über 
das  14.  Capitel  Johannis  und  schließt  mit  folgendem  Citat,  das  ich 
leider  nicht  nachschlagen  kann: 

'Vor  Zeiten  haben  die  Klosterleute  gesagt:  Ich  lebe,  und  weiß 
nicht  u.  s.  w.'  Herberger  [Hertz  Postille,  Leipzig   1612]  II,  216. 

Zu  dem  Vorkommen  des  Spruches  mit  fehlender  erster  Zeile 
(Germania  VI,  370)  habe  ich  jetzt  Folgendes  nachzutragen.  In  einer 
ohne  Ort  und  Jahr  —  wahrscheinlich  zu  Tübingen  1501  —  erschienenen 
Sammlung  von  Schriften  Heinrich  Bebeis,  welche  der  'Liber  hymno- 
rum  in  nietra  noviter  redactorum'  eröffnet,  befinden  sich  auch  'Ver- 
siculi  quidam  Henrici  Bebelii  lustingensis  egregias  sententias  in  se 
continentes  ,  d.  h.  in  lateinischen  Hexametern  und  Distichen  verfaßte 
Übersetzungen  von  zehn  deutschen  Reimsprüchen,  welche  letztere 
mmer  der  Übersetzung  nachfolgen.  Darunter  lesen  wir  —  nach  G.  W, 


MICH  WUNDERT,  DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN.  310 

Zapf,    H.  Bebel    nach    seinem  Leben   und  Schriften,    Augsburg  1802^ 
S.  136*)  —   an  zweiter  Stelle: 

Cur  ego   mortalis  possum    letarier  unquam? 

Tempus   enim,    quo   sum   vel   moriturus,    etil. 
Sed   quando   immineat,    nunquam   cognoscere   possum, 
Et  quo  perveniam,   nescius   atque   miser. 
Ich    stirb   vnd   waiss   nit   wan, 
ich    far  vnd    waiss    nit   wa   hin, 
mich   nempt   wunder,    das   ich   frelich    bin. 

Genau  dieselben  drei  Zeilen  und  mit  der  Unterschrift  "^Heinrich 
Bebel  in  Tübingen  1497*  gibt  Wilhelm  Krühne  unter  anderen  deutschen 
Volksdevisen  aus  dem  14.,  15.,  16.  und  17.  Jahrhundert  aus  hand- 
schriftlichen Stammbüchern'  in  Westermanns  Jllustrirten  Deutschen 
Monatsheften  Nr.  78,  März  1863,  S.  620. 

Ich  wende  mich  nun  zu  dem  Vorkommen  unseres  Spruches  als 
Inschrift. 

Schon  im  ersten  Aufsatz  (S.  370)  konnte  ich  nach  E.  Meier, 
Schwäbische  Volkslieder  S.  268,  mittheilen,  daß  er,  um  zwei  Verse 
vermehrt,  früher  sich  als  Gemäldeinschrift  in  der  —  1688  von  den 
Franzosen  verbrannten  —  Franziskanerkirche  in  Heilbronn  befunden 
hatte.  Hierzu  habe  ich  Jetzt  folgende  interessante  Nachträge. 

Die  königliche  öflfentliche  Bibliothek  in  Stuttgart  besitzt  zwei 
Exemplare  einer  handschriftlichen,  1729 — 31  von  Friedrich  Ludwig 
Künzel  verfaßten  Geschichte  Heilbronns,  das  eine  (Cod.  histor.  4", 
134)  in  lateinischer  und  deutscher,  das  andere  (Cod.  histor.  fol.  528) 
nur  in  deutscher  Sprache.  In  letzterem  findet  sich  (Bl.  40)  eine  Zeich- 
nung des  Gemäldes  mit  unserem  Spruch,  von  der  ich  hier  eine  Wieder- 
gabe'^) nebst  dem,  was  Künzel  dazu  schreibt,  folgen  lasse: 

Ob  dem  Eingang  der  kirchen  gegen  westen  war  in  eben  dießem 
gewölb    [d.  h.    in    dem    mit    bemalten    Bretern    beschlagenen  Decken- 


')  Vgl.  auch  W.  H.  D.  Suringar,  H.  Bebeis  Proverbia  Germanica,  Leiden  1879, 
S.   164. 

')  Sie  ist  nach  einer  Durchzeichnung  gefertigt,  die  Herr  Bibliothekar  Dr.  Her- 
mann Fischer  in  Stuttgart  [jetzt  Professor  in  Tübingen],  nachdem  er  mir  von  Künzels 
Handschrift  freundlichst  Nachricht  gegeben  und  ich  ihn  um  ein  Facsimile  der  Abbil- 
dung gebeten  hatte,  die  große  Gefälligkeit  gehabt  hat  selbst  zu  machen. 


320 


R.  KOHLER 


gewölbej    ein    besonders    gemählt  zu  sehen,    umb    welche  [sie!]  dieüe 
reimen  zu  lesen  waren: 


^iihmh-^dßn^^^ 


Eß  sind  zwar  dieße  reimen  wohl  in  der  gantzen  Christenheit  bekand, 
wenige  aber  auch  von  den  Gelehrten  wißen,  daß  diese  Kirch  der 
orth  geweßen,  von  welchen  [sie]  sie  ursprünglich  hergekommen  sind. 
Künzel  verweist  dann  noch  auf  den  andern  Theil  der  Memo- 
rabilium  des  Johannes  Wolfius  pag.  822  —  d.  h.  auf  Johannes  Wolf, 
Lectionum  memorabilium  et  reconditarum  tomus  II,  Lauingae  1600  — 
mit  dem  Bemerken,  daß  die  von  Wolf  beigefügte  Figur  völlig  nicht 
accordire  und  die  zwei  letzten  Verse  ausgelassen  seien.  Die  Worte 
Wolfs,  der  seine  letzten  Lebensjahre  in  Heilbronn  verbrachte  und 
daselbst  im  Jahre  1600  starb,  mögen  hier  als  Seitenstück  zu  den 
obigen  Äußerungen  Luthers  einen  Platz  finden,  ebenso  wie  der  allerdings 
von  Künzels  Abbildung  sehr  abweichende  Holzschnitt.  Wolf  schreibt: 

Dubia  Salus  Concilii  Tridentiui. 

De  salute    aeterna  et  redemtore  suo  dubitandum  esse  Christianis, 

huc    usque    docuerunt  Papistse:    immemores  statuti,    quod,    dubius  sit 

habendus    pro   infideli:    et  hanc    doctrinam    suam    eos  non  puduit  tam 

verbis    quam    publicis    scriptis    et   picturis    passim    exprimere:    ut    in 


MICH  WUNDERT,   DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN. 


321 


exemplum  huius  reperitur  in  quadam  primaria  ad  Neccaram  urbe 
tigura  cum  rhythmis  sequentibus,  in  templo  Franciscanorum  ad  sup- 
rema  laquearia  depicta.  Sed  huius  blasphemi  in  Salvatorem,  et  quod 
a  quibusdam  etiam  lesuitis  improbatur,  commenti  causas  mox 
audiemus. 


Auch  in  der  von  dem  königlichen  statistisch-  topographischen 
Bureau  in  Stuttgart  herausgegebenen  'Beschreibung  des  Oberamts 
Heilbronn'  (Stuttgart  1865)  ist  des  Bildes  und  seiner  Inschrift  gedacht, 
und  letztere  mitgetheilt.    Es  heißt  da  S.  182: 

GERMANIA.    Nene  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  21 


322  K-  KÖHLEE 

'Arn  westlichen  Portal  waren  Christi  Marterwerkzeuge  dargestellt 
mit  der  Inschrift:    Ich  leb,  und  weiß  nicht  wie  lang, 


Eine  Inschrift,  die  später  weithin  verbreitet  worden  ist/ 

Nach  der  'Beschreibung'  a.  a.  O.  hatten  die  Mönche  1517  die 
Kirche  mit  Deckengemälden,  acht  Heilige  darstellend,  versehen  lassen. 
Man  wird  wohl  annehmen  dürfen ,  daß  auch  unser  Gemälde  damals 
gemalt  worden  ist,  also  zu  einer  Zeit,  wo  der  Spruch  schon  lange 
bekannt  und  verbreitet  war. 

Im  Schlosse  Tratzberg  in  Tirol,  und  zwar  in  dem  ältesten  Zimmer, 
das  von  Alters  her,  auch  in  Inventarien,  das  Maximilianszimmer 
geheißen  hat,  ist  unser  Spruch  an  das  Wandgetäfel  mit  Kreide  also 
geschrieben :        ICH  Leb  Waiß  Nit  Wie  Lang 

Und  Stürb  Waiß   Nit  Wan, 

Mueß   Fahren   Weiß  Nit  Wohin, 

MICH  Wundert  Daß  Ich  |  So  Freiich  Bin. 
Die  Tradition  schreibt  die  Inschrift  dem  Kaiser  Maximilian  zu, 
der  oft  in  Tratzberg  geweilt  hat,  und  die  Schrift  ist  deshalb  vor  etwa 
vierzig  Jahren  sorgfältig  erneuert  worden.  Nach  Herrn  Dr.  Oswald 
Zingerle  kann  aber  der  Spruch  von  Kaiser  Maximilian  nicht  ge- 
schrieben sein,  da  der  Charakter  der  Schrift  vielmehr  auf  das  Ende 
des   16.  Jahrhunderts  hinweist*). 

Mehrfach  hat  man  in  neuerer  Zeit  den  Spruch  als  Inschrift  an 
Häusern  nachgewiesen. 

So  erzählt  Karl  Blind  in  'The  Academy'  vom  30.  August  1884, 
S.  139,  daß  er  ihn  vor  mehr  als  vierzig  Jahren  an  einem  Bauernhaus 
in  der  Rheinpfalz  in  folgender  Fassuog  gefunden  habe: 

Ich   leb,   ich   weiß  nicht  wie   lang, 

Ich   sterb,   ich   weiß   nicht  wann, 

Ich  fahr,   ich   weiß   nicht  wohin, 

Mich   wundert,    daß  ich  so   fröhlich  bin. 
In  der  gleichen  Fassung,   nur  mit  der  Variante  'und  weiß'  statt 
'ich  weiß'    und  mit  der  Unterschrift  'Michael  Dengel.    Anno  1766'  ist 


')  Mein  Freund  Professor  Dr.  Ernst  Kuhn  in  München  hat  mich  zuerst  auf  die 
Inschrift  in  Tratzberg  hingewiesen.  Er  hatte  in  einem  Exemplar  der  Germania  zu 
meinem  ersten  Aufsatz  die  handschriftliche  Notiz  eines  Unbekannten  gefunden,  daß 
Kaiser  Maximilian  den  Spruch  in  einem  Zimmer  des  Schlosses  Tratzberg  mit  Kreide 
an  die  Wand  geschrieben  habe.  Das  Nähere  erfuhr  ich  dann  durch  gütige  Vermittlung 
des  Herrn  Professors  Dr.  Ignaz  Zingerle  von  Herrn  Grafen  Hugo  von  Enzenberg, 
einem  der  Besitzer  von  Tratzberg,  und  von  dem  Sohne  Ignaz  Zingerles,  Herrn 
Dr.  Oswald  Zingerle ,  welcher  letztere  die  große  Güte  hatte,  sich  eigens  nach  Tratz- 
berg zu  begeben  und  den  Spruch  mir  abzuschreiben. 


MICH  WUNDERT,  DÄSS  ICH  FRÖHLICH  BIN.  323 

der  Spruch  von  einem  Haus  in  Kelling  in  Siebenbürgen  mitgetheilt. 
(Zur  Volkskunde  der  Siebenbürger  Sachsen.  Kleinere  Schriften  von 
Josef  Haltrich.  In  neuer  Bearbeitung  herausgegeben  von  J.  Wolf. 
Wien  1885,  S.  437.) 

Nach  K.  Mündel,  Haussprüche  und  Inschriften  im  Elsass,  Straß- 
burg 1883,  S.  21,   steht  an  einem  Haus  in  Sulzern  im  Kreis  Colmar: 
O  Mensch,  o  Mensch,    bedenk  Dein  End,    denn  Du  wisse,    daß 
Du  sterben  musst. 

Ja  ich  lebe  und  ich   weiß   nicht  wie  lang, 

Ich   muß   sterben  und  weiß   nicht  wann, 

Ich    fahr   und   weiß   nicht   wohin, 

Mich   wunderts,    daß   ich   so   freudig  bin. 
Die  kleine  Sammlung  "^Deutsche  Haussprüche  aus  Tirol,  gesammelt 
von  W.  O.',  Innsbruck  1871,  S.  28 ')  bringt  den  Spruch  vom  Domanig- 
Wirthshaus  vor  dem  Schönberg  und  aus  Telfes  in  Stubai  also: 

Ich  leb',  weiß  nicht  wie  lang, 

Ich   sterV   und   weiß   nicht  wann, 

Ich   fahr',  weiß   nicht  wohin. 

Mich   wundert,    daß  ich   so  fröhlich   bin. 
Ganz    ebenso,     nur    mit    'Wie    kommts'    statt    'Mich    wundert',     hat 
H.  Draheim  a.  a.  O.,  S.  20,  den  Spruch  mit  der  Bemerkung:    'Noch 
heutzutage  an  Häusern  in  Schwaz  und  im  Stubaithal.' 

Endlich  findet  sich  in  der  Sammlung  'Deutsche  Inschriften  an 
Haus  und  Geräth',  Berlin  1865,  S.  9,  fünfte  verbesserte  Auflage,  Berlin 
1888,  S.   16,  der  Spruch  in  folgender  Gestalt: 

Ich  lebe  und  weiß   nit  wie  lang, 

Ich  sterbe  und  weiß  nit  wan, 

Ich   fahre  aus  und   weiß   nicht  wohin, 

Darum  ich   stets   in   Sorgen   bin. 
Ein  Fundort  dieser  Fassung  des  Spruches  ist  in  der  1.  und  2.  Auflage 
nicht  angegeben,   aber  in  der  5.  —  die  3.  und  4.  sind  mir  nicht  zu- 
gänglich —  steht  Heilbronn  unter  dem  Spruch**). 

')  Aus  bester  Quelle  weiß  ich,  daß  die  Buchstaben  W.  O.  die  Gebrüder  Wolfram 
und  Oswald  Zingerle  bedeuten. 

')  In  derselben  Sammlung  findet  sich  zuerst  in  der  2.  Auflage  S.  14  (:=:  5.  Aufl. 
S.  16)  nachstehende  Umänderung  des  Spruches,  die  mit  der  einen  Luthers  (s.  oben 
S.  317)  fast  ganz  übereinstimmt: 

Ich  lebe  und  weiß  wol  wie  lang, 

Ich  sterbe  und  weiß  wol  wann. 

Ich  fahre  aus  und  weiß  wol  wohin, 

Mich  wundert,   daß  ich  noch  traurig  bin. 
Als  Fundort   ist  Eisenach   genannt,    aber  ich  habe   bisher  vergeblieh  zu  ermitteln  ge- 
sucht, wo  der  Spruch  in  Eisenach  zu  finden  ist. 

21* 


324  R-  KÖHLER 

Dem  Eisleber  am  13.  März  1616  gestorbenen  Buchdrucker  Jacob 
Gaubisch  schrieb  ein  Johannes  Ende  eine  längere,  dem  Verstorbenen 
in  den  Mund  gelegte  Grabschrift,  die  so  beginnt: 

Ich   leb   und   weiß  je   nicht  wie   lang, 

Muß   sterben   zwar  und   weiß   nicht   wann. 

Ach  wie  gehts  doch   so   elend  zu, 

Hab  ich   doch   weder  Rast  noch  Ruh. 
S.    die    Zeiischrift    des   Harz -Vereins    für   Geschichte    und  Altertums- 
kunde XIX  (1886),  373. 

In  neuerer  Zeit  hat  Franz  Hirsch  unsern  Spruch  recht  hübsch 
als  Refrain  in  einem  Gedicht  verwendet,  welches  in  der  Deutschen 
Dichterhalle,  Bd.  V,  Leipzig  1876,  Nr.  14,  S.  221,  veröffentlicht  worden 
ist  und  hier  wiederholt  werden  mag. 

Der  Vagant  vor  Mailand. 
(Mit  Benutzung  eines  alten  Refrains.) 

Sie  fragten  mich,  warum  ich  so  froh,  Euch  tönt  mein  Sang  laut  und  leis, 

Wann  ich  geboren  und  wie  und  wo ;  Laut  in   den   Zelten    bei   Würfel    und 
Woher  mein  Brot,  wohin  mein  Weg,  Wein, 

Wohin  mein  müdes  Haupt  ich  leg!  Leise  tönt's  nächtlich  im  Kämmerlein: 

Pfaffen  und  Laien,  Ritter  und  Knecht  Ich  leb',  ichjweiß  nicht  wie  lang,  u.  s.  w. 
Hören  mein  Lied,  es  ist  ihnen  recht  ^ 

Walther  bin  ich,  der  Erzpoet.  Doch    Eins   in   Welschland    hat    mich 
Wißt  ihr,  wie  mir  der  Glaube  steht?  gekränkt: 

Ich  leb',  ich  weiß  nicht  wie  lang,  Daß   man   den  Wein   mit  Wasser  ver- 
leb sterb',  ich  weiß  nicht  wann,  mengt, 

Ich  fahr',  ich  weiß  nicht  wohin,  Und  daß  bei  den  Frauen  zu  jeder  Frist 

Mich  wundert,  daß  ich  fröhlich  bin.  Säßzüngelnd  ein  gelblicher  Pfaffe  ist. 

Dich  grüß'  ich,   deutsches  Geländ'  am 
König  Friedrich,   ruhmreicher  Krieges-  Rhein, 

held,  Wo  man  den  Rothen  rein  schenkt  ein. 

Italiens  Sonne  bestrahlt  dein  Zelt;  Fort  Heimweh!  Töne  Vagantenlied, 

Mailandbezwinger,  ich  folge  dir;  Das  sehnend  über  die  Alpen  zieht: 

Eia,   wie  flattert  dein  staufisch  Panier!  Ich  leb',  ich  weiß  nicht  wie  lang,  u.  s.  w. 
Lombardische  Mädchen,   schwarz   und 

weiß, 

Ich  lasse  nun  einige  alte  Umbildungen  unseres  S[)ruches  folgen. 

In  der  Münchner  Handschrift  Clm  9b04  aus  dem  15.  Jahrhundert 
hat  mein  Freund  Dr.  Franz  Weinkauff  in  Köln  folgenden  Spruch 
gefunden: 

Ich  leb   ich  wais   nicht  wie  ignis 

vnd   arbait  ich   wais   nit  wann  terra 

vud  stirb   ich   wais  nicht  wen  aer 

vnd  var  ich   wais  nich   wo  hin  aqua 
Welt  dar  nach  rieht  dein   sinn. 


MICH  WUNDERT,  DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN,  325 

Was  die  Beischrift  der  lateinischen  Worte  für  die  vier  Elemente  be- 
deuten soll,  darüber  unterlasse  ich  Vermuthungen  zu  äußern,  dagegen 
kann  ich  die  Vermuthung  nicht  unterdrücken,  daß  Z.  2  '^loem  (statt 
'vvann^)   und  Z.  3   'wann    (statt  'wen')   gelesen  werden  muß. 

In    der    oben   S.  317    erwähnten    weimarischen  Handschrift   folgt 
S.   111*  —  unmittelbar   nach   dem  Sprucii  mit  Luthers  Änderung  der 
beiden  letzten  Verse  —  nachstehende  Umarbeitung: 
Du   lebst   dahin,    weist   nicht   wie   lang, 
Must  auch   sterben,   vnd  weist  nicht  wan, 
Du  fahrst,   weist  kaum,   wo   ein, 
Schau   zu,   wie  führst  das  leben   dein. 
In  einer  Heidelberger  Handschrift  des  15.  Jahrhunderts  steht  — 
nach    K.  Bartsch,    Die    altdeutschen    Handschriften    der  üniversitäts- 
bibhothek  in  Heidelberg,  S.  26,  Nr.  62,  6P  —  : 

Ein  gar  gute  kurtze  nütze  lere. 
Wirp  umb  gut  du  enweist  weme     Stirp  du  enweist  wenne     Var 
du  enweist  aber  nit  war. 

Endlich  ist  noch  zu  erwähnen,  daß  an  einem  Haus  in  dem 
Tiroler  Dorf  Schupfe  (Nr.  97)  folgender  Spruch  steht  (Deutsche  Haus- 
sprüche aus  Tirol,  S.  28): 

Ich   stirb   und  reis*,   weiß  nicht  wohin, 
Das  kommt,  weil  ich   nicht  wachtbar  bin. 
Dies  ist  es,  was  ich  über  die  Verbreitung  und  mannigfache  Ver- 
wendung  unseres  Spruches   gesammelt   habe.    Jetzt   wende   ich    mich 
zu  seiner  Herkunft. 

Es  war  mir,  als  ich  meinen  ersten  Aufsatz  schrieb,  entgangen, 
daß  W.  Wackernagel  in  der  1853  erschienenen  zweiten  Abtheilung  seiner 
Geschichte  der  deutschen  Litteratur,  S.  288  (§.  81),  Anm.  37,  ganz 
kurz  bemerkt  hat: 

'Auch  der  Spruch  M.  Martins  von  Biberach  LB.  1,  1071  aus 
dem  Lateinischen:  Aufseß  und  Mones  Anzeiger  3,  32,   12.' 

An  genannter  Stelle  hat  nämlich  Mone  unter  anderen   lateinischen 
Versen    *aus    dem    16.  Jahrhundert    von  Buchdeckeln'    folgende  leoni- 
nische,    der    lateinischen  Prosodie  Hohn    sprechende  Hexameter    mit 
getheilt: 

Tria  sunt  vere,   quae  faciunt  me  semper   dolere, 
primum  est  durum,   quia  scio  me  moriturum, 
secundum  timeo,   quia  nescio   tempus   quando, 
tertium  hinc  flebo,   quia  ignoro,   ubi  manebo  ^). 

*)  Suringar,  a.  a.  O.  S.  598,  bemerkt  zu  diesen  Versen:  'Violato  metro,  quo 
singuli  versus  laborant,  si  quls  mederi  volet,  scribere  poterit: 


326  E-  KÖHLER 

Von  diesen  lateinischen  Hexametern  kann  ich  jetzt  noch  sechs 
andere,  unter  sieh  in  einzelnen  Worten  und  Wortstellungen  ab- 
weichende Texte  beibringen. 

In  der  englischen  Übersetzung  der  Gesta  Roraanorum,  welche 
in  einer  Handschrift  des  15.  Jahrhunderts  (British  Museum ,  MS. 
Harl.  7333)  erhalten  ist,  liest  man  in  der  diesem  englischen  Texte 
eigenthümlichen  'Moralite'  zur  Geschichte  von  den  drei  Kästchen  *) 
nachstehendes: 

And  J)erfore  saide  a  certayne  saynt,  in  vitis  patrum,  this  in  verse, 
Sunt  tria,   que   vere  me  faciunt  sepe  dolere. 
Est  primum   durum,   quoniam   scio   me  moriturum; 
Est  magis  addendo  moriar,    set  [sie !]   nescio   quando ; 
Inde  magis  flebo,   quia  nescio   quo  remanebo. 
This  is  to  say, 

Thre  thinges  ben,   in  fay, 
That  makith  me  to   sorowe  all  way: 
On  is   that  I  sball  henne; 
An  othir,  I  not  neuer  when ; 
The  thirde   ist  my  most  care, 
I   wot  not   whethir  I  shall  fare. 
Secundum   illud   in  vitas   patrum,    Ther  ben  iij.  thingis   J)at  I  drede; 
On  is,  J)at  I  shall  passe;  ano))er  is,  I  not  when,  and  come  afore  jje 
dorne;    the    third    is,    I  not    whedir    J)e    sentence    shall  go  for  me  or 
agenst  me. 

Zu  dieser  Stelle  bemerkt  der  neueste  Herausgeber  der  englischem 
Übersetzungen  der  Gesta  Romanorum,    daß  sich  in  einer  Handschrift 
der  Cambridger  Universitätsbibliothek  ('MS.  li,  VI.  4,  If.  153,  back') 
folgende  'slightly  diflFerent  version'  der  lateinischen  Verse  finde: 
Sunt  tria,   que  vere  me  faciunt  sepe   dolere. 
Est  primum   durum,   quia  nosco   me   moriturum, 
Est  aliud  dando  planctum,   quia  nescio  quando, 
Et  tercium  flebo,   quod  nescio   quo  remanebo. 
Eine  vierte  Version  hat  Francesco  Novati  in  den  'Carmiua  medii 
Kvi',  Firenze  1883,  S.  43,  aus  einer  Handschrift  der  Stadt  Siena  ver- 
öffentlicht.   Sie  lautet: 

Sunt  tria  nam  vere,  faciunt  quae  me  usque  dolere: 

Est  primum  durum,  quoniam  scio  me  moriturum; 

Tum  sequitur,  timeo,  quia  nescio  tempora  quando ; 

Postremum,  flebo,  quod  nescio  tum  ubi  maiiebo.' 
')  The  Early  English  Versions    of  the  Gesta  Romauorum.    Formerly  edited    by 
Sir  F.  Madden    for   tlie  Koxburghe  Club,    and  now  re-edited  .  . .  .  by    S.  J.  H.  Herr- 
tage. London  1879,  S    .304. 


MICH  WUNDERT,  DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN.  327 

Sunt  tria,   quae  vere  faciunt  me  sepe  dolere : 
Est  primum  durum,   quod  scio   me  moriturum ; 
Est  gemitus   dando,   quod   moriar  nescio   quando ; 
Posterius  flebo,    quod  nescio    quo   remanebo. 
Einen  fünften  Text  enthält  ein  im  Britischen  Museum  befindlicher 
Holzschnitt    des  15.  Jahrhunderts ,    der   die    sieben  Lebensalter    nebst 
der  Vota  vite  que  fortuna  vocatur'  darstellt*).  Am  Fuße  dieses  Holz- 
schnittes stehen  folgende  Verse: 

Est  hominis   Status  in  flore   significatus, 
Flos   eadit  et  periit,   sie  homo   cinis   erit. 
Si  tu  sentires,   quis   esses   et  unde  venires, 
Nunquam  rideres,   sed   omni  tempore  fleres. 
Sunt  tria,   que  vere  faciunt  me   sepe   dolere: 
Est  primum  durum,   quod  scio   me  moriturum; 
Secundum  timeo,   quia  hoc  nescio   quando; 
Hinc  tercium  flebo,    quod  nescio  ubi  manebo. 
Eine    sechste  Fassung    aus    dem    16.  Jahrhundert   steht  an  dem 
Chorgestühle    der    Schäßburger   Bergkirche    und    lautet    (J.    Haltrich, 
Zur  Volkskunde  der  Siebenbttrger  Sachsen,  S.  472) : 
Sunt  tria  vere  que  faciunt  me  sepe  flere : 
Est  primum   durum,   quod   scio   me   moriturum, 
Gemo   secundo,    quod   morior  nescio    quando, 
Tertio   magis  flebo,   quod   nescio   ubi   manebo. 
Endlich  eine  siebente  Fassung  kenne  ich  nur  aus  Julius  Wegeier, 
Philosophia  patrum,  versibus  praesertim  leoninis,  rhythmis  germanicis 
adiectis,    iuventuti    studiosae   hilariter  tradita,    ed.  HI,    Confluentibus 
1874,  no.  2824,  =  ed.  IV,  1877,  no.  3280.  Leider  hat  Wegeier  nicht 
angegeben,  wo  er  die  Verse  her  hat.    Sie  lauten; 
Tria  sunt  vere,    quae  me  faciunt  flere: 
Primum   quidem   durum,    quia  scio,   me   moriturum; 
Secundo   me  plango,   quia  morior  et  nescio   quando; 
Tertium   autem   flebo,   quia  nescio,   ubi   manebo. 
Dies  sind  die  mir  bisher  bekannt  gewordenen  verschiedenen  Texte 
der   lateinischen  Hexameter   von    den   drei  Dingen,    die  den  Sprecher 
der  Verse  oft  traurig  machen.   Nach  der  obigen  Stelle  der  englischen 
Gesta  Romanorum    liegt    ihnen    der    daselbst  in  englischer  Prosa   mit- 
getheilte  Ausspruch  der  Vitae  Patrum  zum  Grunde,  den  ich  leider 
bis  jetzt  nicht  aus  dem  Original  nachweisen  kann. 


')  John  Winter  Jones  hat  in  seiner  Abhandlung  'Observations  on  the  division 
of  man's  life  into  stages  prior  to  the  'Seven  Ages'  of  Shakspere',  London  1853  (Separat- 
abdruch:  aus  'The  Archaeologia',  Vol.  XXXV,  p.  167—189),  S.  22  flf.  den  Holzschnitt 
besprochen  und  ein  Facsimiie  gegeben. 


328  R-  KÖHLER 

Hier  möge  gleich  noch  eine  Stelle  aus  einem  lateinischen  Ge- 
dicht 'de  mundi  miseria',  welches  dem  Walter  Mapes  beigelegt  wird, 
folgen  ').  Sie  ist  ebenfalls  auf  den  Spruch  der  Vitae  Patrum  zurück- 
zuführen und  lautet: 

Qui   de   morte   cogitat,   mirum   quod  laetatur, 
cum   sie  genus   hominum   morti   deputatur, 
quo  post  mortem   transeat  homo,   dubitatur, 
unde   quidam   sapiens   ita   de   se  fatur: 
Cum   de   morte   cogito,   contristor  et  ploro ; 
unum   est  quod  moriar,   et  tempus   ignoro, 
tertium   est  quod   nescio    quorum  jungar  choro, 
sed  ut  suis  merear  jungi.   Deum   oro^). 

Kehren  wir  zu  den  leoninischen  Hexametern  zurück.  Zu  ihnen 
verhält  sich,  wie  man  auf  den  ersten  Blick  sieht,  der  deutsche  Spruch 
nicht  wie  eine  eigentliche  Übersetzung,  sondern  wie  eine  Nach- 
dichtung oder  vielmehr  Umdichtung,  in  der  nicht  nur  die  Form  eine 
andere  geworden,  sondern  auch  der  Gedanke  geändert  ist,  denn  dort 
sagt  der  Dichter,  die  drei  Dinge  machten  ihn  oft  traurig,  hier; 
er  wundere  sich,  daß  er  trotzdem  fröhlich  sei. 

Eine  wirkliche  Übersetzung  der  Hexameter  in  hochdeutsche 
Sprache  findet  sich  als  Anfang  einer  1614  zu  München  gedruckten, 
S.  M.  unterzeichneten  Dichtung  'Klag  Menschliches  Lebens:  Samt 
treuhertziger  Warnung,  wie  sich  ein  Christ  darinne  solle  verhallen' 
in  Emil  Wellers  Annalen  der  Poetischen  National-Literatur  der  Deut- 
schen im  XVI  und  XVH  Jahrhundert  H,  217=*).    Sie  lautet: 

Au£f  dieser  Erden   in   gemain, 
Drey   ding  ich  furnemblich  bewain : 
Das   erst  ist  hart,   gewiß  kein  spott, 
Daß   mich   hinnemen  wirdt  der  Todt. 


•)  The  Latin  Poems  commonly  attributed  to  Walter  Mapes,  collected  and 
edited  by  Th.  Wright,  London  1841,  S.   150. 

')  Die  letzten  vier  Verse  hat  auch  Wegeier  a.  a.  O.  ed.  III,  Nr.  -2825,  =  ed. 
IV,  Nr.  3281,  ohne  Quellenangabe  und  mit  den  Varianten:  'De  morte  dum  cogito'  — 
'sed  tempus  ignoro'  —  'tertium  quod  nescio'.  Dazu  folgende  wol  entstellte  unvoll- 
ständige Übersetzung  —  in  Gänsefüßchen  eingeschlossen  zum  Zeichen ,  daß  es  eine 
alte  ist  — : 

„Das  eine  das  ich  sterben  sal 
Und  nit  en  weis  der  zite  val, 
Das  dritte  ist  mir  gar  unkuud 
Wa  hin  min  vart  den  werde  kundt.'' 
')  Karl  Lucä  in  Marburg  hat  die  Freundlichkeit  gehabt,    mich  auf  diese  Stelle 
in  Wellers  Annalen  hinzuweisen. 


MICH  WUNDERT,  DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN.  329 

Das   auder  krankt  mir  mueth   vnd   sinn, 

Weil   ich   kein   stundt  nicht  sicher  bin. 

Das   dritt  bekümmert  mich   darumb, 

Daß  ich  nit  waiß   wohin  ich   kumb. 
Diese  Übersetzung   wird    doch   wohl    eigens    für    das  Gedicht,    dessen 
Anfang  sie   bildet,  gemacht  und  nur  wenig  bekannt  geworden  sein. 

Dagegen  gab  es  bereits  im  15.  Jahrhundert  eine  Übersetzung 
der  leoninischen  Hexameter  in  niederdeutsche  Reime,  die  sich  bis 
ins  17.  Jahrhundert  erhalten  hat  und  von  der  mir  vier  Texte  bekannt 
geworden  sind.  Zweier  Texte  Kenntniß  verdanke  ich  dem  vortreff- 
lichen Werke  C.  M.  Wiechmanns  'Meklenburgs  altniedersächsische 
Literatur',  II,  Schwerin  1870,  S.  131.  Daselbst  sind  aus  Nicolaus 
Gryses,  Predigers  zu  Rostock,  'Spegel  des  Antichristischen  Pawest- 
doms,  vnd  Luttherischen  Christendoms',  Rostock  1593,  einige  Stellen 
zur  Probe  abgedruckt  und  darunter  auch  die  folgende  (Bl.  120*): 

Im  46.  Cap.:  eres  Bokes,  welckes  se  einen  Spegel  der  Christen 
Hinsehen  nomen,  tho  Lübeck  dorch  Georgium  Rickhoff  Anno  1501. 
gedrucket,  im  Titel,  van  viffTeken,  darby  men  einen  guden  Christen 
erkennen  schal,  befehlen  de  vortwyfeleden  Papisten  einem  yderen  Min- 
schen  also  twyfelhafftigen  thosprekende. 

Dre   dinge   weth   Ick    vorwar, 

De   vaken   myn   Herte  maken   swav. 

Dat  erste  besweret  mynen   moedt, 

Wente  Ick  jiimmer   steruen   moeth. 

Dat  ander  besweret  myn   Herte   mehr, 

Dat  Ick  nicht  weth   wenehr. 

Dat   drüdde  besweret   my  bauen   all. 

Ick  weth   nicht  wor  ick   varen   schal  ^). 

Dazu  bemerkt  Wiechmann :  'Man  findet  diesen  Spruch  häufiger 
in  Gebet-  und  Beichtbüchern  aus  dem  Ende  des  15.  Jahrhunderts, 
z.  B.  in  dem  Lübecker  Druck:  Van  dem  steruende  mynsschen  j  Vnde 
dem  gülden  seien  trode,  4",  Bl.  IP;  Geffcken,  Bildercatechismus  des 
15.  Jahrhunderts  (1855),  Th.   1,  S.   110.' 

In  dem  genannten  Büchlein  'Van  dem  steruende  mynsschen  etc., 
welches  mir  in  dem  vqn  Geffcken  nachgewiesenen  Exemplar  der  Leip- 
ziger  Universitätsbibliothek    vorgelegen    hat,    steht    der  Spruch    ganz 
unvermittelt  am  Ende  des  XIV.  Capitels  und  lautet: 
Dre  dynck   weeth   ick  vorwaer. 
De  vaken   maken   myn   herte   swaer. 

*)  Diese  Verse  sind  auch  abgedruckt  in  'De  Lüttje  Strohoot',  Kiel  1847,  S.  86, 
mit  der  Überschrift:  Ut  dem  Speegel  der  Christen.  Von  Georg  Kickhoff.  Lübeck  1601. 


330  R.  KÖHLER 

Dat,  erste   beswaret  my   minen  moeth, 

Wente  ick  iummer  steruen  moth.j 

Dat  ander  beswaret  myn  herte  seer, 

Wente  ick  nicht  enweet  wanneer. 

Dat  derde  beswaret  my  bouen  al, 

Ich   enweit  nicht  wur  ick  hen  varen   schal '). 

Dieser  Text  ist  nur  darin  minder  gut  als  der  zuerst  mitgetheilte, 
daß  er  V.  5  seer  statt  mehr  und  V.  2  die  unschöne  Aufeinanderfolge 
vaken  maken  hat.  Im  Übrigen  unterscheiden  sich  beide  Texte  nur 
durch  die  Schreibung  und  das  e«  in  V.  6  und  8  und  das  hen  in  V.  8. 

Mehr  abweichend  ist  die  folgende  Stammbucheinzeichnung  einer 
Frau  ^Anna  Margryt  Elven ,  Wedtwe  Ryckel  von  Bullekoum*  vom 
Jahre  1622  (A.  M.  Hildebrandt,  Stammbuch-Blätter  des  norddeutschen 
Adels,  Berlin   1874,  S.  99): 

Drey  dyngen  weys  ych  vorwaer 

dey  mier  mein   hertz  machen  swaer 

das  ehrsten  wan  ych  gedeynck  an  den   doet 

den   ych  weys   das  '*)  ych   sterwen   moedt 

das  zweyde  noch  vyll  me') 

das  ych  nicht  weys  wann  e 

das   drytte  boe£Fen   all 

das  ych  neit  weys   waer  ych  faeren^)   sali. 

Ist  schon  diese  Fassung  etwas  entstellt,  so  ist  dies  noch  viel 
mehr  der  Fall  mit  derjenigen,  welche  F.  Schnorr  von  Carolsfeld  im 
Archiv  für  Litteraturgeschichte  XIV,  224  aus  Georgius  Barts,  Pre- 
digers zu  Lübeck,  sehr  seltenem  'Gespreke  van  der  vnstarfflicheit  der 
Seele'  (Lübeck  1552)  mitgetheilt  hat : 

Dre   dinge   weit  ick   vorwar, 

De  my  myn   herte  maket  swar. 

Dat  erste,   dat  ick  steruen   modt, 

Tho   dem,   weit  nicht  wen  kumpt  de  dot. 

Dat  leste   beswert  my  auer  all, 

Ick   weit  nicht  wor  ick  faren   schal. 

Schon  oben  S.  326  sind  wir  auch  einer  englischen  Übersetzung 
der  leoninischen  Hexameter  in  sechs  gereimte  Verse  begegnet.  Von 
dieser  Übersetzung  kenne  ich  noch  zwei,  zum  Theil  abweichende 
Texte,    beide   aus  Handschriften    des   13.  Jahrhunderts.    Die   eine  ist 


*)  Die  Interpunction    rührt    von    mir    her.    Der  Druck    hat  weiter    keine  Inter- 
puuctioD  als  ein  Punctum  am  Ende  der  3.  und  7.  Zeile. 
')  So  ist  zu  lesen  statt  den. 
^)  So  ist  zu  lesen  statt  dyll  mek. 
*)  So  ist  zu  lesen  statt  farren. 


MICH  WUNDERT,  DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN.  331 

von  Th.  Wrjght  in  den  Altdeutschen  Blättern  II  (1840),  142  und  in 
seinen  und  J.  0.  Halliwells  Reliquiae  Antiquse  I  (1841),  235  aus  Ms. 
Arundel  Nr.  292  des  British  Museum*),  die  andere  von  R.  Morris  in 
seinem  'An  Old  English  Miscellany',  London  1872,  S.  101  aus  M.  29 
der  Jesus-College- Bibliothek  zu  Oxford  herausgegeben.  Erstere  lautet: 

Wanne  i   denke    dinges    dre, 

Ne  mai  hi  nevre  blide  ben ; 

de   ton   is   dat  i   sal   awei, 

de  toder  is  i  ne  wot  wilk  dei, 

de   dridde  is  mi   moste   kare, 

I  ne  wot  wider  i   sal  faren "). 

Die  andere: 

Vyche  day  me  cume})    tydinges  jireo. 

For  wel  swipe  sore  beojs   heo. 

Ipe  on  is  J)at  ich   schal  heonne. 

)3at  o)5er  Jsat  ich   noth   hwenne. 

pe  jiridde  is  my  meste  kare. 

)3at  ich   not  hwider   ich   scal   fare"*). 

Man  wird  bemerkt  haben,  daß  'ubi  (quo)  manebo  (remanebo)' 
im  Niederdeutschen  und  Englischen  übereinstimmend  'wohin  ich 
fahren  werde'  übersetzt  ist,  und  daß  auch  im  hochdeutschen  Spruch 
die  dritte  Zeile  lautet: 

Ich  fahre  und  weiß  nicht  wohin. 
Diese  Übereinstimmung  ist  aber  wohl  nur  ein  zufälliges  Zusammen- 
treffen. Jedenfalls  ist  es  sehr  unwahrscheinlich,  daß  die  niederdeutsche 
Übersetzung  nach  der  englischen  oder  die  englische  nach  der  nieder- 
deutschen gemacht  sei,  es  werden  vielmehr  beide  ganz  unabhängig 
von  einander  und  unmittelbar  aus  dem  Lateinischen  gemacht  sein. 
Weniger  unwahrscheinlich  dagegen  wäre  es,  daß  der  Dichter  des 
hochdeutschen  Spruches  die  niederdeutsche  Übersetzung  der  lateini- 
schen Hexameter  gekannt  habe,   doch  halte  ich  diese  Annahme  nicht 


')  Auf  die  Altdeutschen  Blätter  hat,  wie  oben  S.  31i  erwähnt,  A.  Kuhn  in  seiner 
Zeitschrift  XIV,  457  hingewiesen,  auf  die  Reliquise  Antiquae,  sowie  auf  'Maddens 
Gesta  Romanorum  p.  245',  auf  Kuhns  Zeitschrift  a.  a.  O.  und  auf  das  Archiv  für 
Litteraturgeschichte  XII,  474,  F.  J.  C.  in  der  Zeitschrift  'Notes  and  Qaeries',  6.  Series, 
Vol.  X  (1884),  2.39. 

^)  D.  h. :  Wenn  ich  drei  Dinge  bedenke,  mag  ich  nimmer  fröhlich  sein;  das 
eine  ist,  daß  ich  hinweg  soll;  das  andere  ist:  ich  weiß  nicht  welchen  Tag;  das  dritte 
ist  meine  meiste  Sorge:  ich  weiß  nicht,  wohin  ich  fahren  werde. 

*)  D.  h. :  Jeden  Tag  kommen  mir  drei  Zeitungen,  gar  sehr  schmerzlich  sind  sie. 
Die  eine  ist,  daß  ich  von  hinnen  soll,  die  andere,  daß  ich  nicht  weiß  wann,  die  dritte 
ist  meine  meiste  Sorge,  daß  ich  nicht  weiß,  wohin  ich  fahren  werde. 


332  R-  KÖHLER,  MICH  WUNDERT,  DASS  ICH  FRÖHLICH  BIN. 

für  nothwendig,  auch  er  kann  unabhängig  vom  Niederdeutschen  ganz 
von  selbst  auf  das  Wort  'fahren'  gekommen  sein. 

In  der  Tragödie  des  Hans  Sachs  'Der  hürnen  Seufrid'  (V.  298 
in  E.  Götzes  Ausgabe  nach  der  Handschrift  des  Dichters)  schreit 
Crimhilt,  als  sie  der  Drache  entführt:  'Ich  far  und  wais  doch  nit 
wo  hin.'  Ob  Hans  Sachs  dabei   wohl  an  unsern  Spruch  gedacht  hat? 

Zum  Schluß  noch  eine  Bemerkung.  Vergleicht  man  die  ver- 
schiedenen Fassungen  unseres  Spruches,  so  ergibt  sich,  daß  sie  — 
abgesehen  von  sonstigen  vereinzelten  kleinen  Abweichungen  —  sich 
hauptsächlich  dadurch  unterscheiden,  daß  in  den  drei  ersten  Zeilen 
entweder  'und  weiß'  oder  'ich  weiß'  oder  'weiß'  oder  'und  ich  weiß', 
und  in  der  vierten  entweder  'fröhlich'  oder  'so  fröhlich'  oder  'noch 
so  fröhlich'  steht.  Ich  halte  es  für  das  natürlichste  und  einfachste, 
daß  es  und  weiß'  und  'fröhlich'  heißt,  und  möchte  daher  glauben, 
daß  so  auch   der  Spruch  ursprünglich  gelautet  hat. 

WEIMAR,  Januar  ]888. 


Nachträge. 
Meinem  Freunde  Jakob  Bächtold  in  Zürich  verdanke  ich  den 
überraschenden  Nachweis,  daß  unser  Spruch  auch  als  Inschrift  an 
einem  Richtschwart  angebracht  worden  ist.  In  Castans  Panopticum 
in  Berlin  findet  sich  das  Richtschwert  von  Ettlingen  aus  dem  Jahre 
1550  mit  der  bildlichen  Darstellung  einer  Hinrichtung  und  eines  Ge- 
hängten und  mit  der  Inschrift: 

Ich  leb,   weis  nit  wie   lang. 
Ich   starb  und   weis  nit   wan, 
Ich  far,  nit  weis   wohin, 

Nimbt  mich   wunder,   das   ich   so   frelich   bin. 
Vgl.  'Führer  durch  Castans  Panopticum',  Berlin  o.  J.,  S.  31,  Nr.  406, 
wo  die  Inschrift    'theilweis    nur  leserlich'    genannt    und  mit  den  Lese- 
oder Druckfehlern   'gar    (statt  'far'),  "nimh  ,  'grelich'  gedruckt  ist. 

M.  Grünbaum  hat  kürzlich  in  der  Zeitschrift  der  Deutschen  Morgeu- 
ländischen  Gesellschaft,  XLII.  Bd.,  H.  Heft,  S.  277  (vgl.  auch  S.  275) 
bemerkt,  daß  eine  Stelle  in  des  im  11.  Jahrhundert  lebenden  spanisch- 
jüdischen Dichters  Ibn  Gabirol  Gedichte  'die  Königskrone'  an  unseren 
Spruch  erinnert.    Sie  lautet: 

Er  (der  Mensch)    kommt    auf   die  Welt    und    weiß    nicht    wozu, 
er  freut  sich  und  weiß  nicht  worüber,  er  lebt  und  weiß  nicht  wie  lange. 
WEIMAR,  September  1888.  REINHOLD  KÖHLER. 


F.  PETERS,  MÄRCHEN  AUS    LOTHRINGEN,  333 


MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN. 

2.  Der  Soldat  und  das  Kind. 
In  einer  schweren  Kriegszeit  lebte  einst  eine  arme  Witwe  mit 
ihrem  einzigen  Sohne  Philipp.  Der  Philipp  war  ein  sehr  guter,  braver 
Bub  und  half  seiner  Mutter  schon  frühzeitig,  so  daß  sie  sich  gut 
durchbringen  konnten;  als  er  aber  völlig  herangewachsen  war  und 
der  Mutter  so  recht  als  Stütze  hätte  dienen  können ,  da  mußte  er 
auch  fort  in  den  Krieg.  Darüber  war  die  Mutter  sehr  traurig;  er 
suchte  sie  aber  zu  trösten,  so  gut  er  konnte  und  sagte,  daß  der  Krieg 
wohl  nicht  mehr  lange  anhalten  werde,  und  daß  er  bald  gesund  heim- 
kehren und  ihr  ganz  gewiß  etwas  Kostbares  mitbringen  werde.  Als 
er  aber  in  Feindesland  kam,  gab  es  für  ihn  nicht  viel  zu  erobern; 
Andere  machten  wohl  hin  und  wider  Beute,  aber  er  hatte  kein  Glück 
oder  er  war  auch  wohl  zu  gut  und  mochte  Niemand  gern  schädigen. 
Kindlich  wurde  einmal  eine  Stadt  erstürmt  und  sollte  von  den  Sol- 
daten ausgeplündert  und  ausgebrannt  werden.  Er  drang  auch  mit 
Mehreren  in  ein  großes  Schloß  ein,  in  dem  es  genug  zu  holen  gab, 
er  aber  bekam  doch  wieder  nichts^  denn  Andere  kamen  ihm  immer 
zuvor.  Zuletzt  kam  er  allein  in  ein  kleines  Zimmer,  in  dem  lag  ein 
kleines  Knäblein  in  der  Wiege  und  weinte;  als  er  aber  herantrat, 
freute  es  sich  und  lachte  ihn  freundlich  an ,  und  griff  mit  den  Händ- 
chen nach  seinen  blanken  Waffen.  Wie  er  das  Kindchen  so  ansah 
und  daran  dachte,  daß  es  schon  in  wenigen  Stunden  jämmerlich  um- 
kommen sollte,  denn  die  Häuser  neben  dem  Schloß  brannten  schon 
und  das  Schloß  selbst  mußte  auch  bald  in  Flammen  aufgehen,  da 
überkam  ihn  das  größte  Mitleid,  so  daß  er  es  nicht  über  das  Herz 
bringen  konnte,  es  zu  verlassen.  So  nahm  er  es  denn  auf  den  Arm 
und  trug  es  hinaus,  und  ein  Papagei,  der  im  Zimmer  war,  flog  ihm 
nach  und  setzte  sich  ihm  auf  die  Schulter.  Als  die  anderen  Soldaten 
ihn  so  sahen,  hatten  sie  ihren  Spott  darüber,  und  der  Eine  rief: 
„Philipp,  bist  Du  denn  ein  Narr  geworden?'^  Und  ein  Anderer:  „Du 
gibst  eine  schmucke  Kindsmagd  ab,  heute  Abend  wollen  wir  Dir  auch 
ein  fläubchen  aufsetzen."  Und  ein  Dritter:  „Du  solltest  dich  lieber 
gleich  als  Amme  verdingen,  Philipp."  Der  Philipp  machte  sich  aber 
nichts  daraus,  sondern  trug  das  Kindchen  aus  der  brennenden  Stadt 
hinaus ;  und  als  sie  am  anderen  Morgen  weiter  zogen ,  steckte  er  es 
in  seinen  Hafersack   und   ließ  es  vom  Sattelknopf   herabhängen.    Die 


334  F.  PETERS 

Anderen  hatten  wohl  noch  eine  Weile  ihren  Spott  mit  ihm;  weil  er 
aber  ein  guter  Soldat  und  ein  starker  Manu  war,  so  brachte  er  sie 
bald  zum  Schweigen.  Und  das  Glück  wollte  es,  daß  sie  keine  Ge- 
fechte mehr  hatten  und  der  Krieg  bald  zu  Ende  ging  und  sie  Alle 
in  ihre  Heimat  entlassen  wurden.  Nun  ließ  er  das  Kindchen  an  der 
Hand  neben  sich  gehen,  und  wenn  es  müde  war,  nahm  er  es  auf  den 
Arm  und  trug  es,  und  überall  folgte  der  Papagei  ihnen  nach. 

Als  sie  in  dem  Dorfe  ankamen,  in  dem  seine  Mutter  wohnte, 
brachte  er  das  Knäblein  und  den  Papagei  zu  einer  Verwandten  und 
ging  allein  zu  ihr.  Er  traf  sie  im  besten  Wohlsein  und  die  Freude 
war  sehr  groß,  wie  sie  ihn  wiedersah.  Als  sie  sich  aber  eine  Weile 
ausgesprochen  hatten,  sagte  sie  im  Scherz:  „Du  wolltest  mir  ja  etwas 
Kostbares  mitbringen;  daraus  ist  wohl  nichts  geworden,  denn  sonst 
hättest  Du  es  mir  wohl  schon  gezeigt."  „Ach",  antwortete  er,  ein 
wenig  verzagt,  „mitgebracht  habe  ich  wohl  etwas,  aber  etwas  Kost- 
bares ist  es  gerade  nicht."  „Nun,  was  ist  es  denn?"  fragte  sie.  ^Ein 
schönes  Knäblein  und  ein  Papagei",  entgegnete  er  Da  schlug  sie  die 
Hände  über  dem  Kopf  zusammen  und  rief:  „Ist  das  aber  ein  Ge- 
schenk! Wir  haben  selber  kaum  unser  Brot  und  nun  bringst  Du  mir 
noch  ein  Kind  ins  Haus."  „Oh",  entgegnete  er,  „wenn  Du  es  siehst 
und  ich  Dir  erzähle,  wie  Alles  zugegangen  ist,  dann  wirst  Du  sagen, 
daß  ich  recht  gethan  habe  und  wirst  Dich  mit  mir  über  das  Kindlein 
freuen."  Und  damit  ging  er  fort  und  holte  es.  Wie  sie  nun  das  schöne 
Knäblein  sah  und  er  ihr  erzählte,  daß  es  hätte  verbrennen  müssen, 
wenn  er  es  nicht  an  sich  genommen  hätte,  da  hatte  sie  auch  volles 
Mitleid  und  sagte,  daß  sie  es  gern  bei  sich  behalten  und  aufziehen 
wollte,  so  gut  sie  es  vermöchte. 

Der  Philipp  ging  nun  sogleich  wieder  fleitiig  an  die  Arbeit  und 
die  Mutter  blieb  rüstig  und  konnte  Haus  und  Garten  gut  besorgen. 
So  wuchs  denn  das  Knäblein,  wenn  auch  in  Dürftigkeit,  so  doch 
gesund  und  munter  heran;  und  als  es  das  Alter  hatte,  wurde  es  auch 
in  die  Schule  geschickt  und  lernte  fleißig.  Als  es  schon  ein  stattliches 
Bürschchen  war,  gab  eines  Tages  die  Herrschaft,  die  in  dem  Schlosse 
bei  dem  Dorfe  wohnte,  ein  großes  Fest,  zu  dem  viele  vornehme  Leute 
von  Nah  und  Fern  herbeikamen.  Alle  mußten  an  dem  Häuschen  der 
Witwe  vorüber,  und  zuletzt  kam  auch  ein  Eiiepaar  zu  Fuß,  die  Pferde 
und  Diener  vorausgeschickt  hatten.  —  Weil  es  schönes ,  warmes 
Sommerwetter  war,  hing  der  Papagei  in  seinem  Käfig  vor  dem  Fenster, 
und  als  er  das  Ehepaar  vorübergehen  sah,  rief  er:  „Herr,  Herr!  guten 
Tag,  Herr!"    Wie  der  Herr  das  hörte,  ward  er  stutzig  und  sagte  zu 


MÄRCHEN    AUS  LOTHRINGEN.  335 

der  Dame:  „Hör'  einmal,  der  ruft  gerade  so  wie  unser  Papagei  früher." 
„Ach",  erwiederte  die  Dame,  „sprich  mir  doch  von  so  Etwas  nicht, 
ich  muß  dann  immer  an  unser  armes  Kind  denken  und  kann  den 
ganzen  Tag  nicht  wieder  froh  werden";  und  damit  gingen  sie  weiter- 
Nach  einigen  Tagen  kamen  sie  wieder  an  dem  Häuschen  vorüber  und 
der  Papagei  hing  wieder  am  Fenster  und  rief:  „Herr,  Herr!  guten 
Tag,  Herr!"  Da  blieb  der  Herr  wieder  stehen  und  sprach:  ,,Ich  muß 
doch  einmal  in  dem  Häuschen  nachfragen,  vielleicht  bringt  uns  der 
Papagei  auf  eine  Spur;  Du  kannst  hier  einen  Augenblick  auf  mich 
warten."  Die  Dame  wollte  es  wohl  nicht  recht  zugeben,  aber  der 
Herr  ging  doch  hinein.  Im  Hause  traf  er  die  alte  Frau  allein.  Sie 
erschrack  über  den  hohen  Besuch  und,  nichts  Gutes  vermuthend, 
nahm  sie  sich  vor,  daß  sie  recht  auf  ihrer  Hut  sein  wollte.  Der  Herr 
fragte  sie  sogleich,  wo  sie  den  schönen  Papagei  her  hätte.  „Den 
habe  ich  schon  lange",  erwiederte  sie.  „Nun,  wenn  Ihr  ihn  auch  schon 
lange  habt",  sagte  der  Herr,  „so  müßt  Ihr  ihn  doch  zuletzt  irgendwo 
her  haben".  „Ja",  entgegnete  sie.  „Wollt  Ihr  mir  denn  nicht  sagen, 
woher  Ihr  ihn  habt",  sprach  der  Herr.  ..Nein",  erwiederte  sie.  Der 
Herr  wollte  nun  zornig  werden,  al)er  doch  bedachte  er  wieder,  daß 
man  mit  guten  Worten  immer  noch  schneller  ans  Ziel  kommt  als  mit 
bösen ;  deshalb  drückte  er  ihr  ein  Stück  Geld  in  die  Hand  und  sprach : 
„Ich  habe  ja  nichts  wider  Euch  und  will  Euch  gewiß  nichts  Böses 
zufügen,  mir  liegt  nur  viel  daran,  zu  erfahren,  wo  jener  Papagei  her 
ist,  und  wenn  Ihr  mir  es  sagt,  so  gebe  ich  Euch  noch  ein  solches 
Geldstück."  „Wenn  Ihr  es  denn  durchaus  wissen  wollt",  antwortete 
sie,  „mein  Sohn  hat  ihn  aus  dem  letzten  großen  Kriege  mitgebracht". 
„Aus  welcher  Stadt  denn?"  fragte  der  Herr.  Da  nannte  sie  die  Stadt, 
und  der  Herr  rief:  „Dann  ist  es  mein  Papagei,  der  zugleich  mit  meinem 
Söhnchen  fortgekomen  ist. „  Als  sie  das  hörte,  erschrack  sie  sehr,  denn 
sie  hätte  sich  um  alles  in  der  Welt  nicht  mehr  von  dem  Knäblein 
trennen  mögen,  und  sie  nahm  sich  vor,  nun  gewiß  nichts  mehr  zu 
verrathen,  und  sprach:  „Wenn  der  Papagei  Euch  gehört,  so  nehmt 
ihn  nur  in  Gottes  Namen  sogleich  mit  fort;  mir  liegt  an  dem  Vogel 
nichts,  denn  er  kostet  nur  unnütz  Futter,  und  Ihr  habt  mir  schon 
mehr  Geld  gegeben,  als  er  werth  ist."  „An  dem  Vogel  liegt  mir  auch 
nichts'',  entgegnete  er,  „aber  sagt  mir  doch,  habt  Ihr  keine  Kinder 
bei  Euch  im  Hause?"  „Ja",  sagte  sie,  „einen  Sohn,  so  groß  wie  Ihr." 
„Ei",  meinte  der  Herr,  „wem  gehören  denn  die  kleinen  Schuhe  dort 
unter  dem  Bett?"  „Die  gehören  einem  kleinen  Mädchen  aus  der  Nach- 
barschaft", sagte  sie.   „Wem  gehören  denn  aber  die  Höschen,  die  dort 


336  F-  PETERS  ,  ; , 

an  der  Wand  hängen?"  fragte  der  Herr  wieder.  „Ich  weiß,  wem  die 
Höschen  gehören",  entgegnete  sie,  „aber  was  Ihr  hier  zu  suchen  und 
mich  auszufragen  habt,  das  weiß  ich  nicht;  Ihr  thätet  mir  wahrlich 
einen  Gefallen,  wenn  Ihr  ginget".  „Ich  gehe  nicht",  sagte  der  Herr, 
„ich  will  erst  sehen,  ob  ich  hier  nicht  erfahren  kann,  wo  das  Knäblein 
geblieben  ist,  das  zugleich  mit  dem  Papagei  von  einem  Soldaten  fort- 
getragen worden  ist,  als  die  Stadt  niedergebrannt  wurde".  —  Jetzt 
hörte  sie  das  Knäblein  draußen  mit  den  Holzschuhen  klappern  und 
sah  den  Philipp  vom  Walde  heimkehren ,  und  da  rief  sie :  „Machet 
Euch  jetzt  schnell  fort,  denn  mein  Sohn  kommt  jetzt  herein,  und 
wenn  er  Euch  hier  träfe,  so  möchte  es  Euch  wohl  übel  ergehen." 
Er  sprach  aber:  „Ich  fürchte  mich  nicht  vor  Eurem  Sohne.  Und  in 
dem  Augenblicke  kam  auch  schon  das  Knäblein  herein  und  dicht 
hinter  ihm  her  die  fremde  Dame,  und  die  rief:  „Ah,  sieh'  doch  nur 
den  Knaben  da,  wie  sehr  der  Dir  gleicht  und  unserem  armen  Kindlein." 
Jetzt  kam  auch  der  Philipp  herein,  und  die  Mutter  rief  in  großer  Angst: 
„Ach,  Philipp,  schaff'  doch  die  fremden  Herrschaften  fort,  sie  wollen 
uns  unser  Bübchen  nehmen".  Der  Herr  sprach  aber  zu  Philipp: 
„Dieses  Knäblein  ist  aus  unserem  Schlosse  und  der  Stadt  fortgetragen 
worden,  als  sie  im  Kriege  niedergebrannt  wurde,  und,  wie  mir  scheint, 
habt  Ihr  es  fortgetragen."  Da  bekam  der  Philipp  große  Angst,  denn 
er  sah,  daß  er  es  mit  einem  vornehmen  und  mächtigen  Herrn  zu  thun 
hatte,  und  besorgte,  daß  er  nun  gar  noch  für  seine  Grutmüthigkeit 
ins  Unglück  kommen  sollte,  und  so  sprach  er:  „Ach,  Herr,  ich  habe 
das  Kindlein  ja  nur  aus  gutem  Herzen  mit  mir  genommen.  Die  An- 
deren haben  Euer  Schloß  geplündert  und  Alles  fortgetragen,  was  Werth 
hatte,  ich  aber  habe  dies  Kindlein  gefunden  und  nur  das  allein  mit 
mir  genommen,  weil  es  mich  jammerte,  sonst  wäre  es  sicherlich  ver- 
brannt." Der  Herr  entgegnete:  „Wer  sagt  denn,  daß  Ihr  nicht  aus 
gutem  Herzen  das  Kind  mitgenommen  habt?  Ihr  habt  sehr  gut  und 
rechtschaffen  gehandelt;  aber  uns  werdet  Ihr  es  doch  wohl  nicht  ver- 
denken, wenn  wir  unser  einziges  Kind  wieder  an  uns  nehmen  wollen." 
Da  rief  die  alte  Frau:  „Oh,  nehmt  mir  doch  das  Kindlein  nicht  fort, 
ich  kann  ohne  dem  Knäblein  nicht  mehr  leben."  Der  Herr  aber  berieth 
sich  mit  der  Dame  und  sprach  dann:  „Da  wir  das  Knäblein  mitnehmen 
wollen,  Ihr  es  aber  nicht  lassen  wollt,  so  wird  es  wohl  am  besten 
sein,  wenn  Ihr  und  Euer  Sohn  mit  uns  geht;  und  da  wir  Euch  großen 
Dank  schuldig  sind,  so  werden  wir  dafür  Sorge  tragen,  daß  Ihr  gute 
Tage  habt."  So  geschah  es  denn  auch,  und  Philipp  und  seine  Mutter 
hatten  von  da  ab  das  glücklichste  Leben. 


MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN.  337 

3.  Das  Gelübde. 
In  alten  Zeiten  lebte  auf  einem  Schlosse  ein  vornehmes  und 
reiches  Ehepaar.  Sie  hatten  an  Allem  Überfluß  und  lebten  so  recht 
im  Glücke  dahin;  nur  um  eines  härmten  sie  sich  —  sie  bekamen 
keine  Kinder.  Der  Mann  war  anfänglich  wohl  gut  und  freundlich  zu 
seiner  Frau ;  wie  aber  die  Jahre  dahingingen  und  sie  immer  noch 
kinderlos  blieben,  wurde  er  nach  und  nach  mürrisch  im  Hause, 
wandte  sich  von  ihr  ab  und  machte  sich  auswärts  viel  zu  schaffen. 
Darüber  ward  sie  gar  traurig,  denn  sie  hatte  ihren  Mann  sehr  lieb. 
Und  eines  Tages,  an  einem  Jacobustage,  betete  sie  zum  heiligen  Jacob 
und  machte  ihm  ein  Gelöbniß:  „Heiliger  Jacob",  gelobte  sie,  „wenn 
mir  ein  Knabe  bescheert  wird,  so  will  ich  mit  meinem  Manne  zu  Fuß 
zur  St.  Jacobscapelle  wallfahrten  und  das  Kindlein  will  ich  auf 
dem  ganzen  Wege  auf  den  Armen  tragen."  Die  St.  Jacobscapelle  war 
aber  eine  weite  Strecke,  viele  Tagereisen,  vom  Schlosse  entfernt. 
Als  sie  das  Gelübde  gethan  hatte,  fühlte  sie  sich  sogleich  wunderbar 
gestärkt  und  bekam  wieder  Hoffnung.  Und  richtig,  gerade  ein 
Jahr  später,  wieder  am  Jacobustage,  bekam  sie  ein  Knäblein,  und 
das  erhielt  in  der  Taufe  den  Namen  Jacob.  Nun  war  wieder  eitel 
Freude  und  Glück  im  Schlosse.  Als  aber  eine  Zeit  vergangen  und  das 
Knäblein  schon  entwöhnt  war  und  essen  konnte,  sagte  die  Frau  dem 
Manne  von  dem  Gelöbniß.  Der  Mann  hielt  aber  sehr  wenig  von  Wall- 
fahrten und  ähnlichen  Dingen,  doch  mochte  er  ihr  nicht  geradezu 
entgegen  sein  und  sprach:  „Da  Du  es  einmal  gelobt  hast,  werden  wir 
wohl  zur  St.  Jacobscapelle  wallfahrten  müssen,  aber  jetzt  ist  unser 
Knäblein  noch  zu  zart,  es  könnte  leicht  auf  der  Reise  krank  werden 
oder  gar  sterben.  -Oh",  meinte  die  Frau,  „der  heilige  Jacob  wird  es 
schon  in  seinen  Schutz  nehmen."  „Das  möchte  er  wohl  thun",  ent- 
gegnete der  Mann,  aber  das  kann  er  später  noch  ebenso  gut  wie  jetzt." 
So  hatte  er  immer  Ausreden.  Bald  paßte  die  Jahreszeit  nicht,  bald 
war  er  nicht  gesund  genug,  bald  der  Knabe  nicht.  Darüber  verging 
Jahr  um  Jahr,  und  Jacob  wurde  immer  größer  und  schwerer,  so  daß 
es  für  die  Frau  schon  schier  nicht  mehr  möglich  gewesen  wäre,  ihn  zur 
Capelle  zu  tragen.  Zuletzt  wurde  sie  auch  gleichgiltig,  denn  sie  lebten 
in  großem  Glücke  und  meinten,  es  müsse  immer  so  fortgehen.  Inzwischen 
wuchs  der  Jacob  fröhlich  im  Schlosse  heran  und  wurde  ein  sehr  schöner 
und  starker  Bursche.  Als  er  aber  schon  in  das  Alter  kam ,  daß  er 
bald  ans  Heiraten  denken  konnte,  fiel  der  Mutter  ihr  Gelöbniß  wieder 
schwer  aufs  Herz,  und  die  Gedanken  quälten  sie  so,  daß  sie  Tag  und 
Nacht  keine  Ruhe  mehr  fand.  Da  ging  sie  eines  Tages  zu  ihrem  Beicht- 

GKRÄIANIA.    Nene  Eeihe  XXI.  (XXXIH.)  Jahrg.  22 


338  F.  PETERS 

vater  und  gestand  ihm,  was  sie  gelobt,  und  daß  sie  ihr  Gelöbniß  nicht 
gehalten  habe.  Als  der  Beichtvater  sie  angehört  hatte,  wurde  er  sehr 
ernst  und  sprach:  „Da  habt  Ihr  Euch  einer  schweren  Sünde  schuldig 
gemacht  und  Euch  undankbar  gezeigt  gegen  den  Heiligen,  der  Euer 
Gelübde  angenommen  und  Euer  Gebet  erhört  hat."  „Was  soll  ich  nun 
aber  thun",  sprach  die  Frau,  „meinen  Sohn  kann  ich  keinen  Schritt, 
geschweige  denn  viele  Tagereisen  weit  tragen."  „Das  kann  ich  Euch 
sogleich  nicht  sagen",  entgegnete  der  Beichtvater,  „kommt  aber  morgen 
wieder,  ich  will  über  den  Fall  nachdenken  und  Euch  eine  hinlängliche 
Buße  auferlegen".  Als  sie  am  anderen  Tage  wieder  kam,  legte  er  ihr 
große  Bußen  auf  an  Geldopfern  und  Gebeten,  und  sprach:  „Wenn 
Ihr  das  Alles  ausgeführt  habt,  so  müßt  Ihr  dennoch  mit  Eurem  Manne 
und  Eurem  Sohne  zur  St.  Jacobscapelle,  das  kann  ich  Euch  nicht 
erlassen.  Da  Ihr  nun  aber  einmal  die  Wallfahrt  nicht  mehr  so  aus- 
führen könnt,  wie  Ihr  gelobt  hobt,  so  möget  Ihr  nach  Eurem  Belieben 
reiten  oder  fahren.  Die  Frau  nahm  nun  alle  Bußen  auf  sich,  und  dann 
ließ  sie  ihrem  Manne  und  ihrem  Sohne  keine  Ruhe  mehr,  bis  sie  sich 
mit  ihr  auf  den  Weg  machten.  Als  sie  schon  viele  Tage  gereist  waren, 
kamen  sie  an  den  Königshof.  Dort  hatte  die  Frau  eine  Freundin,  die 
in  hohem  Ansehen  beim  Könige  stand,  und  bei  der  beschlossen  sie 
einige  Tage  zu  bleiben  und  auszuruhen.  Sie  wurden  von  der  Freundin 
sehr  gut  aufgenommen  und  prächtig  bewirthet,  und  auch  zum  Könige 
wurden  sie  mehrmals  eingeladen.  So  kam  es,  daß  sie  viel  länger 
blieben,  wie  sie  anfänglich  beabsichtigt  hatten.  Gleich  am  ersten  Tage 
hatte  sich  eine  der  Hofdamen  in  den  Jacob,  der  ein  sehr  schöner, 
blühender  Jüngling  war,  verliebt  und  sich  seitdem  alle  Mühe  gegeben, 
ihm  zu  zeigen,  wie  es  ihr  ums  Herz  war.  Der  Jacob  war  jedoch  zu 
einfältig  und  merkte  nichts,  sie  aber  glaubte,  daß  er  nichts  merken 
wolle.  Und  als  nun  schon  der  Tag  der  Abreise  bestimmt  war  und  sie 
einsehen  mußte,  daß  alle  ihre  Hoffnungen  und  Wünsche  unerfüllt 
bleiben  würden,  da  verwandelte  sich  ihre  Liebe  in  Haß,  und  sie  sann 
auf  nichts  Anderes  mehr,  als  wie  sie  den  Jacob  ins  Unheil  bringen 
könne.  Da  fiel  ihr  ein,  daß  in  einem  der  Zimmer  des  Königs  ein 
goldener  Becher  stand  und  der  Jacob  den  in  Gegenwart  des  Königs 
sehr  bewundert  hatte.  Diesen  Becher  nahm  sie  nun  fort  und  steckte 
ihn  dem  Jacob  an  dem  Morgen ,  als  er  mit  seinen  Eltern  abreiste, 
in  den  Reisesack.  Als  sie  eine  Weile  fort  waren,  ging  sie  wie  zufällig 
in  jenes  Zimmer  und  kam  dann  eilends  und  als  ob  sie  sehr  erschrocken 
wäre,  wieder  heraus  und  rief  laut,  daß  der  goldene  Becher  ver- 
schwunden sei.    Wie  der  König  das  hörte,  wurde  er  sehr  zornig  und 


MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN.  339 

befahl,  daß  überall  auf  das  genaueste  nachgesucht  werden  solle.  Die 
Hofdame  aber  trat  zu  ihm  und  sprach:  „Ich  glaube,  daß  der  Jacob 
oder  seine  Eltern  den  Becher  gestohlen  haben,  denn  sie  sind  gestern 
längere  Zeit  in  jenem  Zimmer  allein  gewesen;  und  habt  Ihr  nicht 
gesehen,  wie  sehr  sich  der  Jacob  über  den  Becher  verwundert  hat?" 
„Ach  was",  erwiederte  der  König,  „die  sind  doch  wohl  zu  reich,  als 
daß  man  ihnen  so  etwas  zutrauen  könnte*"  Als  aber  der  Becher  nir- 
gends zu  finden  war,  willigte  er  doch  ein,  daß  ihnen  ein  Trupp  Reiter 
nachgeschickt  werde.  Wie  die  nun  die  Wallfahrer  eingeholt  hatten 
und  ihre  Sachen  durchsuchen  wollten,  wurden  sie  sehr  zornig  und 
wollten  es  nicht  leiden,  zuletzt  aber  mußten  sie  es  sich  doch  gefallen 
lassen,  und  da  wurde  der  Becher  in  dem  Reisesack  des  Jacob  gefunden. 
Der  beschwor  es  nun  hoch  und  theuer,  daß  er  nicht  wisse,  wie  der 
Becher  dorthin  gekommen  sei,  und  die  Frau  weinte  und  bat,  und  der 
Mann  wollte  schier  vergehen  vor  Zorn  und  Scham ;  aber  es  half  ihnen 
alles  nichts,  sie  mußten  mit  zurück  zum  Königshof.  Der  König  wurde 
sehr  zornig  und  sprach  zu  Jacob :  „Ist  das  der  Dank  für  all'  die 
Gastfreundschaft  und  die  Ehre,  die  ich  Euch  angethan  habe?  Solltet 
Ihr  Euch  nicht  schämen,  ein  Sohn  von  einer  solchen  Familie,  zu  stehlen, 
wie  ein  gemeiner  Dieb !  Nein,  hier  will  ich  keine  Gnade  gelten  lassen ; 
noch  in  dieser  Stunde  Averdet  Ihr  gehängt."  Jacob  mochte  nun  seine 
Unschuld  beschwören,  und  die  Mutter  mochte  weinen  und  flehen  so 
viel  sie  wollte,  Alles  half  nichts,  der  Jacob  wurde  gehängt.  Der  Mann 
wollte  nun  so  schnell  wie  möglich  von  der  Unglücksstätte  fort,  aber 
die  Frau  war  vor  Trauer  und  Schmerz  so  elend,  daß  sie  nicht  reisen 
konnte  und  sich  bei  ihrer  Freundin  zu  Bette  legen  mußte.  Den  Tag 
und  die  ganze  Nacht  kam  kein  Schlaf  in  ihre  Augen,  aber  gegen 
Morgen  schlief  sie  doch  ein  wenig  ein,  und  da  hatte  sie  einen  schreck- 
lichen Traum.  Sie  sah  wie  ihr  Sohn  vom  Galgen  herabstieg  und  an 
ihr  Bett  herantrat.  Und,  er  sah  aus  wie  ein  Leichnam,  aber  dennoch 
lebte  er  und  rief  überlaut:  „Ach  Mutter,  Mutter!  ich  bin  ja  unschuldig, 
und  ich  lebe  noch,  ob  ich  gleich  am  Galgen  hänge.  Oh,  so  gehet  doch 
zum  König  und  bittet  ihn,  daß  er  mich  abschneiden  läßt,  so  wird 
meine  Unschuld  ans  Licht  kommen."  Als  sie  das  im  Traume  gehört 
hatte,  fuhr  sie  jäh  aus  dem  Schlafe  auf  und  kleidete  sich  sogleich  an, 
ging  zum  Könige  und  rief:  „Oh,  lasset  doch  meinen  Sohn  vom  Galgen 
abnehmen;  er  ist  mir  im  Traume  erschienen  und  hat  mir  gesagt,  daß 
er  unschuldig  ist  und  daß  er  noch  lebt.  Der  König  erwiderte  aber: 
„Ihr  seid  eine  Närrin!  Wer  einen  ganzen  Tag  am  Galgen  gehangen 
hat.  der  lebt  nicht  mehr  und  mögt  Ihr  noch  so  Wunderbares  von  ihm 

22* 


340  F.  PETERS 

träumen."  Damit  wandte  er  ihr  den  Rücken,  und  so  viel  sie  auch  bat 
und  jammerte ,    mußte    sie  doch    unverrichteter  Sache    fortgehen.     Da 
wurde   es  ihr    wieder  so  schwach,    daß    sie    sich    niederlegen    mußte. 
Es  ging  nun  wieder  gerade  so  wie  in  der  vorigen  Nacht.  Erst  gegen 
Morgen    schlief  sie  ein ,    und  da  erschien    wieder  ihr  Sohn    und   rief: 
„Ach  Mutter,    Mutter,    ich  bin  ja  unschuldig    und   lebe   noch,    ob  ich 
gleich   am  Galgen    hänge.     Oh,    so  geht  doch  zum  Könige  und  bittet 
ihn,  daß  er  mich  abschneiden  läßt,  so  wird  meine  Unschuld  ans  Licht 
kommen."     Sie  fuhr    wieder  aus  dem  Schlafe    und    ging    sogleich  zum 
Könige   und    bat   ihn    flehentlich,    aber   der    schickte    sie  fort  wie  das 
erste  Mal.    In   der  dritten  Nacht    erschien  ihr  Sohn    wieder  und   rief: 
„Ach  Mutter,    Mutter!    ich    bin  ja  unschuldig   und  ich  lebe  noch,    ob 
ich  gleich  schon  drei  Tage  am  Galgen  hänge.  Oh,  so  geht  doch  zum 
Könige  und  bittet  ihn,  dal.*»  er  mich  abschneiden  läßt,  so  wird  meine 
Unschuld    ans    Licht    kommen.    Und    daß    er    Euch    endlich  Glauben 
schenkt,  soll  ein   Wunder  geschehen.    Geht  morgen  nicht  in  der  Früh 
zu  ihm,    sondern   erst,    wenn  es  Essenszeit   ist.     Wenn    Ihr   eintretet, 
wird  eine  Schüssel  voll  gebratener  Tauben  vor  ihm  stehen,  und  wenn 
Ihr   ihn    dann    wieder  bittet   und  er  Euch    wieder   nicht   glauben    will, 
so  sprecht:    'So  wahr   als    diese  Tauben,    die    todt  und    gebraten  vor 
Euch  liegen,  leben  und  davonfliegen  werden,  so  wahr  lebt  mein  Sohn 
und   ist   unschuldig.'    Alsdann    werden    die  Tauben    auffliegen   und    er 
wird  Euch  Glauben  schenken  und  mich  abschneiden  lassen."    Als  sie 
darauf   erwachte,    fühlte    sie    sich    sehr    gestärkt    und    konnte    es  nun 
kaum    erwarten,    daß    die  Essenszeit   herankam.     Wie    sie  dann    beim 
Könige  eintrat,  hatte  er  richtig  eine  Schüssel  voll  gebratener  Tauben 
vor  sich  stehen.    Sie  betheuerte  nun  wieder,  daß  ihr  Sohn  unschuldig 
und  am  Leben   sei,    und  sprach   von    ihrem  Traum    und  bat  ihn,  daß 
er    ihn    vom  Galgen    möchte    herabnehmen    lassen ;    er    aber    sprach : 
„Ihr    seid    eine   Närrin!.  Wer    drei  Tage    am  Galgen    hängt,    der   ist 
sicherlich    todt.    So  wahr  wie  diese  Tauben  hier  in  der  Schüssel  todt 
und   gebraten    sind  und  nicht  mehr  aufleben ,    so  wahr  ist  auch  Euer 
Sohn  am  Galgen  todt  und  wird  nicht  mehr  lebendig."  Sobald  er  das 
gesagt   hatte .    flogen    die  Tauben  von  der  Schüssel  auf  und  flatterten 
ihm   um  den  Kopf  und   schlugen    mit   den  Flügeln  und  Krallen  nach 
ihm    und    pickten    ihm    mit    den  Schnäbeln    ins  Gesicht,    bis  er  rief: 
„Ja,    der  Jacob    soll    abgeschnitten   werden;    jetzt   glaube   ich    selber, 
daß  er  noch  lebt,    ob  er  gleich  schon  drei  Tage  am  Galgen    hängt." 
Als  er  so  sprach,  flogen  die  Tauben  zum  Fenster  hinaus. 


MÄRCHEN  AUS  LOTHRINGEN.  34 1 

Nun  gab  es  große  Aufregung  im  Schlosse,  der  König  ging  selber 
hinaus  zum  Galgen  und  der  ganze  Hofstaat  folgte  ihm,  auch  die 
Hofdame,  die  sich  in  Jacob  verliebt  hatte;  sie  sah  dabei  aber  so 
bleich  und  verzagt  aus,  dali  es  Allen  auffällig  war.  Als  sie  sich  nun 
Alle  um  den  Galgen  versammelt  hatten  ließ  der  König  den  Jacob 
abschneiden.  Der  fiel  zuerst  auf  den  Boden  wie  ein  Leichnam;  als 
sie  ihm  dann  aber  die  Schlinge  abgenommen  hatten,  richtete  er  sich 
auf,  sprang  sogleich  auf  die  Füße  und  sah  so  frisch  und  gesund  aus, 
wie  wenn  er  nach  einer  gut  verbrachten  Nacht  aufgestanden  wäre 
und  nicht  drei  Tage  am  Galgen  gehangen  hätte.  Wie  die  Hofdame 
das  sah,  stieß  sie  einen  Schrei  aus  und  fiel  ohnmächtig  nieder.  Nun 
hatte  wohl  Jacob  nichts  gemerkt,  Andere  aber,  die '  gescheiter  waren, 
hatten  es  recht  wohl  Avahrgenommen,  wie  sehr  sie  in  ihn  verliebt 
gewesen  und  wie  zornig  sie  hernach  geworden  war,  als  sie  hatte  ein- 
sehen müssen,  daß  sie  ihren  Willen  nicht  haben  sollte.  Da  nun  auch 
sie  es  gewesen  war,  die  den  König  auf  den  Verdacht  gebracht  hatte, 
daß  Jacob  den  Becher  gestohlen  hätte,  und  da  sie  in  so  schreckliche 
Aufregung  gerathen  war,  als  sie  von  dem  Wunder  gehört  hatte,  und 
daß  Jacob  wieder  ins  Leben  zurückkommen  sollte,  so  sprachen  Alle: 
„Sie  ist  es  gewesen  und  niemand  andere,  die  dem  Jacob  den  Becher 
in  den  Reisesack  gesteckt  hat."  Und  als  sie  aus  ihrer  Ohnmacht  er- 
wachte, trat  der  König  an  sie  heran  und  sprach:  „Ihr  habt  dem  Jacob 
den  Becher  in  den  Reisesack  gesteckt,  denn  Ihr  wart  verliebt  in  ihn, 
und  er  hat  es  nicht  geachtet,  und  deshalb  habt  Ihr  ihn  ins  Unglück 
gebracht."  Sie  antwortete:  „Ja,  es  ist  Alles  wahr  wie  Ihr  sagt,  so 
straft  mich  denn,  wie  ich  es  verdient  habe."  Da  ließ  sie  der  König  an 
demselben  Galgen  aufhängen,  von  dem  der  Jacob  soeben  abgeschnitten 
worden  war.  Jacob  und  seine  Eltern  aber  vollendeten  die  Wallfahrt 
zur  St.  Jacobskapelle  und  dankten  dem  Heiligen  recht  inbrünstig, 
daß  er  sie  wohl  gestraft  und  ihnen  seine  Macht  gezeigt  hatte,  daß 
er  aber  doch  wieder  Gnade  und  Barmherzigkeit  geübt  und  es  nicht 
zum  Äußersten  hatte  kommen  lassen. 

FINSTINGEN  (in  Lothringen).  F.  PETERS. 


342  FT.  V.  WLISLOCKI 


DER  VERSTELLTE  NARR. 

Unter  diesem  Titel  hat  der  hochverdiente  Forscher  Felix  Lieb- 
recht („Zur  Volkskunde"  S.  141  ff.)  eine  Reihe  von  Erzählungeji 
verschiedener  Länder  und  Völker  besprochen,  worin  dargestellt  wird, 
„wie  es  einem  Liebhaber  gelingt,  dadurch,  daß  er  sich  närrisch  stellt, 
seinen  Zweck  zu  erreichen".  Als  die  bislang  älteste  Fassung  dieses 
Stoffes  führt  Liebrecht  das  orientalische  Märchen  „Äose  et  Cypres'-'' 
(Gul  o  Sanaubar)  an ,  von  welchem  sechs  hindustanische  Versionen 
vorhanden  sind  und  welches  von  Garcin  de  Tassy  tibersetzt,  in  dessen 
,^ Allegories ,  Recits  (poetiques  et  Chants  populaires  traduits  de  l'arabe, 
du  persan,  de  l' hindoustani  et  du  turc'^  (Seconde  Edition.  Paris  1876, 
p.  423  ff.,  früher  noch  in  der  Revue  Orientale  et  Americavne,  Paris  1861) 
erschienen  ist.  An  dies  orientalische  Märchen,  dessen  Hauptinhalt 
Liebrecht  mitgetheilt  hat,  lehnt  sich  eng  das  neugriechische  bei  Hahn 
Nr.  114:  „Die  heiratsscheüe  Prinzessin",  obwohl  es  den  „Zug  der  vor- 
gegebenen Narrheit  des  freienden  Prinzen  nicht  enthält  und  auch 
sonst  mancherlei  Abweichungen  bietet"  (Liebrecht  a.  a.  O.  S.  144; 
s.  auch  das  böhmische  Märchen  bei  Benfey,  Pantschatantra  I,  XXV 
Anm.).  Einerseits  an  das  orientalische  Märchen,  anderseits  aber  an 
das  neugriechische  lehnt  sich  ein  Märchen  der  transsilvanischen  Zelt- 
zigeuner (Stamm  Leila),  das  ich  1886  aufgezeichnet  habe  und  dessen 
inedirter  Originaltext  also  lautet: 

0  Locolico  te  e  shukdre  thagdreskro  rdklyi^). 
Yekvdr  dvlds  yek  hdro  thdgdr,  kdske  dvläs  yekd  mdy  shukdre  pcen, 
ke  the  dikhel  nd  dvlds  sdhddis  nikeske.  Ko  kerel  dddles  —  kdnd  rom 
dvlds,  —  kdske  kdr  cingerend  te  pro  toronis  kdrßnend,  kay  pcdndles 
dvlds  e  rdklyi;  te  yekd  romni  dvlds,  Idke  ydkhd  dvripusdvend.  Bute  ter- 
necärd  simddyends  shukdre  rdklyd  dndrdl  temlicd  t/ie  kdldvel,  uvd  niko 
kerelds  te  pro  toronis  hüte  kd.rd  dvnds,  kdnd  yek  shukdr  ternecar  dshune- 
Ids  vdsh  thagdreskro  rdklyi  te  Id  the  kdldvel  kdmelds.  Yov  upro  pro 
drom  jidlds  dndre  thdgdreskro  foros  te  tdlyiveläs  yek  ndshvdlo  jiukld- 
nushes,  ko  ddbhe  jdnelds  the  jidl.  0  ternecar  mar  kdmelds  the  ndshdvel, 
te  0  jiukldnush  leske  penelds:    „Äc  tu,    oh  mdlleyd!    Me  nd  kdmdv  tute 

')  Was  die  Orthographie  betrifft,  so  entspricht  c  dem  Laute  tsch,  c  =  ch, 
j=dsch,  n  =  nj,  sh  =:  seh,  y=j  (s.  meine  „Sprache  der  transsilvanischen  Zigeuner", 
Leipzig  1884,  S.  .3). 


DER  VERSTELLTE  NARR.  343 

dukh  the  kerel!  Ja  te  sdstyär  man  te  me  hüte  ddv  hde!'"''  0  ternecdr 
dcelds  te  dtunci  o  jmkldnnsh  penelds:  „Me  o  Cdrdnd.  ddhhe  muddrelds 
vdsh  yekd  romnt  te  nie  merdv,  kdnd  mdnge  xinicerd  pityd  tiro  rdteskro 
upro  pro  m're  cib  tu  nd  dds!  Kdnd  tu  mdn  andre  hihdct  sdstydres,  me 
tute  som  slugddjis  ein  me  jiddv!^  O  ternecdr  Idvelds  leskre  shuri  te 
dndre  dnguskto  cingerelds,  kdnd  o  rdt  tdvdelds^  unicerd  pityd  upro  pro 
cib  jiukldnusheskro  delds,  käske  nevo  jidipen  te  leskro  sor  mosht  dvlds. 
Kdnd  0  ternecär  leske  penelds^  the  yov  shukdre  tJidgdreskro  rdklyd  the 
kdldvel  kdmelds,  o  jiukldnush  penelds:  „Tu  nd  lokes  keres!  E  thdgareskro 
rdklyi  yekvdr  Locolicenge  penelds,  hoi  yek  Locolices  kdmel^  kdnd  Idke 
jimdstdr  shiikdripen  yon  den.  Kdnd  yekvdr  leskre  pcrdl  LocoUcestdr  dik- 
helds,  muddrelds  dddles  te  pcdndelds  dndre  tm'onis  shukdre  rdklyd! 
Avricingerd  tu  mdnge  dndrdl  pori  trin  hdld  te  kdnd  andre  bibdct  tu  sdl, 
bald  shungdrdd  te  me  dkor  kiyd  tute  sikovdv!''^  Kdnd  ternecdreske  frin 
hdld  dndre  vdst  dvnds,  o  jiukldnush  siklovelds  dndre  leskre  holyihd,  odoy 
dndre  themlin,  te  o  ternecdr,  Anrush  jidlds  dndre  titdgdreskro  foros. 

Dopas  hersh  mar  dvlds  te  Anrush  nd  jdnelds,  hoi  kiyd  shukdre 
thdgdreskro  rdklydke  jidlds.  Atunci.  yekvdr  kiyd  lenori  heshelds,  ke  tdv- 
delds  kiyd  toronis  thdgdreskro  rdklydkri  te  gindelds,  hoi  yov  kerel,  the 
kiyd  Idke  yov  jidl,  te  leske  kdr  nd  yon  cingerend.  Atunci  bares  dselds, 
te  nriperid  hesecdrelds  te  dndrdl  hfori  jidlds  sdr  yek  dilo  te  hicihdkro 
kiyd  thdgdreskro  rdklydke.  Kdnd  o  thdgdr  dshunelds,  yov  penelds:  „Hei, 
dddles  mdy  Idces  hin!  0  dilo  nd  miseces  hin  te  me  kdmdr,  hoi  yov  kiyd 
m're  pcendke  the  dveld>i^) ,  te  leskre  sohd  sildvelds  te  leskre  uripend!" 
Am'Hsh  mdy  voyikerelds ,  te  jivese  tdysd  kiyd  mdy  shukdre  thdgdreskro 
rdklydke  yov  dvlds.  Bicihdkres  te  sdr  o  dilo  sildvelds  sohd  te  uripend 
shukdre  rdklydkri  te  dvelas  dilos ,  kerelds  yov  mesdlyi  te  thdgdres  yov 
djukdrelds.  Kdnd  dilos  dvlds,  dvelds  o  thdgdr  yek  hdro  jiuklehd  kiyd 
shukdre  rdklydke.  Beshelds  kiyd  mesdlyi  te  delds  jiukleske  legfeder  cdhen, 
te  upro  teyeri  leskre  pcendkri  dvlds  shero  Locoliceskro ,  kds  yov  dikhelds 
yekvdr  kiyd  Idke.  Kdnd  o  jiuklo  Idces  cdvelds,  dkor  dvridvelds  o  thdgdr 
te  kiyd  rdklydke  yov  penelds:  „Cd,  dddles  del  tute  o  jiuklo,  uvd  tu  sdl., 
horsheder  sdr  yeka  gerdle  jiukli!"  Atcuni  rovelds  tdysd  e  thdgdreskro 
rdklyi  te  Anrush  Id  mdy  sunuvelds.  Kdnd  yekvdr  o  thdgdr  dvridvelds, 
yov  penelds  kiyd  shukdre  rdklydke:  „Me  nd  som  bicihdkres  te  diles! 
Me  cd  kerdv  sdr  bicihdkres  te  diles,  hoi  kiyd  tute  me  dvdv ;  uvd  me 
kdmdv  tut  the  kdldvel,  kdnd  tu  kdmes!''  Atunci  penelds  e  shukdre  thd- 
gdreskro rdklyi:  „Tu  nd  lokes  keres,  uvd  hüte  mdnushd  kerend  te  nikeske 

')  3.  sg.  Präs.  conj.  von  som  =  ich  bin. 


344  H.  V.  WLISLOCKI 

Idces  kerelds!^  0  ternecdr  ndni  peneläs  te  jidlds  andre  udvdrd  te  trin 
hdld  jiukldnusheskro  yov  shung  drdelds.  Atunci  trocmelds  dndre  levegöve 
te  o  jiukldnush  dvelds.  „So  kdmes  tn?''^  penelds  yov  ternecdr eske.  Arirui^h 
penelds  leske  leskre  dukh.  ,,Ldces!  me  sdstydrdv  turnen''^,  peiields  dfiinci 
0  jiukldnush,  „me  dndv  turnen  dndre  durodune  fhem;  uvd  pendv  tute: 
tu  odoy  meg  misdl  hdctdles!''  Te  Anrush.  nd  gindelds  te  dnelds  o  jiuk- 
ldnush les  te  ihdgdreskro  rdklyd  sdr  hdrvdl.  Andere  durodune  them  len 
vpro  pro  pcuv  didds  te  mutdtelds  shiikdr^,  hdre  ker  te  penelds:  ^^ Andre 
ker  turnen  heshen  te  odoy  hin  .-dvc^  so  turnen  kdmen!^  Atunci  dvridoelds 
0  jiukldnush  te  Anrush  te  shukdre  ihdgdreskro  rdklyi  dndre  hdre  ker 
dvend,  kay  hüte  somndkdlf  te  rup  hin.  Jidend  lokes  te  hdctdles  sdr  yek 
mdnush  te  romni.  Atioici  yekvdr  penelds  A)irush  kiyd  leskre  romnäke: 
„Gule,  me  nd  jdndv  te  sdr  hin,  tdysd  detehdrd  t're  punrd  te  vdstd  sdr 
pdcos  shidres  hin!"'  Leskre  romni  penelds:  „Me  ushcdv  detehdrd  te  dvri 
dndre  udvdrd  cik  keräv'"'^).  Anrush  yekvdr  rdciye  nd  sovelds,  uvd  kere- 
Ids^  hol  Sovel  te  dtunci  dikhelds,  hol  leskre  romni  dndrdl  pddd  dndre 
udvdrd  dvrijidlds.  Anrush  dvelds  kiyd  ferdstrd  te  dikhelds  Id  andre  citmu- 
teskro  ydkh  deshuduy  Locolicensd.  Sik  trin  hdld  jiukldnusheskro  lävelds 
te  shungdrdelds  len.  Kdnd  dvelds  o  jiukldnush,  yov  mutdtelds  leske  de- 
shuduy Locolicen.  Akor  o  jiukldnush  ävridvelds  te  cingerelds  deshvdrsel 
ddrdhd  dndrdl  leskre  bimdld,  dndrdl  Lecolicd  te  dnelds  dndre  pdni.  Kdnd 
dtunci  dvelds^  kiyd  Anrusheske  yov  peneld'i:  „Me  kdldvdv  tut  Locoliccndar, 
äddlenge  tire  romni  dvlds!  Atunci  dndre  pdce  jiden  turnen  te  mdn  turnen 
ndni  kämen!''  Te  sdr  ävlds !  Anrush  ein  merihen  dndre  hdct  te  pdce 
Jidelds  leskre  mdy  shukdre  romndhd  .... 

In  genauer  Übersetzung  lautet  dies  Märchen  also: 
Der  Locholitscho'-')  und  die  schöne  Königstochter. 

Es  war  einmal  ein  mächtiger  König,  der  hatte  eine  wunder- 
schöne Schwester,  die  kein  Mensch  ansehen  durfte.  Wer  es  that, 
dem  wurde  —  wenn  er  ein  Mann  war  —  das  'Glied'  abgeschnitten 
und  an  den  Thurm  genagelt,  in  welchem  die  wunderschöne  Königs- 
tochter gefangen  saß;  war  es  aber  eine  Frau  —  so  wurden  ihr  die 
Augen    ausgestochen.     Schon  viele  Jünglinge  hatten  es  versucht,    die 


*)  Umschriebene  Wendung  =  mache  Koth. 

'■*)  Der  Locholitscko  ist  ein  Nachtgespenst  von  der  Gestalt  eines  Affen,  das 
besonders  den  Frauen  nachstellt  und  sie  nothzüchtigt.  Vgl.  das  hebräische  Naclit- 
gespenst  Lilith,  bei  Esaj.  34,  14,  das  nach  der  Rabinensage  8  Knäbleiu  und  20  Töchterlein 
erwürgt.  Philo,  Magiologia,  Bäselaugst  1675,  p.  795  und  Kochholz,  Alemannisches 
Kinderlied  und  Kinderspiel  S.  289. 


DER  VERSTELLTE  NARR.  345 

schöne  Königstochter  aus  der  Gefangenschaft  zu  befreien,  aber  keinem 
war  es  gelungen,  und  der  Thurm  war  schon  dicht  belegt  von  den 
abgeschnittenen  'Gliedern',  als  auch  ein  schöner  Jüngling  von  der 
Königstochter  hörte  und  sie  befreien  wollte.  Er  machte  sich  also  ein- 
mal auf  den  Weg  nach  der  Königsstadt  und  begegnete  in  einem 
Walde  einen  kranken  Hunderaenschen '),  der  kaum  gehen  konnte. 
Der  Jüngling  wollte  schon  davonlaufen,  als  der  Hundemensch  ihm 
nachrief:  „Bleib'  stehen,  o  Freund!  Ich  will  dir  kein  Leid  zufügen! 
Komm'  und  helfe  mir,  Und  ich  werde  dich  reichlich  belohnen!"  Der 
Jüngling  blieb  stehen,  und  da  sagte  der  Hundemensch:  „Mich  hat  der 
Vogel  Tscharana'^)  wegen  einem  Weibe  beinahe  getödtet,  und  ich 
werde  sterben,  wenn  du  mir  nicht  einige  Tropfen  deines  Blutes  auf 
meine  Zunge  tröpfeln  läßt!  Hilfst  du  mir  in  der  Noth,  so  will  ich 
dir  gerne  mein  Lebelang  dienen !"  Der  Jüngling  nahm  sein  Messer 
hervor  und  schnitt  sich  in  den  Finger;  als  das  Blut  zu  fließen  begann, 
ließ  er  davon  einige  Tropfen  auf  die  Zunge  des  Hundemenschen 
fallen,  der  dadurch  neues  Leben  und  seine  alte  Kraft  erlangte.  Als 
ihm  nun  der  Jüngling  erzählte,  daß  er  die  schöne  Königstochter  be- 
freien wolle,  da  sprach  der  Hundemensch:  „Das  wird  gar  schwer 
gehen !  Die  Königstochter  hat  einmal  den  Locholitscho-Leuten  ver- 
sprochen, einen  von  ihnen  zu  heiraten,  wenn  sie  ihr  ewige  Schönheit 
verleihen.  Als  nun  einmal  ihr  Bruder  sie  mit  einem  Locholitscho  er- 
tappte, da  tödtete  er  diesen  und  sperrte  die  schöne  Maid  im  Thurm 
ein!  Reiß'  mir  aber  aus  dem  Schwänze  drei  Haare  heraus  und  wenn 
du  in  Noth  bist,  so  speie  sie  an,  und  ich  werde  dir  dann  zu  Hilfe 
eilen!"  Als  der  Jüngling  die  drei  Haare  in  der  Hand  hatte,  eilte  der 
Hundemensch  in  seine  Wohnung,  hoch  oben  ins  Gebirge  hinauf, 
während  der  Jüngling,  den  man  Anrus  (Ambrosius)  hieß,  in  die  Stadt 
des  Königs  eilte. 


')  Der  Hundemensch  [jiukldnush  wohl  aus  jiuklo  (Hund)  und  manush  (Mensch) 
zusammengesetzt]  ist  „halb  Mensch,  halb  Hund  und  besitzt  eine  außerordentliche 
.Stärke,  so  daß  „er  hundert  Männer  mit  einem  Schlage  vernichten  kann" ;  er  kann  wie 
der  Blitz  so  rasch  fliegen.  Die  Hundemenschen  wohnen  auf  den  höchsten  Spitzen 
der  Gebirge  und  sind  die  Diener  des  Nebelkönigs.  Wenn  einer  von  ihnen  stirbt, 
dann  hört  man  ihr  Geheul  als  Donner  auf  Erden,  und  der  Blitz  ist  das  Zucken  der 
Peitsche,  mit  deren  Schlägen  der  Nebelkönig  sie  züchtigt.  Das  Blut  der  Menschen 
verleiht  ihnen  stets  neue  Kraft,  wenn  sie  krank  sind. 

*)  Dieser  mythische  Vogel  der  Zigeuner  lebt  999  Jahre  und  muß  dann  sterben, 
wenn  er  nicht  jede  Nacht  an  der  Brust  ein  und  desselben  Weibes  saugt;  vgl.  das 
Märchen;  „Der  Fischer  und  die  Urrae"  (in  meiner  Sammlung:  „Märchen  und  Sagen 
der  transsilvanischen  Zigeuner",  Berlin  1886,  S.  21). 


346  H.  V.  WLISLOCKI 

Ein  halbes  Jahr  verging,  und  Anrus  wußte  noch  immer  nicht, 
wie  er  zur  schönen  Königstochter  gelangen  solle.  Da  saß  er  denn 
einmal  am  Ufer  des  Flusses,  der  vor  dem  Thxirme  der  Königstochter 
vorheiflofi  und  dachte  nach,  wie  er  es  anstellen  solle,  um  zu  ihr  zu 
gelangen,  ohne  daß  man  ihm  das  'Glied'  abschneide.  Da  lachte  er 
auf  einmal  hell  auf,  zog  seine  Kleider  aus  und  gelangte^  den  Fluß 
durchschwimmend  und  sich  als  Narr  und  stumm  anstellend,  zur  Königs- 
tochter. Als  der  König  hievon  Kunde  erhielt,  da  sprach  er  also: 
„Nun,  das  trifft  sich  gerade  gut!  Der  Narr  ist  nicht  gefährlich  und 
ich  will  ihn  bei  meiner  Schwester  lassen,  damit  er  ihr  Zimmer  fege 
und  ihre  Kleider  reinige!"  Anrus  freute  sich  nun  gar  sehr,  denn  er 
konnte  von  nun  an  den  ganzen  lieben  Tag  bei  der  wunderschönen 
Königstochter  weilen.  Stumm  und  sich  als  Narr  geberdend,  reinigte  er 
die  Zimmer  und  die  Kleider  der  schönen  Maid,  und  wenn  der  Mittag 
kam,  da  deckte  er  den  Tisch  und  erwartete  den  König.  Tagtäglich 
zur  Mittagszeit  kam  der  König  mit  einem  großen  Hunde  zur  schönen 
Maid.  Er  setzte  sich  an  den  Tisch  und  gab  dem  Hunde  die  köst- 
lichsten Speisen  zu  essen,  loährend  er  auf  den  Teller  seiner  Schwester 
den  abgeschlagenen  Kopf  des  Locholitscho  stellte,  den  er  einmal  mit  ihr 
ertappt  hatte.  Wenn  der  Hund  sich  satt  gegessen,  dann  ging  der  König 
weg  und  sagte  im  Gehen  zur  Maid:  r,Friß  das,  was  der  Hund  übrig 
gelassen  hat,  denn  du  bist  schlechter  als  eine  räudige  Hündin!" 
Da  weinte  stets  die  Königstochter  und  Anrus  bedauerte  sie  sehr. 
Einmal,  als  der  König  bereits  weggegangen  war,  sprach  er  zur  schönen 
Maid  also:  „Ich  bin  weder  stumm  noch  ein  Narr!  Ich  habe  mich 
stumm  und  närrisch  gestellt,  um  zu  dir  zu  gelangen,  denn  ich  will, 
so  du  willst,  dich  befreien!"  Hierauf  versetzte  die  schöne  Königs- 
tochter: „Das  wirst  du  nicht  können,  denn  schon  Viele  haben  es 
versucht,  und  noch  Keinem  ist  es  gelungen!"  Der  Jünglig  sprach 
kein  Wort,  sondern  ging  hinaus  in  den  Hof  und  spie  die  drei  Haare 
des  Hunderaenschen  an.  Da  sauste  und  brauste  es  in  der  Luft,  und 
der  Hundemensch  erschien.  „Was  willst  du?"  fragte  er  den  Jtingling. 
Anrus  erzählte  ihm  nun  sein  Leid.  „Gut!  ich  will  euch  helfen!"  sagte 
hierauf  der  Huudemensch,  „ich  will  euch  in  ein  fremdes  Land  führen; 
aber  das  sage  ich  dir:  du  wirst  auch  dort  nicht  glücklich  sein!" 
Und  ehe  sich  Anrus  versah,  brauste  der  Hundemensch  mit  ihm  und 
der  Königstochter  windschnell  durch  die  Luft.  In  einem  fremden 
Lande  setzte  er  sie  auf  die  Erde,  und  indem  er  ihnen  ein  schönes, 
großes  Haus  zeigte,  sprach  er:  „In  diesem  Hause  könnt  ihr  wohnen, 
und  Alles,  was  ihr  euch  wünscht,  werdet  ihr  da  finden!"  Hierauf  ver- 


DER  VERSTELLTE  NARR  347 

schwand  der  Hundemensch,  und  Anrus  zog  mit  der  schönen  Königs- 
tochter in  das  große  Haus,  wo  sie  unendlich  viel  Gold  und  Silber 
fanden.  Sie  lebten  nun  als  Mann  und  Frau  ohne  Kummer  und  Sorgen. 
Da  sprach  einmal  Anrus  zu  seiner  Frau:  „Liebe,  ich  weiß  nicht  wie 
das  geschieht,  aber  jeden  Morgen  sind  deine  Füße  tmd  Hände  so  kalt 
loie  das  Eis!^''  Seine  Frau  antwortete:  „/cä  stehe  in  der  Frühe  auf  und 
verrichte  draußen  im  Hofe  meine  NothJtirft."  Da  konnte  in  einer  Nacht 
Anrus  nicht  schlafen,  that  aber,  als  ob  er  schliefe,  und  da  bemerkte 
er,  daß  seine  Frau  sich  aus  dem  Bette  entfernte  und  hinaus  in  den 
Hof  ging.  Anrus  schlich  sich  ans  Fenster  und  sah  da  im  Mondlicht 
seine  Frau  mit  zwölf  Locholltscho- Leuten  kosen.  Er  nahm  eilig  die 
drei  Haare  des  Hundemenschen  hervor  und  spie  sie  an.  Als  der 
Hundemensch  erschien,  zeigte  er  ihm  die  zwölf  Locholitscho-Leute. 
Da  stürmte  der  Hundemensch  hinaus  und  zerriß  in  tausend  kleine 
Stücke  seine  Feinde,  die  Locholitscho-Leute,  die  er  dann  in  den  Fluß 
warf.  Als  er  zu  Anrus  zurückkehrte,  sprach  er  also:  „Ich  habe  dich 
von  den  zwölf  Locholitscho-Leuten  befreit,  denen  sich  deine  Frau 
hingeben  mußte!  Nun  könnt  ihr  in  Frieden  leben;  mich  werdet  ihr 
nicht  mehr  brauchen!"  Und  so  geschah  es  denn  auch!  Anrus  lebte 
nun  bis  zu  seinem  Tode  in  stetem  Glück  und  Zufriedenheit  mit  seiner 
wunderschönen  Frau  .... 

Die  durch  cursiven  Druck  hervorgehobenen  Stellen  sind  es  auch 
in  der  Erzählung  von  Gül  und  Sanaubar,  sowie  auch  bei  Benfey, 
der  letztere  im  Zusammenhang  mit  andern  im  Pantschatantra  Bd.  I, 
§.  106,  S.  443 — 454  ausführlich  besprochen  hat.  Mit  Übergebung 
anderer  auch  in  unserem  zigeunerischen  Märchen  wiederkehrender 
Züge  erwähne  ich  nur,  daß  dasselbe  auch  gleich  der  Erzählung  vom 
Prinzen  Almas,  aus  zwei  ursprünglich  von  einander  unabhängigen 
Märchen  zusammengesetzt  ist,  obgleich  sich  hier  die  Vereinigung  nicht 
so  leicht  wahrnehmen  läßt,  wie  bei  der  erwähnten  hindustanischen 
Fassung.  Was  uns  hier  am  meisten  und  in  erster  Reihe  interessirt, 
das  ist  der  Zug  „vom  verstellten  Narren",  der  sich  auch  in  einer 
ungarischen  Erzählung  vorfindet,  die  ich  1883  im  Csiker  Comitat 
(im  Osten  Siebenbürgens)  in  mehreren   Szekler-Gemeinden  hörte '). 


')  Vgl.  die  Überein.stimmuug  des  Eingangs  zu  dem  hier  zuerst  mitgetheilteu 
Zigeunermärchen  mit  dem  Anfang  des  oben  erwähnten  böhmischen  Märchens  und 
eines  mongolischen  im  Ardschi  Bordschi  (s.  Benfey  a.  a.  O.  XXIV  und  Liebrecht 
a.  a.  O.  S.  145;  vgl.  hiezu  auch  meinen  Aufsatz:  „Die  Episode  des  Gottesgerichts 
in  Tristan  und  Isolde  unter  den  transsilvanischen  Zeltzigeunern  und  Rumänen"  in 
Max  Koch's  Ztschr.  f.  vergl.  Litteraturgeschichte  II.  Bd.,  S.  457  ff.)- 


348  H.  V.  WLISLOCKI 

In  genauer  deutscher  Übersetzung  lautet  diese  ungarische  Erzäh- 
lung also: 

Die  beiden  lustigen  Kameraden. 
Wo  es  war  und  wo  es  nicht  war,  dort  lebten  zur  Zeit,  als  man 
noch  die  Flöhe  mit  Hufeisen  versah,  zwei  gar  gute  Kameraden,  von 
denen  der  ältere  bereits  verheiratet  und  Familienvater  war,  der  jüngere 
aber  als  Junggeselle  lustig  in  die  Welt  hineinlebte.  Da  traf  es  sich 
einmal,  daß  der  König  ein  blutiges  Schwert  durch  das  Land  tragen 
ließ  und  alle  Männer  aufforderte,  mit  ihm  gegen  den  türkischen 
Kaiser  zu  Felde  zu  ziehen.  Auch  die  beiden  lustigen  Kameraden, 
von  denen  der  ältere  Dakancsos^  der  jüngere  aber  Drahancsos  hieß, 
mußten  mit  dem  König  in  den  Krieg  ziehen.  Da  traf  es  sich  in  einer 
Schlacht,  daß  die  Türken  unsere  armen  Leute  so  arg  hernahmen, 
daß  sie  wie  Ähren  vor  der  Sichel  fielen.  Bakancsos  und  Drahancsos 
blieben  zwar  unversehrt,  aber  sie  geriethen  in  türkische  Gefangenschaft 
und  mußten  nun  als  Sclaven  dem  türkischen  Kaiser  dienen.  Sie  arbei- 
teten den  ganzen  Tag  über  in  einem  wunderschönen  Garten,  in  welchem 
ein  prachtvolles  Haus  stand.  In  diesem  Hause  wohnte  die  Tochter  des 
türkischen  Kaisers,  eine  wunderschöne  Maid,  die  oft  aus  der  Ferne 
den  Arbeiten  der  beiden  Sclaven  zusah.  Bei  einer  solchen  Gelegenheit 
sprach  einmal  die  schöne  Königstochter  zu  ihrer  Bedienerin:  „Ich  möchte 
doch  gerne  wissen ,  was  diese  beiden  Ungarn  sich  den  ganzen  Tag  über 
erzählen  können!  Der  Jüngere  scheint  ein  sehr  lustiger  Geselle  zu  sein, 
denn  er  springt  wie  ein  Narr  von  einer  Stelle  zur  andern  und  scheint 
dabei  recht  lustige  Dinge  zu  erzählen,  denn  sein  Kamerad  lacht  in 
einem  fort  über  seine  Streiche."  „Ihr  scheint,  hochedles  Fräulein,"  ant- 
wortete die  Bedienerin,  „wohl  recht  zu  haben!  Mir  kommt  es  auch 
so  vor,  als  ob  der  Jüngere  nicht  ganz  bei  Trost  wäre!"  Dies  Ge- 
spräch hatte  Drahancsos,  der  unbemerkt  unter  dem  Fenster  der 
Kaiserstochter  stand,  mit  angehört.  „Halt!"  dachte  er  bei  sich,  „da 
gibts  was  zu  fischen !  Nun,  ihr  sollt  Beide  Recht  haben !  Dem  Narren 
gehört  die  Welt!"  Mit  diesen  Worten  zog  er  seine  Stiefel  aus  und 
warf  die  Beinkleider  von  sich.  Er  wußte  zwar  recht  wohl,  daß  bei 
Todesstrafe  kein  Mann  es  wagen  durfte,  das  Haus  der  schönen  Kaisers- 
tochter zu  betreten,  aber  er  stürmte  laut  lachend  in  das  Zimmer 
hinein,  und  während  er  nackt  vor  der  schönen  Maid  und  der 
Bedienerin  stand,  geherdete  er  sich  wie  ein  Narr,  und  wenn  ihn  die 
Beiden  etwas  fragten,  so  stammelte  er  nur  die  Worte:  Rüt  a  rüdam!'^ 
(Häßlich    ist   meine  Stange.)    Bei  diesen  Worten    besah  er  stets  seine 


DER  VERSTELLTE  NARR.  349 

beiden  Beine  und  das,  was  zwischen  den  Beinen  steht,  —  und  das 
war  wahrlich  eine  tüchtige  'Stange'!  „Das  ist  ein  Narr!"  rief  die 
schöne  Kaiserstochter,  „was  sollen  wir  mit  ihm  anfangen?"  —  «Ich 
wüßte  es  schon!"  versetzte  die  junge  Bedienerin,  aber  ich  fürchte 
mich,  daß  der  Narr  es  ausplaudert!"  Hierauf  versetzte  die  Kaisers- 
tochter: „Laß  dich  nicht  auslachen!  Der  weiß  ja  nicht,  was  mit  ihm 
geschieht!  Sieh'  nur,  ich  will  es  dir  gleich  zeigen!"  Und  sie  ent- 
zündete eine  Kerze  und  hielt  die  Flamme  derselben  an  den  Hintern 
des  Drabancsos.  Dieser  verzog  keine  Miene,  sondern  lachte  hell  auf 
und  rief:  „Rdt  a  rüdam!"  Da  umarmte  ihn  die  Bedienerin  und  zog 
ihn  zu  sich  aufs  Lager.  Das  war  wohl  dem  lustigen  Drabancsos  nicht 
gerade  recht,  denn  er  hätte  gerne  die  schöne  Kaiserstochter  unter 
sich  gehabt;  aber  —  er  machte  seine  Sache  gut,  und  als  dann  später 
auch  die  Kaiserstochter  unter  ihn  kam,  da  gings  noch  besser  zu. 
Nun  folgten  für  Drabancsos  gar  herrliche  Tage!  Er  bekam  von  der 
schönen  Kaiserstochter  die  besten  Speisen  und  Weine,  von  denen  er 
tagtäglich  auch  seinem  lieben  Kameraden  Bakancsos  einen  Theil  mit 
ins  Gefängniß  nahm.  Dieser  fragte  ihn  gar  oft,  wo  er  diese  Sachen 
hernehme,  doch  er  antwortete  ihm  stets  ausweichend,  bis  er  ihm  end- 
lich gestand,  daß  er  mit  der  Kaiserstochter  allerlei  Kurzweil  treibe. 
Sie  habe  ihm  heute  auch  einen  Schlüssel  gegeben ,  mit  welchem  er 
die  Kerkerthüre  öffnen  könne.  Heute  Nacht  wolle  er  wieder  zu  ihr 
und  werde  sich  mit  ihr  und  der  Bedienerin  gütlich  thun.  Und  wahr- 
lich so  geschah  es  auch.  Als  Abends  der  Kerkermeister  die  beiden 
Gefangenen  in  ihre  Zelle  einsperrte  und  sich  entfernte,  da  nahm 
Drabancsos  seinen  Schlüssel  hervor  und  eilte  zu  den  Weibern.  Seinem 
Kameraden,  dem  armen  Bakancsos,  wurde  es  inzwischen  kalt  und 
heiß,  und  schließlich  wollte  er  der  Sache  ein  Ende  machen,  indem 
er  bei  sich  dachte:  „Wo  drei  sind,  da  hat  auch  der  Vierte  Platz!" 
Und  er  schlich  auch  hinaus  ins  Freie,  stellte  sich  unter  das  Fenster 
der  Kaiserstochter  und  klopfte  leise  an  die  Fensterscheiben.  Da 
erschraken  die  Drei  dort  drinnen  im  Zimmer.  Drabancsos  aber  — 
der  schon  längst  nicht  mehr  den  Narren  spielte  —  erkannte,  als  er 
behutsam  hinausblickte,  seinen  Kameraden  und  dachte  bei  sich: 
„Warte  nur,  Kerl,  du  sollst  für  diese  Störung  büßen!"  Eröffnete  das 
Fenster  und  flüsterte  seinem  Freunde  zu:  „Heute  kannst  du  nicht 
hereinkommen!  Aber  wenn  du  willst,  so  legt  sich  die  Kaiserstochter 
ins  Fenster  und  erlaubt  dir,  daß  du  sie  küssest!"  —  „Vorderhand  auch 
gut",  versetzte  Bakancsos,  „wenn  der  Hund  kein  Fleisch  bekommen 
kann,    benagt  er  auch  die  Knochen!"    Inzwischen  sprach  Drabancsos 


350  H.  V.  WLISLOCKI 

ZU  seiner  Geliebten,  der  schönen  Kaiserstüchter:  „Süßes  Lieb,  wir 
sind  verrathen  und  verloren!  Wir  können  unser  Leben  nur  dadurch 
retten,  daß  du  deinen  blanken  Hintern  zum  Fenster  hinaussteckst 
und  ihn  von  meinem  Kameraden  küssen  läßt!"  Was  blieb  da  Anderes 
übrig!  Die  Kaiserstochter  that  also  und  der  arme  Bakaucsos  küßte 
mehrmals  ihren  blanken  Hintern;  er  suchte  mit  seinen  Lippen  nach 
ihren  Lippen,  und  als  er  sie  gefunden  zu  haben  glaubte,  da  rief  er 
geärgert  aus:  „O  du  verfluchter  Hund !  du  bist  es  ja!"  Da  verschwand 
das  vermeintliche  Gesicht,  dessen  Bart  er  eben  erwischen  wollte, 
vom  Fenster  und  zwei  Arme  packten  ihn  von  hinten:  ..Nein,  ich  bin 
hier,  Freundchen!"  flüsterte  ihm  Drabancsos  zu,  „doch  jetzt  haben 
wir  keine  Zeit  zu  unnöthigen  Erörterungen  {szöszaparitds  =  Wort- 
vermehrung)! Vor  dem  Hause  stehen  vier  Pferde  mit  Schätzen  be- 
laden. Ich,  die  Kaiserstochter  und  ihre  junge  Bedienerin  fliehen  in 
meine  Heimat;  wenn  du  willst,  so  komme  mit!"  —  „Na  freilich  komme 
ich  mit",  versetzte  freudig  Bakancsos.  Kurz ,  sie  entflohen  und  er- 
reichten glücklich  ihre  Heimat.  Doch  da  sah  es  recht  traurig  aus! 
Die  Türken  hatten  Alles  verwüstet,  und  die  Gattin  des  Bakancsos 
war  gestorben.  Nun  er  tröstete  sich  und  wollte  die  schöne  Kaisers- 
tochter heiraten,  aber  sein  Freund  Drabancsos  sagte:  „Die  wird 
meine  Frau!  heirate  du  die  Bedienerin,  denn  es  schickt  sich  nicht, 
daß  ein  Mann  ein  Weib  heirate,  dessen  blanken  Hintern  er  geküßt 
hat!"  Nun  wußte  der  arme  Bakancsos  Alles,  was  er  zu  wissen  brauchte. 
Er  ergab  sich  in  sein  Schicksal  und  heiratete  die  Bedienerin,  während 
Drabancsos  die  Kaiserstochter  ehelichte  und  bei  sich  dachte:  „Ja,  der 

Narr  hat  das  Glück ! " 

Diese  ungarische  Erzählung  ist  aus  mehreren  Gründen,  die  ich 
hier  nur  kurz  anführen  will,  interessant.  Vor  Allem  ist  ihre  Verwandt- 
schaft mit  dem  Gedichte  des  Grafen  Wilhelm  von  Poitiers,  welches 
anfängt  mit  den  Worten:  „En  Alvernhe  part  Lemozi"  (in  Bartsch's 
Provenzal.  Lesebuch  H.  Ausgabe,  s.  Liebrecht  a.  a.  0.  S.  146)  und 
in  welchem  der  Verfasser  erzählt,  „wie  er  als  Narr  und  stumm  sich 
stellend,  wobei  er  unartikulirte  Töne  (Tarrababart  etc.)  ausstößt,  von 
zweien  Edelfrauen  in  ihr  Haus  aufgenommen  und  am  Avärmenden 
Feuer  mit  Speise  gepflegt  wurde,  worauf  sie  ihn  entkleideten  und, 
um  sich  zu  überzeugen ,  ob  seine  Narrheit  keine  angenommene  wäre,  ihn 
von  einer  Katze  tüchtig  kratzen  ließen;  er  indeß  hielt  Stand  und 
genoß  alsdann  die  Gunst  beider  Damen."  Den  Zug  des  zweiten  Theiles 
dieser  Erzählung  finden  wir  in  der  deutschen  Erzählung  vom  Bäcker, 
welche  A.  v.  Keller   in  seinen  Fastnachtspielen  III,    1446    (Bibl.    des 


DER  VERvSTELLTE  NARR.  351 

litter.  Vereins  Bd.  29)  aus  einer  Handschrift  des  15.  Jahrhs.  in  den 
ersten  32  Versen  mittheilt,  Felix  Liebrecht  (a.  a.  O.  S.  147  ff.)  aber 
die  noch  übrigen  ergänzt  hat.  Der  Bäcker  —  gleich  dem  Villain  in 
dem  Fabliau  Berenger  au  long  cul  (Liebrecht  a.  a.  O.  S.  149)  —  muß, 
von  der  als  Ritter  verkleideten  Dame  beim  Holzdiebstahle  ertappt  — 
„?w  dat  ßach  antlit^^  küssen;  er  rächt  sich  später,  indem  er  als  Narr 
verkleidet  und  unter  dem  steten  Ausruf  jo  je,  je  jo'  sich  bei  ihr  ein- 
führt, wo  er  an  den  Ofen  gesetzt  wird  und  dann  sein  „kunter"  die- 
selbe Wirkung  hervorbringt,  wie  die  „rüdam",  in  welcher  freilich  der 
Kuß  ins  blanke  Antlitz  ganz  anders  motivirt  ist;  in  dieser  Beziehung 
lehnt  sich  diese  ungarische  Erzählung  an  die  „Erzählung  des  Müllers" 
in  Chaucers  Canterbury-Geschichten  an,  und  ich  glaube  mich  nicht  zu 
irren,  wenn  ich  nebenbei  bemerke,  daß  diese  ganze  Erzählung  unter 
dem  Einfluss  von  Chaucers  Canterbury-Tales  entstanden  ist,  besonders 
da  auch  die  „Erzählung  des  Ritters"  sich  mehr  oder  weniger  in  ihren 
Grundzügen  hier  nachweisen  ließe.  Ich  will  hier  noch  eines  beson- 
deren Umstandes  gedenken:  es  gibt  nämlich  in  der  ungarischen 
Litteratur  ein  Poem  aus  dem  15.  Jahrliundert  unter  dem  Titel: 
„Szilägyi  6s  Hajmäsi"  (herausgegeben  von  Fr.  Toldy  1822;  noch 
früher  aus  dem  Manuscript  ins  Deutsche  übersetzt  und  unter  dem 
Titel:  „Die  Kaiserstochter,  oder  die  Historie  des  Michael  Szilägyi 
Ladislaus  Hagymäsi"  veröfTentlicht  in  Hormayr-Mednyänszky :  Taschen- 
buch für  vaterländische  Geschichte  1822,  S.  453 — 456),  das  sich,  wie 
ich  mich  in  jüngster  Zeit  überzeugt  habe,  auffallend  an  die  „Erzäh- 
lung des  Ritters"  in  den  Canterbury-Geschichten  anlehnt  (vgl.  die 
siebenbürgischen  Verwandten  aus  meiner  Sammlung  bei  A.  Herrmann 
in  den :  Ethnologischen  Mittheilungen  aus  Ungarn  I.  Bd.,  S.  63).  Dies 
Poem  ist  jedenfalls  unter  dem  Einflüsse  Chaucers  entstanden,  und  die 
hier  mitgetheilte  Erzählung  „von  den  beiden  lustigen  Freunden"  ist 
eine  etwas  ungeschickte  Vereinigung  der  erwähnten  Canterbury- 
Geschichten. 

Noch  näher  zum  deutschen  „pe/c"  und  zum  erwähnten  französi- 
schen Fabliau  ^Berenger  au  long  cul"'  steht  ein  Volkslied  der  trans- 
sylvanischen  Rumänen,  dessen  Originaltext  Herr  Prof,  A.  Moga  mir 
gütigst  mitgetheilt  hat.    Es  lautet  deutsch  also : 

War     ein     Bursche      schön     und  Manche  Frau  hat  ihm   bestellt 

jung,  Speis'   und   Trank   auch    ohne   Geld. 

Lebte    ohne   Anstrengung,  Ja   warum?   o    darum! 

Lebt'    stets   in   den   Tag  hinein  Wenn   der  Winter  aber  kam, 

Sonder   Schmer/,  und  sonder   Pein  !  Kalt'   und  Frost  ihm   doch   benahm 


352 


H.  V.  WLISLOCKI 


Seine  Lust  und   seine   Freud'. 
Nicht  wie   andre   arme  Leut' 
Sucht'    er   Holz   zur   Sommerszeit-, 
Nur  wenn    er  beinah   erfror, 
Er  den   Pfarrhof  sich   erkor, 
Wo   er  Holz  und   Bretter   stahl    — 
Hin   und   wieder,   manchesmal!.... 
Einmal   die   Frau   Pfarrerin 
Ihn   belauscht,    springt   vor   ihn    hin! 
„And're  Frauen   hast  du  lieb, 
Kommst  zu   mir   doch    nur    als   Dieb! 
Laß'   dich  führen   vor  Gericht: 
Küßt   du  meinen   Hintern   nicht!" 
Was    denn  sollt'    der  Bursche  thun  ? 
Wollt'    im   Kerker  ja   nicht  ruh'n,   — 
Ihren   Hintern    er   drum   küßt; 
Doch     die    Schmach     ward     bald    ge- 
büßt! 
Unser  Bursch  färbt  Wang'  und  Haar 
Sich   und   machte   wie   ein  Narr, 
Als   er  kam   zur  Pfarrerin, 
Die   mit  ihrem   Töchterlein 
Einst  zu  Haus   war  ganz   allein. 


Unser   Bursch    zum    Ofen   hin 
Stellt  sich,   lacht  mit  närr'schem  Sinn. 
Zieht  sich    spiegelnackt  dann   aus, 
Setzt   sich   hin   zum   Abendschmaus. 
„Tochter,    du  bist   sechzehn  Jahr', 
Bist  zu  jung  noch,  ja  fürwahr! 
Solche   Sachen   anzuseh'n; 
Sollst  drum  in   die  Küche   geh'n!" 
Ging   hinaus   das   schöne   Kind, 
Pfairerin   nun   streichelt   lind 
Unsres   Burschen   festes    „Bein"; 
Irgendwohin   paßt's   hinein ! 
Ja  wohin?  ja  dorthin! 
Als   der  Bursche  fertig  war, 
Sprang  er  ganz   so   wie  ein   Narr 
In    die   Küch'    zum    schönen   Kind, 
Macht'   mit  ihr  die  Sach'   geschwind ; 
Zog  sich   an  und   lief  davon. 
„Pfarrerin,    das   ist   der   Lohn!"    — 
Schrie   er  laut  aus  voller  Kehl', 
„Wer  ich  bin:   ich's   nicht  verhehl'! 
Hab'    den   Hintern   ich    geküßt, 
Hat's   die   Vord're   drum   gebüßt!" 


Die  verwandten  Züge  ergeben  sich  selbst  bei  flüchtiger  Verglei- 
chung;  ich  will  hier  nur  noch  des  Umstandes  erwähnenj,  daß  in  den 
meisten  der  hieher  gehörigen  Erzählungen  sich  der  „verstellte  Narr"  an 
den  „Ofen"  begibt  oder  —  wie  im  „pe/c"  —  von  den  Frauen  zum  Ofen 
geführt  wird  ,  ^dasz  im  die  wermd  anschin  ded  hasz,  Wan  er  gar  fast 
erkaltet  was  (vgl.  Wilhelm  von  Poitiers  angeführtes  Gedicht  „En  Al- 
vernhe  part  Lemozi",  das  Fabliau  „Berenger  au  long  cul"  und 
V.  d.  Hagens  Gesammtabenteuer  Nr.  X  „Die  halbe  Birne"),  während 
in  der  Eingangs  erwähnten  Märchenreihe  die  „kalten  Hände  und 
Füße"   einen  gemeinschaftlichen  Zug  bilden. 

Hinsichtlich  des  charakteristischen  Zuges  der  in  Rede  stehenden 
Märchenreihe  bemerkt  Liebrecht  (a.  a.  0.  S.  146),  daß  auch  Masello 
da  Lamporecchio  bei  Boccaccio  Decam.  HI,  1  sich  als  närrisch  und 
taubstumm  anstellend  zum  Gärtnerdienst  in  einem  Frauenkloster  ge- 
langt, dann  aber  auch  in  anderer  Beziehung  alle  Nonnen  bedient, 
endlich  sogar  die  Äbtissin  selbst,  die  ihn  eines  Tages  im  Garten  unter 
einem  Baume  schlafen  sieht  e  avendogli  il  vento  i  panni  davanti 
levati  indietro,  tutto  stava  scoperto.  La  quäl  cosa  riguardando  la 
donna  e  sola  vedendosi,  in  quel  medesimo  appetito  cadde  che  eadute 
erano  le  sue   monacelle:    e  destato  Masetto,    seco    nella     sua    camera 


DER  VERSTELLTE  NARR.  353 

nel  menb.'  Einestheils  an  diese,  anderntheils  an  die  oben  erwähnte 
Erzählung:  „Die  halbe  Birne"  (in  v.  d.  Hagens  Gesammtabenteuer 
Nr.  X)  lehnt  sich  eine  Erzählung  der  Böhmen  in  Oberungarn|,  die 
mir  der  leider  früh  verstorbene  Karl  Miltscher  so  freundlich  war 
mitzutheilen.  Miltscher,  der  viele  Jahre  hindurch  Erzählungen  sammelte, 
die  mit  Boccaccio's  Decamerone  verwandte  Züge  aufweisen  ^) ,  hinterließ 
ein  reiches  folkloristisches  Material.  Diese  böhmische  Erzählung  lautet 
in  Miltschers  Übersetzung  also: 

Die  erzürnte  Geliebte. 
Es  lebte  einmal  ein  armer  Edelmann,  der  das  Obst  für  sein 
Leben  gerne  aß.  Er  war  sehr  arm  und  lebte  bald  hier,  bald  dort  bei 
den  adeligen  Familien  des  Landes.  Da  traf  es  sich  einmal,  daß  er 
auf  eine  Burg  kam,  deren  Besitzerin  eine  schöne  Jungfrau,  Marinka 
genannt,  war.  Sie  lebte  von  der  Welt  zurückgezogen  und  wollte  in 
ein  Kloster  gehen,  um  dort  in  Frieden  und  Ruhe  zu  leben.  Der  arme 
Edelmann  gab  sich  alle  Mühe,  die  Gunst  der  Dame  zu  gewinnen, 
und  mit  der  Zeit  brachte  er  es  auch  so  weit,  daß  Marinka  ihren 
Plan,  ins  Kloster  zu  gehen  aufgab  und  nahe  daran  war,  den  Liebes- 
worten des  Edelmannes  Gehör  zu  schenken.  Da  traf  es  sich  aber 
einmal,  daß  der  Edelmann  einen  Apfel  aß,  den  er  im  Garten  von 
der  Erde  aufgehoben  hatte.  Marinka  schmähte  ihn  deshalb  und 
sprach:  „Meine  selige  Mutter  hat  doch  Recht  gehabt!  Sie  sagte  stets, 
daß  die  Männer  Schweine  sind!  Ich  gehe  lieber  ins  Kloster,  als  daß 
ich  mich  an  einen  Schweinemagen  binde!"  Diese  Worte  verletzten 
den  armen  Edelmann  gar  schwer,  und  scheinbar  zog  er  von  dannen. 
Als  er  am  nächsten  Tage  aber  auf  die  Burg  zurückkehrte,  da  war 
Marinka  schon  fort  ins  benachbarte  Kloster.  Da  erlebte  der  arme 
Edelmann  gar  trübe  Tage.  Kummer  und  Gram  entstellten  sein  Ant- 
litz, seine  Beine  schlotterten,  sein  Gang  wurde  schleppend  und  langsam. 
Sein  treuer  Diener  bemerkte  mit  Bangen  die  Veränderung  an  seinem 
Herrn.  Einmal  sprach  er  zum  Edelmann:  „Herr,  ich  habe  einen  Plan! 
Wenn  Ihr  ihn  befolgt,  so  könnt  Ihr  vielleicht  noch  die  Burgfrau  als 
Gattin  heimführen!  Die  Klosterfrauen  benöthigen  einen  Gärtner,  doch 
muß  derselbe  ein  Narr  sein.  Zieht  zerfetzte  Kleider  an,  besudelt  euer 
Antlitz,  und  stellt  euch  als  stummer  Narr!  So  könnt  Ihr  in  die  Nähe 
der    geliebten  Dame    gelangen    und    vielleicht    wieder    ihre  Liebe   er- 


*)  Vielleicht    werde    ich    diese  Erzählungen  aus   dem  Nachlasse  Miltschers  bei 
Gelegenheit  veröffentlichen. 

6EBMANIA.    Neue  Beihe  XXI.  (XXXUI.)  Jahig.  23 


354  H.  V.  WLISLOCKI 

werben!"  Der  Edelmann  that  auch  also,  und  als  er  schon  einige 
Tage  im  Kloster  als  Gärtner  bedienstet  war,  schlief  er  einmal  zur 
Mittagszeit  im  Garten  unter  einem  Baume.  Da  kamen  einige  Kloster- 
frauen heran,  darunter  auch  seine  Geliebte,  —  und  eine  sprach  zu 
ihrer  Schwester:  „Mit  dem  früheren  Gärtner  haben  wir  gute  Zeiten 
verlebt!  Auch  dieser  ist  ja  ein  Narr  und  kann  nichts  ausplaudern! 
Kommt,  laßt  uns  ihn  wecken  und  uns  unterhalten!"  Sie  weckten  den 
Edelmann  auf  und  führten  ihn  in  ein  Gartenhaus.  Nun,  als  die  Unter- 
haltung begann,  machte  er  den  Anfang  mit  seiner  Geliebten,  und  als 
er  fertig  war,  sprach  er  zum  Schrecken  der  Nonnen  also :  „Erinnerst 
du  dich,  Marinka,  an  den  schmutzigen  Apfel?  Jetzt  ist  geschehen, 
was  geschehen  ist,  und  verläßt  du  das  Kloster  nicht  willig,  so  werde 
ich  es  der  ganzen  Welt  erzählen,  und  man  wird  dich  mit  Schmach 
und  Schande  beladen  aus  dem  Kloster  jagen!"  Marinka  erschrak  und 
verließ  noch  am  selben  Tage  das  Kloster.  Sie  wurde  die  Frau  des 
armen  Edelmannes  und  Beide  hatten  ihre  Wahl  nicht  zu  bereuen, 
denn  sie  lebten  in  Glück  und  Frieden  bis  an  das  Ende  ihrer  Tage  . . . 
In  allen  hier^ angeführten  Erzählungen  finden  wir  als  Motiv:  die 
Bezwingung  der  weiblichen  Sprödigkeit  und  des  Hochmuths,  während 
eine  andere  Erzählungsreihe  gleichsam  „das  Widerspiel  dazu  bildet" 
und  „die  Anerkennung  der  weiblichen  Obergewalt"  zum  Gegenstand 
hat.  Im  geraden  Gegensatz  zu  der  besprochenen  Erzählungsreihe  steht 
—  wie  Liebrecht  (a.  a.  O.  S.  150)  bemerkt,  —  die  achtzehnte  Erzäh- 
lung des  Siddhi-Kür  (bei  Jülg,  Mongol.  Märchen,  die  neun  Nachtrags- 
erzählungen des  Siddhi-Kür  und  die  Gesch.  des  Ardschi-Bordschi 
Chan  S.  23  ff.:  „Die  verrätherische  Trompete"),  auf  deren  Verwandt- 
schaft mit  dem  oben  erwähnten  Fabliau  '^Berenger  au  long  cuf^  bereits 
Benfey,  Pantschatantra  Bd.  I,  S.  XXV  hingewiesen  hat.  Ich  will  hier 
nur  noch,  als  weitere  Ergänzung  dieser  Erzählungsreihe,  ein  Mär- 
chen der  Siebenbürger  Sachsen  (aus  Urwegen)  mittheilen  (zugleich 
als  Nachtrag  zu  meinen:  „Märchen  des  Siddhi-Kür  in  Siebenbürgen" 
in  der  Zeitschrift  der  deutschen  morgenländ.  Gesellschaft  Bd.  XLI, 
S.  448  ff.).  Dies  Märchen,  das  ich  im  Herbste  1887  aufgezeichnet 
habe,  lehnt  sich  auch  an  den  Märchenkreis  „Von  den  drei  Frauen" 
(s.  meinen  Aufsatz  in  der  Germania  Bd.  XX  N.  R.  S.  442  ff.)  einiger- 
maßen an,  und  lautet  also : 

Der  Dumme  hat  das  Glück, 
Es  lebten  einmal  in  einem  Dorfe  zwei  Schwestern,  die  das  Glück 
hatten,    von    zwei    recht   duimnen  Brüdern    geheiratet  zu  werden.    Der 


DER  VERSTELLTE  NARR.  355 

Ältere  hatte  trotz  seiner  Dummheit  ein  großes  Glück  im  Leben,  denn 
was  er  immer  begann,  hatte  Erfolg,  und  so  kam  es,  daß  er  in  einigen 
Jahren  ein  reicher  Mann  wurde,  während  sein  Bruder  in  Noth  und 
Elend  seine  Tage  verlebte.  Einmal  saßen  die  beiden  Schwestern  bei- 
einander und  sprachen  über  die  Dummheit  ihrer  Männer.  Da  sagte 
die  Jüngere:  „Mein  Mann  ist  doch  viel  dümmer  als  der  deine!  Glück 
würde  er  auch  schon  haben,  aber  womit  sollen  wir  einen  Handel 
beginnen?  Wenn  ich  nur  wenigstens  einen  Metzen  Weizen  hätte,  ich 
würde  ihn  damit  in  die  Stadt  zu  Markt  schicken,  und  gewiß  bekäme 
er  dafür  einen  zehnfachen  Werth!"  Hierauf  versetzte  die  Altere:  „Nun 
gut,  ich  will  euch  einen  Metzen  Weizen  geben!"  Am  nächsten  Tage 
also  machte  sich  der  Jüngere  mit  dem  Metzen  Weizen  auf  den  Weg 
und  kam  gegen  Abend  in  einen  Wald,  wo  er  ein  verlassenes  Häus- 
chen fand.  Er  dachte  bei  sich:  Ich  will  meinen  Weizen  ins  Häus- 
chen stellen  und  die  Nacht  auf  einem  Baume  zubringen,  damit  mich 
die  Wölfe  nicht  fressen.  Die  Thüre  des  Häuschens  nehme  ich  mit 
mir  hinauf  auf  den  Baum,  denn  es  könnten  Räuber  kommen  und  die 
Thüre  absperren ,  dann  könnte  ich  morgen  meinen  Weizen  nicht  heraus- 
holen! So  dachte  der  Mann  und  handelte  in  seiner  Dummheit  auch 
also.  Er  zog  mit  schwerer  Mühe  die  Thür  auf  den  Baum  und  band 
sich  mit  dem  Hosenriemen  an  einen  dicken  Ast  an,  damit  er  nicht 
herabfalle,  und  schlief  nun  ein.  Spät  in  der  Nacht  wachte  er  durch 
einen  großen  Lärm  auf  und  sah  unter  dem  Baume  vierzig  Räuber 
gelagert,  die  viel  Geld,  goldene  und  silberne  Geräthe,  die  sie  zu- 
sammengeraubt hatten,  untereinander  vertheilen  wollten.  Als  der 
Dumme  das  viele  Geld  sah,  da  lachte  sein  Herz  vor  Freude,  und  er 
dachte  bei  sich:  Hei!  wenn  das  mir  gehören  sollte!  Da  stieß  er  zu- 
fällig mit  seinem  Fuße  an  die  schwere  Thüre,  die  polternd  und  kra- 
chend vom  Baume  herab  auf  die  Erde  stürzte.  Die  Räuber  liefen  nun, 
wie  wenn  der  Blitz  unter  sie  gefahren  wäre,  kopfüber  von  dannen 
und  ließen  die  vielen  Schätze  am  Boden  liegen.  Der  dumme  Mann 
stieg  nun  vom  Baume  herab,  leerte  seinen  Weizen  aus  und  füllte  den 
Sack  und  alle  seine  Taschen  mit  Gold  und  Silber  und  ging  dann 
nach  Hause,  wo  er  seiner  Frau  erzählte,  er  habe  im  Walde  den  Teufel 
begegnet  und  ihn  an  einen  Baum  gebunden.  Der  Teufel  habe  ihm 
die  vielen  Schätze  gegeben,  deren  Rest  er  morgen  abholen  wolle. 
Dies  glaubten  ihm  nun  die  beiden  Schwestern  nicht,  und  seine  Frau 
sprach  zu  ihrer  Schwester:  „Jetzt  glaubst  du  es  vielleicht,  daß  mein 
Mann  doch  viel  dümmer  ist  als  der  deine!  Morgen  wollen  wir  ihm 
nachschleichen ,    und    dann    sollst    du    dich    von    seiner    schrecklichen 

23* 


356  H.  V,  WLISLOCKI,  DER  VERSTLLTE  NARK. 

Dummheit  überzeugen!"  Am  nächsten  Tage  ging  der  Dumme  hinaus 
in  den  Wald^  um  den  Rest  der  Schätze  zu  holen.  Die  beiden  Frauen 
aber  schwärzten  ihr  Gesicht  mit  Ruß  und  schlichen  ihm  nach.  Als 
sie  den  Dummen  sahen,  wie  er  die  Schätze  der  Räuber  sammelte, 
traten  sie  hinzu,  und  seine  Frau  sprach  also:  „Wir  sind  zwei  Teufel, 
und  uns  gehören  diese  Schätze!  wir  werden  dich  jetzt  in  Stücke  zer- 
reißen, wenn  du  nicht  unsern  Hintern  küssest!"  Am  ganzen  Leibe 
zitternd,  sprach  der  Dumme:  „Bitte  gar  schön,  meine  gnädigen 
Herren,  ich  will  sie  ja  gerne  küssen!"  Als  er  den  Hintern  der  Frauen 
geküßt  hatte,  liefen  diese  lachend  davon,  und  als  der  Dumme  mit 
den  Schätzen  nach  Hause  kam,  da  fragten  ihn  die  Frauen,  wie  der 
Teufel  aussehe?  Er  sagte:  „Heute  habe  ich  gar  mit  zwei  Teufeln  zu 
thun  gehabt!  Nun,  der  Teufel  sieht  einer  Frau  ganz  ähnlich  aus, 
doch  hat  er  im  Hintern  zwei  Löcher!"  Da  lachten  ihn  die  Frauen 
aus  und  dachten  bei  sich:  Ja,  der  Dumme  hat  das  Glück  .... 

Dies  das  Märchen  der  Siebenbürger  Sachsen.  Welches  die  ur- 
sprüngliche Quelle  dieser  ganzen  Märchenreihe  sei,  läßt  sich  vorder- 
hand wohl  kaum  entscheiden;  so  viel  aber  ist  gewiß,  daß  sie  im 
Orient  zu  suchen  ist,  besonders  da  die  griechische,  noch  mehr  aber 
die  zigeunerische,  sich  an  die  Erzählung  vom  Prinzen  Almas  anlehnt, 
die  wohl  auch  nicht  die  ursprüngliche  Quelle  ist,  nachdem  sie  „in 
ihrem  weiteren  Verlauf  durch  Verflechtung  mit  der  Erzählung  von 
Gül  und  Sanaubar  Einbuße  erlitten  zu  haben  scheint"  (Liebrecht 
a.  a.  O.  S.  151).  Jedenfalls  werden  in  verschiedenen  Ländern  und 
au  verschiedenen  Orten  noch  Erzählungen,  die  zu  dieser  Reihe  ge- 
hören, umlaufen  und  noch  zum  Vorschein  kommen,  die  dann  vielleicht 
die  ursprüngliche  Quelle  zu  bestimmen  helfen  werden. 

MÜHLBACH  (Siebenbürgen),  1.  Februar  1888. 

Dr.  HEINRICH  v.  WLISLOCKI. 


O.  GLÖDE,  DIE  REIMBRECHUNG  IN  GOTTFR.  V.  STRASSBURG  TRISTAN.     357 

DIE  REIMBRECHUNG  IN  GOTTFRIEDS  VON 

STRASSBURG  TRISTAN  UND  DEN  WERKEN 

SEINER  HERVORRAGENDSTEN  SCHÜLER. 


In  der  Einleitung  seiner  Tristanausgabe  ^)  p.  XL — XLII  handelt 
R.  Bechstein  über  den  Stil  und  die  Metrik  Gottfrieds  von  Straßburg 
und  weist  im  Einzelnen  nach,  daß,  obgleich  uns  im  Tristan  nur  ein 
Torso  erhalten  ist,  dieser  doch  so  mächtig  und  reich  ist,  daß  wir  an 
ihm  den  Künstler  völlig  erkennen  und  bewundern  können.  Die  glatte 
und  flüssige  Diction  Gottfrieds  wird  außer  durch  die  vielen  und  feinen 
Wortspiele  auch  nicht  wenig  verschönt  durch  die  Anwendung  eines 
Princips  —  das  der  Verfasser  an  dieser  Stelle  nicht  berücksichtigt  — 
nämlich  der  sogenannten  Reimbrechung.  Näher  ausgesprochen  hat  sich 
R.  Bechstein  über  die  Reimbrechung  in  der  Einleitung  zu  seiner  Aus- 
gabe des  Tristan  von  Heinrich  von  Freiberg '^)  und  vor  allen  Dingen 
in  seinem  Aufsatz  „Der  Heliand  und  seine  künstlerische  Form"  mit 
einem  „Excurs  zur  Reimbrechung  im  Heliand"^).  Vereinzelt  finden 
sich  dann  noch  Notizen  über  die  Reimbrechung  in  den  Einleitungen 
zu  Ausgaben,  wie  in  Behaghels  Ausgabe  'der  Eneide  Heinrichs  von 
Veldeke  u.  a. ,  sonst  aber  beschäftigen  sich  die  größeren  Metriken 
nicht  eingehend  mit  diesem  Capitel  der  Verslehre;  so  vermisse  ich 
auch  in  J.  Schippers  altenglischer  Metrik  (Bonn  1881)  jede  Erörterung 
über  Reimbrechung.  Mir  scheint  es  aber  durchaus  noth wendig,  daß 
diese  Erscheinung  bei  den  einzelnen  mittelalterlichen  Dichtern  untersucht 
wird,  da  sie  in  neuester  Zeit  als  Kriterium  gebraucht  wird  zur  Datirung 
von  Denkmälern,  zur  Feststellung  des  Verfassers  von  uns  ohne  Autor- 
namen überlieferten  Stücken*),  zur  Anordnung  der  Werke  eines 
Schriftstellers^)  —  allerdings  immer  zusammen  mit  vielen  anderen 
Kriterien,    und  das  mit  vollstem  Recht,    denn  auf  sie  allein   wichtige 


')  Deutsche  Classiker  des  Mittelalters  Bd.  7  und  8.  2.  Auflage  1873, 

')  Deutsche  Dichtungen  des  Mittelalters  Bd.  V. 

')  Jahrbuch  des  Vereins  für  nd.  Spr.  X,  1884,  p.  133—148. 

'')  In  seiner  Schrift  „Heinrich  von  Freiberg  als  Verfasser  des  Schwankes  vom 
Schrätel  und  vom  Wasserbären  (p.  19 — 21)"  räumt  Jul.  Wiggers  der  Reimbrechung 
einen  bedeutenden  Platz  ein. 

*)  Das  Kriterium  der  Reimbrechung  stellt  Hartmanns  armen  Heinrich  an  die 
letzte  Stelle.  Ob  diese  Stellung  die  richtige  ist?  Vgl.  K.  Stahl,  Die  Reimbrechung 
bei  Hartmann  von  Aue.  Rostocker  Diss.  1888. 


358  O.  GLÖDE 

Schlüsse  bauen,  ist  durchaus  unzulässig.  Die  Reimbrechung  ist  ein 
ästhetisches  Princip,  dessen  Geschichte  wir,  wie  die  des  Enjambe- 
ments an  den  Erzeugnissen  unserer  Literatur  verfolgen  können.  Um 
dasselbe  vollständig  zu  erkennen,  bedarf  es  vor  allen  Dingen  Einzel- 
untersuchungen, und  wir  wollen  eine  solche  bei  Gottfried  und  Hein- 
rich von  Freiberg  anstellen.  Die  Reimbrechung  ist  das  Streben,  am 
Schlüsse  eines  Gedankens  die  Reimworte  nicht,  wie  man  erwarten 
sollte,  zusammenzuhalten,  sondern  sie  auf  die  letzte  Zeile  des  den 
Gedanken  ausdrückenden  Satzes  und  die  erste  Zeile  des  folgenden 
zu  vertheilen.  Dieser  Bruch  der  für  Ohr  und  Auge  zusammengehören- 
den Reimworte  ist  ein  künstlerisches,  verbindendes  Mittel,  um  die 
rein  äußerliche  Nebeneinanderstellung  einzelner  Gedanken  und  dadurch 
eine  gewisse  Einförmigkeit  zu  vermeiden  und  der  Diction  den  An- 
strich des  Ganzen,  Zusammengehörigen  und  Fließenden  zu  geben. 

Bei  der  Frage  nach  dem  Brechen  der  Reime  kommt  als  Satz- 
ganzes nicht  der  Theil  der  Rede  in  Betracht,  nach  welchem  w  ir  einen 
Punkt  oder  Strichpunkt  zu  setzen  pflegen,  sondern  bloß  was  durch 
Über-,  beziehungsweise  Unterordnung  zu  einer  unlösbaren  Einheit 
verbunden  ist;  was  paratactisch  durch  und,  oder  etc.  angereiht  wird, 
ist  ein  neues  Satzgebilde.  Doch  wird  man  immer  verschiedene  Grade 
in  der  Stärke  der  Reimbrechung  unterscheiden  können,  je  nach  der 
Tiefe  des  logischen  Einschnitts  zwischen  den  beiden  Sätzen.  (Behaghel, 
H.'s  V.  Veldeke  Eneide,  Einleitung  S.  CXX.) 

Wie  bei  Gottfried  das  lyrische  Princip,  die  bestimmte  Abwechs- 
lung von  Hebung  und  Senkung  noch  durchaus  uicht  systematisch 
streng  durchgeführt  ist,  wie  noch  die  Senkung  bei  ihm  oft  fehlt,  wie 
noch  bei  ihm  jambischer  und  trochäischer  Rythmus  wechseln,  so  ist 
er  auch  in  der  Anwendung  der  Reimbrechung  durchaus  natürlich,  nur 
von  seinem  Kunstgefühl  geleitet,  ohne  in  irgend  einer  Weise  erkünstelt 
zu  erscheinen.  Dieses  „von  Gottfried  mit  bezaubernder  Grazie  durch- 
geführte ästhetisch  schöne  Princip"  ')  war  da,  es  war  vor  ihm  ange- 
wendet und  ist  auch  nach  ihm  nicht  ausgestorben,  aber  in  den  meisten 
Fällen  wirkt  es  durch  die  regelmäßige  Wiederkehr  und  äußerliche 
Anwendung  auf  die  Dauer  ermüdend.  Man  kann  bei  manchen  Dichtern 
sofort  angeben:  in  diesem  Falle  wendet  er  die  Reimbrechung  nie  an 
oder  in  jenem  immer,  gegen  welche  Regel  dann  in  allen  seinen  Werken 
fast  nie  gesündigt  wird,  ein  Verfahren,  das  die  belebende  Wirkung 
der  Reimbrechung  geradezu  aufhebt. 


')  R.  Bechstein,  Heinrichs  von  Freiberg  Tristan  p.  XV. 


DIE  KEIMBKECHUNG  IN  GOTTFRIEDS  VON  STRASSBURG  TRISTAN  etc.     359 

Ich  will  als  Typen  für  diese  Erscheinung  nur  zwei  bedeutende 
Dichter  herausgreifen,  einen  Vorgänger  und  einen  Schüler  Gottfrieds, 
Heinrich  von  Veldeke  und  Konrad  von  Würzburg.  Durch  Vergleichung 
mit  beiden  wird  uns  Gottfrieds  wahres  Dichtertalent  erst  recht  in  die 
Augen  fallen. 

Bei  Heinrich  von  Veldeke*)  geschieht  das  Brechen  der  Reime 
immer  nur  innerhalb  der  einzelnen  Abschnitte.  Daß  der  erste  Vers 
eines  Reimpaares  den  Schluß,  der  zweite  den  Beginn  eines  Abschnittes 
bildet,  kommt  in  der  Eneide  gar  nicht,  im  Servatius  nur  einige  Male  vor. 
Also  die  Reimbrechung  hat  sich  dem  Zwange  eines  gewissen 
Gesetzes  unterwerfen  müssen!  Aber  das  Streben  nach  dem  Brechen 
der  Reime  geht  doch  wieder  so  weit,  daß  sogar  am  Ende  von  Ab- 
schnitten es  gerne  vermieden  wird,  zwei  zusammengehörige  Reime 
demselben  Satze  zuzutheilen,  sondern  oft  schließt  mit  dem  vorletzten 
Reime  des  Abschnittes  der  Satz,  und  der  letzte  Vers  bildet  einen 
Satz  für  sich.  Dieselbe  Eigenthümlichkeit  auch  bei  Eilhart.  [Ausgabe 
von  Lichtenstein,  Einl.  p.  113,] 

Wiederum  ein  Gesetz,  welches  allerdings  öfter  durchbrochen 
wird  als  das  erste. 

Konrad  von  Würzburg  als  gelehriger  Schüler  Gottfrieds  folgt 
dem  gleichen  Princip  der  Reimbrechung,  aber  er  treibt  es  im  Verlaufe 
seiner  Dichterthätigkeit  immer  mehr  auf  die  Spitze,  hebt  dadurch  den 
Vortheil  der  Spruchform  für  die  Erzählung  gegenüber  der  Strophe 
völlig  auf  und  verurtheilt  sich  selbst  zu  einer  athemlosen  Geschwätzig- 
keit. Allerdings  sucht  Konrad  das  Gleichgewicht  dadurch  wieder- 
herzustellen, daß  er  bei  Abschluß  der  Gedankenreihe,  bei  den  Absätzen, 
wie  wir  zu  sagen  pflegen,  allemal  das  Reimpaar  zusammenhält,  aber 
auch  diese  absichtlichen  Pausen  machen  in  ihrer  regelmäßigen  Wieder- 
kehr einen  ermüdenden  Eindruck^). 

Gottfried  dagegen  legt  seine  Sprache  nicht  in  Fesseln,  er  hält 
sich  durchaus  fern  von  aller  solcher,  die  Eintönigkeit  befördernder 
Regelmäßigkeit.  Es  handelt  sich  bei  ihm  eben  nicht  um  Regel  und 
Ausnahme. 

Man  sollte  meinen,  daß  Gottfried  am  Ende  jener  großen  und 
tiefen  logischen  Einschnitte,  die  in  der  Bechstein'schen  Ausgabe  als 
Capitel  bezeichnet  sind,  die  Reime  zusammengehalten  hätte,  weil  sie 
gleichsam    kleine    selbständige   Geschichten    im   Rahmen    des  Ganzen 


')  Heinriclis  von  Veldeke  Eneide,  ed.  O.  Behaghel  Einleitung  p.  120. 
')  Vgl,  Becbstein,  Heinrichs  von  Freiberg  Tristan,  Einleitung  p.  16, 


360  O-  GLÖDE 

bilden.  Unter  den  30  Capiteln,  die  wir  finden,  hat  der  Dichter  auch 
29  Mal  die  Reime  nicht  getrennt,  aber  zwischen  Cap.  XI  und  XII 
finden  wir  eine  Reimbrechung.    Cap.  XI  schließt: 

er  (Tristan)  fuor  von  dannen  z'Engelant, 
von  Engelanden  al  zehant 
ze  Kurnewäle  wider  heim. 
Cap.  XII  beginnt: 

Nu  Marke  sin  oeheim 
und  daz  lantliut  vernam, 
daz  er  gesunde  wider  kam    etc. 
Die  Brechung    ist    hier    allerdings    nicht   so    bedeutend    als    am 
Schlüsse  vieler  anderer  Abschnitte,   was  besonders  das  sm  (Cap.  XII, 
v.  1)  und  er  (Cap.  XII,  v.  3)  beweisen,  die  sich  auf  das  er  (Cap.  XI) 
beziehen. 

Man  könnte  annehmen,  daß  Gottfried  in  der  That  die  Absicht 
hatte,  bei  so  einschneidenden  Abschnitten  die  Reime  zusammenzuhalten) 
und  nur  hier,  wo  der  Einschnitt  nicht  so  tief  ist,  durch  die  Reim- 
brechung die  beiden  Gedanken  verbinden  wollte. 

Ein  anderes  Mittel,  die  Reimbrechung  am  Ende  dieses  Ab- 
schnittes fortzuschaffen,  wäre  noch  das,  daß  man  den  Anfang  des 
XII.  Capitels  verlegte,  und  zwar,  was  am  nächsten  läge,  nach  v.  8314, 
wo  der  horizontale  Strich  der  Ausgabe  eine  tiefe  logische  Pause  be- 
zeichnet. In  diesem  Falle  müßten  wir  aber  eine  mindestens  ebenso 
starke  Reimbrechung  zugeben,  wie  die  weggeschaffte. 

Der  einzige  Ausweg  bliebe  nur  der,    den  Anfang  von  Cap.  XII 
nach  V.  8305  zu  verlegen.   Dann  würde  Cap.  XI  mit  dem  Preise  der 
Schönheit  der  jungen  Isolt  schließen: 
sie  zieret  unde  kroenet 
wip  unde  wiplichen  namen. 
V.  8304     des  ensol  sich  ir  deheiniu  schämen. 
Auch    dem  Sinne   nach    scheint  mir    diese  Trennung  mindestens 
benso  gut  möglich  als  die  in  unserer  Ausg  abe. 
Cap.  XII,  V.  8305: 

Nu  Tristan  haete  gesaget 
von  siner  frouwen  der  maget 


si  haeten  alle  muot  da  van. 
Jetzt  ein  einfacher  Absatz: 

Der  wol  gemuote  Tristan 
der  greif  do  wider  an  sin  leben. 


Reimbrechung. 


DIE  REIMBRECHUNG  IN  GOTTFRIEDS  VON  STRASSBURG  TRISTAN  etc.     361 

Dies  würde  der  Manier  Gottfrieds   entsprechen;    man  vergleiche 
die  Anfänge  von 

Cap.  V:     Nu  kom  es  in  kurzer  stunde. 
Cap.  VI:     Nu  Tristan  der  ist  ze  hüse  komen 

unwizzende,   als  ir  habet  vernommen. 
Cap.    XIII:     Nu  Tristan  der  ist  ze  fride  komen. 
Besonders  Cap.  XIX: 
v.  13101     Nu  Tristan  was  gemuothaft. 


V.    13107      so   ez   an    der   zit   also   geviel      |  Reimbrechung  wie  in  unserem 
In  den    ziten  kom  ein  kiel  j  F^ll« 

ze  Kurnewäle  in  Markes  habe. 
Mir  scheint  nur  das  dem  Stile  Grottfrieds  angemessen ,  daß  er 
die  angeführten  29  Mal  frei,  ungesucht  und  natürlich  durch  den  zweiten 
Reim  den  Gedanken  zum  Abschluß  gebracht  hat  und  sich  anderseits 
nicht  scheute,  bei  dem  Absätze,  der  in  unserer  Ausgabe  die  Grenze 
von  Cap.  XI  und  XII  bildet,  die  Reimbrechung  eintreten  zu  lassen. 
Eine  andere  Art  von  logischen  Pausen  sind  die,  die  innerhalb 
der  einzelnen  Capitel  durch  einen  horizontalen  Strich  bezeichnet  sind. 
Deren  finden  sich  im  ganzen  Tristan  12,  wovon  7  ohne  und  5  mit 
Reimbrechung  sind.  Betrachten  wir  nun  zunächst  rein  äußerlich,  wie 
diese  12  Fälle  auf  die  einzelnen  Capitel  vertheilt  sind,  so  finden  wir 
nichts  Gesetzmäßiges. 

(8)  (12)  (7)  (5) 

Capitel.      Abschnitte.      Ohne  Reim-       Mit  Reim- 
brechung,        brechung. 

n  3  3  0 


X 

1 

1 

0 

XII 

1 

0 

1 

XIII 

2 

1 

1 

XVIII 

1 

1 

0 

XXVII 

1 

0 

1 

XXIX 

1 

0 

1 

XXX  2  1  1 

Unter  diesen  5  Reimbrechungen  finden  sich  zwei  besonders  starke; 
Cap.  XIII,  v.  9624: 

Wie  sie  Tristan  pflegen  sollten,  daz  was  ir  meiste 

unmüezekeit. 


Hier  under  haete  michel  leit 
sin  kiel  und  sin  geselles  chaf t. 


Reim- 
brechung. 


362  O.  GLÖDE 

Cap.  XXX.  V.  18689. 
V.  18687     si  dienten  ime  ze  manchen  tagen 
turnieren,  birzen  unde  jagen, 
swaz  kurzewile  er  wolte  pflegen. 


Eeimbrechung. 


Nu  was  ein  herzentuom  gelegen 
zwischen  Britanje  und  Engelant, 
daz  was  Arundel  genant. 

Größer  und  daher  für  die  Beobachtung  maßgebender  ist  die 
Anzahl  der  kleineren,  durch  Einrückung  bezeichneten  Absätze  inner- 
halb der  einzelnen  Capitel,  die  mehr  oder  weniger  abgeschlossene 
Satzperioden  darstellen.  Ich  habe  hier  alle  30  Capitel  durchgeprüft 
in  Bezug  auf  die  Anwendung  und  Nichtanwendung  und  auch  auf  die 
Schwere  der  Reimbrechungen,  aber  auch  nur  ein  annähernd  allgemein 
giltiges  Gesetz  aufzustellen  ist  unmöglich. 

In  den  Capiteln  I  und  XXVI  z.  B.  linden  wir  die  Reimbrechung 
auf  den  Absätzen  gar  nicht  angewendet.  In  Capitel  I  sind  die  15  Aus- 
gänge der  vierzeiligen  Strophen  in  Abzug  zu  bringen,  in  denen  der 
Dichter,  wie  in  allen  Strophen  des  Gedichts,  die  Reime  mit  Absicht 
zusammenhält.  Solche  Strophen,  die  nach  dem  Ende  des  Gedichts  zu 
abnehmen,  finden  sich  im  ganzen  Tristan  24.  In  den  übrigen  5  Ab- 
sätzen des  I.  Capitels  findet  sich  keine  Reimbrechung.  Ebenso  fehlt 
in  Cap.  XXVI,  wo  die  Verbannung  Tristants  und  Isolts  in  einfach 
epischer  Darstellung  ohne  eingeschaltete  Strophen  geschildert  wird, 
jede  Art  der  Reimbrechung  auf  den  Absätzen. 

Hält  also  Gottfried  in  diesen  beiden  Capiteln  die  Reime  bei  ein- 
schneidenden Pausen  immer  zusammen,  so  finden  wir  anderseits 
solche,  wo  die  Reimbrechungen  in  diesem  Falle  überwiegen,  wenn 
auch  kein  Capitel  mit  lauter  Reimbrechungen  auf  den  Absätzen  vor- 
kommt.   Z.  B.: 

Cap.  XXII  7  Reimbrechungen  und  2  ohne  Reimbrechung. 

Cap.         VI  7  n  77      6       n  n 

Cap.        XIX     7  77  77        5         J7  77 

Die  verschiedensten  Verhältnisse  von  Reimbrechungen  und  Nicht- 
reimbrechungen finden  wir  vertreten. 

In  Capitel  X  doppelt  so  viele  Reimbrechungen  als  Nichtreim- 
brechungen (24-12),  in  Capitel  XX  gleichviel  von  jeder  Art  (4-4), 
in  den  drei  Capiteln  V,  XVIII  und  XXV  zufällig  6  Reimbrechungen 
und  13  Nichtreimbrechungen. 


DIE  REIMBRECHUNG  IN  GOTTFRIEDS  VON  STRASSBURG  TRISTAN  etc. 

Tabelle  A. 


363 


Summa  . 


Capitel 

Anzahl 

der 
Absätze 

Absätze 

ohne 
Reimbr. 

Absätze 

mit 
Reimbr. 

Capitel 

Alizahl 

der 
Absätze 

Absätze  1 

ohne 
Reimbr. 

Absätze 

mit 
Reimbr. 

I 

21 

21 

0 

XVI 

11 

9 

2 

II 

35 

28 

7 

XVII 

15 

11 

4 

III 

8 

6 

2 

XVIII 

19 

13 

6 

IV 

15 

8 

7 

XIX 

12 

5 

7 

V 

19 

13 

6 

XX 

8 

4 

4 

VI 

13 

6 

7 

XXI 

17 

12 

5 

VII 

22 

14 

8 

xxu 

10 

3 

7 

VIII 

13 

11 

2 

XXIII 

14 

9 

5 

IX 

22 

15 

7 

XXIV 

20 

13 

7 

X 

36 

24 

12 

XXV 

19 

13 

6 

XI 

30 

17 

13 

XXVI 

5 

5 

0 

XII 

19 

12 

7 

XXVII 

16 

10 

6 

XIII 

30 

22 

« 

XXVIII 

11 

8 

3 

XIV 

25 

16 

9 

XXIX 

19 

12 

7 

XV 

17 

12 

5 

XXX 

24 

14 

10 

... 

•• 

•• 

•• 

30 

545 

366 

179 

Im  Allgemeinen  überwiegt,  wie  aus  der  Tabelle  hervorgeht,  das 
Zusammenhalten  der  Reime.  Aber  überall  folgt  Gottfried  nur  seinem 
Künstlersinn,  nie  wird  er  regelmäßig  oder  schablonenhaft.  Dies  zeigt 
sich  auch  in  der  Anordnung  der  Reimbreehungen  innerhalb  der  ein- 
zelnen Capitel.  Keine  regelmäßige  Abwechslung  von  Reimbrechung 
und  Zusammenhalten  der  Reime  in  irgend  einer  Weise.  Reimbrechung 
folgt  auf  Reimbrechung  und  Zusammenfassung  der  Reime  auf  Zu- 
sammenfassug  und  beide  gemischt  in  beliebigen  Verhältnissen. 


364  O.  GLÖDE 

Betrachten  wir  z.  B.  das  Capitel  XXII,  so  zeigt  der  erste  Absatz 
keine  Reimbrechung,  dann  folgen  7  Absätze  mit  Reimbrechung  und 
endlich  der  letzte  ohne  Reimbrechung.  In  Capitel  XX,  wo  sich  Reim- 
brechung und  Nichtreimbrechung  die  Wage  halten,  sind  sie  so  ver- 
theilt:  2  Reimbr.  —  3  Nichtreimbr.  —  2  Reimbr.  —  1  Nichtreimbr. 
In  Capitel  11  folgen  von  den  7  Reimbrechungen,  die  auf  das  sehr 
umfangreiche  Capitel  vertheilt  sind,  3  aufeinander  (v.  1605,  v.  1635 
und  V.  1653). 

Ich  komme  zu  den  Reimbrechungen,  die  innerhalb  der  Absätze 
einzelne  Sätze  mit  einander  verbinden.  Man  könnte  meinen,  daß  der 
Dichter  dieses,  seine  Diction  so  sehr  verschönernde  technische  Mittel 
gegen  Ende  des  Gedichts  mehr  ausgebildet  hätte  als  zu  Anfang,  aber 
es  findet  keine  Zunahme  und  Vervollkommnung  statt,  wie  ich  an 
einigen  beliebig  ausgewählten  Capiteln  nachweisen  will.  Ich  wähle 
die  ersten  200  Verse  der  Capitel  TI,  V,  VIII,  XVI,  XX,  XXVI  und 
XXX. 

Auf  200  Verse  kommen  20  starke  Reimbrechungen. 
«     200        V  n         37        n  » 

n     200       n  1^         23       «  » 

V      200         >i  n  25         n  7) 

77     200       t:  p         40       n  n 

r      200        77  r  18        n  n 

77         200  77  77  24  «  7, 

Die  beiden  Capitel  V  und  XX,  welche  in  den  ersten  200  Versen 
bedeutend  mehr  Reimbrechungen  zeigen  als  die  übrigen,  tragen  diesen 
Charakter  bis  zum  Schlüsse. 

Das  Capitel  V,  wo  uns  die  Jagdkünste  Tristans  in  herrlicher 
Darstellung  vorgeführt  werden,  ist  auch  an  den  Stellen,  wo  der  rein 
epische  Ton  herrscht,  reich  an  Reimbrechungen;  doch  wegen  der 
zahlreich  eingestreuten  Dialoge  will  ich  über  dieses  Capitel  später 
handeln. 

Das  Capitel  XX,  diese  kleine,  hübsche,  rein  in  Hartmanns  Weise 
erzählende  Episode  von  der  Belauschung  Tristans  durch  den  Truchseß 
Marjodo  wimmelt  von  Anfang  bis  zu  Ende  von  Reimbrechungen,  von 
denen  viele  sehr  stark  sind.  Fast  bei  jeder  größeren  Pause  finden 
wir  sie  angewendet;  Zusammenhalten  der  Reime  ist  äußerst  selten. 
In  221  Versen  43  Reimbrechungen.  Besonders  der  Anfang  häuft  Reim- 
brechung  auf  Reimbrechung. 

V.  13455     Tristandes  lob  und  ere 

die  bluoten  aber  dö  mere 


Cap. 

II 

Cap. 

V 

Cap. 

VIII 

Cap. 

XVI 

Cap. 

XX 

Cap. 

XXVI 

Cap. 

XXX 

DIE  REIMBRECHUNG  IN  GOTTFRIEDS  VON  STRASSBURG  TRISTAN  etc.     365 
ze  hove  und  in  dem  lande. 


_,  .  >     Reimbrechung, 

si  lobeten  an   iristande 

sine  fuoee  und  sine  sinne.       ,     „  •    , 

"  .  \     Reimbr. 

er  und  diu  künigiune  j 

si  wären  aber  fro  unde  fruot.        ]    „  •    . 

.  \     Keimbr. 

si  gaben  beide  ein  ander  muot,     J 

so  si  iemer  beste  künden.       1     „  •    ,. 

\     Keimbr. 
In  den  selben  stunden    etc.     j 

Doch    hält   sich  Gottfried    auch   hier  fern  von  aller  erkünstelten 

Übertreibung;   laut  vorgelesen  ist  das  Capitel  von  der  wohlthuendsten 

Wirkung  für  das  Ohr.    Umgekehrt  sind  auch  diejenigen  Capitel,    wo 

die  Reimbrechung   weniger  angewendet  ist,    von  derselben  Schönheit, 

denn    der  Leser    und    noch   mehr    der  Hörer    hat   immer    das  Gefühl, 

daß  das  Zusammenhalten  der  Reime  ungesucht  geschieht. 

Durch  die  vorhergehende  Betrachtung  hoflfe  ich  nachgewiesen 
zu  haben,  wie  wenig  regelmäßig  Gottfried  in  der  Anwendung  der 
Reimbrechuug  ist,  und  dies  ist  gewiß  ein  großer  Vorzug  seiner  Diction. 
Aber  auch  positive  Schönheiten  verleiht  dieses  künstlerische  Princip 
seiner  leichten  und  gewandten  Sprache.  Die  Reimbrechung  ist  das 
verbindende  Band,  das  die  schön  und  glatt  gebauten  Verse  zusammen- 
hält. Man  muß  doch  annehmen,  daß  anziehende  Episoden  aus  dem 
herrlichen  Gedichte  Gottfrieds  an  den  Höfen  vorgelesen  wurden,  und 
da  gerade  zeigt  sich  die  Wirkung  der  Reimbrechung  für  das  Ohr. 
Die  Sätze  reihen  sich  unmerklich  zu  einem  harmonischen  Ganzen 
aneinander  in  einer  Weise,  die  keiner  von  des  Tristansängers  Kunst- 
genossen erreicht  hat,  nicht  Hartmann,  keiner  von  seinen  Schülern 
erst  recht  nicht  der  ihm  in  manch  anderer  Beziehung  vielleicht  über- 
legene Wolfram,  dessen  gehackte  Diction,  mitveranlaßt  durch  die 
seltene  Anwendung  der  Reimbrechung  in  den  an  sich  schon  kurzen 
und  knappen  Sätzen,    Gottfrieds  Talent    besonders    hervortreten    läßt. 

Einen  äußerst  künstlerischen  und  effectvollen  Gebrauch  macht 
unser  Dichter  von  der  Reimbrechung  bei  der  Einführung  von  Mono- 
logen oder  Aussprüchen  abwesender  Personen,  sowie  hauptsächlich  im 
Dialog,  der  im  Tristan  oft  die  schlichte  epische  Darstellung  unter- 
bricht. 

Ich  habe  alle  Stellen  aus  dem  Gedicht  ausgezogen,  und  wenn 
auch  Gottfried  sich  hier  wiederum  keinem  Zwange  fügt,  so  läßt  sich 
doch  von  dem  Vorherrschen   einer  bestimmten  Manier  sprechen. 

Der  erste  Vers  des  Monologs  oder  der  einfach  angeführten  Aus- 
sage eines  Dritten  steht  gewöhnlich  in  Reimbrechung  mit  dem  vorher- 


366  O-  GLÖDE 

gehenden,  der  die  directe  Rede  einleitet.  Innerhalb  der  Rede  wird 
dann,  um  sie  als  Ganzes  erscheinen  zu  lassen,  die  Reimbrechung 
ziemlich  häufig  angewendet,  wenn  überhaupt  längere  Sätze  vorkommen. 
Vielfach  repräsentirt  jeder  Vers  in  der  leidenschaftlichen  Sprache  einen 
Frage-  oder  Ausrufesatz,  die  dann  nebeneinander  stehen,  ohne  daß 
man  gerade  von  Reimbrechung  sprechen  könnte.  Am  Ende  des  Mono- 
logs —  besonders  des  viele  Verse  umfassenden  —  werden  dann  die 
Reime  sehr  oft  zusammengehalten. 

Man  vergleiche  z.  B.  den  Monolog  [v.  980 — 1074,  also  94  Verse] 
der  Blanscheflur: 

V.  979     und  (Bl.)  sprach  vil  dicke  wider  sich:  1    „  .   v. 

^       ^      r-  I     Reimbr. 

(Cap.  II)     „owe,  got  herre,  wie  leb  ich!  j 

wie  unde  waz  ist  mir  geschehen? 
ich  hän  doch  manegen  man  gesehen, 
von  dem  mir  nie  kein  leit  geschach; 


Es  folgen  nun  ziemlich  viele  Reimbrechungen  in  dem  Capitel  (II), 

das  sonst  durchgehends  eine  beschränkte  Anwendung  derselben  zeigt 

(auf  200  Verse  20),  bis  dann  am  Schlüsse  die  Reime  zusammengehalten 

werden. 

V.  1071     der  süeze  herzesmerze, 

der  vil  manc  edele  herze 

quelt  mit  süezem  smerzen,        \    t,  ■  ,   ,^ 

^  '  l     Keime  zusammengehalten. 

v.  1074     der  liget  in  minem  herzen."     J 

V.  1075  Nu  daz  diu  hövesche  guote    etc. 

Füllen  die  Einführungsworte  wie  hier  —  und  sprach  vil  dicke  wider 

sich  —  einen  ganzen  Vers  aus,  so  finden  wir  die  Reimbrechung  fast 

immer.    Z.  B. : 

V.  10489     Brangaene  diu  sprach  aber  z'ir:     1    ü  .   , 
o  f  I     Keimbr. 


„nu,  liebiu  frouwe,  volget  mir 


I 


v.  2791     sprach  aber  der  hövesche  Tristan:  1    Reimbr 

„lät  stgn!  durch  got,  waz  gät  ir  an?      j 
V.  3041     Aber  sprach  der  guote  Tristan:         |    ^  .^.^ 
„nü  nemei  iuwer  hüt  hin  dan    etc.    j 
Füllen  die  Einführungsworte  keinen  Vers  aus,  sondern  ist  das  ^sprach 
er'  oder  'sprach  si'  einfach  in  den  ersten  Vers  der  directen  Rede  ein- 
geschaltet,   so  tritt    sehr    häufig    keine  Reimbrechung    mit  der  vorher 
gehenden  Erzählung  ein.    Z.  B»: 


DIE  REIMBRECHUNG  IN  GOTTFRIEDS  VON  STRASSBURF  TRISTAN  etc.     367 


V.  3273     den  Jäger  den  besande  er  dar  |    Keine  Reim- 

„sage  an",  sprach  er,   „wer  ist  diz  kint      j       brechung, 
des  wort  so  wol  besniten  sint?" 

V.  3165     Sus  komen  si  zem  bürgetor: 


Tristan  gehabete  do  da  vor.  i    rr  •      d  •   ,, 

'^  '     Keine  Keimbr. 


„ir  herren",  sprach  er  aber  do  z'in,    J 
„ich  enweiz,  wan  ich  iu  fremede  bin, 


wie  iuwer  keiner  ist  genamet. 
Ich  habe  gesagt:  es  tritt  keine  Reimbrechung  mit  der  vorher- 
gehenden Erzählung  ein 5  gehen  directe  Worte  vorher,  so  ist  das 
Verhältniß  anders,  wie  wir  beim  Dialog  sehen  werden.  Diese  Beob- 
achtungen, die  sich  aber  auf  den  ganzen  Tristan,  auf  jedes  beliebige 
Capitel  in  gleicher  Weise  anwenden  lassen,  beziehen  sich  also  nur 
auf  die  Einführung  des  Monologs  und  der  vereinzelt  in  die  Erzählung 
eingestreuten  Worte  eines  Dritten;  vom  Dialog  kommen  die  Worte  der 
zuerst  redenden  Person  hinzu,  die  sich  an  die  Erzählung  anschließen. 
Die  übrigen  Theile  des  Dialogs  sind  von  Gottfried  mit  großer 
Meisterschaft  behandelt,  künstlerisch  im  höchsten  Grade  und  doch 
natürlich,  dem  Leben  und  seinem  Verkehr  abgelauscht.  Frage  und 
Antwort,  Rede  und  Gegenrede  werden  durch  die  Reimbrechung  zu- 
sammengehalten. Der  Hörer  wird  schon  durch  den  letzten  Vers  der 
Frage  auf  den  ersten  der  Antwort  vorbereitet,  und  das  Ende  des 
Dialogs  schließt  dann  häufig  mit  dem  Zusammenhalten  der  Reime. 

Die  Beispiele  für  diese  wichtige  Erscheinung,  welche  durch  den 
ganzen  Tristan  zu  verfolgen  ist,  entnehme  ich  dem  XVII.  (das  Ge- 
ständniß)  und  dem  V.  (die  Jagd)  Capitel,  die  besonders  reich  an  Dia- 
logen sind;  doch  will  ich  auch  Beispiele  anführen  aus  den  Capiteln  II, 
XVI   etc.    Z.  B.: 

Tristan  und  Isolt  gestehen  der  Brangaene  ihre  Liebe. 
V.  12082     Si  (Brangaene)  gesaz  in  eines  tages  bi 

heinlicben  unde  lise  Keine  Reimbr. 

diu  stolze^  diu  wise:  \    zwischen  Er- 

V.  12085     „hie  ist  niemen",  sprach  si,  „wan  wir  driu:    |    ^g^  Beginn 

saget  mir  ir  zwei,  waz  wirret  iu?  des  Dialogs. 

ich  sihe  iuch  z'allen  stunden 

mit  trabte  gebunden, 

siuften,  trüren  unde  klagen."  1    r  •   h   ' 

höfsche,  getorste  ich'z  iu  gesagen,     j 

ich  sagete  ez  iu",  sprach  Tristan.      |    r  •   br  ' 

„ja  herre,  vil  wol  sprechet  an;,  j 


368  O.  GLÖDE 

swaz  ir  weit,  daz  saget  mir!"         \ 
„saelegiu,  guotiu",  sprach  er  z'ir,    j 


Reimbr. 


i'n  getar  niht  sprechen  vürbaz, 

im  gewisset  uns  e  daz 

mit  triuwen  und  mit  eiden, 

daz  ir  uns  armen  beiden 

gUOt   unde   genaedic   wellet   wesen:       ]      Zusammenhalten  der 
T  ^      ^  .  ,,  >     Reime  am  Ende  des 

anders  so  sin  wir  ungenesen."  j  Dialogs, 

Ferner  Cap.  V: 
V.  3095     Tristan  erzählt  seine  Abkunft. 

V.  3121     i'ne  weiz,  wie'z  iu  gevalle." 
V.  3122     „ä  trüt  kint",  sprachen  s'alle 


Reimbr.  ! 


Reimbr.! 


V.  3133     „din  hövescher  vater,  wie  nante  er  dich?" 

V.  3134     „Tristan",  sprach  er,  „Tristan  heiz'  ich." 

V.  3153     „ei",  sprach  er,  „lieber  meister  min, 

saget  waz  bürge  mac  diz  sin? 

diz  ist  ein  küniclich  kastei."  1    r.  •   t,    i 

l    Keimbr. ! 

der  meister  sprach:  „(deist)  Tintajoel."   J 

„Tintajoel?  ä  welch  kastei!    |    p  ■   u   i 

de  te  sal,  Tintajoel  | 

und  allez  din  gesinde!"         \    r  •   b   ' 

„ä  wol  dir  siiezem  kinde"     j 

sprachen  sine  geverten  do 

„wis  iemer  saelic  unde  fro 

und   dir   müez'    alse   wol   geschehen,     |     Zusammenhalten    der 
1   ^      .,  .  ,  1        «a  >     Reime   am  Ende   des 

also  vil  gerne  wir  z  gesehen!  |  Dialogs. 

V.  3167—3187  spricht  Tristan: 

V.  3187     und  ob  ez  iu  eevalle."  1    t^  .  ,    . 

*=  l     Reimbr.! 

„ja,  trüt  kint",  sprachen  s'alle     J 

-swie  so  du  wilt,  als  wellen  wir."  1    „  •   ,    . 
"  '  l     Reimbr. ! 

„diz  sl,  sprach  er,  nu  lihet  mir       j 
In  Capitel  V  finden  sich  noch  mehr  Beispiele. 
Capitel  IL    Die  Stelle,    wo  Isolt  ihrer  Erzieherin  ihre  Liebe  zu 
Tristan  gesteht: 

V.  1211     ir  hende  si  zesamene  vielt, 

flehliche  si  die  vür  sich  hielt: 
„ach  mines  iibes!"  si  do  sprach, 
„ach",  sprach  si,  mines  Iibes,  ach, 


i 


DIE  REIMBRECHTJNG  IN  GOTTFRIEDS  VON  STRÄSSBURG  TRISTAN  etc.     369 

ach,  herzeliebiu  meisterin, 
nu  tuo  mir  dine  triuwe  schin, 
der  vil  und  wunder  an  dir  ist! 


I 


Reimbr. 


1223     dune  helfes  mir,  so  bin  ich  tot." 
„nu,  frouwe,  waz  ist  iuwer  not 

„ei,  trut,  getar  ich  du-  z  gesagen  r'     )       eine  Zeile  umfaßt) 
„ja,  liebiu  frouwe,  sprechet  an!" 
„mich  toetet  dirre  tote  man, 
von  Parmenie  Riwalin: 


ich  engän  dir  niemer  nihtes  abe,          \    Zusammenhalten  der 
V.  1236     die  wile  und  ich  daz   leben  habe.        j  Reime. 

In  derselben  Art  finden  wir  die  Reimbrechung  angewendet  in 
CapitelXVI  (Minnetrank),  v.  11576  ff.;  ferner  v.  11962,  12127  u.  s.  w. 

Daß  aber  Gottfried  bei  der  Anwendung  der  Reimbrechung  auch 
in  diesem  Falle  nicht  nach  einer  bestimmten  Regel  seine  Kunst  ge- 
handhabt hat,  zeigen  viele  Beispiele  in  denselben  Capiteln  neben  den 
vorher  angeführten.  Besonders  fällt  dies  auf  am  Schlüsse  des  Dialogs, 
wo  in  den  bisher  angeführten  Beispielen  die  Reime  meist  zusammen- 
gehalten waren.  Doch  finden  sich  viele  Fälle,  wo  der  Schluß  des 
Dialogs  mit  der  folgenden  Erzählung  in  Reimbrechung  steht,  z.  B. 
V.  1423,  V.  1563  (starke  Reimbrechung  zwischen  dem  Schlüsse  des 
Dialogs  und  der  Erzählung),  v,  1635  etc.  Im  Allgemeinen  überwiegt 
das  Zusammenhalten  der  Reime  in  diesem  Falle. 

Weit  besser  als  alle  Schüler  Gottfrieds  hat  nun  der  fast  100  Jahre 
später  dichtende  Heinrich  von  Freiberg  dem  Meister  die  kunstvolle 
Anwendung  der  Reimbrechung  abgelauscht.  Im  Ganzen  ist  das  Princip 
seltener  als  Schmuck  der  Diction  benutzt,  im  Übrigen  läßt  sich  kein 
Unterschied  constatiren,  wie  die  folgende  Tabelle  zeigt. 


GERMANIA.    Neue  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jalirg.  24 


370 


G.  EHRISMANN 


Tabelle    B. 


Capitel 

Absätze 

ohne 

Reirabr. 

Anzahl 

der 
Absätze 

Absätze 

mit 
Reimbr. 

Capitel 

Anzahl 

der 
Absätze 

Anzahl 

der 
Absätze 

Absätze 

mit 
Reimbr. 

I 

26 

27 

1 

VII 

5 

6 

1 

II 

11 

11 

0 

VIII 

13 

17 

4 

III 

20 

21 

1 

IX 

4 

5 

1 

IV 

15 

16 

1 

X 

16 

17 

1 

V 

3 

8 

5 

XI 

15 

20 

5 

VI 

4 

7 

3 

XII 

19 

24 

5 

•  • 

12 

151 

179 

28 

Summa 


Wie  Gottfried  ist  Heinrich  frei  von  jeder  Künstelei,  und  wie 
sehr  er  auch  in  anderer  Beziehung  hinter  dem  unsterblichen  Meister 
zurücktreten  mag,  den  künstlerischen  Gebrauch  dieses  metrischen 
Pi'incips  hat  er  bis  in  die  Details  erfaßt  und  auch  dadurch  seiner 
Sprache  den  Gottfriedischen   Charakter  gegeben. 

WISMAR,  2.  November  1887.  O.  GLÖDE. 


ZUM  SEIFRID  HELBLING. 


Der  neueste  Herausgeber  hat  sich  bei  der  Herstellung  des  Textes 
der  Überlieferung  möglichst  treu  angeschlossen  und  ist  damit  der 
ursprünglichen  Fassung  näher  gekommen.  Doch  scheinen  mir,  auch 
nach  den  Besprechungen  von  Martin  (Anzeiger  f.  deutsches  Alterthum 
XIII,  152—155)  und  Paul  (Literaturblatt  1887,  154—158)  in  Text 
und  Anmerkungen  einige  Besserungen  und  Nachträge  nöthig. 

V,  13—14: 

So  mir  die  Unger  nement  re, 

so  vert  er  jagen  hin  ze  le. 
Karajan   führt   als  Lesart  der  Hs.  an  (Zs.  4,  120):    „rex,    lex",    See- 
müller:   „rex  (oder  rep?) ,    lex  (oder  ZepV)"  .    Es  ist  offenbar  rep '.  lep 


ZUM  SEIFRID  HELBLING.  371 

anzunehmen,  und  dies  entspricht  der  Mundart  des  Dichters,  denn  lo 
wird  bairisch  im  Auslaut  zum  Verschlußlaut.  Im  Vokalspiel  ist  zwar 
le,  re  mit  ge^  sie,  me  gebunden,  aber  dessen  Reime  beweisen  nichts 
für  die  Aussprache  des  Verfassers  (vgl.  Paul,  Literaturblatt  1887,  154). 

VI,  9  Martins  Besserung:  geriht  als  ein  gert  (Anzeiger  XIII,  154) 
ist  einleuchtend.  Die  Gerte  als  Bild  für  aufrechte  Haltung:  Konrads 
Trojanerkrieg  V.  20006.  7  (Keller)  und  Gr.  Myth.*  814.  Derselbe  Vers, 
aber  ruote  statt  gerte  im  Engelhard,  V.  3000  und  Haupts  Anmerkung. 

VI,   150:  8i  givunnen  sust  und  gerne  wol. 

Die  Lesart  der  Hs.  sust  ungern  (Karajan  sus  viiga")  gibt  einen  guten 
Sinn:  Wenn  es  zum  Kriege  käme,  so  würden  sie  nicht  leicht  wohl 
Weizen  und  Korn  bekommen.  Gern  in  der  Bedeutung  'leicht,  wohl, 
vielleicht'  ist  allgemein  obd.,  vgl.  Schmeller  Fr.  I,  936,  Schöpf,  Tirol. 
Idiot.  187,  Schmid,  Schwab.  Wb.  228,  Staub-Tobler  II,  427,  fürs 
mhd.:  Mhd.  Wb.  I,  535  und  Behaghels  Anmerkung  zu  Eneide  7518. 
Das  Gegentheil  ist  ungerne  =    nicht  leicht',  vgl.  Staub-Tobler  a.  a.  O. 

XIII,  80—86.  Derselbe  Gedanke  bei  Suchen wirt  X,  74—85. 
Bei  der  schablonenmäßigen  Manier  der  Wappendichtung  ist  es  denk- 
bar, daß  dieses  Motiv  ein  öfter  angewandtes  war,  und  es  braucht 
also  nicht  angenommen  zu  werden,  daß  es  Suchenwirt  direct  aus 
S.  H.  entlehnt  hat. 

XIII,  129  üfgehrieren  wird  mit  J.  Grimm,  Zs.  f.  d.  Alt.  4,  281 
zu  hrhen  gestellt.  Dem  Sinne  nach  paßt  besser  üfbriuwen  aufrühren, 
anstiften  (Lexer,  2,  1689).  Auch  lautlich  ist  diese  Participialform  er- 
Ikärlich  als  Nachbildung  der  im  Bairischen  sehr  beliebten  r-Formen 
schriren,  spiren  (Weinhold,  bair,  Gramm.  §.  268). 

XHI,  154  Stanthtderßetschen  wird  doch  wohl  von  Ilinzgrap  an- 
geredet, das  Anführungszeichen  gehört  also  vor  St. 

I,  175:  oben  sam  neyger  drauch. 

Mit  neyger  —  nabiger  (Karajan,  Zs.  f.  d.  Alt.  4,  6)  ist  nichts  anzufangen, 
auch  wenn  man  drüch  in  der  sonst  unbelegten  Bedeutung  =  sivertes 
chilz  (Schönbach,  Mittheilungen  aus  altd.  Hss.  I,  23)  nimmt.  Es  ist  wohl 
einfach  verschrieben  aus:  sam  in  eyner  drück.  Ahnlich  ist  in  mit  dem 
folgenden  Worte  zusammengeschmolzen  I,  851  mainem  statt  in  einem., 
VIII,  787  mosterlandt  corrigirt  in  Inosterlandt.  Es  bedeutet  dann: 
er  ist  so  festgeschnürt  wie  in  einer  Falle,  vgl.  Walthers  Vokalspiel 
e  daz  ich  lange  iti  seiher  drü  beklemmet  wcere.  In  diesem  Falle  ist  nicht 
die  Gestalt  des  muoders  —  denn  um  dieses  handelt  es  sich,  wie 
V.  176 — 177  zeigen  —  sondern  die  Wirkung  des  engen  Einschnürens 

24* 


372  C.  EHRISMANN 

gemeint  (vgl.  Karajan  Zs.  4,  251  in  tantum  etiam  artabant  fere  omnes 
tunieas  u.  s.  w.).  Damit  kann  auch  cheuerpeunt  V.  177  in  Einklang 
gebracht  werden,  eine  Peunt  für  einen  Käfer,  so  eng,  daß  nur  ein 
Käfer  darin  Platz  hat.  Es  mag  dabei  auch  an  den  eng  geschnürten 
Leib  mancher  Käfer  gedacht  sein.  Man  braucht  dann  cheuerpeunt 
nicht  für  einen  Eigennamen  zu  halten,  wodurch  außerdem  die  Stelle 
nicht  klarer  wird,  noch  mit  Seemüller  in  tioerpivnte  zu  ändern. 

I,   184 — 185:  hert  tsen  unde  grehel, 

örter  zuo  den  slozzen. 
Grebelörter  scheint  ein  Wort  zu  bilden.  Enjambements  sind  bei  S.  Helb- 
ling  häufig  (Einl,  S.  LXXV).  Nicht  die  ganzen  Grebel  (Werkzeug, 
Rüben  auszugraben,  Schmeller  Fr.  I,  982),  sondern  nur  die  eisernen 
Spitzen  tragen  sie  in  den  Ärmeln.  XIII,  163  ist  dann  für  das  hand- 
schriftliche Grölnörtt  statt  Grebelhart  mit  leichterer  Änderung  Grebelort 
einzusetzen.  Dafür  spricht  auch,  daß  ein  anderer  Schnapphahn  den 
Namen  eines  weitern  in  den  Ärmeln  verborgenen  Instrumentes  Geiz- 
fuoz  trägt.  (Xni,  171  :=  I,  189).  Auch  Hertisen  wird  als  ein  Wort 
aufzufassen  sein.  Und  zwar  ist  es  wohl  das  nämliche  wie  aerdisen 
in  Karajans  Sprachdenkmalen  6,  16  (Mhd.  Wb.  I,  756).  Beide  aber 
scheinen  Entstellungen  aus  arttsen  (vgl.  arthouioe  Lexer  I,  757),  das  so 
viel  ist  wie  pßuocisen,  wie  sich  aus  der  Stelle  bei  Karajan  ergibt. 

I,  282:  diu  kornsät  hat  im  gevaelt. 

Der  Schreiber  hatte  Ney  Thorn  satt  geschrieben,  welches  der  Ver- 
besserer in  Deu  chorn  satt  änderte  (Karajan  Zs.  4,  9).  Ney  führt  auf 
ney  =  nein:  Keine  Saat  hat  ihm  fehlgeschlagen.  Oder  ist  ney  ver- 
schrieben aus  w?/e? 

I,  400  klurikel.  Es  sind  folgende  drei  Wörter  zu  unterscheiden: 
1.  lumhus,  lumbel.  2.  Die  Lanken  (Schmeller  Fr.  I,  1493).  Beide  be- 
deuten nicht  nur  Lende,  sondern  auch  Nieren,  dann  überhaupt  Ein- 
geweide. 3.  Lungel  (pulmo),  Glüng  =  Lunge  und  sämmtliche  edlern 
Eingeweide  (Schm.  I,  1493).  Durch  die  Ähnlichkeit  in  Laut  und  Be- 
deutung entstehen  Mischformen,  z.  B.  lungelhräte  =  Lendenbraten 
(Lexer  I,  1984);  nebeneinander  Lungenbraten,  Lungelbraten ,  Lunken- 
hraten  (Schmeller  a.  a.  O.).  Auf  ähnliche  Weise  scheint  klunkel  zu 
erklären  aus  Lvugel  und  Glüng  mit  Einwirkung  von  Lanken,  also 
ein  Gericht  aus  den  Eingeweiden,  das  nämliche  wie  beischerl  I,   1014. 

I,  430:  ich  viselet  iu  ein  ohsendiech. 

Hs.   viselieht    Der  Überlieferung    näher    steht:    ich   visel   eht  iu.     Das 


ZUM  SEIFRID  HELBLING.  373 

veraltete  eht  wurde  von  dem  Abschreiber  des  XVI.  Jahrhs.  nicht  mehr 
verstanden. 

I,  657.  Die  Lesart  der  Hs.  kann  beibehalten  werden:  daz  man 
im  niht  des  enlie  :  Rinder,  schäf,  swin  und  lamp  u.  s.  w.,  „daß  man  ihm 
nicht  Folgendes"  oder  „nichts  von  Folgendem  ließ".  Dann  ist  der 
Satz  mit  V.  662  abzuschließen. 

I,  789—790: 

die  vind  einen  Scherben 

habent  niht  gesocht  vor  im. 
Hs.  „geusacht  (oder  -socht)'*.  Mit  leichter  Änderung  ergibt  das  passende 
gevlceht.  Die  Vorlage  hatte  wahrscheinlich  geulöht,  l  hielt  der  Ab- 
schreiber für  langes  /,  wie  umgekehrt  f  für  l  in  imilt  statt  im  ift 
II,  354,  Nicht  das  Geringste  haben  die  Feinde  vor  ihm  in  Sicherheit 
gebracht.  Ahnlich  Parz.  419,  24  ine  gevloehe  nimmer  vor  iu  huon. 
I,  994—995: 

'frou,  daz  ist  billich,  zeiner  stunt 

so  spis  in  Itht  iuwer  munt. 
Die  Lesart    der  Hs.  so  leiihe  speise  in  eurn   munt    führt    eher    auf  sol 
iht    spise  in  iuivern    munt.    iht    war    dem  Abschreiber    unverständlich. 
Die  Magd    billigt    das  Verfahren    der  Hausfrau,    hinter    dem  Rücken 
des  Gemahls  es  sich  wohl  sein  zu  lassen. 

I,  1149  und  Anmerkung  S.  313  ,^vihel  ist  wohl  ein  Stückchen 
Filz,  mit  dem  die  Wange  gerieben  wird".  Als  Deminutiv  zu  vilz  wird 
es  auch  im  Mhd.  Wb.  und  bei  Lexer  angegeben.  Aber  sowohl  an 
unserer  Stelle  als  an  der  von  Bech  Germ.  28,  385  beigezogenen  kann 
es  nur  ein  rothes  Schminkemittel  sein.  Als  solches  faßt  es  offenbar 
auch  Bech  auf  (Luxusartikel  zum  Schminken).  Es  ist  wohl  eine  volks- 
thümliche  Umbildung  des  italienischen  verzino,  venetianisch  verzelä, 
fleischfarbig,  das  Diez  Wb.^  I,  82  für  identisch  mit  hrasil  hält.  Dieses 
„Holz  zum  Rothfärben"  wurde  aus  dem  Orient  bezogen  (Diez  a.  a.  O. 
81).  Denkt  man  sich  Venedig  als  den  Stapelplatz  für  die  öster- 
reichischen Lande,  so  erklärt  sich  leicht  die  Entlehnung  des  Wortes 
aus  dem  Italienischen, 

IIj  16  gerner,  Hs,  gerne.  Über  gerne  —  danne  für  gerner  —  danne 
vgl,  Rückert  Anm.  zu  König  Rother  V.  1575  und  Lambel,  Steinbuch 
Anm.  zu  V.  518.  (Ebenso  ags.  thonne  nach  Positiv,  vgl.  Zs,  f,  d.  Phil. 
IV.  193,  Anglia  I,  185.    0.  B.) 

II,  73.  und  Anm.  S,  317.  stampßiart  ist  das  nämliche  wie  St  an 
fort  (bei  Schultz,  Höfisches  Leben  I,  271)  und  demnach  ein  Ursprung- 


374  G-  EHRISMANN 

lieh  in  England  verfertigter  Stoff  (Stanford,  Grafschaft  Lincoln);  vgl. 
auch  Lappenberg,  Engl.  Geschichte  I,  623. 

n,  370:  umh  diu  durchgründen  wart. 

In  der  Anmerkung  zu  Reuaus  V.  279  (Wagners  Archiv  S.  239)  citirt 
Lambel  aus  Rosenblüt  ,^der  aller  creatnr  ist  ein  hefrider,  dem  durch- 
gründen si  all  sein  glider'"'' :  Die  Hassigen  und  Neidigen  verleumden 
und  beschimpfen  selbst  die  Glieder  Gottes,  durchwühlen  sie  bis  zum 
Grunde,  um  an  ihnen  schlechte  Eigenschaften  zu  finden.  Oder  ist 
durchgrinden  zu  lesen?  Vgl.  Reuaus  281  ff.  Es  nennt  auch  ein  zornig 
man  Das  got  nie  an  im  geioan^  So  er  sfricht  unglück^  laus  und  grint, 
Die  an  got  nie  kumen  sinf.  Dann  wäre  es  hergeleitet  aus  der  Be- 
schimpfung grint  und  beeinflußt  durch  grmen.  Das  Schwören  bei  den 
Gliedmaßen  Gottes  wird  in  der  altengl.  Literatur  mehrfach  erwähnt, 
vgl.  Mätzner,  altengl.  Sprachproben  I,  129,  11  und  dessen  Wörter- 
buch 2.  Abth.  S.  185%  übrigens  wird  man  an  unserer  Stelle  lesen 
müssen:  umh  diu  durchgründunden  wort,  woraus  sich  die  handschrift- 
liche Entstellung  leicht  erklärt. 

II,  407 — 412.  Das  Geschichten,  aus  Gregors  Dialogen,  wird  aus- 
führlich erzählt  im  Renner  13,  686 — 711. 

II,  1044:  daz  ir  M  iu  selben  sit. 
Zur  Erklärung  muß  VIII,  819 — 820  verglichen  werden:  ich  her  allen 
mmen  sin,  daz  ich  hi  mir  selben  bin.  An  dieser  Stelle  passen  die  Auf-^ 
fassungen  Pauls  (Literaturblatt  1887,  157)  und  SeemtiUers  (Anm.  zu 
II,  1044  erste  Hälfte)  nicht.  Auch  VIII,  819  hat  zu  wenig  Charakte- 
ristisches, so  daß  die  Bedeutung  der  Phrase  nicht  scharf  umrissen 
hervortritt.  Eine  sinngemäße  Übersetzung  wäre,  im  Anschluß  an  das 
nhd.  'bei  sich  sein',  nur  prägnanter:  "^bei  richtiger  Besinnung  sein, 
genau  wissen  oder  überlegen,  was  man  zu  thun  hat,  so  daß  man  sich 
auf  sich  selbst  verlassen  kann,  mit  sich  selbst  im  Reinen  sein.*  Dies 
würde  der  zweiten  Auffassung  Seemüliers  nahe  kommen,  jedoch  ist 
der  Ausdruck  in  II,  1044  so  gut  wie  VIII,  820  allgemein  zu  fassen 
und  an  eine  historische  Anspielung  nicht  zu  denken.  —  Bi  sich  selben 
sin  =  bei  Sinnen  sein  ist  zu  vergleichen  mit:  zime  seibin  comen,  ze  (sinen) 
sinnen  komen  bei  Kinzel,  Lampr.  Alex.  Anm.  zu  V.  1816,  wo  u.  a.  noch 
auf  D.  Wb.  5,  1669  verwiesen  ist.  Hildebrand  hat  dort  die  Begründung 
der  Ausdrucksweise  schön  auseinander  gesetzt.  Vgl.  noch  daselbst 
von  im  selben  kumen,  ferner  I,  1349  bei  sich  sein  und  I,  1031  aus 
sich  sein, 

II,    1296.    Rüebentunst    als    Spottname    für    die   Spielleute.    Man 
vergleiche  hiezu  die  Fabel  Heinrichs  von  Mügeln  (W.  Müller,  Nr.  III, 


ZUM  SEIFRID  HELBLING.  375 

S.  12),  worin  die  anmaßlichen  und  stümpei'haften  Singer  gerügt  wer- 
den :  Ein  gans  die  sprach ,  si  ivere  ein  meister  aller  kunst :  si  sorget 
kleine  vor  den  sioeren  ruhen  dunst,  loie  das  ir  muter  drinne  gesäten  were. 

II,  1448:  ein  valsck  ros  erhunken. 
Seemüller  hat  mit  Unrecht  die  Conjectur  Bechs  (valwez  ros,  Germ. 
28,  386)  verworfen,  vgl.  Jahns,  Roß  und  Reiter  I,  46:  „Für  die  schlech- 
testen Pferde  galten  die  Falen",  worauf  eine  Reihe  Belege  folgen,  u.  a. 
Sprichwörter  und  Priameln.  Ebenso  in  Nr.  LIII  der  von  K.  Euling 
herausgegebenen  Sammlung  (Hundert  noch  ungedruckte  Priameln  des 
XV.  Jhs.,  Göttinger  Beiträge  II,  1887).  Also  gerade  in  den  Priameln 
war  ein  fahles  Pferd  ein  üblicher  Terminus.  Auch  Cundries  mül  ist  val 
(Parz.  312,  7).  Endlich  gibt  noch  eine  Menge  von  Citaten  das  D.  Wb., 
Bd.  IIT,  1240  und  1267-1268. 

ni,  125  und  Anm.  Über  roter  munt  in  der  Bedeutung  Mädchen, 
Frau  vergleiche  außerdem  A.  v.  Keller:  die  altdeutsche  Erzählung  vom 
rothen  Munde,  Anm.  zu  V.  353;  auch  Strauch,  Anm.  zu  Marner  II,  46. 

m,  163  und  Anm.: 

siüte  so  ich  arme  taet. 
Hs.    dem   arme   kann    bestehen    bleiben:    Wenn  ich  so  mit  dem  Arme 
umgienge,    daß   sich   von   ihm   aus   eine  Geschwulst   hinaufblähte   bis 
an  meine  Wangen. 

IV,  12 — 15  ist  zu  interpungieren :  lounderlich  was  der  kneht,  mir 
ze  liden  sivaere  sin  frage,  siniu  maere  wären  lounderliche.    Das  beweist 

IV,  139:   Id  dir  min  frag  niht  loesen  swaer. 

XV,  69 — 71.  Folgende  Interpunction  scheint  mir  vorzuziehen : 
zem  sumer  einen  zendäl  under  einem  huote,  hin  zetal  einen  roc  an  suk- 
keme.    Während  der  Winterhut  mit  Pelzwerk  versehen  ist  (veher  huot 

V.  66),  wird  beim  Sommerhut  Zendal  verwendet,  underm  huot  be- 
deutet den  underzoc  (vgl.  Anm.  zu  III,  371),  das  Futter,  wie  auch 
II,  67  underm  huot  an  haerin  tuoch  (ohne  Pelzwerk).  Möglich  ist,  daß 
dieses  Zendalfutter  noch  weit  über  den  Hut  hinausreichte,  dann  würde 
hin  zetal  noch  zu  der  Beschreibung  der  Kopfbedeckung  gehören.  Doch 
ist  an  die  spätem  Sendelbinden  noch  nicht  zu  denken. 

XV,  330 — 331  Interpunction: 

daz  setze  got  ze  huoze 
aller  unser  vordem  sei! 
Wenn    unsere  Vorfahren    unsere  Schande    schauen   würden,    so  wäre 
dies    für    sie  eine  Strafe,    so  groß,    daß  sie  damit    einen  Theil    ihrer 
Sünden  abbüßen  könnten  (wize  V.  335).  Möge  Gott  es  ihnen  als  Buße 


376  G.  EHRISMANN 

in  Anrechnung  bringen.    Der  Sing,  sei  in  Bezug  auf  einen  Plural,   wie 
in  Ezzos  Gesang  V.  12,  erklärt   sich   als  festgewordene  Redensart  wie 
got  st  mmer  u.  s.  w.  unserer  sele  etc.  g7medic. 
XV,  456  und  Anm.: 

der  hof  wirt  entlendet, 

daz  man  in  siht  hlozen. 
Die  Erklärung  entlenden  =■  ausschiffen  ist  zu  künstlich.  Dem  Dichter 
schwebte  als  Bild  die  Entblößung  der  Lende  vor,  und  er  bildete  sich 
dazu  nach  dem  Muster  von  enthoupten,  enthenden,  aber  sprachlich  in 
diesem  Falle  nicht  ganz  richtig,  das  Zeitwort  entlenden.  Correcter 
wäre  entlendenieren. 

XV,  853:        des  haut  geschuof  den  ersten  man, 

der  tuo  uns  aller  sorgen  an.     Amen. 
sieht  aus  wie  der  Schlußzusatz  eines  Schreibers. 
VIII,  212—213: 

zioiu  möht  sie  spü  gewunnen 

wägen,  daz  ir  viele  wol? 
Die  Übersetzung  in  der  Anmerkung  „das  ihr  zugefallen  wäre"  gibt 
den  Sinn  nicht  ganz  entsprechend  wieder;  es  heißt,  wie  Jänicke 
Zs.  16,  416  überträgt:  das  für  sie  günstig  ausgefallen  ist.  Das  Bild 
ist  vom  Wurfzabel  genommen,  die  Würfel  sind  icol  gevallen,  im  Gegen- 
satz zu  vervallen  (Lexer  3,  285  und  Mhd.  Wb.  IP,  500'').  —  Das  gleiche 
Bild,    aber  vom  Schächzabel,    in  Lutwins  Adam  und  Eva  487  —  498. 

VIII,  443:  die  liute  sint  so  benzlich. 
Hs.  loensleich.  Seemüllers  Änderung  wird  von  Martin  (Anzeiger  XIII, 
154)  verworfen.  Auch  alle  andern  bisherigen  Conjecturen  genügen 
nicht.  Ich  möchte  venzltck  vorschlagen,  als  Ableitung  zu  vanz,  nehulo. 
Vanz  berührt  sich  eng  mit  fant,  »Knabe,  Bub,  gern  mit  dem  Neben- 
sinn eines  leichtfertigen  Menschen,  Schalkes  uud  Gecken".  Über  beide 
und  deren  Ableitungen  D.  Wb.  3,  1318—1321  und  1527,  Schmeller  Fr. 
I,  738 — 740.  Unter  letzteren  stehen  venzlioh  nahe:  fantlicht  ('Schm. 
734)  stutzermäßig  und  fänzig  galant  etc.  vgl.  Schm.  735,  wo  die  Bei- 
spiele gerade  von  besonders  eleganter  Kleidung,  mit  dem  Nebensinn 
des  Übertriebenen,  genommen  sind;  Schmid,  Schwab.  Wb.  1,  176 
fänz  machen  prahlen.  Wind  machen;  Höfer,  Etym.  Wb.  I,  197  fanzen 
kindisch  thun,  ebenso  Schöpf,  Tirol.  Idiot.  119. 

VIII,  657—672.  Die  Erklärung  der  Stelle  gibt  Roth  von  Schrecken- 
stein, Die  Ritterwürde  und  der  Ritterstand  S.  324  (nach  Seemüllers 
Ausgabe  erschienen).  Gold  zu  tragen  ist  ein  Vorrecht  der  Ritter,  den 


ZUM  SEIFRID  HELBLING.  377 

Knechten  ist  nur  Silber  erlaubt.  Der  Edelknecht  von  30  Jahren  sollte 
aber  Gold  tragen,  d.  h.  Ritter  sein.  Die  in  der  Anmerkung  zu  V.  660 
ausgesprochene  Vermuthung  trifft  also  nicht  das  Richtige.  Auch  ist 
unter  dem  Goldschmuck  nicht  zunächst  die  Schwertfessel  zu  verstehen 
(Anm.  zu  V.  667),  sondern  das  hauptsächlichste  Abzeichen  des  Ritter- 
standes, die  goldenen  Sporen,  dann  der  goldene  Ring  und  die  Spangen 
am  Gewände,  vgl.  den  von  Bartsch  md.  Gedichte  herausgegebenen 
Ritterspiegel,  Einleitung  S.  XXVIII  ff.  und,  unter  andern  Versen,  be- 
sonders V.  850,  1249  ff.,  1583  f.,  1660;  den  technischen  Vorgang 
zeigen  1695 — 96  Wo  man  vorgulte  spangin  macht,  Daz  golt  man  uf 
daz  silhir  sied.  Die  Schmuckgegenstände  sind  also  nicht  aus  reinem 
Gold,  sondern  silbervergoldet.  Die  Beispiele  dafür,  daß  Gold  das 
Abzeichen  des  Ritterstandes  ist,  sind  häufig;  außer  den  in  der  An- 
merkung zu  V.  667  citirten  Versen  Suchenwirts  z.  B. :  L.  L.  S.  II,  11, 
V.  15—20  (vom  Teichner)  und  III,  305  ff.,  Neidhart  S.  231  und 
Strauch,  zum  Marner  IX,  19.  20;  fürs  XV.  Jahrh.  Krieg,  deutsches 
Bürgerthum  im  M.  A.  S.  581,  V.  133;  fürs  XVI.  Birlinger,  Aus  Schwaben 
II,  457. 

VIII,  1061 — 65.  Das  Gerücht,  daß  Hermann,  Herzog  von  Öster- 
reich und  Steiermark  und  Markgraf  von  Baden  eines  unnatürlichen 
Todes  gestorben,  hatte  weitere  Verbreitung,  siehe  Reusner  opus  geneal. 
kath.  (Francofurti  MDXCH)  fol.  513:  obiit  ...  non  absque  suspicione 
veneni.  Gegen  Reusner,  offenbar  gerade  gegen  die  angeführten  Worte, 
polemisirt  Sachs,  Einleitung  in  die  Geschichte  der  Marggravschaft 
Baden  I,  368:  „Ja  es  haben  einige  Schriftsteller  sich  nicht  gescheuet 
zu  melden,  er  sey  eines  gewaltsamen  Todes  durch  beygebrachtes  Gift, 
gestorben."  Zu  V.  1064  vgl.  Diemer,  D.  Gedichte  Anm.  zu  V.  220, 
2 — 3  (am  Schluß):  Da  von  noch  niemant  waiz  Vber  al  der  loelt  chraiz, 
Wa  chuenig  Etzel  ye  hin  cham. 

Vni,  1203 — 1229.  Ich  glaube  nicht,  daß  diese  ganze  Partie  als 
Rede  des  Knechtes  aufgefaßt  werden  darf.  Der  Herr  schildert  die 
wichtigsten  Ereignisse  der  letzten  Jahrzehnte.  Ausführlich  verbreitet 
er  sich  über  König  Rudolf.  Da  fällt  ihm  der  Knecht  in  die  Rede 
V.  1204—1207.  Aber  der  Herr  fährt  in  der  Erzählung  von  Rudolfs 
Thaten  ruhig  fort  und  kommt  auf  die  jüngste  Vergangenheit  zu  spre- 
chen mit  V.  1221:  nü  ist  der  ander  künic  tot  urnh  disiu  laut,  daz  ist 
ein  not,  und  ein  werder  herzog  —  hier  hält  der  Herr  plötzlich  ein, 
er  scheut  sich,  über  die  unerquicklichen  Zustände  der  Gegenwart 
offen  zu  reden.  Darauf  der  Knecht,  dies  merkend:  lieber  herr,  so  iuch 


378  G.  EHRISMANN,  ZUM  SEIFRID  HELBLING. 

hetrclg,  so  Idt  diu  maer  an  der  stunt  u.  s.  to.  Ist  dies  richtig,  so  redet 
der  Knecht  V.  1204—1207,  der  Herr  1208—1223,  darauf  wieder  der 
Knecht  1224 — 1229.  In  dieser  Annahme  bestärkt  mich  eine  Änderung, 
die  mir  im  Texte  nothwendig  erscheint.  Nämlich  V.  1219  da  sag  dem 
kiinic  niemen  van  hat  die  Hs.  mem^  und  dieses  ist  diesmal  in  niene  zu 
bessern,  nicht  in  niemen,  wofür  es  allerdings  sonst  in  der  Hs.  sehr  oft 
steht.  Die  Aufforderung  an  den  Knecht,  von  diesen  letzten  Dingen  dem 
König  nichts  zu  sagen,  entspricht  ganz  der  Situation ;  der  Herr  heißt 
ihn  ja  dem  König  diese  ganze  Geschichte  vortragen. 

IX,  59  und  Anmerkung,  lancleben  ist,  wie  die  Wörterbücher 
zeigen,  nicht  so  selten,  vgl.  auch  v.  Monsterberg-Münckenau,  der 
Infinitiv  in  den  Epen  Hartmanns  von  Aue  S.  173.  Abschreiber  lassen 
es  für  älteres  lanclip  eintreten,  so  Freidank  177,  5  die  Hs.  B,  Renner 
V.  23770  die  Hss.  I'^Bg.  Umgekehrt  setzen  neuere  Herausgeber  lanc- 
Up  ein  für  lancleben,  bezw.  langez  leben:  Rech,  arm.  Heinrich  720, 
Bartsch,  Albr.  v.  Halberstadt  XVI,  192. 

X,  85:  jube,  domne,  benedicere! 

ist  aus  dem  Brevier;  die  Vorschrift  lautet:  Si  autem  post  Vesperas 
immediate  sequatur  Completorium,  dicto  Fidelium  animae  . .  .  incipitur 
Versus  Jiä)e,  domne,  benedicere.  Die  Bedeutung  dieser  Worte  erklärt 
in  mystischem  Sinne  Hugo  v.  St.  Victor  spec.  eccl.  HI,  342  (Migne); 
ferner  Honorius  Aug.  gerama  animae  Sp.  618  (Migne),  im  deutschen 
Lucidarius  (Karlsruher  Hs.  aus  St.  Georgen  Cod.  pap.  Germ.  LXX, 
fol.  25'')  Da,  sprich  der  leser  Jube  dne  bndice  Damit  betutt  er  Daß  nie- 
man  predigen  sol  an  vrlob.  Dem  Dichter  konnten  die  Worte  schon 
aus  dem  kirchlichen  Gebrauche  bekannt  sein ,  Einwirkung  des  deut- 
schen Lucidarius  braucht  nicht  angenommen  zu  werden. 

VII,  12  mirabilis  deus  ist  aus  Psalm  67,  36.  Vgl.  übrigens  Schröder, 
Sanct  Brandan  S.  44. 

VH,  290:  wer  mac  der  ander  vient  sm? 
Hs.  voe7it  (nach  S.  LXXXVI).  Die  Vergleichung  mit  270  ff.  und  304  ff., 
wo  immer  zuerst  der  Fahnenträger  genannt  ist,  macht  wahrscheinlich, 
daß  vener  statt  vient  zu  lesen  ist.  Die  Vorlage  mochte  vaenr  gehabt 
haben,  woraus  die  Entstellung  in  voent  leicht  abzuleiten.  V.  928  hat 
die  Hs.  richtig  venr. 

VH,  537 :        so  füert  die  fünften  schar  bereit. 
Man  erwartet  breit,   denn  dieses  ist  das  gewöhnliche  nur  des  Reimes 
wegen    gesetzte  Epitheton    zu    schar,    so  V.  291,   462,  561,  574,  654, 
824;    schar    bereit    nur  V.  348,    aber    hier    als  charakterisirender  und 


ED.  DAMKÖHLER,   ZU  REINKE  DE  VOS.  379 

wohl  begründeter  Ausdruck.    Vgl.  übrigens  Kinzel ,  Anm.  zu  Lampr* 
Alex.  V.  3760. 

VII,  273:        nz  Abrahames  geren. 
Hs.  guetten.    Es  muß    heißen:  Abrahames  garten.    Darunter  wird  auch 
sonst  das  Paradies  verstanden,  vgl.  Mhd.  Wb.  I,  5,  Gr.  Myth.^,  S.  1020, 
1039,  Nachtrag  S.  371,  HMS.  III,  223"  und  nach  einem  andern  Drucke 
in  etwas  anderer  Fassung  bei  Robertag,  Narrenbuch  244,  2612. 

PF  OEZHEIM,  27.  Mai  1888.  G.  EHEISMANN. 


ZU  REINKE  DE  VOS. 


Bei   den   nachfolgenden  Bemerkungen   citire   ich   nach   der  Aus- 
gabe von  Prien. 

214.      ^Ja,  sprak  Isegrym,  'eyn  gud  morsel 

Hebbe  ik  dy  vorioaret,  holt  unde  eth, 

Begnage  yd  wol,  yd  is  wol  veth. 
Schröder   erklärt  holt  =  hol  ü,    was  unmöglich  ist.    Es  ist  entweder 
=  holt  it  oder  wahrscheinlicher  =  holt  von  holden  :  halt  (nimm)  und  iß. 
808.      He  leep,  dar  he  ivelke  honre  loyste; 

Der  nam  he  eyn  unde  leep  ok  seer 

AI  nedderioert  by  deme  siduen  reuer. 

He  dede  syne  7naeltyd  mijt  deme  sulften  hoen 

Unde  ghynck  vort,  dar  he  des  hadde  to  don, 

Na  deme  reuer  unde  dranck  ok  tho. 
Schröder  erklärt  dar  he  des  hadde  to  don  ""als  er  das  Bedürfniß   danach 
fühlte'.    Ich  vermuthe,  es  soll  heißen    wo  er  es  zu  thun  pflegte'.    Die 
Thiere  des  Waldes  haben  ihre  bestimmten  Stellen,  wo  sie  zur  Tränke 
gehen. 

1002.     Spyse  gheyt  hir  gantz  rynge  to. 
togan  wird  von  allen  Herausgebern  mit  'vorhanden  sein,    vorkommen, 
sein'  übersetzt,    was  den  Sinn  ja  trifft,    aber  warum  nicht  wörtlicher 
mit  'zugehen,  gelangen'?  =:  "^hierher  gelangt,  kommt'.    Vgl.  Gerhard 
von  Minden  21,  32:  se  geit  mit  kraft  mi  jutto  to. 
2300.      Wo  luttyk  wüste  he,  dat  de  deue 

Em  synen  schat  hadden  ghenomen ! 

Ja,  haddet  em  ok  mögen  vromen 

Alle  de  werlt  to  den  stunden, 

He  en  haddes  nicht  eynen  pennynck  ghevunden. 


380  ED,  DAMKÖHLER 

Hoffmann  übersetzt:  Ma,  hätte  es  ihm  auch  eben  jetzt  die  ganze 
Welt,  Alles  verschaffen  können.'  Ebenso  Lübben:  'hätte  es  (nämlich 
das  Geld)  ihm  auch  jetzt  die  ganze  Welt  verschaffen  können'.  Ganz 
ähnlich  übersetzt  Schröder,  d.  h.  alle  machen  alle  de  werlt  zum  Objecte. 
Einen  bessern  Sinn  aber  gibt  es,  meine  ich,  wenn  man  alle  de  loerlt 
zum  Subjecte  macht.  Der  König  ahnte  nicht,  daß  die  Diebe  ihm 
seinen  Schatz  genommen  hatten;  ja,  hätte  auch  die  ganze  Welt  es 
ihm  (wieder)  verschaffen  wollen,  er  hätte  keinen  Pfennig  davon  ge- 
funden, nl.  so  sicher  war  der  Schatz  geborgen. 

2326.  Dar  twalff  hundert  kempen  hy  namen 
Van  Isegryms  magen  al  in  stunden, 
Litbben  erklärt  tioalf  für  eine  holländische  Form,  und  Walther  scheint 
ihm  hierin  beizupflichten,  denn  in  seinem  Aufsatze  „Mundartliches  im 
Reinke  Vos"  im  nd.  Jahrbuch  I,  p.  92 — 101  hat  er  auf  Seite  100, 
wo  die  Formen  mit  ä  statt  mit  e  behandelt  werden,  tioalf  nicht  mit 
aufgeführt.  Beide  irren  jedoch,  twalffe  kommt  mehrfach  im  Ilsenburger 
Urkundenbuche  vor.  Ob  diese  Form  auch  heute  in  der  Gegend  von 
Braunschweig,  Wernigerode  und  Helmstedt  üblich  ist,  kann  ich  freilich 
nicht  sagen,  wohl  aber  sind  andere  mit  a  gebräuchlich,  namentlich 
fafteine,  z.  B.  in  Lochtum  bei  Vienenburg  und  in  der  Umgegend  von 
Oschersleben.  Auch  spägel  =  Spiegel,  s.  meine  Schrift  „Die  pro- 
nominalen Formen  für  „uns"  und  „unser"  auf  dem  nd.  Harze  etc.", 
p.  20.  Weitere  Formen  habe  ich  im  Correspondenzblatt  f.  nd.  Sprachf. 
X,   p.  83  angeführt. 

2978.     He  hyndert  my  nicht  eynen  kattensterd, 

Den  eyd  mene  ick,  vorstaet  my  recht. 

Ick  hlyue  hir,  so  gy  hebten  ghesecht. 

Ick  hehbe  to  Rome  nicht  vele  vorloren. 

Ja,  hadde  ick  ock  teyn  eyde  ghesworen, 

Ik  en  kome  ock  nummer  to  Jherusalem. 
So  interpungiren  Schröder  und  Prien.  Lübben  setzt  hinter  Vers  2980, 
2981,  2982  jedesmal  ein  Komma.  Richtiger  hat  schon  Hoffmann  inter- 
pungirt,  der  hinter  Vers  2980  und  2981  ein  Komma,  hinter  2982  ein 
Semikolon  setzt.  Es  ist  offenbar  zu  verbinden:  'Ich  bleibe  hier  und 
hätte  ich  auch  zehn  Eide  geschworen.'  Hinter  V.  2982  wird  besser 
ein  Punkt  gesetzt. 

3822.      Seet,  neue,  nu  hehbe  ick  yw  vortelt 

AI  wat  ick  toeet  van  myner  myssedaet. 
Id,  is  myslyck,  wo  yd  my  nu  gaet 


zu  REINKE  DE  VOS.  331 

To  houe;  wente  nu  hyn  ick  sunder  vaer 

Unde  dar  to  van  mynen  sirnden  klaer. 
Daß  ivente  als  Causalpartikel  "^denn,  weir  hier  keinen  Sinn  gibt,  wird 
von  allen  Herausgebern  zugestanden,  und  daher  haben  auch  Hoffmann 
und  Schröder  Textesänderungen  vorgenommen.  Lübben  möchte  icente 
als  Adversativpartikel  fassen,  da  eine  Hinneigung  des  Wortes  zu 
dieser  Bedeutung  nicht  ganz  zu  leugnen  ist,  und  Prien  setzt  wente 
=  'aber'  im  Glossar  an.  Wenn  man  jedoch  icenie  nicht  adversativ 
nehmen  will,  so  läßt  sich,  da  ein  Mißverständniß  der  klaren  Worte 
im  Reinaert: 

misselic  (ist)  hoet  mi  vergaet 

te  hove;  nochtan  hen  ic  sonder  vaer, 

want  ic  hen  nu  der  sonden  ciaer. 
seitens    des  Übersetzers    nicht    anzunehmen   ist,    vielleicht  vermuthen, 
daß  der  Übersetzer  die  Vorlage  ein  wenig  ändernd  schrieb :  id  is  my 
glyck,  wo  yd  my  nu  gaet.    Vgl.  V.  1160:    Id  was  em  lyke  vele ,  wat  he 
bedreff.  Heute  ist  glik  sm    gleich,  einerlei  sein',  sehr  gewöhnlich^). 

3937.      Vele  pi^elaten  synt  gud  unde  gherecht, 

Noch  hlyven  se  dammme  nicht  iimhesecht 

Van  der  meenheyt  in  dessen  daghen, 

De  nu  dat  quade  erst  können  uthvragen 

Unde  se  ok  dar  nicht  hy  vorgetten 

Unde  können  eck  dar  meer  tosetten. 
In  Vers  3940  nimmt  Sprenger  Germania  XXXIII,  p.  222  einen  Fehler 
der  Überlieferung  an;  er  will  uthdragen  statt  uthvragen  lesen,  denn 
„auch  damals  wird  man  sich  wohl  davor  zu  hüten  gewußt  haben, 
das  Böse  durch  Ausfragen  aus  sich  herauslocken  zw  lassen".  Es  liegt 
kein  zwingender  Grund  vor,  hier  an  ein  Ausfragen  der  angeklagten 
Personen  selbst  zu  denken.  Viele  Prälaten  sind  gut  und  gerecht,  des- 
wegen bleiben  sie  aber  noch  nicht  unangeklagt,  unverleumdet  von 
dem  gemeinen  Haufen  heutzutage.  Warum  denn  nicht?  Nicht  die  Prä- 
laten sind  schuld  daran,  sondern  die  menheit,  deren  Eigenthüralichkeit 
es  ist,  daß  sie  „mm  dat  quade  erst  können  utvragen^.  Wenn  wir  uth- 
dragen lesen,  wie  soll  dann  nu  —  erst  übersetzt  werden?  jetzt  —  erst'? 
'nie  —  erst*?  Beides  ist  ohne  Sinn.  Außerdem  ist  das  Ausschwatzen 
nicht  bloß  der  menheit  eigen,  sondern  das  ist  ihr  eigen,  daß  sie  auf 
guten  Glauben ,  urtheilslos  und  mit  einer  gewissen  Schadenfreude  als 


')  Änm.  Ist  nicht  einfach  wente  nu  =  bis  jetzt?     O.  B. 


382  'P^^-  DAMKÖHLER 

wahr  hinnimmt,  was  sie  über  andere,  selbst  gute  Leute  hört,  ohne  nach 
dem  wahren  Sachverhalte  zu  fragen,  dat  quade  uthvragen  heißt  'durch 
Fragen,  Nachforschen  feststellen ,  ob  das  quade  auch  vorhanden  oder 
erlogen  ist'.  Vgl,  V.  4838  de  klenode  uthvragen.  nu  erst  =  nie  —  erst, 
dar  —  %  =  bei  dem  beseggen.  uthvragen  halte  ich  also  für  das  Richtige. 

4759.      Baren  unde  wulue  verderven  de  lant, 

/Se  achten  weynich,  wes  huss  dar  hrant, 

Mögen  se  syck  hy  den  holen  wermen. 

Se  loten  syclc  och  nicht  entfernten, 

Mögen  se  men  kr y gen  vette  kroppe; 

Den  armen  laten  se  nauwe  de  doppe, 

wan  se  en  der  eyger  hehhen  herouet. 
Sprenger  will  a.  a.  O.  p.  222  gegen  alle  Herausgeber  die  Bedeutung 
von  krop  als  ^^Kropf  nicht  gelten  lassen,  sondern  es  durch  'Kröppel, 
Fettkroppel',  in  reichlichem  Schmalze  gebackene  Pfannenkuchen  tiber- 
setzen. Formell  läßt  sich  wenig  dagegen  einwenden.  Wenn  aber 
Sprenger  geltend  macht,  daß  in  übertragener  Bedeutung  sich  nur: 
einen  guten  krop  drinken  (mnd.  Wb.  Nachtr.  p.  188) ,  aber  nicht  eten 
finde,  so  ist  dieser  Grund  hinfällig.  Bekannt  genug  ist  die  Stelle  aus 
"Wolframs  Parz.  132,  2:  ein  guoten  kröpf  er  az.  Sollte  eine  Wendung, 
die  sich  im  Mhd.  findet,  nicht  auch  im  Mnd.  möglich  sein?  Sie  ist 
sicher  erst  von  Thieren  auf  Menschen  übertragen.  Von  Gänsen,  auch 
von  anderem  Federvieh,  ist  „sek  nen  krop  freien"  heute  am  Harze 
ganz  gewöhnlich.  Außerdem  paßt  in  die  allgemein  gehaltene  Schilde- 
rung, wie  Bären  und  Wölfe  das  Land  verderben,  nicht  die  Anführung 
eines  ganz  speciellen  Gebäckes,  die  einen  seltsam  komischen  Ein- 
druck hervorruft.  Es  kann  meiner  Ansicht  nach  nur  heißen:  Sie  lassen 
sich  nichts  zu  Herzen  gehen,  wenn  sie  nur  reichlich  zu  leben  haben, 
wenn  sie  sich  nur  en  fet  mül  mäken  können,  wie  man  heute  am 
Harze  sagt. 

5072.      Mannyghe  vromde  ystorye  uppe  stunt, 
Under  yslyker  ystoryen  de  worde 
Mit  golde  dorch,  so  syck  dat  behorde. 
Sprengers  Erklärung    von    dorch  a.  a.  O.  p.  223    ist  offenbar  richtig; 
dorch   findet    sich    auch  heute  noch  gern  nach  den  Präpositionen  von, 
under,   oj/pe.,    meist  von  diesen   getrennt,    bisweilen  damit  verbunden. 
So    steht    auch    bei   Jacobs,    Urkundenbuch    des    Klosters    Ilsenburg, 
Nr.  367:    vehr   morgen   then   uppen  Sarxtedeschen  grauen  uppedorp^    wo 
dorch  statt  dorp  zu  lesen  ist. 


zu  REINKE  DE  VOSS.  383 

5524  ff.    Abweichend    von   allen  Herausgebern    interpungire   ich 
folgendermaßen: 

Id  IS  war,  Rpynke,  du  hyst  besechf, 

Dattu  weest  van  Lampen  dode, 

(Weilte  ick  vorloss  Lampen  node, 

Vorwar  ik  hadde  Lampen  leff!) 

Wo  Bellyn  dat  myt  eme  dreff, 

He  brachte  uns  hir  syn  hovet. 

Lk  hedrouede  my  meer,  wan  yennich  louet. 

5714.      Men  se  leep  dar  na  so  ghyrichlyk, 

Up  dat  se  dar  draden  mochte  komen, 

Do  se  de  vyssche  Jiorde  nomen. 

So  enhelt  nicht  den  ivech  noch  de  loyse; 
So  interpungiren  Lübben    und  Prien.    Schröder    setzt    hinter  V.  5716 
ein  Kolon,    Hoffmann    ein  Komma.    Ich    würde    hinter  V.  5715  einen 
Punkt,  hinter  V.  5716  ein  Komma  setzen. 

6455.  Ik  beghere  ok  nergens  vor  yio  to  leyden. 
Hoffmann  las  ju  to  beleden  und  übersetzte :  *ich  will  euch  für  nichts 
beleidigen,  Leid  zufügen,  Lübben  verwarf  diese  Erklärung,  weil 
leiden  oder  beleiden  im  Sinne  von  'beleidigen'  nicht  nachweisbar  ist. 
Latendorfs  Erklärung :  'ich  begehre  nirgends  vor  euch  das  Geleits- 
recht auszuüben'  hielt  Lübben  für  möglich,  aber  nicht  für  wahr- 
scheinlich, weil  nirgends  gesagt  ist,  daß  der  Wolf  dieses  Hoheits- 
recht gehabt  und  der  Fuchs  dieses  Recht  gekränkt  habe.  Lübben 
selbst  nimmt  leiden  im  Sinne  von  'verleiten,  verführen'  und  übersetzt: 
'ich  will  euch  aus  keinem  Grunde  verleiten  und  verführen.*  Schröder 
übersetzt:  'ich  begehre  auch  um  keinen  Preis  {nergens  vor)  euch  zn 
verleiten',  fügt  aber  hinzu,  'vielleicht  wäre  es  noch  eine  Verbesserung, 
zu  lesen:  ''nergens  to  ju  verleiden,  ich  begehre  auch  zu  nichts  euch 
zu  verleiten.  Das  fehlende  to  bei  legere  vorleiden  wäre  unanstößig, 
da  dasselbe  wenigstens  bei  einfachem  gern  (begehren)  nicht  selten 
fehlt;  vgl.  Mhd.  Wb.  I,  533'''.  Prien  bespricht  diese  Stelle  weiter  nicht, 
leiden  übersetzt  er  mit  'verleiten'.  Mich  wundert  es  einigermaßen, 
daß  alle  Herausgeber  von  dem  ik  begherde  des  Druckes  abgewichen 
sind  und  ik  begere  lesen.  Das  ist  vielleicht  ein  Grund  mit  gewesen, 
warum  diese  Stelle  so  schwer  verständlich  schien.  Mir  scheint  sie 
weniger  schwierig.  Reinke  Vos  bietet  dem  Wolfe  als  Sühne  V.  6442 
bis  6454:  L  alle  seine  Freunde,  sein  Weib  und  seine  Kinder  sollen 
in  Gegenwart  des  Königs    ihn  demüthig  grüßen  und  bitten ,    er  möge 


384  MISCELLEN. 

dem  Reinke  vergeben  und  ihn  am  Leben  lassen.  2.  Reinke  will  offen 
bekennen,  daß  er  Unwahres  gesprochen  nnd  schändlich  auf  den  Wolf 
gelogen  und  ihn  betrogen  habe.  3.  Reinke  will  auch  einen  Eid 
schwören,  daß  er  nichts  Böses  von  dem  Wolfe  weiß.  In  V.  6455 
bietet  Reinke  ein  viertes  als  Sühne,  das  aber  nicht  in  einem  Wunsche, 
dessen  Erfüllung  erst  in  der  Zukunft  liegt,  bestehen  kann,  sondern, 
wie  das  Präteritum  'ik  begherde'  richtig  andeutet,  sein  früheres  Ver- 
halten gegen  den  Wolf  betrifft.  Daher  ist  es  mir  auch  wahrscheinlich, 
daß  'vor  gar  nicht  mit  '^nergens"  zu  verbinden  ist,  was  an  sich  ja 
möglich  ist,  sondern  ^früher'  bedeutet.  Noch  handelt  es  sich  um  die 
Bedeutung  von  'leiden .  Aus  dem  mhd.  leiden  =  betrüben  (Mhd.  Wb. 
I,  983*)  glaube  ich  an  unserer  Stelle  doch  ein  'leiden  =  betrüben, 
Leid  zufügen'  folgern  zu  dürfen,  da  diese  Bedeutung  besser  paßt  als 
Verleiten',  wozu  man  noch  eine  nähere  Bestimmung  erwartet.  Ich 
übersetze  also:  'auch  wünschte  (wollte)  ich  euch  um  keinen  Preis 
(nirgends  früher)  zu  betrüben,  Leid  zuzufügen.'  An  dieses  pater  pec- 
cavi  schließt  sich  nun  vortrefflich  V.  6456  an: 

Wat  kan  ik  yw  grotter  soene  hedenf 
BLANKENBUKG  a.  H.  ED.  DAMKÖHLER. 


Mittheilungen. 

Der  außei-ordentl.  Professor  Dr.  Kögel  in  Leipzig  ist  an  Stelle  des 
nach  Gießen  übersiedelnden  Professors  Behaghel  nach  Basel  berufen  worden. 

Dr.  Theodor  Siebs  hat  sich  an  der  Universität  Breslau  für  ger- 
manische Philologie  habilitirt;  ebenso  Dr.  W.  Golther  an  der  Universität 
München. 

Dr.  F.  Holthausen  hat  sich  an  der  Universität  Göttingen  für  eng- 
lische Philologie   habilitirt. 


Berichtigung.     In  Heft  2,   S.   256    fehlt  die  Angabe,    daß   die  Mit- 
theilung  „Aus   alten  Handschriftenkatalogen"   von  K.   Bartsch  herrührt. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON 
JOHANSDORF. 

A.  Person    des  Dichters    (Name,    Heimat,    Stand,   Wappen, 

Leb  en). 

Der  Name  des  in  folgender  Darstellung  zu  behandelnden  Dichters 
lautet  Albrecht  von  Johannesdorf  in  der  Weingartener,  Albrecht  von 
Jansdorf  in  der  Heidelberger,  von  Johansdorf  in  der  Pariser,  jetzt 
Heidelberger  Liederhandschrift  (cf.  MF.  S.  269).  Die  Strophe  Rein- 
raars  von  Brennenberg  in  der  Heidelberger  Hs.  350  (Bl.  43')  schreibt 
ihn  Johannisdorf,  In  Urkunden  kommen  außerdem  noch  die  Formen: 
Jahensdorf  (f)  z.  B.  Monumenta  Boica  29,  2,  363,  Jahinsdorf  Mon.  Boic 
29,  2,  252  und  Janestorf  Mon.  Boic.  4,  268  vor  (cf.  MF.  S.  269). 

Der  Vorname  schwankt  zwischen  Albertus  und  Adalbertus  (so 
in  der  letzten  der  angeführten  Urkunden). 

Nicht  zu  verwechseln  sind  mit  dem  Geschlechte  unseres  Dichters 
die  Herren  von  Jonstorff,  welche  bisweilen  in  derselben  Urkunde 
neben  den  Johansdorfern  erscheinen  (z.  B.  Hund,  Metropolis  Salis- 
burgensis  2,  293,  Ausg.  von  1719). 

Wo  der  Ort  Johansdorf  liegt,  bez.  gelegen  hat,  darüber  scheint 
eine  Gewißheit  nicht  zu  erlangen  zu  sein.  Nur  so  viel  steht  fest,  daß 
derselbe  nach  Baiern,  wahrscheinlich  nach  Niederbaiern  gehört.  Förste- 
mann  ')  verlegt  ihn  in  die  Nähe  von  Wolfersdorf  westlich  von  Mos- 
burg;  doch  bezeichnet  Freudensprung**)  denselben  von  Förstemann 
„auf  einer  alten  Karte"  als  Jehensdorf  gelesenen  Namen  als  Jägers- 
dorf (cf.  Förstemann  a.  a.  O.).  Röhricht  in  seinem  Kreuzfahrerkatalog 
^Ztschr.  f.  d.  Phil.  VH,  155)  folgt  Förstemann. 

In  der  Festschrift  des  Bischöflichen  Klerikalseminars  St.  Stephan 
zu  Passau:  Das  historische  Alter  der  Diöcese  Passau  in  ihrem  gegen- 
wärtigen Umfange  (1880)  S.  25  wird  der  Weiler  Jahrsdorf  an  der 
Vils,    Pfarrei  Dornach,    etwa  20  Km.  südöstlich  von  Osterhofen,    als 


')  Altdeutsches  Namenbuch  II,  931. 

^)  Die    im  I.  Tom.    der   Meichelbeck'schen    Historia  Frisingensls    aufgeführten, 
im  Königreiche  Baiern  gelegenen  Örtlichkeiten.    Freising  1856.    S.  43. 

QERMANIA.    Nene  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  25 


386  J-  HORNOFF 

Stammsitz  der  Edlen  von  Jalienstorf  bezeichnet ').  Nun  gibt  es  aber 
ein  Geschlecht  von  Jarstorf.  Im  Urkundenbuch  des  Landes  ob  der 
Enns  S.  240  cod.  trad.  Kanshof.  kommt  als  Zeuge  ein  Albo  de  Jars- 
torff  et  filius  eins  Fridericus  c.  1180  vor,  S.  223  in  demselben  Tra- 
ditionscodex als  Zeuge  ein  Hartmannus  de  Jarrestorf  c.  1140.  Das 
Wappen  der  Jarsdorfer  '^)  stimmt  mit  keinem  der  von  den  Jolians- 
dorfern  überlieferten  Wappen  überein  (cf.  unter  Wappen  S.  390),  und 
Seyler,  der  Bearbeiter  des  VI.  Bandes  von  Siebmachers  Wappenbuch 
bemerkt  ausdrücklich  S.  149  unter  Jagensdorf,  daß  die  Jarsdorfer 
ebenso  wie  die  Jagensdorfer  durchaus  verschieden  von  den  Johans- 
dorfern,  Jahensdorfern  seien,  so  oft  auch  die  Namen  durcheinander 
geworfen  würden.  Ortschaften  mit  dem  heutigen  Namen  Jahrsdorf 
kommen  drei  in  Betracht:  eines  ist  das  in  der  angeführten  Festschrift 
genannte;  ein  anderes  liegt  in  der  Oberpfalz  bei  Hiipoltstein,  ein 
drittes  in  Österreich  ob  der  Enns  bei  Braunau,  also  dicht  an  der 
baierischen  Grenze.  Die  Hei-ren  von  Jahrsdorf,  denen  das  Wappen 
in  Siebmacher  Bd.  VI,  T.  114  angehört,  werden  als  ansässig  bezeichnet 
in  der  Herrschaft  Hiipoltstein  (ebenda  S.  114).  Als  Güter  derselben 
werden  außerdem  Hausen,  Amerfeld  und  Zell  in  der  Herrschaft  Heideck 
(in  derselben  Gegend  der  Oberpfalz)  aufgeführt.  Daß  das  bei  Hiipolt- 
stein gelegene  Jahrsdorf  nach  ihnen  benannt  ist  und  ihnen  gehört 
hat,  ist  demnach  zweifellos.  —  Dagegen  weisen  die  als  Zeugen  in 
Ranshofener  Urkunden  auftretenden  Albo  und  Fridericus  de  Jarstorff 
und  Hartmannus  de  Jarrestorf  auf  das  in  Osterreich  etwa  eine  Meile 
ostnordöstlich  von  ßanshofen  gelegene  Jahrsdorf  hin.  Das  Geschlecht 
der  Jabrsdorfer  muß  also  auch  nach  dem  Süden  des  Herzogthums 
Baiern  verbreitet  gewesen  sein,  und  auch  das  in  der  Festschrift  ge- 
nannte Jahrsdorf  an  der  Vils  hat  zweifellos  diesem  Geschlechte  gehört^). 
Danach  muß  die  Ansicht,  daß  dieser  Ort  Stammsitz  der  Johansdorfer 
gewesen  sei,  als  beseitigt  gelten. 

Trotzdem  werden  auch  sie  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  in  dem 
südöstlichen  Theile    Baierns    ihre  Besitzungen   gehabt    haben.    Darauf 


*)  cf.  Keinz,  Alte  Passauer  in  der  deutscheu  Literaturgeschichte. 

')  Siebmachers  großes  und  allgemeines  Wappenbuch  in  Verbindung  mit  meh- 
reren neu  herausgegeben  und  mit  historischen,  genealogischen  und  heraldischen 
Motiven  begleitet  von  Dr.  Otto  Titan  v.  Hefner.  VI.  Bd.  Abgestorbeuer  Jjair.  Adel, 
bearbeitet  von  Seyler.    Nürnberg  1884.    Taf.  114. 

^)  Aber  „Stammsitz"  kann  es  auch  von  diesem  Geschlechte  nicht  gewesen  sein, 
da  die  Jahrsdorfer  nach  Kneschke's  Allgemeinem  deutschen  Adelslexikon  Bd.  IV 
(Leipzig  1863)  und  nach  Siebmacher  (Ausgabe  von  l(JUö  und  1667)  ein  fränkisches 
Geschlecht  waren. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  387 

weisen,  abgesehen  von  dem  später  zu  besprechenden  Umstände,  daß  die 
Johansdorfer  Passauer  Ministerialen  waren ,  noch  deutlichere  Spuren 
hin.  In  den  Mon.  Boic.  29,  2,  219  findet  sich  folgende  Traditions- 
urkunde: 

Haec  exposuerunt  (=  haben  ausgethan,  zu  Lehen  gegeben, 
bez.  die  von  den  Grundstücken  zu  erhebenden  Einkünfte  übertragen) 
Uli  de  Janstorj}li  iili,  qui  dicitur  Steinpuhel.  Da  zv  Zidellmb  I  lehn 
soluit  VI  solidos  et  XXX  caseos.  Daz  lehn  hinterm  hove  dimidium 
talentum  et  XV  caseos.  Zu  der  holten  linden  I  Cui'ia  dimidium  talen- 
tum  et  XXX  caseos.  Zv  Golderpach  1  Curia  et  I  lehn  XII  solidos 
et  LX  caseos.  In  Pirchech  I  huba.  Zv  Immelholuesheim  I  huba,  ubi 
faber  sedit.     Jahrzahl  fehlt. 

Den  hier  verzeichneten  Ortsnamen  dürften  folgende  moderne, 
in  Nieder-  und  Oberbaiern  liegende  Ortschaften  entsprechen: 

Zidelhnb  =  Zitterhuh,  Einöde  in  Oberbaiern,  Landgericht  Mühldorf. 

Zu  der  hohen  linden  =  Hohenlijiden ,  Pfarrdorf  in  Oberbaiern, 
IV4  Meile  nördlich  von  Ebersberg. 

Golderpach  =  Gollerbach,  zwei  Ortschaften  gleichen  Namens  in 
Niederbaiern,  eine  im  Landgerichtsbezirk  Eggenfelden,  die  andere  in 
dem  von  Pfarrkirchen. 

Pirchech.  Orte  mit  dem  Namen  Birkach  gibt  es  heutzutage  eine 
größere  Anzahl,  über  ganz  Baiern  zerstreut,  Birha  mehrere  in  Nieder- 
baiern: eine  Einöde  bei  Gangkofen,  Landgericht  Eggenfelden,  eine 
andere  Pircha  ebenda,  Landgericht  Griesbach ,  Pirka,  ein  Weiler  in 
derselben  Gegend.  Man  hat  also  hier  die  Wahl.  Auf  die  Variante 
Pirka  für  Birkach  ist  zwar  von  Rudolf  (Ortslexikon  S.  3408  unter 
Pirka)  hingewiesen,  dieselbe  aber  am  citirten  Orte  nicht  nachgewiesen, 
doch  werden  wir  sie  unbedenklich  annehmen  dürfen,  da  die  bedeuten- 
dere Abweichung  Birken  für  Birkach  und  Pirken  für  Pirkach  belegt  ist 
(Rudolf,  Ortsl.  S.  329  unter  Birken  und  3408  unter  Pirkach). 

Ein  moderner  Ort  mit  dem  Namen  Immelholuesheim  kommt  nicht 
vor,  aber  ein  Immeisheim,  ein  Weiler  im  Landgerichtsbezirk  Pfarr- 
kirchen, Pfarrei  Trifteru,  ein  Immelsöd,  Einöde  ebenda. 

Die  vier  genannten  Städte  Mühldorf,  Eggenfelden,  Pfarrkirchen, 
Griesbach,  in  deren  Umgebung  die  fraglichen  Orte  liegen,  lassen  sich 
durch  eine  etwa  neun  deutsche  Meilen  lange  Bogenlinie  verbinden, 
welche  von  Südwesten  nach  Nordosten  gehend  drei  Meilen  süd- 
westlich von  Passau  endet.  Am  weitesten  ab  liegt  Ebersberg,  noch 
bedeutend  südwestlicher  als  Mühldorf. 

25* 


388  J-  HORNOFF 

Die  in  Betracht  kommenden  Orte  fallen  nun  nicht  alle  in  die 
Grenzen  der  Diöcese  Passau  (der  alten  D.)  hinein;  nur  Pircha  (Pirka. 
Birka),  Immeisheim,  Gollerbach;  dagegen  liegt  Zitterhub  in  der  Salz- 
burger  Diöcese,  doch  ziemlich  nahe  an  derj  Passauer  Grenze,  Hohen- 
linden  in  der  Freisinger  Diöcese.  Doch  will  dies  auch  wenig  besagen, 
da  sich  weltlicher  Besitz  und  Diöcesanbezirk  eines  Bisthums  nicht 
decken.  So  gehört  der  ganze  Umkreis  von  Osterhofen,  obwohl  in  der 
Passauer  Diöcese  gelegen,  doch  dem  Bamberger  Bisthum  an.  Und 
außerdem  brauchen  die  Johansdorfer  die  genannten  Ortschaften  ja 
gar  nicht  von  Passau  zu  Lehen  getragen  zu  haben.  Die  Identität  von 
Golderpach  mit  Gollerbach  bei  Pfarrkirchen  gewinnt  dadurch  in  hohem 
Grade  an  Wahrscheinlichkeit,  daß  auch  andere  Güter  der  Johans- 
dorfer in  der  Nähe  von  Pfarrkirchen  gelegen  haben.  Nach  Mon.  Boic. 
V,  364  vertauschte  der  Canoniker  Eberhardus  de  Jahenstorf  seine 
Güter  in  Padersberg  bei  St.  Mariakirchen  und  sein  stark  vernach- 
lässigtes Gut  in  Diepoldingen  (Rudolf:  Diepolting)  bei  Pfarrkirchen  an 
das  Kloster  Aldersbach  gegen  einige  Güter  in  Kohlsdorf  bei  St.  Maria- 
kirchen und  ein  Gut  in  Grube  bei  Pfarrkirchen  (cf.  Festschrift  S.  25). 
Mariakirchen  liegt  2^1^  Meilen  nördlich  von  Pfarrkirchen. 

Der  Reichsministerial  Heinrich  von  Johansdorf  (Jahansdorf)  ver- 
zichtet auf  eine  schon  früher  dem  Kloster  Ranshofen  geschenkte  Hufe 
zu  Retenpach  (Urk.  ob  der  Euns  I,  267)  und  auf  zwei  Güter  in  Per- 
herbing  (Urk.  ob  der  Enns  I,  251).  Orte  mit  dem  Namen  Rettenbach 
gibt  es  eine  große  Zahl  in  Ober-  und  auch  in  Niederbaiern  (bei  den 
Städten  Deggendorf,  Grafenau,  Kötzting,  Passau,  Vilsbiberg).  Per- 
herbing  dürfte  vielleicht  das  heutige  Perbing  in  Niederbaiern,  2  Meilen 
südöstlich  von  Landau,  oder  der  bei  Wegscheid  gelegene  Weiler,  oder 
auch  Berbing  1^74  Meilen  nordöstlich  von  Passau  sein. 

Sicherlich  also  ist  das  Geschlecht  der  Johansdorfer 
im  südöstlichen  Baiern  ansässig  gewesen,  und  es  ist  nicht 
unwahrscheinlich,  daß  die  genannten  modernen  Ortschaften  zu  ihrem 
Besitze  gehört  haben. 

Stand.  Nur  in  B  wird  Johansdorf  als  'Her'  bezeichnet.  Die 
Urkunden  bestätigen,  daß  derselbe  ritterlichen  Standes  war  und  zwar 
Ministerial  der  Passauer  Bischöfe  Diepold  (nach  Ebeling ')  1172—1190), 
Wolfker  (1190-1204),  Manegold  (1206-1215),  cf.  Haupt  MF.  S.  269. 
Es  werden  aber  auch  Johansdorfer  als  Ministerialen  des  Bamberger 
Bisthums    urkundlich    erwähnt    und    gleichzeitig    als    Passauer    Mini- 


')  Die  (leuischen  Bischöfe.  Leipzig  1858.  II.  S.  .362. 


DEE  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  389 

sterialen.  In  der  von  Haupt  (a.  a.  O.)  beigebrachten  Urkunde  des 
Bischofs  Hermann  von  Bamberg  vom  Jahre  1172  werden  erwähnt: 
Albertus  et  frater  eius  Eberhardus  de  Jahenstorff  (Hund,  Metrop.  Sah 
3,  9,:  Mon.  Boic.  12,  344).  Nun  aber  bringen  Mon.  Boic,  4,  264  eine 
von  Diepold  von  Passau  ausgestellte  Urkunde,  welche  fälschlich  auf 
1155  datirt  ist,  mit  den  Zeugenunterschriften:  Adalbertus  et  frater  eius 
Eberhardus  de  Janestorf.  Diepold  regierte  1172 — 1190;  die  Urkunde 
könnte  demnach  sehr  wohl  in  das  Jahr  1172  fallen  und  die  als  Zeugen 
auftretenden  Personen  dieselben  sein  wie  in  der  Bamberger  Urkunde 
(der  Herausgeber  des  Urkb.  des  Landes  ob  der  Enns  I,  591  datirt  die- 
selbe Urkunde  auf  1190).  Der  hier  bezeugte  Albertus,  bez.  Adalbertus 
wird  ferner  mit  dem  in  einer  Passauer  Urkunde  von  1185  an  erster 
Stelle  genannten  Albertus  (datis  testibus  Alberto  de  Janestorf  et  filio 
suo  Adalberto  Mon.  Boic.  4,  268)  identisch  und  demnach  der  Vater 
unseres  Dichters  gewesen  sein.  Der  an  zweiter  Stelle  genannte  ist 
dann  der  Dichter  (cf.  Haupt  a.  a.  O.) ,  und  nichts  hindert,  auch  die 
1188  mit  dem  Namen  Albertus  de  Jahenstorf  unterzeichnete  Urkunde 
des  Bischofs  Otto  von  Bamberg  (Metr.  Sal.  3,  10)  auf  ihn  zu  beziehen. 
Man  hat  also  nicht  nöthig,  wie  Wolfram')  dies  thut,  sich  für  die 
Bamberger  oder  Passauer  Lehnsmannschaft  zu  entscheiden.  Der 
Dichter  war  eben  Lehnsmann  beider  Bisthümer.  Aus  dem  Umstände, 
daß  Johansdorf  gelegentlich  des  sogenannten  dritten  Kreuzzuges  sich 
in  der  Gefolgschaft  des  Passauer  Bischofs  Diepold  wahrscheinlich 
nicht  befindet,  möchte  ich  durchaus  nicht,  wie  Wolfram,  schließen, 
daß  derselbe  nicht  Passauer,  mithin  Bamberger  Ministerial  war, 
gerade  darum  nicht,  weil  der  Bamberger  Bischof  an  dem  Zuge  über- 
haupt nicht  theilnahm.  Konnten  denn  nicht  Krankheitsrücksichten 
oder  sonst  dringliche  Angelegenheiten  den  Dichter  am  augenblick- 
lichen Aufbruch  hindern  und  ihn  veranlassen,  seinem  Passauer  Lehns- 
herrn mit  einem  Nachzuge  zu  folgen?  Die  Möglichkeit  abei-,  daß  der 
Dichter  Bamberger  und  Passauer  Ministerial  zugleich  war,  ist  schon 
dadurch  gegeben,  daß  das  Bamberger  Bisthum  in  der  Passauer  Diöcese 
Ländereien  besaß. 

Neben  den  Bamberg-Passauer  Ministerialen  erscheint  ein  Johans- 
dorf als  Reichsministerial,  welcher  offenbar  einen  vornehmeren  Zweig 
desselben  Geschlechtes  repräsentirt.  Urkb.  ob  der  Enns  I,  267.  Cod. 
trad.  Ranshof. :  Heinricus  de  Johannistorf  ministerialis  regni  a.  1215, 
derselbe  ohne  diese  Bezeichnung  S.  251  c.  1230,  wo  Jahansdorf 
geschrieben  steht. 

»)  Kreuzpredigt  und  Kreuelied  Ztschr.  f.  d.  Alt.  XXX,   lU. 


390  J-  HORNOFP' 

Das  Wappen  unseres  Dichters,  welches  die  Pariser  Handschrift 
gibt,  ist  von  v.  d.  Hagen  Minnesinger  4,  252  und  Bildersaal  S.  253 
beschrieben,  doch  zeigt  sich  zwischen  der  einen  und  der  anderen 
Beschreibung  ein  Widerspruch.  In  MSH.  heißt  es:  der  Schild^  des 
Minnesängers  ist  quer  getheilt  und  hat  oben  in  rothem  Felde  zwei 
schwarze  fünfblätterige  Rosen  mit  weißem  Mittellcreis  und  fünf  weißen 
Spitzen;  unten  von  der  Mitte  wie  Strahlen  ausgehend  drei  abwechselnd 
goldene  und  blaue  Felder,  Eben  solche  drei  Rosen  mit  Stielen  und 
Blättern  stehen  auf  dem  geschlossenen  Helme. 

Im  Bildersaal  werden  die  Rosen  als  „silbern  (jetzo  schwartz)" 
in  silbernem  Felde  bezeichnet,  die  Felder  der  unteren  Schildhälftc 
als  roth  und  blau. 

In  Wirklichkeit  ist  die  obere  Schildhälfte  roth,  die  untere  zerfällt 
in  silberne  und  blaue  Felder.  Die  Blüthenblätter  der  Rosen  sind 
silbern,  umrändert  und  netzförmig  tiberzogen  von  weißen  Linien  (meist 
vier  zu  vier  Linien  auf  jedem  ßlüthenblatt).  Der  Fruchtboden  (ohne 
Andeutung  der  Staubfäden  und  des  Stempels)  erscheint  golden  und 
mit  einem  Kreise  von  weißer  Farbe  umgeben.  Zwischen  den  Blüthen- 
blättern  ragen  fünf  grüne  Kelchblätter  hervor.  Das  bei  der  Malerei 
verwandte  Silber  ist  hier  wie  fast  in  allen  Bildern  der  Handschrift 
schwarz  geworden^). 

In  der  Weingarteuer  Handschrift  ist  am  Rande  nur  das  Bild 
des  Helmes  nachgetragen.  Das  Kleinod  besteht  ebenfalls  aus  drei 
Rosen,  deren  mittelste  dicht  unter  der  Blume  noch  zwei  Blättchen  hat. 
Dagegen  fehlen  die  je  zwei  Blättchen  am  Fuße  der  beiden  äußeren 
Rosen,  welche  C  hat.  Die  Rosen  sind  roth,  P^ruchtböden,  Stengel, 
Blättchen  gelb. 

Grünenberg  bringt  auf  Tafel  CXXVIIl  unter  zehn  Wappen  auch 
das  von  „Her  Aulbrecht  von  Jansdorff"  ^}.  Über  seine  Quelle  spricht 
er  sich  folgendermaßen  aus:  „Item  dis  nachgende  wappen  hau  Ich 
funden  In  aim  Buch,  schacz  Ich  wol  acc  Jar  alt".  Stillfried  ver- 
muthet,  daß  es  heißen  soll:  an  C  Jar  (also  c.  1383)  und  identificirt 
die  Person  des  Wappenträgers  mit  unserem  Minnesänger.  Der  Schild 
zeigt  auf  weißem  Felde  drei  Rosen  mit  Stengeln  und  Stengelblättern 
(die    äußere    drei,    die  mittlere  zwei).    Die  Blumen  sind  roth,    Blätter 


')  Ich  verdanke  die  genaue  Beschreibung  der  Wappeufarben  der  gütigen  Mit- 
Iheilung  des  Herrn  Oberbibliothekar  Professor  Dr.  Zaugemeister  in  Heidelberg. 

')  Des  Konrad  Grünenberg  Ritters  und  Bürgers  zu  Konstanz  Wappenbuch  aus 
dem  Jahre  1483.  In  Farbendruck  neu  herausgegeben  von  Dr.  R.  Graf  Stillfried- 
Alcantara  und  Prof.  A.  M.  Hildebrandt.     3  Bände.    Frankfurt  1883. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  391 

und  Stengel  grün,  Fruehtböden  weiß.  Das  Kleinod  entspricht  voll- 
ständig der  Schildfigur,  nur  daß  die  Fruchtböden  gelb  sind.  Helm- 
decke grün  und  weiß;  die  Helmzier  würde  also  im  Wesentlichen  der 
in  B  und  C  gezeichneten  gleichen.  Die  Figur  stimmt  wenigstens  im 
Gegenstande  mit  C  überein. 

Ein  vollständig  anderes,  sehr  einfaches  Wappen  bringt  Sieb- 
macher in  seinem  Wappenbuche:  der  Schild  hat  auf  weißem  Felde 
zwei  rothe  Balken.  Das  Helmkleinod  besteht  nach  den  Ausgaben  von 
1605  (S.  82)  und  1667  (I,  82)  in  einem  weißen  Flug  mit  ebenfalls 
zwei  rothen  Balken.  In  der  neuesten  Ausgabe  (VI,  1,  Taf.  44)  ist 
dasselbe  nach  dem  Helmsiegel  Alberts  von  Jahenstorf  a.  1321  (vgl. 
S.  45  des  Textes  ebenda)  in  einen  Mannesrumpf,  welcher  die  Hände 
emporhält,  umgeändert.  Helmdecken  sind  roth  und  weiß. 

Das  Helmkleinod  ist  durch  das  Siegel  sicher  verbürgt.  Für  den 
Schild  fehlt  offenbar  eine  ebenso  sichere  Quelle,  doch  grundlos  wird 
die  abweichende  Darstellung  desselben  auch  nicht  sein.  Angenommen 
nun,  daß  dieses  letztere  das  wirkliche  Wappen  der  Johansdorfer  war, 
so  brauchen  wir  unserem  Dichter  dennoch  das  ihm  in  Grünenbergs 
Wap])enbuche  zugeschriebene  mit  den  drei  Rosen  nicht  zu  entziehen. 
Möglich  ist  doch,  daß  Johansdorf  sein  angestammtes  Wappen  geändert 
habe.  Solche  Wappenänderungen  kommen  in  älterer  Zeit  vor.  Motivirt 
erscheint  dieselbe  im  Parzival  (Ausgabe  von  Lachmann)  I,  14,  12. 
II,  10,  17,  wo  Gahmuret  für  das  Stamm wappen  des  Hauses  Anjou 
(Panther)  ein  anderes  Wappen  (Anker)  sich  beilegt,  so  lange  er  nicht 
regierender  Fürst  des  Hauses  ist.  v.  d.  Hagen,  der  schon  die  Abwei- 
chung bemerkt,  sagt  Bildersaal  S.  254:  ^aber  bei  den  älteren  edlen 
Dichtern  zeigt  sich  solche  Abweichung  öfter  als  bei  späteren'.  Nach 
seiner  Darstellung  freilich  scheint  es,  als  ob  das  Wappen  der  Johans- 
dorfer (nach  Siebmacher)  das  eines  noch  in  Baiern  lebenden  Ge- 
schlechtes sei.  MSH.  S.  252:  Es  gibt  ein  baierisches  Geschlecht  dieses 
Namens,  dessen  Wappen  jedoch  von  dem  in  der  Manesse'schen  Hand- 
schrift verschieden  ist.'  Ähnlich  im  Bildersaal  S.  254.  Aus  Siebmacher 
Band  VI,  welcher  die  Wappen  der  abgestorbenen  Geschlechter  bringt, 
geht  hervor,  daß  dasselbe  nicht  mehr  existirt. 

Von  dem  Leben  unseres  Dichters  wissen  wir  nur  sehr  wenig. 
Zu  den  von  Haupt  aufgeführten  ui'kundlichen  Belegen  aus  den  Jahren 
(circa)  1185,  1201,  1204,  1209  kann  ich  nur  noch  eine  Urkunde  Die- 
polds  (1172 — 1190),  welche,  ohne  Jahreszahl,  die  Zeugenunterschrift: 
Albertus    de  Jahinstorf    enthält,    hinzufügen    (Mon.  Boic.  29,  2,  252). 


392  J-  HORNOFF 

Vom  Jahre  1209  an  verschwindet  unser  Albrecht  in  den  Urkunden, 
dagegen  tritt  seit  1212  ein  Otto  und  seit  1220  ein  Eberhardus  de  J., 
seit  1220  öfter  beide  in  derselben  Urkunde  auf.  Letzterer  ist  Passauer 
Canoniker  und  bekannt  durch  das  traurige  Ende,  welches  er  gelegent- 
lich eines  Streites  des  Bischofs  Gebhard  von  Passau  mit  den  Canoni- 
kern  im  Jahre  1232  fand*).  Entschieden  nicht  dieselbe  Person  mit  dem 
1172  (und  1190?)  bezeugten,  welcher  der  Oheim  unseres  Dichters 
ist,  könnte  er,  ebenso  wie  Otto,  ein  Bruder  oder  ein  Sohn  desselben 
gewesen  sein. 

Aus  Albrechts  Liedern  geht  hervor,  daß  er  an  einem  Kreuzzuge 
theilgenommen  oder  wenigstens  die  Absicht  gehabt  habe,  an  einem 
solchen  theilzunehmen.  Geschichtlich  nachweisen  läßt  sich  diese  Theil- 
nahme  uicht.  Nun  hat  aber  Wolfram  (a.  a.  0.  S.  111  f.)  gezeigt, 
daß  die  Lieder  eine  Reihe  von  Anklängen  an  die  Bulle  Gregors  VIII., 
welche  am  27.  März  1188  zu  Mainz  zur  Verlesung  gelangte,  ent- 
halten, und  daraus  geschlossen,  daß  die  betreffenden  Lieder  bald 
nachher  entstanden  seien,  Johansdorf  also  dem  sogenannten  dritten 
Kreuzzuge  beigewohnt  habe.  Aus  Anspielungen  in  den  Liedern  auf 
eine  bevorstehende  Meerfahrt  schließt  Wolfram  weiter,  daß  unser 
Dichter  nicht  unter  dem  Heere  Friedrichs  L,  welches  den  Landweg 
wählte,  und  dem  auch  der  Passauer  Bischof  Diepold  folgte,  im  Jahre 
1189,  sondern  unter  dem  Leopolds  von  Osterreich,  das  im  Sommer 
1190  zur  See  nachzog,  sich  befunden  habe.  Ich  kann  diesen  Ausfüh- 
rungen nur  beipflichten.  Hiermit  ist  aber  auch  Alles  erschöpft,  was 
sich  tiber  das  Leben  Johansdorfs  ausfindig  machen  läßt. 

B.  Lieder. 

I.  Überlieferung.  Die  Lieder  unseres  Dichters  sind  in  den 
drei  großen  Liederhandschriften  A,  B,  C  tiberliefert: 

in  A  6  Strophen  unter  Johansdorf,  3  unter  Niune  (48 — 50),  4  unter 
Gedrut  (20—23); 

in  B  18  Strophen 

und  in  C  39  unter  dem  Namen  des  Dichters,  C  wiederholt  Str.  39 
als  erste  Rubins  von  Rüdeger. 

Nur  in  A  finden  sich  4  Strophen:  A  3—6  =  MF.^86,  25  bis 
87,28; 

nur  in  C  15  Strophen:  C  21—35  =  MF.  91,  22—35.  92,  7  bis 
94,  14. 


")  Ebeling  a.  a.  O.  S.  363;  genauer  bei  Huad,  Metr.  Sal.  I,  209  f. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  393 

BC  gemeinsam  sind  18  Str.:  B  1—18.  C  2— 19  =  MF.  86,  1—24. 
87,  29—88,  4.  88,  19-91,  21.  91,  36—92,  6; 

AC  gemeinsam  6  Str.:  A3,  C  1,  letztere  am  Rande  nach- 
getragen :=  MF.  86,  25;  A  Niune  49,  C  20  =  MF.  88,  5;  A  Gedrut 
20—23.  C  36-39  =  MF.  94,  15-95,  15; 

ABC  gemeinsam  4  Str.:  A  1.  2,  B  1.  3,  C  2.  4  =  MF.  86,  1. 
17;  A  Niune  48.  50,  B  4.  6,  C  5.  7  =  MF.  87,  29.  88,  19. 

Bei  näherer  Betrachtung  zeigen  sicli  fünf  Gruppen  der  Über- 
lieferung. 

1.  Gruppe,  BC,  deren  Zusammenschluß  sich  aus  der  gleichen 
Reihenfolge  der  Strophen  und  der  gleichartigen  Textüberlieferung  A 
gegenüber  ergibt.  I.  B  1—3,  C  2—4  =■  MF.  86,  1—86,  24.  II.  B  4, 
C  5  =  87,  29.  III,  B  5,  C  6  =  88,  33.  IV.  B  6,  C  7  =  88,  19. 
V.  B  7.  8,  C  8.  9  =  89,  9.  15.  VI.  B  9-11,  C  10—12  =  89,  21  bis 
00,  15.  VII.  B  12.  13,  C  13.  14  =  90,  16.  24.  VIII.  B  14.  15,  C  15. 
16  =  90,  32.  91,  1.  IX.  B  16.  17,  C  17.  18  =  91,  8.  15.  X  B  18,  C  19 
=  91,  36.  —  Zehn  Lieder,  (18  Strophen)  von  denen  vier  den  Kreuz- 
zug erwähnen  und  kurz  als  Kreuzlieder  bezeichnet  werden  mögen  im 
Gegensatz  zu  denen,  welche  nur  von  Minne  handeln,  schlechthin  Minne- 
liedern. 91,  36  ist  während  der  Abwesenheit  des  Dichters  von  der 
Geliebten,  schwerlich  auf  dem  Kreuzzuge  entstanden. 

2.  Gruppe,  C.  I.  C  20  =  MF.  88,  5.  II.  C  21.  22  =  91,  22.  29. 
III.  C  23  =  92,  7.  IV.  C  24-26  =  92,  14  -34.  V.  27.  28  =  92,  35. 
93,  5.  VI.  C  29—35  =  93,  12—94,  14.  Sechs  Minnelieder  (16  Strophen). 
—  92,  7  beziehe  ich  nicht  auf  den  Kreuzzug.  Die  den  Anfang  der  Gruppe 
bildende  Strophe  C  20,  welche  in  der  Sammlung  BC  fehlt,  aber  in  A 
unter  Niune  der  Str.  48  =  B.  4,  C  5  angeschlossen  ist,  kann  allen- 
falls wie  Haupt  annimmt,  mit  dieser  ein  Lied  gebildet  haben,  nöthig 
ist  dies  aber  durchaus  nicht. 

3.  Gruppe,  AC.  L  A  Gedrut  20,  C  36  =  MF.  94,  15.  IL  A  Gedrut 
21,  C  37  =  94,  21.  III.  AGedrut  22.  23,  C  38,  C  39  («)  [C  Rubin 
von  Rüdeger  l^^^]  =:  94,  35.  95,  6.  —  Drei  Kreuzlieder,  (4  Strophen), 
so  nehme  ich  mit  Burdach  ^)  im  Gegensatz  zu  Haupt  an,  welcher  die 
4  Strophen  zu  einem  Liede  verbindet.  C^^^  stammt  aus  einer  anderen 
Q.uelle  als  C^'\  A  hat  mit  beiden  Überlieferungen  der  Strophe  Stellen 
gemein. 


')  Burdach,  Reinmar  der  Alte  und  Walther  von  der  Vogelweide.  Leipzig  1880. 

S.  78. 


394  J.  HORNOFF 

4.  Gruppe,  A^  I.  A  1.  2  =  MF.  86,  1.  17.  II.  A3  =  86,  25. 
III.  A  4—6  =  87,5—28.  —  Drei  Lieder  (6  Strophen),  von  denen 
zwei  Kreuzlieder  (86,  25.  87,  25). 

5.  Gruppe,  A2.  A  Niune  48.  49  =  MF.  87,  29.  88,  5.  IL  ANiune 
50  —  MF.  88,  19.  —  Zwei,  eventuell  drei  Kreuzlieder  (cf.  S.  393 
(3  Strophen).  Im  Ganzen  haben  wir  42  Strophen,  die  sich  zu  20, 
resp.  21  Liedern,   11  Minneliedern  und  9  bezw.  10  Kreuzliedern  ordnen. 

Von  ihnen  insgesamrat  sind  7  resp.  9  einstrophig:  86,  25. 
87,  29  (?).   88,  5  (•?).88,  19.  88,  33.  91,  36.  92,  7.  94,  15.  94,  25; 

8  resp.  7  zweistrophig:  87,  29  (?).  89,9.  90,  16.  90,32.  91,8. 
91,  22.  92,35.  94,  35; 

4  dreistrophig:  86,  1.  87,  5.  89,  21.  92,  14; 

1   siebenstrophig:  93,  12. 

Was  nun  den  Werth  der  einzelnen  Handschriften  anlangt,  so 
bietet  A,  wo  es  mit  BC  oder  C  zusammensteht,  im  Wesentlichen  den 
besseren  Text,  allerdings  ist  es  lückenhaft:  in  dem  dreistrophigen 
Liede  86,  1  läßt  es  die  mittlere  Stroplie  weg,  in  Str.  88,  5  (A  Niune 
49)   läßt  es  4  Verse  fehlen. 

In  der  dreifach  überlieferten  Strophe  95,  6  verdient  AC^^^  vor 
C(^)  den  Vorzug. 

Das  nur  von  A  gebotene  Lied  87,  5  ist  lückenhaft  und  schlecht 
überliefert,  Vers   17  trümmerhaft,  die  Verse   18  und   19  fehlen  ganz. 

Eine  gewisse  Eigenthümlichkeit  in  BC  besteht  im  Weglassen  der 
Negation  en')  86,  6.  7,  87,  38.  88,  24.  C  allein  in  86,  10.  16.  91,  4) 
und  im  Beibehalten  des  zweisilbigen  Auftakts  (89,  10,  22.  36.  90,  8. 
C  allein  in  87,  2.  88,  6.  92,  23.  26.  31.  36.  93,  3.  4). 

Von  der  Lachmann -Haupt'schen  Textrecension  weiche  ich  in 
folgenden  Punkten  ab : 

Die  2.  plur.  ind.  oder  imp.  praes.  erscheint  in  MF.  bald  auf  -t 
bald  auf  -nt  ausgehend:  88,  3  s'prechent  (ABC),  88,  28  merkent  (A), 
94,  18  dienent  (A,  verdienent  C);  dagegen  89,  19  sprechet  (BC),  89,  38 
lät  (BC),  94,  21  Itdet  (A,  lident  C).  —  Das  Lied  93,  12,  in  welchem 
die  Form  auf  -nt  durchgeführt  ist,  lasse  ich  als  unecht  außer  Be- 
tracht'^). Der  Dichter  hat  selbstverständlich  nur  eine  Form  gebraucht, 
und  man  kann  nicht  einmal  mit  A  Itdet  (94,  21)  und  dann  wieder  mit 
derselben  Handschrift   dienent   (94,  18)   schreiben.    Da  aber  die  Form 


*)  Eventuell  ne,  niht, 

*)  Bartsch,  Deutsche  Liederdichter,  II.  Ausg.  1879,  XI,   16  tt'.  setzt  überall  die 
Form  auf  -t. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHA.NSDOKF.  395 

auf  -nt  vorzugsweise  alemannisch  ist  und  demnach  unserem  Dichter 
nicht  zukommt,   so   schreibe  ich  überall  die  Form   auf  -t. 

In  gleicher  Weise  verhält  es  sich  mit  den  Worten  vröide  (vröude), 
ivan  (man),  c/m'  (durch). 

Mit  dem  Diphthong  öi  geschrieben  findet  sich  das  ei'stere  Wort: 

86,  3  (ABC);  87,  8  (A);  92,  30  (C);  93,  7  (C); 

mit  öu:  86,  15  (BC);  88,  17  (AC);  90,  23  (BC).  31  (BC) ;  91,  1 
(BC);  92,  14  (C).  16  (C);  94,  20  (AC).  .38  (AC);  vrömo-en  91,  2  (BC). 

Ich  schreibe  überall  ön,  außer  in  den  von  mir  für  uneclit  ge- 
haltenen Liedern  92,  14  flf.  und  92,  35  ff.,  wo  ich  es  dahingestellt  sein 
lasse  '). 

tvan  findet  sich  zweimal:  88,  37  (BC)  und  89,  20  (BC),  man  nur 
einmal:  95,  8   (AC).    Ich  schreibe  man^). 

dttr  findet  sich  öfter  als  durch,  und  zwar  87,23  (A).  33  (AC); 
95,  l  (AC);  95,  15  (AC) ;  88,  2  (AC); 

durch:  86,  25  {C  gegen  A),  89,  21   (BC). 

Da  dur  vorzugsweise  alemannisch  ist^),  so  ziehe  ich  durch  vor"*). 

seihen,  als  in  dem  unechten  Liede  93,  12  (v.  27)  stehend,  behalte 
ich   bei. 

Den  Vers  91,  5  bringe  ich  auf  6  Hebungen  durch  Synkope  von  e 
in  lachen  und  gendde.  Ich  sol  ze  mäze  lachen  unz  ich  ir  genade  erkenne. 
Die  Synkope  in  dem  letzteren  Worte  findet  sich  bei  Albrecht  sonst 
nur  einmal  87,  12  gnedic  (wo  A  die  einzige  Überlieferung  bietet)  und 
zwar  gegen  den  daktylischen  Rhythmus,  weshalb  Lachmann-Haupt  und 
Bartsch  gencudic  schreiben,  und  gewiß  mit  Recht.  Doch  ist  dies  bei 
dem  geringen  Material  kein  Beweis  für  das  Unstatthafte  der  Syn- 
kope an  obiger  Stelle.  Dasselbe  gilt  für  das  einzig  dastehende  lachen. 

In  V.  90,  8  ich  gedenke  also  vil  manege  (C  mange)  naht  [BCJ  be- 
seitige ich  den  doppelten  Auftakt  durch  Streichung  der  Vorsilbe  ge 
in  gedenke.  Haupt  läßt  also  vil  weg  und  tilgt  damit  den  Auftakt 
überhaupt,  welcher  nach  der  Mehrzahl  der  Fälle  in  den  ersten  Stollen- 
vei'sen  dieses  Tones  doch  gefordert  wird. 

Für  die  Lachmanu-Haupt'sche  Recension  entscheide  ich  mich  in 

87,  5  ff.    gegen  Bartsch,    welcher    den    daktylischen  Rhythmus   mög- 


')  Weiuliold,  Alemannische  Gramm.  §.  69  a;  Baier.   Gramm.  §.  98.     . 

^)  Weinhold,  Aleman.  Gramm.  §.  166'';  ßaier.  Gramm.  §.   136.  ^'^^ 

3)  Weinhold,  Aleman.  Gramm.  §.  236. 

*)  Vgl.  zu  allen  drei  Worten  Pfeiffer,   Germ.  III,  504. 


396  J-  HORNOFF 

liehst  genau  herzustellen  sucht,  dabei  aber  willkürlich  verfährt'): 
87,  6  ander{e)s.  v.  8  (wand  ich  si  hän  zeiner  vröude  erhorn  gegen  die  Wort- 
stellung in  A:)  icand  ich  zeiner  vröude  si  hän  erkorn.  v.  14  diu  (vil) 
guote.  V.  15  (mir).  22  iemer  (me).  Dagegen  87,  14  ziehe  ich  die  Conjectur 
von  Bartsch  vor:  daz  kriuze  do  sprach  diu  guote  e  (MF.  do)  ich  gie; 
und  87,  27:  daz  meine  ich,  so  die  sele  xoerden  gevdge  (MF.  beseitigt  so). 
87,9  ändern  Lachmann,  Bartsch  und  Weißenfels  'erarn  iren'  in: 
erarne  ir^) ,  nur  wünschen  die  beiden  ersteren  daktylische  Lesung 
und  führen  damit  Hiatus  ein,  während  Weißenfels  trochäisch  liest 
und  auch  die  sonst  vorkommenden  Hiatus  mit  Ausnahme  eines  Falles 
zu  beseitigen  sucht  ^),  was  ihm  nicht  gelingt,  cf.  unter  Elision. 

n.  Echtheit.  Zunächst  werden  die  Strophen,  welche  entweder 
nur  in  einer  Handschrift  oder  bei  mehrfacher  Überlieferung  in  der 
einen  unter  fremdem  Namen  auftreten,  zu  prüfen  sein. 

Unter  Niune  sind  uns  in  A  drei  (87,  29- — 88,  34) ,  unter  Gedrut 
vier  Strophen  überliefert  (94,  15 — 95,  15),  von  denen  die  letzte  C 
auch  unter  Rubin  von  Rudeger  bringt.  Da  unter  den  beiden  ersten 
Namen  die  Lieder  der  verschiedensten  Dichter  gesammelt  sind,  so 
werden  wir  nicht  nöthig  haben,  die  außerdem  in  BC,  eventuell  C, 
Johansdorf  zugesprochenen  Lieder  diesem  zu  entziehen,  wenn  sie 
sonst  ihrer  Form  und  ihrem  Inhalt  nach  den  Stempel  der  Echtheit 
an  sich  tragen.  Und  das  ist  allerdings  der  Fall,  man  müßte  denn 
94,25  wegen  der  hier  auftretenden  Personification  (der  Minne),  welche 
sonst  nur  in  einem  entschieden  unechten  Liede  (92,  35)  verwandt  wird, 
beanstanden.  Daß  die  letzte  Strophe  noch  unter  Rubin  von  Rudeger 
sich  findet,  will  ebensowenig  besagen,  da  anderseits  die  letzte  der 
vier  unter  diesem  Namen  in  C  überlieferten  Strophen  eine  echte 
Neithartstrophe  ist  (Neith.  ed.  Haupt  65,  37),  cf.  HMS.  4,  250.  254*). 

Von  den  nur  in  einer  Handschrift  überlieferten  Strophen  ent- 
sprechen die  drei  in  A  (87,  5.  13.  21)  durchaus  dem  Charakter  von 
Johansdorfs  Dichtung,  lassen  also  keinen  Zweifel,  hingegen  fordern 
die  von  C  allein  gebotenen  (91,  22—35.  92,  7  —  94,  14)  größtentheils 
ernste  Bedenken  heraus. 


')  Weißeufels,  der  daktylische  Eliythmus  bei  den  Miimesingern.  Halle  1886. 
S.  2  u.  34  flP. 

')  Und  mit  Recht;  cf.  Weinhold,  Mittelhuchd.  Gramm. ^  §.  481. 

»)  a.  a.  O.  S.  36. 

*)  Ev  nhold  Becker  dagegen  (der  altheimische  Minnesang.  Halle  188?.  S.  164) 
hält  92,  '>q  is  zum  Schluß,  also  auch  die  unter  Gedrun  überlieferten  .tjieder  für 
unecht. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  397 

Obwohl  die  Form  und  Inhalt  betreffenden  Fragen  erst  weiter 
unten  ihre  Lösung  finden  sollen ,  so  sei  doch  für  diese  Lieder  das 
Ergebniß  vorausgenommen.  Bei  der  ferneren  Untersuchung  werden 
die  Citate  aus  den  als  unecht  befundenen  Liedern  durch  Sternchen 
bezeichnet. 

Am  verdächtigsten  erscheinen  92,  14  ff.  92,  35  ff.  (Ton  XI). 
93,  12  ff.  (Ton  XII).  Ton  XI  deckt  sich  mit  dem  von  Carm.  Bur. 
102*  und  Reinm.  193,  22,  nur  daß  nach  Beckers  Recension ')  der 
Letztere  den  fünften  und  siebenten  Vers  der  Strophe  trochäisch  bildet, 
dagegen  Johansdorf  und  Carm.  Bur.  den  fünften  und  sechsten.  Für 
Carm.  Bur.  trifft  dies  allerdings  zu,  bei  Johansdorf  aber  stimmt  die 
Überlieferung  damit  nicht  überein.  Doch  auch  abgesehen  davon  würde 
die  Veränderung  des  Tones  nur  eine  sehr  geringe  sein,  und  Becker 
behauptet,  daß  auch  eine  auf  diese  Weise  begrenzte  Nachahmung 
nur  selten  vorkomme,  also  nicht  beliebt  gewesen  sei.  Es  ist  nicht 
anzunehmen,  daß  Johansdorf,  der  doch  sonst  ziemlich  selbständig  ist, 
wenigstens  nie  sklavisch  nachahmt,  dies  in  dem  einen  Falle  gethan 
haben  sollte.  Viel  eher  dürfen  wir  das  einem  Vaganten  zutrauen, 
welchen  Becker  als  Verfasser  vermuthet  (S.  219).  Dafür  spricht  nicht 
nur  der  fröhlich  freche  Ton,  der  fromme  Leichtsinn,  sondern  auch 
die  gewandte  Handhabung  der  poetischen  Technik,  das  Hereinziehen 
von  Bildern  aus  der  geistlichen  Dichtung  (93,  4)  und  vor  Allem  die 
Strophe  Carm.  Bur.  102*  selbst.  Hinsichtlich  der  Häufung  poetischer 
Kunstmittel  verweise  ich  auf  die  Responsion  92,  21  :  25.  22  :  24. 
30  :  32,  den  parallelen  Bau  der  Bedingungsperioden  in  92,  28  ff.,  die 
parallele  Stellung  der  Nebensätze  der  zweiten  Periode,  zwischen  die 
der  Nachsatz  tritt,  die  doppelte  Anwendung  der  Personification  in 
92,  35  ff.,  93,  11.  Auch  der  Umstand,  scheint  beachtenswerth,  daß  der 
Dichter  von  92,  14  ff.  die  Dame  sofort  direkt  anredet,  was  Johans- 
dorf nie  thut,  so  sehr  auch  das  Lied  auf  die  Kenntnisnahme  der 
Dame  berechnet  sein  möge,  wie  z.  B.  91,8  ff.,  v.  16.  Das  eine  Mal, 
wo  dies  aber  geschieht,  wagt  es  der  Dichter  erst  in  der  dritten  Strophe 
und  motivirt  es  durch  den  fingirteu  Dialog.  87,  21. 

Was  das  in  Frage  kommende  dritte  Lied  93,  12  anlangt,  so 
finden  wir  gleich  in  der  ersten  Zeile  den  bei  Johansdorf  sonst  nicht 
belegten  Ausdruck  huote.  küneginne  kommt  nur  in  dem  unechten  92,  35 
(v.  93,  1)  vor  als  Bezeichnung  der  Sselde,  wie  hier  der  Geliebten. 
Der   sonst  nicht   gerade   seltene   siebenhebige  Vers   zeichnet  sich  hier 

')  a.  a.  O.  S.  223. 


398  J-  HORNOFF 

durch  die  streng  beobaclitete  (abwechselnd  männliche  und  weibliche) 
Cäsur  nach  der  vierten  Hebung  aus.  Eine  genaue  Respousion  geht 
durch  die  ganze  Stroplienreihe,  indem  die  beiden  ersten  Zeilen  die 
Rede  des  Ritters,  die  zwei  folgenden  die  der  Dame  enthalten,  die 
beiden  letzten  Ritter  und  Dame  wechseln  lassen.  Das  Lied  wäre  auch 
das  einzige  Denkmal  bei  Johansdorf  für  eine  so  lange  ausgesponnene 
Conversation ,  die  sich  zwar  in  den  glättesten,  höfischen  Ausdrücken 
bewegt,  aber  ohne  tiefere  Empfindung  ist.  Alle  anderen  Lieder  endlich 
übersteigen  nie  die  Strophenzahl  drei. 

Zweifellos  unecht  erscheint  auch  das  Lied  92,  7  ,  vorausgesetzt 
dafs  man  es,  wie  Burdach'),  erst  auf  der  Kreuzfahrt  entstanden  sein 
läßt;  denn  ein  so  elendes  Machwerk,  ein  solches  Zusammenstoppeln 
von  Minnephrasen  dürfen  wir  Johansdorf  in  einer  Zeit,  wo  sein  dich- 
terisches Können  bereits  vorgeschritten  war^  nicht  mehr  zutrauen. 
Schon  die  Strophenform,  welche  höchst  unregelmäßig  ist  und  nur 
mühevoll  die  Dreitheilung  erkennen  läßt,  würde  auf  eine  frühe  Ent- 
stehungszeit hinweisen.  Nun  aber  erst  die  Gedanken  und  der  Gedanken- 
ausdruck: 92,  9.  Ich.  engetorste  ir  nie  gesingen  disiu  lief,  tcmr  si  vil  reine. 
niet  und  alles  loandels  fri.  Es  ist,  als  ob  sich  der  Dichter  wegen  seiner 
Liebe  entschuldigen  wollte.  Wie  paßt  nun  dazu:  si  sol  mir  erhaben,  daz 
ich  von  ir  tilgenden  spreche'}  Und  auch  der  letzte  Gedanke  ist  wenig- 
stens schief  ausgedrückt.  Anstatt:  Mich  loundert^  ist  si  mir  doch  nUit 
ein  wenic  hi,  icaz  si  an  mir  reche,  müßte  es  heißen:  M.  lo.,  bin  ich  ir 
doch  niht  ein  ivenic  hi  elc.  =  Mich  wundert,  was  sie  an  mir  zu  strafen 
hat,  da  ich  ihr  in  Folge  meiner  Abwesenheit  doch  keine  Gelegenheit 
dazu  gebe.  Soll  aber  der  erste  Satz  stehen  bleiben,  so  muß  der  zweite 
geändert  werden,  etwa:  wie  sie  sich  an  mir  reche  =  wie  sehr  sie  mich 
strafe.  Abgesehen  von  dieser  Ungeschicktheit  des  Ausdrucks  ist  es 
kaum  glaublich,  daß  Johansdorf  zu  einer  Zeit,  wo  er  schon  ernste 
Kämpfe  mit  der  Geliebten  bestanden  (87,  29),  auch  harten  Tadel  gegen 
sie  nicht  gescheut  hatte  (86,  9  ff.),  endlich  aber  (nach  94,  35  ff.  zu 
schließen)  zu  einem  innigen  Verhältnisse  mit  ihr  gelangt  war,  noch 
in  so  höflich-kaltem  Tone  zu  ihr  gesprochen  haben  sollte  (92,  11  si 
sol  mir  erhüben,  daz  ich  von  ir  tugenden  spreche).  Gehört  das  Lied 
Johansdorf  an,  so  fällt  es  in  die  früheste  Periode  seines  Dichtens 
und  ist  nicht  auf  dem  Kreuzzuge,  sondern  gelegentlich  einer  anderen 
Entfernung  von  der  Geliebten  außer  Landes  entstanden. 

IIL  Rhythmik  und  Metrik,  Bei  meiner  Untersuchung  habe 
ich    die  Schrift   von  Richard   M.  Meyer,    Grundlagen    des    mittelhocii- 

')  a.  a.  0.  S.  41. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  399 

deutschen  Stropbenbaues  (Straßburg  1886) ,  die  ein  vollständig  neues 
System  einführt,  unberücksichtigt  gelassen,  da  nach  seinem  eigenen 
Ausspruche  seine  Aufstellungen  noch  der  Discussion  bedürfen. 

Gottschau  hat  in  einem  Anhange  zu  seiner  Abhandlung  über 
Heinrich  von  Morungeu  (Beiträge  VII,  408)  die  Perioden  des  Minne- 
sangs vor  Walther  von  der  Vogelweide  behandelt,  worin  er  die  älteren 
j\linnesänger  nach  ihrer  Technik  zu  drei  Gruppen  ordnet,  deren  mittlerer 
Johansdorf  zugewiesen  wird. 

Strophenbau.  Die  Lieder  Johansdorfs  vertheilen  sich  auf 
13  Töne  in  der  Weise,  daß  drei  Töne  einmal  wiederholt  sind  (86,  1 
in  86,  25  mit  geringer  Veränderung:  Auftakt  in  den  Versen  des  Ab- 
gesangs;  91,  8  in  91,  22;  *92,  14  in  *92,  35),  ein  Ton  doppelt  (94,  15 
in  94,  25  und  94,  35)  und  ein  Ton  doppelt,  bez.  dreifach  wiederholt 
ist  (87,  29  in  88,  19  und  88,  33  bez.  in  88,  5,  wenn  man  diese  Strophe 
als  selbständiges  Lied  auffaßt). 

Innerhalb  der  einzelnen  Strophenschemata  werden  wir  zwischen 
wenig-  und  reichgegliederten  zu  unterscheiden  haben,  zwischen  solchen, 
deren  einzelne  Theile  organisch  fest  zusammengeschlossen  sind,  und 
solchen,  wo  der  Zusammenhang  derselben  nur  ein  loser  ist  oder  ganz 
aufhört,  üb  92,  7  überhaupt  gegliedert  ist,  erscheint  zunächst  zweifel- 
haft; die  Strophe  soll  besonders  besprochen  werden. 

Zu  den  wenig  gegliederten  Strophen,  bei  denen  die  Verse  alle 
gleich  jsind  und  die  Gliederung  nur  durch  den  Reim  bewirkt  wird, 
gehört  die  nach  romanischem  Muster  gebildete  87,  5;  ferner  91,  8,  wo 
der  füufhebige  Vers  nur  durch  eine  dreihebige  Waise  im  Abgesange 
unterbrochen  wird.  In  86,  1.  86,  25  und  90,  32  ')  sind  Auf-  und  Ab- 
gesang  bereits  je  durch  eine  besondere  Versart  bezeichnet.  Die 
übrigen  Strophen  zeigen  eine  reichere  Gliederung. 

Was    nun    den  Zusammenhang    zwischen  Abgesang    und  Stollen 
anlangt,    so  ist  ein  solcher  nicht  vorhanden 
in  86,  1  und  86,  -25:     öa  5b  |  4c  -  4d  4c  -   4d  = 
in  89,  9:     3a  -   6b  |  7  c  7  c,  in  93,  12:  3a  ^   5b  |  4c  7  c, 
in  90,  32:     7a  7  b  |  6c  -   6x^j  3c  -. 

Genau  wird  der  ganze  Stollen  nur  im  Abgesange  von  92,  14 
wiederholt.  Als  Zusatz  tritt  der  erste  Stollenvers  an  den  Anfang  des 
Abgesangs: 

4a  3b  -  I  4c       4c  3b  -    (1.  Str.:   4a  3b  -  |  4a       4a  3b  -). 

')  Hier  weicht  allerdings  schon  der  letzte  Vers  des  Abgesangs  ab. 

^)  Der  Stollen  wird  nur  einfach  bezeichnet,  der  Auftakt  überhaupt  nicht. 

^j  X  =  Waise. 


400  -T-  HORNOFF 

Nur  theilweise  oder  verändert  findet  sich  der  Stollen  im  Ab- 
gesange  von  87,  29  und  89,  21.  Im  Abgesange  von  87,  29  fällt  der 
zweite  Vers  des  Stollens  (4a  3b  5a  3b)  hinweg,  der  letzte  erhält 
klingenden  Ausgang  und  zu  Anfang  und  Ende  des  Abgesangs  tritt  ein 
Zusatz,  welcher  keine  Verwandtschaft  mit  Versen  des  Aufgesangs  zeigt: 
6e 4e  5f  3'g  ^ 5g  -   6f. 

In  89,  21  wird  der  erste  Vers  der  Stollen  um  eine  Hebung  ver- 
mehrt und  erscheint  im  Abgesange  als  Waise,  der  letzte  erhält  eben- 
falls klingenden  Ausgang;  der  mittlere  Stollenvers  wird  als  Zusatz 
am  Anfange  des  Abgesangs,  mit  verändertem  Ausgange  zweimal  wieder- 
holt: 4a  6b  -  4c  I  6d  6d 5x  6f  -   4f  -. 

Der  umgekehrte  Stollen    wird   ohne  Zusatz  wiederholt  in  91,  36, 
verschieden  vom  Aufgesange  außerdem  durch  den  Inreim    und  durch 
den  umgekehrten   Ausgang  der  Verse. 
7a  5b  ^  I  5d  7c  - 
=    .        .        I  (3c  ^  4-2d)  (4d  -f-  3c  ^). 

Nur  der  mittlere  Vers  der  Stollen  wird  am  Anfange  des  Ab- 
gesangs wiederholt  in  94,  15  : 

3a  6b  4c  I  6d  —  5d  5e  7e. 

In  allen  den  bisher  genannten  Strophen  ist  der  Theil  des  Ab- 
gesangs, welcher  den  Stollen  nachahmt,  außer  in  92,  14  nicht  durch 
die  Reime  mit  diesem  verbunden.  Der  Zusammenschluß  zwischen 
beiden  Theilen  erscheint  im  Ganzen  ziemlich  lose;  vollständig  erreicht 
wird  er  allein  in  92,  14. 

Die  Stollen  selbst  sind  mit  Ausnahme  von  87,  29  und  des  noch 
zu  besprechenden  92,  7  einander  gleich  gebildet.  In  87,  29  sind  aber 
die  Reime  verschieden:  ab  ab  |  cd  cd|];  ganz  ebenso  Hartmann 
209,  55. 

Was  den  Umfang  der  Stollen  anlangt,  so  ist  die  gewöhnliche 
Zahl  der  Stollenverse  zwei,  nur  zweimal  finden  sich  drei  Verse:  89,  21 
und  94,  15'),  einmal  vier:  87,  29. 

Das  Verhältniß  der  Stollenverse  zu  denen  des  Abgesangs  ist 
meist:  2:2:3  (90,  32.  91,  8.  91,  22.  92,  14.  92,  35),  2:2:4  (86,  1. 
86,  25.  87,  5.  90,  16)  und  2  :  2  :  2  (89,  9.  91,  36.  93,  12);  außerdem 
kommt    vor:    3:3:4    (94,15),    3:3:5    (89,21),    4:4:6    (87,29). 

Schwierigkeit   bereitet   die  Auffassung  der  Strophe  92,  7,    deren 
Schema  nach  der  Versabtheilung  in  MF.  folgendermaßen  aussieht: 
4a  3a  6a  |  6b  7c  -  |  6b  3c  -. 

')  Über  das  spärliche  Vorkommen  dreiversiger  Stollen  bei  den  älteren  Minne- 
sängern vgl.  Lehfeld,  Friedrich  von  Flausen  Beitr.  II,  37G. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  401 

Wir  erhalten  somit  eine  unregelmäßige  Dreitheilung,  bei  welcher  die 
sich  annähernd  entsprechenden  Theile  am  Ende  statt  am  Anfange 
stehen;  es  würde  demnach  eine  Vertauschung  von  Auf-  und  Abgesang 
stattgefunden  haben,  die  allerdings  Schneider^)  für  möglich  hält,  wo- 
gegen sich  aber  Meyer  (a.  a.  O.  S.  126)  ernstlich  erklärt.  Ich  schlage 
eine  andere  Abtheilung  vor,  durch  welche  die  Stollen  ihre  natürliche 
Steile  behalten.  Auf-  und  Abgesang  sind  durch  den  Reim  getrennt, 
die  Gruppirung  der  Stollen  wird  durch  die  Wiederholung  des  drei- 
hebigen  Verses  gegeben: 

4a  3a  |  6a  3a||3b  7c  -  6b  3c  -. 
Der  Satz :  wcer  si  vil  reine  niet  \  und  alles  wandeis  fri  wird  freilich 
zerrissen  und  zwischen  Auf-  und  Abgesang  vertheilt;  doch  kommt 
dieser  Fall  auch  sonst  vor,  cf.  Reinm.  190,  27.  Auch  die  Thatsache, 
daß  beide  Stollen  gleiche  Reime  haben  und  in  einzelnen  Versen  un- 
gleich sind,  ist  anderweitig  belegt.  Beide  Unregelmäßigkeiten  weist 
Veldecke  62,  11  auf:  3a2a|4a2a||,wo  die  Wiederkehr  des  zwei- 
hebigen  Verses  die  Gruppirung  ermöglicht.  Der  Abgesang  wiederholt 
die  drei  Versgattungen  des  Aufgesangs  in  derselben  Reihenfolge: 
ij  3c  4c  2c.  —  Ungleiche  Zahl  der  Hebungen  in  einem  Stollen verse 
hat  Morungen  143,  22  (Tagelied):  4a3b|3a3b||. 

Für  den  ersteren  Fall,  daß  beide  Stollen  gleiche  Reime  haben, 
vergleiche  man  noch  Rugge  102,  27:  4a  «-^  4a  ^  i  4a  --  4a  ^  N  4a  ^ 
3  b  7  b,  wo  allerdings  in  Folge  des  gleichen  Baues  der  fünf  ersten 
Verse  die  Dreitheilung  aufgehoben  wird.  Ich  werde  aber  später  zu 
erweisen  suchen,  daß  diese  Strophenform  auf  ein  dreigliedriges  Schema 
zurückgeht.  Zum  Beleg  für  den  zweiten  Fall,  Ungleichheit  der  beiden 
Stollen,  können  auch  diejenigen  Strophen  herbeigezogen  werden,  in 
denen  der  eine  Stollen  von  dem  anderen  um  einen  ganzen  Vers  ver- 
schieden ist,  die  Dreitheilung  aber  in  Folge  der  Reime  unverkennbar 
bleibt.  Der  überschüssige  Vers  erscheint  als  Waise  im  zweiten  Stollen, 
entsprechend  der  Waise  des  Abgesangs,  bei  Hausen  42,  1 : 

4a  4b  I  4b  4x1  4a  ||  2a  4c  4x''  4c, 
als  Reiravers  zum  ersten  oder   zweiten  Stollen  gehörig:  Veld.  64,  10: 

4a  ^   4b  ■-  |4b  -  i  4b^  4a  ^  ||  4c  4c, 
zum  ersten  Stollen  gehörig  67,  25: 

5a  5a  5a  |  4b  -   4b  -  ||  4a  4b  -, 
wo  auch  noch  die  Zahl  der  Hebungen  differirt. 

')  Dr.  Johann  In)manuel  Schneider,  Systematische  und  geschichtliche  Dar- 
stellung der  deutschen  Verskunst  von  ihrem  Ursprünge  bis  auf  die  neuere  Zeit. 
Tübingen  1871,  S.  31  u.  190. 

GERMANIA.    Neue  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  26 


402  J-  HORNOFF 

Hebungenzahl  und  Reime  sind  ungleich,  ohne  doch  eine  gewisse 
Entsprechung  vermissen  zu  lassen,  bei  Reinmar  180,28*),  nach  der 
Recension  von  Regel  (Germ.  XIX,  163  f.,  168): 

6a  5b  -  6a  I  6a  5b  -  5b  -  ||5c  5c. 

Noch  unregelmäßiger  ist  das  S<5hema  nach  der  Recension  von 
Lachmann-Haupt:  6a  5b  -   6a  |  5a  5b  -   5b  -  ||  5c  5c. 

Im  Hinblick  auf  so  viele  Unregelmäßigkeiten  anderer  Strophen, 
bei  denen  die  Dreitheilung  dennoch  vorhanden  ist,  werden  wir  auch 
unserer  Strophe  dieselbe  nicht  absprechen  dürfen. 

Auch  für  die  übrigen  Töne  Johansdorfs  sollen  Analoga  gesucht 
werden.  Denselben  Strophenbau  wie  87,  5: 

4a  -  4b  I  4b  4a  -  4b  4a  - 
haben  Veld.  57,  10  und  Hausen  53,  31,  nur  daß  die  Verse  nicht 
Daktylen  sind  und  bei  Letzterem  auch  der  abwechselnd  klingende 
Ausgang  mangelt.  Vgl.  auch  Hausen  49,  37,  Veld.  60,  29.  Qö,  28.  Mor. 
140,  32.  133,  13.  Der  vierhebige  daktylische  Vers  wird  als  strophen- 
bildend verwendet  von  Hausen  53,  15;  Fenis  80,  1.  25.  82,  26.  83,  11. 
25.  36;  Öutenburc  77,  36  ff.;  Rugge  101,  15.  108,  22;  Horheim  113,  1. 
33.  114,  21.  115,3.  27;  Steinach  118,  1;  Hartm.  215,  14;  nur  theilweise 
Hausen  43,  28;  Mor.  129,  14.  135,  9.  141,  15.  37;  bis  auf  einen  Vers 
die  ganze  Strophe  einnehmend  in  140,  32  und  133,  13. 

Annähernd  gleiche  Reime  wie  87,  5  hat  auch  Johansdorfs  Lands- 
mann Rute  116,  l:a-b|ba-b(=  Steinach  118,  19). 

Jo,h.  86,  1  und  86,  25:  5a  5b  |  4c  -   4d  4c  -   4d. 

Die  Reimstellung  ist  nicht  selten  anzutreffen:  Rugge  103,  3; 
Mor.  130,  31;  Adelnburc  148,  1;  Reinmar  151,  1. 

Die  Vertheilung  von  fünf-  und  viermal  gehobenem 
Vers  auf  die  Stollen  einerseits,  der  Abgesang  andererseits 
findet  sich  sonst  nicht.  In  den  Stollen  durchgehend  fünf  hebige 
Verse  hat  auch  Reinm.  175,  1  und  190,  3;  den  viermal  gehobenen  Vers 
durchgehend  im  Abgesang  Eist  34,  19.  36,  5.  39,  30;  Reinm.  191^34. 
192,  2ö.  203,  24;  Mor.  125,  19. 

Joh.  91,  8:  5a  5b  |  5c  3x  5c. 

90,  32:  7a  7b  |  6c  -  6x  3c  ^. 

Die  Reimstellung  ab  |  cxc  lindet  sich  ungemein  häufig  bei  Reinm. 
170, 1.  170,  36.  175,  1.  178,  1.  184,  31.  191,  34;  197,  15.  198,  28;  auch 
bei  Mor.  140,  11.  142,  26.  144,  17;  Eist  36,  34. 

*)  Nach  Pauls  Recension  (Beiträge  II,  544):  öaöb^  5a|5a5b^  5b^||.. 
Weißenfels  nimmt  wieder  Silbenzählung  an  (a.  a.  O.  S.  5 — 13),  was  höchst  unwahr- 
scheinlich ist. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  403 

Den  Vers  von   fünf  Hebungen    durch  die  ganze  Strophe  gehend 
haben  Hausen  47,  9;    Fenis   81,  30;    Rute   116,  1  =  Steinach  118,  19; 
Reinm.  194,  18;    Hartm.  205,  1;    die  Verbindung   mit   dem  Verse  von 
drei  Hebungen  im  Abgesange  allein  Mor.  131,  25: 
5a  -  5b  1  3c  5d  -   2d  -   5c. 

Wechsel  zwischen  sieben,  sechs-  und  dreihebigen,  wenn  auch  in 
anderer  Folge  als  90,  32  hat  ebenfalls  nur  Mor.  134,  6: 
6a  7b  (  7b  7a  3a  6b. 
Job.     89,  9:  3a  -   6b  j  7c  7c. 
*93,  12:  3a  -   5b  |  4c  7c. 

Die  Reimstellung  ab  |  cc  finden  wir  ausschließlich  bei  Reinraar: 
168,  30.  169,  9.  171,  32.  177,  10.  182,  33.  185,  27.  Meist  erscheint  bei 
ihm  ebenfalls  der  längere  Vers  an  zweiter  Stelle  im  Stollen  und  Ab- 
gesang.  Den  umgekehrten  Stollen  von  89,  9  hat  Mor.  138,  17:  6a  ^ 
3b  I  ,  Reinm.  168,  30:  6a  3b  ^\.  Das  ganze  Strophenschema  ist  mit 
geringer  Veränderung  gleich  Mor.  143,  4:  4a  6b  |  7b  7b.' 

Ebenso  ist  das  Schema  von  93,  12  nur  wenig  modifizirt  bei 
Reinm.  171,32:  4a  5b  1  4c  7c.  182,34:  4a  -  5b  |  4c  7c;  der  Stollen 
umgekehrt  in  185,  27:  5a  4b  j  4c  7c.  Der  Abgesang  von  93,  12: 
4c  7c  findet  sich  auch  Eist  40,  19;  Reinm.  201,  33.  Den  Schluß  der 
Strophe  resp.  des  Abgesangs  bildet  die  Verbindung  des  vier-  und 
siebenhebigen  Verses  bei  Rute  117,  1;  Reinm.  195.  10.  197,  15;  Hartm. 
209,  5.  Den  umgekehrten  Stollen  von  89,  9  verbindet  mit  dem  Ab- 
gesange von  93,  12  Reinm.  168,  30:6a3b^|4c7c. 

Job.  90,  16:  4a  -  5b  |  3c  -   2c  -  5d  5d. 

Der  vierversige  Aufgesang  mit  abwechselnd  vier-  und  fünfmal 
gehobenem  Verse  kommt  vor  bei  Eist  34,  19;  Mor.  130,  31;  Reinm. 
155,27.  171,22.  172,23.  191,34.  192,25.  162,7:  4a5b|ccdxd. 
Stollen  umgekehrt  163,  23:  5a  4b  |  ccdxd.  Auch  die  Ausgänge  der 
Stollenverse  entsprechen  genau  denen  von  90,  16  bei  Mor.  125,  19: 
4a  -   5b,  ebenso  147,  4;  Reinm.  182,  34. 

Die  Reimordnung  ab  |  ccdd  ist  vertreten  bei  Eist  39,30; 
Hausen  52,  37;  Rugge  101,  7;  Horheim  115,  3;  Mor.  138,  17;  Reinm. 
190,  3;  Hartm.  212,  13.  215,  14. 

Job.  *92,  14:  4a  3b  ^^  |  4c  4c  3b  -, 
aber  in  der  ersten  Str.:   4a3b^|4a4a3b--'. 

Den  Ton  der  übrigen  Strophen  hat  Reinm.  193,  22,  den  der 
ersten  ganz  annähernd  Veld.  61,  18,  nur  der  letzte  Vers  hat  hier  vier 
Hebungen.  Denselben  Aufgesang  hat  Eist  36,  5.  39,  30;  Veld.  60,  13; 

26* 


404  J-  HORNOFF 

61,  25;  Hartm.  209,  5.  Seinen  ersten  Stollen  bildet  das  Morungensche 
Tagelied  (143,  22)  ebenso. 

Die  Reime  des  Tones  92,  14,  abgesehen  von  der  ersten  Strophe, 
bietet  Mor.  126,8,  nach  der  Schematisirung  von  Gottsehau')  ab  | 
(Inreim  b)  c  c  b. 

Joh.  91,26:    7a  5b  -  1  5d  7c  -   [=  (3c  -  +  2d)   (4d  +  3c-)]. 

Der  Stollen  und  die  entsprechenden  Verse  des  Abgesaugs  finden 
sich  umgekehrt  bei  Mor.  132,  27:  5a  7b  [  7b  5a   . . ., 

fünf-  und  siebenhebiger  Vers  gebunden  am  Schluß  des  Abgesangs 
bei  Reinm.  190,  3.  —  Die  Bindung  der  Reime  c  d  d  c  als  Endreime 
findet  sich  ziemlich  häufig,  der  erste  und  dritte  als  Inreim  sonst  nur 
noch  bei  Reinm.  179,  8  ff.""). 

Joh.  89,  21:  4a  6b  -  4c  |  6d  6d  5x  6e  -  4e  -. 

Der  Vers  von  vier  ist  mit  dem  von  sechs  Hebungen  sonst  nur 
im  zweiversigen  Stollen  gebunden:  4a  6bj:  Mor.  127,34;  129,5; 
Reinm.  165,1.  166,16.  174,3.  194,34.  197,15;  Hartm.  216,1; 
6a  4b:  Reinm.  173,  6.  Diese  Verbindung  auch  im  Abgesange  durch- 
geführt Reinm.  156,  27:  4a6b|4c6c6d4e4e6d.  —  Nur  im 
Abgesange  Mor.  140,  11:  |  4c  4x  6c.  127,  1  |  ...  6x  4d  -. 

Die  Reimordnung  a  b  c  im  dreiversigen  Stollen  ist  durchaus  die 
gewöhnliche.  Veld.  58,  11.  67,  33  und  sonst.  Die  ReimorduuQg  des  Ab- 
gesangs d  d  X  e  e  ist  sehr  selten  und  kommt  nur  noch  ein  einziges 
Mai  bei  Hartmann  214,  34  bei  zweiversigen  Stollen  vor.  Statt  dessen 
findet  sich  bei  Reinmar  mit  kleiner  Umstellung  häutig  die  Form 
ddexe  165,  1.  10.  166,  16  etc.,  auch  ddeee  159,1,  überall  bei 
zweiversigem  Stollen. 

Joh.  94,  15:  3a  6b  4c  (  6d  5d  5e  7e. 

In  anderer  Ordnung  wiederholen  sich  die  Verse  des  Stollens  bei 
Mor.  130,  9:  4  a  3  b  6  c,  bei  Reinm.  186,  19:  6a  3b  4c-.  Verbindung 
von  sechs-  und  dreimal  gehobenem  Verse  im^  zweiversigen  Stollen 
Mor.  138,17;    Reinm.  168,30.    Zu    dem  Abgesange    von    94,15    vgl. 

Mor.  145,  1:     |  6b  5a  -  öa  -   6b. 

Reinm.  189,  5:    |    .    6c  5d  -  4x  7d  -. 

Über  die  Reimordnung  d  d  e  e  ist  schQn  unter  Joh.  90,  16  gehandelt. 

Joh.  87,  29:  4a  3b  5a  3b  |  4c  3d  5e  3d  ||  6e  4e  bi  3g  - 
5g-  6f. 

Jeder  Stollen  zerfällt  dem  Reime  nach  in  zwei  einander  gleiche, 
denen    des    anderen    nur    congruente  Theile;    ebenso  Hartm.  2o9,  25: 

')  Beiträge  VII,  366, 


'}  Bartsch  Germ.  III,  484. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  405 

4a  2b  4a  2b  |  4c  2d  4c  2d.  Verschiedene  Reime  in  den  beiden 
Stollen  auch  sonst,  doch  in  anderer  Anordnung  cf.  Fenis  84,  37; 
Reinm.  199,  25;  Steinach  119,  13.  Derselbe  hat  vierversigen  Stollen? 
ebenso  wie  Fenis  83,25.  36;  Rugge  102,1;  Mor.  123,10;  Reinm. 
187,  31  ;  Veld.  62,  25  (?).  Die  gewöhnliche  Reimstellung  im  vierver- 
sigen  Stollen  ist  a  b  c  d. 

Die  Versverbindung  4a  3b  5a  3b,  doch  auf  beide  Stollen  ver- 
theilt,  hat  Johansdorfs  Landsmann  Rute  117,  26.  Sonst  wechselt  der 
vier-  mit  dem  drei-  und  fünfmal  gehobenen  Verse  nur  im  dreiversigen 
Stollen  ab:  Reinm.  160,  6.  167,  31. 

Anordnung  der  Reime  im  Abgesang  c  c  d  e  e  d  auch  Mor.  127,  34; 
Reinm.  151,  33.  156,  27,  sonst  nicht. 

Überblicken  wir  noch  einmal  das  Ganze,  so  sehen  wir,  wie  trotz 
der  vielen  verwandtschaftlichen  Beziehungen  hinsichtlich  des  Strophen- 
baues, die  Johansdorf  mit  den  übrigen  älteren  Minnesängern  ver- 
binden, und  wie  sie  sich  nothwendiger  Weise  einstellen  mußten,  der- 
selbe doch  seine  Selbständigkeit  bewahrt. 

Ganz  allein  bei  ihm  findet  sich  der  vier-  und  fünfmal  gehobene 
jambisch-trochäische  Vers  auf  Stollen  einerseits,  auf  Abgesang  anderer- 
seits vertheilt. 

Eigenthümlich  ist  ihm  ferner  die  Versverbindung  4  a  6  b  ^  4  c 
im  Stollen  (89,  21). 

Gewisse  Berührungen  finden  mit  Hartmann,  Reinmar,  Morungen, 
Rute  und  Fenis  statt,  die  theils  auf  Zufall,  theils  auf  freier  Nach- 
ahmung beruhen  können.  Aber  nur  in  einem  einzigen  Falle  und  zwar 
in  den  unechten  Liedern  92,  14.  35  zeigt  sich  vollkommene  Gleichheit 
mit  einem  anderen  Tone.  —  Die  übrigen  bedeutenden  Berührungen 
stelle  ich  hier  kurz  zusammen: 

1.  Job.  87,  29.  Die  Versverbindung  4a  3b  5a  3b  bildet  einen 
Stollen,  Rute  117,  26:  4a  3b  |  5a  3b  beide  Stollen. 

2.  Job.  87,  5:  4a  -   4b  |  4b  4a  -   4b  4a  ^,  Daktylen. 
Fenis  83,  11:  4a  -  4b  |  4b  4a  -  4b,  Daktylen. 

3.  Joh.  89,  9:  3a  -  6b  |  7c  7c. 
Mor.  143,  4:  4a  6b  |  7b  7b. 

4.  Joh.  91,36:    7a  5b  ^  |  5d  7c  ^. 
Mor.    132,  27:  5a  7b  |  7b  5a  .  . 

5.  Joh.  94,  15  Aufgesang:  3a  6b  4c; 
Mor.  130,  9  Aufg.:  4  a  3  b  6  c. 
Reinm.  186,  19  Aufges. :  6a  3b  4c. 

6.  Joh.   94,  15  Abges.:    6d  5d  5e  7e. 
Mor.  145,  1  Abges.:    6b  5a-  5a-   6b. 


406  J-  HORNOFF 

7.  Der  fünfhebige  Vers  bildet  die  Strophe  mit  einmaliger  Untei*- 
brechung  durch  den  dreihebigen  Vers.  Joh.  91,  8:  5a  5b  |  5c  3x  5c. 
Mor.  131,  25:  5a  -  5b  |  3c  5d  '-"  5d  -  5c. 

8.  Wechsel  von  sieben-,  sechs-  und  dreihebigem  Verse  bei  Joh. 
90,32:  7a  7b  i  6c  -   6x  3c  -   und  Mor.  134,  6:  6a  7b  ]  7b  7a  3a  6b. 

9.  Geradezu  auffallend  ist,  daß  die  allereinfachste  Reimbindung 
ab  I  cc  Johansdorf  nur  mit  Reinmar,  die  folgende:  ab  j  cxc  nur  mit 
Reinmar  und  Morungen  (einmal  auch  Eist  36,  34) ,  die  Reimbindung 
d  d  X  e  e  im  Abgesang  nur  einmal  mit  Hartmann  (214,  34)  gemein  hat. 
Man  muß  annehmen,  daß  diese  Verbindungen  gerade  wegen  ihrer 
Einfachheit  nicht  beliebt  gewesen  sind,  die  genannten  Dichter  aber 
sich  nicht  daran  gekehrt  haben.  Auch  die  Reimordnung  im  Abgesang: 
ccdeed  haben  außer  Johansdorf  (87,29)  nur  Morungen  (127,34) 
und  Reinmar  (151,  33  und  156,  27).  —  Weniger  nimmt  es  wunder, 
wenn  bei  dem  seltenen  Vorkommen  des  vierversigen  Stollens  Joh.  (87,  29) 
nur  mit  Hartmann  (209,  25)  in  der  Reimstellung  abab  |  cdcd  zu- 
sammentrifft. 

Die  Strophenform  des  unechten  Liedes  *93,  12:  3a-  5b  |  4c  7c 
hat  mehrere  Seitenstücke  bei  Reinmar,  171,  32:  4a  5b  |  4c  7c. 
182,  34:  4a  5b  ]  4c  7c.  185,  27:  5a  4b  |  4c  7c.  Das  Lied  gehört 
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  in  die  Reinmarsche  Schule. 

Zu  *92,  14:  4a  3b'-'  I  4|  4f  3b  -  ist  außer  Reinm.  193,22  noch 
Veld.  61,  18:  4a  3b  -  |  4a  4a  4b  -   zu  stellen. 

Unter  den  Berührungen  der  echten  Lieder  mit  fremden  verdient 
diejenige  von  Joh.  89,  9  mit  Mor.   143,  4  die  meiste  Beachtung. 

Nach  der  größeren  oder  geringeren  Kunst  des  Aufbaues  nun 
könnte  man  die  Töne  Johansdorfs  etwa  folgendermaßen  gruppiren: 

I.  Gruppe:  Zweiversiger  Stollen,  a)  Eine  Versart  beherrscht  die 
ganze  Strophe.  87,  5:  4a  -  4b  |  4b  4a  -^  4b  4a  -.  Im  Abgesang 
tritt  eine  ungleich  gebaute  Waise  hinzu.  91,  8:5a5b|5c3x5c. 

h)  je  eine  Vei'sart  beherrscht  den  Auf-  und  den  Abgesang. 
86,  1.  86,  25:  5a  5b  |  4c  -  4d  4c  -  4d;  ein  ungleich  gebauter  Vers 
im  Abgesang:  90,  32:  7a  7b  |  6c  -   6x  3c  -. 

IL  Gruppe:  Zweiversiger  Stollen.  Verschiedene  Versarten  ge- 
mischt. 89,  9:  3a  -  6b  |  7c  7c.  *93,  12:  3a  -  5b  |  4c  7c.  *92,  14: 
4a  3b  -  !  4|  4^  3b-.  90,  16:  4a  -  5b  |  3c  -  2c  -  5d  5d.  91,  36: 
7a  5b  -  I  5d  (mit  Inreim)   7c  -   (mit  Inreim). 

III.  Gruppe:    Mehrversiger  Stollen.    Verschiedene  Versarten   ge- 
mischt. 89,  21:  4a  6b  -  4c  |  6d  6d  5x  6e  -  4e  -. 
94,  15:   3a  6b  4c  |  6d  5d  5e  7e. 
87,  29:  4a  3b  5a  3b  \  4c  3d  5c  3d  ||  6e  4e  5f  3g  -  5g  -   6f, 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  407 

Gehen  wir  nun  zu  der  Besprechung  der  einzelnen  Versarten  über. 

Vers  von    zwei  Hebungen 
findet    sich   nur  einmal  als  zweiter  Vers  des  Abgesangs,     jambisch 
mit  klingendem   Ausgange,    gebunden  mit  dem  dreihebig-trochäischen 
in  90,  16. 

Vers  von  drei  Hebungen: 

a)  stumpf:  in  den  Stollen  als  erster  Vers  94,  15,  trochäisch, 
abwechselnd  mit  dem  jambisch-stumpfen  Verse  von  sechs  und  vier 
Hebungen;  als  zweiter  und  vierter  Vers  87,  29,  jambisch  mit  Aus- 
nahme von  87,  30  und  88,  20,  abwechselnd  mit  dem  jambisch-trochäi- 
schen Verse  von  vier  und  fünf  Hebungen  mit  stumpfem  Ausgange"; 
als  zweiter  Vers  in  92,  7,  jambisch,  im  ersten  Stollen  mit  dem  vier- 
hebig-jambischen ,  im  zweiten  Stollen  mit  dem  sechshebig-jambischen 
Verse  gebunden. 

Im  Abgesange  steht  der  dreimal  gehobene  Vers  als  erster  92,  7i 
jambisch,  durch  tiberschlagenden  Reim  mit  dem  sechshebig-jambischen 
verkettet;  als  zweiter  Vers  in  91,8,  Waise,  jambisch,  ausgenommen  91,27; 

h)  klingend:  in  den  Stollen  als  erster  Vers  89,9,  trochäisch, 
ausgenommen  v.  89,  11,  abwechselnd  mit  dem  trochäischen,  eventuell 
jambischen  (89,  10)  Verse  von  sechs  Hebungen  mit  stumpfem  Aus- 
gange; als  erster  Vers  auch  in  *93,  12,  trochäisch,  ausgenommen  93,  12, 
abwechselnd  mit  dem  trochäisch-stumpfen  von  fünf  Hebungen;  als 
zweiter  Vers  in  92,  14,  jambisch,  abwechselnd  mit  dem  jambisch- 
stumpfen Verse  von  vier  Hebungen; 

im  Abgesange  als  erster  Vers  90,  16  trochäisch;  als  dritter 
Vers  in  90,  32,  trochäisch,  gebunden  mit  dem  Verse  von  sechs  Hebungen, 
getrennt  durch  die  sechshebige  Waise;  an  dritter  Stelle  ebenfalls  in 
92,14,  jambisch,  gebunden  mit  dem  gleichgebauten  Stollenverse;  als 
vierter  Vers  in  87,  29,  trochäisch,  ausgenommen  89,  6,  gebunden 
mit  dem  fünfhebig-jambischen,  eventuell  trochäischen  (88,  17)  Verse; 
an  gleicher  Stelle  in  92,  7,  trochäisch,  durch  überschlagenden  Reim 
mit  dem  siebenhebig-trochäischen  gebunden. 
Vers  von  vier  Hebungen: 

daktylisch^):  in  87,  5  durchgehend,  abwechselnd  klingend  (der 
erste,    dritte,    sechste  und  achte  Vers  der  Str.)  und  stumpf  (zweiter, 

')  Weißenfels  sucht  nachzuweisen,  daß  Johansdorf  das  Princip  der  Silbenzählung, , 
angewendet    habe.    Bei   dem    geringen  Material    aber    und  der  lückenhaften    und  un- 
sicheren Überlieferung   des  einzigen,  in  Betracht   kommenden  Liedes  scheint  mir  bei 
diesem  Dichter  eine  sichere  Entscheidung,  ob  Silbenzählung  oder  ob  Daktylen,  nicht  ' 
zu  gewinnen  zu  sein.    Ich  fasse  die  Verse  als  Daktylen  auf. 


408  J.  HORNOFF 

vierter,  fünfter  und  siebenter  Vers).  Auftakt  steht  ganz  unregelmäßig. 
Weißenfels  hat-nachzuweisen  gesucht  (a.  a.  O.  S.  34  ff.),  daß  in  diesem 
Liede  die  romanische  Silbenzählung  angewandt  sei. 
Der  jambisch-trochäische  Vers  steht: 

a)  stumpf:  in  den  Stollen  als  erster  Vers  87,  29,  jambisch, 
ausgenommen  88,  37,  durch  überschlagenden  Reim  mit  dem  fünfhebig- 
jambischen,  eventuell  trochäischen  (87,  31.  88,  11)  gebunden;  als  erster 
Vers  auch  92,  14,  jambisch,  abwechselnd  mit  dem  jambisch-klingen- 
den Verse  von  drei  Hebungen;  an  dritter  Stelle  94,  15,  jambisch,  ab- 
wechselnd mit  dem  jambisch-stumpfen  Verse  von  sechs  und  dem  tro- 
chäisch-stumpfen von  drei  Hebungen  ;  als  erster  und  dritter  Vers  in 
89,21,  jambisch,  mit  Ausnahme  von  89,  23.  35.  90,  10,  den  jambisch- 
klingenden Vers  von  sechs  Hebungen  umgebend;  nur  im  ersten  Stollen 
von  92,  7  an  erster  Stelle,  jambisch,  gebunden  mit  dem  dreihebig- 
und  sechshebig-jambischen; 

im  Ab ge sänge  von  86,  1  und  86,  25  an  zweiter  und  vierter 
Stelle,  wechselnd  'mit  dem  vierhebig-klingenden  an  erster  und  dritter 
Stelle,  in  86,  1  trochäisch,  in  86,  25  jambisch;  als  erster  Vers  in  93,  12, 
trochäisch,  abgesehen  von  94,  13,  gebunden  mit  dem  siebenhebig- 
trochäischen ;  als  zweiter  Vers  in  87,  29,  jambisch,  gebunden  mit  dem 
sechshebig-jambischen,  eventuell  trochäischen  (88,  13.  89,  3)  Verse; 
als  erster  und  zweiter  Vers  in  92,  14,  mit  einander  gebunden,  jam- 
bisch, ausgenommen  92,  18.  19.  92,  33.  93,  2. 

b)  klingend:  als  erster  Stollen vers  in  90,  16,  jambisch  in  der 
ersten,  trochäisch  in  der  zweiten  Strophe,  abwechselnd  mit  dem  tro- 
chäisch-stumpfen Verse  von  fünf  Hebungen; 

im  Abgesange  als  erster  und  dritter  Vers  in  86,  1.  86,  25,  mit 
dem  vierhebig-stumpfen  wechselnd,  in  dem  ersten  Liede  trochäisch, 
im  zweiten  jambisch;  als  fünfter  (letzter)  Vers  des  Abgesangs  89,21, 
jambisch,  gebunden  mit  dem  sechshebig-jambischen. 

Vers  von  fünf  Hebungen: 

a)  stumpf:  In  den  Stollen  von  86,  1  und  86,  25  durchgehend, 
jambisch;  ebenso  91,  8,  trochäisch,  mit  Ausnahme  von  91,  11.  18; 
als  zweiter  Vers  90,16,  trochäisch,  mit  dem  jambisch- trochäischen 
Verse  von  vier  Hebungen  und  mit  klingendem  Ausgange  wechselnd; 
ebenso  93,  12,  trochäisch,  mit  Ausnahme  von  93,  21,  mit  dem  (jambisch-) 
trochäischen  von  drei  Hebungen  und  mit  klingendem  Ausgange  wech- 
selnd; als  dritter  Vers  87,  29,  jambisch,  ausgenommen  87,  31  und  88,  11, 
durch  überschlagenden  Reim  mit  dem  (jambisch-)  trochäischen  Verse 
von  vier  Hebungen  gebunden ; 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  409 

im  Abgesange  an  erster  Stelle  91,  36,  trochäisch,  mit  dem 
trochäisch-klingenden  Verse  von  sieben  Hebungen  durch  Inreim  gebun- 
den; an  erster  und  dritter  Stelle  91,  8,  trochäisch,  abgesehen  von 
91,  21,  mit  einander  gebunden,  getrennt  durch  die  dreihebige  Waise; 
an  zweiter  und  dritter  Stelle  94,  15,  in  ersterem  Falle  trochäisch 
und  gebunden  mit  dem  trochäischen  Verse  von  sechs  Hebungen,  im 
zweiten  Falle  jambisch,  ausgenommen  95,  14,  und  gebunden  mit  dem 
siebenhebig-jambischen  Verse;  an  dritter  Stelle  87,  29,  jambisch,  durch 
umschließenden  Reim  mit  dem  sechshebig-jambischen  Verse  gebunden'); 
an  dritter  Stelle  89,  21  als  Waise,  trochäisch,  dagegen  90,  2  jambisch; 
an  dritter  und  vierter  Stelle  90,  16,  trochäisch,  ausgenommen  viel- 
leicht 90,  22  (wenn  man  so  ist  nicht  mit  Synaloephe  liest),  beide  Verse 
mit  einander  gebunden. 

b)  klingend:  als  zweiter  Stollenvers  91,  36,  im  ersten  Stolleu 
trochäisch,  im  zweiten  jambisch,  abwechselnd  mit  dem  trochäisch- 
stumpfen  Verse  von  sieben  Hebungen; 

als  fünfter  Vers  des  Abgesangs  87,29,  jambisch,  mit  Aus- 
nahme von  88,  17,  gebunden  mit  dem  dreihebig-trochäischen,  eventuell 
jambischen  (89,  6)   Verse; 

Vers  von  sechs  Hebungen: 

a)  stumpf:  in  den  Stollen  als  zweiter  Vers  89,9,  trochäisch, 
nur  89,  10  jambisch,  abwechselnd  mit  dem  trochäisch-  resp.  jambisch- 
klingenden Verse  von  drei  Hebungen,  an  gleicher  Stelle  in  94,  15, 
jambisch,  zwischen  dem  trochäisch-stumpfen  von  drei  und  dem  jam- 
bisch-klingenden von  sechs  Hebungen;  als  erster  Vers  des  zweiten 
Stollen  von  92,  7,  jambisch,  gebunden  mit  dem  drei-  und  vierhebig- 
jambischen  Verse; 

imAbgesang  von  87,  29  als  erster  Vers,  jambi-sch  (87,  37.  88,  27) 
und  trochäisch  (88,  13.  89,  3),  gebunden  mit  dem  vierhebig-jambischen; 
in  demselben  Liede  als  sechster  Vers  den  Abgesang  beendigend,  jam- 
bisch und  durch  umschließenden  Reim  mit  dem  fünfhebig-jambischen, 
eventuell  trochäischen  (?  89,  5)  gebunden ;  als  erster  Vers  noch  in 
94,  15,  trochäisch,  gebunden  mit  dem  fünfhebig-trochäischen ;  als  erster 
und  zweiter  Vers  in  89,  21,  jambisch  (dagegen  90,  12  trochäisch),  mit 
einander  gebunden;  als  zweiter  Vers  in  90,32,  trochäisch,  Waise; 
als  dritter  Vers  in  92,  7,  jambisch,  durch  überschlagenden  Reim  mit 
dem  dreihebig-jambischen  gebunden. 


')  In  V.  89,  5  fehlt    entweder    eine  Hebung    (es  sind    statt    fünf  Hebungen  nur 
vier)    oder    man  muß  „die"  als  taktfüllend  betrachten  und  den  Vers  trochäisch  lesen. 


410  J-  HORNOFF 

b)  klingend:  als  zweiter  Vers  der  Stollen  in  89,  21,  jambisch, 
umgeben  von  dem  trochäisch-jarabischen  Verse  von  vier  Hebungen 
mit  stumpfem  Ausgang; 

im  Abgesange  desselben  Tones  als  vierter  Vers,  jambisch,  ge- 
bunden mit  dem  jambisch- vierhebigen;  als  erster  Vers  in  90,  32,  tro- 
chäisch (90,36)  und  jambisch  (91,5),  gebunden  mit  dem  dreihebig- 
trochäischen,  durch  die  sechshebige  Waise  getrennt, 

Vers  von  sieben  Hebungen: 

a)  stumpf:  durch  den  ganzen  Auf ge sang  von  90,  32,  im  ersten 
Stollen  trochäisch,  im  zweiten  jambisch;  als  erster  Vers  der  Stollen  in 

91,  36,  trochäisch,  abwechselnd  mit  dem  jambisch-trochäischen  Verse 
von  fünf  Hebungen  mit  klingendem  Ausgange; 

den  zweiversigen  Abgesang  bildend  in  89,  9,  trochäisch,  mit 
einander  gebunden;  als  zweiter  Vers  des  Abgesangs  in  93,  12,  tro- 
chäisch, gebunden  mit  dem  (jambisch-)  trochäischen  Verse  von  vier 
Hebungen;  an  vierter  Stelle  in  94,  15,  jambisch,  gebunden  mit  dem 
fünfhebig-jambischen,  eventuell  trochäischen  (95,  14)  Verse. 

b)  klingend:  als  zweiter  Vers  im  Abgesang  von  91,  36,  tro- 
chäisch, durch  den  Inreim  des  vorhergehenden  fünfhebigen,  trochäisch- 
stumpfen  Verses  gebunden;  an  zweiter  Stelle  des  Abgesanges  auch  in 

92,  7,    trochäisch,    durch    überschlagenden  Reim   mit   dem   dreihebig- 
trochäischen  gebunden. 

Den  breitesten  Raum  nimmt  der  fünfmal  gehobene  Vers  mit 
stumpfem  Ausgange  ein  (klingend  nur  im  Aufgesange  von  91,  36 
und  im  vorletzten  Verse  des  Abgesangs  von  87,  29).  Es  folgt  der  Vers 
von  vier  Hebungen',  überwiegend  stumpf,  der  von  drei,  gleich- 
mäßig stumpf  und  klingend,  schließlich  der  sechs-  und  siebenmal 
gehobene,  welche  beide  den  stumpfen  Ausgang  bevorzugen.  —  Die 
Waise  hat  drei,  fünf,  sechs  Hebungen  und  ist  immer  stumpf. 

Johansdorf  bindet  oft  lange  mit  kurzen  Versen  oder  läßt  sie  mit- 
einander abwechseln.  Der  Vers  von  drei  Hebungen  tritt  neben  den 
sechsmal  gehobenen  94,  15  f.  und  entsprechend  in  den  übrigen  Strophen, 
89,  9  f.  90,  36  ff.  92,  9  f.  12  f.,  neben  den  siebenmal  gehobenen  Vers 
92,  10  f.  —  Der  Vers  von  vier  ist  mit  dem  von  sieben  Hebungen 
gebunden  *93,  16  f. 

Nicht  immer  stellt  der  Dichter  die  kürzeren  Verse  in  die  Stollen, 
die  längeren  in  den  Abgesang,  um  so  einen  breiteren  Abschluß  zu 
gewinnen.  Im  Gegentheil  wird  90,  32  der  Aufgesang  von  siebenmal 
gehobenen  Versen    gebildet,    der  Abgesang   läßt   auf  zwei  Verse  von 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  4U 

sechs  einen  von  drei  Hebungen  folgen.  —  Auch  wenn  man  den  Ab- 
gesang  für  sich  betrachtet,  bilden  nicht  immer  die  längeren  Verse  den 
Beschluß.  So  89,  21:  6d  6d  5x  6e  ^   4e  ^.  92,7:  3b  7c  ^   6b  3c  ^. 

Auftakt.  Unbedenklich  dürfen  wir  einsilbigen  überall  an- 
nehmen, da  diejenigen  Stellen,  wo  zweisilbiger  erscheint,  leicht  geändert 
werden  können,  durch  einfache  Synkope  von  u:  Jer{u)salem  89,  22; 
durch  Synkope  von  e  mit  Auflösung  des  vorhergehenden  Consonanten : 
gegen  in  gein  *92,  23.  36;  durch  Synaloephe:  daz  ist  in  deist  89,  19, 
siist  \n  sist  *93,  4;  durch  Apokope:  swenne  *92,  31;  durch  Inclination 
mit  verbundener  Apokope:  sone  *92,  26.  93,  3,  mit  verbundener  Syn- 
kope: ichn  87,  38,  dem  88,  24,  desn  88,  6,  ezyi  89,  36;  durch  Kürzung 
des  Stammvocals  in  memer  88,  13:  Ine  erivache  nimer  ezn  si  mm 
erste  segen\  durch  Beseitigung  der  Vorsilbe  ge-  90,  8:  ich  {ge)denke 
also  vil  manege  naht. 

Was  die  Anwendung  des  Auftakts  anlangt,  so  ist  Johansdorf 
sehr  frei  verfahren.  Geregelt  ist  sein  Vorkommen  nur  in  Ton  I  (86,  1), 
wo  er  durch  den  ganzen  Aufgesang  angewandt  ist,  einmal  auch  im 
Abgesang  (86,  15);  ferner  in  Ton  XIII  (94,  15),  wo  ihn  die  zweiten 
und  dritten  Stollenverse  und  der  dritte  und  vierte  des  Abgesangs 
haben,  mit  der  einzigen  Ausnahme  von  95,  14.  Die  Modification  des 
I.Tones  (86,25)  zeigt  nur  jambisch  gebildete  Verse,  trochäisch  durch- 
geführt ist  Ton  *XI  (93,  12),  mit  Ausnahme  von  *93,  12.  21.  *94,  13. 
Alle  drei  Fälle  lassen  sich  leicht  beseitigen,  wenn  man  mit  Bartsch 
in  dem  zweiten  und  dritten  Verse  die  kürzere  Form  für  die  2.  pers. 
plur.  wählt:  *93,  21  ir  mugt  iuiver  klage  wol  läzen  sin,  *94,  13  ivie 
meint  ir  daz  fromme  gHot,  im  ersten  Verse  (*93,  12),  wenn  man  si 
streicht  und  damit  den  Parallelismus  aufgibt:  ich  vant  äne  hüote  die 
vil  minneclichen  eine  stau.  —  Nur  in  den  Stollen  regelmäßig  erscheint 
der  Auftakt  in  Ton  *XI  (92,  14);  im  Abgesang  von  Ton  VI  (90,  16) 
hat  ihn  regelmäßig  der  zweite  Vers. 

Der  jambische  Rhythmus  überwiegt.  Von  312  Versen  sind  172 
jambisch  (die  daktylischen  Verse  sind  unberücksichtigt  gelassen). 

Ausgang  der  Verse.  Nur  stumpfen  Ausgang  haben  die  Verse 
von  91,  8.  94,  15. 

Der  Aufgesang  wird  aus  Versen  von  nur  stumpfem  Ausgang  ge- 
bildet in  86,  1.   86,  25.    87,  29.   90,  32.   92,  7. 

Stumpfer  Ausgang  durch  den  ganzen  Abgesang  in  89,  9.  *93,  12. 

Der  stumpfe  Ausgang  wechselt  mit  dem  klingenden  ab. 

a)  durch  Auf-  und  Abgesang:  91,  36; 

h)  in  den  Stollen:  87,  5.  89,  9.   90,  16.  *92,  14.  *93,  12;    in  dem 


412  J.  HORNOFF 

dreiversigen  Stollen  von  89,  21  hat  der  mittlere  Vers  den  klingenden 
Ausgang; 

c)  im  Abgesang:  86,  1.  86,  25.  87,  5.  92,  7. 

Der  stumpfe  zwischen  zwei  klingenden  Ausgängen  90,  32. 

Zwei  Versen  mit  klingendem  folgen  zwei  mit  stumpfem  Ausgange 
90,  16. 

Zwei  Versen  mit  stumpfem  folgt  einer  mit  klingendem  Ausgange 
*92,  14; 

drei  Versen  mit  stumpfem  zwei  mit  klinf];endem  Ausgang  89,  21. 

Von  den  Versen  des  Abgesangs  in  87,  29  sind  die  Ausgänge  des 
dritt-  und  vorletzten  klingend. 

Bevorzugt  erscheint  demnach  der  stumpfe  Ausgang.  Nur 
etwa  ein  Viertel  sämmtlicher  Verse  sind  klingend. 

Reim.  Die  bei  Gottschau  (Beitr.  VII,  418  flf.)  zerstreuten  Be- 
merkungen stelle  ich  zunächst  zusammen: 

Vocalisch-unreiner  Reim:  a:  ä:  hegan  :  hän  86,  1  :  3.  war  :  gar 
88,  6  :  8.  Mn  :  Jean  89,  32  :  35.  bräht  :  naht  90,  5  :  8.  gar  :jär  92,  4  :  5. 

Consonantisch-unreiner  Reim:  h  :  g'.  hesnahen  :  gevage  (Conjectur 
von  Haupt)   87,  25  :  27.  nn  :  rum  küneginne  :  gimme  *93,  1  :  4. 

Übergreifendes  n:  genomen  :  kome  86,  25  :  27.  haben  :  grabe  :  be- 
snaben  :  gevage  87,  22  :  24  :  25  :  27.  sere  :  keren  87,  26  :  28.  wichen 
:  himelrwhe  *92,  24  :  27. 

Übergreifendes  t  (von  Lachmann  hergestellt):  gemüete  :  wüetet 
:  güete  *92,  15  :  17  :  20. 

Ich  füge  nun  weiter  hinzu:  erweiterter  Reim  findet  sich: 
87,  25 :  27  hesnaben  :  gevage.  90,  24  :  26  gerungen  :  gesungen.  95,  2  :  3 
geleben  :  gegeben. 

Erlaubter  rührender  Reim'):  87,  21  (:  23)  :  26.  sere  (:  ere) 
:  sere.  *92,  16  (:  18)  :  19.  lit  (:  strit)  :  Ut  92,  7  (:  8  :  9)  :  10.  iiiet  (:  schiet 
:  liet)  :  niet. 

Inreim  begegnet,  abgesehen  von  94,  24  :  22,  wo  der  außerdem 
rührende  Reim  als  Zufall  erscheint,  bloß  einmal:  92,  3  ff.,  als  solcher 
von  Bartsch  (Germ.  III,  483)  zuerst  erkannt,  in  MF.  noch  als  End- 
reim aufgefaßt.  Die  beiden  Verse  des  Abgesangs  reimen  kreuzweise, 
ein  Wort  innerhalb  jeder  Zeile  reimt  mit  dem  Schlüsse  der  andern: 
swer  si  vor  mir  nennet  der  hat  gav 

mich  ze  friunt  ein  ganzez  Jdr,  het  er  mich  j och  verbrennet. 


*)  Schneider  a.   a.  O.  S.   149  unter  c). 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  4]  3 

Beispiele  für  diese  seltene  Art  des  Inreims  sind  von  Bartsch^) 
bei  Ulrich  von  Winterstetten  (MSH.  1,  IGS"),  Keinmar  (MF.  179,  8) 
Ulrich  von  Liechtenstein  (ed.  Lachmann  456,  27)   nachgewiesen. 

Selten  fällt  der  Inreim  bei  dem  trochäisch- stumpfen  Verse  von, 
fünf  Hebungen  auf  die  dritte  Hebung  und  Senkung,  sondern  gewöhnlich 
auf  die  zweite  (Bartsch  a.  a.  O.  S.  166  c),  doch  hat  Bartsch  auch  für 
ersteren  Fall  mehrere  Beispiele  nachgewiesen  (S.  168)  '^).  Der  Regel 
ist  wenigstens  insofern  entsprochen,  als  zu  stumpfem  Endreim  klin- 
gender Inreim  steht.  Der  zweite  Vers,  trochäisch-klingend  mit  sieben 
Hebungen  hat  den  Inreim  an  der  gewöhnlichen  Stelle,  auf  der  vierten 
Hebung  (Bartsch  S.  171);  dem  klingenden  Endreim  entspricht  stumpfer 
Inreim. 

Ich  habe  oben  dem  Tone  87,  29,  wie  auch  Lachmann-Haupt, 
vier  versigen  Stollen  zugeschrieben  und  nach  der  gegebenen  Über- 
lieferung mit  Recht.  Ich  will  aber  hier  wenigstens  die  Möglichkeit 
einer  anderen  Auffassung  nicht  unerwähnt  lassen,  bei  welcher  wir 
Inreim  erhalten  würden.  Es  lassen  sich  nämlich  allemal  zwei  Verse 
der  Stollen  in  einen  zusammenfassen,  abgesehen  von  87,  29.  30,  da 
der  letztere  Vers  keinen  Auftakt  hat.  Zu  dieser  Auffassung  stimmt 
auch  die  Interpunktion  vorzüglich.  Wir  würden  dann  in  jedem  Stollen 
einen  sieben-  und  einen  achthebigen  Vers  mit  gepaartem  Endreim, 
an  Stelle  der  bisherigen  Endreime  des  ersten  und  dritten  Verses  aber 
Inreim  erhalten.  Beim  siebenhebigen  Verse  würde  der  Inreim  an  der 
gewöhnliche  Stelle  auf  der  vierten  Hebung  (Bartsch,  S.  170),  beim 
achthebigen  auf  der  fünften  zu  finden  sein  (cf.  S.  171:  Inreim  auf  der 
fünften  in  Verbindung  mit  Inreim  auf  der  zweiten  Hebung).  Die 
Reime  der  beiden  Stollen  bleiben  verschieden:  aa  |  bb;  doch  vgl. 
Veld.  67,  3.  67,  2ö.j  Fenis  84,  37.  Die  längeren  Verse  würde  auch  hier, 
wie  in  90,  32,  der  Aufgesang  haben.  Das  Vorkommen  des  achtmal 
gehobenen  Verses  kann  uns  nicht  wundern,  da  ihn  auch  Eist  32,  1 
und  Reinm.  195,  37.  196,  35.  195,  10.  163,  23  verwenden.  FreiUch  fügt 
sich  die  Überlieferung  in  87,  30  nicht:  es  fehlt  die  erste  Senkung. 
Man  müßte  aber  annehmen,  daß  riu  aus  un{z  her)  verderbt  wäre,  was 
bei  der  ziemlich  schlechten  Überlieferung  nicht  unmöglich  ist.  —  Das 
für  die  Reimordnung  im  vierversigen  Stollen  als  Analogen  herbei- 
gezogene Lied  Hartmanns  209,  25  würde   sich  ebenfalls  in  Verse  mit 


')  Der  inueie  Reim  in  der  höfischen  Lyrik.  Germ.  XII,  161. 
*)  wem    hoert    aber    klingen    dzirch  den  walt.    MSH,  2,  132*.    loterriter  hoete 
phliht  geselle,  ebenria  3,  52''. 


414  J.  HORNOFF 

Inreim  umschreiben  lassen.  Derselbe  würde  auf  die  vierte  Hebung 
des  sechsmal  gehobenen  Verses  fallen,  wie  bei  Morungen  137,  31 
(cf.  Bartsch  S.  170).  Trotzdem  halte  ich  bei  Johansdorf  an  der  ersten 
Auffassung  des  Strophenschemas  fest,  da  sich  so  eine  harmonische 
Gliederung  (kürzere  Verse  im  Aufgesang,  Verwandtschaft  des  Ab- 
gesanges  mit  den  Stollen)  ergibt,  welche  bei  dem  offenbar  spät  ent- 
standenen Liede  uns  nicht  wunder  nimmt,  ebensowenig  wie  der  vier- 
versige  Stollen. 

Schlagreim.  90,34  lounder  under.  wunder  ist  allerdings  erst 
von  Lachmann  ergänzt,  es  kann  aber  kaum  etwas  Anderes  dagestanden 
haben.  Auch  die  folgende  Zeile  hat  Schlagreim,  wenn  auch  unreinen: 
daz  loas^  und  sonst  noch  finden  sich  Künsteleien  in  den  beiden  Stro- 
phen des  Tones, 

Eine  dem  Emjambement  verwandte  Erscheinung  ist  die  Los- 
trennung des  Objects  von  dem  regierenden  Verbum  durch  den  Reim 
in  94,  15,  was  um  so  auffälliger  ist,  als  das  Verbum  die  Imperativische 
Form  hat  und  somit  eine  Pause  schlechterdings  nicht  zuläßt: 

guote  Hute,  holt 
die  gäbe,  die  got  unser  herre  selbe  git. 

Reimstellung.  Überschlagender  Reim  findet  sich  meist  in 
den  Stollen.  86, 1.  25.  87,  5  etc.,  über  zwei  Verse  schlagend  89,  21. 
94,  15,  im  Abgesaug  86,  1.  25.  87,  5.  92,  7. 

Paarweiser  Reim  nur  im  Abgesang. 

Der  paarweise  Reim  unterbrochen  durch  eine  Waise  90,  32.  91,  8. 

Die  Waise  zwischen  zwei  Reimpaaren  89,  21. 

Umschließender  Reim  im  Abgesang  von  87,  29  und  mit  Hinzu- 
nahme des  zweiten  Stollenverses  in  92,  14,  dort  der  klingende  Reim 
vom  stumpfen  umschlossen,  hier  umgekehrt. 

Gehäufter  Reim  im  Aufgesang  von  92,  7.  Die  vier  Verse  beider 
Stollen  reimen  miteinander. 

Entschieden  auf  romanischen  Einfluß  weist  die  Verknüpfung 
zweier  Strophen  durch  den  Reim,  verbunden  mit  Reim- 
entsprechung. 

Der  erste  Reim  der  ersten  und  zweiten  Strophe  von  87,  5  ist 
derselbe,  wenn  auch  nicht  ganz  vollkommen: 

1.  Str.  scheiden  :  leiden  :  heiden  :  beiden. 

2.  Str.  kleide  :  beide  :  —  :  leide. 

Diese  Erscheinung  finden  wir  bei  den  romanisirenden  Lyrikern  nicht 
selten.  Hausen  (47,9)  verknüpft  die  zweite  und  dritte  Strophe  in  den 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHÄNSDORF.  415 

zweiten  Stollenversen   und  in  dem   ersten  und  vierten  Verse  des  Ab- 
gesangs:  2.  Str.     .  nan  :  verbau  :  \  man  :  ergän. 

3.  Str.     .  län  :  enpfä  :  |  ergän  :  getan. 
In  den  beiden  Strophen   von  49,  37  bindet  er  die  ersten  Stollenverse 
und  den  zweiten  und  vierten  des  Abgesangs: 

1.  ka7i  :  getan  :  |  hau  :  ergän. 

2.  man  :  verlän  :  |  geioan  :  bestän. 

Dazu    kommen    die    gleichen   Reim  werte    des    zweiversigen   Refrains; 
tuo  :  zuo. 

Morungen  127,  34  sind  die  Schluß verse  aller  fünf  Strophen 
durch  den  Reim  verknüpft: 

1.  se  :  2.  e  :  S.  me  :  4  me  :  5.  erge. 
Die  viertletzte  Zeile  wird  durch  den  Ausruf  oice  gebildet. 

Rugge  109,  9  reimen  die  drei  letzten  Verse  der  ersten  und  dritten 
Strophe  (unrein):  1.    getan  :  wdn  :  hän. 

3.    man  :  gewan  :  began. 
Die   dritte   reiht   sich  an  die  zweite  durch  Wiederholung  der  Schluß- 
reime im  ersten  und  dritten  Verse  (also  nicht  an  den  entsprechenden 
Stellen).    2.  Str.  nild  :  (geschiht)  :  siht.    3.  Str.  niht :  —  siht. 

Auch  findet  Verknüpfung  durch  mehr  als  einen  Reim  statt: 

Hausen  51,  13  reimen  die  zweiten  Stollenverse  und  der  erste 
Vers  des  Abgesangs  rein: 

1.  Str.  hän  :  getan  :  j  erlän. 

2.  Str.  undertän  :  enhän  :  |  getan, 
die  Schlußverse  des  Abgesangs  unrein: 

1.  Str.  hat :  begät  :  rät. 

2.  Str.  aldä  :  anderswä  :  nä. 

In  Gutenburc  78,  15  ff.,  24  ff.,  33  ff.,  welche  Burdach  ^}  im 
Gegensatze  zu  Scherer '^)  in  Folge  der  Responsion  als  Strophen  eines 
Liedes  auffaßt,  sind  die  zweiten  Stollenverse  und  der  vorletzte  Vers 
des  Abgesangs  in  der  zweiten  und  dritten  Strophe  durch  Reim  ge- 
bunden: 

2.  Str.  belxben:  vertriben  :  veTTnlden* 

3.  Str.  vermiden  :  IMen  :  beltben. 

Hiezu   kommt   die  Wiederholung   des   ersten   und   dritten  Reimwortea 
in  umgekehrter  Folge.    Nicht   so  regelrecht  ist   die  Entsprechung  der 


')  a.  a.  O.  S,  89. 

')  Scherer,  Deutsche  Stadien  I,  335. 


416  J.  HORNOFF 

übrigen  Verse.  Es  findet  hier  Verknüpfung  durch  grammatischen  Reim 
statt:       2.  Str.  hegän  :  (ivan)  :  gän  :  (verhau  :  man)  :  gestdn. 
3.  Str.  erg  dt  :  gät  :  bestät  :  (rät  :  hat  :  missetät). 
Feuis  80,1.  Die  ersten  Stollenreime  lauten  in  der 
1.  Str.  wän  :  hän, 
in  der  3.  Str.   lau  :  hän. 
Die  Verse  des  Abgesangs   sind  theils  durch  den  gewöhnlichen,    theils 
durch   den    unrein   rührenden,    theils    durch  den  grammatischen  Reim 
gebunden:     1.  Str.  (sttget)  :  helibet  :  kan  :  trlhet. 

3.  Str.  vertriben  :  libe  :  ban  :  ver€\rtbe. 
Eine  andere,  der  eben  besprochenen  verwandte  Erscheinung  ist 
die,  daß  in  den  verschiedenen  Strophen  die  gleichen  Reim  vokale 
an  den  entsprechenden  Stellen  auftreten.  Es  ist  dies  eine  freie  Behand- 
lung des  romanischen  Princips,  wonach  dieselben  Reime  in  jeder 
Strophe  wiederkehren.  Das  Durchführen  des  gleichen  Reimvokals 
aber  in  mehreren  aufeinander  folgenden  Versen  entspricht  der  Neigung 
der  Romanen  zur  Reimhäufung,  wie  sie  z.  B.  in  den  altfranzösischen 
Pastourellen  auftritt ').  Johansdorf  hat  in  den  beiden  Stollen  beider 
Strophen  von  90,  32  den  Reimvokal  a,  in  der  Waise  des  Abgesangs  ä: 

1.  Str.  gras  :  hlat  .  was  :  stat  |  hän 

2.  Str.  sanc  :  mac  :  lanc  :  tac  \  stät. 

Wir  haben  hier  also  1.  die  Häufung  vokalischen  Gieichlauts  an  den 
Reimstellen  von  vier  einanderfolgenden  Versen,  2.  die  Entsprechung 
der  Stollenverse  und  der  Waise  des  Abgesangs  zweier  Strophen  im 
vokalischen  Gleichlaut  des  Reimes. 

Dieses  feine  Hören  vokalischer  Gleichlaute  war  ja  dadurch  er- 
möglicht, daß  die  Lieder  gesungen  wurden,  beim  musikalischen  Vor- 
trage aber  die  Silben  länger  gezogen  werden  als  beim  declamatori- 
schen.  Hat  doch  selbst  ein  moderner  Dichter  dieses  poetische  Mittel 
nicht  verschmäht,  ohne  sich  auf  den  Gesang  stützen  zu  können. 
Chamisso  läßt  in  seinem  Gedichte  „Nacht  und  Winter"  innerhalb  von 
vierzehn  Strophen,  die  terzinenartig  gebaut  sind,  an  Stelle  des  Reimes 
die  Vokalisation  e,  i,  e  und  i,  e,  i  wechseln  '^) : 

Von  des  Mondes  kaltem   Wehen 

Wird  der  Schnee  dahergetrieben, 

Der  die  dunkle  Erde  decket. 


')  cf.  Eduard  Tischer,  Über  Nithart  von  Riuwental.  Leipz.  Doctordiss.  Leipzig 
1872.  S.  52. 

')  cf.  Wilhelm  Seyd,  Beitrag  zur  Charakteristik  und  Würdigung  der  deutschen 
Strophen.  Berlin  1874.  S.  20. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF,  417 

Dunkle  Wolken  ziehn  am  Himmel, 

Und  es  flimmern  keine  Sterne, 

Nur  der  Schnee  im  Dunkel  schimmert. 

Daß  man  aber  schon  damals  auf  solche  Kleinigkeiten  achtete, 
lehrt  die  Betrachtung  der  übrigen  Minnelieder.  Von  der  Quantität 
des  Reimvokals  muß  man  allerdings  absehen  und  darf  ihn  auch  nicht 
auf  männliche  oder  weibliche  Reime  beschränken  wollen. 

Ich  ziehe  nun  zunächst  die  Durchführung  desselben  Reimvokals 
durch  mehrere  hintereinander  folgende  Verse  in  Betracht. 

Steinach  119,  3  hat  den  Reimvokal  a  in  den  acht  Versen  des 
Aufgesangs:  mac.  tac.  wart,  vaster  |  same.  schäme,  art.  laster.\\ 

Veld.  67,  9  (a.  a)    gestät.  gras.  rät.  was.  \ 

Mor.  129,  5  (e.  e)  loert.  gesehen,  gert.  vergen.  \ 

Der  Gleichlaut  erstreckt  sich  auch  auf  den  Abgesang,  natürlich, 
da  die  Stollenreime  in  den  Abgesang  übergeführt  werden: 
Veld.  66,  9  man  sal.  span.  geval.  \  sioan.  sal.  an. 

57,  26  rate,  ergän.  späte,  missetän  \  etüstän.  bäte,  umhevän,        | 

57,  10  tage.  lanc.  klage,  getioanc.  |  danc.  träge,  kranc.  verzage,   j 

59,  23  järe.  lanc.  kläre,  offenbare,  sanc.  märe.  \  danc.   (minne.)  wanc. 

62,  4  wanc.  klär,  kranc.  war.  \  danc.  sanc.  vär. 

Steinach  118,  19  jären.  alt.  wären,  gestalt.  \  geioalt.  gebären,  engalt. 

Rugge  ;99,  29  hän.  icalt.  val.  stän.  kalt,  nahtegal.  \  sanc.  gedanc  . .  . 
vgl.  auch  die  2.  Str. 

Andere  Vokale:  6.  Veld.  63,  18  schone,  gelobet,  kröne,  höbet.  |  tobet, 
schone. 

66,  32  trost,  tot.  erlöste,  not.  \  tote.  note. 

Mor.  134,  6  geswom.  tot.  erkorn.  not.  \  rot.  verborn.  zorn.  gebot. 

i.  i.  Hausen  45,  19  zit.  twinget.  lip.  bringet.  |  nit.  loip.  vollebringet. 
Fenis  82,  5  twinge.  bin.  gedinge.  hin.  \  sin.  gelinge,  ungeicin. 

Entwickelt  sich  der  Gleichlaut  des  Reimvokals  zum  Reim,  so 
geht  natürlich  die  Gliederung  der  Strophe  verloren.  Nur  auf  diese 
Weise  ist  überhaupt  ein  Ton  wie  Rugge  102,  27   verständlich: 

1.  Str.  munde,  künde.  \  stunde,  gunde.  \  hunde.  muot.  entuot. 

2.  Str.  stoite.  missetcete.  \  rcete.  bcete.  \  wcete.  muot.  guot. 

Diese  Strophenform  setzt  offenbar  in  ihrer  Entwickelung  ein  Schema 
mit  zweiversigera  Stollen  und  dreiversigem  Abgesang,  an  dessen  An- 
fang der   eine  Stollenvers  wiederholt  ist,   voraus. 

Die  Wiederkehr  zweier  Vokale  im  Auf-  und  Abgesange  findet  statt: 
Veld.  66,  \  a.  i  (i).   an.  bilde,   stride.   enpfän.  |   ar.    loinde.  gewar. 
linden. 

ÖERMANIA.    Nene  Reihe  XXI.  (XXXIII.)  Jahrg.  27 


418  -T-  HORNOFF 

58,  35  a.  i.  j  «.  ä.  .danc.  küneginne.  twanc.  \  loinne.  danc.  gedranc.  \\ 
miime.  sin.  loolgetdne.  äne.  dm.  mm. 

Hausen  44,  5  %.  a.  fn.  man.  min.  gewa.n.  \  Itden.  haz.  haz.  bellten. 

Reinm.  188,  31  ^.  ä.  i.  a.  \  i.  a.  zit.  gdri.  pflige.  mac.  \  strit.  getan, 
lige.  tac.  \  scMn.  mm.  sanc.  sin.  gedanc. 

Die  Verbindung  der  Reimvokale  a  und  ^  werden  wir  auch  ferner 
als  besonders  beliebt  kennen  lernen. 

Auch  für  den  zweiten  Punkt,  welcher  die  Wiederkehr  eines  oder 
mehrerer  Reimvokale  an  den  entsprechenden  Stellen  verschiedener 
Strophen  betrifft,  findet  sich  eine  »rößere   Anzahl  von   Belegen. 

Hausen  44,  12.  Der  erste  Reim  aller  drei  Strophen  hat  ä  («) : 

1.  Str.    getan,  kan.  j  hdn.  geivan.  Idn. 

2.  Str.    getät.  hat.  \  stdt.  rat.  hegät. 

3.  Str.    erhaben,  gesage.  \  vertragen,  klagen,  verdagen. 
Besonders    ist  Mor.   139,  9    erwähnenswerth,    wo    derselbe  Vokal 

dem  zweiten  Reim  angehört,  der  sich  in  jeder  der  drei  Strophen  über 
sieben  Verse  erstreckt: 

1.  Str.     sanc.  kranc.  gedanc.  ranc.  swanc.  sanc.  spranc. 

2.  Str.     naz.  vermaz.  haz.  baz.  daz.  saz.  vergaz. 

3.  Str.    gesant.  gepfant.  laut,  verbrant.  schant.  bant.  enblant. 
Mor.  127,  34  entsprechen  sich  die  vorletzte  und  drittletzte  Zeile 

des  Abgesangs,  abgesehen  von  denen  der  letzten  Strophe  : 

1.  gebat  :  stat.    2.  gelanc  :  sanc,    3.  jdr  :  war.    4.  sach  :  sprach. 
Zwei  Vokale  wechseln  ab,  Hausen  54,  1  i  (i).  a  in  den  zwei 
ersten  Strophen,    die  dritte    hat  nur  den    zweiten  Reimvokal    überein- 
stimmend: 1.  Str.    ivip.  gewan.  lip.  man.  \  gan. 

2.  Str.  vil.  sage.  wil.  trage.  \  klage. 

3.  Str.      .        ungemachr      .        geschach.  \  gesach. 
Auch  der  zweite  Reimvokal  im  Abgesang  ist  gleichlautend : 

54,  18.      1.  Str.    sm.  gewan.  bin.  man.  \  enkan.  sin   .      .   min. 
2.  Str.    rdht.  mac.  giht.  jach,  j  gepßac.  lotp   .      .    lip. 
Reinm.   190,27  entsprechen  sich  die  Vokale  der  drei  Stollenreime 
in  beiden  Strophen,  i  (?).  ?.  ü  (o): 

1.  Str.    bite.  st.  vro.  \  Site.  bi.  so.  \\ 

2.  Str.  mm.  Itp.  wol.  \  gesin  wip.  dol.  \\ 

In  192,  25  lauten  die  Vokale  der  zwei  Stollenreime  in  der  ersten, 
dritten,  vierten,  fünften  Strophe  a  (ä).  i{i),  in  der  zweiten  Strophe 
stimmt  nur  der  Vokal  des  zweiten  Reimes: 

1.  Str.  man.  wil.  enkan.  spil. 

3.  Str.  erlät.  vil.  st  dt.  wil. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  419 

4.  Str.  stat.  mich.  hat.  ich. 

5.  Str.  baz.  min.  daz.  sin. 
2.  Str.      .      in.      .      hin. 

Dazu  kommt  noch  theilweiser  Reim  und  gleiche  Reimworte  im  Refrain 
bei  dem  schon  früher  erwähnten  Hausen  49,  57: 

1.  Str.  kan.  ivibe.  getan,  lihe.  \  lide.  hän.  belihe.  ergän.  tuo.  zuo. 

2.  Str.  man.    minne.    verlän.    sinne.  \  inne.   gewan.    ingesinde.  hestän 

tuo.  ziio 
Fenis  80,  1 : 

1.  Str.  loän.  gedingen.  gelingen,  hän.  \  stiget.  helihet.  kan.  tribet. 
3.  Str.  län.  miden.  liden.  hän.  \  vertrihen.  lihe.  han.  vertrthe. 

2.  Str.  gewant     .      .     erkant  .   j   ,      .     hänt. 

Wenn  wir  die  Reime  mit  in  Betracht  ziehen,  haben  wir  wieder 
den  Wechsel  der  Reimvokale  a  und  i. 

Die  Bindung  durch  den  bloßen  Gleichlaut  des  Reimvokals  ist 
die  Voraussetzung  für  die  nächst  höhere  Entwickelungsstufe,  die  Reim- 
bindung, wie  wir  sie  sowohl  innerhalb  derselben  Strophe  bei  ein- 
ander folgenden  Versen  (cf  Rugge  102,  27),  als  auch  innerhalb  ver- 
schiedener Strophen  an  entsprechenden  Stellen  (Job.  87,  5.  Hausen 
49,  37  etc.)  kennen  lernten.  Bei  der  Entsprechung  innerhalb  ver- 
schiedener Strophen  führt  uns  die  Entwickelung  noch  einen  Schritt 
weiter,    von   der  bloßen  Reimbindung  zur  Gleichheit  der  Reimwörter. 

Rugge   110,  8:     sol.  hän.  vjol.  ergän.  |   .      .    hi.  si.  fri. 
2.   Str.     tool.      .        sol.      .      1   .       .    hi.  si.  fri. 
Im  Aufgesange    haben    allerdings    die  beiden  Reimwörter    ihre  Plätze 
getauscht. 

Mor.   130,  31:     Abgesang.  niht.  sin.  siht.  min. 

7)  2.  Str.  .  sin.  .  min. 
7)  3.  Str.  niht.  sin.  siht.  min. 
Obwohl  die  genannten  Erscheinungen  bei  Johansdorf  nur  einen 
kleinen  Raum  einnehmen  (zehn  Verse  innerhalb  zweier  Strophen) ,  so 
habe  ich  sie  doch  an  dieser  Stelle  mit  so  großer  Ausführlichkeit,  mit 
Beibringung  eines  zahlreichen  Belegmaterials  und  mit  Ausblicken  auf 
ihre  Weiterentwickelung  besprechen  zu  müssen  geglaubt,  da  ja  der 
Beweis  für  die  Richtigkeit  der  Beobachtung  erst  zu  führen  war. 

Alliteration.  Auf  die  Reste  der  alten  Alliterationszeile  hat 
Arnold  Berger  in  seinem  Aufsatze:  die  volksthümlichen  Grundlagen 
des  Minnesangs  (Zs.  f.  d.  Phil.  XIX,  474)  aufmerksam  gemacht  und 
eine  lange  Reihe  sogenannter  alliterirender  Lang-  und  Halbzeilen  aus 

27* 


420  '^-  HORNOFF 

MF.  zusammengestellt.  Da  aber  in  ihnen  die  Gesetze  der  alten  Alli- 
terationspoesie nicht  mehr  in  Kraft  stehen,  so  ist  es  sehr  fraglich, 
ob  bei  den  Dichtern  überhaupt  noch  das  Bewußtsein  der  Alliteration 
vorhanden  war.  Altüberlieferte,  formelhafte,  mit  Alliteration  versehene 
Ausdrücke  bietet  der  Vers  90,  32. 

(Wize,)  rote  rosen,  hläwe  bluomen,  grüene  gras. 
Es  erübrigt   noch,    einzelne  Erscheinungen  innerhalb  des  Verses 
zu  besprechen. 

Hebungen  und  Senkungen.  Die  Hebungen  pflegen  mit  den 
Senkungen  regelmäßig  abzuwechseln,  nur  an  zwei  Stellen  fehlt  eine 
Senkung.  Die  eine  ist  schon  erwähnt,  89,  5:  die  aber  mit  listen  wellerd 
sin.  Der  Sinn  läßt  hier  eine  starke  Betonung  des  ersten  Wortes  zu 
und  gestattet  damit  zugleich  eine  kleine  Pause  hinter  demselben,  so 
daß  der  Takt  vollkommen  ausgefüllt  wird.  Fehlen  einer  ganzen 
Hebung,  welches  sonst  eintreten  würde,  ist  nicht  anzunehmen. 

Sodann  90,  35:    dar   nfe  süngen  vögele,    ddz  was  ein  schoeniu  stdt. 

Becker  (a.  a.  O.  S.  56)  verschleift  die  beiden  ersten  Silben  in  vögele 
und  läßt  vor  dem  betonten  e  der  Endung  die  Senkung  fehlen  („schein- 
bar ausgefüllte  Senkung").  Ich  nehme  den  Ausfall  der  Senkung  zwi- 
schen den  Worten  daz  und  ivas  an;  denn  ^^daz"'  verträgt  wieder  einen 
starken  Ton  und  damit  zugleich  eine  Pause  hinter  sich. 

Verschleifung  von  Silben  findet  meist  auf  der  Arsis  statt,  in  der 
Thesis    nur:    88,  5    mere    gesehe.         89,  38    kriuze    gerüowet.  91,  4 

sine  gewunne.  91,  6  ddnne  bevinde.  Der  Artikel  als  eine  der  beiden 
verschleiften  Silben    88,  27  järe  der. 

Einerseits    verschleift,    anderseits    den    ganzen    Takt   ausfüllend 

werden    folgende  Silben    gebraucht:   rede   90,3.    91,   16.    *94,  1;    aber 

rede  91,  33.    rede  an  90,  1.     bete  94,  6;    aber    bete  87,  2.     gote   80,  10. 

89,  34;    aber  göte  88,  35.    götes  90,  2.    94,  33.    t^nden  92,  11.  86,  11; 

aber  tügentltcher  89,  2.  manege  87,  30.  90,  8;  aber  mdnic  88,  25.  91,  8 

kumet    88,  4.    komen    89,  33;    aber    enküme   ich  90,  12.     leben    (subst.) 

'.geben,  stumpfe  Reime,  90,  25:  27;     aber    leben   inf.  *93,  7.    gebe  conj. 

87,  4.  verloben  87,  38;  aber  lobe  (subst.)  88,  15.  geschehen  89,  16. 
*93,  16.  *94,  6;  aber  geschehe  88,  18. 

Die  Endung  -er  nimmt  gewöhnlich  die  ganze  Senkung  ein'): 


')  Vgl.  Wilmanns,  Ausgabe  von  Walther,  S.  37  der  Einleitung. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  421 

sümer  90,  23.  31.    wider  86,  27.  88,  3.  90,  9.  94,  28;    aber  90,  33. 
94,  30 5  aber  sonst  verschleift,  bez.  einsilbig,  auf  der  Hebung  89,  5,  in 

der  Senkung  88,  1.  90,  20.  94,  31.  üb^er  89,  14  neben  über  95,  8.  ilber- 
siht  89,  37.  nider  86,  20.  Neben  dem  sonst  gebräuchlichen  niemer  ein- 
mal  nimer  88,  13  (so  Haupt,  AC:  niemer). 

Betonung,    Widerstreit    zwischen    logischer    und    rhythmischer 

Betonung,  a)  am  Anfang  des  Verses:  88,  30  diu  werk  ist  unstcete. 
Becker  (a.  a.  0.  S.  229)  liest  die  werelt,  weil  das  Wort  in  der  älteren 

Lyrik  als  zweisilbig  gegolten  habe.  89,  31  daz  sint  von  ime  die 
scelden  armen.       90,  7  des  was  min  herze  her  niht  fri'^ 

b)  in   der  Mitte,    resp.    gegen  Ende    des  Verses:    89,  6  für  die 


loil    ich    niht    Valien.      89  (22).    23     {daz   Jersalem   .   .  .   .)    helfe    noch 

nie  noeter  wärt.      91,  23  loie  sie  ende  nimt,  des  loeiz  ich  niht.     *93,  35 

werte  ich  iuch,  des  hetet  ir  ere,   so  wcer  min  der  spöt. 

Die  mit  dem  Praefix  tin-  zusammengesetzten  Reime  haben  den 
Ton  immer  auf  der  Stammsilbe:  unnot  89,  28,  unnceher  89,  13.  un- 
stcete 89,  17.  88,  30.  unm^re  90,  21.  also  wird  zum  Theil  auf  der 
ersten:  90,  24.  88,  18,  zum  Theil  auf  der  zweiten  Silbe  betont:  91,  33. 
*93,  9.  *93,  16.  Neben  iemen  91,  13  und  niemen  89,  10.  87,  26.  91,  31 
findet  sich  iemdn  91,  36. 

Cäsur.  Wirkliche  Cäsur  findet  sich  nur  in  dem  siebenhebigen 
Verse  des  unechten  Liedes  *93,  12  ff.,  nach  der  vierten  Hebung  ab- 
wechselnd männlich  (in  der  1.,  3.,  6.,  7.  Str.)  und  weiblich  (in  der 
2.,  4.,  5.  Str.).  Ebenso  steht  der  Inreim  des  siebenhebigen  Verses  92,  5 
regelrecht  auf  der  vierten  Hebung.  Sonst  ist  die  Cäsur  nicht  durch- 
geführt; im  Verse  von  sechs  Hebungen  ergibt  sich  aber  die  Pause 
nach  der  dritten  Hebung  so  natürlich,  daß  der  Dichter  sie  unbewußt 
öfter  eintreten  läßt.    So  im  HL  Ton  87,  29  ff.: 

88,  6       si  knmet  mir  niemer  tdc  |  uz  den  geddnken  min. 

88,  13      ine  erwache  nimer,  \  ezn  st  min  erste  segen. 

88,  32       den  wirt  ze  jungest  schin,  \  wies  an  dem  ende  tüot. 

89,  3         künden  si  ze  rShte  1  beidiu  sich  bewdrn. 

89,  8         als  ich  mit  irhlwen  tuen  \  die  lieben  fröuioen  min. 
Ton  IV:    89,  10     deist  ällez  ümbe  niht  :  \  mir  weiz  sin  niemen  ddnc. 

89,  12     dar  ich  hdn  gedienet,  \  da  ist  min  Ion  vil  krdnc. 


422  J-  HORNOFF 

Ton  XllI:    94,  19  der  den  vil  soddehdften  \  dort  behalten  Ut. 

94,  21  lidet  eine  wile  \  willecUchen  not. 

94,  36  wie  vil  mir  doch  von  liehe  \  leides  ist  beschert 

94,  39  wie  wil  du  dich  gebären,  \  swenne  er  hinnen    vert? 
.95,  7  diu  mit  ir  wibes  güete  \  ddz  gemachen  käu. 

95,  12  swenne  si  gedenket  \  stille  dn  sine  not. 

ElisioD.  Dieselbe  ist  meist  vollzogen,  gewöhnlich  auf  der 
Senkung.  —  Auf  der  Hebung  nur  86,  8  het  ich.  92,  1  het  —  er.  86,  5.  12 
danne  {eine.  —  öbes).  86,  7  minnet  ich.  89,  1  hob  iemer.  89,  16  frag  ich. 
91,  17  wurd  dlze.  94,  33  vüer  ich.  95,  4  kund  ich.  90,  29  swenne  ichz. 
Abgesehen  von  dem  letzten  Falle  und  von  86,  5.  12  ist  das  e  bereits 
in  der  Überlieferung  von  der  einen  oder  von  mehreren  Handschriften 
beseitigt. 

Hiatus  zeigt  sich  an  folgenden  Stellen:  87,  1  vinde  dn.  87,  9 
erdrne  ir  (von  Lachmann  ist  der  Hiatus  erst  hergestellt.  A  erarn  iren). 
88,  18  geschehe  also.  89,  13  hiure  dn.  S9,  30  kriuze  und.  90,3  nähe  dn. 
90,  5  sorge    if.  91,  36  scehe_ich.    91,  37  loäire   ich.    *92,  32  würde_Jch. 

Weißenfels'  Versuch  (a.  a.  O.  S.  36  Anm.),  den  Hiatus  in  einer 
Anzahl  von  Fällen  zu  beseitigen,  wird  schon  dadurch  überflüssig, 
daß  er  ihn  an  zwei  Stellen,  an  einer  ganz  bestimmt,  zugibt,  nämlich 
in  89,  30.  —  Der  Hiatus  in  88,  18  erscheine  gemildert  wegen  des 
Satzabschnittes,  lasse  sich  aber  auch  beseitigen^).  Betrachten  wir  die 
übrigen  Fälle,  so  würde  sich  87,  1  entfernen  lassen,  wenn  wir  mit  C 
lesen:  daz  ich  si  vinde  mit  ir  eren,  A  bietet  aber  die  bessere  Über- 
lieferung {an  ir  eren) ;  90,  5,  wenn  so7'ge  (Hss.  BC)  in  sorgen  geändert 
würde,    ebenso   92,  32   mit   Tilgung   des  Auftakts:    so    wurd    ich    von 

sorgen  /r?;  niemals  aber  91,  36,  wo  durch  den  Wegfall  einer  Hebung 
die  Harmonie  des  Strophengebäudes  gestört  würde.  Schema  nach 
Bartsch'^):  7a  5b  -  |  5c  7d  -, 

nach  Weißeufels:        6a  5b  -  [  5c  7d  -. 

Was  die  Hei-beiziehung  des  folgenden  Tones  (92,  7)  als  Analogen 
für  das  so  gewonnene  Strophenschema  soll,  verstehe  ich  nicht.  Weißen- 
fels theilt  ohne  Rücksicht  auf  Reime  und  Betonung  die  Strophe  92,  7 
nach    dem    oben    construirten  Schema  ab,    ohne    doch    dieselbe    voll- 


')  daz  ir  gescMhe,    also  müez  ez  ouch  mir   ergen.    Die   Lesung   mit  Hiatus  er- 
scheint jedenfalls  sinngemäßer. 
')  Germ.     III,  48.'i. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  423 

ständig  hineinpressen  zu  können.  Denn  soll  etwa  v.  92,  10  Wandels 
frt.  si  sol  mir  erhüben,  daz  ich  ein  Vers  von  fünf  Hebungen  mit  klingen- 
dem Ausgange  sein?  und  92,  11  ein  solcher  mit  stumpfem  Ausgange? 
von  ir  lügenden  spreche,  mich  wundert.  Wenn  aber  wirklich  die  Ab- 
theilung gelänge,  was  nützte  es,  sobald  der  Reim  nicht  an  das  Ende 
jedes  Verses  tritt?  Da  es  nun  nicht  möglich  ist,  den  Hiatus  ganz  za 
tilgen,  so  behalte  ich  ihn  auch  in  den  Fällen  bei,  wo  er  sich  beseitigen 
ließe  (90,  5.J92,  32). 

Synaloephe.   a)  auf  der  Hebung  89,  12  d^ist.    90,22.   91,21 

so  ist\ 

h)  auf  der  Senkung  87,  21  nu  entrüre.  88,  29  nu  erkenne.  89,  10 
deist  (BC  das  ist).  *93,  4  sist  {si  ist  C). 

Inklination,  a)  Enklisis.  Vorzüglich  wird  die  Negation  en  (ne) 
und  das  geschlechtliche  Pronomen  enklitisch  gebraucht:  ichn  87,  38. 
*93,  22.  ine  88,  3.  ern  87,  7.  ezn  88,  13.  89,  36.  desn  88,  6.  dem 
88,  24.  son  *92,  26.  *93,  3.  —  ohes  =  ohe  si  mit  Apokope  86,  12.  wies 
—  wie  si  88,  32.  —  iviez  88,  20.     erz  89,  1.  ichz  90,  29; 

6)  Proklisis:    87,  8  zeiner.  87,  22  zeim.  *93,  7  zaller. 

Apokope.  Nomina : /70M  (Hs.  Cfro)  für /roMWJe  im  Auftakt  *93,  11. 
Verba:  iva^n  86,  20.  91,  27.  woir  91,  33.  92,  10.  *93,  35  (Bartsch:  und 
locere).  miies  *92,  30.  Partikeln:  swenne  im  Auftakt  *92,  31.  dan  *94,  9. 

Synkope:  lachen  91,5;  genade  91,  5.  sen{en)den  *93,  18.  Jer(u)- 
salem  89,22,  aber  einsilbig  gebraucht  88,  1.  90,20.  94,31;  ebenso 
oder  95,  13.  Von  Lachmann-Haupt  sind  darum  gleich  die  gekürzten 
Formen  eingesetzt:  ab,  od. 

Synkope  des  e  mit  Ausfall  oder  Auflösung  des  vor- 
hergehenden Consonanten  oder  Assimilation  an  den  fol- 
genden. Es  betrifft  dies  die  Consonanten  iv,  g,  &;  n. 

w :  iur  =  iuwer  *93,  28. 

g,  b:  gellt  =  geliget  86,  20  (:  zit).  —  git  :  lit  :  lU  (=  gibet  :  ligel 
:  liget)  *92,  14  :  16  :  19.  ^ft«  :  /z«  94,  16  :  19.  treit  :  geseit  (=  traget  :  ge- 
saget) 88,33:35.  gegen  *92,  23  im  Auftakt,  *92,  25^  innerhalb  des 
Verses  in  der  Senkung,  also  einsilbig  zu  lesen. 

n:  di(ne)me  SS,  17.    ei{7ie)me  SS,  21.  ya(ne)/ne  mit  Apokope  87,13, 

IV.  Sprache. 
Vorausgeschickt  werden  einige  Bemerkungen  über  den  Laut. 
1.  Vokale.     Umlaut    durchgeführt    in    heldet    87,  32.     iu    wirkt 
nicht  umlautend,    alliic  88,  9.  90,  17. 


424  J-  HORNOFF 

Vokalschwächung,  a)  in  Stammsilben,  a  in  e:  denne  ('.erkenne) 
91,7.  „Unechter  Umlaut",  Weinhold,  Mittelhochdeutsche  Grammatik 
2.  Ausg.  §.  21.  niemen  89,  19.  87,  26.  iemen  91,  13.  Weinhold,  Bai- 
rische  Grammatik  §.  13:  , irrationales  e  im  zweiten  tonlos  gewordenen 
Theile  der  Composition."  Dagegen  91,  36  iemdn.  —  seihen  *93,  27. 
specifisch  alemannische  Form,  cf.  Pfeiffer,  Germ-  III,  504,  doch  von 
Lachmann  auch  in  den  Ausgaben  von  Walther  und  Wolfram  ver- 
wendet, cf.  Mhd.  Wb.  IP,  465; 

6)  in  Endsilben,  ö  in  e:  alse  86,  21,  sonst  also,  z.  B.  88,  18. 
iu  in  e:  beide  (:  kleide  :  leide)  87,  15;  innerhalb  des  Verses  94,  23 
(AC);  dagegen  heidiu  89,  3.  19  (BC).  Es  läßt  sich  nicht  entscheiden, 
welche  Form  der  Dichter  innerhalb  des  Verses  gebraucht  hat;  denn 
schwerlich  wird  er  die  eine  und  die  andere  abwechselnd  gebraucht 
haben  ^). 

Zusammenziehung  von  ig  in?:  mnt  91,  37  (B  vient,  C  vient)  ist 
vonLachraann  vorgenommen,  weil  nur  die  Hebung  ausgefüllt  werden  darf. 

Vokalabfall.  Neben  gewöhnlichem  im,  dat.  des  geschlecht- 
lichen Pronomens  findet  sich  einmal  ime  94,  24. 

2.  Consonanten.  Ausfall  von  r:  weite  94,11.  95,  15;  dagegen 
werlte  *92,  14.  tverlde  95,  2;  von  h:  niet  (:  schief  :  liet)  92,  7.  10.  cf. 
Weinhold,  Mhd.  Gramm.''  §.  494. 

Assimilation:  hete  86,  18.  hetet  93,35,  aus  hebte  und  hebtet 
entstanden,  aleman.  besonders  beliebt,  doch  auch  baier.  und  österr.  ver- 
wendet, mehr  innerhalb  des  Verses,  wie  auch  von  Johansdorf,  als  im 
Reime  gebraucht,  cf.  Weinhold,  Mhd.  Gramm.'*  §.  394;  Baier.  Gr  §.  320. 

Syntax. 

Über  die  Syntax  und  poetische  Technik  der  älteren  Minnesänger 
hat  Burdach  (a.  a.  O.  von  Seite  55  ab)  im  Zusammenhange  gehandelt. 
Die  folgende  Untersuchung  soll  anschließend  an  die  von  Letzterem 
und  Wilraanns  (Einleitung  zur  zweiten  Ausgabe  Walthers  von  der  Vogel- 
weide, Halle  1883)  aufgestellten  Gesichtspunkte  eine  ausführliche  Dar- 
stellung der  Syntax  und  poetischen  Technik  unseres  Dichters  geben, 
wobei  die  bereits  von  Burdach  aufgeführten  Beispiele  durch  eckige 
Klammern  bezeichnet  werden. 

Zunächst  ein  paar  Bemerkungen,  welche  einzelne  Satztheile 
betreffen:  das  Substantiv  roip  bevorzugt  das  natürliche  vor  dem  gram- 
matischen Geschlechte.  86,  28  ein  lotp,  diu  ...  —  Das  Possessivum  ist 
mit  dem  Artikel  verbunden.  *92,  25:    den  dinen  hetz.  —  Das  Adjectiv 


')  (Warum  nicht?    Übrigens  ist  beide   nicht  „Schwächung"   für  beidiu.     (O.   B.) 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  425 

ist  construirt  wie  das  inhaltlich  entsprechende  Particip.  praet.  eines 
transitiven  Verbums,  89,31:  daz  sint  von  im e  die  scelden  armen.  Lach- 
mann (Anm.  MF.  271):  ^vor  zu  vermuthen  ist  nicht  nöthig,  die  scelden 
armen  ungefähr  so  viel  als  verfluochet'. 

Satz.  1.  Parataxe,  a)  ohne  jede  Verbindung.  Zu  dem  vorher 
gehenden  Satze  steht  der  folgende  in  einem  inneren  Abhängigkeits- 
verhältniß : 

95,  5     ez  nahet,  er  loil  hinnen  varn. 

Nach  den  Verben  des  Glaubens  und  Wissens  folgt  ein  Hauptsatz: 
88,  7     däM  geloube  mir,  swes  ich  ir  jehe,   ez  get  von  herzen  gar. 

88,  21     ich  weiz  wol,  ez  verkeret  allez  sich. 
92,  7     got  loeiz  wol,           ich  vergaz  ir  niet. 

Die  nachfolgenden  Sätze  stehen  dem  vorhergehenden  inhaltlich 
parallel : 

89,  9      Swaz  ich  rni  gesinge,  deist  allez  umbe  niht: 
mir  weiz  sin  niemen  danc; 
ez  loiget  allez  ringe. 

dar  ich  hän  gedienet,  deist  min  Ion  vil  kranc. 
Ebenso  86,  19  ff.  90,  11  ff.  91,  18  f.  94,  11  f.  94,  36  ff.  94,  25  ff,  wo 
der  dritte  Satz  von  den  beiden  vorangehenden  innerlich  abhängig  ist. 
h)  Verbindung  durch  demonstrative  Pronomina  und  Adverbia. 
Erstere  findet  sich  87,  5  f.  Mich  mac  der  tot  von  ir  minnen  wol  scheiden: 
anders    nieman:     des    hän    ich  gesivorn.     daz  87,  22.  27.     diu  88,  22. 

89,  24.     den  88,  32.     die  89,  25.     disen  91,  28. 

Demonstrative  Adverbia:  so  87,  2,  90,  11  etc.  also  93,  9.  dar  uf 
(final)  86,  18.  dar  Üfe  (local)  90,  35.  da  87,  26.  dar  nach  88,  16. 
da  hl  88,  7.  28.     hie  90,  23. 

Häufig  ist  die  Anknüpfung  durch  die  Partikel  nu  (cf.  Burdach 
S.  93),  bei  Adhortativsätzen:  86,  27  nu  helfe  er  mir.  Wiederholt:  87,' 21 
nu  min  herzevroioe,  nu  trüre  niht  sere.  88,3.  88,  29.  89,  38;  beim  Aus- 
ruf und  zugleich  die  Rede  fortführend:  89,  33  nu  loaz  gelouben  loil  der 
hän  etc.;  einen  Einwand  einführend  89,  27  (nicht  adhortativ  wie  Bur- 
dach will):  Nu  mugen  si  denken,  daz  etc.;  den  Satz  mit  dem  vorher- 
gehenden demonstrativ  verknüpfend:  89,  30  sioen  nu  (=  unter  diesen 
Umständen ,  bei  diesen  Erwägungen)  sin  kriuze  und  sin  grap  niht  wil 
erbarmen,  daz  . .  .;  in  ursprünglicher  Bedeutung  als  Zeitadverb  =  jetzt 
86,  19.  87,  30.  33.  Im  Übrigen  werden  die  Hauptsätze  mit  temporalen 
{noch  87,  32.  90,  37.  sä  dö  *93,  14)  und  adversativen  Partikeln  (ie- 
doch  86,  4.     ab  88,  1.     doch  91,  4)  eingeleitet. 


426  J-  HORNOFF 

Hypotaxe.  1.  Condit  ional-  und  Concessivsätze.  Beiden 
ersteren  fehlt  die  einleitende  Conjunetion  vielfach.  Subject  und  Prädicat 
haben  dann  die  Stellung  der  Fragesätze:  87,3.  89,3.  94,28.  94,31.  33, 
mit  Weglassung  des  pronominalen  Subjects:  91,24  ist,  daz  ..,  mit 
Hinzutritt  der  Conjunetion  und:  90,  18.  91,  13.  20.  21.  *92,  24.  28. 
Häufiger  ist  oh  verwandt,  die  Stellung  von  Subject  und  Prädicat  ist 
dann  die  gewöhnliche:  86,  11.  27.  87,  35  etc.  Am  wenigsten  erscheint 
swenne,  nur  87,  9.  90,  29.  *92,  31.  *93,  2. 

Die  Bedingungssätze  lassen  sich  unterscheiden  als  reale, 
irreale  und  potentiale.  Die  reale  Bedingungsperiode  stellt  die  Ab- 
hängigkeit zweier  Thatsachen  von  einander  als  wirklich,  die  irreale 
Bedingungsperiode  als  unwirklich,  die  potentiale  als  nur  gedacht  dar. 

a)  Reale  Bedingungsperiode.  Im  Haupt-  und  Nebensatze  steht 
der  Indicativ  praes.:  90,  27  ^Wol  midi  singe  ich  gerne,  swenn  ichs  ge- 
lerne.  90,  18.  91,  20  u7id  wil  si,  ich  hin  vrd.  und  wil  si,  so  ist  min 
herze  leides  vol.  93,  2  swenne  ich  die  vil  schoenen  hän,  son  mac  mir 
niemer  missegän.     cf.  auch  94,  3  f. 

h)  Irreale  Bedingungsperiode.  Im  Haupt-  und  Nebensatze  steht 
der  Conjunctivus  praeteriti:  89,  25  wcer  ez  unserm  herren  ande,  er  rcech 
ez  an  ir  aller  vart,  92,  9  ich  engetorste  ir  nie  gesingen  disiu  liet, 
wcer  si  vil  reine  niet  und  alles  wandeis  fri. 

Weit  zahlreicher  und  mannigfaltiger  in  der  Form  ist  die  dritte 
Classe: 

c)    Potentiale  Bedingungsperiode. 

a)  Im  Nebensatz  steht  der  Indicativ,  im  Hauptsatze  der  Con- 
junctiv  (Adhortativ)  praesentis:  94,  36  Wilt  ah  du  üz  rninem  herzen 
scheiden  niht,  ....  vüer  ich  dich  dan  mit  mir  in  gotes  lant,  so  st  er 
umhe  halben  Ion  der  guoten  hie  gemant]  mit  Umschreibung  im  Neben- 
satze durch  ist  daz  und  das  Hilfsverb  soln:  91,26  ist  daz  ich  es  inne 
werden  sol,    wie  dem  herzen  .  .  .  .,  so  he  war  mich  vor  dem  scheiden  got. 

ß)  ImjNebensatze  steht  der  Conjunctivus  praesentis  (Potentialis), 
im  Hauptsatze  der  Conjunct.  praes.  (Adhortativ,  Optativ)  oder^Im- 
perativ.j^praes.  Adhortativ:  86,  21  [nu  helfe  er  mir,  oh  ich  herwider 
kome,  . .,  daz  .  .  —  87,  3  sül  aher  si  ir  lehen  verkeren,  so  gebe  got, 
daz  ..  ebenso  87,35.  Optativ:  89,  1  tuo  erz  mit  triuwen,  so  hah 
iemer  danc  sin  tugentlicher  lip,  91,  13  und  werde  ich  iemen  liep,  der 
si  siner  triuwe  an  mir  gemant.  Imperativ:  94,  28  körnest  du  wider  bi, 
als  ...,  so  wis  mir  aher  loillekomen.  Unentschieden  bleibt,  ob  der 
Modus  des  Nebensatzes  Indicativ  oder  Conjunctiv  ist,  in  87,  9  swenne 


DER  MINNESÄNFER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  427 

ich  von  schulden  erarne  ir  zorn,  so  bin  ich  vervliiochet  vor  gote  als  ein 
heiden. 

y)  In  Haupt-  und  Nebensatz  steht  der  Conjunctivus  "praeteriti: 
86,  5  solde  ich  minnen  mer  dan  eine,  daz  emocere  mir  niht  guot^  sone 
minnet  ich  deheine.  91,  17  sprcech  ich  mere,  des  wurd  alze  vil.  91,  33 
wccr  diu  rede  mm,  ich  tcete  also.  34  verlilr  ich  minen  friunt,  seht, 
so  wurde  ich  niemermere  fro.  91,36  scehe  ich  ieman,  der  jcehe  er 
ivcere  von  ir  kamen,  wcere  ich  dem  vtnt,  ich  wolle  in  grüezen.  92,  1 
allez,  daz  ich  ie  gewan,  het  er  mir  daz  genomen,  daz  möhte  er  mir 
mit  sinen  mceren  hüezen.  92,  28  und  solde  ich  iemer  daz  geleben,  daz 
ich  si  iimbevienge,  so  mües  min  herze  in  vröuden  sweben;  ebenso  92,31. 
93,  35. 

Nach  Comparativ  im  Hauptsatze  wird  der  Nebensatz  mit  dan 
ohe  eingeleitet:  86,  11  waz  möht  ir  an  ir  lugenden  bezzer  sin,  dan 
ob  es  ir  umberede  lieze  sieht,  Icele  an  mir  einvaltecUche. 

d)  Im  Nebensatz  steht  der  Conjunctivus  praeteriti,  im  Hauptsatz 
der  Indicativus  praesentis:  89,  3  künden  si  ze  rehle  beidiu  sich  be- 
toarn,  für  die  lüil  ich  ze  helle  varn. 

Praeteritale  Bedeutung  des  Conj.  praet.  liegt  nirgends  vor. 

Einmal  erscheint  anstatt  eines  Bedingungssatzes  ein  Imperativ- 
satz*): 89,  38  Nu  lät  daz  grap  und  ouch  daz  kriuze  geruowel  ligen.  die 
heiden  wellenl  (sind  im  Begriff,  vv^erden)  einer  rede  an  uns  gesigen  daz  .  . 
Die  Ausführung  des  Befehls  ist  die  Bedingung,  unter  welcher  der 
folgende  Satz  zurecht  besteht. 

Mit  den  Bedingungssätzen  sind  verwandt  die  Relativsätze, 
Ein  solcher  vertritt  einen  Bedingungssatz:  89,  18  (wcer  ez  nihl  unstcete,) 
der  zwein  wiben  loolte  sin  für  eigen  jehen?  91,  10  da  daz  ende  denne 
unsanfte  luo,  ich  wcene  des  wol,   daz  ensi  niht  guot. 

Das  relative  Verhältniß  löst  das  conditionale  ab:  89,  3  künden 
si  ze  rehle  beidiu  sich  bewarn,  für  die  wil  ich  ze  helle  varn.  die  aber 
mit  listen  wellent  sin,  für  die  icil  ich  nihl  vallen. 

Die  verallgemeinernden  Relativsätze  werden  eingeleitet  mit 
swer ,  sivaz  etc.,  nur  einmal  findet  sich  der  88,  5.  Überall  erscheint 
der  Indicativ. 

Verallgemeinernd  tritt  die  Partikel  der  zum  relativen  Adverb 
lüie:    89,  15  tvie  der  einez  tcete,  ... 

sicie  dient  in  Verbindung  mit  anderen  Adverbien  zum  Ausdruck 
des    concessiven  Verhältnisses:    87,  35  Stvie  vil   daz  mer   und   ouch 


')  cf.  Paul,  Mittelhochdeutsche  Gramm.  2.  Aufl.  S.   130. 


428  J-  HORNOFF 

die  starken  ünde  tohen,  ich  wü  si  niemer  tac  verloben.  88,  19  swie  gern 
ich  var,  so  jdmert  mich  ,  . .  Sonst  wird  das  concessive  Verhältniß  durch 
die  Stellung  des  Fragesatzes  und  joch  oder  doch  gegeben.  Je  nach- 
dem der  Satz  etwas  Thatsächliches  oder  bloß  Gedachtes  bezeichnen 
soll,  erscheint  Indicativ  oder  Conjunctiv.  92,  6  (swer  si  vor  mir  nennet, 
der  hat  gar  mich  ze  friunde  ein  ganzez  jär,)  het  er  mich  joch  ver- 
brennet. 92,  12  (mich  wundert,)  ist  si  mir  doch  niht  ein  wenic  M, 
{waz  si  an  mir  reche.) 

2.  Consecutiv-und  Causalsätze.  Zu  diesen  bemerkt  Burdach 
S.  57:     Und    wer    aus  Allem    etwas    schließen    will,    könnte    hieraus 

c 

(nämlich  aus  dem  geringen  Vorkommen  der  Consecutivsätze),  wie  aus 
dem  seltenen  Gebrauch  der  Causalsätze  einen  Schluß  machen  auf  seine 
(Johansdorfs)  Abneigung  gegen  eine  rationalistische  Betrachtungsweise 
der  Welt  nach  dem  Gesetze  der  Ursache  und  Wirkung,  eine  Abnei- 
gung, die  seiner  stark  ausgeprägten  theologischen  Richtung  recht 
wohl  entspräche.' 

Faßt  man  aber  wie  Burdach  die  consecutio  als  Wirkung  irgend 
einer  Ursache,  gleichviel  ob  beabsichtigt  oder  nicht  beabsichtigt,  und 
zieht  auch  noch  die  Explicativsätze  (wie  B.  für  48,  15  und  45,  1  f. 
dies  thut)  hinzu,  so  muß  man  außer  den  a.  a.  O.  citirten  Stellen 
[90,6],  [90,25],  [93,5],  [95,  8]  noch  folgende  herbeiziehen:  88,13 
Jne  erwache  nimer,  ezn  si  mm  erste  segen,  daz  got  ir  eren  miieze  phlegen. 
(Explicativsatz.)  90^  10  Waz  sol  ich  ivider  got  nu  tuon,  ob  ...,  daz  er 
mir  gencedic  si?  (Finalsatz.)  87,  1  nu^helfe  er  mir,  ob  ...,  daz  ich  si 
vinde  an  ir  eren,  87,  4  sd  gebe  got,  daz  ich  vervar.  95,  8  ir  sint  äne 
sinne,  daz  ir  bringent  mich  in  seihen  zorn.  92,  28  und  sold  ich  iemer 
daz  geleben,  daz  ich  si  umbevienge.  (Alles  Explicativsätze.) 

Als  Causalsätze  führt  B.  nur  die  mit  ivand  (wan)  eingeleiteten, 
welche  die  Wortstellung  unabhängiger  Sätze  haben,  an  [87,8.  90,  30. 
95,  11].  Es  gehört  aber  auch  ein  Satz  wie  87,  33  hierher:  ditr  daz 
ich  var.  Und  ehe  mau  auf  eine  Abneigung  unseres  Dichters  gegen 
eine  rationalistische  Betrachtungsweise  der  Welt  schließen  kann,  muß 
man  die  Sätze  auch  auf  die  übrigen  ursächlichen  Bestimmungen  hin 
untersuchen.  Nun  sind  aber  solche  vorhanden  in  der  demonstrativen 
Anknüpfung  der  Sätze:  86,  3  an  fröuden  ich  des  dicke  schaden  hau. 
*92,  37  des  muoz  ich  iemer  eren  dich;  ferner  in  Sätzen,  welche  eine 
Frage  nach  der  Ursache,  nach  dem  Urheber  enthalten  *93,  15.  *93,  17. 
*93,  27.  91,  2  unde  enweiz  och  reJite  niht,  wes  ich  mich  vröuwen  mac; 
ferner  in  den  Relativsätzen,  in  denen  das  Relativum  von  der  Präpo- 
sition   durch   abhängt.    88,  2  [{der  donreslege  möht  ab  Ixhte   sin,)  da  si 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  429 

mich  dur  lieze.  95,  1  durch  den  du  wcere  ie  hochgemuot\  ebenso 
95,  15;  schließlich  innerhalb  eines  Satzes  in  Wendungen  wie:  86,  10 
durch  keine  liehe  niht  wan  durch  daz  reht.  86,  25.  26  durch  got 
—  diirch  nane  missetät.  87,  33  durch  des  riehen  gotes  ere.  87,  31  von 
ir  Zorne.  Der  obige  Schluß  dürfte  also  ungerechtfertigt  sein. 

3.  Temporalsätze,  eingeleitet  durch  do  87,  13.  so  87,  28.  als 
91,  6.  94,  29.   swenne  94,  39.  95,  12.    e  91,  8.    sU  92,  8.    unz  91,  5.  32. 

4.  W  u  n  s  c  h  s  ä  t  z  e :  '^Q,  22  hülfe  ez  iht !  95, 4  kund  ich  mich  beident- 
halben  nu  hewarn!  Haupt  zieht  86,22  als  Nebensatz  zu  dem  vorher- 
gehenden ,  95,  4  zu  dem  folgenden  Satze.  Ich  fasse  beide  selb- 
ständig auf  und  interpungire  dem  entsprechend.  Eine  andere  Art  der 
Wunschform  {daz  —  und  Conj.  praes.)  zeigt  *93,  25:  daz  min  dienest 
so  iht  si  verlorn,  cf.  Paul  a.  a.  O.  §.  375,  2. 

Wo  eine  Aufforderung  mit  dem  Wunsche  verknüpft  ist,  steht 
der  bloße  Conjunctiv  praes.:  86,  27  nu  helfe  er  mir.  87,  4  so  gebe  got. 
91,  26  so  heicar  mich  vor  dem  scheiden  got.  Ebenso  *92,  14.  *94,  8. 
94,  34.  miiezen  wird  zu  Hilfe  genommen  88,  18  daz  ir  geschehe,  also 
n.üeze  ouch  'mir  er  gen.  95,  14  so  müeze  sin  der  pflegen,  . . .  Paul  meint 
(Gram.  §.  285),  daß  müezen  nur  dann  herbeigezogen  werde,  wo  der 
Wunsch  nicht  an  eine  Aufforderung  streife.  In  dem  letzteren  Falle 
scheint  diese  aber  doch  vorhanden  zu  sein,  vgl.  auch  die  Beispiele 
im  Mhd.  Wb.  II,  270^  Anderseits  wird  der  bloße  Conjunctivus  praes. 
des  Verbums  da  angewendet,  wo  der  bloße  Wunsch  und  keine  Auf- 
forderung vorliegt',  *93,  34  niene  welle  got. 

5.  Indirecte  Fragesätze,  eingeleitet  vom  interrogativen  Pro- 
nomen: 88,  3  nu  sprechet,  wes  si  wider  mich  genieze.  91,  2.  92,  13,  mit 
oh  88,  5,  mit  dem  interrogativen  Adverb  wie:  86,  8  seht,  wie  maneger 
ez  doch  tuot.  88,  20  iviez  noch  hie  geste.  88,  32.  91,  22.  23,  25.  In  letz- 
terem Falle  steht  der  Indicativ,  ausgenommen  88,  20,  in  den  beiden 
ersteren  Fällen  der  Conjunctiv,  ausgenommen  91,  2. 

Syntaktische  Eigenthümlichkeiten.  Als  solche  bezeichnet 
Burdach  (S.  65)  das  unverbundene  Nebeneinanderstellen  zweier  Bedin- 
gungssätze: [91,36]  scehe  ich  ieman,  der  jcehe  er  locere  von  ir  komen, 
locere  ich  dem  vint,  ich  wolt..  Ebenso  86,  13.  Oh  es  ir  umberede  lieze 
sieht,  tcet  an  mir  einvaltecliche.  Umgekehrt  einfacher  Bedingungssatz, 
doppelter  Nachsatz:  86,5  solde\ich  minnen  mer  dan  eine,  daz  enwcere 
mir  niht  guot,  sone  minnet  ich  deheine.  Eine  zweite  Eigenthüm- 
lichkeit  gesellt  sich  hinzu,  nämlich,  daß  zwischen  die  beiden  paral- 
lelen Sätze  ein  anderer  Satz  tritt,  zwischen  zwei  Bedingungssätze 
ein  Relativsatz:  94,  31   wilt  ah  du  üz  nnnem  herzen  scheiden  niht,    daz 


430  J-  HORNOFF 

vil  lihte  unwendic  doch  geschiht,  viler  ich  dich  dan  mit  mir  in 
gotes  lant,  so  ..  Zwischen  die  Bedingungssätze  tritt  der  Nachsatz 
und  außerdem  ein  parenthetischer  Satz:  [92,  31]  sioenn  daz  also  er- 
gienge,  so  lourde  ich  von  sorgen  fr'i  (ir  gen  ade  stänt  däbi), 
ob  sie  mir  des  verhienge.  Der  Hauptsatz  steht  zwischen  zwei  von  ihm 
abhängigen  Relativsätzen:  88,25  der  leben  sol,  dem  wirt  manic 
wunder  kunt,  daz  alle  tage  geschiht. 
Poetische  Technik. 

1.  Lebendigkeit    der  Rede. 

a)  Anrede 

a)  An  die  Frau:  frouive  *92,  18.  21.  *93,  22.  28.  34.  fromve  guot 
*94,  13.  vil  liebe  frouwe  mm  *93,  19.  nu  min  herzevrowe  [87,  21].  vil 
minneclichez  loip   *93,  31.  küneginne  *93,  24. 

ß)  An  den  Ritter:  ir  tumber  *93,  20.  vil  lieber  man  *93,  29. 

y)  An  den  Zuhörer:  guote  Hute  [94,  15].  seht  [86,  18].  nu  sprechet 
[88,  3J.  ddbi  so  merket  gotes  zorn  [88,  28].  89,  38.  Einzelne  Person  an- 
geredet 88,  7.  däbi  gelonbe  mir.  89,  16  wirft  der  Dichter  erst  im 
Allgemeinen  die  Frage  auf  und  wendet  sich  dann  v.  19  an  einen 
Standesgenosseu:   sprechet  herre. 

d)  An  die  Minne:  94,  25. 

f)  An  die  Sselde:  93,  1.  vil  werde  küneginne.^ 

^)  An  die  eigene  Person  in  der  Frauenstrophe  94,  38  vröude- 
loser  lip. 

rj)  Am  wirkungsvollsten  ist  die  Anrede  an  Gott,  vorzugsweise 
am  Schluß  einer  Strophe  oder  eines  Liedes.  Der  erstere  Fall:  87,  12 
heileger  got,  wis  gencedio  uns  beiden.  Der  letztere  Fall:  86,  23  herre, 
loan  ist  daz  mm  lehen,  daz  mir  niemer  leit  geschiht.  88,  16  darnach 
ewecliche  gip  ir  herre  vröude  in  dime  riche.  90,  15  got  herre  daz  verväch 
ze  guote.  Das  Gebet  enthält  öfter  die  directe  Anrede  nicht ,  sondern 
der  Dichter  spricht  in  der  dritten  Person:  86,  27  nu  helfe  er  mir, 
ob...,  daz  ich  si  vinde  an  ir  eren.  87,4.  95,4.  Übergang  aus  der 
dritten  in  die  zweite  Person  findet  88,  13  statt:  iiu  erwache  nimer  ezn 
si  min  erste  segen^  daz  got  ir  eren  müeze  p  hie  gen.  darnach  ewec- 
liche gip  ir,  herre  .... 

b)  Ausrufe  und  Betheu erungen:  90,4  otve,  toar  hat  sich  der 
gesellet!  94,  35  owe,  sprach  ein  wip,  ivie  vil  mir  doch  von  liebe  leides 
ist  beschert!  Waz  mir  diu  liebe  leides  tuot!  etc.  *93,  20  ivc,  loaz  sagent 
ir  tumber'^  *93,  24  Neina,  küneginne,  daz  .  .!  90,  27  ^Wol  mich'  singe 
ich  gerne.  95,  6  icol   si   scelic   wtp,  diu.  .!  Betheuerung:    92,  7  got  weiz 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  431 

lool!  93,  34  niene  tvelle  got!  Besonders  wirkungsvoll  erscheint  [die 
Schwur-  und  Flucbform:  87,5  Mich  mac  der  tot  von  ir  minnen  wol 
scheiden:  anders  nieman.  des  hau  ich  gesworn.  88,  9  ich  minne  si  für 
alliu  wip  und  sioer  ir  des  M  gote.  87,  37  Swie  vil  daz  mer  und  ouch 
die  starken  ilnde  toben,  ich  wil  si  niemer  tac  verloben.  Fluehform:  87,  9 
Swenne  ich  von  schulden  erarne  ir  zorii,  so  hin  ich  verßuochet  vor  gote 
als  ein  heiden.  87,  25  got  vor  der  helle  niemer  mich  heivar,  oh  daz  mm 
tüille  si.  89,  30  Swen  nu  sin  kriuze  und  sin  grap  niht  wil  erbarmen, 
daz  sint  von  ime  die  scelden  armen. 

c)  Rhetorische  Frage;  [86,  11]  waz  möht  ir  an  ir  tugenden 
hezzer  sin,  dan  obes  ir  umberede  lieze  sieht,  toite  etc.?  [89,  32]  Nu  loaz 
gelouhen  wil  der  hän  und  wer  sol  im  ze  helfe  komen  an  sinem  ende,  der 
gote  wol  hülfe  und  tuot  ez  niht?  87,  15  wie  wiltu  nu  geleisten  diu  beide, 
varn  über  mer  und  iedoch  wesen  hie?  Anrede  an  die  eigene  Person  in 
einer  Frauenstrophe  [94,  29]:  wie  toil  du  nu  gebären,  swenne  er  hinnen 
vert,  .  .  .?  [95,  2]  loie  sol  ich  der  werlde  und  miner  klage  geleben ?  Hierher 
rechne  ich  auch  die  an  Gott  gerichtete  Frage  [86,  23],  die  Burdach 
nicht  zu  den  rhetorischen  Fragen  zählt:  herre,  wan  ist  daz  mtn  lehen, 
daz  rnir  niemer  leit  geschiht? 

d)  Parenthese:  [*92,  33]  swenn  daz  also  ergienge ,  so  wurde  ich 
von  sorgen  fri  (ir  genäde  stänt  dähi) ,  ob  si  mir  des  verhienge.  Der  ganze 
antithetische  Satz  steht  in  Parenthese  89,5  fF.  künden  si  ze  rehte  beidiu 
sich  bewarn,  für  die  wil  ich  ze  helle  varn,  [die  aber  mit  listen  wellent 
sin,  für  die  icil  ich  niht  Valien,)  ich  weine  die  da  minnent  äne  galten, 
als  ...  Haupt  vergißt  hier  die  Klammern  zu  setzen,  während  er  sie 
94,  32  unnöthiger  Weise  anbringt. 

e)  Ellipse:  *93,  29  ^Wer  hat  iuch,  vil  lieher  man,  betwungen  üf  die 
not?'  Daz  hat  iuwer  schoene  seil,  getan.  *94,  14  ßne  Ion  so  sult  ir 
niht  bestän'  Wie  meint  ir  daz,  frouioe  guot?  J)az  ir  deste  werder  sit 
und  dähi  hochgemuot'  Zu  ergänzen  ist:    daz  sol  iuwer  Ion  sin,  daz  ../ 

/)  Ein  Mittel,  die  Rede  zu  beleben,  gewinnt  der  Dichter  be- 
sonders dadurch,  daß  er  andere  Personen  redend  einführt, 
vor  Allem  die  Geliebte:  87,  14.  94,35.  95,  13.  93,  14  flP.;  die, 
welche  die  Theilnahme  am  Kreuzzuge  verweigern :  89,  25.  Der  Dichter 
führt  ein  Selbstgespräch:  90,  80.  Ich  denke  also  vil  manege  naht:  waz 
sol  ich  tvider  got  nu  tuon,  oh  ich  helibe,  daz  er  mir  gencedic  si?  etc. 
Es  ist  hierbei  von  Wichtigkeit,  ob  die  Person  die  Rede  einführt, 
oder  ob  die  Bezeichnung  des  Redners  in  die  Rede  eingeschaltet   ist '). 


')  cf.  Riebard  Meyer,  Die  Reihenfolge  der  Lieder  Neitharts  v.  R.^S.  80. 


432  J-  HORNOFF 

Während  der  ältere  Minnesang  die  Einschaltung,  der  spätere  die  Ein- 
führung bevorzugt,  steht  Johansdorf  in  der  Mitte,  er  hat  beide  Formen. 

Einführung:  87,  14  dö  sprach  diu  guote:  ^wie  wiltu  .  .f  *93,  14 
sä  dd  sprach  diu  guote:  ^waz  weit  ir  .  .f  89,  25  die  sprechent:  ^wcer 
ez  .  .  /  90,  8  ich  denke  also  vil  manege  naht:  ^waz  sol  ich  .  .  J 

Einschaltung:  94,  35  Owe^  sprach  ein  wip,  ^oie  vil  mir  doch  von 
liehe  leides  ist  beschert!  . . .'  95,  14  Jteht  mm  herzeliep  od  ist  er  tot\ 
sprichet  si,    so  müeze  .  . .' 

Die  Bezeichnung  des  Antwortenden  bleibt  weg:  89,  20  sprechet^ 
herre,  lourre  ez  iht  ?    man  sol  ez  den  man  erhüben  und  den  frouioen  niht.' 

In  dem  langen  Dialog  93,  12  ist  nur  die  eine  der  redenden  Per- 
sonen zum  ersten  Male  bezeichnet,  in  dem  weiteren  Verlaufe  wird 
jede  durch  die  Anrede  und  die  genaue  Responsion  kenntlich. 

2.  Nachdruck  und  Fülle  des  Ausdrucks. 

a)  Epitheton  ornans.  Dieses  ist  in  den  echten  Liedern  nur 
sehr  dürftig  vertreten,  elfmal  gegen  elf  Fälle  in  den  unechten  Liedern. 
Es  erscheint  bald  mehr,  bald  minder  betont.  Die  auf  die  Liebe  und 
die  Geliebte  bezüglichen  Verbindungen  sind  conventioneil.  86,  28  grozen 
kumber.  89,  28  der  grozen  marter.  87,  37  die  starken  ünde.  89,  27  den 
grimmen  tot.  87,  12  heileger  got.  87,  23  des  riehen  gotes  ere.  88,  37 
hoesen  kranc.  94,  15  guote  Hute.  94,  29  die  reinen  gotes  vart.  —  *92,  20 
mit  reines  ivtbes  güete.  *92,  35  vil  werde  küneginne.  *93,  29  vil  lieber 
man.  89,  8  die  lieben  frouwen  mm.  *93,  19  vil  liebe  frouwe  min.  *93,  31 
vil  minneltchez  wip.  Q^,ld  frouwe  guot.  ^92^36  der  vil  süezen  minne. 
95,  14  er  süezer  lip.  *93,  32  iuwer  siiezen  doene.  *93,  10  frou  Zuht  mit 
süezer  lere.  *93,  18  senden  kumber.  *93,  5  ir  roter  miint. 

b)  Der  betonte  Begriff  wird  an  die  Spitze  des  Satzes 
gestellt  und  an  dem  ihm  eigentlich  zukommenden  Platze  durch  das 
Demonstrativum  wiederholt. 

a)  Der  Begriff  ist  einfach:  86,  28  ein  ivip,  diu  grozen  kum- 
ber von  mir  hat,  daz  ich  si  vinde  an  ir  eren.  [92,  1]  allez,  daz 
ich  ie  gewan,  het  er  mir  daz  genomen,  ...  90,  37  noch  gedinge  ich, 
der  ich  vil  ge  dien  et  hän  daz  si  mir  es  lone. 

ß)  Der  Begriff  ist  zusammengesetzt,  steht  außerhalb  der  Con- 
struction  des  Satzes.  Der  die  verschiedenen  Elemente  einigende  Be- 
griff wird  herausgehoben  und  mit  dem  Demonstrativum  verbunden 
in  die  Construction  des  Satzes  aufgenommen:  90,  32  Wize,  rote  rosen, 
bldwe  hluomen,  grüene  gras,  brüne  gel  und  aber  rot  dar  zuo  des  klewes 
blat,  von  dirre  varwe  lounder  under  einer  linden  loas. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  433 

Kommt  dem  hervorgehobenen  Begriffe  schon  an  sich  die  erste 
Stelle  zu,  so  wird  er  wenigstens  durch  das  Demonstrativum  wiederholt: 

86,  1  7nm  erste  liebe,  der  ich  ie  hegan,  diu  selbe  muoz  an  mir 
diu  leste  sin.  86,  20  mm  bester  trost,  der  .  .  94,  12  äne  Ion  so  sult  ir 
niht  bestem.     95,  9  iv  vil  gitoten  lip  den  .  . 

c)  Dasselbe  Wort  oder  derselbe  Wortstamm  wird  wieder- 
holt. 

a)  Dasselbe  Wort  in  derselben  Form :  87,  2.  4  so.  87,  21  nu. 
91,  22.  23.  25  wie.  *93,  29.  30  hat.  [94,  36.  37]  liebe  leides.  [91,  20.  21] 
und  wil  si. 

ß)  Dasselbe  Wort  in  verschiedenen  Formen:  90,  32  rote.  33  rdt. 
91,  3  lanc.  4  langen.  *94,  2  stalten.  3  stcete.  95,  6  wip.  7  wibes.  89,  29 
erbarmet.  30  erbarmen.  90,  26  gesungen.  28  singe.  30  gesanc.  91,  15 
diene  dienen.  *93,  33  ivolten.  34  xuelle.  94,  23  gegeben.  24  ^e&<  (un- 
mittelbar aufeinander  folgend).     94,  25  lä.    26  län. 

y)  Das  gleichlautende  Wort  in  verschiedener  Function  :  *93,  19 
klage  (Verbum).    21  klage  (Substantiv). 

d)  Der  gleiche  Wortstamm:  86,  13  einvaltecliche.  14  einvaltic. 
88,  33  minne  minnediche.  89,  33  ze  helfe.  34  hülfe.  91,  1  vröuden. 
2  vröuwen. 

f)  Dasselbe  Wort   in  Zusammensetzung:    91,  25  herzen  herzeliep. 

d)  Responsion.  Bestimmte  Stellen  des  Strophengebäudes  oder 
einer  Strophe  sind  durch  die  Wiederholung  desselben  Wortes  oder 
derselben  syntaktischen  Form  oder  desselben  Inhaltes  gekennzeichnet. 

a.)  Wörtliche  Entsprechung. 

aa)  innerhalb  des  Strophengebäudes.  Die  zweite  und  dritte 
Strophe  von  86,  1  und  die  beiden  Strophen  von  90,  16  beginnen  mit 
ich.^  In  [89,  21]  werden  die  beiden  Schluß  Zeilen  der  ersten  und 
zweiten  Strophe  mit  dem  verallgemeinernden  Relativum  eingeleitet  und 
entsprechen  sich  auch  inhaltlich  (cf.  Burdach  a.  a.  0.  S.  93) : 

1.  Str.  sioen  nu  sm  kriuze  und  sin  grap  niht  wil  erbarmen,  daz 
sint  von  irne  die  scelden  armen!  2.  Str.  swem  disiu  rede  niht  nähe  an 
sin  herz6  vellet,  owe  war  hat  sich  der  gesellet? 

ßß)  Innerhalb  derselben  Strophe.  *92,  21:  Der  erste  Stollen 
und  der  Abgesang  beginnen  mit  du,  der  zweite  Vers  jedes  Stollens  mit 
und.  92,  28  beginnt  der  zweite  Stollen  und  der  Abgesang  mit  so. 
Gleichzeitig  findet  syntaktische  Entsprechung  statt,  indem  in  beiden 
Theilen  dem  Hauptsatze  ein  Bedingungssatz  vorausgeht.  91,  8  fangen 
beide  Stollen  mit  da  an;  94,  35  der  mittlere  Vers  jedes  Stollens  und 
der  Abg     ang  mit  wie. 

ÖEEMANIA.    Neue  Reihe  XXI.  (XXXUI.)  Jahrg.  28 


434  J-  HORNOFF 

ß)  Syntaktische  Entsprechung.  94,  15.  Der  zweite  Stollen  und 
der  Abgesang  beginnen  mit  Imperativ,  im  ersten  Stollen  steht  der- 
selbe am  Ende  des  ersten  Verses.  Von  dem  Imperativsatz  jedes  Stol- 
lens hängt  ein  Relativsatz  ab,  von  dem  Relativsatz  des  ersten  Stollens 
noch  ein  zweiter.  —  92,  28. 

f)  Inhaltliche  Entsprechung.  [89,  30.  90,  2.]  In  92,  35  ent- 
sprechen sich  die  Anfangszeilen  beider  Strophen.  1.  Str.  Diu  Scdde 
hat  geJcroenet  mich  gein  der  vil  silezen  minne.  Worin  die  Krönung  durch 
die  /Scelde  besteht,  besagt  erst  der  Anfang  der  zweiten  Strophe:  ge- 
prüevet  hat  ir  roter  munt  etc.     Hierzu  kommt  noch 

d)  eine  Responsion  in  der  Anordnung  des  Stoffes.  In  *93,  12 
fallen  die  Wechselreden,  abgesehen  von  der  ersten  Strophe,  auf  ganz 
bestimmte  Verse  jeder  Strophe,     cf.  Burdach  S.  93. 

e)  Refrain:  90,  23.  31  vröude  tmd  surner  ist  noch  allez  hie. 

f)  Parallelismus. 

tt)  Zwei  oder  mehrere  Begriffe  (Substantiva,  Adjectiva, 
adverbiale  Ausdrücke)  verwandten  Inhalts  werden  verbunden  durch 
wnd',  nnd  oucJi  (88,  1.  87,37.  89,22.  38),  dar  zuo  (90,33),  und 
däbi'  (*94,  14). 

aa)  Nomina:  88,  1  alle  mme  sinne  und  ouch  der  lip.  94,  23  beide 
sele  und  Itp.  87,  37  daz  mer  und  ouch  die  starken  ünde.  90,  23  vröude 
und  sumer.  94,  9  min  singen  und  min  dienest.  89,  22  Jersalem  der 
reinen  stat  und  ouch  dem  lande.  89,  30  sin  kriuze  und  sin  grap. 
89,38  daz  grap  und  ouch  daz  kriuze. 

ßß)  Adjectiva:  87,  5  si  ist  ivol  gemuot  und  ist  vil  wol  geborn. 
[92,  10]  wcBr  si  vil  reine  niet  und  alles  wandeis  fri.  *94,  14  daz  ir 
deste  Werder. sint  und  däbi  hochgemuot. 

yy)  Adverbiale  Ausdrücke.  Dieselben  unverbunden,  getrennt 
durch  das  Verbum:  88,  33  sioer  minne  minnecHche  treit  gar  äne 
valschen  mziot. 

Hieran    schließen  sich  noch  folgende  Fälle:    *93,  12.  Object  und 
prädicative  Bestimmung  haben  parallele  Ausdrücke: 
ich  vant  si  äne  huote 
die  vil  minneclichen  eine  stän. 
90,  32.  fünfgliederiges  Glefüge,  welches  theils  aus  Substantiven,    theils 
aus  Adjectiven    besteht,    und    dessen   vier   erste  Glieder  unverbunden 
sind ,    das    letzte    aber    mit    darzuo   angeschlossen  ist.    Das  erste  und 
vierte  Glied  wieder  mehrtheilig;  die  beiden  Theile  des  ersten  Gliedes 
unverbunden,    der  dritte  Theil  des  vierten  Gliedes  mit    und  aber    an- 
gefügt. 


DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF.  435 

Wize,  rote  rosen,  hläwe  hluomen,  grüene  gras, 

hrüne  gel  und  aber  rot,  dar  zu  o  des  kleices  hlat. 

ß)  Zwei  oder  mehrere  Sätze  gleichen  oder  verwandten  Inhalts 
treten  zusammen,  verbunden  oder  uuverbunden. 

aa)  Hauptsätze  verbunden :  86,  25  Ich  hän  durch  got  das  kriuze 
an  mich  genomen  und  var  dahin  d,urch  mme  missetät.  [88,  36]  si  {diu 
minne)  tiuret  und  ist  giiot.  [88,  37]  Man  sol  miden  hoesen  kranc  und 
minnen  reiniu  wtp.  91,  15  der  ich  ddene  imd  iemer  dienen  wil.  *92,  21 
du  nim  daz  frouive  in  dinen  muot  und  tuo  gencedeclichen.  89,  13  ez  ist 
hiure  an  genäde  unnceher  danne  vert  und  ivirt  über  ein 
jar  vil  lihte  kleines  lones  wert.  Man  könnte  hierfür  den  von  Bur- 
daeh  an  anderer  Stelle  (89,  3)  gebrauchten  Ausdruck  „antithetischer 
Parallelismus"  (a.  a.  O.  S.  92)  verwenden.  Dort  sind  zwei  Nebensätze, 
hier  zwei  Begriffe  {hiure  und  ilher  ein  jär)  antithetisch.  Der  zweite 
Satz  durch  demonstratives  Adverb  verbunden  87,  25  f. :  swer  da  he- 
strüchef,  der  mac  lool  hesnaben\     däne  mac  niemen  gevallen  ze  sere. 

Unverbunden;  89,  9  8waz  ich  nu  gesinge,  deist  allez  umbe  niht  : 
mir  weiz  sin  niemen  danc  :  ez  wiget  allez  ringe  :  dar  ich  hän  gedienet, 
da  ist  mm  Ion  vil  kranc.  94,  11  in  sol  wol  gelingen.  äne  Ion  so  sult 
ir  niht  hestän.  94,  25  La  mich,  Minne,  vrt.  du  solt  mich  eine  wile 
sunder  liehe  län.  90,  12  (so  weiz  ich  niht  vil  groze  schidde,  die  ich  habe, 
niuwan  eine,)  der  enkume  ich  niemer  abe.  alle  sünde  lieze  ich  wol 
wan  die. 

ßß)  Nebensätze,  verbunden:  88,  14  daz  got  ir  eren  müeze  pflegen 
und  läz  ir  lip  mit  lobe  hie  gesten.  [91,  29]  Swä  zwei  herzeliep  gefriun- 
dent  sich         und  ir  beider  minne  ein  triuioe  icirt. 

Unverbunden:  86,  12  dan  obes  ir  umberede  lieze  sieht,  tcet  an 
mir  einvaltecliche.  [*92,  31]  swenn  daz  also  ergienge,  so  ....,  ob  si  mir 
des  verhienye. 

g)  Antithese. 

a)  Zweier  Worte:  86,  1  Min  erste  liebe,  der  ich  ie  began,  diu 
selbe  muoz  an  mir  diu  leste  sin.  89,  15  Wie  der  einez  tcete,  des  frag 
ich  ....,  wcer  ez  niht  unstcete,  der  zw  ein  loiben  wolte  sin  für  eigen 
jehen?  86,  10  durch  keine  liebe  niht,  ican  durch  daz  recht.  89,  20 
man  sol  ez  den  man  erlouben  und  den  frouwen  niht.  [94,  36]  wie 
vil  mir  doch  von  liebe  leides  ist  beschert!  [94,  37]  loaz  mir  diu  liebe 
leides  tuot!  95,  2  wie  sol  ich  der  werlde  und  miner  klage  ge- 
leben?  87,  16  varn  über  mer  und  iedoch  wesen  hie.  90,  26  dicke  hän 
ich  we  gesungen,     ^wol  mich*  singe  ich  gerne. 

28* 


436     J.  HORNOFF,  DER  MINNESÄNGER  ALBRECHT  VON  JOHANSDORF. 

Antithese  mehrerer  Worte:  94,  21  lidet  eine  wile  willeclichen 
not  vür  den  iemermere  wernden  tot.  94,  24  geht  irne  des  lihes 
tot,     duz  wirt  der  sele  ein  iemer leben. 

ß)  Anthithese  zweier  Sätze:  [89,  3]  der  gote  lool  hülfe  und 
tuot  ez  niht.  95,  13  leht  min  herzeliep  od  ist  ez  tot.  *93,  35  werte 
ich  iuch,  des  hetet  ir  ere,  so  wer  mm  der  spot.  [89,  3]  künden  si 
ze  rehte  ^heidiu  sich  hewarn,  für  die  wil  ich  ze  helle  varn.  die  aber  mit 
listen  wellent  sin,  für  die  wil  ich  niht  vallen'^  nach  Burdach  antitheti- 
scher Parallelismus.  Ebenso  könnte  man  den  Bau  der  folgenden 
Sätze  bezeichnen:  [91,  20]  Und  wil  si,  ich  hin  vro.  und  wil  si, 
so  ist  min  herze  leides  vol.  [91,  22]  Wie  sich  minne  hebt,  daz  wetz  ich 
ich  lool.  wie  si  ende  nimt,  des  weiz  ich  niht.  90,  19  Und  ist,  daz 
ich  genäde  vinde,  so  gesach  ich  nie  so  guoten  lip.  ob  ah  ich  ir  wcere 
vil  gar  unmare,  so  ist  si  doch,  diu  tugende  nie  verlie. 

Mit  Parallelismus  und  Antithese  ist 

h)  Chiasmus  verbunden  in  86,  17  ich  hän  durch  got  daz 
kriuze  an  mich  genonien  und  var  dahin  durch 
mtne  missetät.  94,  23  got  hat  iu  beide  sele  und  lip  gegeben,  gebt 
ime  des  Hb  es  tot.     daz  loirt  der  sele  ein  iemerlehen. 

3.  Anschaulichkeit. 

a)  Personification:  Minne  94,  25.  Scelde  *92,  35,  als  Königin  vor- 
gestellt *93,  1.    freu  Zuht  *93.  11. 

h)  Bezeichnung  und  Umschreibung  von  Personen.  Der  Geliebten: 
diu  wolgeiäne  87,  13.  diu  vil  schoene  *93,  2.  92,  16.  diu  guote  87,  14. 
91,  3.  94,  34.  frouive  guot  *94,  14.  ir  vil  guoten  lip  95,  9.  aller  gilete 
ein  gimme  *93,  4.  diu  tugende  nie  verlie  90,  22.  die  vil  minneclichen 
*93,  13.  vil  minneclichez  wip  93,  31.  scelic  loip  95,  6.  der  ich  vil  ge- 
dienet hän  90,  37.  der  ich  diene  und  iemer  dienen  loil  91,  15.  herze- 
vrowe  87,  21.    küneginne  *93,  24. 

Bezeichnung  des  Geliebten :  er  süezer  lip  95,  15.  In  der  Anrede : 
viel  lieher  man  *93,  29.  ir  tumber  *93,  20.  Der  treu  Liebenden:  die 
da  minnent  äne  gallen  89,  7:  Der  untreu  Liebenden:  die  mit  listen 
wellent  sin  89,  5.  Der  Kreuzfahrer:  die  vil  sceldehaften  94,  19.  Der 
am  Kreuzzuge  sich  nicht  Betheiligenden:  die  scelden  armen  89,21. 
die  tumben  89,  24.  Gottes:  der  al  der  werlte  fröude  gxt  92,  14.  got 
unser  herre,  der  al  der  luelte  hat  geioalt  94,  16  f.  der,  durch  den  er 
süezer  lip  sich  dirre  weite  hat  bewegen  95,  14. 

Allgemeine  Bemerkungen.  Die  Häufung  gewisser  Con- 
struetionen   dient  dem  Dichter  dazu,    ganz  bestimmte  Eindrücke  her- 


\ 


FR.  GRIMME,  DIP:  BEZEICHNUNGEN  HEU  UND  MEISTER  etc.        437 

vorzubringen,  wobei  es  natürlich  auch  auf  das  Tempo  des  Vortrags 
ankommt.  So  erscheint  die  Sprache  da,  wo  nur  Hauptsätze  oder  ab- 
wechselnd Haupt-  und  Relativsätze  angewandt  sind,  einerseits  mehr 
ernst,  feierlich,  wuchtig  (88,  19),  anderseits  mehr  leidenschaftlich 
und  eindringlich  (87,  5.  89,  9.  95,  5,  besonders  beachtenswerth  94,  15), 
in  beiden  Fällen  aber  höchst  wirkungsvoll.  Das  gilt  auch  von  der 
häufigen  Verwendung  der  Ausrufe  in  94,  35.  Der  Eindruck  des  Leiden- 
schaftlichen, den  die  Häufung  der  Bedingungsperioden  in  91,  36  er- 
wecken soll,  wird  allerdings  dadurch  etwas  gedämpft,  daß  die  Vir- 
tuosität, die  Mache  zu  sehr  hervortritt  (:  kunstvoller  Strophenbau 
cf  unter  „Rhythmik  und  Metrik".  Die  drei  Bediugungsperioden  auf 
die  drei  Theile  der  Strophe  vertheilt.  Derselbe  Gedanke  dreimal  aus- 
gedrückt mit  theilweiser  Verwendung  von  geprägten  Formeln). 

(Schluß  folgt.) 

J.  HORNOFF. 


DIE  BEZEICHNUNGEN   her  UND    meister  IN  DER 
PARISER  HANDSCHRIFT  DER  MINNESINGER. 

Bislang  stand  es  unumstößlich  fest,  daß  Sänger,  welche  das 
Prädicat  her  führten,  den  Rittern  beizuzählen  seien,  daß  dagegen 
^meister"  Jemanden  aus  dem  Bürgerstande  bezeichne,  und  noch  Bartsch 
'hat  in  seinen  „Schweizer  Minnesängern"  Seite  LXIV,  gestützt  auf  die 
Autorität  der  Pariser  Handschrift,  den  Meister  Heinrich  Teschler  als 
bürgerlichen  Sänger  bezeichnet  und  Zweifel  ausgedrückt,  ob  der  in 
den  Jahren  1251 — 56  sich  findende  Heinrich  Teschler  mit  obigem 
Dichter  identificirt  werden  dürfe,  da  dieser  in  einer  Urkunde  her 
genannt  werde.  Wie  gesagt,  lange  Zeit  hat  diese  Meinung  unange- 
fochten bestanden:  da  ließ  Heinrich  Kurz  in  der  Germania  XV,  207  ff. 
seine  Untersuchungen  über  die  Persönlichkeit  Gottfrieds  von  Straß- 
burg erscheinen^  und  weil  er  ihn  durchaus  in  dem  adeligen  Gode- 
fridus  Rodelarius  de  Argentina  erblicken  wollte,  welchen  man  — 
fälschlich,  wie  sich  später  herausgestellt  hat  —  in  einer  Urkunde  des 
Königs  Philipp  vom  Jahre  1207  fand,  so  mußte  er  eine  andere  Er- 
klärung für  „Meister"  suchen.  Nach  ihm  bedeutet  nun  dieser  Aus- 
druck, wenigstens  bei  Gottfried  von  Straßburg,  einen  Sänger,  welcher 
ein  Meister  in  seiner  Kunst  ist,  d.  h.  der  mehr  als  Andere  leistet. 
Will    man    bei    dem    einen  Dichter  diese  Erklärung  gelten  lassen,    so 


438  FR.  GRIMME 

muß  ruan  consequenter  Weise  dieselbe  auch  auf  Alle,  welche  jenes 
Prädicat  führen,  ausdehnen,  und  dann  wäre  der  ganze  Unterschied 
zwischen  her  und  meister  einfach  aufgehoben.  Bis  jetzt  hat  man  sich 
vor  diesem  Schritte  gehütet,  und  wohl  mit  Recht;  denn  von  den  mit 
meister  bezeichneten  Dichtern  sind  einige  nichts  weniger  als  Meister 
in  der  Dichtkunst,  und  dann  führen  die  lyrischen  Sänger,  welchen 
an  erster  Stelle  jener  Ehrentitel  gebührte,  wie  Walther  von  der  Vogel- 
weide, Reinmar  der  Alte  u.  s.  w.,  ihn  nicht. 

Wir  wollen  nun  an  der  Hand  der  Pariser  Handschrift  die  Be- 
zeichnungen her  und  meister  einer  Untersuchung  unterziehen,  um  die 
richtige  Bedeutung  und  den  Unterschied  zwischen  beiden  zu  ergrün- 
den. Zu  diesem  Zwecke  ist  es  nöthig,  uns  die  ^Handschrift  und  ihren 
Inhalt  genau  anzusehen. 

Die  Pariser  Handschrift  der  Minnesinger  hat  mit  Einschluß  des 
Königs  Tirol,  des  Winsbeke  und  der  Winsbekin  und  des   Wartburg- 
krieges  im  Ganzen  Lieder   und  Gedichte    von   140  Personen  uns  auf- 
bewahrt.   Unter   den  überlieferten  Sängern    befinden    sich    vier  Kaiser 
und  Könige,  drei  Herzoge,  drei  Markgrafen,  sieben  Grafen,   drei  Burg- 
grafen, drei  Schenken,  ein  Truchseß,  ein  Marschall;  54  Dichter  wer- 
den als  Herren  bezeichnet,  fünf  andere  sind  aufgeführt  als :  der  von — , 
zwei  sind  Brüder,  neun  werden  Meister  genannt,  während  bei  46  Per- 
sonen  überhaupt  kein  Prädicat  oder  Titel  aufgeführt  wird.    Also  fast 
ein  ganzes  Drittel  aller  Dichter  ist  uns  einfach  nur  mit  Namen ,    und 
häufig    sehr    mangelhaft,    überliefert.    Was    soll    man    nun  von  diesen 
halten?    Sind    sie    adeliger  Abkunft    oder    aus    bürgerlichem   Stande?, 
Eine  Entscheidung  darüber   wird  so  leicht   nicht  gefällt  werden.    Am 
besten    könnte    man    sich    aus    der  Klemme  retten,    wenn  man  sagte: 
der  Schreiber  der  Handschrift  hat  es  selbst  nicht  gewußt,  unter  welche 
Kategorie    diese  Dichter   einzureihen    seien,    und    hat    daher  die  Titel 
einfach    fortgelassen,     um    Avomöglich    keinen  Fehler    zu  begehen.     So 
könnte  es  auf  den  ersten  Blick  scheinen,  und  dennoch  ist  es  nicht  so. 
Zwar  mag  der  Schreiber  bei  einigen  älteren  oder  weit  entlegenen,  so 
bei  den  steiermärkischen  Dichtern,  aus  Unkenntniß  die  nähere  Bezeich- 
nung fortgelassen  haben,  das  Wenigste  aber,    was  wir  doch  von  ihm 
voraussetzen  dürfen,  und  was  auch  allgemein  angenommen  wird,  ist, 
daß  er  in  seiner  engsten  Heimat  gut  orientirt  sei  und  daher  über  die 
Schweizer  Sänger  Bescheid  wisse,  welche  fast  sämmtlich  in  der  zweiten 
Hälfte   des   13.  Jahrhunderts,   ja  sogar  noch  im  14.  Jahrb.,    also  zur 
Zeit    der  Abfassung    der  Handschrift    gesungen    und  gedichtet  haben. 
Aber    unter  den  zweiunddreißig  Schweizer  Dichtern,    welche  Bartsch 


DIE  BEZEICHNUNGEN  HER  UND  MEISTER  etc.  439 

in  seine  oben  erwähnte  Sammlung  aufgenommen  hat,  befinden  sich 
nicht  weniger  als  zehn,  welche  entweder  gar  kein  Prädicat,  oder  nur 
die  nichtssagende  Bezeichnung  „der"  tragen;  zu  diesen  käme  als 
elfter  noch  der  Hardegger.  Über  den  Stand  und  das  Leben  dieser 
Sänger  mußte  der  Schreiber  unbedingt  unterrichtet  sein,  denn  Un- 
kenntniß  ist  hier  durchaus  nicht  vorauszusetzen.  Es  bleibt  uns  also 
nichts  übrig,  als  die  Annahme:  nicht  das  Prädicat  vor  dem  Namen 
des  Dichters  habe  ausschließlich  den  Stand  desselben  bezeichnet, 
sondern  etwas  Anderes. 

Aber  vielleicht  gehörten  alle  ohne  ein  Beiwort  überlieferten 
Sänger  dem  Bürgerstande  an ,  und  „Meister"  hat  dann  doch  die  Be- 
deutung, welche  Kurz  ihm  beigelegt  hat?  Um  dies  entscheiden  zu 
können,  müssen  wir  sämratliche  titellose  Dichter  durchgehen  und  auf 
anderem  Wege  die  Entscheidung  bringen,  ob  sie  adelig  oder  bürgerlich 
seien.  Wir  werden  uns  hierbei  an  die  Reihenfolge  der  Pariser  Hand- 
schrift halten.  Vorläufig  wollen  wir  annehmen,  daß  die  fünf  Personen, 
welche  das  Prädicat  „der  von  — "  führen  (es  sind  der  von  Kürenberg, 
Gliers,  Sachsendorf,  Johansdorf  und  Wildonie)  dem  Ritterstande  an- 
gehörten, obgleich  es  auffallen  muß,  daß  bei  Gliers  der  Vorname 
nicht  überliefert  ist.  Es  mag  sich  dies  aber  leicht  dadurch  erklären, 
daß  die  Lieder  des  v.  Gliers,  welcher  zu  den  spätesten  Minnesingern 
gehört,  zur  Zeit  der  Abfassung  der  Handschrift  noch  in  aller  Munde 
waren,  und  jeder  Gebildete  in  der  Schweiz  wußte,  wer  unter  dem 
namenlosen  von  Gliers  gemeint  sei.  Es  bleiben  uns  somit  noch  jene 
vorhin  angeführten  46  Personen  übrig. 

Eine  sichere  Entscheidung  über  Wachsmuot  von  Künzingen  können 
wir  vorläufig  noch  nicht  fällen,  da  weder  er  noch  ein  Anderer  seines 
Geschlechtes  bis  jetzt  in  Urkunden  nachgewiesen  und  es  zweifelhaft 
ist,  ob  der  Vogt  Johannes  ze  Kenzingen  in  einer  Freiburger  Urkunde 
aus  dem  Jahre  1311  obiger  Familie  angehört.  Engelhard  v.  Adelnburg 
dagegen,  den  v.  d.  Hagen,  Haupt  und  der  Unterzeichnete  in  den 
Jahren  1180 — 1230  schon  nachgewiesen  haben,  ist,  wie  ich  Ger- 
mania XXXII,  420  dargethan,  entschieden  von  edler  Herkunft.  Über 
Johannes  von  Ringgenherg  herrscht  schon  seit  langer  Zeit  kein  Zweifel 
mehr,  daß  er  aus  der  adeligen  Familie  der  Vögte  von  Briens  stamme ; 
zur  näheren  Kenntniß  seines  Lebens  vergleiche  man  besonders  Bartsch : 
die  Schweizer  Minnesänger,  Nr.  XXIX.  Der  namenlose  von  Suonegge 
gehört  nach  v.  d.  Hagen  und  Anderen  zu  den  Freien  von  Saneck  in 
Steiermark,  und  allgemein  wird  Conrad  I.  als  der  Minnesinger  an- 
gesehen, der  vom  Jahre  1202 — 1241  in  Urkunden  sich  findet.    Wenn 


440  FR.  GRIMME 

man  nun  auch  dieser  f^arailie  den  Dichter  streitig  machen  wollte, 
was  jedoch  nicht  wohl  angeht,  so  könnte  nur  noch  ein  wiederum 
adeliges  Geschlecht  in  Betracht  kommen,  nämlich  die  herzoglich 
kärntnerischen  Ministerialen  von  Suneck  oder  Sunecke,  von  denen 
Mitglieder  in  den  Jahren  1183 — 1263  auftreten.  Adelig  war  also  der 
Minnesinger  von  Suonegge  auf  jeden  Fall.  f.  Scharfenherg  stammt  ohne 
Zweifel  aus  dem  steiermärkischen  Ministerialengeschlecht  gleichen 
Namens;  auch  er  ist  daher  zum  Adel  zu  rechnen.  Cristan  von  Lupin 
war,  wie  ich  in  meiner  Dissertation:  „Der  Minnesänger  Cristan- 
von  Lupin  und  sein  Verhältniß  zu  Heinrich  von  Morungen"  und  Ger- 
mania XXXn,  421  dargethan  habe,  Mitglied  einer  Familie,  welche  im 
Mioisterialenverhältniß  zu  den  Grafen  von  Rotenburg  und  Beichlingen 
stand;  er  war  adelig.  Über  Thuring,  Winli  und  von  Munegür  läßt 
sich  vorläufig  nichts  Sicheres  ermitteln,  nur  so  viel  will  ich  sagen,  daß 
nach  meiner  Meinung  und  den  folgenden  Ausführungen  der  Ortioinus 
ioculator,  welchen  Herzog  Germania  XXIX,  35  anführt,  nicht  der 
Minnesinger  sein  kann,  von  Raute  ist  schon  seit  längerer  Zeit  als  aus 
ritterlichem  Geschlechte  stammend  nachgewiesen.  Auch  der  Püller  ist 
mit  großer  Wahrscheinlichkeit  dem  Adel  des  Elsaßes  zugetheilt. 
Unter  dem  v.  Trostberg  haben  wir  wohl  Rudolf  v.  Trostberg  zu  ver- 
stehen, einen  Schweizer  Ritter,  über  den  bei  Bartsch  a.  a.  O.  Nr.  XXV 
Näheres  zu  erfahren  ist.  Hartmann  v.  Sta.rkenherg  gehört  nach  v.  d. 
Hagen  zu  einem  edlen  Geschlechte  in  Tirol,  während  v.  Stadegge  in 
Steiermark  zu  suchen  und  mit  v.  d.  Hagen  und  Weinhold  für  Rudolf  II. 
V.  Stadegge  zu  halten  ist,  der  vom  Jahre  1240 — 1263  in  Urkunden 
erscheint.  Welcher  Gegend  Deutschlands  der  Minnesinger  v.  Stamhein 
zuzuschreiben  sei,  ist  noch  nicht  entschieden,  aber  mit  Sicherheit  wird 
er  für  adelig  gehalten;  das  letztere  gilt  auch  von  dem  Tanhuser, 
welcher  entweder  im  Salzburgischen  oder  in  Baiern  zu  Hause  war. 
Die  Heimat  des  Dichters  v.  Buchein  ist  wohl  im  Bereiche  des  jetzigen 
Großherzogthuras  Baden  zu  suchen,  wo  es  eine  weitverzweigte  adelige 
Familie  von  Bucheim  gab,  von  deren  Mitgliedern  besonders  ein  Mane- 
gold  sich  sehr  häufig  findet.  Dagegen  gehörte  der  Hardegger  der 
Schweiz  an  und  war,  wie  wir  mit  ziemlicher  Sicherheit  vermuthen 
können,  der  St.  Galler  Ministeriale  Heinrich  v.  Hardegge,  der  vom 
Jahre  1225—1275  vereinzelt  sich  in  Urkunden  findet,  v.  Wissenlo  ist 
zu  der  adeligen  Familie  v.  Wiesloch  bei  Heidelberg  zu  zählen,  wäh- 
rend V.  Wengen  zu  den  Freien  gleichen  Namens  bei  Frauenfeld  in 
der  Schweiz  gehört.  Den  Taler  vermuthet  Bartsch  unter  den  Herren 
V.  Thal    in    der  Schweiz,    welche  Ministerialen    der  Abtei  St.   Gallen 


DIE  BEZEICHNUNGEN  EBB  UND  MEISTER  etc.  441 

und  der  Dynasten  von  Rheineck  waren.  Über  den  tugendhaften 
Schreiher  läßt  sich  vorläufig  keine  Entscheidung  fällen;  das  Grleiche 
gilt  von  dem  jungen  und  alten  Meißener,  ebenso  v.  Obernhurg  und  dem 
Marner,  während  bei  Süßkind  v.  Trimberg,  wenn  wir  ihm  die  erhal- 
tenen Gedichte  wirklich  zuschreiben  wollen,  sein  bürgerliches,  respective 
judisches  Geschlecht  von  vornherein  feststeht.  Bartsch  hält  Gast  für 
einen  bürgerlichen  Sänger;  nach  demselben  gehörte  v.  Buicenhurg 
einem  edlen  Geschlechte  an.  Mit  Sicherheit  ist  auch  Heinrich  v.  Te- 
tingen hierhin  zu  zählen,' wenngleich  es  noch  nicht  feststeht,  welcher 
der  vielen  Familien  dieses  Namens  der  Dichter  zuzuweisen  ist.  Über 
Rudolf  den  Schreiber,  in  dem  wir  nicht  mit  v.  d.  Hagen  Rudolf  v.  Ems 
erblicken,  können  wir  vor  der  Hand  kein  Urtheil  abgeben,  dagegen 
war  Regenbogen  wenigstens  nach  den  Überlieferungen  der  Meistersinger 
ein  bürgerlicher  Dichter,  Die  Frage  über  Kunz  v.  Rosenhein,  Rubin  und 
Rüdiger,  Kol  von  Neunzen,  den  Dürner,  den  wilden  Alexander^  Spervogel 
und  Boppe  muß  noch  offen  bleiben;  der  Litschauer  wäre  wohl  dem  Adel 
zuzuweisen,  wenn  wir  in  ihm  den  dominus  Jacobus  de  Litschau  er- 
blicken dürfen,  welcher  im  Jahre  1252  in  einer  Urkunde  des  Klosters 
Neustift  in  Tirol  auftritt,  was  mit  der  Lebenszeit  des  Dichters  sich 
in  Einklang  bringen  läßt.  Unter  dem  Kanzler  ist  wahrscheinlich  ein 
bürgerlicher  Sänger  zu  vermuthen.  Gottfried  v.  Strafiburg^  welcher  in 
der  Pariser  Handschrift  ohne  Prädicat  erscheint,  wird  an  anderen 
Stellen  Meister  genannt.  Rost,  Kirchherr  zu  Samen  hat  zwar  vor  seinem 
Namen  keinen  Titel,  doch  wollen  wir  vorläufig  aus  der  Bezeichnung 
Kirchherr  ihm  das  Prädicat  her  beilegen.  Den  fabelhaften  Klingsor 
können  wir  hier  mit  Fug  übergehen,  ebenso  den  Winsbeke  und  die 
Winsbekin,  da  diese  nicht  im  eigentlichen  Sinne  zu  den  Minnesingern 
zu  rechnen  sind. 

Um  nun  das  letztere  noch  einmal  kurz  zusammenzufassen,  so 
fanden  wir,  daß  von  den  46  ohne  Titel  uns  überkommenen  Dichtern 
21,  also  fast  die  Hälfte,  sicher  oder  doch  höchst  wahrscheinlich  edlem 
Geschlechte  angehörten ,  während  von  den  anderen  22  (wenn  wir  die 
drei  letztgenannten  außer  Acht  lassen)  zum  größten  Theile  Bestimmtes 
nicht  zu  ermitteln  war.  Jene  21  waren  also  doch  adelig,  ohne  daß 
ihnen  der  Schreiber  der  Pai-iser  Handschrift  die  Bezeichnung  her 
beilegte.  Aus  dieser  Thatsache  folgt  nun  mit  Gewißheit,  daß  das 
Prädicat  her  nicht  die  eigentliche,  ausschließliche  Bezeichnung  für 
Mitglieder  edlen  Geschlechtes  war.  Wenn  nun  der  Schreiber  der 
Handschrift  bei  der  Zutheilung  der  Beiwörter  so  unkritisch  verfuhr, 
so    kann    uns    die  Pariser  Handschrift,    wenigstens    nach    dieser  Seite 


442  FR.  GRIMME 

hin,  nicht  mehr  als  Autorität  gelten,  um  einen  Sänger  dem  Adel  oder 
Bürgerstande  zuzuweisen. 

Aber  angenommen,  sämmtliche  Träger  des  Prädicates  her  in  der 
Pariser  Handschrift  waren  adelig,  ist  dann  dieses  Wort  darum  die 
eigentliche  Bezeichnung  für  einen  Edlen?  Wir  antworten:  Nein!  Her 
verkündet  vielmehr  den  niederen  Adel  im  Gegensatz  zu  den  Grafen 
und  noch  höheren  Rangstufen;  es  führen  demnach  diesen  Titel  die 
sogenannten  liberi,  wie  Gottfried  v.  Neifen,  Walter  v.  Klingen  u.  s.  w. 
und  vor  Allem  die  Ministerialen.  Alle  anderen  höheren  Adeligen 
haben  den  Titel  her  nicht,  vielmehr  hebt  ein  höherer  Rang  obige 
Bezeichnung  auf.  Wir  finden  in  der  Handschrift  keinen  Fall,  wo  ein 
König,  Herzog,  Markgraf  oder  Graf  noch  das  Prädicat  her  führte; 
ja  dies  geht  so  weit,  daß  sogar  Ministerialen,  wenn  sie  ein  besonderes 
Amt  innehaben,  den  Titel  her  verlieren.  Als  Beweise  dienen  der 
Schenk  v.  Limburg,  Schenk  Ulrich  v.  Winterstetten ,  v.  Singenberg, 
Truchseß  von  St.  Gallen,  der  Burggraf  v.  Rietenburg,  der  Burggraf 
V.  Luenz,  der  Burggraf  v.  Regensburg,  Albrecht  Marschall  v.  Rap- 
rechtswil,  sogar  Rost,  Kirchherr  v.  Sarnen.  Eine  Ausnahme  von  dieser 
Regel  bildet  nur  Her  Conrad  Schenke  v.  Landegge.  Hiermit  steht 
vollständig  im  Einklang,  daß  auch  in  Urkunden  die  oben  genannten 
Kategorien  niemals,  so  viel  mir  wenigstens  bekannt,  vor  ihrem  Namen 
noch  den  Titel  dominus  führen,  dem  doch  im  Deutschen  die  Bezeich- 
nung her  entspricht.  —  Wir  sehen  demnach:  her  bezeichnet  nicht 
schlechtweg  die  adelige  Herkunft,  sondern  ist  nur  Ehrentitel  für  die 
niederen  Adeligen,  die  Ministerialen  und  liberi. 

Was  verstehen  wir  aber  nun  unter  Meister?  Uns  haltend  an 
die  frühere  bekannte  Erklärung  und  fußend  auf  dem  Umstände',  daß 
die  meisten  dieser  Sänger  sich  in  Städten  nachweisen  lassen,  so  Gott- 
fried in  Straßburg,  Teschler  in  Zürich,  Walter  in  Breisach  und  Frei- 
burg u.  s.  w.  sagen  wir:  Meister  bezeichnet  den  Einwohner  einer 
Stadt;  doch  soll  damit  auf  keine  Weise  angedeutet  werden,  daß  die 
Träger  des  Prädicates  Meister  bürgerlicher  Herkunft  gewesen  seien; 
vielmehr  werden  wir  weiter  unten  sehen,  daß  wir  mehrere  derselben 
dem  Adel  zuzählen  müssen.  So  viel  erkennen  wir  also  schon  aus 
diesen  Ausführungen,  daß  her  und  meister  keine  sich  einander  aus- 
schließenden Begriffe  sind,  wenigstens  nicht  in  der  Weise,  wie  man 
bis  jetzt  annahm. 

Wenn  aber  nun  nicht  her  den  Ritter,  meister  den  Bürger  kurzweg 
bezeichnet,  auf  welchem  Wege  sollen  wir  dann  zu  einer  befriedigen- 
den Lösung    dieser  Frage    kommen?     Wie    sollen    wir   mit  Sicherheit 


DIE  BEZEICHNUNGEN  HER  UND  MEISTER  etc.  443 

den  einen  Sänger  dem  Adel,  den  andern  dem  Bürgerstande  zuweisen? 
Da  die  Titel  und  Überschriften  der  Pariser  Handschrift  uns  zu  keinem 
Ergebuiß  führen,  so  bieten  uns  die  Gemälde  noch  einen  sicheren 
Anhaltspunkt;  auf  diese  werden  wir  daher  jetzt  unser  Augenmerk 
richten.  Doch  nicht  die  eigentlichen  Scenen,  welche  sie  darstellen,  sind 
für  uns  von  Wichtigkeit;  diese  sind  oft  willkürlich  vom  Maler  gewählt, 
und  wenn  wir  auf  die  Zeichnung  etwas  geben  wollten,  so  müßte  nach 
dieser  z.  B.  Johann  von  Rinkenberg  aus  der  Reihe  der  Edlen  zu 
streichen  sein.  Vielmehr  sind  es  die  Zuthaten  zu  den  Gemälden,  welche 
für  uns  von  Bedeutung  sind. 

Zuerst  haben  wir  die  Wappen  in  Augenschein  zu  nehmen,  und 
da  können  wir  sogleich  von  vornherein  mit  Sicherheit  behaupten: 
jeder  Adelige  zur  Zeit  der  Minnesinger  führte  ein  Wappen;  wenn 
nun  auf  einem  vollständig  ausgeführten  fertigen  Gemälde  der  Pariser 
Handschrift  das  Wappen  fehlt,  so  ist  der  Sänger,  den  es  vorstellen  soll, 
unbedingt  ein  Bürgerlicher.  Zu  dieser  Kategorie  gehören  nun  der 
Kanzler,  Spervogel,  Meister  Rumslant,  der  loilde  Alexander,  Meister 
Sigeher,  der  Kol  von  Neunzen,  Ruhin  tmd  Rüdiger,  Kunz  von  Rosenheim, 
Meister  Conrad  v.  Würzburg ,  Rudolf  der  Schreiher,  v.  Obernhurg ,  der 
Schulmeister  von  Eßlingen,  der  junge  Meißner^  Süßkint,  der  Jude  von 
Trimberg  und  auch  Gottfried  von  Straßburg.  Diese  fünfzehn  Sänger 
sind  sicher  bürgerliche  Personen. 

Bestimmt  sind  der  Zahl  der  bürgerlichen  Sänger  auch  diejenigen 
Dichter  beizuzählen,  welche  in  der  Handschrift  gar  nicht  durch  Bilder 
vertreten  sind;  dahin  gehören  der  alte  Meißner,  Meister  Walter  v.  Brei- 
sach und  Gast.  Von  diesen  ist  Walter  schon  als  Bürger,  als  Schul- 
meister zu  Breisach  und  Freiburg,  nachgewiesen.  Daß  die  genannten 
drei  Dichter  uns  ohne  Bilder  tiberliefert  sind,  hat  seinen  Grund  wohl 
darin,  daß  der  Schreiber  aus  ihrem  Leben  keine  Momente  wußte, 
die  er  zu  einem  Gemälde  benutzen  konnte,  anderseits  auch  aus  den 
Liedern  sich  nichts  schöpfen  ließ ,  da  von  dem  alten  Meißner  nur 
zwei,  von  Gast  ein  einziges  und  von  Walter  v.  Breisach  nur  drei 
Gedichte  uns  überkommen  sind.  Die  Zahl  der  nichtadeligen  Sänger 
steigt  vorläufig  daher  auf  achtzehn. 

Wir  haben  vorhin  schon  gesagt,  daß  nur  das  fehlende  Wappen 
auf  vollständig  fertigen  Bildern  von  vornherein  die  bürgerliche  Ab- 
kunft sicherstelle.  Anders  verhält  es  sich  mit  den  Gemälden,  welche 
uns  unvollendet  tiberliefert  sind;  es  sind  dies,  wenn  wir  von  dem  nur 
in  Umrissen  gezeichneten  Bilde,  welches  sich  ohne  Text  vor  dem  Ge- 
mälde Göslis  von  Ehenheim  befindet,  absehen,  zwei,  nämlich  Hug  von 


444  FR.  GRIMME 

Werbemoag  und  Nithart.  Bei  beiden  ist  der  Rand  des  Schildes  wohl 
gezeichnet,  die  Eintragung  der  Farben  aber  unterlassen.  Die  Bilder 
sind  demnach  nicht  vollendet.  Da  jedoch  beide  Sänger  das  Prädicat 
her  führen,  da  außerdem  Hug  verschiedentlich  in  Urkunden  als  Ritter 
auftritt,  so  kann  das  fehlende  Wappen  hier  kein  Beweis  sein;  viel- 
mehr dürfen  wir  wohl  mit  Sicherheit  in  ihnen  edle  Sänger  erblicken; 
denn  daß  obige  beide  ein  Wappen  führten,  scheint  aus  den  Umrissen 
des  Schildes  hervorzugehen. 

Ist  nun  aber  das  Wappen  durchgängig  das  Abzeichen  der  Edlen? 
Ich  glaube  diese  Frage  verneinen  zu  müssen;  denn  nach  allen  Über- 
lieferungen aus  dem  Mittelalter  ist  Regenbogen  ein  bürgerlicher  Sänger 
gewesen,  nach  dem  Zeugnisse  der  Meistersänger  und  dem  Gemälde 
der  Pariser  Handschrift  seines  Handwerkes  ein  Schmied  —  und  den- 
noch führt  derselbe  ein  Wappen.  Zwar  ist  es  ein  sprechendes,  und 
so  könnte  man  vielleicht  behaupten,  alle  Träger  von  sprechenden 
Wappen  gehörten  dem  Bürgerstande  an.  Dem  steht  jedoch  im  Wege, 
daß  selbst  als  adelig  sicher  nachgewiesene  Sänger  ein  derartiges 
Wappen  führen ,  wie  Bruno  von  Hornberg.  Das  sprechende  Wappen 
zeigt  demnach  nicht  den  Bürger  an.  Dazu  kommt,  daß  Johann  Hacl- 
lonh,  welcher  sicher  ein  bürgerlicher  Sänger  war  und  als  solcher  auch 
schon  nachgewiesen  ist,  kein  sprechendes  Wappen,  sondern  ein  klet- 
terndes Eichhorn  mit  erhobenem  Schwänze  im  Schilde  führt.  Da  nun 
Regenbogen  und  Hadloub,  bestimmt  zwei  Sänger  aus  nichtadeligem 
Blute,  Wappen  haben,  so  kann  das  Wappen  als  solches  nicht  das 
Abzeichen  der  Adeligen  gewesen  sein.  Dagegen  müssen  wir  als  das 
eigentliche  Erkennungsmittel  der  Edlen  den  Ritterhelm  und  das 
Schwert  bezeichnen. 

Es  gibt  Bilder,  die  Wappen  haben,  ohne  daß  Helm  und  Schwert 
auf  ihnen  anzutreffen  sind,  wir  finden  aber  in  der  Handschrift  kein 
Bild,  auf  dem  das  Ritterschwert  und  der  Helm  sind,  ohne  daß  ein 
Wappen  zu  sehen  wäre.  Helm  und  Schwert  müssen  demnach  noch 
eine  besondere  hohe  Bedeutung  haben,  und  das  kann  nur  die  Bezeich- 
nung für  den  Adel  sein.  Ein  Beweis  für  die  letzte  Behauptung  liegt 
in  dem  Umstände,  daß  bei  Gemälden,  welche  uns  die  adeligen  Sänger 
im  Hauskleide  oder  anderen  nicht  kriegerischen  Beschäftigungen  zeigen, 
der  Helm,  meistens  mit  Zimier,  oder  das  Schwert,  von  einem  Nagel 
herabhängend,  eigens  der  Scene  hinzugefügt  sind.  Der  Maler  wollte 
dadurch  also  von  vornherein  Zweideutigkeiten  vorbeugen  und  bestimmt 
ausdrücken,  daß  die  unten  gezeichnete  Person  ein  Ritter  sei,  im 
Gegensatze  zu  den  Bürgerlichen,    bei    denen  jene  Insignien    nicht  zu 


DIE  BEZEICHNUNGEN  BEB  UND  MEISTER  etc.  445 

finden  sind.  Wenn  wir  von  den  Königen,  Herzogen,  Markgrafen  und 
Grafen  absehen,  die  ja  schon  in  ihrem  Titel  die  Gewähr  der  adehgen 
Geburt  tragen,  so  gehören  nach  den  obigen  Ausführungen  unbedingt 
in  die  Klasse  der  Adeligen: 

I.  Ministerialen  mit  bestimmten  Ämtern:  der  Schenke  von  Lim- 
burg, Schenk  Ulrich  v.  Winterstetten,  der  Burggraf  v.  Luenz ,  der 
Burggraf  v.  Rietenburg,  von  Singenberg,  Truchseß  v.  St.  Gallen, 
Albrecht  Marschall  v.  Raprechtswyl  und  der  Burggraf  v.  Regens- 
burg  =  7. 

IL  Sänger,  welche  das  Prädicat  her  führen;  Heinrich  v.  Veldeke, 
Gottfried  v.  Nifen,  Jacob  v.  Warte,  Walter  v.  Klingen,  Heinrich 
V.  Sax,  Heinrich  v.  Frauenburg,  Werner  v.  Teufen,  Heinrich  v.  Stret- 
lingen,  Kristan  v.  Hamle,  Ulrich  v.  Gutenburg,  Heinrich  v.  d.  Mure, 
Heinrich  v.  Morungen,  Reinmar  der  Alte,  Burcard  v.  Hohenfels,  Hesse 
v.  Rinach,  Milon  v.  Sevelingen,  Walter  v.  d.  Vogelweide,  Hiltbold 
V.  Swangou,  Wolfram  v.  Eschenbach,  Wilhelm  v.  Heinzenberg,  Leu- 
told  V.  Sewen,  Walter  v.  Mezze,  Rubin,  Bernger  v.  Horheim,  Bligger 
V.  Steinach,  Wachsmuot  v.  Mülnhauseu,  Hartmann  v.  Aue,  Reinman 
v.  Brennenberg,  Otto  zum  Turne,  Gösli  v.  Eheoheim,  Hezbolt  v.  Wi- 
zense,  Ulrich  v.  Liechtenstein,  Conrad  v.  Altstetten,  Bruno  v.  Horn- 
berg,  Brunwart  v.  Ougheim,  Göli,  Pfefi'el,  Steinmar,  Reinmar  der 
Videler,  Hawart,  Günter  v.  d.  Vorste,  Fridrich  der  Knecht,  Niuniu, 
Geltar,  Dietmar  der  Setzer,  Reinmar  v.  Zweter  =  46. 

IH.  der  von  — :  Der  von  Kürenberg,  v.  Gliers,  v.  Sachsendorf, 
V.  Johansdorf,  v.  Wildonie  :=  5. 

IV.  Brüder:  Bruder  Eberhard  v,  Sax,  Bruder  Werner  =  2. 
V.  Ohne  Bezeichnung:  Wachsmuot  v.  Künzingen,  Engelhard 
V.  Adelnburg,  Johannes  v.  Ringgenberg,  v.  Suonegge,  v.  Scharfen- 
berg,  der  Winsbeke,  Kristan  v.  Lupin,  During,  Winli,  v.  Munegiur, 
V.  Raute,  der  Füller,  v.  Trostberg,  Hartmann  v.  Starkenberg,  v.  Sta- 
degge,  V.  Stamhein,  der  Tanhuser,  v.  Buchein,  der  Hardegger,  v.  Wis- 
senlo,  V.  Wengen,  der  Taler,  der  tugendhafte  Schreiber,  der  Marner, 
V.  Buwenburg,  Heinrich  v.  Tetingen,  der  Dürner,  Boppe  und  der 
Litschauer  ^=  29. 

VI.  Meister:  Heinrich  Teschler,  Fridrich  v.  Sunenburg,  Heinrich 
Frauenlob  =  3. 

Bei  diesen  genannten  92  Dichtern  findet  sich  durchgängig  neben 
dem  Wappen  auch  der  Ritterhelm;  bei  Manchen  zum  Überfluß  noch 
das  Schwert.  Dieses  letztere  allein  treffen  wir  als  Zeichen  des  Ritter- 
thums    bei    Rudolf   v.   Rotenburg,    Heinrich    v.   Rugge    und    Conrad 


446  FR.  GRIMME, 

Schenk  von  Landegge.  Rechnen  wir  zu  diesen  nun  noch  die  beiden 
Sänger,  deren  Gemälde  nicht  vollendet  sind,  Hug  v.  Werbenwag  und 
Nithart,  so  steigt  die  Zahl  der  adeligen  Dichter  auf  97,  mit  Einschluß 
der  Könige,  Herzoge,  Markgrafen  und  Grafen  auf  114. 

Es  bleiben  uns  nun  noch  vier  Dichter  übrig,  welche  sich  nicht 
auf  die  obige  Weise  in  die  Zahl  der  Edlen  einreihen  lassen;  es  sind 
Friedrich  v.  Hausen,  Rost  v.  Sarnen,  Alram  v.  Gresten  und  Dietmar 
V.  Eist.  Ersterer  ist  schon  in  verschiedenen  Urkunden  als  Ritter  nach- 
gewiesen, ebenso  wird  er  in  den  Berichten  über  seinen  Tod  miles 
genannt.  Wie  kommt  es  nun,  daß  ihm  auf  dem  Gemälde  die  Ab- 
zeichen des  Ritterthums  fehlen?  Der  Grund  mag  wohl  in  der  Situation 
des  Bildes  liegen,  welches  uns  einen  reichgekleideten  Jüngling  zu 
Schiffe  auf  der  Seefahrt  zeigt,  wie  er  sich  nach  der  Geliebten  zurück- 
sehnt. Vielleicht  auch  sind  wir  berechtigt,  das  Helmzimier  in  den 
Verzierungen  der  Schiffsschnäbel  zu  suchen,  von  denen  der  rechte 
ein  goldenes  Löwenhaupt  mit  rother  Zunge,  der  linke  einen  eben 
solchen  Adler  aufweist.  Der  Hauptgrund  für  den  fehlenden  Helm 
liegt  aber  in  dem  Umstände,  daß  das  Gemälde  inicht  vollendet  ist. 
Im  Meere  ist  nämlich  der  Kampf  zweier  Seeungeheuer  dargestellt, 
welche  jedoch  nur  gezeichnet,  nicht  mit  Farbe  ausgefüllt  sind.  Dar- 
aus können  wir  ersehen,  daß  wir  ein  unfertiges  Bild  vor  uns  haben, 
und  dieses  widerspricht  daher  nicht  unserer  oben  aufgestellten  Be- 
hauptung. 

Rost,  der  Kirchherr  zu  Sarnen  und  Chorherr  zu  Wettingen  und 
Zürich,  muß  entschieden  aus  edlem  Geschlechte  gewesen  sein,  da  er 
hohe  geistliche  Amter  inne  hat,  wie  sie  in  damaliger  Zeit  nur  an 
Adelige  verliehen  wurden.  Und  dennoch  scheint  auf  dem  Gemälde 
der  Pariser  Handschrift  das  Abzeichen  der  edlen  Herkunft  zu  fehlen. 
Wir  können  nicht  annehmen,  daß  der  Maler  es  deshalb  ausgelassen, 
weil  er  eine  geistliche  Persönlichkeit  darstellte,  welche  mit  Schwert 
und  Helm  nichts  mehr  zu  thun  hatte.  Vielmehr  steht  diesem  im  Wege, 
daß  sogar  der  Bruder  Eberhard  v.  Sax,  welcher  doch  ein  Prediger- 
mönch war,  seinen  Ritterhelm  bei  sich  führt  in  einer  Scene,  wo  der- 
selbe gar  nicht  paßt.  Wir  müssen  daher  [eine  andere  Erklärung 
suchen.  Ich  kann  nicht  feststellen,  ob  v.  d.  Hagen  wirklich  eine 
richtige  Beschreibung  des  Bildes  uns  gegeben  hat;  so  viel  ich  aus 
der  photographischen  Nachbildung  der  Pariser  Handschrift  in  der 
Universitätsbibliothek  zu  Heidelberg  ersehen  konnte,  stellt  das  Gemälde 
die  Scene  dar,  wie  eine  edle  Dame  einem  vor  ihr  knienden  Geist- 
lichen das  Haar  abschneidet.   Ist  das  wirklich  der  Fall,  so  wäre  das 


DIE  BEZEICHNUNGEN  HEB  UND  MEISTEB  etc.  447 

Instrument,  welches  sie  in  der  Hand  trägt,  nicht  die  Spelte,  wie 
V.  d.  Hagen  sagt  (für  diese  ist  es  auch  merkwürdig  lang),  sondern  das 
Ritterschwert  des  vor  ihr  Knienden,  und  somit  wäre  das  Abzeichen 
der  Ritterschaft  gefunden.  Ich  kann  dies  jedoch  nicht  bestimmt  be- 
haupten ;  um  vollständig  sicher  zu  sein,  müßte  das  Originalbild  noch 
einmal  verglichen  werden. 

Bei  Alram  v.  Gresten  nun  liegt  die  Sache  etwas  anders;  er  führt 
das  Prädicat  her,  hat  aber  weder  Schwert  noch  Helm.  Er  steht  also 
scheinbar  im  Widerspruche  mit  unserer  ausgesprochenen  Behauptung, 
aber  auch  nur  scheinbar;  denn  ich  glaube  annehmen  zu  dürfen,  daß 
dieser  Minnesinger  nicht  aus  edlem  Geschlechte  war.  Dafür  spricht 
zuerst  sein  phantastisches  Wappen,  welches  sicherlich  nicht  der  Wirk- 
lichkeit entspricht,  ferner  die  Ungewißheit  seines  Vornamens,  da  nach 
v.  d.  Hagen  die  Vorschrift  Waltram  zeigt,  während  der  Maler  Alram 
geschrieben  hat,  und  endlich  kommt  dazu,  daß  in  der  adeligen  Familie 
von  Gresten^  welche  ich  durch  P/a  Jahrhunderte  ziemlich  genau  ver- 
folgt habe,  sich  weder  die  beiden  genannten  Namen  noch  ein  ent- 
fernt ähnlich  klingender  gefunden  haben.  Wahrscheinlich  war  daher 
der  Minnesinger  ein  bürgerlicher  Dichter,  und  der  Titel  her  ist  dem 
Schreiber  in  die  Feder  geflossen,  weil  sowohl  vor  als  nach  Alram 
ritterliche  Sänger  verzeichnet  stehen.  Somit  widerstreitet  auch  dieser 
Dichter  dem  von  uns  behaupteten  ritterlichen  Kriterium  nicht. 

Was  Dietmar  v.  Eist  betrifft,  dem  ebenfalls  die  adeligen  Ab- 
zeichen fehlen,  so  können  wir  wohl  kühn  behaupten,  daß  der  Ver- 
fertiger der  Handschrift  über  ihn  vollständig  im  Unklaren  war.  Dafür 
können  wir  anführen  das  merkwürdige  Gemälde  und  den  Umstand, 
daß  er  den  österreichischen  Dynasten  zu  einem  Mitgliede  des  Schweizer 
Geschlechtes  von  Ast  machte  und  ihm  ungefähr  auch  das  Wappen 
desselben  beilegte.  Ich  glaube  daher  nicht,  daß  dieser  einzige  alte 
Minnesinger  unsere  Behauptung  umstoßen  kann,  und  wir  dürfen 
darum  jetzt  unsere  Ansicht  als  begründet  aufstellen.  Wir  hätten  also 
auf  diese  Weise  im  Ganzen   117  adelige  Minnesinger  erhalten. 

Wenn  wir  nun  sehen,  daß  Dichter,  welche  das  Prädicat  Meister 
haben,  außer  dem  Wappen  auch  noch  den  Ritterhelm  führen,  so  können 
sie  unmöglich  dem  Bürgerstande  angehört  haben,  vielmehr  sind 
wir  nach  den  obigen  Ausführungen  berechtigt,  sie  für  Sänger  von 
Stand  zu  halten,  sie  für  Ritter  zu  erklären.  Dies  ist  der  Fall  bei 
Heinrich  Teschler,  Frauenlob  und  Fridrich  v.  Sunenburg,  von  denen 
der  Erstere  ja  in  Urkunden  schon  als  her  nachgewiesen  und  auch 
Frauenlob    schon  von  anderer  Seite  das  Ritterthum  zugesprochen  ist. 


448        FR.  GRIMME,  DIE  BEZEICHNUNGEN  HER  UND  MEISTER  etc. 

Treffen  wir  dagegen  Meister,  welche  zwar  ein  Wappen  haben,  aber 
keinen  Helm,  so  sind  sie  zu  den  bürgerlichen  Sängern  zu  rechnen; 
dies  ist  der  Fall  bei  Hadloub  und  Regenbogen.  Dem  Bürgerstande 
gehören  daher  mit  Alram  v.  Gresten  21  Personen  an,  dem  Adel  117; 
zählen  wir  dazu  die  Winsbekin  und  Klingsor,  so  ist  die  Zahl  140 
der  Pariser  Handschrift  erreicht. 

Es  erübrigt  uns  nun  noch,  eine  befriedigende  Definition  von 
Meister  zu  geben;  nach  dem  Obigen  ist  dieselbe  nicht  schwer,  und 
wir  erklären  daher  das  Prädicat  Meister  als  die  Bezeichnung  für  einen 
Dichter,  der  innerhalb  einer  Stadt  wohnte  und  Mitglied  des  städtischen 
Verbandes  war,  jedoch  ohne  jede  Nebenbedeutung  von  bürgerlicher 
Abkunft.  Das  Wort  muß  nun  doch  einen  gewissen  Gegensatz  zu  her 
bilden,  und  dieser  kann  wohl  nur  der  sein,  daß  letzteres  diejenigen 
niedrigen  Adeligen  andeutet,  welche  außerhalb  der  Städte  auf  ihren 
Burgen  hausen.  Deshalb  werden  als  Meister  aufgeführt',  trotzdem  sie 
adelig  sind,  Teschler  aus  Zürich,  Frauenlob  aus  Mainz,  Fr.  v.  Sunen- 
burg  aus  Tirol,  ferner  nichtadelige:  Gottfried  aus  Straßburg,  Walter 
aus  ßreisach,  Conrad  aus  Würzburg  u.  s.  w. 

Mit  der  eben  gegebenen  Erklärung  von  Meister  steht  nicht  im 
Widerspruche,  daß  die  Ritter  Steinmar  und  Otto  zem  Turne,  welche 
sich  als  Bürger  von  Städten  nachweisen  lassen,  her  genannt  werden 
und  nicht  den  Titel  Meister  führen.  Beide  haben  sich  erst  später  als 
Mitglieder  der  Stadtgemeinden  aufnehmen  lassen ,  Otto  zem  Turne 
in  Luzern  gar  erst  im  Jahre  1330,  zu  einer  Zeit,  als  die  Hand- 
schrift der  Minnesinger  wahrscheinlich  schon  vollendet  war.  Auch 
Steinmar  kann  unmöglich  von  Geburt  ein  Städter  sein,  da  Klingnau, 
wo  er  wohnhaft  war,  erst  im  Jahre  1240  von  Ulrich  von  Klingen,  dem 
Vater  des  Minnesingers,  gegründet  wurde,  er  aber  schon  seit  dem 
Jahre  1251  als  großjährig  in  Urkunden  erscheint.  Beide  Sänger 
hatten  demnach  noch  außerhalb  ihre  Burgen  und  führen  daher  den 
Titel  her  mit  vollem  Rechte. 

Wir  sind  am  Schlüsse  unserer  Betrachtung  angelangt;  nach  den 
Ausführungen  ist  der  Unterschied  zwischen  her  und  meister  nicht  der, 
daß  sie  adelig  und  bürgerlich  im  Gegensatz  bezeichnen,  sondern  her 
deutet  einen  niederen  Ritter  an,  welcher  außerhalb  der  Stadt  auf 
seiner  Burg  wohnt,  während  Meister  der  eigentliche  Titel  für  einen 
Bewohner  der  Städte  ist ,  mag  er  nun  vom  Adel  oder  aus  dem  Bürger- 
stande sein. 

MÜNSTER  i.  W.,  November  1887.  FR.  GRIMME. 


W.  GOLTHER,  DIE  WIELANDSAGE  etc.  449 

DIE  WIELANDSAGE  UND  DIE  WANDERUNG 
DER  FRÄNKISCHEN  HELDENSAGE. 

Wenn  im  Folgenden  die  berühmte  Sage  von  Wieland  dem 
Schmiede  1)  einer  genaueren  Untersuchung  unterzogen  wird,  so  ge- 
schieht dies  nicht  auf  Grund  neu  gewonnenen  Stoffes  —  dieser  ist 
ja  längst  genau  bekannt  und  in  der  für  ihre  Zeit  vortrefflichen  Ab- 
handlung von  Depping'^)  bereits  fast  vollständig  beigezogen  worden  — 
sondern  von  einem  neu  gewonnenen  Standpunkte  aus,  der  dazu  ge- 
eignet ist,  über  die  dunklen  Anfänge  deutscher  Heldensage  Licht  zu 
verbreiten;  an  Stelle  weit  und  ungenau  gefaßter  Vermuthungen  sollen 
feste  Thatsachen  treten;  das  Verschwommene  und  Unklare  wird  durch- 
sichtig und  greifbar.  Die  Wielandsage  ist  besonders  zu  diesem  Zwecke 
geeignet,  da  bei  ihr  diejenigen  Bestandtheile,  die  vor  Allem  ins  Ge- 
wicht fallen,  in  unleugbarer  Deutlichkeit  am  Tage  liegen,  während 
sie  sonst  erst  aus  der  Umhüllung  herausgearbeitet  werden  müssen, 
und  an  eben  dieser  Arbeit  die  gegnerische  Ansicht  ihren  Hauptanstoß 
nimmt,  durch  deren  Ablehnung  überhaupt  die  ganze  Frage  in  Zweifel 
ziehen  zu  dürfen  vermeint. 

Die  Wielandsage  ist  in  zusammenhängender  Darstellung  nur  in 
nordischen  Quellen  vorhanden,  und  zwar  mit  erheblichen  Verschieden- 
heiten: in  der  Volundarkvida  und  in  der  tidrekssaga  c.  57—79, 
In  der  l*idrekssaga  ist  die  Handlung  klar,  einfach  und  ohne  Zuthaten. 
dagegen  ist  die  Volundarkvida  theils  bis  zur  Dunkelheit  und  Unver- 
ständlichkeit  gekürzt,  theils  aber  durch  fremdartige  Zusätze  erweitert. 
Das  Verhältniß  der  beiden  Berichte  ist  verschiedenartig  aufgefaßt 
worden;  da  die  ursprüngliche  Gestalt  der  Sage,  mit  deren  Erklärung 
wir  es  zu  thun  haben,  davon  abhängig  ist,  müssen  wir  uns  in  Kürze 
zunächst  damit  auseinandersetzen.  In  der  Volundarkvida  erscheint 
Volundr  in  Verbindung  mit  Valkyrjen,  Schwanmädchen,  Volundr  ge- 
winnt die  Alvitr  zum  Weibe,  indem  er  ihr  die  Gewänder  beim  Baden 


»)  Die  Abhandlung  von  Niedner  (Ztschr.  f.  d.  Alt.  33,  S,  24—46)  über  die 
Volundarkvida  kam  mir  erst  längere  Zeit  nach  Vollendung  dieses  Aufsatzes  zu  Ge- 
sicht und  konnte  darum  nicht  verwerthet  werden.  Übrigens  liegt  auch  der  Schwer- 
punkt jener  Arbeit  auf  einer  andern  Seite  als  in  der  meinen.  Die  Entstehung  der 
Wielandsage  berührt  Niedner  nur  kurz,  er  erkennt  in  derselben  uralte  arische  Mythen, 
also  keine  Entlehnung. 

*)  Veland  le  forgerou.  Dissertation  sur  une  traditiou  du  moyen  äge;  par  G.  B^ 
Depping  et  Francisque  Michel.  Paris  1833. 

GERMANIA.     Neue  Reihe  XXI.  (XXXIIf.)  .Tahig.  29 


450  W.  GOLTHER 

wegnahm.  Später  aber  flog  sie  ihm  davon;  darauf  werden  seine  wei- 
teren Schicksale  berichtet.  Wir  haben  also  an  Volunds  Namen  die 
weitverbreitete  Sage  von  den  Wassermädchen ')  geknüpft  mit  dem 
ausschließlich  hordischen  Sagenzuge,  daß  diese  als  valkyrjur 
erscheinen.  Vermittelst  eines  Ringes  ist  ein  Zusammenhang  dieser 
Episode  mit  der  übrigen  Sage  hergestellt,  aber  auf  sehr  ungeschickte 
und  künstliche,  offenbar  mißglückte  Weise.  Im  Übrigen  steht  die  Epi- 
sode sehr  fremdartig  in  der  Sage.  Simrock  in  seiner  Neudichtung 
„Wieland  der  Schmied"  und  Raszmann'')  nehmen  an,  daß  die  Val- 
kyrjensage  von  Anfang  an  in  der  Wielandsage  vorhanden  war;  aber 
ihre  Rettungsversuche  sind  äußerst  unwahrscheinlich  und  gezwungen; 
dem  gegenüber  urtheilen  Rieger ^)  und  K.  Meyer*)  richtig,  daß  die 
Sage  von  den  Schwanmädchen  mit  der  eigentlichen  Wielandsage  keine 
Berührung  habe,  auch  wenn  sie  an  Wielands  Name,  vielleicht  eines 
anderen,  vom  Schmiede  verschiedenen  bereits  in  Deutschland  sich  an- 
geschlossen hätte,  wie  aus  dem  Gedichte  „Friedrich  von  Schwaben" 
zu  entnehmen  ist.  Wir  müssen  demnach  jene  Episode  völlig  aus  der 
Volundarkvida  loslösen  und  erhalten  dadurch  einen  der  ridrekssaga 
genau  entsprechenden  Bericht^).  Die  also  gewonnene  Sage  erzählte 
im  Wesentlichen:  Wieland  der  Schmied  wurde  von  einem  Könige 
gelähmt,  damit  er  ihm  Alles  schmiede  und  schaffe.  Aus  Rache  tödtete 
er  des  Königs  Söhne;  als  des  Königs  Tochter  zu  ihm  in  die  Schmiede 
kam,  bezwang  er  sie  und  zeugte  einen  Sohn  mit  ihr;  dann  machte 
er  sich  Flügel   und  flog  davon.  Diese  Sage  und  zwar  mit  allen  Einzel- 


')  Litteratuinachweise  bei  Tawney,  Kathä-Sarit-Sägara  or  Oeean  ot  tlie  streams 
of  Story,  tianslated  from  Sanskrit,  II  (1887),  p.  452  Anm. 

^)  Die  deutsche  Heldensage^  II,  p.  212—214;  p.  256  Anm, 

=>)  Germ.  III,  p.   174  Anm. 

")  Germ.  XIV,  p.  285—287. 

*)  Kürzungen  in  der  Volundarkvida,  die  zum  nothwendigen  Verständnisse  des 
Ganzen  aus  Ridrekssaga  wiederhergestellt  werden  müssen,  sind  folgende:  Str.  18 
ist  von  einem  Schwerte  die  Rede;  offenbar  ist  Mimung  gemeint,  von  dem  aber  sonst 
in  Vkv.  nichts  vorkommt;  der  Grund  der  Lähmung  als  der  Bestrafung  des  Schmiedes 
ist  in  Vkv.  weggelassen;  vom  Anfertigen  der  Flügel  aus  dem  Gefieder  der  Vögel  weiß 
die  Vkv.  nichts;  sie  berichtet  nur  „Volundr  hdfsk  at  lopti"  20  und  38,  was  sehr  un- 
vermittelt ist,  wenn  wir  vom  „wie"  nichts  hören.  Widga  (Wittich)  wird  niciit  genannt, 
obwohl  die  Sage  davon  wußte  (33).  Also  der  Bericht  der  Lieder-Edda  ist  in  diesem 
Falle,  wie  auch  sonst  z.  B.  bei  der  Nibelungensage,  obwohl  an  und  für  sich  älter,  als 
die  anderwärts  erhaltenen,  schlechter  als  jene  und  zeigt  willkürliche  Neuerungen  und 
Änderungen,  während  die  zeitlich  jüngeren  und  späteren  Aufzeichnungen  einen  älteren 
und  reineren  Stand  der  Sage  bewahrt  haben.  Darum  darf  die  Lieder-Edda  nur  mit 
Vorbehalt  zum  Ausgangspunkt  der  Forschung  gemacht  werden 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  451 

heiten  läßt  sich  als  bekannt  nachweisen  in  Niederdeutschland,  durch 
die  Pidrekssaga,  welche  sich  im  ausgesprochenen  Gegensatze  zu  den 
nordischen  auf  sächsische  Quellen  stützt,  in  Deutschland '),  bei  den 
Angelsachsen '^)  und  in  Frankreich^),  wo  vielfach  der  Schmied  Galand 
erwähnt  wird.  Als  unbedingt  zusammenhängend  ergeben  sich  die 
nordischen  und  französischen  Berichte.  Die  Form  des  Namens 
des  Schmiedes  ist  eine  zwiefache,  welche  strenge  unterschieden 
wird^),  Weland  und  Waland.  Sämmtliche  Stellen  der  afrz.  Gedichte 
weisen  auf  eine  ursprüngliche  Form  Waland  zurück,  welche  auch  dem 
nordischen  Vqlundr  zu  Grunde  liegt.  Noch  heute  stehen  sich  also  fremd- 
artig die  französischen  und  deutschen  Familiennamen  Galand  und 
Wieland  gegenüber.  Wir  dürfen  demnach  mit  Sicherheit  das  Erscheinen 
des  kunstreichen  Schmiedes  in  der  afrz.  und  nordischen  Heldensage 
mit  dem  Auftreten  der  Normannen  in  Verbindung  bringen  und  haben 
eine  fränkisch-nordische  Form,  gekennzeichnet  durch  den  Namen 
Waland,  anzunehmen.  Auf  der  anderen  Seite  steht  die  deutsch-angel- 
sächsische Überlieferung  mit  den  lautlich  zusammengehörigen  Formen 
ags.  Waland  und  ds.  Wieland,  älter  ebenfalls  Weland,  Wealand,  Wia- 
land^).  Die  Übereinstimmung  der  Wielandsage  in  allen  Einzelheiten, 
wo  sie  auch  auftritt,  verbietet  neben  anderen  Gründen,  an  eine  ur- 
gemeinsame germanische  Sage  zu  denken;  vielmehr  ist  die  Dichtung 
zu  einer  bestimmten  Zeit  und  an  einem  bestimmten  Orte  entstanden 
und  hat  sich  von  dort  aus  zu  den  übrigen  Stämmen  verbreitet.  Es 
wird  sich  darum  handeln,  vor  allen  Dingen  diese  Wanderung  näher 
zu    bestimmen,    weil    erst    dann    weitere  Erwägungen    möglich    sind. 


•)  Zum  Beweise  für  die  Wielandsage  in  Deutschland  kommt  in  Betracht  Wal- 
tharius  965;  Biterolf  156  ff.,  177  ff.,  der  Anhang  des  Heldenbuches  HS.  p.  288.  Die 
verschiedenen,  mit  Wieland  zusammengesetzten  Ortsnamen  (Mythol.^  p.  350)  sind 
kein  durchaus  sicheres  Zeugniß  für  die  Sfige,  denn  der  Name  Wieland  ist  ja  sehr 
häufig,  ohne  daß  dabei  allezeit  Wieland  der  Schmied  im  Spiele  ist. 

')  Ausführlichere  Angaben  über  die  Sage  in  Deors  Klage  1 — 12.  Waldere 
I,  2—4;  11,  8—9;  ferner  Beöwulf  455;  Aelfreds  Metra  X,  33—34;  42—43;  eine  Stelle 
aus  einem  lateinischen  Gedichte  des  12.  Jahrhunderts  HS.  p.  41 ;  ans  dem  14.  Jahrh, 
King  Hörn  HS,  p.  278. 

')  Am  vollständigsten  sind  die  Stellen  gesammelt  von  Michel  bei  Depping 
p.  81-95. 

*)  fidrekssaga  c.  69:  Velent  hin  agseti  smidr,  er  Vseringiar  kalla  Volond. 
Ebenso  c.  194.  Die  |>s.  ist  sich  also  des  Unterschiedes  der  deutschen  und  nordischen 
Form  wohl  bewußt. 

»)  Alle  diese  Formen,  auch  Weoland  und  Wioland,  Wiland  lassen  sich  mehr- 
fach belegen  in  den  libri  confraternitatum  Sancti  Galli  etc.  ed.  Piper  in  den  MG. 
Weitere  Belege  bei  Försteraann,  Namenbuch  p,  1326. 

29* 


452  W.  GOLTHER 

Daß    die  Sage    eine    ursprünglich    nordische  ist  und  also  von  dorther 
zu  den    deutschen  Stämmen    kam,    ist  unwahrscheinlich  und  steht  im 
Widerspruche    zu    anderweitigen    Thatsachen,    z.  B.    der  Wanderung 
der    deutschen  Nibelungensage.    Außerdem  müßte  dann  die  nordische 
Form  Waland  auch  in  deutschen  Quellen  erscheinen^).  Auch  „Sachsen", 
d.  h.   Niedeideutschland    (in  Folge    der    niederdeutschen  Lieder,    auf 
welche    sich    die  Pidrekssaga    stützt)    kann  die  Heimat  nicht  gewesen 
sein.    Es  kommt    als    solche    nur  England  und  Deutschland    selber  in 
Betracht.     Die  Angelsachsen    aber   haben  vielfach  deutsche  Sagen  bei 
sich    aufgenommen,    nicht    etwa    von  Anfang    an    mit    hinübergeführt, 
sondern  in  späterer  Zeit  entlehnt,  und  so  wird  es  auch  hier  der  Fall 
gewesen    sein.    Über  England    leitet    dann    häufig  die  Strömung  deut- 
scher   Sage    zu    den    nordischen    Wikingern.     Für    die    norwegischen 
Stämme    wenigstens   —  und    diese    kommen  bei  Fragen    nach    altnor- 
discher Sage  und   Dichtung,  wie  sie  die  Edda  enthält,  in  erster  Linie 
vor  den  Dänen  in  Betracht  —  bildet   öfters  England  die  Vermittlerin 
südländischer  Cultur    und    Dichtung;    die    dortigen  Verhältnisse,    der 
längere,  oft  dauernde  Aufenthalt  der  Wikinger  begünstigten  derlei  Ent- 
lehnungen,   während  die  kurzen  Sireifzüge  in  Norddeutschland  durch 
heerende  Nordleute    weniger    dazu   angethan    waren.    So  könnte  auch 
in  unserem   Falle   vorläufig    die  Ansicht    aufgestellt   werden,    daß  die 
Nordleute  auf  diesem  Wege  in  England  die  Wielandsage  überkamen, 
in    welchem    Falle    sie    dieselbe    dann    aus    ihrem    Stammlande    nach 
Frankreich  mitgebracht  hätten.  Damit  ergäbe  sich  auch  mit  der  Erobe- 
rung der  Normandie  (876)  ein  wichtiger  Fingerzeig  für  die  Zeitbestim- 
mung. Der  Verlauf  unserer  Untersuchung  wird  darüber  belehren,  ob  die 
Voraussetzung    einer    solchen   Verbreitung  der  Sage  gerechtfertigt  ist. 
Der  deutsche  Ursprung  der  Wielandsage  (d.  h.  bei  einem  der  deutschen 
Stämme  des  Festlandes  Gothen,  Franken,  Alamannen)  und  deren  Ver- 
breitung   von    hier    aus    einerseits    nach  Nordosten   (ridrekssaga)   und 
anderseits    nach  Nordwesten  zu  den  Angelsachsen    (von  diesen  weiter 
vielleicht    zu    den    Nordleuten?)     darf    als    feststehend     angenommen 
werden.    Unsere   Aufgabe  ist,  den  muthraaßlichen  Ort  der  Entstehung 
und  die  Zeit  noch  enger  zu  begrenzen  und  über  die  Art  der  Wande- 
rung uns  aufzuklären.  Die  Beschaffenheit  der  Wielandsage,  ihr  Inhalt, 
gibt  uns  die  Mittel  dazu  an  die  Hand.    Es  war  von  Anfang  an  nicht 
zu  verkennen,    daß    eine    augenfällige  Ähnlichkeit  zwischen  der  Wie- 

')  Bereits  die  verderbte  Form  der  Eigennamen  in  der  nordischen  Sage  Bod- 
vildr,  Nidadr  oder  Nidudr  gegenüber  ags.  Beadohild,  Nidhad,  ahd.  Baduhilt,  Niihad 
läßt  die  Unursprünglichkeit  des  nordischen  gegenüber  den  anderen  Berichten  erkennen. 


DIE  WILLANDSAGE  etc.  453 

landsage  und  antiken  Sagen  von  Hephaest  und  Daedalus  besteht. 
Beide  Gestalten  sind  in  Wieland  vereinigt.  Depping ')  nahm  den 
griechischen  Ursprung  der  Sage  als  zweifellos  sicher  an;  aber 
über  die  Zeit,  zu  der  sie  zu  den  Skandinaviern  kam,  von  dem  Wege, 
den  sie  langsam  von  Volk  zu  Volk  bis  zu  den  Gegenden  des  Nordens 
nahm,  machte  er  sich  keine  Vorstellung.  Raszmann'^)  meinte,  bei  dem 
arischen  Urvolke  seien  solche  Mythen  bereits  vorhanden  gewesen,  und 
daraus  lasse  sich  die  Gleichheit  der  einzelnen  Sagenzüge  erklären. 
Von  Vulkan^)  wird  erzählt,  er  habe  einmal  der  Minerva  nachgestellt, 
als  sie  zu  ihm  kam;  Erichthonius  verdankt  diesem  gewaltsamen  Auf- 
tritt sein  Dasein.  Der  hinkende  Schmied  ist  in  antiker  Heldensage 
der  Schöpfer  aller  berühmten  Waflfenstücke;  sie  sind  'fi(paiGr6xsvxTa. 
Eine  Volkssage  der  Insel  Strongyle  weiß  von  Hephaest  zu  berichten, 
was  eine  englische  von  Wayland  Smith  in  Berkshire.  Daedalus"*) 
aber  schuf  sich  Flügel  aus  Wachs  und  Federn  und  entflog  so  der 
Macht  des  Königs  Minos;  Icarus  stürzte  herab  wie  Eigill  in  rs.  c.  77. 
Daedalus  soll  zuerst  Bildnisse  der  Götter  gemacht  haben;  einmal 
machte  er  eine  Heraklesstatue  so  täuschend,  daß  dieser  mit  Steinen  nach 
ihr  warf,  weil  er  sie  für  lebendig  hielt.  Damit  vergleicht  sich  Wielands 
Bild  des  Regin  rs.  c.  66.  Daß  bei  einer  so  weitgehenden  Überein- 
stimmung jeder  Gedanke  an  zufällige  gleichartige  Entstehung  aus- 
geschlossen bleibt,  liegt  auf  der  Hand;  allem  Anscheine  nach  handelt 
es  sich  um  ein  absichtliches  Zusammenschweißen  der  beiden  antiken 
Sagenstoffe.  Die  Möglichkeit  einer  bereits  dem  indogermanischen  Ur- 
volke eigenen  Masse  von  mythischen  Anschauungen  und  Bildern  soll 
durchaus  nicht  in  Abrede  gestellt  werden.  Zu  diesen  gemeinsamen 
Vorstellungen  gehört  gewiß  auch  die  von  Elementargöttern;  der  über 
das  Feuer  als  herrschend  gedachte  Dämon  faßte  in  seinem  Wesen 
die  Eigenschaften  seines  Elementes  zusammen.  So  entwickelt  sich 
unschwer  die  Vorstellung  des  Schmiedes;  auch  die  Tücke  seines 
Charakters  ist  in  seinem  Ursprünge  wohl  begründet.    Treffen  wir  auf 


*)  a.  a.  O.  p.  50  „on  ne  peut  donc  meconnaitre  l'origine  grecque  du  roman 
de  Veland", 

')  Deutsche  Heldensage*  II,  p.  272. 

=)  Sagen  über  Vulkan:  Servius  ad  ecl.  4,  62;  ad  Aen.  8,  414;  Hyjjin  166; 
Fulgentius  1,  14;  Mythographi  vaticani  (ed  A.  Mai,  class.  auctor.  tom.  IH  und  Rode 
Scriptores  rerum  mythicaruin)  I.  128;  II,  37  u.  40;  III,  10,  3.  Sage  über  Strongyle 
griech.  schol.    zu  Apollon.    Rhod.  Argon.  4,  761. 

^)  Sagen  über  Daedalus;  Servius  ad  Aen.  6,  14;  Schol.  ad  Stat.  Ach.  I,  192. 
Mythogr.  vat.  I,  43;  II,  121,  124—127;  III,  11,  7.  Hygin  40.  Griech.  (die  Statue  des 
Herakles)  Apollod.  Bibl.  II,  6,  3. 


454  W.  GOLTHEK 

Ähnlichkeiten  in  Sagen  von  schmiedenden  Feuergötteru  bei  verschie- 
denen Völkern,  so  würden  diese  durchaus  nicht  zur  Annahme  von 
Entlehnungen  berechtigen,  so  lange  die  selbständige  Weiterentwick- 
lung des  einfachen  Grundbegriffes  in  logisch  klar  fortschreitender  Aus- 
bildung ersichtlich  ist.  Die  im  Einzelnen  ausgesponnenen  Gedanken 
sind  bereits  im  gemeinsamen  Urbegriffe  beschlossen  und  brauchen 
darum  nur  daraus  entnommen  zu  werden.  Aber  daneben  machen  sich 
auch  anderweitige  fremdartige  Einflüsse  geltend;  in  mehr  oder  weniger 
willkürlicher  Weise  werden  Anknüpfungspunkte  an  andere  Vorstel- 
lungen, die  einem  durchaus  verschiedenen  Gedankenkreise  entstammen, 
gesucht.  Aus  einer  willkürlichen  Vereinigung  von  unter  sich  fremd- 
artigen Bestandtheilen  wird  eine  neue  Sage  geschaffen,  deren  Wesen 
eben  in  dieser  Verbindung  besteht.  In  unserem  Falle  ist  eine  uralte 
gemeinsame  Grundlage  gewiß  auch  vorauszusetzen;  die  schmiedenden 
Elbe  und  Zwerge  germanischer  Volkssage  berühren  sich  vielfach  mit 
Vulkan  und  verwandten  Anschauungen.  Das  Hinken  Wielands,  sein 
tückischer  Sinn  könnten  unschwer  aus  seinem  Elemente  erklärt  werden. 
Aber  daß  dieser  Schmied  einem  Weibe  nachstellt  und 
davon  einen  Sohn  gewinnt,  daß  er  sich  Flügel  schmiedet 
und  davonfliegt  aus  der  Gefangenschaft  bei  einem  feind- 
lichen König,  das  ist  Dichtung;  nicht  aus  einer  gegebenen 
Grundvorstellung  bildet  dies  die  dichtende  Phantasie  der  Griechen 
und  Germanen  je  für  sieh  allein  heraus,  sondern  willkürlich  sind 
mehrere  Motive  zu  einer  Sage  zusammengefügt.  Sobald  die  genauere 
Erwägung  des  Sachverhaltes  die  Entstehung  einer  Dichtung  aus  dem 
Zusammenfügen  mehrerer  einfacher  Begriffe  erkennt  und  wir  dieselbe 
an  mehreren  Orten  finden,  dann  bleibt  der  Zufall  ausgeschlossen; 
die  Sage  ist  einmal  gedichtet  worden  und  von  dort  aus 
weiter  gewandert.  Das  Übereinstimmende  ist  allein  hierdurch 
ausreichend  erklärt.  So  kann  z.  B.  der  Glaube  an  das  Walten 
von  Schicksalsfrauen,  Parzen  und  Nornen  wohl  selbständig  bei  ver- 
schiedenen Völkern  sich  bilden.  Aber  wenn  diese  bei  der  Geburt 
eines  Kindes  zu  dreien  erscheinen  und  diesem  so  langes  Leben  ver- 
heißen, bis  die  neben  dem  Kinde  brennende  Kerze  niedergebrannt  ist, 
wie  bei  Meleager  und  Nornagest,  dann  darf  die  Entlehnung  einer 
solchen  Sage  nicht  geleugnet  werden.  Eine  Sage,  bei  deren 
Bildung  offenbar  der  bewußt  und  willkürlich  schaffende  Verstand 
eines  einzelnen  Individuums,  nicht  etwa  der  großen  verschwom- 
menen und  unvorstellbaren  Menge  des  „Volkes"  in  der  Vereinigung  und 
Verarbeitung  der  einzelnen  Theile  sich  bethätigt,  kann  nicht  auch  noch 


II 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  455 

einem  anderen  Volke,  bei  dem  sie  vorkommt,  als  ureigen  zuge- 
schrieben werden,  weil  es  doch  kaum  denkbar  ist,  daß  mehrere  un- 
abhängig von  einander  zu  derselben  eben  in  willkürlichen,  d.  i. 
nicht  durch  logische  Bande  nothwendigen,  sondern  in  zufälligen 
psychologischen  Vorgängen  bedingten  Zusammenfassung  der  Einzel- 
heiten gekommen  wären.  Je  freier  die  Anordnung  der  Motive 
—  und  eben  darin,  in  dem  neuen,  vorher  noch  nicht  Dagewesenen 
und  Ungewohnten  liegt  das  Wesen  origineller  und  genialer  Dichtung  — 
desto  mehr  beschränkt  sich  dieser  Vorgang  räumlich  und 
zeitlich  auf  ein  einmaliges  und  einzelnes  Vorkommniß. 
Die  Beachtung  dieses  Grundsatzes  darf  von  der  vergleichenden  Sagen- 
forschung niemals  vernachlässigt  werden ;  er  kommt  natürlich  auch  bei 
der  Wielandsage  zur  Anwendung,  und  damit  ist  Raszmanns  Erklärungs- 
versuch hinfällig.  Was  nun  die  Entlehnung  der  antiken  Sage  anlangt, 
so  könnte  man  zunächst  an  Byzanz  denken,  zumal  wenn  dieselbe 
in  früher  Zeit  geschah.  Da  aber  wohl  Deutsehland  die  Heimat  der 
Wielandsage  ist,  so  erheben  sich  Schwierigkeiten.  Wie  hätten  sich  gerade 
deutsche  Stämme  aus  Byzanz  eine  classische  Sage  holen  können, 
l'alls  sie  dieselbe  nicht  gerade  durch  Vermittlung  der  Gothen  über- 
kamen? Außerdem  sprechen  entscheidende  Gründe  dafür,  daß  die 
Fabeln,  auf  deren  Grund  die  Wielandsage  erwuchs,  in  lateinischer 
Sprache  abgefaßt  waren.  Auch  hätte  wohl  kaum  eine  antike  Sage 
im  germanischen  Gewände  durch  all'  die  Wirren  der  Wanderungs- 
zeit hindurch  ihren  Weg  nach  Deutschland  gefunden.  Wir  müssen 
nach  einer  näher  liegenden  Erklärung  uns  umschauen,  die  sich  nicht 
bloß  auf  den  Hinweis  allgemeiner  Möglichkeiten  beschränkt,  sondern 
einleuchtende  Wahrscheinlichkeitsgründe  beizubringen  weiß.  —  In 
seinen  Studien  über  die  Entstehung  der  nordischen  Götter-  und 
Heldensage  hat  Bugge  den  Beweis  erbracht,  daß  eine  Reihe  von 
Sagen  und  Mythen ,  die  man  als  durchaus  einzig  aus  nordischem 
Geiste  entsprungen,  als  eine  dem  nordischen  Boden  bis  in  ihre  letzten 
Wurzeln  hinab  ureigene  Pflanze  zu  betrachten  gewohnt  war,  in  viel 
späterer  Zeit  während  der  Wikingzüge  auf  die  Inseln  im  Westmeere 
entstanden  sind  und  zwar  im  Wesentlichen  auf  Grund  zweier  verschie- 
dener Strömungen,  der  antiken  Sagendichtung  und  der  christ- 
lichen Mythen,  die  beide  gleich  neu  und  überwältigend  auf  die 
empfänghchen  Gemüther  der  Nordleute  einwirkten  und  zu  einer 
genialen  Umdichtung,  die  uns  eben  in  den  nordischen  Sagen  entgegen- 
tritt, Veranlassung  wurden.  In  England  und  Irland  blühten  diese 
Studien  in  besonderer  Ausbreitung  in  der  betreffenden  Zeit,  wodurch 


456 


W.  GOLTHER 


den  Wikingern  reichlich  Gelegenheit  gegeben  war,  mit  den  Stoffen 
ihrer  Mythendichtungen  bekannt  zu  werden.  Bugges  Beweisführung 
ist  so  überzeugend  und  sorgfältig,  daß  sich  auch  der  anfangs  Wider- 
strebende bei  genauerer  Prüfung  ihr  nicht  verschließen  kann.  Die 
Annahme  der  Bugge'schen  Lehre  bedeutet  aber  einen  Umschwung 
in  unseren  litterarischen  Anschauungen,  der  für  die  frühe  Zeit  in  vielen 
Punkten  mit  alt  überkommenen  Ansichten  völlig  bricht,  und  dies  ist 
auch  der  Grund,  weshalb  man  sich  im  Allgemeinen  ziemlich  ablehnend 
und  abwartend  verhält,  obwohl  eine  geraume  Zeit,  acht  Jahre  bereits 
verstrichen  sind,  seit  Bugge  mit  seiner  Theorie  hervorgetreten  ist; 
man  versäumte  dadurch,  sich  genaue  Rechenschaft  über  die  Tragweite 
der  so  vielversprechenden  Frage  zu  geben  und  an  die  daraus  er- 
wachsende Aufgabe  ohne  Voreingenommenheit  heranzutreten. 

Wir  können  hier  nicht  eine  Einzelkritik  Bugges  geben,  sondern 
nur  einige  allgemeine  Bemerkungen  anknüpfen.  In  ihren  Hauptzügen 
ist  die  Schrift  so  einleuchtend,  daß  darüber  gar  keine  Worte  zu  ver- 
lieren sind;  Entlehnung  liegt  vor  in  den  nordischen  Sagen.  Einzig 
über  das  „wieweit"  kann  gestritten  werden,  und  darüber  ist  freilich 
nichts  Abschließendes  bisher  erzielt.  In  Einzelheiten  mag  Bugge  viel- 
leicht hie  und  da  Unrecht  haben,  aber  das  ändert  nichts  an  der 
Hauptsache.  Ähnliche  Fälle  genug  können  für  Bugges  Ansicht  geltend 
gemacht  werden;  so  hört  man  zuweilen  den  Vorwurf  ausgesprochen, 
daß  Bugge  zu  weit  gehe,  wenn  er  schöne  und  ergreifende  Dichtungen 
aus  einer  falsch  verstandenen  und  ausgelegten  Stelle  irgend  eines 
untergeordneten  und  unbedeutenden  antiken  oder  christlichen  Schrift- 
stellers herleitet.  Aber  verhält  es  sich  nicht  mit  der  gesammten  christ- 
lichen Mythologie  im  Ma.  ebenso?  Welch  reiche  und  phantastische 
Sagenbildung  wächst  hier  um  eine  unscheinbare  Bibelstelle,  und  Miß- 
verständnisse des  Textes  der  Vulgata  und  der  Kirchenväter  geben 
Veranlassung  zu  Sagen,  die  weiter  wuchern  und  viel  bekannt  sind. 
Warum  sollten  die  Nordleute  nicht  auch  befähigt  gewesen  sein,  auf 
Grund  empfangener  Eindrücke  und  Anregungen  selbständige  Weiterbil- 
dungen hervorzubringen?  Es  ist  keine  unerhörte  Ungeheuerlichkeit, 
der  hier  das  Wort  geredet  wird.  Wenn  einige  Sagen  ganz  und  gar 
nur  auf  fremde  Bestandtheile  zurückgehen ,  so  wird  es  sich  bei  anderen 
wieder  darum  handeln,  zu  scheiden,  was  etwa  vorher  vorhanden 
gewesen  und  nur  unter  den  neuen  Einflüssen  erweitert  und  umgestaltet 
wurde.  Der  nordischen  Mythologie  erwächst  eine  anziehende,  ergebniß- 
reiche  und  dankbare  Aufgabe  in  einer  völligen  Neubearbeitung,  und 
daraus  wird  auch^vieles],   was  so  lange  Zeit  über  deutsches  Alterthtim 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  457 

behauptet  worden  ist,  richtiggestellt.  Viele  Dinge,  die  frischweg  für 
gemeingermanisch  gehalten  wurden,  erweisen  sich  als  sehr  späte  nor- 
dische Neubildungen.  Freilich  ist  es  nicht  leicht,  von  einer  lange  Zeit 
gepflegten  und  liebgewonnenen  Ansicht  ablassen  zu  müssen  und  sich 
an  ganz  neue  Auffassungen  zu  gewöhnen.  Dazu  gehört  vornehmlich 
der  germanische  Mythus,  über  dessen  Umfang  manche  dichterisch  be- 
deutsamen Auslegungen  von  großen  Meistern  niedergeschrieben  wurden. 
Und  doch  ist  das,  was  man  unter  Mythus  versteht,  zum  großen 
Theile  ein  Wahn.  Wo  die  Erklärung  einer  Sage  aus  irgend  welchen 
Gründen  aufhören  mußte,  da  trat  der  Mythus  ein.  Die  unerklärlichen 
Züge  der  Heldensage  sind  „mythisch",  sie  entstammen  dem  uralten 
Sagenhorte  der  germanischen  Völker.  Damit  kann  mau  freilich  Alles 
retten.  Aber  dem  nüchternen  Sinne  wird  eine  mit  den  Verhältnissen 
im  richtigen  Einklänge  stehende  Erklärung  willkommener  sein,  und  sie 
allein  entspricht  auch  der  Wahrscheinlichkeit.  Eine  dem  Mythus  ähn- 
liche Rolle  spielt  z.  B.  der  Begriff  der  bretonisch-keltischen  Sage  in 
der  französischen  Litteratur.  Auch  sie  erweist  sich  immer  deutlicher 
als  ein  leerer,  gehaltloser  Begriff,  der  die  richtige  Einsicht  in  Wesen 
und  Ursprung  der  sogenannten  bretonischen  Epen  nur  verhindert, 
weil  mit  ihm  eine  durch  nichts  bewiesene  und  auf  unhaltbare  Gründe 
gestützte  Hypothese  an  Stelle  eines  befriedigenden  Aufschlusses  vor- 
geschoben wird.  Wenn  hier  und  dort  in  den  in  Frage  kommenden 
dichterischen  Werken  Fingerzeige  genug  vorhanden  sind,  denen  wir 
nur  mit  Sorgfalt  nachzuspüren  haben,  um  zu  ausreichender  Er- 
klärung vorzudringen,  so  wird  es  sicher  gerathener  sein,  auf  diese 
festen  Anhaltspunkte  sich  zu  verlassen,  von  ihnen  aus  ein  Urtheil  über 
Entstehung  und  Entwicklung  der  Werke  sich  zu  bilden,  als  trotzdem 
zu  jener  Hypothese,  die  in  Wahrheit  wenig  genug  sagt,  zurückzukehren. 
In  Bezug  auf  das  geistige  Eigenthura  eines  Volkes  an  dichterischen 
Erzeugnissen  war  zu  sehr  die  Analogie  der  vergleichenden  Sprach- 
geschichte maßgebend.  In  unserem  Falle  aber  ist  das  Verhältniß  in 
weitaus  den  meisten  Fällen  ein  umgekehrtes:  gleiche  Züge  in  Dich- 
tung und  Sage  verschiedener  Völker,  namentlich  wenn  sie  in  größerer 
Anzahl  nachgewiesen  werden  können,  führen  nicht  auf  einen  ur- 
gemeinsamen Hort  an  gleichen,  fertig  ausgebildeten  Anschauungen 
und  Bildern  zurück,  vielmehr  auf  Entlehnung.  Was  sich  im  späteren 
Mittelalter,  wo  die  Beziehungen  des  Verkehres  unter  den  Völkern 
weiter  entwickelt  und  namentlich  auch  für  uns  deutlicher  erkennbar 
sind,  von  selber  versteht,  daß  eine  Sage,  zu  welcher  ein  Seitenstück 
sonst    irgendwo    nachweisbar    ist,    auf   Entlehnung    beruht,    durch 


458  W.  GOLTHER 

Übertragung  vom  einen  zum  anderen  wanderte  und  zu  dem  gleichsam 
internationalen  Fabel-  und  Novellenschatze  gehörte,  aus  dem  das 
Repertoire  des  Spielmannes  und  Kunstdichters  bestand,  wird  nicht 
ebenso  aufgefaßt  und  anerkannt,  wenn  es  in  einer  etwas  früheren 
Zeit  begegnet.  Und  doch  sind  die  Verhältnisse  nicht  grundsätzlich 
verschieden.  Die  vergleichende  Litteraturgeschichte  hat  früher  einzu- 
setzen als  mit  dem  Beginne  der  wandernden  orientalischen  Novellen 
und  Märchen  und  der  Übersetzung  aus  schriftlichen  Vorlagen,  wo 
sich  noch  genau  das  Quellenverhältniß  bestimmen  läßt.  In  der  älteren 
Zeit  ist  der  geistige  Austausch  ein  zufälliger,  vereinzelt  auftretender, 
und  fließt  nicht  gleich  einer  ununterbrochenen  Strömung  dahin.  Dafür 
ist  aber  auch  das  Verhältniß  von  Quelle  und  Nachahmung  ein  freieres; 
sie  stehen  so  weit  von  einander  ab,  daß  sie  in  ihrem  inneren  Zu- 
sammenhange kaum  mehr  erkenntlich  sind.  Die  Quelle  ist  hier  nicht 
eine  Vorlage,  die  in  mehr  oder  weniger  freier  Weise  nachgeahmt 
werden  soll,  sondern  sie  gab  nur  die  Anregung,  den  ersten  Anstoß 
und  legte  so  den  Keim  zu  gänzlich  Neuem  und  Verschiedenem.  So 
verhalten  sich  die  nordischen  Dichtungen  zu  ihren  letzten  Grundlagen. 
Und  dadurch  wird  das  Werk  nicht  im  Geringsten  in  seinem  Wertln' 
herabgesetzt;  es  ist  durch  und  durch  nordische  Dichtung  und  als 
solche  aufzufassen;  nur  hat  sich  diese  nicht  aus  einer  verschwommenen 
grauen  Urmasse  auf  räthselvoUe  Art  herausgelöst,  sondern  den  Anstoß 
gaben  Motive  aus  einer  den  Nordleuten  seither  unbekannten,  hoch- 
interessanten geistigen  Welt.  Was  aber  sollte  jemals  mehr  frucht- 
bringend für  den  Aufschwung  und  die  Neubildung  der  Dichtung  sein, 
als  gerade  die  Eröffnung  ungeahnter  und  großartiger  geistiger  Aus- 
blicke? Dadurch  wird  der  lebhaft  erregten  Phantasie  neue  Nahrung 
zugeführt,  die  sie  in  freier,  unbeschränkter  Ungebundenheit  verarbeitet. 
Die  Erschließung  neuer  Cultur  wird  für  ein  lebenskräftiges  Volk 
die  unerschöpfliche  Quelle  zahlreicher  Anregungen.  Der  geistige  Verkehr 
vollzieht  sich  zu  jenen  frühen  Zeiten  in  ungleich  eigenartigerer,  origi- 
nellerer Weise  als  später,  wenn  die  litterarischen  Erzeugnisse,  wie 
heutzutage  im  Buchhandel,  von  einem  Volk  zum  andern  wandern  und 
Jedem  in  seiner  eigenen  Sprache  mundgerecht  gemacht  werden.  Dieses 
Bild  bietet  aber  im  Ganzen  die  mittelalterliche  Dichtung  dar.  Eine 
völlige  Neugestaltung  und  Wiedergeburt  eines  Stoffes  wird  schon 
darum  zur  Unmöglichkeit,  weil  das  Quellenwerk  selber  immer  in  der 
Nähe  ist  und  seinen  zwingenden,  unumgänglichen  Einfluß  ausübt. 
Aber  in  alter  Zeit  ist  die  Quelle,  deren  Kenntniß  und  Gebrauch 
schließlich  auf  dem  Walten  des  Zufalls  beruht,  nur  der  äußere  Anstoß 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  459 

und  der  Ausgangspunkt  zu  einer  neuen  Dichtung.  Zum  Versländnils  dieser 
letzteren  gehört  es  aber,  daß  wir  auch  davon  uns  Kunde  verschaffen. 
In  diesem  hier  in  aller  Kürze  angedeuteten  Verhältnisse  stehen  die 
Nordleute,  als  sie  im  8.  und  9.  Jahunderte  aus  ihrem  Stammlande 
ausziehend,  in  welchem  sie  bisher  abgeschlossen  von  der  anderen 
Welt  und  darum  auch  nur  einfacher  geistiger,  dichterischer  Schö- 
pfungen pflegend  gelebt  hatten,  in  England  und  Irland  auf  neue  An- 
schauungen trafen,  welche  sie  zur  Schöpfung  der  so  viel  bewunderten 
Mythen  und  Sagen  der  Edda  anreizten ,  in  denen  von  altem  Sagen- 
gute, das  ihnen  von  Urzeiten  und  darum  mit  den  übrigen  Germanen 
gemeinsam  angehörig  war,  nur  sehr  wenig  und  dieses  wenige  in 
gründlich  erneuerter  Gestalt  übrig  geblieben  ist.  Ganz  ähnlich  steht 
CS  aber  auch  mit  den  festländischen  Germanen,  als  sie  in  die  Sitze 
der  Romanen  einrückten,  und  dort  noch  weniger  als  die  Nordleute 
in  England,  bloß  Schwerthiebe  mit  den  Bewohnern  tauschten,  sondern 
sich  zu  dauerndem,  friedlichem  Zusammenwohnen  niederließen.  In  wie 
hohem  Grade  die  Germanen  in  frühester  Zeit  südländischer  Cultur 
zugänglich  waren,  beweist  die  Übernahme  der  lateinischen  Schrift  in 
Form  des  Runenalphabetes,  was  wir  als  das  Werk  eines  einzelnen 
begabten  Mannes  aufzufassen  haben,  das  sich  dann  in  kurzer  Zeit 
zu  allen  übrigen  Stämmen  verbreitete.  Auch  hierin  zeigt  sich,  wie 
empfänglich  die  Germanen  für  antike  Bildung  waren,  wie  sich  aber 
andererseits  ihre  Eigenart  in  der  durchaus  selbständigen  Verarbeitung 
des  Fremden  (in  diesem  Falle  die  neue  Anordnung  der  Buchstaben 
in  drei  Geschlechter  und  ihre  Benennung  gegenüber  dem  lateinischen 
Alphabet)  kennzeichnet.  Gerade  die  Kenntniß  der  Quelle  des  Runen- 
alphabets läßt  uns  viel  tieferen  Einblick  in  die  schöpferische  Kraft 
der  Germanen  thun,  als  die  frühere  Annahme,  daß  die  Runen  ein 
Ureigenthum  der  Germanen  seien.  Und  wie  hier  diese  Entlehnung 
sonnenklar  am  Tage  liegt  und  nicht  mehr  in  Abrede  gestellt  werden 
kann,  so  ist  auch  kein  Grund  vorhanden,  von  vorneherein  Stellung 
zu  nehmen  gegen  die  Ansicht,  daß  auf  dem  Gebiete  deutscher 
nationaler  Dichtung  und  Heldensage  vieles  in  ähnlicher  Weise  aus 
antiken  Keimen  erwuchs,  wie  dies  später  in  nordischer  Heldensage 
der  Fall  war.  Die  Wielandsage  fordert  diese  Annahme  durch  ihre 
Beschaffenheit  selbst.  Dadurch  unterscheiden  sich  Sagen,  die  antike 
Elemente  enthalten,  bei  den  festländischen  Germanen  gegenüber  den 
skandinavischen,  daß  sie  unmittelbar  auf  die  antiken  Quellen  zurück- 
führen, währenddem  die  Nordleute  dieselben  durch  Vermittlung  der 
Angelsachsen  und  Iren  überkamen,  was  natürlich  zur  Folge  hat,  daß 


460  W.  GOLTHER 

die  nordische  Sage  im  Allgemeinen  noch  weiter  von  ihrer  Quelle 
absteht,  als  die  übrige  germanische,  da  bereits  in  Folge  der  Ver- 
mittler sich  manches  Mißverständniß  bilden  konnte.  So  deutlich  wie 
bei  der  Wielandsage  ist  der  Zusammenhang  nirgends  ersichtlich,  und 
gerade  hier  steht  ebenfalls  wieder  die  Volundsage  gesondert,  weil  die 
Nordleute  sie  in  ihrer  Art  ausschmückten.  Bugge')  hat  kurz  auf  die 
Wielandsage  hingewiesen,  mit  dem  Bemerken,  daß  diese  Sage,  ob- 
wohl aus  antiken  Elementen  wie  die  nordischen  Götter-  und  Helden- 
sagen zusammengesetzt,  in  ihrem  ersten  Ursprünge  auf  anderen  Ort 
und  andere  Zeit  bei  den  Germanen  führe.  Diese  beiden  Punkte  näher 
zu  bestimmen,  soll  im  Folgenden  versucht  werden,  nachdem  wir  die 
allgemeine  Giltigkeit  und  Richtigkeit  von  Bugge's  Lehre  erkannt  haben, 
mit  der  entsprechenden  Modification  in  Bezug  auf  ihre  Anwendung 
bei  den  außernordischen  Germanen. 

Die  Wielandsage  muß  bei  einem  germanischen  Stamme  entstan- 
den sein,  der  mit  der  antiken  Cultur  in  unmittelbare  Berührung  kam; 
also  kommen  an  erster  Stelle  in  Betracht  die  Gothen,  Langobarden, 
Burgunden  und  Franken.  Für  die  drei  erstgenannten  ist  die  Möglich- 
keit allerdings  vorhanden;  zumal  die  Ostgothen  hätten  die  beste  Ge- 
legenheit gehabt,  mit  den  Quellen  bekannt  zu  werden.  Andererseits 
aber  ist  zu  erwägen,  daß  die  Dauer  ihrer  Herrschaft  besonders  wild 
bewegt  war  und  sie  der  Vernichtung  und  Auflösung  anheimfielen,  daß 
sie  mit  den  deutschen  Stämmen  jenseits  der  Alpen  in  der  für  die  Ent- 
stehung der  Wielandsage  anzusetzenden  Zeit  in  zu  loser  Verbindung 
standen,  als  daß  man  annehmen  könnte,  die  Sage  hätte  so  rasch  den 
Weg  nach  dem  Innern  Deutschlands  und  von  da  zu  den  Angelsachsen 
gefunden.  Wahrscheinlicher  wäre  der  Weg  über  die  Franken ,  und 
das  Frankenreich  hat  überhaupt  wohl  am  meisten  Anrecht,  die  Ent- 
stehung der  Wielandsage  und  die  Bildung  derjenigen  Sagen,  in  denen 
antike  Bestandtheile  verwerthet  sind,  für  sich  in  Anspruch  zu  nehmen, 
da  alle  Erwägungen  dafür  zu  sprechen  scheinen  und  sich  ungezwungen 
alles  daran  anschließende,  namentlich  auch  die  Verbreitung  der  Sage 
von  dort  aus  erklärt.  Während  die  anderen  germanischen  Reiche  iso- 
lirt  wurden  und  darum  der  Vernichtung  anheimfielen,  so  haben  die 
Franken,  schon  weil  sie  keinen  vorgeschobenen  Posten  bildeten,  die 
Verbindung  mit  den  germanischen  Stämmen  aufrecht  erhalten.  So 
vermochten  sie  allein  vieles  Alterthümliche  dadurch,  daß  sie  vor  ihrer 
gänzlichen  Romanisirung  es  an  stammverwandte  Völker  überlieferten. 


•)  Studien  p.  23  Anm. 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  461 

in  die  neue  Zeit  hinüberzuretten ,  an  erster  Stelle  einen  großen  Theil 
unserer  Heldensage.  Den  Franken  ist  ja  ohnedieß  die  erste  Ausbildung 
der  Nibelungensage  zuzuweisen,  Beweis  genug  dafür,  dass  Sang  und 
Sage  bei  aller  Verwilderung  der  Merowingerzeit  unter  den  Franken 
gepflegt  wurde.  In  Gallien  waren  die  klassischen  Studien  noch  sehr 
blühend,  als  die  Franken  ins  Land  kamen  ').  Dort  hatten  sich  die 
Rhetorenschulen  lange  Zeit  bis  zu  Anfang  des  6.  Jahrhunderts  er- 
halten, und  die  Geistlichen  waren  zum  großen  Theil  in  diesen  selber 
gebildet,  waren  erfüllt  von  dem  dort  gepflegten  Lehrstoffe,  und  so 
rettete  sich  eben  dieser  Stoff  hinüber  in  die  neue  Zeit  und  erhielt  die 
Verbindung  mit  dem  klassischen  Alterthume  aufrecht.  Selbst  Könige 
der  Franken  wie  Chilperich  beschäftigten  sich  mit  gelehrten  Dingen. 
Die  Franken  hatten  also  reichlich  Gelegenheit,  von  antiken  Sagen  zu 
vernehmen,  und  sie  ließen  dieselbe  nicht  unbenutzt  an  sich  vorüber- 
gehen. Die  Thiersage  entstand  unter  den  Franken  zum  Theil  auf  Grund 
der  aesopischen  in  lateinischer  Bearbeitung  überlieferten  Fabeln.  Bei 
Fredegar  (642)  erscheint  die  gelehrte  Fabel  vom  trojanischen  Ursprünge 
der  Franken,  die  rasch  volksthümlich  wird  und  auch  in  unserer 
deutschen  Heldensage  eine  Rolle  spielt.  Und  dies  wird  sicher  nicht  der 
einzige  Fall  gewesen  sein,  daß  die  Franken  aus  den  antiken  Schätzen 
entlehnten.  Im  Mittelpunkt  des  rhetorischen  Unterrichtes  stand  Vergil ; 
zu  seiner  Erklärung  gehörte  die  Erläuterung  der  darin  enthaltenen 
oder  nur  berührten  Mythen,  die  grammatische  Auslegung,  die  in  ety- 
mologischen Versuchen  auch  in  die  Mythen  hereinspielt.  Die  Samm- 
lungen der  kurzgefaßten  Erzählungen,  wie  sie  in  den  lateinischen 
Mythographen  vorliegen,  waren  viel  verbreitet  und  gelesen.  Sie 
geben  denn  auch  fast  das  gesammte  Material  in  verhältnißmäßig  be- 
schränktem Umfange  und  gedrängter  Kürze  an  die  Hand,  und  ver- 
mittelten die  antiken  Sagen  in  bequemer  Form  der  neu  anbrechenden 
Zeit.  Was  im  Mittelalter  an  antiken  Mythen  im  Umlaufe  ist,  lässt 
sich  meistens  hierauf  zurückführen.  Daneben  scheinen  merkwürdiger 
Weise  auch  einige  griechische  Fabeln,  die  in  den  auf  uns  gekommenen 
lateinischen  fehlen ,  bekannt  gewesen  zu  sein,  wie  dies  auch  Bugge  '^) 
bemerkt.     In  zwei  Fällen  mußten  wir  über  das,    was    in    lateinischer 


*)  Über  den  Stand  der  klassischen  Studien  in  Gallien  vgl.  im  Allgemeinen: 
Loebell,  Gregor  von  Tours  und  seine  Zeit  (1839)  p.  375— 405;  G.  Kaufmann,  Rlietoren- 
schulen  und  Klosterschulen  oder  heidnische  und  christliche  Cultur  in  Gallien  während 
des  5.  und  6.  Jahrhunderts;  in  Raumers  histor.  Taschenbuch  IV,  10  (1869),  p.  1 — 94; 
Wattenbach,  Deutschlands  Geschichtsquellen*,   p.  84  ff.;  L.  Roth,  Philologus  I,  523  ff. 

')  Studien  p.  22. 


462  W.  GOLTHER 

Form  von  Vulkan  und  Daedalus  erzählt  ist,  hinausgreifen  ^).  Wie  dieser 
Zusammenhang  zu  erklären  ist,  ob  weitere  lateinische  Mythographen 
vorhanden  waren,  von  denen  keine  Kunde  auf  uns  kam  oder  ob  wirk- 
lich —  was  sehr  unwahrscheinlich  —  aus  dem  Griechischen  unmittel- 
bar, ohne  lateinische  Durchgangsstufe,  geschöpft  worden  ist,  bleibe 
hier  dahingestellt.  Die  kurze  Fassung  der  lateinischen  Mythen  ist 
von  größter  Bedeutung  für  die  Ausbreitung  des  Stoffes  selber.  In 
einfachster  Sprache  niedergeschrieben,  oft  nur  wenige  Zeilen  enthal- 
tend, eigneten  sie  sich  ganz  besonders  dazu,  im  Gedächtniß  haften 
zu  bleiben.  Die  künstlerisch  ausgeführte  Form  der  Originale  hätte 
sicherlich  keine  der  Nachahmungen  des  Mittelalters  hervorgerufen. 
Unüberwindliche  Schwierigkeiten  wären  dem  bloßen  Erfassen  der  Hand- 
lung entgegengestanden.  Aber  die  fabulae  haben  alles  schmückende 
Beiwerk  fallen  lassen,  sie  geben  nur  die  Umrisse,  das  Gerippe  einer 
Handlung.  Die  kleinen  Erzählungen  bestehen  für  sich  allein,  es  ist 
nicht  nothwendig,  mit  Aufwand  von  Scharfsinn  und  eindringendem 
Studium  sie  von  andern  erst  loszulösen.  Keine  große  Gelehrsamkeit 
war  nothwendig,  um  von  einzelnen  unter  ihnen  sich  genügende  Kennt- 
niß  zu  verschaffen;  es  bedurfte  kaum  der  Einsicht  in  die  Werke 
selbst,  bloße  mündliehe  Mittheilung  genügte,  um  einem  weiter  bauenden 
Dichter  alles  an  die  Hand  zu  geben.  So  mochte  es  leicht  sich  fügen, 
daß  um  diesen  einfachen  Kern  eine  neue  Hülle  sich  anschloß,  so 
daß  das  also  erreichte  Ergebniß ,  zusammengehalten  mit  der  ur- 
sprünglichen und  echten  antiken  Dichtung,  freilich  kaum  eine  Spur 
von  Ähnlichkeit  aufweist,  wohl  aber  werden  die  Fäden,  die  vom 
einen  zum  andern  spielen,  deutlich  erkennbar  bei  dem  in  der  Mitte 
stehenden  Auszuge.  Aus  den  oben  aufgeführten  Fabeln  hat 
also  ein  Franke  die  Wielandsage  gebildet,  ein  großartig 
gedachtes  und  kunstvoll  durchgeführtes  Gedicht  gegen- 
über den  unscheinbaren  ihm  gegebenen  Thatsachen.  Die  Vereini- 
gung der  beiden  antiken  Sagen  ist  sein  Werk;  in  den  latei- 
nischen Vorlagen  findet  sich  keine  Spur,  daß  sie  vorgebildet  gewesen 
wäre.  Zwar  heißt  im  Griechischen  Hephäst  einige  Male  daidaXog  ^) 
und  ein  vorauszusetzendes  „daedalus  Vulcanus"  könnte  allenfalls  auch 
für  den  Dichter  der  Wielandsage  der  Grund  dafür  gewesen  sein,  statt 
des  Adjectivums  daedalus  =  kunstvoll  den  Eigennamen  Daedalus  zu 
verstehen    und    darum    die    Sagenzüge   des   einen  auf  den  andern  zu 


')  Vgl.  oben  p.  453,  Anm  2  und  3. 
')  Preller,   griecli.  Mythol.  p.   144. 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  463 

übertragen.  Doch  vermag  ich  diese  Verbindung  nicht  nachzuweisen; 
übrigens  wäre  dadurch  auf  dem  klassischen  Gebiete  selber  nur  der 
äußere  Anstoß  für  den  Schöpfer  unserer  Sage  gegeben;  denn  in  dem 
allgemeinen  Prädicate  des  Vulkan  würde  noch  keineswegs  die  Ver- 
einigung aller  der  verschiedenen  Bestandtheile  zu  einer  neuen  Sage 
gegeben  sein.  Wenn  nicht  überhaupt  nur  zufällige  Umstände,  die  wir 
nicht  mehr  zu  erkennen  vermögen,  den  Dichter  zu  einer  Neuschöpfung 
bewogen,  so  lässt  sich  vielleicht  eine  andere  Erklärung  aufstellen,  aus 
welcher  äußerliche  Gründe  ersichtlich  sind,  Daedalus  und  Vulcan  als 
identisch  aufzufassen.  Die  Deutung  der  Götternamen  spielt  bei  moder- 
nen wie  alten  Mythologen  eine  wichtige  Rolle.  Varro  ^)  führte  bereits 
aus:  ab  ignis  valore  vique  ac  violentia  Vuleanus  dicitur.  Weiterhin 
werden  bei  Servius  ^),  Isidorus  ^},  Fulgentius  *)  u.  a.  Deutungen  vor- 
gebracht ausgehend  von  einer  Form  Volicanus,  quod  per  aerem 
volet;  ferner  volans  candor  der  fliegende  Glanz  und  volans 
canus;  (volare  poetisch  [Vergil]  vornehmlich  von  Winden,  Rauch, 
Blitz)  gebraucht.  Die  Zusammenstellung  mit  Stamm  volo  —  velle,  die 
auch  vorkommt,  berührt  uns  hier  nicht.  So  thöricht  vom  sprachlichen 
Standpunkte  aus  solche  Etymologien  auch  sind,  so  wirkten  sie  doch 
zu  ihrer  Zeit,  und  darauf  kommt  es  hier  allein  an.  Vulcan  ist 
also  Volicanus,  der  durch  die  Lüfte  Fliegende,  und  es 
leuchtet  ein,  wie  ein  Franke  dazu  kommen  konnte,  die  Sage  vom 
Volicanus  mit  der  von  Daedalus,  der  sich  Flügel  schuf,  qui  evo- 
lavit,  falls  ihm  dieselbe  bekannt  war,  in  unmittelbaren  Zusammen- 
hang zu  bringen.  Die  etymologische  Deutung  des  Namens  Vuleanus 
schafft  die  Verbindung,  und  nun  werden  die  einzeln  überkommenen 
Bestandtheile  der  antiken  Sagen  unter  neu  gewonnenem  Gesichtspunkte 
geordnet.  Wie  die  zwei  Hauptpersonen  zu  einer  einzigen  zusammen- 
fließen, wird  auch  ihr  verschiedenes  Schicksal  ein  einheitliches,  und  die 
Nebenpersonen,  welche  sich  um  die  beiden  noch  getrennten  Helden  ge- 
schaart  hatten,  gehen,  ihrem  Beispiele  folgend,  in  einander  über.  Während 
Vulcan  die  Minerva  zu  bezwingen  suchte,  Daedalus  aus  der  Macht 
des  Minos  entfloh,  so  ist  nach  der  Neugestaltung  Vuleanus  in  des 
Minos  Macht  und  thut  aus  Rache  seiner  Tochter  Gewalt  an,  d.  h.  in 
der  Wielandsage  treten  die  Handelnden  in  neue  Verhältnisse  ein. 


')  De  lingua  latina  IV. 

')  Ad  Aen.  8,  414. 

^)  Origines  8,  11,  39—41. 

^)  2,  14.    Ferner  Mythographus  vaticanns  III,  10,  4. 


464  W.  GOLTHER 

die  mit  großem  Geschicke  erfunden  sind,  aber  ihre  Handlungen 
bleiben  genau  dieselben.  Man  sieht  in  die  Werkstätte  des  dichtenden 
Künstlers,  wie  er  in  glücklichem  Wurfe  aus  Gegebenem  neues  schafft, 
und  oft  genügt  eine  leise  Änderung  zu  diesem  Zwecke.  Aber  gerade 
im  Auffinden  des  richtigen  Punktes  beruht  die  dichterische  Kunst. 

Wie  bereits  bemerkt  worden  ist,  haben  die  angelsächsisch-deutsche 
und  fränkisch-nordische  Form  der  Sage  für  den  Helden  die  zwei  ver- 
schiedenen Namen  Weland  und  Waland  gebraucht.  Beide  sind  lautlich 
nicht  zu  vereinigen,  keiner  kann  aus  dem  andern  hervorgegangen 
seinj  aber  beides  sind  germanische  Namen,  die  ziemlich  häufig 
vorkommen  und  sich  reichlich  belegen  lassen.  Veland  begegnet  be- 
reits inschriftlich,  vielleicht  im  5.  Jahrhundert,  in  einer  jetzt  verlore- 
nen Grabinschrift,  die  im  Dorfe  Ebersheim  bei  Mainz  im  vorigen 
Jahrhundert  aufgefunden  wurde  ^).  Im  Übrigen  gehört  Weland  — 
Wieland  zu  den  gebräuchlichsten  Namen,  für  deren  Vorkommen  Piper ^) 
und  Foerstemann  ^)  viele  Belege  geben.  Über  die  Ableitung  und  Be- 
deutung des  Namens  ist  man  sich  nicht  klar.  Verfehlt  unter  allen 
Umständen  ist  die  Zusammenstellung  mit  einem  Stamm  *viola,  ags. 
vil,  engl,  wile,  frz.  guile  u.  drgl.  ^).  Es  liegt  das  germ.  geschlossene 
e  (ags.  nord.  got.  e)  vor,  das  im  ahd.  Diphthongirung  erlitt.  Im  Ver- 
laufe des  8.  Jahrhunderts  verwandelt  sich  auf  deutsch -fränkischem 
Gebiete  dieses  e  zu  ea,  und  weiter  ia  ie.  Demnach  kann  nur  ein 
Stamm  wel-  zu  Grunde  liegen,  der  sich  aber  allein  in  den  nordischen 
Sprachen  erhalten  hat.  Dort  heißt  v61  f.  Kunst,  Kunstfertigkeit; 
smidv^lar  sind  kunstreiche  Arbeiten.  Das  Verbum  v61a  bedeutet  sich 
mit  etwas  beschäftigen,  dann  aber  auch  betrügen.  Einige  nehmen 
für  die  verschiedenen  Bedeutungen  zwei  verschiedene  Worte  an. 
Übrigens  berührt  sich  der  Begriff  „Kunst"  und  „Trug''  leicht,  man 
denke  nur  an  unser  „List"  im  mhd.  und  nhd.  Sprachgebrauche.  Wir 
werden  demnach  ein  germanisches  Wort  *welan  (nord.  v61a)  voraus- 
setzen dürfen.  Weland  ist  das  Participium  dazu,  und  als  solches  das 
älteste  Beispiel  eines  Eigennamens,  der  vom  Gewerbe  genommen  ist, 
und    entspricht    demnach    den    antiken    ^aCdalog,    Faber,    Fabricius. 


*)  Steiner,  Codex  inscriptionum  romanarura  Danubii  et  Rheni  (1852),  Bd.  I, 
p.  271,  Nr,  575. 

')  Libri  confraternitatum  S.  Galli  etc.  in  den  Indices. 

^)  Namenbuch  1326. 

*)  Mythol.^  p.  351.  Förstemann,  Namenbuch  1325.  Alle  Erklärungsversuche  ver- 
fehlen sich  darin,  daß  sie  Weland  und  Waland  als  denselben  Namen  betrachten  und 
durum  nach  einer  für  beide  zugleich  ausreichenden  Lösung  suchen. 


DIE  WIELÄNDSAGE  etc.  465 

Aelfred  gibt  den  Namen  Fabricius  in  der  bekannten  Stelle  ')  seiner 
Boethiusübersetzung  (ubi  nunc  fidelis  ossa  Fabricii  jacent?)  durch 
W 61  and  wieder.  Wenn  diese  Bedeutung  unserem  fränkischen  Dichter 
noch  lebendig  war,  so  kann  es  uns  nicht  Wunder  nehmen,  daß  er 
Daedalus  als  begrifflich  entsprechend  damit  übersetzte.  Daneben  hat 
er  selber  oder  ein  anderer  aber  auch  den  zweiten  Namen  Waland 
gebraucht.  Vielleicht  bedeutet  diese  doppelte  Namensform  eine  jüngere 
und  ältere  Bearbeitung  der  Sage;  vielleicht  ist  sie  zufällig:  völlig 
sicher  lässt  sich  das  nicht  mehr  entscheiden,  aber  die  bestehende 
Thatsache  müssen  wir  anerkennen.  Auch  Waland  ist  ein  germani- 
scher Name,  der  häufig  vorkommt  ^).  Ob  wir  denselben  vom  Stamme  wal 
=  Tod,  Verderben,  oder  von  walk  =  wälsch,  fremd,  wie  Foerstemann 
meint,  abzuleiten  haben,  ist  an  und  für  sich  gleichgiltig;  unstreitig 
vorzuziehen  ist  die  Ableitung  von  walj  vgl.  Walo.  Wie  aber  verfiel 
der  Dichter  darauf,  dem  Schmiede  den  Namen  Waland  zu  geben,  zumal 
wenn  dieser  wirklich  der  ältere  wäre,  und  sich  nicht  nur  zufällig, 
durch  die  äußere  Ähnlichkeit  des  Lautes  herangezogen ,  zu  Waland 
gesellt  hätte?  Hier  tritt  die  Volksetymologie  ein,  welche,  wie  Bugge 
an  vielen  Beispielen  überzeugend  nachwies,  eine  wichtige  Rolle  bei 
Herübernahme  fremder  Sagen  spielt.  Wenn  die  Sage  den  neuen  Ver- 
hältnissen angepasst  werden  und  überall  verständlich  wirken  soll,  so 
kommt  dabei  natürlich  sehr  viel  auf  die  Form  der  Namen  an ,  die 
entweder  durch  ganz  neue  ersetzt  werden^  oder  den  Lauten  der  neuen 
Sprache  sich  völlig  angleichen.  Da  nun  der  Dichter  von  Voli- 
canus  wusste  und  ihm  jedenfalls  auch  die  etymologische 
Ableitung  bekannt  war,  so  war  damit  auch  der  Stamm 
volant-  gegeben,  und  dieser  Umstand  veranlasste  ihn,  den 
Schmied  mit  dem  ähnlich  klingenden  Waland  (vgl.  Wolanti- 
nus  im  9.  Jh.  bei  Foerstemann  1335)  zu  benennen.  Demnach  gibt 
Weland  Daedalus  wieder,  Waland  aber  Vulkan  und  so  ist 
allerdings  die  Möglichkeit  vorhanden,  daß  die  doppelte  Namensform 
bereits  auch  vom  Schöpfer  der  Wielandsage  stammt,  während  die 
Nacherzählungen,    welche   sich   darüber  keine  Rechenschaft  zu  geben 


»)  HS.  p.  29. 

')  Belege  bei  Piper,  libri  confraternitatum  etc.  im  Reichenaaer  Verzeichniß 
II,  306,  20  Walando;  262,  6  Walaundas.  Bei  Förstemann  1231  aus  dem  8.  Jahrh. 
Belege  aus  MG,  Pol.  Irm  (hier  auch  die  Form  Valand)  Pardessus,  diplom.  etc.  Damit 
ist  Hofmanns  Ansicht  (Germ.  VIII,  p.  10/11)  der  Volundr -Waland  aus  dem  finnischen 
Verbum  tcaZoM  =  gießen,  Metall  gießen  herleitet,  widerlegt.  Dazu  müßte  sich  Waland 
als  nordgermanischer  Name  nachweisen  lassen,  was  nicht  der  Fall  ist. 

GERMANIA.    Nene  Eeihe  XXI.  (XXXm.)  Jahrg.  30 


466  W.  GOLTHER 

vermochten,  immer  nur  den  einen  oder  den  andern  aufnahmen.  Diese 
etymologische  Deutung  des  Namens  Volicanus  erweist  sich  somit  als 
äußerst  fruchtbringend,  als  das  zusammenhaltende  Band  der  ganzen 
Wielandsage.  Dadurch  veranlasst  brachte  der  Dichter  zunächst  die 
beiden  antiken  Sagen  zusammen,  und  sie  war  schließlich  auch  der 
Grund,  wesshalb  der  Schmied  gerade  den  germanischen  Namen  Wa- 
land  —  Weland  erhielt.  Daß  der  Held  der  also  entstandenen  Sage 
als  ein  Schmied  erscheint,  ist  leicht  verständlich,  indem  dieser  Ge- 
danke durch  Vulkan  gegeben  war,  ebenso  aber  durch  Daedalus,  da 
der  Begriff  „Schmied'  in  der  alten  Sprache  ein  weiterer  war,  als  heut- 
zutage und  überhaupt  den  Künstler  bezeichnet.  Ich  brauche  kaum  bei- 
zufügen, daß  es  ein  gewiss  verkehrter  Schluss  wäre,  das  häufige  Vor- 
kommen des  Namens  Wieland^  wie  auch  des  fränkischen  Nibilo  und 
Nibilunc  allein  aus  dem  Bekanntwerden  der  Sagen  selber  abzuleiten, 
ja  am  Ende  sogar  in  den  letzteren  überhaupt  dessen  Entstehung  suchen 
zu  wollen.  Die  Sage,  wo  sie  bekannt  und  beliebt  wird,  kann  zwar 
viel  dazu  beitragen,  daß  ein  Name  weite  Verbreitung  gewinnt,  aber 
an  letzter  Stelle  hat  sie  selber  doch  den  Namen  aus  der  Wirklichkeit 
übernommen. 

Es  leuchtet  ein,  daß  nach  der  hier  vorgetragenen  Ansicht  die 
Wielandsage  keine  Spur  von  einem  urgermanischen  My- 
thus in  sich  birgt,  daß  bei  ihrer  Schöpfung  auch  nicht  die  ver- 
schwommene Masse  des  „Volkes"  Antheil  hat,  daß  sie  vielmehr  nur 
im  Kopfe  eines  einzigen  wahrhaft  genialen  Mannes  erstand, 
der  wunderbar  befähigt  war,  die  verschiedenartigsten  Bestandtheile 
in  glücklichster  Weise  neu  zu  formen.  Ich  denke,  wenn  unter  den 
Franken  solche  dichterische  Genies  vorhanden  waren,  so  gereicht  das 
dem  germanischen  Volk  zu  hoher  Ehre,  die  dadurch  nicht  geschmälert 
wird,  daß  die  Anregungen  für  jenen  Dichter  außerhalb  der  altüber- 
kommenen germanischen  Anschauungen  lagen.  Das  Werk  wird  ein 
deutsches  und  volksthümliches ,  sobald  es  dem  Dichter  gelingt,  dem 
Fühlen  und  Denken  seines  Volkes  entgegenzukommen  und  gerecht  zu 
werden.  Findet  er  dort  Gehör,  dann  hat  er  auch  das  Richtige  ge- 
troffen. Neben  der  glücklichen  Wahl  des  Stoffes  liegt  aber  das  Ge- 
heimniss  für  die  Entstehung  einer  volksthümlichen,  d.  h.  im  Volke 
gerne  gehörten  und  weitergetragenen,  nationalen  Dichtung  in  der  Form. 
Sobald  diese  leicht  fasslich  ist  und  den  fast  überall  in  derartigen 
Fällen  typisch  geformten  Ausdrucksmitteln  der  Dichtkunst  entspricht, 
so  sind  alle  dazu  nothwendigen  Bedingungen  erfüllt.  Zahlreiche  Bei- 
spiele hiefür  liefern  die  Volkslieder,  zumal  die  nordischen.   Bei  vielen 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  467 

lälit  sich  der  genaue  Nachweis  erbringen,  daß  sie  auf  eine  an.  saga, 
ja  auf  eine  bestimmte  Handschrift  sich  gründen,  wodurch  ihr  gelehrter 
Ursprung  unleugbar  klar  ist.  Aber  weil  die  Form  sich  in  den  einmal 
üblichen  Regeln  hält,  so  wird  das  Lied  rasch  beliebt,  geht  in  den 
Volksmund  über,  wird  viel  gesungen  und  tritt  seine  Wanderung  durch 
die  nordischen  Nachbarreiche  an,  auch  wenn  der  Inhalt  gar  kein  be- 
sonders ansprechender  ist.  Ähnlich  haben  wir  uns  das  Werk  des 
Dichters  der  Wielandsage  vorzustellen.  Auch  er  hat  seine  geniale 
dichterische  Schöpfung  in  die  Form  des  unter  den  Fran- 
ken üblichen  Liedes  oder  Gedichtes  gegossen,  und  so  wird 
sie  rasch  zum  Eigenthum  des  Frankenvolkes,  das  sich  wenig 
darum  kümmert,  überhaupt  gar  nichts  davon  weiß,  daß  es  antike 
Sagen,  antike  Stoffe  besingt. 

Der  Beweis,  daß  Weland  und  Waland  bereits  im  Frankenreiche 
vorhanden  waren  und  nicht  etwa  der  eine  oder  andere  der  beiden 
Namen  auf  der  Wanderung  der  Sage  nachmals  erst  in  anderen  Län- 
dern gebraucht  wurde,  läßt  sich  unschwer  führen.  Ags.  Weland  und 
deutsch  Wieland  (nd.  Velent  Ps.)  sind  identisch.  Da  nun  die  Angel- 
sachsen weder  unmittelbar  von  den  Deutschen  d.  h.  den  im  inneren 
Deutschland  ansäßigen  Stämmen,  noch  diese  von  jenen  den  Namen 
übernommen  haben  können,  so  ist  klar,  daß  sie  denselben  aus  ihrer 
gemeinsamen  fränkischen  Quelle  übernahmen.  Waland  aber  ist  in 
die  französische  Heldensage  übergegangen.  Von  den  Normannen  kann 
der  Name  darum  nicht  nach  Frankreich  gebracht  worden  sein,  weil 
im  Nordischen  nur  die  Form  Volundr  vorkommt,  welche  sich  aus 
dem  fränkischen  Waland  entwickelt  hat,  Waland  überhaupt  aber  nur 
ein  fränkisch -deutscher  und  kein  nordischer  Name  ist. 

Damit  kommen  wir  zur  Frage  nach  der  Wanderung  der  Sage. 
Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  Angelsachsen  und  Deutsche  die  Sage 
aus  Frankreich  überkamen.  Nieder -Deutschland,  für  welches  die 
tidrekssaga  zeugt,  könnte  vielleicht  die  Sage  ebenfalls  von  dorther 
empfangen  haben.  Doch  bedarf  das  Verhältniß  süddeutscher  und  nord- 
deutscher Heldensage  genauerer  Untersuchung  und  Prüfung  im  Ein- 
zelnen, die  ich  in  Bälde  anzustellen  beabsichtige.  Soweit  es  sich 
um  ursprünglich  fränkische  Sagen  handelt,  könnte  man  an  unab- 
hängige Selbständigkeit  für  beide  Theile  denken,  daß  sie  nicht  in 
unmittelbarem  Zusammenhange  untereinander,  vielmehr  nur  in  einem 
durch  gemeinsame  Quellen  vermittelten  stünden.  Dagegen  erhebt 
sich  bei  den  Nordleuten  die  Frage,  woher  ihnen  Kunde  von  der 
Wielandsage    kam.     An    und    für    sich    könnte     sowohl  England    als 

30* 


468  W.  GOLTHER 

Niederdeutschland  in  Betracht  kommen.  Aber  dem  steht  der  gewichtige 
und  entscheidende  Umstand  entgegen,  daß  die  Nordleute  die  Sage  von 
Waland  dem  Schmiede  übernommen  haben.  Da  nun  diese  Form 
des  Namens  nirgends  sonst  in  der  Sage  auftaucht,  als  nur  in  Frank- 
reich, da  es  auch  äußerst  unwahrscheinlich  ist,  daß  das  fränkische 
Waland  —  Waland  =  Daedalus  Vulcanus  irgendwo  weiter  hingekom- 
men wäre,  sondern  jedwede  Entlehnung  nur  einen  der  beiden  Namen 
benützte,  so  können  die  Nordleute  nirgends  anderswo  als 
nur  in  Frankreich  selber  mit  der  Walandsage  Bekannt- 
schaft gemacht  haben.  Was  hier  mit  Sicherheit  nachgewiesen 
werden  kann,  ist  von  weittragenden  Folgen  für  die  Beurtheilung  unserer 
Heldensage,  für  die  Vergleichung  der  in  nordischer  und  deutscher 
Form  vorhandenen  Sagen,  indem  wir  dadurch  an  Stelle  bloßer  Hypo- 
thesen festen  Grund  und  Boden  gewinnen.  Mit  Sicherheit  lässt  sich 
daraus  die  Zeit  der  Entlehnung  der  Walandsage  bestimmen:  sie  kann 
nicht  vor  dem  Erscheinen  der  Normannen  auf  fränkischem  Boden,  vor 
dem  9.  Jahrhundert  erfolgt  sein.  Vom  Jahre  800  ab  beginnen  die 
Beunruhigungen  der  fränkischen  Küste  dem  Canal  entlang  und  weiter 
hinunter  bis  zur  Seinemündung.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts 
werden  die  Einfälle  lebhafter  und  enden  mit  der  Eroberung.  Frän- 
kische und  normannische  Bevölkerung  hat  sich  bald  gegenseitig  ver- 
mischt ^).  Friesland  war  lange  Zeit  Stützpunkt  für  die  Unternehmungen 
der  Normannen  gewesen.  Im  Gebiet  des  Nieder-Rheins  und  in  Flan- 
dern, wo  die  Salfranken  unter  Chlodovech  gesessen  waren,  war  jeden- 
falls noch  reichlich  Gelegenheit  gegeben,  von  den  alten  Sagen  zu 
hören,  wenn  vielleicht  im  eigentlichen  Frankreich  dieselben  mit  dem 
Vordringen  des  Romanischen  zurückgedrängt  waren.  An  der  nord- 
östlichen Grenze  haftete  das  Germanische.  Noch  881  rief  Ludwigs 
Sieg  über  die  Normannen  bei  Saucourt  in  der  Picardie  deutsche  und 
französische  Lieder  (Ludwigslied  und  Gormont  et  Iserabart)  hervor; 
also  konnten  auch  noch  fränkische  Dichtungen  in  jenen  Gegenden 
im  Umlauf  sein.  Zweitens  darf  aus  diesem  Sachverhalt  geschlossen 
werden,  daß  die  Verbindung  Volunds  mit  Valkyrjen,  wie  sie  in  der 
Volundarkvida  berichtet  wird,  eine  sehr  späte  und  eigenartige  nordi- 
sche Neudichtung  ist;  denn  die  Franken  kannten  keinen  Valkyrjen- 
mythus,  der  eine  ausschließliche  nordische  Dichtung  aus  der  Wikinger- 
zeit ^)  ist.    Zwischen  fränkischer  und  nordischer  Form  der  Walandsage 


*)  Steenstrup,  Normannerne  II,  p,  26  ff.,  34,  38,  150  ff.,  351  ff.  u.  ö. 
')  ^S'-    Doeine    Studien    zur    germanischen    Sagengeschichte    I    der  Valkyrjen- 
mythus,  in  Abh.  d.  I.  Cl.  d.  Akad.  d.  Wiss.  zu  München,  Bd.  XVIII,  p.  401  ff. 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  469 

zeigen  sich  auch  außer  dem  bereits  völlig  genügend  beweiskräftigen 
gemeinsamen  Namen  anderweitige  Berührungspunkte.  In  der  V9lun- 
darkvida  stehen  neben  Volundr  zwei  Brüder  Eigill  und  Slagfidr. 
Dieser  Zug  gehörte  bereits  der  fränkischen  Sage  an.  In  der  französi- 
schen Heldensage  heißt  es  ebenfalls: 

car  il  furent  III  frere^  tout  d'un  pere  engerr6: 

Galans  en  fut  li  uns  etc.  ^) 
Die  Lieder-Edda  ist  bekanntlich  ein  in  Island  entstandenes  Werk. 
Die  darin  enthaltenen  einzelnen  Lieder  sind  aber,  wenn  auch  schließ- 
lich in  Island  niedergeschrieben  und  redigirt,   doch  von  sehr  verschie- 
denartiger Herkunft,  d.  h.  sie  können  auf  ältere  zurückgehen,  welche 
in  Island  nur  aufgezeichnet  wurden.  So  ist  sicher  ein  Theil  der  mythi- 
schen Lieder,  vornehmlich  die  von  rorr,  aus  Norwegen  bereits  wäh- 
rend der  ersten  Besiedelung  herübergewandert.     Die  Rigsjjuia  scheint 
unter  keltischen  Einflüssen  auf  den  brittischen  Inseln  gedichtet  worden 
zu  sein.    Der  Stoff  der  Wielandsage  und,  wie  ich  hier  gleich  bemerke, 
wahrscheinlich  auch  derjenige  der  Nibelungenlieder,  ist  aus  Frankreich 
geholt.     Da  Island  876  besiedelt  wurde,    also  wohl  um  dieselbe  Zeit, 
als  die  Normannen  in  Frankreich  mit  der  Walandsage   bekannt  wur- 
den, so  liegt  kein  zwingender  Grund  vor,  anzunehmen,  daß  dieselbe 
erst  nach  Norwegen  wanderte  und  von  -dort  aus  nach  Island  gebracht 
wurde,  vielmehr  ist  es  eher  wahrscheinlich,   daß  diese  Errungenschaft 
der  Wikingzeit   auch   dem  Zuge  nach  Westen   gefolgt   ist   und   durch 
irgendwelche  Schicksale  von  Frankreich  unmittelbar  nach  Island  hin- 
übergetragen wurde.    Erst  später  verbreitete  sie  sich  dann  von  Island 
aus   bei   dem  regen  Wechsel  verkehr   mit   dem  Mutterlande  Norwegen 
dorthin.    Wenigstens  sprechen  viele  Zeugnisse  für  das  Vorhandensein 
der  Sage  in  Island,  wenig  oder  wenigstens  gar  nichts  Entscheidendes 
für  Norwegen.     Übrigens   würde    auch   die  norwegische   Durchgangs- 
stufe an  unseren  Ergebnissen  nichts  ändern.     Nur  werden  die  Lieder 
zum    allergrößten   Theil   als   isländische  Dichtungen   aufzufassen  sein. 
Waland    ist    im   nordischen  Munde  zu  Volundr  umgewandelt  worden. 
Volundr  gilt  auch  als  Appellativum  zur  Bezeichnung  eines  geschickten 
Mannes  in  Prosa  und  Poesie  (z.  B.  volundr  römu,  artifex  belli,  auctor 
pugnae).    Hamdismdl  7   „boekr  pinar  ofnar  vohmdiom"'  =  TtejtXog  öaiöa- 
log  ^).  Die  sprichwörtliche  Anwendung  bezeugt  auch  Pidrekssaga  c.  69. 
Noch    im   heutigen   Isländisch    heißt^  es :    hann   er   mesti    volundr  =z  a 


■)  DeppiDg,  Veland  p.  84. 

')  Belege  bei  Sveinbjorn  Egilsson  und  GuSbrandr  VigfiisBon. 


470  W.  GOLTHER 

great  master  of  a  sinith.  Es  ist  am  ehesten  glaublich,  daß  Waland 
zu  Volundr  wurde  nach  Analogie  anderer  nordischer  Eigennamen  z.  B. 
Onundr,  und  dass  dann  daraus  gleichsam  als  aus  einer  „kenning" 
sich  der  sprichwörtliche  Gebrauch  ableitet.  Gudbrandr  Vigftisson  ') 
ist  geneigt,  ein  ursprüngliches  Appellativum  anzunehmen  etwa  wie 
hofundr.  In  diesem  Falle  hätte  sich  das  überkommene  Waland  daran 
angeschlossen.  Unter  allen  Umständen  ist  aber  nur  eine  Anpassung 
des  Namens  Waland  an  die  nordischen  Lautverhältnisse  vorauszusetzen. 
Volundr  stammt  also  auch  am  Ende  aus  Vulkan,  aber  natürlich  nur 
durch  die  fränkische  Zwischenstufe  hindurch.  Im  Isländischen  tritt  die 
Bezeichnung  vohmdarhüs  für  Labyrinth,  also  Daedali  domus  auf  und 
lebt  noch  heute  im  Volksmunde.  Doch  ist  dieselbe  auf  einen  späten 
und  gelehrten  Ursprung  zurückzuführen,  und  entstand  in  den  Köpfen  ge- 
lehrter Männer,  denen  nachmals  die  Ähnlichkeit  zwischen  der  in  isländi- 
schen Gedichten  überlieferten  Volundarsage  und  der  antiken  von  Dae- 
dalus  nicht  verborgen  blieb.  Zum  ersten  Mal  begegnet  volundarhüs  in 
der  Lilja  des  Eysteinn  Äsgrimsson  (f  1361)  92  „en  fett  pö  hvergi  hurt 
ur  VolundarMsi^ ,  und  später  in  der  „Stjörn"  (d.  i.  historia  biblica  in 
commentariis  ad  Genesin  ed.  Unger  1853) :  Minocentaurus  (sie!)  birgt 
sich  i  Idborintho,  hvert  er  sumir  menn  kalla  volundarhüs.  Damit  ist  die 
Geschichte  der  Volundarsage  ei'schöpft.  Es  erhellt  daraus,  daß  auch  die 
Volundarkvida,  die  man  ihrer  alterthümlichen  Ausdrucksweise  wegen 
im  Vergleiche  zu  den  Nibelungenliedern  immerhin  zu  den  ältesten 
unter  den  heroischen  rechnen  darf,  allerfrühestens  bis  ans  Ende 
des  9.  Jahrhunderts  hinaufgerückt  werden  kann,  wahr- 
scheinlicher aber  erst  im  Laufe  des  10.  Jahrhunderts  in  Island  ge- 
dichtet wurde.  Nach  England  und  Deutschland  ist  die  Sage  vielleicht 
schon  früher  gelangt.  Die  erste  deutsche  Anspielung  ist  allerdings  der 
Waltharius,  also  aus  dem  10.  Jahrhundert.  Anders  liegen  die  Ver- 
hältnisse fürs  Angelsächsische.  Bereits  im  Beöwulf  (455)  wird  Weland 
erwähnt.  Man  setzt  den  Abschluss  des  Gedichtes  ins  6.  oder  begin- 
nende 7.  Jahrhundert.  Aber  schon  die  christlichen  Elemente  machen 
spätere,  vielleicht  erst  ins  8.  Jahrhundert  fallende  Überarbeitung  wahr- 
scheinlich. Die  Anspielungen  auf  deutsche  Sagen  (Wieland  und  Nibe- 
lungen) sind  kaum  ein  ursprünglicher  Bestandtheil  des  Beöwulf,  son- 
dern spätere  Einschaltungen.    Die  Erwähnung  des  Weland  berechtigt 


')  Dictionary  XXXII.  Vgl.  bereits  Depping,  Veland  p.  48:  „le  mot  voelund 
a  existe  avant  qu'on  imaginät  1'  histoire  du  fameux  forgeron  Veland,  tout  comme 
le  mot  ö<)ci.d(xKXco  existait  avant  qu'on  eüt  admis  dans  la  mythologie  le  personnage  de 
D^dale." 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  471 

nicht  unbedingt  dazu,  die  Bekanntschaft  mit  der  Wielandsage  für  die 
Angelsachsen  bereits  ins  6.  Jahrhundert  zuriickzuverlegen.  Deors 
Klage,  das  Widsidlied,  Waldere,  kurz  die  ganze  Masse  der  Stellen, 
welche  Kenntniss  der  deutschen  oder  besser  fränkischen  Heldensage 
zeigen,  stehen  in  gegenseitigem  Zusammenhange  und  weisen  auf  eine 
Einwanderung  aller  dieser  Sagen,  die  kaum  vor  dem  Ende  des  7.  oder 
Anfang  des  8.  Jahrhunderts  erfolgt  ist.  Die  betreffenden  Dichtungen 
werden  ja  auch  entschieden  als  jünger  betrachtet,  als  der  Beöwulf. 
Aber  dasselbe  Recht  müssen  wir  für  die  Stellen  im  Beowulf  selber 
beanspruchen.  Die  irisch- angelsächsische  Mission  während  des  7.  und 
8.  Jahrhunderts  setzt  immerhin  einen  gewissen  Verkehr  zwischen  dem 
Frankenreich  und  England  voraus.  Wenn  wir  die  Auswanderung  der 
fränkischen  Sage  nach  England  im  Verlaufe  des  7.  Jahrhunderts,  jeden- 
falls nachdem  die  Angelsachsen  bereits  sämmtlich  bekehrt  waren,  frü- 
hestens anzunehmen  haben,  so  ergibt  sich,  daß  ihre  Entstehung  im 
Frankenreiche  selbst  ins  7.  oder  6.  Jahrhundert  fällt.  Das  6.  Jahr- 
hundert wird  am  ehesten  in  Betracht  kommen;  früher  aber  als  die 
Einwanderung  der  Franken  stattfand,  über  die  Zeit  der  Merowinger- 
könige  hinaus,  kann  die  Entstehung  der  Wielandsage  unter  keinen 
Umständen  hinaufgerückt  werden. 

Wir  sind  berechtigt,  viele  von  den  für  die  Wielandsage  gewon- 
nenen Ergebnissen  auch  auf  andere  Sagen  zu  übertragen^  wodurch 
uns  überhaupt  ein  lichtvollerer  Einblick  in  die  Entwicklungsgeschichte 
unserer  Heldensage  zu  thun  verstattet  wird,  als  man  seither  es  ver 
mochte.  Wir  haben  uns  zunächst  daran  zu  gewöhnen ,  nicht  im  all- 
gemeinen von  einer  germanischen  oder  deutschen  Heldensage 
zu  sprechen,  sondern  mit  strenger  Unterscheidung  von  einer  fränki- 
schen, süddeutschen,  norddeutschen,  nordischen  und 
angelsächsischen,  und  unter  Umständen  von  den  Wanderun- 
gen der  einen  zu  den  übrigen.  Wir  verstehen  unter  dem  Be- 
griffe „fränkische  Heldensage"  diejenigen  Sagen,  von  denen  der 
Nachweis  erbracht  werden  kann,  daß  sie  unter  den  Franken  entstan- 
den sind.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  die  Entstehung  und  Ausbildung 
einer  Sage  durchaus  nicht  mit  ihrer  Wanderung  zeitlich  zusammen- 
fallen muß ,  ebensowenig  daß  die  einzelnen  Stämme  zur  selben  Zeit 
eine  Sage  entlehnten;  die  Blüthezeit  der  Heldendichtung  im  Franken- 
reich bedingt  durchaus  nicht  die  Blüthe  der  angelsächsischen  oder 
deutschen.  Kurz,  jeder  Stamm  will  unabhängig  und  für  sich  allein 
betrachtet  sein;  dann  aber  ist  auch  Hoffnung  vorhanden,  daß  mit  Hilfe 
der  uns  zu  Gebote  stehenden   geschichtlichen  Erwägungen    sich  man- 


472  W.  GOLTHER 

ches  deutlicher  hervorstellen  wird.  Für  die  Wielandsage  durften  wir 
das  Frankenreich  als  Heimat,  das  6.  Jahrhundert  als  Entstehungszeit 
annehmen.  Ebenso  verhält  es  sich  mit  der  Nibelungensage ,  die  zur 
selben  Zeit  in  Frankreich  entstand  *).  Die  geschichtlichen  Ereignisse, 
aus  denen  die  letztere  hervorging,  fallen  ins  5.  Jahrhundert.  Aber 
erst  am  äußersten  Ende  des  5.  Jahrhunderts ,  nach  der  Alamannen- 
schlacht  496,  rückten  die  Franken  in  das  altburgundische  Gebiet  am 
Rheine  ein,  wo  seit  der  Verpflanzung  der  Burgunden  nach  Savoyen 
die  Alamannen  gesessen  waren.  Main-  und  Neckarland  ward  von 
dort  ab  fränkisch,  die  Alamannen  zogen  sich  nordwärts.  Erst  in  der 
zweiten  Hälfte  des  6.  Jahrhunderts,  also  nach  Dietrichs  Tode  (526), 
konnte  die  Sage  vom  Untergange  der  Burgunden,  vielleicht  auf  Grund 
älterer,  dem  Ereignisse  noch  näherstehender  Lieder,  zur  epischen  Dar- 
stellung gelangen.  Daß  die  Franken  aber  eine  ziemlich  ausgedehnte 
volksthümliche  Epik  besaßen,  beweisen  die  vielfachen  dichterisch  aus- 
geschmückten Geschichten,  die  sich  an  die  Namen  der  Merovinger 
knüpften,  und  von  denen  uns  Gregor  von  Tours,    im  7.  Jahrhundert 


')  MüUenhoflf,  Zur  Geschichte  der  Nibelungensage,  Ztschr.  f.  d.  Alt.  10,  146  bis 
180;  die  alte  Dichtung  von  den  Nibelungen  ebenda  23,  113 — 173  beweist  die  Ent- 
stehung der  Sage  unter  den  Franken  im  6.  Jahrhundert,  aber  zieht  daraus  nicht 
die  sich  ergebenden  Folgerungen  für  die  Wanderung  nach  Osten,  Norden  und  Westen. 
Unsere  Ansicht  weicht  vornehmlich  darin  von  der  seinigen  ab ,  daß  die  Nibelungen, 
sage  nicht  schon  im  6.  Jahrhundert  zu  den  Nordleuten  kam,  im  9.  Jahrb.  zum  zweiten 
Male,  im  13.  Jahrh.  zum  dritten  Male;  sondern  nur  zweimal:  im  9.  Jahrb.  von  Frank- 
reich, im  13.  Jahrh.  zum  zweiten  Male  durch  norddeutsche  Vermittlung;  ferner  daß 
das  mythische  Element,  dem  Müllenhoff  einen  großen  Raum  in  der  alten  fränkischen 
Sage  einräumt,  in  dieser  gar  nicht  vorhanden  war,  sondern  erst  im  9.  Jahrh.  aus 
dem  neuerblühten  Glauben  der  heidnischen  Wikinger  hereindrang.  Bei  so  verändertem 
Standpunkte  tritt  die  Ansicht  von  dem  Vorhandensein  einer  fränkischen  Sage  mit 
wesentlich  neuer  und  verschiedener  Beurtheilung  der  Gesammtverhältnisse  auf.  — 
In  Bezug  auf  den  zweiten  Theil  der  Sage ,  die  Ereignisse  an  Etzels  Hofe ,  ist  offen- 
bar die  nordische  Form  alterthümlicher,  weil  sie  sich  mit  den  geschichtlichen  Ereig- 
nissen deckt.  Aber  es  ist  kein  Grund  vorhanden,  deshalb  die  Sage  bereits  zwischen 
555 — 583  auswandern  zu  lassen,  wenn  alle  anderen  Erwägungen  mit  Entschiedenheit 
dagegen  sprechen.  Wenn  die  sogenannte  deutsche  Sagenform  wirklich  auf  die  zweite 
Vernichtung  des  burgundischen  Reiches  durch  Chrödhild  583  zurückzuführen  ist, 
so  hindert  uns  nichts,  für  Frankreich,  zumal  bei  der  Scheidung  zwischen  nördlicher 
und  südlicher  Version  [denn  an  geschichtliche  Vorgänge  im  Süden  des  Franken- 
reiches schließt  sich  ja  die  deutsche  Form  an]  das  Nebeneinanderhergehen  zweier 
Berichte  anzunehmen.  Doppelte  Versionen  von  einer  Sage,  die  sich  ausschließen,  sind 
doch  nichts  Unerhörtes  in  einem  und  demselben  Lande.  Man  denke  nur  an  die  alt- 
überkommene isländische  Sigurdsage  und  die  neugebildete,  welche  am  Ende  sammt 
der    neuentlehnten  niederdeutschen  alle  zugleich  nebeneinanderlaufen. 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  473 

noch  in  höherem  Maße  Fredegar  und  die  Gesta  Francorum  zahlreiche 
Proben  darbieten  ^).  Als  fränkische  Dichtung  haben  wir  auch  die  Sage 
von  Walthari  und  wenigstens  einzelne  Theile  der  Dietrichsage  aufzu- 
fassen. Alle  diese  Sagen  sind  aber  bei  einem  bereits  zum  Christen- 
thume  bekehrten  Volke  entstanden;  sie  lehnen  sich,  gleichwie  nach- 
mals das  französiche  Nationalepos,  an  das  wirkliche  geschichtliche 
Leben  an,  oder  sie  nehmen  ihre  Stoffe  aus  der  neuerschlossenen  Cultur, 
wie  die  Wielandsage.  Von  altheidnischen  Göttermythen  ist 
wenig  und  sicher  nur  sehr  Untergeordnetes  darin  enthal- 
ten. Das  charakteristische  Wesen  der  verlorenen  fränki- 
schen Sagen  geben  die  mhd.  Bearbeitungen,  die  in  Eng- 
land vorhandenen  Bruchstücke  und  Anspielungen,  die  ndd. 
in  der  ridrekssaga  überlieferten  Gedichte  in  viel  treuerer 
und  echterer  Weise  wieder,  als  die  nordischen  Berichte, 
welche  mit  dem  während  der  Wikingerzeit  neu  entstande- 
nen phantastischen,  bunten  Mythus  die  überkommenen 
einfachen  Originale  durchgreifenden  Neugestaltungen  un- 
terzogen haben,  die  aber  um  fast  300  Jahre  jünger  sind, 
als  die  Entstehung  der  fränkischen  Sage  selbst^).  Es  war 
ein  durchaus  verfehlter  Versuch,  aus  den  nordischen  Quellen 
die  deutschen  erklären  und  berichtigen  zu  wollen,  und  er 
ist  auch  nie  in  einer  irgendwie  befriedigenden  und  wahrscheinlichen 
Weise  gelungen.  Die  genannten  Sagen  von  Wieland,  den  Nibelungen 
und  Walthari  standen  allem  Anscheine  nach  in  einem  gewissen  Zu- 
sammenhange und  sind  darum  als  ein  Ganzes  ausgewandert;  wenig- 
stens sehen  wir  überall  diese  Stoffe  zugleich  auftreten.  So  in  Eng- 
land im  7.  oder  8,  Jahrhundert.  In  Deutschland  wurde  Walthari  im 
10.  Jahrhundert  lateinisch  gedichtet;  ebenso  auch  die  Nibelungen, 
wie  aus  der  bekannten  Stelle  Klage  4145  ff.  zu  entnehmen  ist.  In  der 
Pidrekssaga  ist  vollends  alles  bei  einander.  Auch  die  nordisch -islän- 
dische Sage  hat  Volund  und  die  Nibelungenlieder  beisammenstehen. 
Zugleich  mit  der  Wielandsage  ist  demnach  auch  die  Nibelungensage 
zu    den    Nordleuten    gewandert,    im   9.  Jahrhundert.     Auf  diese  Zeit 


')  Vgl.  darüber  Pio  Rajna,  le  origini  dell'  epopea  francese  p.  47 — 93;  auch 
245—73,  285-99. 

')  Für  die  Nibelungensage  habe  ich  durch  eine  Vergleichung  der  nordischen 
und  deutschen  Form  diesen  Beweis  ausführlich  zu  erbringen  versucht  in  der  bereits 
erwähnten  Schrift:  Studien  zur  germanischen  Sagengeschichte  II.  über  das  Verhältniß 
der  nordischen  und  deutschen  Form  der  Nibelungensage  (Abb.  d.  Akad.  d.  Wiss.  zu 
München,  Bd.  XVIII,  p.  439  ff.). 


474  W.  GOLTHER 

weisen  auch  alle  Zeugnisse  für  die  letztgenannte  Sage.  Mehrfach 
schimmert  der  fränkische  Ursprung  bei  beiden  noch  in  ihrer  isländisch- 
norwegischen Gestalt  durch.  Hlodv6r  der  Vkv.  deutet  auf  fränkische 
Form  Chlodvech  ^).  Valland  und  Frakkland  der  Vkv.  und  der  Nibe- 
lungenlieder zeigen  die  Sage  auf  fränkischem,  und  zwar  wälschem 
Boden,  also  im  eigentlichen  Frankenreich  vor  sich  gehend.  Sicherlich 
erhielten  die  Nordleute  alle  geographischen  Angaben  der  Nibelungen- 
sage in  bester  Ordnung  überliefert:  im  Frankenreich  oder  in  Wälsch- 
land  saßen  nach  ihrem  Begriffe  die  Volsungar,  am  Rhein  die  Bur- 
gundenkönige.  Etzel  war  ein  Hunne.  Auch  Herr  der  Gothen  heißt 
Gunnar  ')  mehrfach.  Die  ursprüngliche  Sage  hat  das  fränkische  Ge- 
schlecht der  Walsinge,  Sigmund  und  Sigfred,  den  ihnen  zum  Theile 
feindlichen  Stämmen  der  Burgunden  und  Gothen  gegenüber  gestellt  ^). 


')  So  auch  Müllenhoff,  Ztschr.  f.  d.  Alt.  23,  167.  Hlodowech  (ahd.  Hludwich, 
hlojjo  =  TiXvTo)  ist  fränkisch.  Im  ahd.  ist  Hludwig  eine  mißverstandene  Umdeutung 
des  zweiten  Stammes  zu  wig  =  pugna.  Allerdings  geht  nord.  i  -j-  h  in  e  e,  über. 
Jedoch  ist  für  die  Zeit  der  Übernahme  nicht  wahrscheinlich,  daß  dieses  Lautgesetz 
noch  so  lebendig  war,  um  -ver  aus  -wich  hervorgehen  zu  lassen.  Gewiß  hätten  die 
Nordleute  ein  überkommenes  wich  wie  die  Deutschen  viel  eher  an  den  Stamm  vi'g 
angelehnt.  Sie  gaben  in  Hlodver  die  fränkische  Form  wieder.  Ebenso  scheint  mir 
Sigurdr  auf  ein  fränkisches  Sigfred  zurückzugehen.  Sigurdr  ist  otfenbar  als  ein  nor- 
discher Name  aufzufassen,  welcher  an  Stelle  eines  unverständlichen,  jedenfalls  unge- 
bräuchlichen fränkischen  trat,  und  nicht  lautlich  aus  Sigfrid  abzuleiten.  Die  Eigen- 
namen auf  fri])u  lauteten  im  fränk.  ebenfalls  frid-.  Jedoch  scheint  bald  dafür  fred- 
eingetreten zu  sein,  im  8.  Jahrb.  herrscht  es  vor  und  ebenso  später  (Waltemath,  die 
fränkischen  Elemente  in  der  französischen  Sprache  p.  48).  Die  Nordleute  hörten  das 
fränkische  Sigfred  und  machten  daraus  Sigr0dr,  wie  Godr^dr  statt  Godfr^dr.  Sigrj^dr 
wäre  kaum  aus  Sigfrid  entstanden.  Ebenso  scheint  das  ags.  Sigeferd  das  fränk.  Sig- 
fred wiederzugeben ;  männliche  Namen  auf  auslautendes  frid  waren  diesen  Sprachen 
nicht  geläufig.  Statt  Sigrodr  wurde  Sigurdr  gebraucht.  Die  Ersetzung  überkommener 
Namen  durch  andere  in  der  entlehnenden  Sprache  gebräuchliche  findet  dann  statt, 
wenn  sich  kein  entsprechender  vorfindet  und  der  eigentliche  Sinn  nimmer  verstanden 
wird.    Vgl.   jetzt  Sievers   im  arkiv    for    nordisk  filologi  V,  2  über  den  Namen  Sigurdr. 

')  Gripisspa  35  Gunnari  tu  ha/ndi  Qotna  drottni  Brot  af  ßr.  11  ai!  kann  svä 
redi  Gjüka  arfi  ok  Gota  mengi.  Akv  21  ist  Gunnarr  vinr  Borgunda  und  Gotna  pjöäan- 
Gudrünarkvida  II,   16   Grimhildr  gotnesk  kona. 

^)  Die  Nibelungensage  setzt  sich  aus  zwei  Bestaudtheilen  zusammen:  das  Ge- 
schlecht der  Walsunge  Sigmund  und  Sigfred  tritt  in  Verbindung  mit  dem  burgundi- 
schen  Königsgeschlecht  der  Gibichunge,  oder,  wie  die  fränkische  Sage  sich  ausdrückt, 
dem  fränkischen  der  Nibelunge;  daher  sind  die  Bezeichnungen  Franken,  Burgunden, 
Nibelungen ,  Gibichungen  völlig  gleichbedeutend.  Weder  in  dem  einen  noch  in  dem 
anderen  ist  bei  nüchterner  Betrachtung  irgend  etwas  Mythisches  enthalten ;  keine 
alte  Göttersage  ist  auf  geschichtliche  Verhältnisse  übertragen  worden;  Alles  bleibt 
auf  rein  menschlichem  Boden.    Dagegen  spielen  um  Sigfred  viele  märchenhafte  Züge : 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  475 

Durch  die  Sage  selber  waren  die  Burgundenkönige  an  den  Rhein  ge- 
bunden, und  die  Handlung  wickelt  sich  dementsprechend  auch  im 
alten  Burgundengebiete  ab.  Zur  Zeit  der  Entstehung  der  Sage  saßen 
aber  die  Burgunden  an  der  obern  Rhone  und  an  der  Saone  im  Süden 
des  Frankenreiches,  hinter  ihnen  die  Goten.  Es  ist  daher  begreiflich, 
wie  die  Sage  dazu  kommen  konnte,  Burgunden  und  Goten  in  Zusam- 
menhang zu  bringen,    ja  als  ein  Volk  aufzufassen.     Daß    dies    keine 


Drachenkampf  und  Hornhaut,  die  unverletzlich  macht;  Ausplaudern  der  Unverwund- 
barkeit durch  die  Frau;  die  Kenntniß  der  Vogelsprache;  die  Tarnhaut;  der  Gestalten- 
tausch mit  Günther;  der  Gewinn  des  Hortes  in  Folge  einer  schiedsrichterlichen  Func- 
tion über  zwei  streitende  Parteien;  der  Kampf  mit  der  freierspröden  Jungfrau;  das 
Märchen  vom  Dornröschen.  Von  allen  diesen  Zügen  lassen  sich  anderwärts  Paral- 
lelen, oft  indische  nachweisen.  Aber  daraus  darf  nicht  geschlossen  werden,  Sigfred 
ist  ein  vermenschlichter  Gott,  und  seine  Geschichte  ist  dariam  ein  altheidnischer 
Mythus.  Vielmehr  erweist  sich  seine  Sage  zum  großen  Theile  als  Dichtung,  in  der  die 
Phantasie  ungezügelt  herrscht.  Gegenüber  der  strengen  Einheit  der  Gibichungen- 
Nibelungensage  flimmert  hier  Märchenzauber.  Die  wenigsten  der  Märchen  aber  haben 
ihren  letzten  Grund  im  urgermanischen  Götterglauben,  jedenfalls  nicht  in  dem  hier 
gegebenen  Zusammenhange.  Wie  und  woher  diese  Züge  in  die  Sigfredsage  kamen ,  soll 
hier  nicht  entschieden  werden.  Nur  das  eine  entnehmen  wir  daraus,  daß  auch  die 
Sigfredsage  eine  Dichtung  ist,  kein  Mythus,  der  im  heidnischen  Götterglauben 
wurzelte.  Diese  Dichtung  und  ihre  ßestandtheile  stehen  in  keinem  besonderen  Ver- 
hältnisse zum  heidnisch -germanischen  Alterthume,  vielmehr  gehören  sie  eher  den 
Franken  an,  und  sind  diesen  ohne  besondere  Gründe  nicht  abzusprechen.  Phan- 
tastische Erzählungen  können  an  jede  Person  sich  anschließen,  ohne  daß  diese 
darum  eine  mythische  sein  müßte.  Die  fränkischen  Märchenzüge  und  die  nordischen 
Mythen  haben  den  geheimnißvoUen  Schimmer  um  Sigfreds  Gestalt  gewoben,  der  dazu 
Veranlassung  gab ,  auch  in  der  Nibelungensage  d.  h.  der  Sage  vom  Königsstamme 
der  Nibelungen-Gibichungen  einen  düsteren,  unter-weltlichen  Nebelmythus  anzunehmen, 
wozu  sie  selber  nicht  die  geringste  Ursache  bietet.  —  Auch  die  Sage  von  Sigmund, 
die  Werwolfverwandlung,  die  wunderbare  Heilung  des  Fitela  zeigt  solche  Märchen- 
züge ;  aber  hier  liegt  bereits  wieder  der  Gedanke  an  antike  Erzählungen  sehr  nahe. 
Die  Frage  nach  der  Entstehung  der  Nibelungensage  ist  keineswegs  hoffnungslos.  Sie 
läuft  auf  die  zwei  Punkte  hinaus :  1.  wie  und  woher  schlössen  sich  jene  Züge  an 
die  Wälsungen ;  2.  warum  sind  die  Sagen  von  den  Wälsungen  und  Gibichungen- 
Nibelungen  verbunden  worden.  Man  erklärte  dies  bisher  durch  folgende  Formel: 
Wälsungen  und  Nibelungen  (Günther,  Gibich,  Hilde)  im  Mythus. 

Burgunden  (Günther    Gibich,  Hilde)  in  der  geschichtlichen  Sage. 

Daher  Wälsungen  und  Burgunden-Nibelungen  in  unserer  Sage. 
Also  die  Gleichheit  der  Namen  bei  den  mythischen  und  geschichtlichen  Personen  sei 
die  Ursache  davon  gewesen,  daß  der  Mythus  von  den  Wälsungen  und  Nibelungen 
auf  die  Burgundensage  überging.  Doch  ist  der  ganze  Wälsungen-Nibelungenmythus, 
sicher  das  Spiel  mit  den  Namen  Günther  und  Hilde,  djurch  gar  nichts  Positives 
zu  stützen.  Ich  hoffe,  daß  es  mir  noch  gelingt,  für  diese  zwei  Fragen  eine  der 
Wahrheit  nahekommende  Beantwortung  zu  finden. 


476  W.  GOLTHER 

Zuthat  der  Nordleute  ist,  leuchtet  ein.  Für  diese  lagen  alle  diese 
Reiche  einfach  im  Süden.  Von  den  Hunnen ,  die  den  Franken  im 
6.  Jahrhundert,  und  auch  den  Süddeutschen  im  9.  und  10.  Jahrhundert 
dagegen  noch  sehr  wohl  bekannt  waren ,  konnten  sie  sich  gar  keine 
Vorstellung  machen.  Die  nordische  Sage  hat  darum  diese  Angaben 
als  bloße  Namen  übernommen  und  in  sinnloser  Weise  Sigfred  und 
Brunhild  zu  Hunnen  gemacht.  Schon  aus  derlei  Thatsachen  zeigt  sich, 
wie  frei  und  unbekümmert  die  nordische  Sage  mit  der  fränkischen 
umsprang. 

Es  wurde  bereits  bemerkt,  daß  diese  deutsch-fränkischen  Sagen 
von  den  Wikingern  übernommen  wurden  und  sich  so  unter  den 
nach  dem  Westen  ziehenden  Dänen  und  Norwegern  verbreiteten,  mit 
ihnen  weiterwanderten,  aber  wahrscheinlich  nicht  zurück  ins  Mutter- 
land; wenigstens  haben  sie  dort  nicht  festen  Fuß  gefasst.  Dänemark 
weiß  gar  nichts  von  den  Sagen  der  Vplsungar  und  von  Volundr.  Nach 
Norwegen  gelangten  sie  allerdings  späterhin,  aber  von  Island  aus. 
Für  diesen  Gang  der  Ereignisse  spricht  auch  das  Bekanntwerden 
der  Sagen  von  den  Nibelungen  in  Irland  durch  die  Wikinger  im  9. 
oder  in  der  ersten  Hälfte  des  10.  Jahrhunderts,  welches  von  Zimmer  ^) 
nachgewiesen  worden  ist.  Nur  ist  Zimmer  im  Unrecht,  wenn  er  an- 
nimmt, dies  sei  die  „zweite  Einwanderung"  der  Nibelungensage  im 
Norden.  Es  ist  vielmehr  die  erstmalige,  mit  der  deutschen 
Form  noch  ziemlich  übereinstimmende  Sagenentlehnung, 
die  von  späteren  nordischen  Zudichtungen  noch  frei  war, 
wie  ich  dies  bereits  in  meiner  Schrift  ausgeführt  habe.  Eine  Spur 
davon,  daß  die  Sage  von  den  Wikingern  übernommen  wurde,  sehe 
ich  auch  in  Atlamäl  95 — 6,  wo  Gudrun  von  Heerzügen  zur  See  spricht, 
die  sie  mit  Sigurd  unternahm.  Darin  prägen  sich  die  Zustände  der 
Zeit  der  Entlehnung  ab.  Irland  im  9.  oder  10.  Jahrhundert  bildet 
also  eine  Station  der  mit  den  Westfahrern  nach  Island  wandernden 
Nibelungensage.  Man  wird  dieser  unserer  Ansicht  wohl  kaum  ent- 
gegenhalten, daß  die  Normandie  vornehmlich  von  Dänen  besiedelt 
wurde  und  daß  die  dort  Anlandenden  auch  dort  blieben.  Denn  es 
ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  dieses  oder  jenes  Wikingschiff,  nachdem 
es  an  der  normannischen  Küste  angelaufen  war,  nicht  später  wieder 
weiterfuhr.  Und  ein  einzelnes  Schiff,  ja  ein  einzelner  Mann  genügt, 
um  die  Sage  weiter  zu  tragen;  nicht  die  Masse  gibt  in  solchen  Dingen 
den  Ausschlag.    Der  Zug  der  Schiffe  ging  durch  den  Canal,  die  Straße 


')  Ztschr.  f.  d.  Alt.  32,  p.  289—328. 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  477 

von  Calais  der  Nordküste  Frankreichs,  der  Südküste  Englands  ent- 
lang, dann  nordwärts  nach  Irland,  von  wo  aus  der  Verkehr  mit  Island 
ein  äußerst  lebhafter  ist').  Wohl  aber  macht  der  Umstand,  daß  in 
der  Normandie  vornehmlich  Dänen  anliefen,  es  um  so  wahrschein- 
licher, daß  unsere  Sage  nicht  nach  Norwegen  und  von  hier  aus  nach 
Island  kam,  sondern  von  Frankreich  geradewegs  über  Irland  nach 
Island. 

Die  Geschichte  der  Wielandsage,  der  Nibelungensage,  des  Wal- 
thari  und  einzelner  Theile  der  Dietrichsage,  also  ein  beträchtlicher 
Theil  der  Heldensage  lässt  sich  demnach  folgendermaßen  bestimmen  : 
die  Sagen  sind  im  6.  Jahrhundert  unter  den  Franken  in  Frankreich 
entstanden  '■*).  Sie  bestehen  aus  epischen  Liedern,  in  welchen  das  my- 
thische Element  völlig  in  den  Hintergrund  tritt').  Auch  die  Sage 
von  Sigfred  ist  eine  fränkische  Dichtung,  welche  mit  der  vom  Unter- 
gange der  Burgunden  in  Zusammenhang  gebracht  wurde.  Im  7.  Jahr- 
hundert ist  die  Sage  zu  den  Angelsachsen  gekommen.  Im  8.  oder  9. 
wanderte  sie  nach  dem  südlichen  Deutschland.  Das  fränkisch  -  ala- 
mannische  Main -Neckargebiet  war  die  Sti-aße,  auf  welcher  die  Aus- 
wanderung stattfand.  Da  die  Nibelungensage  im  zweiten  Theile  sich 
mit  den  Ereignissen  am  hunnischen  Hofe  beschäftigt,  so  liegt  es  nahe, 
hier  Ausführungen  zu  erkennen ,  die  in  den  süddeutschen  Gebieten 
zum  Theile  neu  hinzutraten.  Die  Hunneneinfälle  waren  ja  immer  noch 
das  Tagesereigniss,  und  daher  fiel  ein  entschiedenes  Gewicht  auf  die 
breite  Darstellung  dieses  Theiles,  dem  gegenüber  der  erste  Theil,  der 
auf  fränkisch -burgundischem  Boden  spielte  und  dort  darum  auch  im 
Mittelpunkt  des  Interesses  stand,  etwas  vernachlässigt  wurde.  Im 
10.  Jahrhundert  lassen  sich  lateinische  Bearbeitungen  der  Walthari- 
und  Nibelungensage  nachweisen,  was  eine  vorhergehende  deutsche  vor- 
aussetzt. Die  Einwanderung  der  Sagen  in  Süddeutschland  fand  aber 
nicht  statt,  ehe  auch  die  Elemente  neuer  christlicher  Cultur  dort  ein- 
drangen. Wann  die  Sage  den  Weg  ins  niederdeutsche  Gebiet  fand, 
soll  später  ausgeführt  werden.  Man  könnte  an  das  Vorhandensein 
einer  von  der  süddeutschen  verschiedenen  niederdeutschen  oder  nord- 
deutschen Heldensage  denken,  welche  sich  von  der  nach  Süddeutsch- 
land wandernden  Sage  bereits  in  den  Rheingegenden  selbst  abzweigte, 


")  Steenstrup,  Normanneme  II,  p.  25/6. 

*)  Anders  Kluge  in  Gröbers  Grundriß  der  roman.  Phil.  I,  p.  393,  der  die  Salfranken 
die  (mythische?)  Sage  von  den  Nibelungen  in  die  neue  Heimat  mitbringen  läßt. 

')  Über  das  Wesen  des  Epos  im  Allgemeinen,  das  nicht  auf  alten  Göttermythen 
beruht,   richtige  Bemerkungen  bei  Pio  Kajna,  le  origini  dell'  epopea  franc.  p.  3 — 24. 


478  W.  GOLTHER 

oder  aber  überhaupt  selbständig  von  den  fränkischen  abstammt;  doch 
ist  eine  Rückwanderung  aus  Süddeutschland  im  11.  oder  12.  Jahr- 
hundert eher  wahrscheinlich.  Diese  angelsächsischen  und  deutschen 
Sagen  haben  den  überkommenen  Stoff  in  treuer  Weise  gewahrt,  was 
darin  begründet  ist,  daß  die  äußeren  Verhältnisse  und  die  herrschen- 
den geistigen  Strömungen  nicht  wesentlich  von  denen  der  Franken 
verschieden  sind.  Zumal  sind  alle  diese  Stämme  bekehrt, 
werden  also  durch  keine  Verschiedenheiten  im  religiösen 
Glauben,  durch  keine  heidnische  Dichtung  in  Versuchung 
geführt,  irgendwelche  gründliche  Neuerungen  und  Um- 
gestaltungen vorzunehmen.  Im  Allgemeinen  spielt  das  Christen- 
thum  zwar  nirgends  eine  Rolle,  aber  eben  dieser  negative  Zug,  der 
sich  im  Fernbleiben  des  Altheidnischen  äuüert,  kommt  entschieden 
zur  Geltung,  bereits  bei  Entstehung  der  fränkischen  Sage.  Ganz 
anders  aber  liegt  die  Sache  bei  den  Nordleuten.  Da  war 
eine  gewaltige  geistige  Bewegung,  eine  JJmwälzung  des 
alten  Heidenthums  zu  einem  neuen,  großartig  und  phan- 
tastisch angelegten  und  in  schönen  Bildern  ausgeführten, 
das  den  Übergang  zur  Bekehrung  im  10.  Jahrhundert  ver- 
mittelt. Es  ist  natürlich,  daß  hier  alles  aus  der  Fremde  Übernom- 
mene demselben  Strome  folgt  und  durchgreifende  Umgestaltungen  er- 
fährt. So  ist  die  nordische  Nibelungensage,  wie  auch  zum 
Theile  die  Wielandsage  eine  vollkommene  Neudichtung, 
in  der  das  Original  erst  bei  scharfer  Betrachtung  wieder- 
zuerkennen ist.  Aber  es  zeigt  sich  doch  deutlich,  wie  der  ganze 
schimmernde  Mythus  sich  Zug  um  Zug  angesetzt  hat.  Nimmermehr 
gestattet  dieser  einen  Rückschluss  auf  die  Sagengestalt  bei  den  übrigen 
germanischen  Stämmen,  bei  welchen  fast  keiner  von  den  Zügen  jemals 
vorhanden  war,  die  man  ihnen  in  so  großer  Masse  aufdrängt,  sobald 
man  die  nordische  Form  der  Sagen,  weil  noch  heidnisch,  als  älter 
und  echter  betrachtet,  als  die  angelsächsisch -deutsche,  und  die  letz- 
tere gar  aus  dieser  verhältnissmäßig  so  jungen  Neubildung  ableitet. 
Für  die  vergleichende  Sagengeschichte  wird  aber  auch  noch  ein  weiterer 
Umstand  von  Belang:  weder  die  deutsche  noch  die  nordische 
Form  der  Heldensage  erhalten  uns  Ursprüngliches;  beide 
sind  abgeleitet  von  der  verlorenen  fränkischen,  die  nur 
noch  in  vereinzelten  Nachklängen  des  altfranaösischen  Nationalepos 
in  ihrer  alten  Heimat  weiterlebt.  Man  darf  also  bei  einer  Ver- 
gleichung  zwischen  nordischer  und  deutscher  Form  beide 
nicht    in    unmittelbaren    Zusammenhang    bringen,    als    ob 


DIE  WIELANDSAGE  etc.  479 

die  eine  aus  der  anderen  geflossen  wäre.  Vielmehr  ist  immer 
auf  die  den  beiden  vorausliegenden  gemeinsamen  fränkischen  Quellen  ^) 
Rücksicht  zu  nehmen,  in  welchen  die  vielleicht  durch  beiderseitige 
Abweichung  entstandenen  kleineren  Verschiedeoheiten  der  ältesten 
nordischen  und  deutschen  Sagengestalt  gewiss  ohne  Rest  aufgehen 
würden.  Dieser  so  gewonnene  Standpunkt  wird  zu  einer  freieren  und 
richtigeren  Einsicht  in  die  Geschichte  der  deutschen  Heldensage  ver- 
helfen. 

Die  Wanderung  der  Sage  läßt  sich  schematisch  darstellen.  Dazu 
bemerke  ich,  daß  die  fränkische  Sage  X  mehrere  Bearbeitungen,  mög- 
licherweise sogar  Parallelberichte  umfasst,  die  aber  nicht  mehr  von 
einander  zu  scheiden  sind.  Es  soll  hier  nur  darauf  hingewiesen  werden, 
daß  nicht  aus  einem  und  demselben  Original  die  ags. ,  ds.  und  nds. 
Sage  hervorgingen,  vielmehr  vielleicht  aus  verschiedenen,  zeitlich  aus 
einander  liegenden  Bearbeitungen,  die  aber  im  Folgenden  nicht  be- 
sonders kenntlich  gemacht  werden.  X  =  eine  Reihe  epischer  Gedichte 
von  den  Nibelungen,  Wieland  dem  Schmied,  Walthari  und  Dietrich, 
entstanden  unter  den  Franken  im  6.  oder  7.  Jahrhundert.  Y  =  eine 
besondere  Abzweigung  der  fränkischen  Sage,  aus  welcher  die  süd- 
deutsche Sage  hervorging.  I,  II,  III  die  Formen  der  fränkischen  Nibe- 
lungensage, welche  sie  auf  Island  annahm,  I  die  älteste,  mit  der 
deutschen  übereinstimmende,  II  und  III  die  jüngeren,  durch  nordische 
Neubildungen  umgestalteten  Formen^).  Dan.  Lied  =  dänisches  Lied 
vom  Untergang  der  Nibelunge,  erhalten  in  Fragmenten  und  in  dem 
faeröischen  Hogni^).  Bemerkens werth  ist,  daß  in  Norwegen  die  Sagen 
wieder  zusammenstoßen,  aber  in  durchgreifend  veränderter  Form,  die 


')  Es  gibt  mehrere  Fälle,  in  welchen  deutlich  zu  Tage  tritt,  daß  weder  im 
Nordischen  noch  im  Deutschen  der  alte  Stand  der  fränkischen  Sage  richtig  gewahrt 
wurde.  So  lassen  sich  z.  B.  die  Namen  des  burgundischen  Königsgeschlechtes  wieder- 
herstellen ,  die  nach  germanischem  Grundsatze  durch  Stabreim  gebunden  waren : 
Gibica,  Grimhild,  die  Kinder  Gunthari,  Guntrün,  Gislahari,  Gundomar;  Hagano  ge- 
sellte sich  ihnen  vielleicht  als  Stiefbruder.  Die  nordische  Sage  hat  Gislahari  verloren ; 
Gutthormr  ist  nicht  etwa  lautlich  aus  Gundomar  entstanden ,  sondern  ein  dafür  ein- 
gesetzter nordischer  Name,  durch  annähernden  Gleichklang  an  Stelle  des  fremdartigen 
überkommenen  herangezogen.  Dagegen  hat  die  deutsche  Sage  im  Nibelungenliede  die 
Namen  arg  vernachlässigt;  Godomar  und  Guntrün,  sowie  Gibeche  sind  in  Wegfall 
gekommen  und  durch  neue  bedeutungslose  Namen  ersetzt;  Grimhild  trat  für  den 
Namen  Guntrün  ein,  Gernot  für  Gundomar. 

'^)  Vgl.  zu  dieser  Anordnung    meine  Schrift  über  die  Nibelungensage  p.  487  ff. 

^)  In  Bezug  auf  die  Auffassung  des  dänischen  Liedes  verweise  ich  auf  einen 
im  nächsten  Hefte  der  Zeitschrift  für  vergl.  Litteraturgeschichte  erscheinenden  Auf- 
satz über  die  nordischen  Sigurdslieder  (Bd.  II,  20ö). 


480 


ED.  DAMKÖHLER,  ADER  =  ABER. 


aus  Island  stammende  nordische  Nibelungen -Volundsage   und  die  aus 
Niederdeutschland  übernommene  I^idrekssaga. 


X  (6./7.  Jh.  fränkisch. 


ags.  (7./8.  Jh.) 


südds.  Spielmanns- 
lieder 11./12.  Jh.) 

I 


y     (deutsche  Sage  im 
I     8./9.  Jh.  lat.  Gedicht) 
y'   (10/11.  Jh.  erweitert.) 

nordds.  Spielmanns- 
lieder H./12.  Jh.) 


isländ.    I  (9.  Jh.) 

1 

II  (11./12.  Jh.) 

III  (13.  Jh.) 


hürnen  Seifrid 

MÜNCHEN,  November  1888 


Nibelungenlied        Dan.  Lied. 
(12./13.  Jh.) 


pidrekssaga 
(13.  Jh.  1250.) 


III  a   Volsungasaga 
(13.' Jh.  2.  Hälfie.) 

W.  GOLTHER. 


ADER  =  ABER. 


ader  in  der  Bedeutung  'aber*  führt  Gr.  Wb.  auf  mit  dem  Be- 
merken, daß  dasselbe  noch  beute  unter  dem  Volke  gebräuchlich  sei. 
Nach  Lexer,  mhd.  Wb.  I,  21  kommt  ader  in  oberlausitzischen  Ur- 
kunden öfter  vor.  Die  Braunschweigischen  Schulordnungen  von  den 
ältesten  Zeiten  bis  zum  Jahre  1828,  von  Koldewey,  Bd.  I  haben  in 
dem  vom  Verfasser  Medier  eigenhändig  in  hd.  Sprache  nieder- 
geschriebenen Entwürfe  dreimal  ader  für  'aber'.  Medier  stammte  aber 
aus  Hof  im  Vogtlande.  Ferner  finde  ich  ader  in  einer  Urkunde  des 
Erzbischofs  Ernst  zu  Magdeburg  vom  Jahre  1513  bei  Jacobs,  Ilsen- 
burger  Urkundenbuch  Nr.  511:  vor  unserm  official  zcu  Halberstadt 
rechtlich  austragen,  wu  ader  nicht,  uns  gelegenheit  des  handeis  zcu 
verstehen  geben. 

BLANKENBURG  a.  H.  ED.  DAMKÖHLER. 


K.  STEIFF,  MITTHEILUNGEN  A.  D.  KÖN.  UNIV.-BIBLIOTHEK  TÜBINGEN.     481 

MITTHEILUNGEN  AUS  DER  KÖN.  UNIVERSI- 
TÄTSBIBLIOTHEK TÜBINGEN. 


Schon  mehrmals  sind  in  dieser  Zeitschrift  Nachträge  zu  E.  Wellers 
Repertorium  typographicum  veröffentlicht  worden  ').  Wir  geben  darum 
hier  einige  weitere,  berücksichtigen  aber  dabei  nur  solche  Drucke 
deutscher  Texte  aus  den  Jahren  1500 — 1526,  welche  auch  in  Panzers 
Annalen  der  älteren  deutschen  Litteratur  und  in  T.  0.  Weigels  The- 
saurus libellorum  historiam  reformationis  illustrantium  (und  Supplement) 
vergebens  gesucht  werden  —  somit  als  große  Seltenheiten  gelten 
dürfen.  Wenn  einige  wenige  beigefügt  sind,  welche  sich  schon  in  der 
einen  oder  anderen  der  genannten  Bibliographien  aufgeführt  finden, 
so  sind  dies  nur  solche,  welche  dort  entweder  gar  nicht  oder  so  ab- 
weichend beschrieben  werden ,  daß  die  Identität  wirklich  zweifel- 
haft ist. 

Die  Mittheilungen  gründen  sich  (mit  zwei  Ausnahmen)  auf 
Drucke,  welche  die  kön.  Universitätsbibliothek  Tübingen  besitzt. 
Fast  die  Hälfte  der  folgenden  Nummern  (nämlich  Nr.  1.  3.  6.  7.  8. 
9.  11.  19)  sind  Einblattdrucke  (bezw.  Bruchstücke),  die  auf  der 
Innenseite  alter  Einbanddecken  gefunden  wurden  —  ein  neuer  Beleg, 
wie  manche  Schätze  hier  noch  zu  heben  sind,  und  zwar  Schätze 
nicht  bloß  in  bibliographischem  Sinne.  Auch  unter  den  unten  folgen- 
den Nummern  sind  mehrere,  die  ein  weitergehendes  Interesse  haben, 
und  auf  diese  werden  wir  unter  II — IV  noch  näher  eingehen. 

I. 

Nachträge    zu    E.    Wellers    Repertorium    typographicum"). 

1.  (Spruch,  wie  man  sich  in  der  Pestzeit  verhalten  soll.  c.  1500.) 
Wie  man  sich  halten  soll  |  so  die  pestilencz  regnieret.  Beginnt  links 
oben  zur  Seite  eines  Holzschnitts:  Ir  lieben  |  fründ  vn  j  gute  gej seilen. 
Endigt    am  Schluß    der  Seite:    An    der   kein  hiiff  nie  ward  gespart. 

o.  O.  u.  J.  (c.  1500,  vielleicht  noch  etwas  früher.)  Folioblatt 
mit  Holzschnitt:    Leichnam  Christi   von  einem  Engel  gehalten.     Zwei 


')  Vgl.  Bd.  25,  S.  420,  Bd.  28,  S.  251,  Bd.  29,  S.  407. 

')  Wir  glauben  uns  bei  der  folgenden  bibliographischen  Beschreibung  der 
Drucke  mit  Rücksicht  auf  den  Charakter  dieser  Zeitschrift  auf  das  Nothwendigste 
beschränken  zu  sollen. 

GEKMANIA.     Neue  Reihe.  XXI.  (XXXIU.)  Jahrg.  31 


432  K,  STEIFF 

Spalten  mit  61  Zeilen  in  der  vollen  Spalte.  —  In  Tübingen.   (S.  unten 
unter  Nr.  II.) 

2.  (Ave  Maria,  c.  1500.)  Ain  aue  mai'ia  mit  ai  [fett]  \  ue  curß 
durch  die  bibel  wie  maria  durch  |  vil  figuren  der  alten  Ee  gefiguriert 
ist  I  Beginnt  Bl.  2*:  Aue  [fett]  ich  griesz  dich  du  iunckfrow  rein] 
Endigt  Bl.  8*  p.  med.:  Sey  lob  vnd  eer  ewigklich  amen  |  Gredruckt 
zu  Tüwingen. 

o.  J.  (bei  Joh.  Otmar,  c.  1500,  genauer  1498  —  1501.)  Kl.  8». 
8  Bl.  mit  Titelholzschnitt,  die  h.  Familie  im  Stalle  zu  Betlehem  dar- 
stellend. —  Vgl.  über  dieses  anscheinend  noch  ganz  unbekannte 
Ave  Maria  des  Unterzeichneten  Ersten  Buchdruck  in  Tübingen,  Tüb. 
1881,  S.  73  f.  —  In  Stuttgart. 

3.  (Brief,  den  Gott  selbst  geschrieben,  c.  1500.)  Das 
ist  die  abschrifft  vo  dem  brieff  de  got  selber  geschriebe  hat  [fett]  \ 
Beginnt  unmittelbar  darunter:  '^  Ich  warer  Jesus  cristus  gottes 
sün  Amen.  Hie  hebet  |  sich  an  u.  s.  w.  Endigt  Zeile  51:  |  warer 
Jesus  cristüs.  Amen.    S  Getruckt  zu  Straßburg. 

o.  J.  (c.  1500.)  Folioblatt  mit  Holzschnitt,  oben  zur  linken  Seite 
des  Textes,  den  Erzengel  Michael  darstellend,  wie  er  den  Drachen 
tödtet.  —  In  Tübingen. 

4.  (Emser,  Deutsche  Satyra  auf  den  Ehebruch,  c.  1505.) 
Eyn  deutsche  Satyra  vnd  straffe  des  [fett]  |  Ebruchs,  vnd  in  was 
wurden  vnd  eren  der  Eelich  stand  |  vortzeiten  gehalten,  mit  Erclerung 
vil  schöner  historien.  |  Emser  [fett]  |  Beginnt  mit  einem  undatirten 
Widmungsschreiben  Bl.  A  ij":  Der  durchluchtigen  Hochgeborn  Fürstin 
vnd  frauen  fraujen  Barbara  u.  s.  w.  Endigt  Bl.  B  5''  in:  Mas  gehört 
forwar,  tzu  allen  dingen/  |  Darunter  das  Schöffer'sche  Druckerzeichen. 

0.  O.  u.  J.  (Mainz,  Joh.  Schöffer  c.  1505.)  4".  12B1.,  letztes  leer. 
Mit  Holzschnitt  unter  dem  Titel  und  auf  der  Rückseite  desselben. 
Anderer  Druck  als  der  von  Panzer],  Zusätze  561  c.  aufgeführte  von 
1505;  auch  Gödeke,  Grundriß  2.  A.  II.  S.  225  unbekannt. 

5.  (Practica.  1506.)  Practica  Johänis  [fett]  \  hugonis  Cöfluetij, 
vff  das  Fünffzehüdertst  vn.  vj.  |  jare  in  der  lobliche  vniuersitet  Kra- 
ckaw  practicirt  |  Jupiter  mit  hilff  Ueneris.  [fett]  \ 

8".  mit  Titelholzschnitt,  Jupiter  mit  dem  Viergespann,  Venus 
mit  dem  Zweigespann  darstellend;  darunter  noch  vier  Zeilen  Text. 
Nur  das  Titelblatt  noch  vorhanden.  —  In  Tübingen. 

6.  (Gebet  an  Maria,  c.  1510.)  Wer  das  nach  geschryben 
gebet  spricht,  So  man  das  Aue  |  maria  leüttet,  erlangt  von  de  Bapst 


MITTHEILUNGEN  AUS  DER  KÖN.  UNIV.- BIBLIOTHEK  TÜBINGEN.     483 

Julio  .  Ixxx  .  tusent  jar  |  Ablaß,  auff  ain  yegklichs  stücklin  gehört 
ain  Aue  raaria.  Beginnt:  0  du  aller  erwürdigeste  kingin  d'  barm- 
her-|tzigkait  u.  s.  w.  Endigt  Zeile  41:  |  hymelsch  Jerusalem  Amen, 
o.  O.  u.  J.  (c.  1510.)  Folioblatt  mit  Holzschnitt  oben  zur  linken 
Seite  des  Textes,  die  Himmelskönigin  mit  dem  Kinde  darstellend.  — 
In  Tübingen. 

7.  (Ablaßbrief  Papst  Julius  U.  zum  Zwecke  der  Auslösung 
einer  von  den  Arabern  gefangen  gehaltenen  spanischen  Familie,  c.  1511.) 
W  [groß  u.  fett]  Ir  Julius  der  Ander  [fett]  \  Vß  götlicher  gnad  vnd 
fursichtigkeit  Christi  menschlichs  'geschlechts  erlöser  vnd  behalter: 
Vicar  |  Verweser  u.  s.  w.  Endigt  Zeile  22:  |  Fyertzig  tag  Ablaß  dar 
zu  geben  vnd  auch  geben  werden. 

o.  O.  u.  J.  (1511.)  Querfolioblatt.  Über  dem  Text  sechs  kleine 
Holzschnitte.  Vgl.  Weller  662.  —  In  Tübingen. 

8.  (Gebet  Papst  Sixtus  IV.  1511—16.)  ^  Diß  ist  das  war 
gebet  das  Sixtus  der  vierd  bapst  gemacht  hat,  zu  der  aller  wirdigste 
iangfrawe  Maria,  dar  in  er  erkät  hat  ir  reine  vnd  vnbeflecte  |  em- 
pfengnüß  u.  s.  w.  Ende  Zeile  6:  |  für  mich  Jesumdeinen  sun,  vnd 
erlöß  mich  von  allem  übel.  AMEN.    Gedruckt  zu  Tübingen. 

o.  J.  (bei  Th.  Anshelm,  der  in  Tübingen  von  1511 — 16  druckte). 
Folioblatt  mit  großem  Holzschnitt  über  dem  Gebet:  Maria  mit  dem 
Kinde  auf  dem  Halbmonde  und  von  einem  Strahlenkranze  umgeben, 
unten  Jesajas  und  Maleachi  je  in  halber  Figur.  Vgl.  Centralblatt  für 
Bibliothekswesen  IV,  1887,  S.  55.  —  In  München. 

9.  (Practica.  1518.)  Practica  deützsch  meyster  Hansen  Vir-  [fett]  j 
düng  von  Haßfurt  vff  das  .  M  .  ccccc  .  x  viij .  Jaer,  gemacht  zu  Eren  | 
dem  durchleüchtigen  Hochgeporn  Fürsten  vnd  hern.  herren  Ludt-| 
wigen.  Pfaltzgrauen  hey  Rheyn.  Hertzogen  jn  Bayern  des  heyli|gen 
Romischen  Reichs  Ertzdruchsessen  vnd  Chüfürsten. 

4".  Unter  dem  Titel  ein  Holzschnitt,  Mars  und  Saturn  darstellend. 
Näher  kann  der  Druck  nicht  beschrieben  werden,  da  von  dem  vor- 
liegenden Exemplar  —  in  Tübingen  —  nur  noch  zwei  Blätter  vor- 
handen sind  (Titelblatt  und  Blatt  C). 

10.  (Die  Wahl  Karls  V.  betreffend.  1519.)  S  Von  der  Chür 
vnnd  Wal  des  großmächtigisten  |  Königs  Karolum  [sic]^  wie  Er  yetz 
zu  Franckfurt  ver-|schinen,  zii  romischem  K6nig  vnd  künfftige  Kayser  1 
erwölt  ist  worden,  mitsambt  den  Sendtbrieffen,  so  ]  vö  bäbstlicher 
hailigkeit  an  die  schweytzer  geschickt  |  sint,  auch  vö  den  Schwey- 
tzern  an  den  babst  u.  s.  w.  Rückseite:    (^Impressum  cum  priuilegio 

31* 


484  ^    STEIFF 

u.  s.  w.  Beginn  Bl.  A  ij*:  D  [Zierinüiale]  Em  allerdurchleüchtigste, 
großme|chtigsten  fürsten  u.  s.  w.  Ende  Bl.  E  4'  s.  med. :  ^Gedruckt 
vn  vollenndt  in  der  Fürstlichen  Statt  |  München  durch  Hannssen 
Schobsser  büch|trucker,  jn  kostumb  des  erbern  hannssen  Halsel- 
bergs . . .  I .  .  jm  Tausendt  Fünffhüdert  vn  |  Neüntzehenden  jar.  Des 
zwaintzigiste  tags  |  Septembris. 

4P.  18  Bl.  Titelholzschnitt.  Kaiser  Karl  V.  mit  Insignien.  An- 
derer Druck  als  Weller  1178.  —  In  Tübingen. 

11.  (Lied:  Maria  zart  von  edler  Art.  c.  1520.)  [Ein  L]ob- 
gesang  vö  der  iunckfrawen  Maria  [mit  Noten].  Dies  über  einem  Holz- 
schnitt, unter  demselben:  M  [große  Initiale]  Aria  zart  von  edler  art, 
ein  roß  on  alle  doren,  Du  hast  uß  macht  herwider  bracht,  das  vor 
lang  was  verloren,  |  u.  s.  w.  Endigt  Zeile  10:  |  ...  hie  vnd  dort 
mein  leben 

o.  O.  u.  J.  (c.  1520.)  Folioblatt.  Der  Holzschnitt  trägt  das  Mono- 
gramm des  ürsus  Graf  und  stellt  Maria  mit  dem  säugenden  Kinde 
auf  einer  Bank  an  der  Stadtmauer  sitzend  (im  Hintergrunde  die  Stadt) 
dar;  bisher  noch  nicht  bekannt.  Rechts  und  links  davon  und  wohl 
auch  zwischen  dem  Holzschnitte  und  dem  Marienliede  waren  Noten, 
die  aber  im  vorliegenden  Exemplare  sammt  einem  Theile  der  Über- 
schrift (s.  o.)  weggeschnitten  sind.  —  In  Tübingen.  (S.  unten  unter 
Nr.  HI). 

12.  (Argula  v.  Stauff,  Christliche  Schrift.  1523.)  Ein 
Christennliche  schrifft  [fett]  \  einer  erbaru  frawe  vom  Adel,  darin  \ 
sie  alle  Christenliche  stendt  vnd  obri-  |  keiten  ermant,  Bey  der  war- 
heit  vnd  (  dem  wort  gottes  züpleiben,  vn  solchs  (  aus  Christlicher 
pflicht  zum  ernstj liebsten  zu  handthaben.  |  Argula  Staufferin.  [fett]  i 
M.D.XXiij  [fett]  \  Actuum.  iiij.  |  Richtent  jr  selb  u.  s.  w.  Beginnt 
Bl.  a  ij*:  Dem  Durchleuchtigen  hochge-|borenn  u.  s.  w.  Endigt  Bl.  6* 
fin.:  Argula  von  Grunbach  |  ein  geborne  vö  Stauff. 

o.  O.  4".  6  Bl.  Mit  Titeleinfassung.  Andere  Ausgabe  als  Weller 
2699.  Vgl.  Panzer  II.  1886.  -  In  Tübingen. 

13.  (Jac.  Strauß,  Wider  den  Wucher.  1523.)  C^^aubtstuck 
vnd  1  Artyckel  Christen-  [fett]  \  lieber  leer  widder  den  vnchryste- 
lyche  wuecher,  darumb  et-]lich  Pfaffen  tzu  Eyssejnach  so  gar  vn- 
ruwig  I  vnd  bemuhet  (  synt.  |  Laß  her  gehe  Chri-|8tus  lebt  noch,  j 
D.  Jacobus  Stranß  [sie]  zu  ]  Eyssenach  Ecclesiastes.  |  M.D. XXIII. 
Beginnt  Bl.  2*:  Jhesus.  |  i  Gottes  gebott  sind  al  vnuberwintlich 
u.  s.  w.  Endigt  Bl.  4*  s,  fin.:  Geprediget  zu  Eyssenach  durch  |  D. 
Jacob  Strauß  etc.  xxiii. 


MITTHEILUNGEN  AUS  DER  KÖN.  UNIV.- BIBLIOTHEK  TÜBINGEN.     485 

o.  O.  4°.  4  Bl.,  letztes  leer.  Mit  Titeleinfassung.  Andere  Ausgabe 
als  die  bei  Panzer  IL   1995.  1996  aufgeführten.   —  In  Tübingen. 

14.  (Beschwer  dendesAdels.  1523.)  Anbringen  der  Grauen  [fett]  \ 
Herren,  gemeyner  Ritterschafft  vnnd  |  andrer  Key.  Maiestat  Stathalter 
vnd  I  den  Reichs  stenden,  Szo  [sie]  ym  xxiij.  yar  |  zu  Nurmberg  ver- 
samelt  gewest  vber-[antworr  [sie]  worden.  |  Zum  ersten  des  Adels 
besch werde,  wid'jder  [sie]  Forsten  vnd  hohe  öbrigkeyt.  L.  24:  Zum 
Newnden  beschwerung  von  de  |  Geystlichen  ym  Römischtn  [sie]  Reych. 
Beginn  Rückseite:  D  [Zierinitiale]  Vrleuchtigster  hochgeborner  fürst 
Key-! serlicher  u.  s.  w.  Ende  Bl.  E  3*  s.  fin. :  Etlich  von  Grauen, 
herrn  |  vnd  der  Ritterschafft  etc. 

o.  O.  u.  J.  (1523.)  40.  20  BL,  letztes  leer.  Titelrandleisten. 
Schlechter  Druck.  —  In  Tübingen. 

15.  (Päpstliche  Botschaft  an  den  Reichstag  zu  Nürn- 
berg undAntwort  derStände.  1523.)  Anbrenghen  vnde  wer  [fett]  \ 
uynghe  der  Bawstlike  bödeschop,  ny  1  gel  ick  an  Reyserlick  [sie]  maie- 
stadt  Stadt] holder,  dar  tho  Chorforsten  Forsten  |  vnde  stende  des  hil- 
ligen Rycks  1  tho  Nurnberch  gescheen,  den  |  Turcken,  vnde  Doctor 
Lu|thern  belanghende  vnde  |  ...  |  ...  |  ...  |  darvp  gegeuen  |  ant- 
wordt.  I  M.D.xxiii.  [fett]  |  Beginnt  Bl.  2°':  Anbrenghen  vnde  wer- 
binghe  der  pawstliken  bodeschap  |  u.  s.  w.  Endigt  Bl.  1^  p.  in.: 
Actum  Sabbato  post  octauas  Trium  regum. 

o.  O.  4".  8  Bl.,  letztes  leer.  Titelrandleiste.  Auf  der  Rückseite 
des  Titels  ein  Holzschnitt:  Hadrian  VI.    —  In  Tübingen. 

16.  (Diebolt  Peringer,  Sermon.  1524.)  Eyn  Sermon  gepre- 
diget vom  [fett]  I  Pawren  zu  Werdt,  bey  Nurmberg,  am  |  Sontag  vor 
Faßnacht,  vö  |  dem  freyen  willen  |  des  Menn-j sehen.  Beginn  t  Bl.  A  ij*: 
SEyttemal  alle  ding  geschehen,  [fett]  \  Endigt  Bl.  B  iij*'  med.:  |  Gott 
der  herr.  |  Amen. 

0.  O.  u.  J.  (1524.)  4«.  8  BL,  letztes  leer  (fehlt).  Titelholzschnitt, 
einen  Bauern  mit  einem  Dreschflegel  darstellend.  Vgl.  Weller  3094. 
Der  „Pawr  zu  Werdt"  ist  Diebolt  Peringer  oder  D.  Schuster  aus  Ulm; 
s.  über  ihn  Weyermann,  Neue  Nachrichten  von  Gelehrten  u.  s.  w. 
aus  Ulm,  1829  S.  388  f. 

17.  (Rechtfertigung  der  Reformation  in  Nürnberg.  1524.) 
Grund  vnd  [groß  u.  fett]  vrsach  ausz  der  haylige  schrifft  [fett]  wie 
vnd  warumb,  die  Erwirdigen  |  herren,  baider  Pfarrkirchen  S:  Se-;balt 
vnd  sant  Laurentzen  Probst  zu  |  Nurmberg,  Die  mißbreuch  bey  der  | 
hailigen  Messz,  Jartag,  Geweycht  |  Saltz,  vnd  wasser,  sampt  etlich- |en 
andern  Ceremonien    abge-|8telt   vnderlassen  vnnd  ge-|endert  habenn:  | 


486  K-  STEIFF 

Nurmberg  ]  Paulus.  2.  Corinth.  10.  |  C  Die  waffen  u.  s.  w.  Beginn, 
mit  einem  Brief  d.  d.  21  des  Weinmonats  1524,  Bl.  A  ij*:  A  [Zier- 
initiale]  Llen  vn  jeden  Christliche  [fett]  \  Personen  u.  s.  w.  Ende 
Bl.  K  iij"  med. :  A  M  E  N  |  Der  Fryd  Gottes  sey  mit  euch  allen.  | 

0.  O.  u.  J.  (1524.)  4°.  40  BL,  letztes  leer.  Titelrandleisten.  — 
In  Tübingen. 

18.  (Verraahnung  Landgraf  Philipps.  1525.)  Ein  Christ- 
[groß  u.  fett]  1  liehe  vormanunge,  Landt-|graff  Phlips  [sie]  von  Hes-| 
sen  etc.  An  den  Gar-'dian  zu  Marg-|burg  [sie]  .' .  \  Anno  Domini  | 
M.D.XX  V.  I  [groß  u.  fett].  Beginn  Bl.  A  ij'':  Philips  vö  Gots  [groß 
u.  fett]  1  gnaden  u.  s.  w.  [fett].  Ende  Bl.  A  4^  med.:  |...  abfallen, 
wolt  etc.  I     (^  Gedruckt  zu  Aldenburgk  durch  Gabriel  Kantz.  | 

4".  4  Bl.  Mit  Titeleinfassung.  Vgl.  Weller  3611.  —  In  Tübingen. 

19.  (Lied:  0  Her  re  Gott  dein  gött  lieh  Wort  u.  s.  w.  1526.) 
DISCANTVS  [darmiter  zwei  Reihen  Noten]  ALTVS  [wieder  zwei  Reihen 
Noten]  BASSVS  [ebenso]  TENOR  [ebenso,  zwischen  den  beiden  Notenreihen 
Beginn  des  ersten  Verses:]  O  Herre  Gott,  dein  göttlich  wort,  ist  lang 
verdunc  kelt  bliben.  [Darunter :]  Biß  durch  dein  gnadt,  vns  ist  gesadt, 
was  Paulus  hat  ge  schriben.  Vnd  andere  Apostel  mhe  [sie].  \  —  Nach 
den  Notenreihen  die  übrigen  Verse ;  Schluß:  |  ...  frölich  vnd  willig 
sterben.    |  M.D.XXVL  |  GOT  .  MIT  .  VNS.  |  A.  H.  Z.  W.  S.  V.  R.  ; 

o.  O.  Großes  Folioblatt.  Randleisten  (zwei  Säulen  mit  Orna- 
menten). —  In  Tübingen.  (S.  unten  unter  Nr.  IV.) 

20.  (Kaiserliches  Ausschreiben  eines  Reichstags  nach 
Speyer  d.  d.  Eßlingen  1.  Febr.  1526.)  Karl  von  gottes  gnaden 
E.  Römischer  Kayser,  zu  allen  zeitten  merer  des  Reichs,  jn  Ger-  | 
manien  ...  |  Beginnt:  Rsamer  lieber  Andechtiger.  Als  wir  jüngst 
auß  treffenlichen  obligenden  beschwerden  u.  s.  w.  Schließt  Z.  33:  | 
. . .  vnserer  Reiche  des  Römischen  im  Sibenden,  vnd  der  andern  aller 
im  aylfften  jaren. 

0.  O.  (1526.)  Querfolioblatt.  —  In  Tübingen  (das  Exemplar  unter- 
schrieben von  Erzherzog  Ferdinand  und  adressirt  an  den  Abt  des 
Gotteshauses  zu  Schaffhausen). 

IL 

Wie  man  sich  halten  soll  so  die  pestilencz  regnieret. 

Der  Spruch  mit  dieser  Überschrift,  von  welchem  wir  oben  im 
I.  Abschnitt  unter  Nr.  1  einen  Einblattdruck  verzeichnet  haben,  ist, 
so  viel  wir  haben  feststellen  können,  bisher  noch  nicht  bekannt. 
Es  dürfte  daher  gerechtfertigt  sein,    denselben  hier  zum  Abdruck  zu 


MITTHEILUNGEN  AUS  DER  KÖN.  UNIV.-BIBLIOTHEK  TÜBINGEN.     487 

bringen,  umsomehr,  als  der  genannte  Einblattdruck  vermöge  seiner 
Seltenheit  —  ist  ja  doch  bis  jetzt  nur  ein  Exemplar  nachgewiesen  — 
einer  Handschrift  fast  gleich  zu  achten  ist.  Auf  welche  specielle 
Gegend  von  Oberdeutschland  die  dialektischen  Eigenthümlichkeiten 
des  Spruches  hinweisen,  und  wer  demnach  etwa  als  Verfasser  des- 
selben zu  vermuthen  sein  mag,  dies  zu  entscheiden  müssen  wir  Be- 
rufeneren überlassen.  Nur  das  Eine  sei  bemerkt,  daß  der  Spruch  in- 
haltlich nicht  mit  den  Vorschriften  in  Heinrich  Steinhöwels  Regimen 
pestilentiae^)  übereinstimmt,  und  daß  somit  an  diesen  Ulmer  Arzt 
nicht  wohl  als  Verfasser  gedacht  werden  kann. 

Ir  lieben  fründ  vn  gute  gesellen 

Die   das  gern  habe  wolle 

Den  habe  ich  dise  dinge  zesamen  gelesenn. 

Wüstest  du  geren  wenn  pestilencze  solt  wese 
5   Machtu  doran  nemen  war 

wen  sich  das  wetter  verwandelt  gar 

Summerzyt  mit  nebel  vnd  ouch    regen 

Mit  dunckelheyt  vnd  ouch  mit  wegen '^) 

Vnd  so  wurm  sind  vnd  mucken  vil 
10  Vnd  so  das  gefügel  im  nest   nit  bliben  wil 

Vnd  dan  vil  leut  geschwer  hant 

Sie  sigend  wie  sy  wollen   genant 

Mit  grosser  hicze  vnd  ouch  houptwe. 

Dar  zu  nymm  war  vnd  fürbas   me 
15    So   denn   ouch   dick  fallend  die  stern 

Dann  so  regnieret  die  pestilencz  fast  gern. 

wann  wir  dann  ouch  solliche  zyt  hont 

So   sollent  wir  dann  des  sein   ermant 

Das  wir  nun  gott  den  herren  rüffend  an 
20  Durch   den  heiligen  herren  sant  sebastion 

Der  kan  vns  wol  an  gott  erwerben 

Das  niemant  doran  mag  ersterbenn. 

wilt    sunst  wol  bewaren   dich 

So  soltu  fliehe  stestiglich   [sic] 
25  Wemüt  soltu  schlahen  gancz  von  herczen 

Biß   frölich  vnd  such  lust  mit  scherczen 

Das   duncket  mich  gar  fast  ein  guter  radt. 

Des  nachtes  so   man  schlaflfen  gadt 

So   sol  man  beschliessen   die  kammern   sein 
30  Vnd  ein  guten  rouch  machen   darein 

Mit  weckolter   lorber  vnd  ouch  wermüt 

Das  ist  für  den  recht  bösen  lufft  gut. 


')  Mitgetheilt  von  Karl  Ehrle  im  Deutschen  Archiv  für  Geschichte  der  Medicin 
III,  1880,  S.  .357  fr.  u.  3f4  fif. 
•)  wehen. 


488  K.  STEIFF 

Auch   an  dem   morgen  frü  so  tu  es  geren. 
Darzu   so   soltu  neme  grubelnuß   keren 
35   Sefenboum  vnd  rautten  gelich  vil 
Zusammen  gemischet  ob   man  wil 
Vnd  dasselbig  ouch  nüchtern  niessen 
Auch  wölte   es   dich  denn  nit  verdrissen 
So   süde  dar  zu  in  clarem  weyn   salbey 
40  Lorberbletter  holder  soll  ouch  sein  dabey 
Treyackers   saltu   [sic]   ouch  thün  dar  zu 
Vnd  trincke  das  alles  nüchtern  frü. 
Du  solt  nit  gon  ausser  dem  hausse  dein 
Vntz   du   siebest  der  Hechten  sunnen  schin. 
45   Bruch  vast  essich  in  dyner  speyse 
Heiß  [?]  lüczel  dar  na  bistu  weyse 
Iß   dar  zu  brot  das  nit  sey  ze  alt 
Dein  speyse  sey  weder  ze  warm  noch  ze  kalt 
Ob  du  ouch  nach  wilpret  verlangen  hast 
50  Ist  es  Jung   ich  wer  dir  es  nit  vast 
Fleysch  gebraten  füget  dir  vil  baß 
Dann    gesottenes   fürwar  wiß   du  das 
Alles   obs  das  ist  dir  gar  schedelich 
On  boumnuß   die  soltu   esse   [sie]  frischlich 
55   was  vndäwig  vnd  hiczig  ist 

Das   brauch  gar  wenig  zu  aller  frist 
Halt  gar  gewonlichen  stülganck 
Güter  wein  sol  seyn  dein  tranck 
Mit  Wasser  gemischt  zu   sechstem  teyl. 
60  In  dyner  freyden  biß  nit  zu  geyl 
Vnd  lüg  das   du  das  nit  enlaust 
Zu  rechter  zyt  du  schlauflfen  gaust 
Alwegen  nach  dem  nachtmal. 
Nyeman  lenger  schlauffen  sol 
65  Denn  syben  stund  vnd  dar  nach  wachen, 
würde  es  sich  sunst  anders  machen 
Das  yemans  der  gebresten  an  kam 
Der  dann  wermüt  vnd  rauten  nem 
Vnd  die   mit  essich   wol  zerrib 
70  Der  gebrest  an  Im  nit  belyb 

Der  es  ze  stund  leyt  an  die  statt, 
wer  aber  des  nicht  en  hat 
Der  mag  senff  vnd   holder  stossen 
Dar  vff  zelegen  vnd  nit  vnder  wege  lassen. 
75   Noch  weyß   ich   ein  anderen  lyst 
Eins  nem  seynen   eigen  mist 
Vnd  schla  jnn   dar  vber  also  warm. 
Kumpt  es   dyr  vnder  den   lincken  arm 


MITTHEILUNGEN  AUS  DER  KÖN.  UNIV.-BIBLIOTHEK  TÜBINGEN.     489 

So   soltu  für  sich  bald  lassen  ^) 
80   Zwischen  dem   deinen  finger  vn   de  grossen 

Zu  der  milcz   ädern   on   erschrocken. 

würd  es   sich  aber  also  brocken 

Das   es   der  recht  arm   empfieng 

So   aderlauß  zu   der  lungen  gering 
85  Zwischen   den  zweyen  mitein ")   beyden. 

Noch  wil  ich   dich   eins   bescheyden 

kummet  es  zwischen  die  schultern  dir 

Schraffens   du   denn  nicht  enbir. 

wer  es   dir  aber  an   den  halß  kommen 
90   So   oderlaus  vff  beyden  dummen 

Zu  dem  houpt  dem  geblut. 

Lüg  yederman  das   er  sich  hüt 

Das  er  nit  schlauff  ee  er  lat. 

So   es   dir  by   dem  herczen  stat 
95   So   schlach  die  ädern  der  meren 

Soltu  by  dem  deinen  vinger  verseren 

Vnd  die  äderen   dar  neben. 

Bleybt  sy  dir  by  der  schäme  cleben 

Vflf  der  grossen  zehen  der  selben  seyten 
100   Die   du   schlahen   solt  bey  zeyten. 

Vnd  solt  gott  getruwen  wol 

Der  vns  alle  behüten  sol 

Vnd  seyn  liebe  müter  maria  zart 

An   der  kein  hilflf  nie  ward  gespart 

III. 
Maria  zart  von  edler  Art. 

Der  Text  dieses  Liedes  ist  in  neuerer  Zeit  öfter  veröffentliclit 
worden,  so  von  R.  Nyerup  in  Idunna  und  Hermode,  Jg.  1816,  S.  81 
(nach  einem  Drucke  des  16.  Jahrhunderts),  von  Ph.  M.  Körner  im 
Marianischen  Liederkranz  S.  250  ff.  (ebenfalls  nach  einem  Drucke 
des  16.  Jahrhunderts,  14  Strophen),  von  J.  Kehrein,  Katholische 
Kirchenlieder  II,  S.  25,  Nr.  391  (29  Str.)  und  endlich  von  Wacker- 
nagel, Kirchenlied  II,  S.  804,  Nr.  1036  (nach  einer  Münchener  Hand- 
schrift, 11  Str.).  Die  erste  Strophe  ist  außerdem  noch  in  manchen 
anderen  ähnlichen  Publicationen  gedruckt  (so  bei  Meister-Bäumker, 
das  katholisch-deutsche  Kirchenlied,  bei  Böhme,  Altdeutsches  Lieder- 
buch, bei  Hoffmann  von  Fallersleben,  Geschichte  des  deutschen  Kir- 
chenliedes). Aber  auch  nach  diesem  öfteren  Abdruck  des  Liedes  dürfte 


')  Zur  Ader  lassen. 
')  sc.  Fingern. 


490  K.  STEIPF 

dei'  üben  unter  I,  Nr.  11  aufgeführte  Einblattdruck  desselben,  ob- 
schon  er  nur  die  drei  ersten  Strophen  umfaßt,  Beachtung  verdienen. 
Denn  der  in  demselben  enthaltene  Text  zeigt  Abweichungen  von 
allen  bisher  bekannten  Texten.  Doch  genügt  es  wohl,  statt  die  Stro- 
phen selbst  mitzutheilen,  die  Abweichungen  von  dem  bei  Wackernagel 
a.  a.  0.  gegebenen  Texte  zu  verzeichnen.  Dabei  nehmen  wir  auch  die 
orthographischen  Varianten  auf,  so  daß  die  genaue  Reproduction  des 
gesammten  Textes  jederzeit  möglich  ist. 

Str.  1,  Z.  3  on  alle.  Z.  4  Du,  uß.  Z.  5  herwider  bracht.  Z.  6 
verloren.  Z.  7  Von  Adams  val.  Z.  8  wal.  Z.  9  sanct  Gabriel. 
Z.  11  meyn  sünd  vnd  chuld  [sie].  Z.  13  dhein  trost  nit  ist.  Z.  14 
wa  du  nit  bist.  Z.  15  barmhertzigkeit  erwerben.  Z.  16  letsten  end. 
Z.  17  bit,  wend. 

Str.  2,  Z.  2  du.  Z.  3  Altvätter.  Z.  4  vnd.  Z.  5  we  vnd  clag. 
Z.  6  hielt.  Z.  7  zu,  zeyt.  Z.  8  wünschten  sie  streyt.  Z.  9  auch 
das  des  himelsporten.  Z.  10  zerrisß  an  allen  orten.  Z.  11  kern. 
Z.  12  von  jn  nem.  Z.  13  ir  süntlich.  Z.  14  als.  Z.  15  jungkfrSw- 
lich  geboren.     Z.  16  ist.     Z.  17  zeit.     Z.  18  ein. 

Str.  3,  Z.  1  rein.  Z.  2  bist  allein.  Z.  3  vff.  Z.  4  Darumb. 
Z.  5  owig.  Z.  6  müter  zu  werde.  Z.  7  höchste  heil.  Z.  8  urteil. 
Z.  9  jüngsten,  würt.  Z.  11  O  edle.  Z.  12  Zuflucht.  Z.  13  ich  hab 
zu.  Z.  14  creütz  bist.  Z.  15  sanct  Johanne.  Z.  16  du.  Z.  17  solt 
seine  [sie], 

IV. 

Das   Lied:    „O    Herre   Gott,    dein    göttlich  Wort"    und  sein 

V  e  r  f  a  s  s  e  r. 

Der  oben  bei  I  unter  Nr.  19  aufgeführte  Druck  dieses  Liedes 
ist  älter  als  alle  bisher  bekannt  gewesenen  ^).  Denn  der  älteste  Druck, 
von  dem  man  bisher  gewußt  hat,  ist  der  im  Erfurter  „Enchiridion 
geystlicher  Gesenge  und  Psalmen"  von  1527,  aus  welchem  dasselbe 
sodann  in  das  von  Luther  besorgte  Kluge'sche  Gesangbuch  von  1529 
und  weiterhin  in  eine  ganze  Reihe  Gesangbücher  übergegangen  ist. 
Vergleichen  wir  unseren  Text  mit  den  in  diesen  ältesten  Drucken 
vorliegenden  Recensionen,  wie  sie  von  Wackernagel,  Kirchenlied  III, 
S.  123,  Nr.  163  (nach  dem  Erfurter  Enchiridion  von  1527  und  nach 
dem    von    1531)    sowie    von   Mützell,    Geistliche   Lieder    der   Evang. 


')  Er    ist    von    dem  Unterzeichneten    aus    dem    Einbände  eines  Exemplars  von 
Geisors  Opera  p.  III,  Basil.  1489  losgelöst  worden. 


MITTHEILUNGEN  AUS  DER  KÖN.  UNIV.-BIBLIOTHEK  TÜBINGEN.     491 


Kirche  I,  S.  58,  Nr.  43  (nach  Val.  Bapst's  Gesangbuch  von  1545) 
wiedergegeben  werden,  so  zeigt  derselbe  mannigfache  Abweichungen, 
die  sichtlich  den  Charakter  größerer  Ursprüuglichkeit  tragen.  Wir 
dürfen  daher  den  in  unserem  Drucke  vorliegenden  Text  wohl  als  den 
Originaltext  betrachten,  und  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  möchte 
es  angezeigt  sein,  ihn  vollständig  wiederzugeben^). 


0  Herre  Gott 
dein  gottlich  wort 
ist  lang  verdunckelt  bliben. 
Biß  durch  dein  gnadt, 
5   vns  ist  gesadt 

was   Paulus  hat  geschriben. 
Vnd  andere  Apostel  mhe, 
auß   deim  gütlichen  munde 
deß  dancken  dir 
10   mit  fleiß  das  wir 

erlebet  han   die  stunde. 

Das   eß   mitt  macht 

an  tag  ist  bracht, 

wie   clärlich   ist  vor  äugen, 
15  Ach  Gott  mein  herr, 

erbarm  dich  der, 

die  dein  itz  thun  verlange, 

Vn  achten  mer 

vff  menschen  1er, 
20   dan  dein  gotlich  gebothen, 

geh  ihn  verstandt, 

das   solcher  thandt 

jo   helff  auß  keynen   nothen. 

Wiltu  nun  fein 
25   gut  Christen   sein, 

so   müstu   erstlich   glauben, 

Setz   dein  vertraw, 

daruff  fest  baw, 

lieb  bringt  hoffnung  mit  raube, 
30   durch  Jesum   Christ, 

derß   alles  ist, 


dein   negsten  lieb  darneben, 
das  gwissen  frei 
reyn  hertz   darb  ei, 
35   wirt  keyn  cretur  dir  geben. 

Alleyn  herr   du 

müst  solichs  thu 

auß  ganz   lauttern  genaden, 

Wer  sich   des  trost, 
40   der  ist  erlöst, 

vnd  kann  ihm  niemandt  schaden, 

Ap   [sie]  weiten  gleich 

Babst,   Keyser,  reich 

dich  vnd  dein  wort  vertreiben 
45  ist  doch  ir  macht 

gen  dir  nichts   gacht, 

sie  müssens  lassen  bleiben. 

Hilff  herre  Gott 

in   diser  not, 

das   sich  die  thun  bekeren, 
50   Die  nichts  betrachtn, 

dein  wort  verachtn, 

vnd  w611ens  auch  nit  leren, 

sie  sprechen  schlecht, 
55   es  sei  nit  recht, 

vnd  habens  nie  gelesen, 

auch  nitt  gehört 

das   edel  wort, 

ists  nit  eyn  teufflisch   wesen. 

60  Ich  glaub  gantz  gar, 
das  es  sei  war, 


*)  Wir  bemerken,  daß  auch  die  beigefügte  Melodie  von  der  bisher  bekannten, 
bei  Koch,  Geschichte  des  Kirchenlieds,  3.  Aufl.  VIII,  S.  119  angedeuteten,  bei  Bäumker, 
das  katholische  deutsche  Kirchenlied  I,  S.  347,  Nr.  88  vollständig  mitgetheilten 
abweicht,  obwohl  diese  letztere  bereits  auch  im  Erfurter  Enchiridion  von  1527  vor- 
kommt. 


492 


K.  STEIFF 


was  Paulus  vns  thut  schreiben, 

Es  muß   ehe  gsche, 

das  als  verghe, 
65   dein  gottlichs  wort  soll  bleiben 
Inn  ewigkeyt, 

wer  es   schon  leyt 

vil  hart  verstockter  hertzen, 

kern   sich  nit  vmb, 
70  wie  wirt  am   drumb 

der  teuffei  mit  ihn  schertzen, 

Gott  ist  mein  herr, 

so  binn  ich   der, 

dem  sterben  kombt  zu  gute, 
75   durch  das   dunß   hast 

auß   aller  last 

erlöst  mit  deinem   blute, 

de(J  danck  ich  dir, 

drumb   wirstu  mir 


80  nach   deinr  verheyssung  geben, 
was   ich   dich  bitt, 
versagst  mir  nitt 
am  todt  vnd  auch  iin   leben. 

Herr  ich  hoff  ie, 
85   du  werdest  die 

in  keyner  not  verlassen, 

die  dein  wort  recht, 

alß  trewe  knecht, 

im  hertz  vnd  glauben  fassen, 
90   Gehst  ihn  bereyt 

die  seligkeyt '), 

vn  idst  sie  nit  verterben, 

O   herr  durch   dich 

bitt  ich  laß   mich 
95   frolich  vnd  willig  sterben. 


Außer  dieser  ältesten  Textrecension  ist  aber  noch  etwas  Anderes 
an  dem  in  Rede  stehenden  Drucke  unseres  Liedes  bemerkenswerth; 
das  ist  der  Schluß  des  Ganzen :  GOT  .  MIT  .  VNS.  A.  H.  Z.  W.  S. 
V.  ß.  Es  kann  kein  Zweifel  sein,  daß  hierin  der  Verfasser  sich  an- 
deutet, vielleicht  schon  in  dem:  „Gott  mit  uns"  als  seiner  Devise, 
sicher  aber  in  den  räthselhaften  Chiffern.  Theilweise,  aber  eben  nur 
theilweise,  sind  dieselben  auch  bisher  schon  bekannt  gewesen,  indem 
Georg  Serpilius  (Anmerkungen  über  P.  Sperati  Lied:  Es  ist  das 
Heyl  uns  kommen  her,  1707,  S.  37  und  Schriftraäßige  Prüfung  des 
Hohensteinischen  Gesangbuchs,  1710,  S.  497)  über  einem  Einzeldruck 
des  Liedes  die  Buchstaben  A.  H,  Z.  W.  gefunden  hatte.  Schon  Wacker- 
nagel a.  a.  0.  S.  124  bemerkt  dazu:  „das  könnte  A.  Herzog  zu 
Württemberg  heißen."  Der  Bearbeiter  der  dritten  Auflage  von  Kochs 
Geschichte  des  Kirchenliedes  aber,  R.  Lauxmann,  sucht  auf  Grund 
der  eben  angeführten  Chiflfern  in  einem  eigenen  Anhange  zu  Bd.  VIII 
(unter  dem  Titel:  „O  Herre  Gott,  dein  gottlichs  Wort.  Eine  hymno- 
logische  Studie  zur  württembergischen  Geschichte")  den  Nachweis  zu 
liefern,  daß  Ulrich  Herzog  zu  Württemberg  und  kein  Anderer  der 
Dichter  unseres  Reformationsliedes  sei'').  Auf  die  näheren  Ausfüh- 
rungen Lauxmanns    brauchen    wir    hier    nicht    einzugehen;    doch    ist 


')  Druck :  aeligkeyr. 

')  Früher  galt  mehrfach,  jedoch  mit  Unrecht,  Paul  Speratus  für  den  Dichter 
des  Liedes,  das  seiner  im  Übrigen  recht  wohl  würdig  wäre;  vgl.  hierüber  Cosack, 
Paul  Speratus'  Leben  und  Lieder,  1861,  S.  267.  335. 


MITTHEFLUNGEN  AUS  DER  KÖN.  UNIV.-BIBLIOTHEK  TÜBINGEN.     493 

klar,  daß  schon  nach  der  bisherigen  Lage  der  Sache  der  erste  Buch- 
stabe   (A  statt  U)    wirkliche  Schwierigkeit    bietet.    Es   ist    doch    eine 
gar  zu  künstliche  Erklärung,    wenn    man    mit  Lauxmann    darin   eine 
weitere  Verhüllung    des    fürstlichen  Dichters    erblicken    oder  aber  an 
Autor,    bezw.  Alaricus    dabei    denken    will.    Viel   eher  ginge  es  noch 
an,    die  Schwierigkeit    damit    zu  lösen,    daß    durch    ein  Versehen  in 
der  Druckerei    aus    dem  U    des  Manuscriptes    ein  A    geworden    sei. 
Nachdem    nun    aber    mit    dem    ältesten  Drucke    des  Liedes  auch  die 
vollständigere  Chiffernreihe:    A.  H.  Z.  W.  S.  V.  R.    zum  Vorscheine 
gekommen,    ist  jener  Hypothese    der  ganze  Boden,    auf  dem  sie  auf- 
gebaut   worden    ist,    entzogen.     Schon   das   „Gott  mit  uns",     wenn   es 
anders  Devise  ist,    paßt    nicht    auf  Herzog  Ulrich,    von    dem    Laux- 
mann    selbst    a.    a.   O.     S.  699    und    702    ganz    andere    Wahlsprüche 
anführt    und    von    dem    auch    wir    den    eben    genannten    nirgends    zu 
constatiren     vermocht     haben.      Die     erweiterte     Chiffernreihe     aber: 
A.  H.  Z.  W.  S.  V.  R.  kann  vollends  gar  nicht  auf  ihn  gedeutet  werden. 
S.    und  R.    (V  ist   jedenfalls  =  Vnd)  bezeichnen    sicher  Herrschafts- 
gebiete,   so  gut  wie  W,    aber  wenngleich   auch  Herzog  Ulrich   solche 
Herrschaften    besessen    hat,    deren  Namen    mit    den  genannten  Buch- 
staben   beginnen,    nämlich  Sponeck    (am  Oberrhein,   jetzt    zu  Baden 
gehörig)   und  Reichenweiher  (im  Elsaß),  so  kann  an  diese  doch  keines- 
wegs   gedacht    werden.     Denn   man  kann  nicht  ergänzen:    Herzog  zu 
Württemberg,  Sponeck  Vnd  Reichen weiher,    weil  Ulrich  nur  mit  Be- 
zug auf  Württemberg  und  Teck  den  Herzogstitel  führte,    nicht  auch 
mit  Bezug    auf    die    beiden    genannten    kleinen  Herrschaften.    Wollte 
man  aber  statt  Herzog  'Herr'  suppliren,  so  paßt  hiezu  wieder  Würt- 
temberg   nicht,    und    ohnedies   hat  weder  Herzog  Ulrich    noch  irgend 
ein  anderer  württembergischer  Fürst  je  einmal  Württemberg,  Sponeck 
und  Reichenweiher    in    seinem  Titel    zusammengestellt^),    und    wollte 
man    sagen,    Ulrich    habe    zum  Zwecke   der  Wahrung  des  Incognitos 
die    kleinen  Herrschaften    zu    seiner  Bezeichnung    gewählt,    so    hätte 
dies    einen  Sinn    nur     dann,    wenn    nicht    gleichzeitig    —  wie    doch 
ex  hypothesi  der  Fall  —  auch  das  Hauptland  Württemberg  in  diese 
Bezeichnung    aufgenommen  wäre.     Mit  Einem  Worte,    die  Schwierig- 
keiten,   welche    sich    der    Deutung    der    Chiffern    auf    Herzog  Ulrich 
schon    bisher    entgegengestellt    haben,    häufen    sich  nunmehr  so  sehr, 
daß  jene  Deutung  nicht  mehr  aufrecht  erhalten  werden  kann. 


*)  Ulrich  nannte  sich  auch  damals,  in  der  Verbannung,  Herzog  zu  Württemberg 
und  Teck,  Graf  zu  Mömpelgart  u.  s.  w. 


494  K.  STEIFF 

Ist  nun  aber  Herzog  Ulrich  von  Württemberg  nicht  der  Dichter 
des  Liedes,  wer  ist  es  dann?  Daß  die  Merkmale,  welche  gerade 
unser  Druck  an  die  Hand  gibt,  zur  Bestimmung  desselben  an  sich 
genügend  sind,  ist  wohl  außer  Frage.  Ließe  sich  Jemand  nachweisen, 
auf  welchen  alle  jene  Chifferu  passen,  der  ferner  den  Wahlspruch 
„Gott  mit  uns"  geführt  hätte  und  der  endlich  zugleich  der  reforma- 
torischen Bewegung  mit  so  lebendigem  innerem  Interesse  zugethan 
gewesen  wäre,  wie  wir  es  bei  dem  Verfasser  des  Liedes  voraussetzen 
müssen,  so  dürften  wir  ihn,  zumal  wenn  auch  noch  poetische  Be- 
gabung sich  bei  ihm  constatiren  ließe,  ohne  Weiteres  für  den  Dichter 
halten.  Denn  daß  es  auch  nur  zwei  Männer  zu  gleicher  Zeit  gegeben 
haben  sollte,  bei  welchen  dies  alles  zugetroffen  wäre,  ist  ja  nicht  anzu- 
nehmen. Nun  ist  es  aber  eben  nicht  leicht,  auf  Grund  der  genannten 
Merkmale  deren  Träger  festzustellen.  Die  adeligen  Geschlechter 
findet  man  ja  gewöhnlich  nur  nach  dem  Hauptnamen,  nicht  nach  dem 
von  den  verschiedenen  Besitzungen  hergenommenen  vollen  Titel  be- 
zeichnet; selbst  die  Adelslexika  u.  dgl.  machen  dabei  keine  Aus- 
nahme, sie  führen  nicht  einmal  immer  die  Besitzungen  an.  Ahnlich 
schwierig  steht  die  Sache  mit  den  andern  Merkmalen;  denn  was 
z.  B.  den  Wahlspruch  betrifft,  so  ist  es  nur  zufällig,  wenn  die  De- 
visen Einzelner  uns  überliefert  worden  sind;  in  unserem  Falle  lassen 
uns  hierüber  auch  die  Specialwerke  von  Dielitz  u.  A.  im  Stich.  So 
ist  es  uns  denn  auch  nicht  gelungen,  bei  irgend  einem  Manne  alle 
angegebenen  Merkmale  nachzuweisen,  aber  einen  können  wir  doch 
nennen,  bei  welchem  wenigstens  die  wichtigsten  derselben  zutreffen. 
Dieser  Mann  ist  der  kursächsische  Rath  Anark  Herr  zu  Wilden- 
fels, Schönkirchen  und  Ronneburg.  Wie  man  sieht,  passen 
auf  seinen  Namen  ganz  genau  die  unter  dem  Liede  stehenden  Chiffern 
A.  H.  Z.  W.  S.  V.  R.  *).  Welches  aber  seine  Stellung  zur  Reformation 
gewesen  ist,  geht  schon  aus  der  Thatsache  hervor,  daß  er  bei  den 
zum  Zwecke  der  Reformirung  des  Landes  angeordneten  Kirchen- 
und  Schulvisitationen  im  Kurfürstenthume  Sachsen  betheiligt  war. 
So  war  er  im  Spätjahre  1528  mit  Dietrich  v.  Starschedel,  Georg 
Spalatin  und  Anton  Musa  im  Kreise  Meißen  und  im  Voigtlande  als 
Visitator  thätig.  Dabei  war  —  bezeichnender  Weise  —  „in  der  An- 
nahme   der  lutherischen  Lehre"    gerade    sein  Herrschaftsgebiet,    „die 


*)  Der  Name  ist  dabei  nicht  etwa  willkürlich  diesen  Chiffern  angepaßt  worden 
(durch  Umstellung  oder  dergleichen),  vielmehr  genau  so,  wie  wir  ihn  angegeben 
haben,  kommt  er  in  gleichzeitigen  Urkunden  vor  (vgl.  Chr.  Löber,  Historien  von 
Ronneburg,   1722,  S.   245.  Anhang  S.  60.  6.3.  69). 


MITTHEILÜNGEN  AUS  DER  KÖN.  UNIV.  BIBLIOTHEK  TÜBINGEN.     495 

Ronneburger  Gegend  weit  voraus:  dort  hatte  das  Papstthum  ver- 
bältnißmäßig  viel  an  Boden  verloren".  (Burkhardt,  Geschichte  der 
sächsischen  Kirchen-  und  Schulvisitationen,  1879,  S.  43.  73).  Auch 
später,  1533,  ward  er  mit  Anderen  zum  Visitator  genannter  Gegenden 
bestellt  (ebd.  S.  125).  Bedeutsamer  noch  ist  eine  andere  Thatsache, 
die  schon  aus  dem  Anfange  des  Jahres  1527  von  ihm  berichtet  wird. 
Als  nämlich  der  spätere  Kurfürst  Johann  Friedrich  auf  seiner  Hoch- 
zeitsreise durch  Düsseldorf  kam ,  predigte  der  Franziskanerraönch 
Johann  Korbach  gegen  die  Anhänger  Luthers  und  erklärte  sich  zu 
einer  Disputation  bereit.  Da  war  es  eben  der  im  Gefolge  des  Prinzen 
befindliche  Herr  von  Wildenfels,  der  den  Mönch  beim  Worte  nahm 
und  trotz  seinem  anfänglichen  Widerstreben  ihn  zu  einer  Disputation 
mit  Friedrich  Mykonius  nöthigte.  Diese  Disputation  fand  am  19.  Fe- 
bruar 1527  in  Anwesenheit  des  Prinzen,  seines  Gefolges  und  vieler 
Anderen  vom  Adel  und  von  der  Bürgerschaft  in  des  Herrn  v.  Wilden- 
fels Wohnung  statt,  wobei  der  Letztere  den  Verhandlungen  präsidirte, 
auch  mehrmals  persönlich  eingriff  und  namentlich  einmal  in  empha- 
tischer Weise  für  die  evangelischen  Prediger  Zeugniß  ablegte.  (Ledder- 
hose, Fr.  Mykonius  S.  131  ff.)  Aus  dem  allem  geht  hervor,  daß  Anark 
von  Wildenfels  auch  jenes  andere  wichtige  Erforderniß  aufzuweisen 
hat,  welches  wir  bei  dem  Dichter  des  Reformationsliedes  voraussetzen 
müssen,  nämlich  die  lebendigste  persönliche  Theilnahme  für  die  von 
Luther  ausgegangene  Bewegung.  Bedenken  wir  nun,  wie  außer- 
ordentlich selten  die  bei  diesem  Manne  zutreflfenden  Merkmale  sich 
sonst  wohl  vereinigt  fanden:  wie  wenig  der  adeligen  Familien  über- 
haupt gewesen  sein  mögen,  auf  welche  die  Chiffern  W,  S  und  R 
paßten,  wie  viel  weniger  noch  derer,  welche  damals  zugleich  ein 
Glied  aufzuweisen  hatten ,  zu  dessen  Vornamen  der  erste  Buchstabe 
der  Chififernreihe ,  A,  stimmte^)  und  wie  dann  das  weitere  Merkmal 
der  persönlichen  evangelischen  Überzeugung  den  Fall  erst  recht  zu 
einem  seltenen  stempelt,  so  wird  man  gestehen  müssen:  die  Identität 
Anarks  v.  Wildenfels  mit  dem  Verfasser  unseres  Liedes  hat  wirklich 


^)  So  würden  die  Chiffern  H.  Z.  W.  S.  V.  R.  z.  B.  wohl  auf  die  Herren  zu 
Wied,  Selters  und  Runkel  oder  auf  die  Huntpiß  zu  Waltrams,  Siggen  und  Ratzen- 
ried passen,  aber  es  ließ  sich  kein  Glied  dieser  Familien  aus  der  fraglichen  Zeit 
finden,  dessen  Vorname  mit  A.  begonnen  hätte.  Umgekehrt  wo  Vor-  und  Hauptname 
stimmen  und  auch  die  protestantische  Gesinnung  unzweifelhaft  ist,  wie  bei  Adam  von 
Wolfstein  oder  Alexander  von  Wildenstein  —  die  in  der  Begleitung  des  Markgrafen 
von  Brandenburg  bezw.  Ottheinrichs  und  Philipps  von  der  Pfalz  auf  dem  Augsburger 
Reichstag  von  1530  waren  —  da  kommt  man  mit  den  letzten  Chiffern  S.  V.  R.  in 
Verlegenheit. 


496     K.  STEIFF,  MITTHEILUNGEN  A.  D.  KÖN.  UNIV.-BIBßlOTHEK  TÜBINGEN. 

sehr  viel  Wahrscheinlichkeit  und  hat  dies,  auch  wenn  es  nicht  ge- 
lingen sollte,  sonstige  Belege  für  seine  dichterische  Begabung  oder 
aber  jene  Schlußformel  „Gott  mit  uns",  wenn  sie  anders  des  Dichters 
Wahlspruch    war,    als    seine  Devise    nachzuweisen^).    Vielleicht   aber 


')  Man  könnte  daran  denken ,  auch  auf  den  Druckort  des  Liedes  als  eine 
Instanz  zur  Lösung  der  Frage  zu  recurriren.  Allein  fürs  erste  wird  sich  der  Druckort 
überhaupt  nicht  leicht  feststellen  lassen,  da  die  in  dem  Druck  vorkommenden  Typen 
hiefür  zu  wenig  eigenthümlich ,  die  Ornamente  desselben  aber ,  weil  höher  als  das 
gewöhnliche  Folioformat,  wohl  so  selten  zur  Anwendung  gekommen  sind,  daß  man 
sie  kaum  je  in  einem  anderen  Druck  finden  dürfte.  Zum  anderen  aber:  auch  wenn 
der  Druckort  constatirt  wäre,  würde  er  doch  keinen  sicheren  Fingerzeig  für  unsere 
Frage  geben,  so  lange  es  nicht  gewiß  ist,  daß  wir  in  dem  Einblattdruck  wirklich  den 
vom  Verfasser  veranlaßten  Originaldruck  des  Liedes  vor  uns  haben.  —  Bei  der  hohen 
Wahrscheinlichkeit,  die  es  nun  aber  jedenfalls  hat,  daß  Anark  von  Wildenfels  der 
Dichter  i^t,  sind  vielleicht  noch  einige  Notizen  über  seine  Person  hier  am  Platze. 
Viel  ist  es  freilich  nicht,  was  wir  haben  ermitteln  können.  Er  gehörte  einem  sehr  alten 
Geschlechte  an,  welches  sich  nach  der  in  seinem  Besitze  befindlichen  Stadt  und  Herr- 
schaft Wildenfels  im  sächsischen  Erzgebirge  nannte,  übrigens  im  Jahre  1602  (nicht 
wie  V.  Hellbach,  Adels-Lexikon  II,  1826,  S.  744  und  Andere  sagen,  1593)  ausgestorben 
ist.  Der  Sohn  eines  älteren  Anark  von  Wildenfels  —  der  seltene  Vorname  kommt  in 
diesem  Geschlechte  öfter  vor  —  muß  er  spätestens  im  letzten  Decennium  des  15.  Jahr- 
hunderts geboren  sein.  Denn  schon  im  Jahre  1517  ward  ihm  von  dem  Kurfürsten 
Friedrich  dem  Weisen  von  Sachsen  die  Herrschaft  Ronneburg  verliehen,  was  1527 
von  dessen  Nachfolger  unter  Ertheilung  weiterer  Rechte  bestätigt  wurde.  Im  Jahre 
1521  oder  1522  (nicht  1526)  heiratete  er  eine  Gräfin  Elisabeth  von  Gleichen.  Wie 
sein  Vater,  der  1493  Friedrich  den  Weisen  in  das  heilige  Land  begleitet  hatte,  war 
er  in  Diensten  der  sächsischen  Kurfürsten,  bei  denen  er  wichtige  Stellungen  einnahm. 
Einiges  ist  schon  oben  angeführt  worden.  Wir  erwähnen  noch,  daß  er  zunächst  Amt- 
mann in  Altenburg  war.  Des  Weiteren  finden  wir  ihn  unter  den  Räthen  Johanns  des 
Beständigen  auf  dem  Reichstage  zu  Augsburg  von  1530.  Ein  Jahr  darauf  ist  er  als 
Gesandter  seines  Kurfürsten  bei  dem  Landgrafen  Philipp  von  Hessen  thätig,  als  es 
sich  um  die  Vorbereitungen  zur  Restitution  des  vertriebenen  Herzogs  Ulrich  von 
Württemberg  handelte.  Später  erscheint  er  anläßlich  von  Difl'erenzen,  die  sich  zwischen 
dem  Kurfürsten  Johann  und  dem  Landgrafen  erhoben  hatten,  als  einer  der  Vermittler 
und  Schiedsrichter,  und  eine  ähnliche  Vertrauensstellung  ward  ihm  auch  in  anderen 
derartigen  Fällen  zu  Theil.  Seiner  Thätigkeit  scheint  der  Tod  übrigens  frühe  ein  Ziel 
gesteckt  zu  haben,  wenn  es  anders  richtig  ist,  daß  er  ums  Jahr  1538  gestorben. 
Gewiß  ist,  daß  er  in  der  Kirche  zu  Härtensdorf  bei  Wildenfels  begraben  liegt,  wo 
noch  um  1722  Löber  sein  Bild  und  seinen  Grabstein  sah,  ohne  freilich  das  Datum 
seines  Todes  darauf  entzifi'ern  zu  können.  (Vgl.  die  oben  angeführte  Historie  von 
Ronneburg  Christian  Löbers  von  1722,  S.  110  fi".,  besonders  S.  114 — 123.  136.  244  f., 
Zedler's  Universal-Lexikon  Bd.  56,  1748,  Sp.  816  f.,  (C.  Sturm)  Warhafl'tig  anzaygung 
wie  Kaiser  Carl  der  fünft  ettlichen  Fürsten  aufl"  dem  Reychstag  zu  Augspurg  im 
MCCCC.XXX  jar  gehalten  Regalia  ..  gelihen,  was  auch  jr  Kai.  Maie,  und  derselben 
brfider  .  .  .  auch  andere  Churfürsten  u.  s.  w.  für  Räthe  und  Adelspersonen  auff  sol- 
chem Reichstag  gehept  haben.) 


ED.  DAMKÖHLER,  ZU  GERHARD  VON  MINDEN.  497 

gelingt  es  einem  Leser  dieser  Zeilen,  was  uns  nicht  ganz  geglückt 
ist:  die  Kette  zu  schließen  und  die  Wahrscheinlichkeit  zur  Gewißheit 
zu  erheben,  oder  aber  —  es  ist  dies  freilich  nicht  wahrscheinlich  — 
mittelst  der  gegebenen  Anhaltspunkte  in  einem  Anderen  den  Dichter 
zu  entdecken.  In  jedem  Falle  wäre  es  der  Mühe  werth,  den  Namen 
des  Mannes  der  Vergessenheit  zu  entreißen,  der  so  frühe  schon  ein 
so  echt  evangelisch  gedachtes  und  zugleich  so  tief  empfundenes,  so 
mächtig  wirkendes  Lied  gedichtet  hat. 

STUTTGART.  KARL  STEIFF. 


ZU  GERHARD  VON  MINDEN. 


Fab.  11,4: 

De  vos  ne  hat  is  nicht  gesein^ 

men  hören  scrigen  unde  lep 

do  na  dem  ame. 
Im  Corr  g  pondenzblatt  f.  niederd.  Sprachforschung  XII,  6  hatte  ich 
hören  in  hör  en  aufgelöst.  Sprenger  dagegen  will  Germ.  XXXIII, 
p.  460  ho'i'en  in  höre  en  auflösen  und  läßt  höre  durch  Contraction  aus 
horde  entstanden  sein,  ähnlich  wie  se  aus  segde  bei  Schambach  S.  189. 
Zunächst  muß  ich  bemerken,  daß  letzterer  Vergleich  durchaus  unzu- 
treflEend  ist,  da  se  nicht  aus  segde,  sondern  aus  sede,  welche  Form 
heute  noch  lebt,  entstanden  ist;  sede  aber  mit  Ausfall  von  g  aus 
segede.  Die  Form  se  scheint  im  Mnd.  nicht  vorhanden  zu  sein,  wenig- 
stens findet  sie  sich  weder  im  mnd.  Wb.  noch  in  Lübbens  mnd. 
Grammatik.  Die  Form  höre  für  horde  würde  jedoch  auf  einem  anderen 
Lautgesetze  beruhen,  das  zwar  heute  in  fast  allen  niederdeutschen 
Mundarten  zu  gelten  scheint,  in  der  mnd.  Schriftsprache  aber  so  gut 
wie  gar  nicht  anzutreffen  ist.  Sprenger  hat  daher  auch  seine  An- 
nahme durch  keine  Beispiele  gestützt,  und  auch  Lübben  hat  in  seiner 
mnd.  Grammatik  keine  angeführt,  wenn  man  nicht  etwa  die  Form 
leve  hierher  rechnen  kann,  die  für  levede,  contrahirt  lefde,  stehen  soll. 
Da  mir  die  Stelle^  wo  leve  vorkommt,  nicht  bekannt  ist,  so  kann  ich 
nicht  darüber  urtheilen.  Schambach  hat  für  das  Göttingisch-Gruben- 
hagen'scbe  lewede  und  lefde,  aber  kein  Uwe.  In  Kattenstedt  am  Harz 
heißt  allerdings  hei  lewe  er  lebte'.  Hier  ist  leioe  aber  wohl  nicht  aus 
levde,  sondern  aus  lewede  mit  Abfall  von  de  entstanden. 

Als    ich    meine  Bemerkungen    zu  Gerhard  von  Minden    schrieb, 
glaubte  ich  die  Form  höre  nicht  ansetzen  zu  dürfen,  weil  ich  für  den 

GERMANIA .    Neue  Beihe  XXI.  (XXXin.)  Jahrg.  3  2 


498         ED.  DAMKÖHLER,  ZU  GERHARD  VON  MINDEN. 

Ausfall  des  d  nach  r  im  Mittelniederdeutschen  keine  Belege  hatte. 
Mich  auf  die  heutigen  Mundarten  zu  stützen,  schien  mir  bedenklich, 
weil  ich  damit  heutige  Lautgesetze  auf  die  mnd.  Schriftsprache  an- 
gewendet hätte,  wozu  ich  ohne  Weiteres  nicht  berechtigt  war.  Darum 
ist  Sprengers  Berufung  auf  höre  bei  Schambach  zunächst  nichts  be- 
weisend. 

Als  ich  neulich  den  Koker  las,  fand  ich  auf  Seite  323: 

De  kauher  und  de  swen 

De  blaset  syck  siiluen  uih  dem  dorpe. 
Hier  haben  wir  also  ein  Beispiel,  wo  nach  r  nicht  blos  d,  sondern 
sogar  de  abgefallen  ist.  Heute  lautet  diese  Form  im  Göttingiseh- 
Grubenhagen'schen  here  (Schambach),  im  Westphälischen  her  (Woeste), 
im  Altmärkischen  Aerr  (Danneil)  ^).  kauher  sowie  die  ganze  Redensart 
sind  offenbar  dem  Volksmunde  entnommen,  und  daraus  erklärt  sieh 
die  Abweichung  von  der  mnd.  Schriftsprache.  Wir  hätten  dann  den 
Nachweis,  daß  das  Gesetz,  nach  welchem  heute  d  nach  r  bei  vorher 
gehender  Vokallänge  ausfällt,  s.  mein  Programm,  Mundartliches  aus 
Kattenstedt  am  Harz  I,  Die  Media  d.  Helmstedt  1884,  auch  schon 
zur  Zeit  des  Mittelniederdeutschen  vorhanden  war,  daß  überhaupt, 
wie  ich  aus  dem  Vergleiche  der  heutigen  Mundarten  mit  den  mnd. 
Urkunden  erkannt  zu  haben  glaube,  die  mnd.  Mundarten  den  heutigen 
weit  näher  standen,  als  die  mnd.  Schriftsprache  erkennen  läßt.  — 
In  der  Bauernbetrügerei,  mnd.  Fastnachtspiele,  herausgeg.  von  W.  Seel- 
mann, p.  24,  Vers  46: 

He  hadde  eynen  langen  Rock  ann 

Und  ein  dinck  uppe  mit  veer  oren. 
In  den  Anmerkungen  auf  S.  80  sagt  Seelmann;  'Gemeint  scheint  ein 
Mann  in  Amtstracht  mit  vierkantigem,  in  spitze  Ecken  (oren)  aus- 
laufendem Barrett.'  Demnach  wäre  in  oren  auch  ein  d  ausgefallen, 
und  diese  Form  würde  demselben  Sprachgebiete:  Hannover,  Braun- 
schweig, Hildesheim,  s.  Einleitung  p.  XXX  angehören,  wie  kauher  im 
Koker.  Übrigens  glaube  ich  nicht,  daß  oren  von  ort  =  Ecke  her- 
kommt, sondern  halte  es  für  or  =  Ohr,  wie  solche  spitze  Ecken  noch 
heute  genannt  werden.  Eine  Form  höre  läßt  sich  also  in  der  mnd. 
Schriftsprache  kaum  nachweisen.  Wie  steht  es  nun  mit  der  von  mir 
angesetzten  Form  hör?  Sprenger  hat  ihr  keine  Beachtung  geschenkt. 
Ich  hatte  hervorgehoben,  daß  in  Kattenstedt  am  Harz  für  das  Prae- 
teritum  die  beiden  Formen  ek  herte  und  ek  hör,  in  der  3.  Pers.  Sing. 


')  Um  Osterwieck  nördlich  vom  Harz  heißt  es  gauaeheer. 


M.  HERRMANN,  EIN  BRIEF  AN  ALBRECHT  VON  EYB>  499 

hei  here  und  hei  hör  vorhanden  sind,  herte  und  here  stehen  für  hörede 
mit  der  bekannten  Verdünnung  von  ö  zu  e  (s.  meine  Schrift*.  Zur 
Charakteristik  des  nd.  Harzes,  p.  9).  Über  die  Verhärtung  von  d  zu  t 
in  herte  s.  mein  Programm,  ek^  hei,  hör,  Plur.  hören  neben  herten,  hatte 
ich  für  ein  starkes  Praeteritum  erklärt,  da  ein  Abfall  des  e  in  höre 
nicht  anzunehmen  ist,  sich  sonst  wenigstens  der  Abfall  eines  e  in 
der  Kattenstedter  Mundart  nicht  findet.  Nachher  bin  ich  in  meiner 
Ansicht  wieder  schwankend  geworden.  Beachtenswerth  bleiben  jedenfalls 
die  Doppelformen  hör  und  Äer<^,  von  denen  die  letztere  schon  wegen 
des  Umlautes  jünger  sein  muß  als  die  erstere.  Da  beide  als  schwache 
Praeterita  aus  derselben  Form  horede  entstanden  sein  müßten,  die 
jüngere  aber  das  Flexions-e  bewahrt,  so  bleibt  der  Abfall  desselben 
in  der  älteren  merkwürdig.  Schambach  hat  höre  neben  höaere,  Woeste 
harde  neben  har.  Es  scheint  mir  nicht  unmöglich,  daß  schon  im  Mnd. 
ein  hör  existirte,  wenigstens  strichweise,  und  daß  der  Abschreiber 
der  Handschrift  der  Fabeln,  wie  ich  auch  aus  anderen  Gründen  ver- 
niuthe,  aus  der  Gegend  von  Magdeburg,  Halberstadt  oder  Braunschweig 
stammte  und  hin  und  wieder  seine  Mundart  mit  einfließen  ließ. 
BLANKENBURG  a.  H.  ED.  DAMKÖHLER. 


EIN  BRIEF  AN  ALBRECHT  VON  EYB. 


Voigt,  Wiederbelebung  des  classischen  Alterthums  H',  290 — 292, 
bespricht  einen  für  die  Zeit  der  deutschen  Frührenaissance  recht 
charakteristischen  Briefwechsel  zwischen  Gregor  Heimburg  und  einem 
gewissen  Johannes  Rot,  welcher  der  neuen  „Rhetorik"  den  Vorrang 
vor  der  Jurisprudenz  einräumen  wollte  und  deswegen  von  Heimburg 
zurechtgewiesen  wurde').  Voigt  unterläßt  es.  nähere  Angaben  über 
die  Persönlichkeit  dieses  Job.  Rot  zu  machen,  der  immerhin  einmal  eine 
eingehendere  Charakteristik  verdiente.  Einige  Angaben  über  ihn  mögen 
hier  ihre  Stelle  finden.  In  zwei  große  Classen  können  wir  die  meisten 
Humanisten  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  einreihen,  in  Vagabunden 
und  Streber,  —  Rot  gehört  unter  die  letzteren,  deren  Musterbild 
Aeneas  Silvius    ist.    Wie    dieser    ist  er  von    niederer  Herkunft:    sein 


*)  Die  beiden  uns  erhaltenen  Briefe,  —  die  Antwort  Heimburgs  und  die  Replik 
Rots  sind  nicht  nur,  wie  Voigt  angibt,  im  Cod.  lat.  Mon.  5)9,  sondern  auch  im 
Cod.  lat.  Mon.  518  und  in  dem  Bamberger  Codex  M  II,  9  zu  linden.  Daß  die  beiden 
zuletzt  angeführten  Handschriften  auf  einen  Archetypus  zurückgehen ,  der  sich  im 
Besitze  Albrecht  von  Eybs  befunden  haben  muß,  werde  ich  an  anderer  Stelle  nach- 
zuweisen haben. 

32* 


500  M.  HERRMANN 

Vater,  Seifried  Rot,  war  Schuhmacher  in  dem  jetzt  zu  Baiern  ge- 
hörigen schwäbischen  Städtchen  Wemding.  Wie  Aeneas  Sylvius  ver- 
diente er  sich  die  Sporen  im  fremden  Lande:  1454  finden  wir  ihn 
als  Schüler  Lorenzo  Vallas  in  Rom,  1457  in  Padua  (s.  J.  Facciolati 
Fasti  Gymn.  Patav.  Padua  1757,  S.  12),  in  demselben  Jahre  als 
Secretär  bei  Ladislaus  von  Ungarn,  dann  in  wichtigen  Stellungen  am 
Hofe  Friedrichs  III.  Wie  Aeneas  Sylvius  gelangte  er  schließlich  in 
der  Heimat  zu  hohen  geistlichen  Würden,  —  1468  wurde  er  Bischof 
von  Lavant,  1482  Bischof  von  Breslau;  als  solcher  ist  er  1504  ge- 
storben. Sein  Grabdenkmal  im  Dom  rührt  von  Peter  Vischer  her. 
Gehandelt  hat  über  ihn  außer  Heyne  (Gesch.  des  Bisthums  Breslau. 
Breslau  1868,  III,  722—725)  besonders  ausführlich  Tangl  'Reihe  der 
Bischöfe  von  Lavant'  (Klagenfurt  1841)  S.  175 — 197,  —  hier  sind 
auch  einige  deutsche  Briefe  Rots  aus  seiner  späteren  Lebenszeit  ge- 
druckt; ein  Brief  vom  Jahre  1469  steht  im  'kaiserlichen  Buch  des 
Markgrafen  Albrecht  Achilles'  ed.  Höfler  (Baireuth  1850)  S.  200— 201. 
Während  seines  ganzen  Lebens  war  er  den  humanistischen  Studien 
zugethan,  und  als  rechter  litterarisch-politischer  Streber  knüpfte  er 
mit  aller  Welt  Briefwechsel  an,  so  mit  Aeneas  Sylvius  (vgl.  dessen 
Brief  edit.  Basil.  312  und  Rots  Antwort  ibid.  324  aus  dem  Jahre  1457), 
und  mit  Gregor  Heimburg;  daß  dem  Briefe  Heimburgs  vom  6.  März 
1454  nicht  nur  der  verloren  gegangene  Hauptbrief  Rots  vom  10.  Fe- 
bruar, sondern  auch  noch  ein  Brief  Heimburgs  vorausging,  der  gewiß 
nur  die  Antwort  auf  ein  Rotsches  Schreiben  war,  geht  aus  dem  Ein- 
gang des  Heimburg'schen  Briefes  hervor.  Rot  muß  seine  Antwort  auf 
letzteren  für  ein  Meisterwerk  gehalten  haben,  denn  er  sandte  ein 
neues  Schreiben,  in  dem  er  sich  jener  Antwort  rühmte,  sich  selbst 
als  den  ersten  deutschen  Humanisten  hinstellte  und  weidlich  auf  die 
barbarische  germanische  Nation  schimpfte,  an  Albrecht  von  Eyb,  der 
damals  (1454)  in  Italien  seinen  Studien  oblag.  Gewiß  waren  die  bei- 
den an  einer  italienischen  Universität  zusammen  gewesen;  Beziehungen 
mögen  auch  daher  stammen,  daß  Rots  Geburtsstadt  Wemding  zur 
Diöcese  Eichstätt  gehörte  und  Eyb  Eichstätter  Domherr  war.  Das 
geschickt  angerichtete  Citatenragout  muß  Eyb  schmackkaft  erschienen 
sein:  er  sandte  es  —  mit  einem  Begleitschreiben,  das  ebenso  wie 
Rots  Brief  nicht  erhalten  ist  —  an  einen  gewissen  Andreas  Bauarus. 
Über  die  Persönlichkeit  dieses  Mannes  hat  sich  trotz  eingehender 
Nachforschungen  in  den  kgl.  [bairischen  Archiven  nichts  ermitteln 
lassen.  Außer  dem  unten  abgedruckten  Brief  ist  von  ihm  eine 
Epistel    in    lateinischen  Versen    in   Hartmann   Schedeischer    Abschrift 


EIN  BRIEF  AN  ALBRECHT  VON  EYB.  501 

erhalten  (Cod.  lat.  Mou.  504,  fol.  1—2') ,  die  an  den  Bischof  Johann 
von  Eichstätt  gerichtet  ist  und  diesen  zur  Friedensvermittelung  auf- 
fordert, —  man  darf  danach  den  Brief  in  die  Zeit  kurz  vor  oder 
kurz  nach  1460  setzen.  Es  sind  108  Hexameter,  die  deutlich  den 
Einfluß  Ovids  verrathen  und  ebenso  voll  von  antik-mythologischen 
Anspielungen  wie  von  metrischen  Fehlern  sind.  Zum  Schlüsse  nennt 
sich  der  Verfasser  'Andreas  bauarus  secretarius  ducalis',  —  aber  auch 
diese  Bezeichnung  führt  nicht  zur  Ermittelung  seiner  Persönlichkeit. 
Es  liegt  nahe,  an  den  berühmten  Historiker  Andreas  von  Regensburg 
zu  denken:  dieser  stand  in  Beziehungen  zu  Eichstätt,  denn  hier  war 
er  zum  Priester  geweiht  worden ,  —  er  war  mit  den  bairischen  Her- 
zögen schriftstellerisch  nahe  verbunden:  daraus  möchten  sich  die  Be- 
zeichnungen 'Bauarus*  und  'Secretarius  ducalis'  irgendwie  erklären. 
Gegen  die  Identität  scheint  zunächst  zu  sprechen,  daß  Andreas  Ratis- 
bonensis  nach  Lorenz'  Angabe  (Geschichtsquellen  P,  S.  193)  um 
1440  gestorben  sein  soll.  Indessen  hat  Lorenz  dafür  jedenfalls  keinen 
anderen  Beweis  als  den,  daß  des  Andreas  bairische  Herzogschronik 
nur  bis  1439  reicht,  und  das  genügt  natürlich  nicht,  zumal  z.  B.  ein 
anderes  historisches  Werk  des  Andreas,  das  sogenannte  Tagebuch, 
nur  bis  1427  geführt  ist.  An  sich  ist  es  nicht  unmöglich,  daß  Andreas 
noch  1460  gelebt  hat,  —  daß  er  1450  noch  am  Leben  war,  scheint 
mir  eine  bisher  nicht  beachtete  Urkunde  zu  beweisen,  auf  die  mich 
Dr.  J.  Mayerhofer  in  Bamberg  freundlichst  aufmerksam  macht.  Am 
6.  August  dieses  Jahres  figurirt  in  einer  Urkunde  des  Klosters  Schön- 
thal (Mon.  Boica.  XXVI,  S.  61)  Andreas  Predicator  Cenobii  fratrum 
Augustinensium  Ratispone  (das  ist  St.  Mang,  wo  der  Historiker  An- 
dreas lebte)  als  Vidimuszeuge.  Es  ist  doch  mindestens  sehr  wahr- 
scheinlich, daß  dieser  Andreas  der  Geschichtsschreiber  ist:  wir  müßten 
sonst  annehmen,  daß  das  gleiche  Kloster  zur  gleichen  Zeit  zwei 
Brüder  namens  Andreas  besaß,  die  durch  ihre  Bildung  eine  hervor- 
ragende Stellung  einnahmen.  Wenn  ich  trotzdem  nicht  an  die  Iden- 
tität des  Historikers  mit  dem  Andreas  Bauarus  glaube ,  so  geschieht 
das,  weil  ich  nicht  annehmen  mag,  daß  der  Mann  sich  im  hohen 
Alter  für  die  humanistischen  Studien  interessirte,  denen  er  sein  Leben 
lang  fern  stand;  man  müßte  sich  denn  auf  die  vielen  dem  'Chronicon 
generale''  eingefügten  schlechten  lateinischen  Hexameter  berufen  wollea. 
Andreas'  Antwort  auf  Eybs  Brief  steht  in  dem  Augsburger  Quart- 
codex 220,  der  der  Bibliothek  Eybs  entstammt  und  über  den  ich  an 
anderer  Stelle  nähere  Mittheilungen  mache.  Eine  Abschrift  Hartmann 
Schedels    bis  zu  den  Worten    'nutriti   ac  educati*    steht    im  Cod.   lat. 


502  M.  HERRMANN 

Mon.  504,  fol.  2^  Der  Brief  ist  uns  nicht  nur  durch  die  Person  des 
Empfängers  interessant,  sondern  auch,  weil  er  einen  in  Italien  längst  im 
entgegengesetzten  Sinne  entschiedenen  Streit  behandelt  und  dabei  den 
deutsch-nationalen  Gesichtspunkt  hervorhebt,  den  sogar  Gregor  Heim- 
burg in  dieser  Angelegenheit  außer  Acht  gelassen  hatte. 

[139*]     Andreas  Bauarus  Alberto  de  Eyb,    viro    praestantissimo ,    Sah 
plur.   dicit. 

PErlegi  cursim,  Colende  G-enerose  ac  iuris  utriusque  peritissime  vir 
litteras  Jo.  Rotte  ad  te  datas,  quaa  tanti  facis  et  opere  precium  fore  exi 
stimas.  Que  et  si  omni  alia  erroris  macula  carerent  (quod  expresse  negari 
potest) ,  vna  tarnen  ex  causa  vehementissime  et  acriter  sunt  reprehendende 
maxime  (ne  caeteris  inhereamus)  cum  aperte  dicere  conetur  se  fore  Germa- 
norum  primum,  qui  artes,  que  humane  intitulantur,  ampiexus  sit  seque  quo- 
dammodo  patronum  earundem  profiteatur.  Absit  procul  tantum  nephas : 
sermoque  tarn  detestandus,  vt  tot  tantaque  Germanorum  perspicua  et  ardua 
ingenia  in  vnum  hunc  delirantem  Johannem  sint  collata,  vt  vel  omnes  alios 
nesciuisse  uel  se  solum  scire  affirmet.  Ex  cuius  dictu  clare  constare  videtur 
longa  studia  et  vigiliis  inediis  frigoribus  estu  ac  variis  laboribus  a  pleris- 
que  Germanis  perpessis  [139"]  exquisita  ingenia  absque  artium  humanitatis 
gustu  adeo  usque  orba  fuisse  et  aliena.  Si  enim  hec  optimus  rei  publice 
protector,  eximius  Brutus,  facundus  ac  eloquentissimus  vir,  dum  se  et  mori- 
bus  et  gestis  et  habitu  et  vita  liberande  rei  publice  causa  insanire  simularet, 
tarn  insulse  tamque  nude  protulisset  uerba,  hercule  illa  suo  simulate  fatui- 
tatis  habitui  congruissent,  queque  simulare^)  coeperat,  vtendo  prescriptis 
verbis  verificasset.  Quem  igitur  tuum  Johannem  fore  iudicem,  ex  iam  dictis 
et  elicere  et  imaginäre  poteris.  Quis  enim  tam  rudus  [!]  ingenio,  vt  ignoret, 
quis  tam  obtuso ,  suffocato,  calligato")  intellectu,  vt  non  cognoscat  litteras 
Johannis  nostri  insanire  aut  potius  Johannem  ipsum  insanire  litteris  suis. 
Que  si  mature  librentur  ipsarumque  verba  ac  sententia  [!]  ponderentur, 
vnusquisque  mentis  compos  Johannem  tuum  delirare  cen-  [140*]  sebit. 
Si  etenim  et  mihi  pridem  itidem  doctissimus  et  eloquentissimus  (ob  quan- 
dara  laudis  vocem  exortam)  videbatur,  ammodo  lectis  litteris  rite  de  eins 
eloquentia  aut  scientia  (vt  rectius  loquar)  hesitare  possum.  Etsi  nuUo  alio 
obstante  obstaculo  ab  eins  dementia  retrotrahi  aut  abstinere  voluit  et 
debuit,  que  numero  sunt  infinito,  saltem  prouerbio  attrito  rustico  et  uul- 
gari  Chi  se  loda  se  esso  biasma'  ab  eius  incondita  ac  insulsa  opinione 
reuocari  debuerat  et  abstinere.  Quis  enim  (die  queso)  vnquam ,  et  si  omnes 
doctissimos  et  eloquentissimos  superiorum  etatum  viros,  quibus  omnibus 
longe  ac  magis  longe  quam  Johanni  tuo  perspecta  est  ipsa  eloquentia 
et  cibo  quodam  Tulliano  nutriti  ac  educati:  quorum  se  huic  scientie,  que 
ars  humanitatis  intitulatur,  non  dico  patrocinium  assumpsisse,  sed  nee  quic- 
quam  adscripsisse  profiteatur?  A  quibus  is  noster  Johannes  uti  lux  a  tene- 
bris,  [140  ]  nox  a  die  differt.  Qui  etiam  nondum  gustauit,  sed  quodammodo 
obnubilatam  )  artem  humanitatis  vidit:  longeque  ab  eo  est  omnis  humanitas. 

1)  In  der  H».  simularet. 

*)  Dahinter  ingi  durchatrichen. 

*)  übnubilatem  in  der  Ha. 


EIN  BRIEF  AN  ALBRECHT  VON  EYB.  503 

Mediusfidius  quippe :  si  is  Johannes  veris  rationibus  et  maturioribus  con- 
siliis  fuisset  vsus,  se  non  patrocinium  sumpsisse,  sed  necdum  corticem 
artis  humanitatis  attigisse  aut  primos  terminos  irabibisse  profiteretur.  0  stoli- 
dum  hominem !  0  arrogantem  atque  elatam  mentem !  O  vane  glorie  refertam 
ceruicem !  Cum  profitendo  se  artis  humanitatis  patrocinium  sumpsisse  '),  non 
scientiam ,  non  eloquentiam,  non  humanitatem ,  sed  crassam')  ac  supinam 
eius  inscitiam  ac  dementiam  profiteatur.  Nisi  forte  quispiam  obicere  uellet  ^) 
ipsum  non  patrocinium  rhetorice  sumpsisse,  sed  potius,  vt  rhetorica  sibi 
patrocinium  prestet,  dixerit*).  Quod  equidem  nichil  inficit.  Idem  enim  est 
dicere  vel  quod  ipse  patrocinium  rhetorice  assumpserit,  vel  se  sub  patro- 
cinio  rhetorice  constituisse  dixerit.  Vtroque  enim  modo:  [141*]  aut  quia^) 
se  patrocinium  rhetorice  sumpsisse  aut  se*")  sub  ipsius  patrocinio  posuisse 
profitetur,  cum  ipsa  rhetorica  res  sit  inanimata  nee  loqui  possit,  sed  potius 
idem  Johannes  vt  instrumentum  ipsius  rhetorice  locutus  sit.  Et  sie  vtraque 
sententia  in  vnum  tendunt  finem.  Magnas  insuper  ait  se  composuisse  epi- 
stolas ,  quas  magni  pendit,  earundemque  plerosque  doctissimos  ac  prestail- 
tissimos  viros  copiam  appetisse  [!].  In  quibus  (vt  accepi)  contra  utrumque 
Canonicum  videlicet  Jus ')  et  Ciuile  inuehitur:  seque  nonnuUa  inibi  in  Juris- 
peritos  ac  in  ipsum  ius  facete  a  vera  ratione  haud  differentia  disseruisse. 
Vellem  edepol  et  luce  clarius  illas  visere:  et  propter  earundem  eloquentiam 
et  propter  hominis  scientiam.  Non  enim  existimo  paruam  rem  aut  uulgarem 
esse,  cum  qua  ius  ciuile  inpugnari  potuit,  hominemque  esse  potius  diuini 
quam  humani  ingeuii,  qui  solus  tot  tantorumque  doctissimorum  ac  clarissi- 
morum  virorum  [141*']  ac  legislatorum  doctrinam  summam  et  coelestem  im- 
probarit,  Maxima  enim  debet  esse  auctoritas  et  novum  scientie  genus  per 
eum  repertum  aut  potius  diuinitus  inspiratum:  quo  vel  Juris  utriusque  pru- 
dentiam  a  tanto  tempore,  citra  cuius  initii  e  memoria  est  [!],  summis  illustrissi- 
morum  virorum  seuerissimorumque  Imperatorum  ac  legislatorum  auctoritate 
comprobatam  ac  scientia  illustratam  flocipenderit  vel  contra  ipsam  inuectus 
sit*),  quibusue^)  in  partibus  correxerit,  quasque  causas  quasue  auctoritates 
in  medium  adduxerit.  Nonne  hie  ignarus  est,  si  contrarium  asseueraret  pon- 
tificum  et  Imperiale  ius  summam  fore  philosophiam,  cum  nuUa  res,  nullus 
ordo ,  nuUaque  conditio  in  illis  absque  graui  maturaque  et  ponderata  sen- 
tentia omni  excluso  errore  sancitum  sit  et  reperiatur?  Vellem  et  demum 
videre,  quibus  modis  aut  ex  quibus  causis  iuris  pontificii  et  legalis  scien- 
tiam corripuerit,  quibus  auctoritatibus  straueril,  quibus  [142*]  verbis  Accur- 
sium  glosatorem  virum  approbatum  atque  eruditissimum  tarn  impudenter 
(ut   asserit)  inuaserit^") ,    vbi,    vnde  aut  in  quo  loco   emendauerit  et  qua  se 


•)  Brief  Rots  Cod.  lat.  Mon.  519 ,   fol.  121^:  Itaque  sumpsi  eius  [seil,  artis  ora- 
torie]  patrocinium. 

')  c  über  schlecht  ausgekratztem  g. 

')  uellet  steht  am  Rand  und  ist  diirch  Einschaltungszeichen  in  den  Text  gezogen. 

*)  dixerit  am  Rand. 

')  Das  a  ist  nachträglich  angefügt. 

*)  se  am  Rande. 

')  Jus  am  Rande. 

*)  vel-sit  am  Rande,  durch  Zeichen  in  den  Text  eingeschaltet. 

')  ue  übergeschrieben. 

")  Rot  a.  a.  O.  fol.  118*:    Auetor   illius    supersticionis    iam  pridem   inueterate 
fuit  Accursius;    qui   si  reuiuisceret,    peniteret    eum    erroris  sui   qui   tam    false  Vlpiani 


504  M.  HERRMANN 

ratione  aut  auctoritate  tueatur.  Qui  euim  fuerunt  —  respondeat  —  ipsorum 
Jurium  latores ,  qui  eorumdem  interpretes ,  nisi  iustissimi ,  doctissimi  et  pre- 
stantissimi  viri  optimarumque  artium  peritissimi?  Nonne  et  Tullius  ipse 
Rhetorum  princeps,  fons  eloquentie,  pater  latine  lingue ,  legislator  fuit? 
Quid  enim  aliud  censeri  iura  possunt  quam  vera  philosophia,  recta  ratio, 
summa  rhetorica,  sine  quibus  nobis  omnia  cum  beluis  communia  forent? 
Sola  enim  ab  illis  ratione  et  legibus  discrepamus.  Quis  enim  Rhetorum 
vsquam  fuit  etiam  doctissimus,  qui  quicquam  contra  sacras  leges  et  sanc- 
tissimos  canones  inuectus  sit?  Saltim  aliquis  priscorum  et  auctoritate  ful- 
gens?  Demosthenem  ne  se  grecum ,  an  TuUium  latinum  censet?  Quorum 
[142'']  quisque  dicendo ,  ut  apud  omnes  legimus,  ceteros  longe  antecellit. 
Nee  tarnen  se  quispiam  eorum  Rhetorice  artis  patrocinium  sumpsisse  nee 
multo  dicendo  valere  ut  is  noster  Johannes  affirmat.  Si  enim ,  mi  Alberthe, 
sane  haec  animaduerteris,  ^)  absque  graui  excessu  ac  reprehensione  Johannem 
ipsum  sicco  pede  haud  transire  posse,  quin  etiam  claram  dederit  causam 
suo  edicto  reuocandi:  maxime,  cum  se  dyalogum  quendam  texere,  vtque 
verbis  suis  vtar,  et  iuris  dignitatem  enucleare  remque  exemplis  patefacere 
ac  sarcire,  que  sola  romana  curia  sibi  plurima  suppeditabat,  seque  ab  in- 
stitutis  Quintilliani  et  preceptis  Rhetorice  TuUiane  in  ea  re  haud  secessisse  *), 
vtque  ille  sue  littere  pluribus  et  publice  exiberentur,  orauit,  vt  tanta  facun- 
dia,  tanta  eloquentia,  tantaque  dicendi  vis  noui  oratoris  omnibus  patefieret. 
Multosque  in  arte  humanitatis  discendi  la  [143*]  bores  se  perpessum  asse- 
uerat  solumque  ipsum  in  Romana  curia  inter  Grermanos  illam  sequi,  nou- 
nuUa  aliaque  deridenda,  que  potius  obticenda  quam  narranda  fuissent. 
Et  si  non  monitionibus  doctrinis  ac  prouerbiis  a  tali^)  insolentia  abstinere 
et  se  retrahere  voluisset,  saltim  humanitate  motus  (cuius  se  facit*)  pro- 
fessorem)  ne  eins  uerba  et  iactantia  ab  operibus  forent  aliena,  ab  huius- 
modi  suis  deliramentis  debuit  abstinere  remque  ipsam  dicta  eiusdem  ueiba 
iactantie  maturius  ponderare  humanitatemque  operibus ,  non  sermonibus  ad- 
implere,  cum  procul  dubio  crudelitate  potius  quam  humanitate  sit  fretus. 
Die,  egregie  vir,  que  enim  maior  iniuria,  que  maior  blasfemia,  que  grauior 
inertia  ipsis  Germanis  irrogari  potuit  quam  eosdem  dici  a  mandi  initio 
adeo  usque  artem  humanitatis  ac  optimarum  artium  ignorasse  nee  quem- 
piam^)  ex  eis  in  illis  [143'']  operam  dedisse.  In  ipso  autem  solo  (etiam  in 
Romana  curia,  vbi  tot  Germani  doctissimi  viri  conueniunt)  fore  repertam 
et  per  eum  acquisitam,  quasi  exul  ab  ipsis  et  incognita  foret.  Hocne 
humanitatem  an  crudelitatem  vis,  mi  Alberte,  iudicem?  Quid  enim  crudelius, 
quid  inhumanius ,  quid  honori  Germanorum  contrarius  et  sibi  ipsi  diaculo 
nociuius  esse  potest,  quam  ipsos  dicere  ignaros  et  ab  arte  humanitatis  ex- 
pertes  seque  fore  primum  Germanorum,  qui  et  eiusdem  patrocinium  assumpsit 
et  in  eadem  vacauit  durosque  labores  perpessus   sit.     0   quantum  detestanda 


textum   quendam  de  testa.  mili.  interpretans  ad  suam   uoluntatem  detorsisset  et  nescio 
quod  priuilegium  auri  portandi  vobis  indulsisset. 

*)  Hier  fehlt  ein    Wort  wie  'intelleges . 

')  Hier  fehlt  etwa  dixit. 

')  Dahinter  abs  durchstrichen. 

*)  Dahinter  press  durchatriehtn, 

•)  quispiam  in  der  Ha. 


EIN  BRIEF  AN  ALBRECHT  VON  EYB.  505 

illius  est  humauitas ,  qui  in  patriam  patriotas  scribendo  tarn  seue  inuehitur 
nee  amicis  nee  parentibus ,  consanguineis ,  sociis  nee  et  ipsi  patrie  pepercit. 
An  ne  hoc,  mi  Alberte,  an  ne  hoc  humanitatem  an  crudelitatem  existimes? 
Homo  ^)  is  insolentissimus ,  non  laudandus ,  sed  potius  omni  laude  priuandus 
et  diris  [144"]  verberibus  subigendus.  Qui  si  maledicere  consueuerat  aut 
didicerat,  saltem  in  extraneos  non  in  patriotas,  in  inimicos  non  amicos, 
in  ignotos  non  notos ,  in  maliuolos  non  beniuolos,  in  crudeles  non  huma- 
nos,  in  ignaros  non  doctos  eius  maledicendi  detrahendique  venenum  euomere 
debuisset,  et  hos  quos  laudare  nolebat,  saltem  nee  vituperaret.  Et  si 
non  ob  patrie  amorem,  saltem  ne  se  stolidum  et  ingratum  exiberet,  ne  se 
inuidum  omnibus  Grermanis  redderet,  ne  patrie  et  patriotis  detraheret, 
tacere  debuisset.  Vis  enim  aperte  cognoscere,  mi  Alberthe,  Johannem 
tuum  non  humanitatem,  sed  crudelitatem  didicisse?  Ex  hoc  accipe  argu- 
mento.  Quis  enim  sane  mentis  neget  artem  rhetorice  aut  ipsam  rhetori- 
cam  non  esse  fundatam  sub  ratione?  nemo  certe.  Si  igitur  rhetorica 
fundata  est  in  ratione ,  —  quid  enim  rationem  dicere  possumus  quam 
ipsam  philosophiam?  Quidquid  enim  a  ratione  fieri  contigerit,  [144'']  repro- 
batur  a  philosophis ,  cum  ratio  sit  ipsa  philosophia;  —  sequitur:  si  tuus 
Johannes  foret  (vt  asserit)  humanarum  artium  professor,  esset  et  philosophus, 
cum  rhetoricam  rationem  rationem  philosophiam  comprobauimus.  Et  si  philo- 
sophus (vt  ita  loquamur),  quis  enim  vnquam  philosophorum*^)  fuisse  legitur, 
qui  in  amicos ,  affines  ac  socios  et  maxime  patriam  fuerit  inhumanus  ?  certe 
nuUus.  Qualiter  igitur  Johannes  tuus,  quem  philosophum  nostro  argumento 
creauimus ,  (qui  potius  philocopus  mereretur  nomen)  inhumanitatis  euitet  in 
hoc,  vt  omnes  Germanos  ab  arte  humanitatis  esse  expertes  quadam  ignauie 
macula  deturpando  asserit  et  se  primus  (quasi  nullus  alius)  inter  eos  fore, 
cui  oratoria  ars  suppeditatur,  oratorque  nominari  uult  seque  patrocinium 
rhetorice  assumpsisse  dicit,  quid  tibi  videtur?  Si  enim  quispiam  extraneus 
et  forensis  a  patria  sua  hec  uerba  ipso  audiente  protulisset,  nonne  [145*] 
ad"*)  vltimum  usque  supplicium  huiusmodi  causam  ac  defensionem  Ger- 
manorum  et  patrie  et  proprii  honoris  amore  inisse  debuisset*)?  Si  enim 
sibi  crudelis,  qaibus  humanus  esse  potest  philosophus  ille  nouus?  Legimus 
Mucium  Sceuolam  Romanum  insignem  ac  prestantem  et  animo  et  scientia 
virum  ob  amorem  et  deliberationem  patrie  menbrum  suum  passum  ^)  esse  vri 
vitamque  eius ,  vt  patriam  ab  obsidione  Porsenne  liberaret,  in  manus  inimi- 
corum  dedisse.  Is  vero  noster  Johannes  contrarium  conatur  :  non  solum 
patriam  non  defendit,  sed  potius  iniuriam  inferre  nititur.  Heu  nephas  hoc  et 
detestabile  crimen !  Vere  si  ipsi  Germani  huiusmodi  vsurpationem  et  eorum 
honoris  et  patrie  liberationem ,  surreptionem  ac  reprobandam  opinionem  recte 
animaduerterent,  eundem  non  verbis,  sed  verberibus  mactare  atque  punire  de- 
berent.  Qualis  enim  illi  mens,  que  [145'']  audacia,  qualis  insulsitas,  vnde  haec 
belua  hanc  eius  fundauit  temeritatem !  Existimabat  forsitan  nullum  fore  in 
Germania,  que    tarn  longa  et  ampla  est  patria  ac  inter  ceteras  maxima,   qui 


')  homos  in  der  Ha. 

')  Dahinter  esse  durihstrichen. 

^)  ad  am  Rande. 

*)  debuissent  in  der  IIa. 

*)  Aus  passe  verbessert. 


506  K    BECHSTEIN 

ob  patrie  amorem  hanc  eius  opinionem  improbaret  ipsorumque  defensionem 
susciperet,  quam  etiam  ipse  Johannes  (fuisset  si  saue  mentis)  suscipere 
debuisset.  0  virum  importabilem,  virum  detestabilem ,  ergastulo  et  carcei-e 
dignum,  qui  non  in  barbaros  sed  Grermanos,  non  in  alienos  sed  proprios, 
non  in  vnum  sed  omnes  tarn  seue  tanque  acriter  studuit  insanire  atque 
inuehere.  Vere,  celeberrime  Alberthe :  si  is  Johannes  presens  afforet  et  eum 
rationibus  vincere  non  possem,  ob  patrie  nostre  defensionem,  honoris  augmen- 
tationem  et  oris  obstructionem  saltem  pugnis  eundem  plectere  conarer.  Non 
possum ,  mi  Alberthe,  non  egre  ferre  istiusmodi  [146*]  hominis  inertiam  et 
prenimia  ire  accensione ,  plura  haud  exarare  possum,  Judicium  tuum  in  hoc 
expecto  et  litteras  tuas,  in  quibus  te  non  arabigo  a  mea  sententia  diuersurum 
et  me  ex  illis   non  minus  voluptatis   quam  vtilitatis  accepturum.   Vale. 

BERLIN.  MAX  HERRMANN. 


Erwiderung. 
Zum  Geschlecht  Ulrichs  von  Liechtenstein. 

Herrn  Anton  Schönbachs  gestrenge  Kritik  über  meine  Frauendienst- 
Ausgabe  in  Nr.  31  der  Deutschen  Litteraturzeitung  vom  4.  August  d.  J. 
lasse  ich  zunächst  auf  sich  beruhen.  Mit  den  philologischen  Einzelheiten, 
soweit  sie  überhaupt  erwähnenswerth  scheinen ,  werde  ich  mich  über  kurz 
oder  lang  zu  beschäftigen  haben,  und  die  andern  Wunderlichkeiten  und  Thor- 
heiten  werden  wohl  auch  einmal  gelegentlich  abgethan.  Nur  einen  einzigen  be- 
stimmten Angriff  will  und  muß  ich  sogleich  abwehren,  weil  ich  ihn  durch  einen 
Unterlassungsfehler  verschuldet  und  insofern  auch  verdient  habe. 

Geradezu  in  Erstaunen  hat  mich  in  Herrn  Schönbachs  Kritik  die  fol- 
gende Auslassung  gesetzt:  „Nur  eine  Angabe  (in  der  Einleitung)  ist  mir 
als  seltsam  aufgefallen:  S.  XX  wird  Ulrich  als  „ein  Ahnherr  des  jetzt  noch 
blühenden  fürstlichen  Hauses  liiechtenstein''  bezeichnet,  indeß  Jacob  Falke 
in  seiner  „Geschichte  des  fürstlichen  Hauses  Liechtenstein"  1,  248  ff.,  nach- 
weist, daß  die  steirischen  Liechtensteiner  im  17.  Jahrh.  völlig  erloschen 
sind,  auch  (vgl.  ebenda  S.  14  ff.)  mit  dem  österreichischen  Hause  gar  nicht 
verwandt  waren"-  Wie?  das  schreibt  Herr  Schönbach,  das  kann  er  schreiben? 
Ich  lebte  des  Glaubens,  daß  ich  ihn  in  dieser  Frage  auf  meiner  Seite  habe, 
weil  ich  mich  auf  seine  Seite  stellte.  Und  nun,  welche  Enttäuschung!  Jetzt 
fällt  es  ihm  seltsam  auf,   daß  ich   seine  eigene  Meinung  vertrete! 

Den  Ausdruck  „Ahnherr"  gebrauchte  ich  nicht  in  speciellem,  sondern 
in  allgemeinem  Sinne;  ich  wählte  das  poetischere  Wort  für  das  gewöhnlichere 
„Vorfahr".  Ich  folgte  der  bekannten  alten,  früher  allgemein  giltigen  An- 
sicht, weil  die  Gründe,  welche  Falke  für  die  völlig.  Verschiedenheit  der 
beiden  Häuser  Liechtenstein  geltend  machte,  mich  nicht  durchaus  überzeugen 
konnten.  Allerdings  wäre  es  in  der  Ordnung  und  meine  Pflicht  gewesen, 
dieser  Frage  wenigstens  in  einer  Anmerkung  zu  gedenken;  ich  hätte  es  thun 
sollen,  schon  um  mir  den  Rücken  zu  decken.  Ich  wußte  nicht  und  glaubte 
nicht,  daß  Falkes  Ansicht  bei  den  Historikern,  insonderheit  bei  den  öster- 
reichischen allgemein  angenommen  worden  sei.  Und  wer  war  es  denn,  der 
mich   irre  gemacht,   mich   in  meinen  Zweifeln,    die  ich   auch  heute  noch  nicht 


ERWIDERUNG  507 

völlig  überwunden  habe,  bestärkt  hat?  Kein  anderer  als  eben  Herr  Schön- 
bach. Ich  glaubte  seiner  Autorität  vertrauen  zu  dürfen,  weil  er  ein  geborener 
Österreicher  ist  und  sich  mit  der  Genealogie  der  Liechtensteiner  genauer 
beschäftigt  hatte  ^). 

In  seinem  Aufsatze  „Zu  Ulrich  von  Liechtenstein"  in  der  Zeitschrift 
26,  307  ff.  ist  von  jener  genealogischen  Frage  und  von  Falkes  Nachweise 
auch  kein  Sterbenswörtchen  die  Rede.  Und  in  seinem  Artikel  in  der  All- 
gemeinen Deutschen  Biographie  18,  620  ff.  ist  zwar  Falkes  Werk  unter  den 
Litteraturangaben  mit  aufgeführt,  aber  die  alte  und  die  neue  Ansicht,  welche 
doch  die  Leser  und  Benutzer  besonders  hätten  interessiren  müssen,  sind 
gleichfalls  ganz  mit  Stillschweigen  übergangen.  Dagegen  heißt  es  gleich  zu 
Anfang:  „Liechtenstein:  Ulrich  von  L.  (bei  Judenburg  in  Obersteiermark, 
der  Murauer  Linie  des  Geschlechtes  angehörig  .  .  .)"  ..  Also  wohlgemerkt! 
es  steht  Linie  und  der  Singular:  des  Geschlechtes!  Hier  ist  doch  so 
deutlich  wie  nur  irgend  möglich  ausgesprochen,  daß  der  Biograph  nicht  zwei 
völlig  verschiedene  Familien  oder  Häuser,  sondern  zwei  Linien,  nicht  zwei 
völlig  verschiedene  Geschlechter,  sondern  ein  einziges  Geschlecht  annimmt; 
oder  mit  andern  Worten,  daß  Herr  Schönbach  die  beiden  Häuser  Liechten- 
stein als  genealogisch  zusammengehörig  betrachtet  und  hiermit  der  neuen 
Ansicht  Falkes  stillschweigend  und  sie  vornehm  ignorirend  entgegentritt. 
Denn  Falke  polemisirt  ausdrücklich  (S.  13)  gegen  Hormayrs  Annahme  und 
Angabe  einer  Trennung  des  Hauses  Liechtenstein  in  die  beiden  ,, Linien" ;  bei 
ihm,  wie  besonders  in  die  Augen  fallend  in  den  Überschriften  zu  den  ein- 
zelnen Abschnitten  und  zu  den  Stammtafeln  entgegentritt,  ist  das  steirische 
Haus  das  Haus  Liechtenstein-Murau  im  Gegensatz  zu  dem  österreichischen 
Hause  Liechtenstein-Nikolsburg.  Eine  Speciallinie  Murau  innerhalb  des  Hauses 
Liechtenstein-Murau  gibt  es  nicht.  Eine  etwaige  Ausrede,  mit  jenen  Worten 
in  der  Biographie  sei  Ulrich  als  Angehöriger  einer  Murauer  Linie  des 
steirischen  Geschlechtes  bezeichnet ,  gilt  also  nicht.  Bei  der  bekannten  und 
neidlos  anzuerkennenden  Schärfe  seiner  Schreibweise  ist  auch  durchaus 
nicht  anzunehmen ,  daß  Herr  Schönbach  in  seinem  biographischen  Artikel 
sich  in  gesuchtem  Lakonismus  ungeschickt  und  irreführend  ausgedrückt  habe ; 
vielmehr  tritt  durch  eine  Vergleichung  der  jüngst  geäußerten  Ansicht  in  der 
Zeitung  (1888)  und  der  früheren  im  Artikel  (1882.  1883)  zwischen  beiden 
ein  unversöhnlicher  Widerspruch  zu  Tage,  über  dessen  Ursache  ich  mir 
kein  Urtheil  erlaube.  Sicher  ist,  daß  Herr  Schönbach  ein  sehr  kurzes  Ge- 
dächtniß  hat  und'  auch  Andern  ein  kurzes  Gedächtniß  zutraut.  Im  Übrigen 
werde  ich  mich  hüten,  künftighin  auf  seine  Autorität  mich  zu  verlassen. 

ROSTOCK,  Mitte  August  1888.  REINHOLD  BECHSTEIN. 


')  Daß  mich  Schönbach  irre  gemacht,  habe  ich  auch  in  einem  Privatschreiben 
an  Jacob  von  Falke  berichtet,  nachdem  er  meine  Ausgabe  im  Feuilleton  der  Wiener 
Zeitvmg  Nr.  62.  63  vom  15.  und  16.  März  d.  J.  überaus  freundlich  und  anerkennend, 
abgesehen  von  der  in  Rede  stehenden  genealogischen  Frage,  besprochen  hatte.  Aus 
einer  Stelle  seiner  Antwort  —  zu  wörtlicher  Anführung  bin  ich  nicht  berechtigt  — 
geht  hervor,  daß  er  Herrn  Schönbach  in  eben  dieser  Frage  auch  als  seinen  Gegner 
betrachtete. 


508  MISCELLEN. 

MISCELLEN. 


Ein  Scherz  Simrocks  mit  Adalbert  von  Chamisso. 

Während  seines  Aufenthaltes  in  Berlin  als  junger  Mann  verkehrte  Sim- 
rock  viel  mit  Chamisso  und  war  bei  diesem  gern  gesehen,  weil  Simrock  bei 
seiner  reichen  Kenntniß  von  Sagen  und  epischen  Stoffen  ihn  mit  Material 
versehen  konnte ,  während  Chamisso  als  geborener  Franzose  sich  arm  an 
Stoffen  fühlte. 

Eines  Tages  gingen  beide  an  einem  Laden  vorüber.  Sehen  Sie,  Herr 
von  Chamisso,  der  Mann  kann  Ihnen  helfen  —  auf  dem  Schilde  stand  der 
Name  'Stoffregen'. 

Dergleichen  kleine  Geschichten  aus  seinem  Leben  erzählte  Simrock  mit 
einem  anmuthigen  Humor  um  die  Lippen,  gewöhnlich  nach  der  Mahlzeit,  bei 
der  er,  auch  wenn  Gäste  da  waren,  seinen  sammtenen  Schlafrock  anbehielt, 
was  den  Eindruck  der  Gemüthlichkeit  erhöhte.  K.  BARTSCH. 


Nibelungenfehde. 

A  ist  verstummt.  Nun  sehn  wir  C 

Nur  leis  es  brummt  Vereint  mit  B, 

'Könnt'   ich  ihn  packen,  Durch  Compromiss 

Wie  wollt'  ich  zwacken  Schloß   sich  der  Riß : 

Den  bösen  Streiter!  Was  will  man  weiter? 

Der  ist  ganz  heiter.  Ich  bin  ganz  heiter. 


K.  B. 


Mittheilungen. 

Professor  Dr.  H.  Gering  in  Halle  folgt  zu  Beginn  des  Sommer- 
semesters   einem  Rufe  an  die  Universität  Kiel. 

Der  Privatdocent  Dr.  v.  Waldberg  an  der  Universität  Czernowitz 
ist  zum  a.   o.  Professor  ernannt  worden. 

Dr.  Alois  Pogat sehe  r  hat  sich  an  der  Universität  Graz  für  englische 
Philologie  habilitirt. 

t  am    19.  November  1888    zu  Bonn  Professor   Dr.  Nicolaus  Delius. 


PF 

3003 
G/, 

Jg.  33 


Germania 


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